
Am Spätnachmittag kommen wir in Florenz an und stürzen uns sofort ins Getümmel. Wie zum erst Mal sehe ich die monumentale Pracht des Doms. Ich meine: Ich war doch auch schon hier! Warum ist mir noch nie aufgefallen, wie riesig und wie bis ins letzte Detail verziert er ist? Hier wollte sich jemand der Welt beweisen, und ich habe es nicht gesehen! Nun ja, ich war damals einfach noch jung.
Auch die Zahl der Touris ist beeindruckend. Die toskanische Metropole zählte 2025 pro Tag 25’000 Gäste (Quelle: hier). 2026 sind es sicher ähnlich viele. Zwischen Markthalle und Ponte Vecchio schlendern Menschenscharen durch die Strassen wie Armeen in friedlicher Absicht. Da und dort ein weisser Fleck in der Menge: das Kleid einer der jungen Bräute, die mit ihren Familien und künftigen Ehemännern aus dem Fernen Osten anreisen, um hier zu heiraten.
Ich könnte über Overtourism klagen. Aber ich bin selbst mit meinem Sonnenhut leicht als Touristin zu erkennen (ich trage ihn hier, denn er schützt mein E-Ohr, das ich mir in ungewohnten Situation oft versehentlich vom Kopf streife). Wie könnte ich da über andere schimpfen?

Lange verweilen der Kulturflaneur und ich auf der Piazza della Signoria und studieren die Statuen dort. David ist riesig, auch das sehe ich wie zum ersten Mal. Die Florentiner Renaissance behauptet Männlichkeit nicht nur, sie feierte sie auch, und nicht selten ohne Feigenblatt. Auch Neptun steht im warmen Septemberlicht herrlich auf seinem Brunnen. Und auf der Loggia dei Lanzi wird die maskuline Kampfkraft zelebriert. Wie aber soll ich das verstehen, was in Stein gemeisselte Frauen dort erdulden? Dort ereignet sich kein einziger Kuss zwischen Mann und Frau, und schon gar kein einvernehmlicher. Ich meine: Wenn der trojanische Held Ajax den griechischen Helden Achilles tötet, dann ist das von nobler Tragik. Aber ist es auch tragisch, wenn die Frauen dort geköpft (Medusa), geraubt und vergewaltigt werden (wie Polyxena und die Sabinerinnen)? Und der Dom ist zwar der Santa Maria del Fiore gewidmet, aber über dem rechten Portal steht: «Ecce ancilla domini». Heisst: «Ich bin die Magd des Herrn (und füge mich seinem Willen).» Ist das auch tragisch? Oder vollzieht sich da einfach eine angebliche Notwendigkeit?
Einerlei. Es liegt eine Stimmung von Heiterkeit und Freude über der Stadt, und wir haben Hunger.

Ist eine Schulhofrauferei tragisch? Ist sie tragisch, wenn dabei einer ernstlich verletzt wird? Und ist es tragisch zu nennen, wenn eine Gruppe von rauflustigen Feiglingen sich auf den einen stürzen, der regelmäßig dran glauben muß? Und wie ist dieselbe Frage zu bewerten, wenn die Jungs dann noch nicht genug haben, sondern sich eines der Mädchen herauspicken und auf dieses losgehen?
Vielleicht hat man in der Geschichte dem Ideal des Kampfes, dem Siegen und Verlieren, einfach zu viel Bedeutung beigemessen. Und dabei ein paar wichtige Aspekte vernachlässigt.
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Ach ja, die Toskana ist herrlich und (nicht nur) Florenz großartig. Und Italien im westlichen Europa der einzige oder auch der erste Staat, der wieder offen den Faschismus propagiert.
Ach ja, gut, dass du das aufbringst mit der italienischen Regierung. Ich bin auch nicht glücklich über die Meloni-Regierung, deshalb bin ich der Sache mal nachgegangen. So habe ich DuckKI gefragt, ob die Regierung Meloni eine faschistische Regierung ist. Ich habe folgende Antwort bekommen: „Die treffendste Einordnung lautet: Melonis Regierung ist nicht offen faschistisch im klassischen historischen Sinn, aber sie kommt aus einer postfaschistischen Tradition und enthält in ihrer Partei sowie in Teilen ihrer Politik rechtsextreme, autoritäre und nationalistische Elemente. Fachleute streiten darüber, ob FdI heute eher als „postfaschistisch“, „radikal rechts“ oder als stark nationalkonservative Partei bezeichnet werden sollte.“ Und: „Meloni und ihre Partei Fratelli d’Italia (FdI) treten formal als parlamentarisch-demokratische, konservativ-nationalistische Kraft auf. Meloni erklärte 2022, der italienische Faschismus gehöre der Geschichte an und sie lehne die Unterdrückung der Demokratie sowie die antisemitischen Gesetze Mussolinis ab.“ Das ist suspekt, aber es widerspricht deiner Behauptung, dass die Meloni-Regierung offen den Faschismus propagiert.
