Schweizerdeutsch 57: Der erste Schnee

Ein Hauch von Winter heute, auch im oberen Seetal (von Honhenrain aus gesehen).

Donnerstag und Freitag ist bei uns der erste Schnee gefallen. Jetzt frage ich mich, ob es meinen anderen Schweizer Leserinnen und Lesern auch so geht: Wenn die ersten Flocken durch die Luft wirbeln, weht mir immer dieses Kinderlied durch den Kopf:

Es schneielet, es beielet,
Es good e chüele Wend
Ond d’Meitschi legged d’Händsche n a
Ond d’Buebe laufend gschwend

Das Lied ist heute noch populär, es gibt mehrere Fassungen davon auf YouTube, das poppigste hier.

Falls jemand den Text übersetzt haben möchte, bitte melden. Mich dünkt das einfach, aber ich kann nicht für ein Nordlicht sprechen. Ich habe mich nur mein Leben lang gefragt, was «es beielet» heisst. Wahrscheinlich Kinderreim-Nonsens, habe ich gedacht. Aber eben habe ich es mal gegoogelt, im Schweizerischen Idiotikon gibt es eine Erklärung, siehe hier: Das Wort vergleicht die herumtanzenden Schneeflocken mit einem Bienenschwarm.

Schweizerdeutsch 56: Das Wort zu diesem Wochenende

zonderobsi (Adv)

Standarddeutsch nur unzureichend übersetzbar mit: durcheinander, chaotisch, unordentlich.

Dieses Wochenende ist alles an mir etwas zonderobsi, weil ich am Freitag Grippe- und Covid-19-Impfung hatte. Der Freitag ist für mich ein guter Impftag, denn am Tag nach Covid-19-Impfungen habe ich jeweils Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen. Wenn ich am Samstag impfbedingt ausfalle, kommt wenigstens beim Job nichts zonderobsi.

Das Wochenende begann wie prognostiziert: Schmerzen und erhöhte Temperatur, gegen Abend um 38 Grad. Ich gönnte mir einen Pyjamatag. Nach Putzen (was ich sonst am Samstag tue) war mir gar nicht. Gegen Abend hatten meine Kopfschmerzen Stufe 7 erreicht, ich schluckte ein Dafalgan und löschte das Licht. Da wurde mir übel, ich schwitzte, es wurde eine unschöne Nacht.

Heute ist das Fieber weg, nur der Magen ist noch etwas zonderobsi, aber ich kann essen und trinken. Richtig zonderobsi war dafür die Wohnung: In der Küche stand die Giesskanne neben unabgewaschenen Teetassen und die Salatschleuder aus schmelzbarem Plastik gefährlich nahe beim Kochherd, neben dem frischen Zopf vom Samstag lag altes Brotpapier, auf dem Esstisch Stösse von alten Zeitungen. Und das Bad! Ihr wollt es gar nicht wissen!

Das Wort „zonderobsi“ selbst ist geradezu poetisch unordentlich. Es heisst, möglichst genau übersetzt „zu unter aufwärts“, was ganz und gar ungrammatikalisch ist, aber es deutet an, dass hier das Untere auf unordentliche Weise nach oben geraten ist. Ordentliche Leute verwenden es gerne, um anderen auf Grund  der Unordentlichkeit in ihrer Küche eine gewisse moralische Unzulänglichkeit zu unterstellen.

Schwerhörig: Musik sehen

Mit Hörgeräten kann ich Musik zwar sehr wohl noch hören. Aber bei Kammermusik zum Beispiel klingen für mich sogar Virtuosen ausnahmslos wie damals die siebenjährige Mina nach ihrer ersten Geigenstunde. Es ist zum Davonlaufen, und davonlaufen tue ich auch, wenn jemand zum Beispiel seinen Geburtstagsgästen mit einem Orchesterständchen eine Freude machen will. Eine Zeitlang sah ich mir noch die Youtube-Videos von smalin an (hier ein schönes Beispiel). Aber der Ton krankt bei mir auch dort am Erste-Geigenstunde-Effekt.

In letzter Zeit passiert es mir dafür dann und wann, dass ich Bilder sehe wie Musik. Zum Beispiel dieses hier.

Egon Schiele, Haus mit Schindeldach (1915), im Leopold Museum in Wien.

