Wasserstandsmeldung

Schwanenplatz
Schwanenplatz Luzern, heute morgen, 9.10 Uhr

Hier wartete ich auf dem Weg zur Arbeit auf den Bus. Das Bild zeigt die Bootsvermietung, die nun den zweiten touristenlosen Sommer erlebt. Ja, der Wasserpegel ist wieder gestiegen. Gestern leckte der See hier nur am Randstein. Jetzt umarmt er innig zwei Meter des Trottoirs.

Ein melancholischer Anblick – aber harmlos im Vergleich zu dem, was in der Eifel passiert ist. Ich denke an jene, die dort den ganzen Horror ausser Kontrolle geratener Wasserfluten erlebt haben.

Dann kommt mein Bus.

Was ich kurz nach neun Uhr noch gar nicht wusste: Seit 8.46 Uhr sind die Fussgängerbrücken im Stadtzentrum gesperrt: Kapellbrücke, Rathaussteg, Reussbrücke, Spreuerbrücke (Quelle: luzernerzeitung.ch). Es tröpfelt wieder. Nicht auszuschliessen, dass die Seebrücke auch gesperrt wird. Dann gibt es ein Verkehrschaos. Und ich werde mir überlegen müssen, wie ich nach der Arbeit nach Hause komme. Geöffnet sind dann noch die Geissmattbrücke und die St. Karlibrücke reussabwärts. „Die Geissmattbrücke geht immer“, sagt mein Mann, sagt auch der Pedestrian. Aber etwas mulmig ist mir trotzdem.

Vegetarisch essen

Herr T. ist von der grossen Klimaspuren-Wanderung zurück. Wir nehmen unser Alltagsleben wieder auf. Einfach gesagt: Er kocht, ich putze. Am ersten Mittag gibt es unser fleischloses Lieblingsgericht: Rote Linsen mit Süsskartoffeln.

Wir haben in den letzten Jahren eher klimabewusst gelebt, wenn auch nicht allzu konsequent: Wir fahren nicht Auto, dafür essen wir öfter mal Fleisch. 2016 sind wir das letzte Mal geflogen – nach Wien. Doch Herr T. hat sich auf der Wanderung radikalisiert. „Es ist nicht fünf vor zwölf. Es ist fünf nach zwölf. Die Klimakatastrophe passiert bereits“, sagt er immer wieder. Beim Linsengericht setzt er mir auseinander, dass er versuchen will, nur noch vegetarisch zu kochen.

Meine erste Reaktion verblüfft mich selbst total. „Nie wieder Bratwurst?!“ denke ich entsetzt.

Nie im Leben habe ich damit gerechnet, dass ich mich einmal eine geradezu kindliche Sehnsucht nach einem Stück Fleisch haben werde.

Ein kurzer Blogbeitrag

Auf der Suche nach meinen Blogbeiträgen zum „Jahrhundertunwetter“ von 2005 bin auf Posts gestossen, die mich verblüfft haben: kurze, fast anekdotische Texte wie diesen hier. Oder diesen. Sie gefallen mir. Ich kannte damals einen Blog-Experten, und dieser hatte mir geraten, mich kurz zu fassen. Vielleicht hatte er recht.

In letzter Zeit sind meine Texte oft endlos. Das ist ok, dachte ich. Für kurze Texte haben wir Twitter. Aber Twitter ist anders. Dort geht es fast nur mit Provokation und Polemik. Mir liegt Twitter einfach nicht.

Ich glaube, ich werde hier versuchen, die Form von damals wieder aufzunehmen. Würdet Ihr sowas lesen?

Spaziergang im Starkregen


Heute Morgen, 9.30 Uhr, Unter der Egg in Luzern. Normalerweise kann man auf den quer gelegten Baumstämmen sitzen und gemütlich die Beine Richtung Reuss strecken, ohne nasse Füsse zu bekommen. Weiter oben: Sandsäcke, in Plastik verpackt.

