Es ist 12.29 Uhr, als sich unser Schnellzug entschleunigt. Sofort beschleunigt sich bei mir die Ausschüttung von Stresshormonen. Wir sind irgendwo in der riesigen Agglomeration südlich von Como und müssen rechtzeitig in Milano Centrale sein. Denn dort müssen wir die famose Frechiarossa Richtung Florenz erwischen. Sofort erinnere ich mich bange an die zwei oder drei Male, bei denen so wichtige Umsteigemanöver in Mailand spektakulär scheiterten. Es soll zwar alles viel einfacher geworden sein, sagt meine Mutter. «Ich habe gehört, dass Zugfahren in Italien bald stressärmer ist als in Deutschland.» «Das glaube ich, wenn ich es sehe», antwortete ich.
Schon in Monza nimmt unser Zug wieder Fahrt auf. Bei der Ankunft in Mailand haben wir nur noch wenig Verspätung. Als wir aus dem vordersten Waggon steigen, stürmt uns zwar eine Truppe Menschen von der Bahnhofhalle entgegen und hätte uns beinahe den Weg verstellt. Doch wir können uns rechts an der Menge vorbeischlängeln und erreichen mit Leichtigkeit unseren Anschlusszug. Die Geschichte wäre gar nicht erzählenswert, wenn sie nicht so viel über unsere Sehnsucht nach Italien sagen würde. Für viele aus meiner Generation ist Italien eine Verheissung, das Land von Meer, Sonne, grosser Kunst, charmanten Männern und gutem Essen. Für mich ist Milano Centrale immer das Nadelöhr gewesen, durch das wir uns zwängen müssen, um unter die blauen Himmel des Südens zu gelangen. Der Mythos lebt, auch im Klimawandelsommer 2026, der den Himmel in der Schweiz seit Anfang Juni fast so ununterbrochen blau macht wie jenen in Italien. Und mit dem Mythos lebt die Sorge, dass die Passage durchs Nadelöhr misslingt.
Herr T. und ich haben es uns gemütlich gemacht. Da hechten – in der letzten Sekunde vor der Abfahrt – zwei junge Schweizer auf die Plätze neben uns. Sie waren zuvor im selben Zug wie wir, aber im hintersten Waggon. «Als wir ausstiegen, trampelten uns auf dem Perron so viele Menschen entgegen, dass wir fast überrannt wurden und nicht mehr vom Fleck kamen», erzählt einer der beiden. Er ist ganz verschwitzt.
Eine Frau rollt ein Barwägeli vorbei. Herr T. hat Durst und kauft eine Aludose Eistee von Ferrero. Ich koste auch einen Schluck. Überwältigendes Pfirsicharoma füllt mir Mund und Nase. Wir sind wahrhaftig in Italien.

Ein Gedanke zu „Mailand: Das Nadelöhr nach Süden“