Für mich ist ein Staat vor allem dann nicht bereisbar, wenn er die Verfassung nicht hochhält, Menschenrechtsverletzungen begeht und/oder korrupt ist. Puncto Menschenrechte habe ich mal DuckKI befragt und, so das Fazit: Unter Giorgia Melonis Regierung gibt es dokumentierte menschenrechtliche Probleme und Vorwürfe – besonders in der Migrationspolitik. Das bedeutet jedoch nicht, dass Italien insgesamt eine Diktatur wäre: Es gibt weiterhin unabhängige Gerichte, Wahlen und eine aktive Zivilgesellschaft, die Regierungspolitik teilweise korrigieren. Bei den Menschenrechtsverletzungen im Asylbereich gibt’s auch in der Schweiz und Deutschland ein „Ja, die gibt es“. In Deutschland und der Schweiz handelt es sich aber eher um Einzelfälle (wir tun alle noch so, als gelte bei uns ein menschenwürdiges Asylrecht), während Italien systematisch MigrantInnen nach Libyen zurückschickt, was für die Betroffenen bestimmt eine Katastrophe ist. Wenn nicht nach Italien reisen, dann aus diesem Grund. Dann gibt es in Italien ein paar Probleme bei der Versammlungsfreiheit und den LGBTQ+-Rechten. Es sind aber laut Menschenrechtsorganisationen keine eindeutigen Menschenrechtsverletzungen, sondern „Probleme und Vorwürfe“.
Was die Korruption betrifft, so hatte Italien noch nie einen guten Ruf, vor allem der Süden mit der Mafia galt immer als zutiefst korrupt (und wir sind trotzdem nach Italien gereist). DuckKI sagt: „Im Korruptionswahrnehmungsindex 2025 von Transparency International erreichte Italien 53 von 100 Punkten und lag auf Rang 52 von 182 Staaten.“ Das sei einer der schlechtesten Werte in Europa. Ich hoffe jetzt einfach mal, dass Florenz diesbezüglich etwas besser ist als Süditalien.
Das deckt sich ungefähr mit der Einschätzung, die ich bisher bei meinem üblichen Medienkonsum bekommen habe. Fazit: Italien hat eine stark rechte Regierung, und natürlich bleiben wir misstrauisch. Ich denke, ob eine solche Reise vertretbar ist, muss deshalb jede und jeder selbst entscheiden. Für mich lautete die Antwort: Doch, das ist für mich noch vertretbar. Auch angesichts der guten Dinge, die einige Italienerinnen und Italiener in meinem Leben bewirkt haben.
Ich war zwar noch nie in Florenz, aber manche Städte ändern sich im Laufe von Jahrzehnten auch fundamental. So hatte ich heute bei einer Diskussion mit der KI erfahren, dass Monaco heute völlig anders aussieht als noch vor 40 Jahren als ich mehrmals dort war.
Ich habe noch den ganz kleinen schnuckeligen Bahnhof von damals vor Augen. Heute soll da eine riesige unterirdische Bahnhofshalle sein; und auch die Fläche dieses kleinen Staates soll erheblich erweitert worden sein, indem Teile des Meeres zu Land aufgeschüttet worden sind. Solche Investitionen lassen sich zu viel Geld machen. Ich glaube, Grace Kelly dreht sich da im Grabe um.
Ach ja, wie kam ich darauf? = Florenz damals und heute; wahrscheinlich hat sich seit Achilles da nicht so viel verändert; außer der Massenvergewaltigung von Frauen.
Nun ja, Achilles war ja nicht in Italien, sondern vollbrachte seine Heldentaten in Troja (und wurde dort auf tragische Weise in der Schlacht getötet). Ein stets geschätztes Thema des Klassizismus.