Wasser trommelt auf meinen Schirm, Tropfen fallen mir auf die Hände und Beine. Pitschpatsch. Pitschpatsch. Ich gehe heute zu Fuss zur Arbeit, ich will den Wasserpegel an der Reuss sehen. 40 Minuten bis ins Büro. Pitschpatsch. Ich mag Regenspaziergänge, aber das hier ist mehr als Regen. Die Tropfen fühlen sich dickflüssig an, sie tippen mich an wie wütende Finger. Es regnet seit Wochen. Nicht ununterbrochen, manchmal scheint einen Tag lang die Sonne. Doch schon in der Nacht danach beginnt der Himmel wieder, ein Meer über uns auszuleeren.

Nachrichten von drohenden Überschwemmungen beobachte ich mit einer Mischung aus Sorge und Sensationslust. Wir leben hier in einem Regenloch. Mit meinen 56 Jährchen kann ich mich an Dutzende Unwetter erinnern, auch an Katastrophen: 2005 wurde die Kleine Emme über Nacht ein wütender Strom. Ihre braunen Fluten rissen Strassen mit und überschwemmten ganze Vorortsquartiere. Das war das Jahrhunderthochwasser. 2015 tötete ein zum Sturzbach gewordenes Rinnsal im Dorf Dierikon eine Frau in einem Keller. Trotz all dem wecken solche Ausnahmezustände oft auch Heiterkeit. Sie heben die ungeschriebene Regel auf, dass man in der Stadt nicht mit Fremden spricht. Plötzlich entdeckt man den Galgenhumor Unbekannter.

Aber jetzt ist kaum jemand unterwegs, obwohl Markttag ist. Am Reussufer liegen Sandsäcke, bedeckt von grünlichem Plastik. Bald wird der Fluss über die Ufer treten. Ich mache ein paar Bilder und schaue, dass ich weiterkomme. Pitschpatsch. Im Geschäft angekommen, klebt mir das Haar an der Stirn, und meine graue Hose ist schwarz vor Nässe bis zu den Knien.

In den Ferien im Juni haben wir zugeschaut, wie der Hagel eine weisse Decke auf die Strassen von Les Bois im Jura legte. Wenig später gab es auch in Luzern ein Hagel-Grossereignis. «Die hohe Zerstörung, welche das Gewitter anrichtete, war selbst für Experten unvorstellbar», schrieb die Gebäudeversicherung. Sie verzeichnete 12000 Schadenfälle und 150 bis 200 Millionen Franken Schaden. Ganze Häuserzeilen sind unbewohnbar, weil der Hagel die Dächer zerstörte. Die Rede ist vom «grössten Elementarereignis seit 16 Jahren». Beim Jahrhunderthochwasser von 2005 beliefen sich die Schäden im Kanton Luzern auf rund 590 Millionen Franken (Luzerner Zeitung vom 6. Juli).

Um 16 Uhr gehe ich nach Hause, auf dem gleichen Weg. Es regnet sanft. Auf der Brücke stehen Männer und fotografieren den Pegelstand. Er ist höher als am Morgen. Vor dem Theater Feuerwehrautos. Die Wetterprognose für die nächsten Tage: Regen, Regen, Regen.

Sieben Ferienhighlights aus der Nordwestschweiz

Creuxduvan

Am Sonntag bin ich von unserer dreiwöchigen Reise aus der Nordwestschweiz zurückgekommen. Als Tourismusgebiet ist diese Gegend weniger populär als etwa das Tessin oder das Engadin. Sie ist meist wild und entlegen, und so machten wir dort eine eine oft abenteuerliche Entdeckungsreise. Offizielle Top-Sehenswürdigkeit ist der Creux du Van – völlig zu Recht (siehe Bild oben, von 2019). Der riesige Felsabbruch im Val de Travers wird auch Grand Canyon der Schweiz genannt und ist spektakulär. Aber in diesem Beitrag geht es nicht um Top-Sehenswürdigkeiten. Das hier ist meine persönliche Liebeserklärung an die Jura-Dreiseen-Region 2021:

