Auf dem US-Lastwagen steht: «Die florentinischen Kunstwerke kehren aus dem Südtirol in ihre Heimat zurück.» (Bild: Sammlung Locchi).
Der Giardino Bardini ist eine liebliche Grünanlage, in der man mehr Luft zum Atmen hat als im Stadtzentrum. Es finden hier auch regelmässig Ausstellungen statt. Noch bis zum 18. Oktober eine mit zehn Fotografien im Plakatformat, die die italienisch-amerikanische Freundschaft zelebrieren (hier mehr Informationen). Wir sahen die Bilder zufällig, und zunächst schenkte ich ihnen wenig Aufmerksamkeit. Aber als wir so zuoberst in der Loggia beim Kaffee sassen, erregte dieses Foto meine Aufmerksamkeit. Es zeigt einen US-Lastwagen 1945 an der Piazza della Signoria (man sieht oben im Mittelgrund David von Michelangelo).
Die Fotografie erinnert daran, dass die Nazis während des Zweiten Weltkrieges in Florenz Kunstwerke von unschätzbarem Wert geraubt hatten. Sie versteckten sie in einem Dorfgefängnis im Südtirol, das bis zum Kriegsende zu Deutschland gehörte. Als die Alliierten grosse Teile Europas zurückerobert hatten, setzten sie eine Sondertruppe ein, die Monuments Men. Deren Auftrag war es, die geraubten Kunstschätze zurückzuerstatten (hier etwas mehr von der Geschichte). Sie fanden das Versteck in den Alpen und brachten die Werke zurück. Da sitzt du dann so vor deinem Cappuccino und denkst: Grosser Gott, wie werden wir in Europa uns ohne die Amis vor uns selbst schützen?!
Es ist auch in Italien nicht unbemerkt geblieben, dass die Amis ihr Interesse an Europa verloren haben und dass auf dem Alten Kontinent einiges im Argen liegt. In der Buchhandlung Feltrinelli am Hauptbahnhof fand ich am nächsten Tag bei den aktuellen Titeln dieses Buch. Der Autor sieht einem Prediger aus dem amerikanischen Mittleren Westen ähnlich, und er stammt auch aus den USA und brachte es dort im Tech-Team um Barack Obama zu Erfolg und Geld. Er hatte allerdings italienische Vorfahren und besetzt heute einen Lehrstuhl in Bologna. Er sagt den Italienern, was sie brauchen: Mehr Zuversicht und Vertrauen in ihre eigenen Stärken. Man möchte es uns allen in Europa wünschen.


Wobei… das war erst möglich, nachdem das faschistische Italien sich rasch besann und geschwind seine Großmachtspläne begrub und auf die amerikanische, die allierte Seite wechselte und so tat, als wäre da nix gewesen.
Bis heute. Glauben auch die meisten Italiener, dass sie keine eroberungssüchtigen und mordlustigen Faschisten in schwarzen Hemden gewesen sein können oder dass das doch wenigstens halb so schlimm war. Man kann es ja nochmal versuchen, mal sehen, wie es diesmal ausgeht – der Ami hat jedenfalls nichts dagegen, hatte er ja auch damals zunächst wenig Einwände.
Der David gehört auf seinen Platz, keine Frage. Er soll die Italiener daran erinnern, dass sie sehr wohl eine alte Kulturnation sind. Aber Kultur will auch gepflegt und gelebt sein.
Jetzt verstehe ich dein Problem nicht ganz. Ich stelle ja nirgends in Abrede, dass Italien den Faschismus sogar erfunden hat und lange Zeit zu den Achsenmächten zählte. Und auch nicht, dass Italien seine Verbrechen von damals nicht so aufgearbeitet hat, wie manche sich das wünschen.
Es zeugt aber auch von nicht so gelungener Aufarbeitung von Geschichte, wenn man dieses Blame Game nach dem Motto „wir haben nicht…, ihr habt aber auch…“ nun einfach weiterführt. Wichtiger dünkt mich, dass wir jetzt, 80 Jahre später, eine neue Vision für ein gemeinsames, starkes Europa finden (woran nach meiner Meinung auch die Schweiz mitarbeiten sollte). Selbstredend gehört dazu, dass wir die extremen Kräfte in unseren jeweils eigenen Ländern überwinden.