
Am nächsten Tag besuchten wir den Giardino Bardini auf der Südseite des Arno. Gleich vorweg: Der Eintritt kostet 10 Euro und ist jeden Cent wert. An der Kasse stellte ich dem Mann dort eine Frage. Ich agierte dabei nach dem Prinzip: «Eine gute Schwerhörige gibt niemals auf.» Denn ich konnte mir kaum Hoffnung darauf machen, seine Antwort zu verstehen. Er sass hinter einer Plexiglaswand, wie wir sie noch aus der Pandemie kennen, und sprach auch noch Italienisch (hier muss ich erwähnen, dass wir von erstaunlich vielen Leuten aus der Tourismusbranche auf Englisch angesprochen wurden). Mein Italienisch besteht aus Grundkenntnissen und meine Schwerhörigkeit verunmöglicht es mir meist, Menschen hinter Plexiglaswänden zu verstehen. Aber vielleicht würde ja Herr T. mich retten.
Und dann geschah das Wunder. Der Mann schaute mich an, sprach gestochen scharf und so ein schönes Italienisch und ich verstand jeden einzelnen Laut und auch genau, was er sagte. Dem E-Ohr sei Dank! Plötzlich scheinen Dinge möglich, von denen ich in den letzten Jahren nicht einmal zu träumen gewagt habe.

Der Satz des Tages lautet heute «Eine gute Schwerhörige gibt niemals auf.».
Das Wunder des Giardino Bardini bezeichnet zwar normalerweise die spektakuläre Glyzinienblüte Ende April, aber dass eine schweizer Schwerhörige plötzlich jedes italienische Wort versteht, ist meines Erachtens ein noch viel größeres Wunder.
Nun ja, ich hatte am Gymnasium ein Jahr Italienisch als Freifach, dazu jede Menge Französisch und Latein. Und ich bin in jungen Jahren viel in Italien gereist. Meine Italienischkenntnisse genügen, um eine Wegbeschreibung zu verstehen, wenn die Hörsituation es erlaubt. Das Wunder war, dass die Hörsituation es erlaubte. Das wirst du von CI-Tragenden immer wieder hören: So ein CI ist ein Wunder.
Dass man als Person mit einer Beinderung nicht aufgibt, nicht aufgeben kann oder darf, ist halt so. Du musst ja auch immer irgendwie über die Strasse kommen, obwohl du nicht siehst, ob die Ampel auf rot oder grün steht. Wie machst du das eigentlich?
Auch als Farbenblinder hat man an Ampeln kein Problem, und zwar aus zwei Gründen: 1.) ROT ist immer oben und GRÜN ist immer unten.
2.) Die bei Ampeln verwendeten Leuchtfarben sind selbst für einen Farbenblinden extrem unterschiedlich, so dass es da auch im Dunkeln keine Verwechslung gibt (auf einem weißen T-Shirt könnte ich dagegen einen dunkelroten Punkt nicht gut von einem dunkelgrünen Punkt auseinander halten).
Dann haben die Verkehrsplaner das tatsächlich bewusst so gemacht, damit auch Farbenblinde die Signale sehen. Und das schon vor vielen Jahren. Das ist bemerkenswert – und gut.