Tariche 1) Tariche ist ein kleiner Campingplatz verborgen im engen Tal des Doubs, mitten in einem Naturschutzgebiet. Hier ist es vor allem eins: grün. Man kann hier stundenlang einfach sitzen, die Bäume und den Fluss anschauen und den Vögeln zuhören. Ein Paradies, jedenfalls bei Sonnenschein. Das nächste Städtchen ist zwei Stunden Fussmarsch entfernt, der Wanderweg dorthin ist traumhaft schön. Bus gibt es keinen, nur eine einspurige Strasse für Autos. Dafür aber das vielleicht abenteuerlichste öffentliche Verkehrsmittel der Schweiz: eine etwas morsch gewordene Fähre, die man selbst bedienen muss (siehe Bild).

st. ursanne2) Das zwei Stunden Fussmarsch von Tariche entfernte Städtchen heisst St. Ursanne und ist bezaubernd. Der Stadtkern – und viel mehr ist dort nicht – stammt aus dem Mittelalter. Besonders sehenswert: die teils 1000-jährige Kirche im Zentrum. Rundum fast nur bewaldete Jurafelsen, Frankreich ist nah. An einem heissen Sommermittag hat der Hauptplatz (Bild) den trägen Charme einer französischen Provinzstadt in einem alten Film. Nur vor dem Coop herrscht Betrieb. Dort treffen sich die Jurawanderer und -Velofahrer zum Provianteinkauf und besprechen ihre Pläne.

3) Südlich von St. Ursanne liegen die Freiberge, eine Hochebene mit Weiden und Wäldern. Wir erreichten sie auf dem Chemin de fer du Jura, zu Deutsch, der Jura-Eisenbahn. Dass es in dieser dünn besiedelten Region einen Zug gibt, dazu noch einen mit Taktfahrplan, scheint wie ein Wunder. Gemütlich zieht das rote Gefährt durch die Landschaft, dann und wann taucht ein Haus oder ein Dorf auf, dann gibt’s einen Halt – meistens nur auf Verlangen.

4) Wandern in den Freibergen ist etwas für Leute wie mich, die nicht das Gipfelerlebnis suchen, sondern einfach in wunderbare Landschaften eintauchen möchten. Klar, auch hier kann Spektakuläres tun: bei Biaufond über steile Leitern zum Doubs hinuntersteigen. Oder den Etang de la Gruère umrunden, einen idyllischen See im Torfmoor. Man kann auch einfach über die Hügel spazieren, hier eine Pferdeweide betrachten, da einen Wald oder eine Doline, dann ein paar Windräder. Meist erreicht man irgendwann ein Restaurant, zum Beispiel La Combe à la Biche nahe beim Mont Soleil (ländlich) oder das Hôtel du Soleil in Le Noirmont (gehoben). Rückreise dann auf dem Chemin de fer du Jura.

5) Als ich die Stadt La Chaux-de-Fonds vor vielen Jahren zum ersten Mal sah, hat sie mich mit ihrer streng rechtwinklingen Anlage und ihren grauen Fassaden zugleich fasziniert und ein wenig geängstigt. Geblieben ist die Faszination für die Uhrmachermetropole auf 1000 Metern über Meer. Das Stadtbild ist einzigartig. Es gibt dort grosse Werkstätten und gleich nebenan Wohnraum von guter Qualität (wie oben im Bild, links die Fabrik). Heute gehört die Stadt deshalb zum Unesco-Welterbe. Es gibt tolle Architektur-Stadtspaziergänge und ein Uhrmachermuseum, das zugleich Wertschätzung für das Uhrhandwerk und Interesse am Phänomen Zeit weckt. Gleichzeitig wirkt die Stadt stellenweise aus der Zeit gefallen – denn die Uhrenfabriken stehen jetzt ausserhalb, und was soll man mit diesen erhaltenswerten, aber zu klein gewordenen Fabrikgebäuden tun?

6) Die Stadt Neuchâtel sähe wegen ihrer gelblichen Farbe („jaunâtre“) aus, als sei sie aus Butter geschnitzt, sagte Alexandre Dumas der Ältere etwas verächtlich. Im 19. Jahrhundert war Butter wohl noch sehr viel gelber als heute. Heute wirkt der safrangelbe Sandstein, aus dem die Stadt tatsächlich gebaut ist, sehr attraktiv. Ausserdem hat Neuchâtel ein tolles Schloss auf einem Hügel – ein gediegener Arbeitsort für die Angestellten der Kantonalen Verwaltung, die dort ihrem Tagewerk nachgehen. Und es gibt in „Nöösch“ (so wird die Stadt umgangssprachlich genannt) eine der attraktivsten und längsten Seepromenaden der Schweiz. Wer dorthin geht, sollte unbedingt im Hotel Touring au Lac logieren: ein Dreisternehaus an bester Lage, zahlbar und sympathisch.

7) Das Schloss Grandson ist eine Ikone der Schweizer Geschichte. Hier fochten die Eidgenossen 1476 die erste von drei Schlachten gegen den übergriffig gewordenen Karl den Kühnen und seine Burgunder. Der Spruch, den wir dazu in der Schule gelernt haben: „In Grandson verlor Karl das Gut, in Murten den Mut und in Nancy das Blut.“ Tatsächlich sind im Schloss Teile des Burgunderschatzes ausgestellt, die die Schweizer damals erbeutet haben, darunter ein goldener Hut. Hier erfochten sich die Eidgenossen auch Anerkennung als eine Art Staatswesen mitten in Europa und einen nationalen Mythos, der die Jahrhunderte überdauerte. Das Schloss ist öffentlich zugänglich, heute aber im Besitz einer Immobilienhändler-Familie. Alle Schlossherren haben sich bemüht, die mittelalterliche Atmosphäre und den heroischen Charakter des Gemäuers zu unterstreichen.

Da tanzen die Mäuse

Vor zwei Wochen brach Herr T. auf zur grossen Klimaspuren-Wanderung. Auf einem mehrwöchigen Fussmarsch durchquert er mit Kolleginnen und Kollegen die Schweiz. Er lernt, wie die Menschen im Land den Klimawandel erleben und was dieser noch mit uns machen wird. Hier schildert er seine Erlebnisse. Ich bleibe allein zu Hause. Tage vor seiner Abreise habe ich schlecht geschlafen. Herr T. ist mein Zuhause, mein zweites Nervenkleid und mein zweites Paar Ohren. „Wie werde ich es bloss ohne ihn schaffen?“ denke ich.

Sonntag, 30. Mai: Herr T. bricht auf. Ich gehe ins Büro. Obwohl ich mir geschworen habe, dass ich NICHT am Wochenende ins Büro gehen werde, wenn er weg ist. Ich habe Kollegen, die ihre Kräfte mit Sonntagsdiensten verschlissen haben und mit 60 vereinsamt und verbraucht waren. Aber ich habe eine Entschuldigung: extrem viel Arbeit, der Abstimmungskampf vom 13. Juni. Und ich bleibe nur 1 Stunde 50 Minuten. Später versuche ich, im Hof mit einer Nachbarin zu plaudern. Aber das geht nicht. Zu viel Hintergrundlärm. Zum Trost rufe ich meinen Freund English in Frankfurt an. Das geht ganz leidlich.

Montag, 31. Mai: Um 5.30 Uhr erwache ich mit einem schweren Schwindelanfall. Ich erspare Euch die Details. Um 9 Uhr kann ich wieder gehen und begebe mich ins Büro. Abends sehe ich mir ohne lange Diskussionen an, was ich will: Zwei Folgen von „The Serpent“ auf Netflix.

Dienstag, 1. Juni: Keine besonderen Vorkommnisse.

Mittwoch, 2. Juni: Um 12.35 Uhr ist meine zweite Covid-19-Impfung. Das Wetter ist beglückend. Am Abend bin ich bei Herrn und Frau Buddha zum Essen eingeladen. Es gibt Bratwürste und gute Laune.

Donnerstag, 3. Juni: Die zweite Impfung hat Folgen: Ich liege mit Fieber im Bett und lese „Rivers of London“ von David Aaronovitch. Ein spassiger Krimi mit sehr authentischem Londoner Englisch. Er fordert nicht allzu viel Konzentration. Es trifft sich gut, dass gerade Fronleichnam ist – ich hätte sowieso frei gehabt. Meinen Lunch-Termin mit dem Kollegen Felipe fällt allerdings ins Wasser.

Freitag, 4. Juni: Ich bin noch leicht angeschlagen und verkünde jedem, der es hören will, auch meinem Chef: „Heute mache ich Dienst nach Vorschrift.“ So habe ich früh Feierabend. Als Felipe mir ein Whatsapp schickt, bin ich bereit: Er sei jetzt gerade im Trendlokal in unserem Quartier, ob ich Lust auf ein Bier hätte. Ja, habe ich. Zum ersten Mal erlebe ich Post-Lockdown-Nachtleben an unserer Strasse. Ganze Heere junger Leute ziehen vorbei. Grossartig.

Samstag, 5. Juni: Ich treffe mich mit meiner Freundin, Paulina, im Café. Samstagmorgen bin ich meist etwas reizbar. Wir haben ein Zerwürfnis, das mich ziemlich aus der Bahn wirft. Abend bei Mahika, meiner Ex-Nachbarin, die aufs Land gezogen ist und direkt am Waldrand wohnt.

Sonntag, 6. Juni: Bei meinen Eltern. Als ich letztes Mal bei ihnen auf Besuch war, traf ich als erstes meinen Vater mit dem Besen in der Hand vor der Haustür. Das ist ein gutes Zeichen. Jetzt füttern die beiden mich mit Mittagessen und Liebe, als gäbe es kein Morgen. Am Abend muss ich ins Büro – mein Homeoffice funktioniert nicht, weil ich auf dem Notebook gerade kein Internet habe. Irgendetwas mit der RAS-Verbindung. Herr T. würde das im Handumdrehen in Ordnung bringen, aber alleine muss ich halt sehen, wo ich bleibe.

Montag, 7. Juni: Ein richtiges Post-Lockdown-Treffen. Mein Freund Andreaszwei hat schon im letzten Sommer ein neues Sofa gekauft. Aber ich konnte es nie besichtigen, wegen des Lockdown trafen wir uns nur draussen. Nun sind wir beide geimpft, er schon mehrere Wochen, und ich kann endlich bei ihm zu Hause probesitzen.

Dienstag, 8. Juni: Eine weitere Post-Lockdown-Party wäre angesagt, mit Kollegen, aber ich melde mich ab. Ich muss Wäsche waschen, nächste Woche fahren wir in die Ferien, dann brauche ich meine praktischste Hose.

Mittwoch, 9. Juni: Siedend heiss fällt mir ein, dass ich ein Abschiedsgeschenk für eine Kollegin basteln muss. Was soll ich bloss machen?! Ich kann doch gar nicht basteln. Ich erinnere mich aber, dass ich vor 40 Jahren häkeln konnte, und tatsächlich: Ich schaffe einen Pussyhat für einen kleinen Hasen aus Holz (mit sehr langen Ohren). Merke: Ich kann häkeln, verdammt nochmal!

Donnerstag, 10. Juni: Ich bin erschöpft vom ständigen Herumrennen und Plaudern. Abends falle ich aufs Sofa und sehe die letzten Folgen von „Delhi Crime“ auf Netflix. Empfehlenswert. Zwischendurch versöhne ich mich per Chat mit Paulina.

Freitag, 11. Juni: Der letzte Arbeitstag vor den Ferien. Ich bin erschöpft, glücklich und etwas schwindlig. Morgen kommt Herr T. nach Hause. Er wird viel zu erzählen haben. Ich auch.

Pelatischiessen – ein kurzer Text über Tomaten

Das Pflänzchen auf dem Bild ist meine allererste eigene Tomatenstaude. Immer habe ich davon geträumt, eigene Tomaten zu ziehen. Ich liebe den Duft von Tomatenstauden, und die roten Kugeln aus dem Supermarkt schmecken mir oft nicht mehr. In unserer alten Wohnung war der Balkon zu klein für Gartenexperimente. Aber jetzt haben wir eine schöne, grosse Loggia. Das Pflänzchen bekam ich von einer Nachbarin aus der Nummer 6, im Austausch gegen unseren Borretsch.

Jeden Morgen besuche ich als erstes mein Balkongärtchen. Ich rieche an den Tomatenblättern, schaue nach dem Basilikum, den wir im April knapp vor dem Eingeschneitwerden retten konnten. Ich staune darüber, wie der Borretsch plötzlich wuchert.

„Und dann gab es ein Pelatischiessen“, sagt Herr T. beim Kaffeetrinken. Pelatischiessen? Meine Ohren spinnen wieder, es ist krass. X-mal sagt Herr T. „Pelatischiessen“. Er berichtet von einem Fussballmatch, den er gesehen hat. Am Schluss stand ein Unentschieden, und es gab ein episches Pelatischiessen. Dann kamen die Goalies zum Zug, und dann gewann Villareal. So viel habe ich verstanden.

Einen Tag später steht es auf allen Online-Portalen: Die Schweiz bricht mit der EU. Ich möchte aufstehen und Tomaten kaufen, eine dünnschalige Sorte, oder vielleicht auch Pelati. Ich würde sie unseren sieben Bundesräten mit der ganzen Wucht meines Zornes an den Kopf schleudern. Dass sie es soweit haben kommen lassen!

Kommt jetzt der Schwexit?


Die Schweizer Regierung – sie lächeln, aber sie haben keinen Plan für unsere Zukunft mit der EU. (Quelle: admin.ch)

Erinnert sich noch jemand an die Monate vor dem Brexit? An diese verstörende Zerfahrenheit des britischen Parlamentes während der Amtszeit von Theresa May? Erinnert sich noch jemand, wie dann Boris Johnson kam, das Parlament kurzerhand entmachtete und die Brexit-Felsen mit dem Presslufthammer durchbrach?

Well. Die Schweiz ist gerade in der Theresa-May-Phase – oder sogar schon am Ende davon. Gestern habe ich hier hier gelesen, am Mittwoch werde unsere Regierung wohl die laufenden Vertragsverhandlungen mit der EU abbrechen. Das heisst, dass jetzt so etwas wie der Schwexit kommt. Die alten Verträge bleiben zwar bestehen. Aber Brüssel wird brüskiert sein. Es ist das Ende siebenjähriger Verhandlungen, und wir schmeissen einfach den Bettel hin. Die Bühne für einen wie Boris Johnson wäre parat.

Wir in der Schweiz sollten alle bis ins Mark geschockt sein, auch wenn wir es haben kommen sehen. Die EU war doch einmal ein grosses Friedens- und Wohlstandsprojekt. Was ist bloss passiert? Nun, die Linken sagen: „Der Vertrag wird die Schweizer Löhne in den Keller treiben. Wir können uns das nicht leisten.“ Die Rechten sagen: „Die EU will uns unsere Volksrechte wegnehmen.“ In der Mitte rufen alle durcheinander. Und auf der Strasse versteht fast niemand, was Sache ist. Der neue Vertrag ist zwar im Internet gut auffindbar (hier), aber er ist 37 Seiten lang und schwierig zu lesen. Beim zweiten Versuch bin ich bis zur Seite 7 gekommen.

Nun, streng genommen war die Schweiz ja nie Mitgliedsstaat der Europäischen Union. Wir haben aber ein bestehendes Vertragswerk, das uns eng an sie bindet – die Bilateralen. Und wir haben unzählige EU-Gesetze „autonom“ nachvollzogen. Umringt von EU-Mitgliedstaaten wollen wir schliesslich mit den Nachbarländern möglichst ungehindert Geschäfte machen. Dass vor allem die EU diese Schattenmitgliedschaft etwas verbindlicher festgelegt haben möchte, ist nachvollziehbar. So kam es zu Verhandlungen über einen so genannten Rahmenvertrag, der alles auf neue Füsse gestellt hätte. Die Verhandlungen standen kurz vor dem Abschluss.

Jede Verhandlung mit der EU war und ist für die politisch interessierte Schweizerin eine Nervenprobe. Es geht um existenzielle Fragen, und während in den Hinterzimmern von Brüssel verhandelt wird, sollen wir gleichzeitig möglichst viel und möglichst wenig wissen. Solche Verhandlungen sind ja aus guten Gründen geheim. Gleichzeitig werden wir am Schluss über das Resultat abstimmen und sollen informiert sein. Beruhigend war früher, dass die politischen Fronten erwartbaren politischen Bruchlinien entlangliefen: Ausser den Rechten waren alle immer für neue Verträge. Beruhigend war auch, dass die Schweizer Unterhändler gewiefte Diplomaten waren und jeweils einen Plan nach Brüssel brachten.

Diesmal sind die politischen Fronten unübersichtlich. Wir haben bereits die dritte Chefunterhändlerin, und die Regierung lächelt und hat keinen Plan.

Einen Boris Johnson werden wir wahrscheinlich nicht bekommen. Die Schweizer Politik ist nicht gemacht für Leute, die den politischen Felsen mit dem Presslufthammer zerhauen. Bei uns schmirgeln und meisseln alle mit verkniffenen Mienen, bis wir alle gleich grosse Steine haben. Das eigentlich etwas Gutes. Aber ich frage mich, ob die EU Geduld hat, bis wir fertig gemeisselt haben

Auch wenn ich gerne auf Boris Johnson verzichte: Ich muss gestehen, ich mache mir Sorgen.

Gendersternchen

Wäre wahrscheinlich froh um Gendersternchen gewesen: Die erste Schweizer Juristin Emilie Kempin-Spyri (Quelle: Wikipedia)
Freund*innen, ich sehe die Nachteile von Gendersternchen! Neulich hatte ich einen Text in der Hand, der sich über Maurer*innen, Apotheker*innen, Parlamentarier*innen und Vertreter*innen eines guten halben Dutzends weiterer Berufe äusserte. Immer mit Gendersternchen. Es sah süss aus, eine Art euphorisierte konkrete Poesie. Aber die Autorin wollte ein politisches Statement machen, und dieses sah man vor lauter Sternchen gar nicht mehr. „Mir ist ganz schwindlig“, schrieb ich ihr. „Das geht so nicht.“ In unserem Redaktionshandbuch steht sowieso nichts von Gendersternchen. Dieses schrieb noch bis vor wenigen Jahren vor, bei unserer Zeitung sei stets das generische Maskulinum zu verwenden – wie etwa im Satz: „Alle Schweizer sind vor dem Gesetze gleich“.* Frauen mitgemeint.

Und hier haben wir das Problem. Bei diesem „Mitgemeint-Sein“ wird mir immer etwas unbehaglich. Als ich neulich eine Kurzbiographie der ersten Schweizer Rechtsgelehrten Emilie Kempin-Spyri las, verstand ich besser, weshalb. Studieren durfte Kempin zwar. Aber man wollte ihr als Frau das Anwaltspatent verweigern, und sie ging deshalb 1887 bis vor Bundesgericht. Sie habe Anspruch auf das Patent, denn im Satz „alle Schweizer sind vor dem Gesetze gleich“ seien Frauen mitgemeint, argumentierte sie. Er stand in der Verfassung von anno dazumal. Die hohen Richter fanden diese Idee jedoch «ebenso neu als kühn». Sie verweigerten ihr das Recht, ihren Beruf auszuüben.

„Also, das ist doch 134 Jahre her! Das wird nie wieder passieren“, sagt jetzt der Sprachpurist. Ja, und 2019 dachten wir noch, eine etwaige Pandemie hätten wir im Westen voll im Griff. Man kann nie sicher sein, dass die Errungenschaften der Moderne nicht wieder den Bach runtergehen. Deshalb habe ich rein gar nichts gegen eine Sprachregelung, die mich als Frau deutsch und deutlich erwähnt. Und meinetwegen auch alle Menschen ohne eindeutiges Geschlecht. Wie das am besten gehen soll? Ich weiss es nicht.

Für eine faule Ausrede halte ich aber das neueste Argument des Sprachpuristen: „Himmel, diese blöden Genderzeichen übertragen sich jetzt auch noch auf die gesprochene Sprache! Die Leute sagen jetzt so dämliche Dinge wie ‚Anwält[|]innen‘ oder ‚Schauspieler[|]innen!“ Dämlich? Ihr Deutschen nennt doch Eure Freundin Beate auch „Be[|]ate“. Und Ihr geht nicht ins Theater, sondern ins „The[|]ater“. Den Laut, den ihr da deutlich hörbar zwischen zwei Vokale einbaut, ist ein so genannter Glottisschlag und im Deutschen schon lange gebräuchlich.**

Aber gut. Ich bin auch nicht sicher, wie ich zu den Gendersternchen stehe. Viele andere auch nicht. Ich schlage vor: Bis wir eine mehrheitsfähige Lösung haben, spreche und schreibe ich hier von „Maurerinnen und Apothekern, Schauspielern, Parlamentariern und Anwältinnen“. Soll jeder darüber denken, was sie will.

* Artikel 4 der Schweizerischen Bundesverfassung von 1887, mehr dazu hier
** Und, für die Anglophilen unter uns: Die Londoner[|]innen haben es mit ihrem so genannten *glo[|]al stop“ gar zur Meisterschaft gebracht. Kann man sich auf diesem Youtube-Video anhören. I mus[|] say, though: Why I ge[|] Arabic subti[|]les in this video, bea[|]s me.

Ein Gespräch über Rapsfelder


In der Schweiz blühen die Rapsfelder – und es toben Diskussionen über eine zerstörerische Landwirtschaft.

Neulich fuhren Herr T. und ich mit dem Zug über Land. Ich schaue aus dem Fenster und sage: „Schau mal, so ein schönes Rapsfeld!“ Herr T. blickt von seinem Tablet auf und antwortet: „Tjaaa, Rapsfelder stellen ein besonderes Problem dar. Man kann Raps nicht ohne den gezielten Einsatz von Pflanzenschutzmitteln anbauen.“ Ich verdrehe die Augen. Ich meine: Können wir in diesem Frühling nicht einfach die Schönheit eines blühenden Feldes bestaunen, ohne gleichzeitig an Pestizide zu denken?!

Nein, können wir nicht. Wir stehen wieder mal vor einer Volksabstimmung, am 13. Juni, und diesmal geht es um unsere Landwirtschaft und unser Trinkwasser. Diesmal müssen wir uns unbequeme Fakten vor Augen führen. Fakt ist zum Beispiel: Die Gifte aus der Landwirtschaft stellen in unserer sauberen Schweiz eine ernst zu nehmende Gefahr für unser Wasser dar (übersichtliche Zahlen gibt’s hier).

Ich habe immer gewusst, dass unsere Landschaft nicht reine Natur ist. Der relativ flache Teil der Schweiz ist klein und eine einzige, riesige Kulturlandschaft, seit Jahrhunderten. Aber dass diese Landschaft heute über sehr weite Strecken eine grüne Wüste ist, ein mit Giften aller Art hochpoliertes, auf Höchstproduktivität gezüchtetes Kunstprodukt – ich habe es lange Zeit nicht so genau wissen wollen. Jetzt komme ich nicht darum herum: Ich muss einsehen, dass unser Lebensstil und mithin unsere Landwirtschaft 60 Prozent unserer Insekten und Vögel und tonnenweise so genanntes Unkraut vernichtet haben. In Deutschland ist es übrigens nur wenig besser, wie der süddeutsche Ornithologe Peter Berthold hier sehr anschaulich erklärt. Und: Das Gift sammelt sich im Wasser und in den Böden an und bleibt schädlich, für Jahrzehnte.

Die Trinkwasserinitiative, über die wir am 13. Juni abstimmen, will nun jenen Bauern die Bundesgelder streichen, die weiterhin Pestizide benutzen. Das ist eine steile Ansage, und Bäuerinnen und Bauern laufen Sturm gegen die Vorlage. Ihre Wortmeldungen sind oft von epischer Breite, die Zusammenfassung lautet ungefähr: „Das können wir nicht, und das wollen wir nicht, und Ihr ahnungslosen Städter sollt uns gefälligst nicht sagen, wie wir unseren Job zu machen haben.“

Wahrlich, ich habe Respekt vor den Bauern. Und ich weiss, dass meine Unwissenheit über die Landwirtschaft episch ist. Und doch spiele ich mit dem Gedanken, Ja zu stimmen. Ein taktisches Ja nennt man das hierzulande. Mit einem taktischen Ja gibt man zu, dass man eigentlich keine Ahnung hat – aber dass man will, dass sich etwas ändert.