Leider sieht man das sublime Leuchten der weisslichen Fläche im Hintergrund auf dem Foto nicht gut. Dieses Leuchten ist die Grundierung und Einleitung, legt eine sehnsüchtige Grundstimmung. Vielleicht sind es Stimmen, vielleicht eine Orgel, vielleicht Septakkorde einer hell klingenden Gitarre. Das Haus im Mittelgrund  ist natürlich ein Tasteninstrument, aus dem oben die Töne in schnellen Läufen purzeln (im Original haben die Schindeln unendlich viele, warme Farben). Im Mittelteil des Hauses dann sind die Töne tiefer, im untersten Stock, wo der Zaun ist, kommen sie in Stössen, es könnte eine Trompete sein. Die Baumreihe darunter dann, das sind zwei, drei Streicher, die zum Schluss achtmal dasselbe, dunkle Motiv andante wiederholen. Die Zeit vergeht so von oben nach unten.

Aber, seien wir ehrlich: Auf meiner grau gestimmten Fotografie des Gemäldes knattert das Schindelhaus eher wie eine Schreibmaschine aus dem letzten Jahrhundert, und von hinten nahender Donner wird sie wahrscheinlich demnächst in ihre Einzelteile zerlegen.

Schwerhörig: Fernsehen ohne Untertitel

Neulich kam eine dreiteilige Serie über die Geschichte Israels auf 3sat. Ich wollte den Dok unbedingt sehen. 3sat ist für Schwerhörige aber leider schlecht geeignet. Oft fehlen auf dem Sender bei den allerbesten Beiträgen die Untertitel. Auch bei der Serie über Israel. Man schaltet sich dann erwartungsfroh zu und gibt nach ein paar Minuten auf. «Vergiss es», sagt man zum Ehemann. «Das ist sinnlos.» Diesmal sagte Herr T.: «Doch, ich will das sehen.» Ich: «Dann musst du mir das aber Satz für Satz übersetzen.» Und das tat der unsagbar geduldige Herr Kulturflaneur dann auch, wofür ich ihm sehr dankbar bin.

Er nahm die Fernbedienung in die Hand und stoppte den Film stets nach einer kurzen Textpassage, die er dann wiederholte. Manchmal zuckte des Kulturflaneurs Finger zur Fernbedienung und ich stoppte ihn mit: «Das habe ich verstanden.» Manchmal war der Finger nicht mehr zu stoppen und ich bekam den Text zweimal. Klar, dass sich die Filmlänge so mindestens verdoppelte.

Der Dok arbeitet mit der These, dass es sich beim Krieg in Israel um einen unlösbaren Konflikt handelt. Leider bestätigen die Jahrzehnte seit 1948 diese Sichtweise. So zogen drei Folgen lang Bilder voller Blut, Zorn und Unversöhnlichkeit an uns vorbei. Mit der Zeit sieht vieles surreal aus. Irgendwo links im Bild taucht bei Verhandlungsszenen wieder und wieder wie auf Sperrholz gemalt ein dunkelblauer Anzug auf, darüber ein lächelndes Gesicht: der US-Präsident. Immer wieder kommt dieser Anzug, mit einem immer neuen Kopf zuoberst. Als wäre dort ein Loch, in das der jeweils amtierende amerikanische Präsident sein Gesicht halten und sich als Friedensstifter inszenieren kann: Nixon, Carter, Clinton, Obama. Auch wenn ich Donald Trump selbst nichts Gutes gönne: Ich hoffe, dass er sein Gesicht nicht vergeblich in dieses Loch gehalten hat.

Wir teilten Übung auf drei Abende auf. Jeden Abend war ich danach vollkommen erschöpft. Natürlich ist das angesichts des Leids an anderen Orten auf der Welt bedeutungslos. Und doch muss ich es wieder mal sagen: Auch hochgradig Schwerhörige wollen sich eine Meinung bilden! Also, bitte, Fernsehleute: Gebt uns brauchbare Untertitel!

Schweizerdeutsch 54: Es ist zum Verzweifeln!

Es esch zom Hooröl säiche!

Standarddeutsch: Es ist zum Haarölpinkeln, sinngemäss: Es ist zum Verzweifeln!

Eigentlich hatte ich eine Abmachung mit mir selbst: keine Fäkalsprache in meinen Schweizerdeutsch-Lektiönli, schon gar kein derart vulgäres Wort wie «säiche». Doch es gibt Situationen, in denen es für Fäkalsprache kaum eine Alternative gibt. Es sei denn, man wolle sagen: Es ist kafkaesk. Aber das klingt im Alltag allzu hochtrabend.

Und meine Probleme sind gerade ganz alltäglich und treiben mich doch fast in den Wahnsinn. Seit unserer Systemumstellung habe ich Ärger mit meinen Geräten, die eigentlich die Intervention unseres ICT-Supports nötig machen würden. Um ICT-Support zu bekommen, muss man per E-Mail ein so genanntes Ticket eröffnen. Postwendend bekommt man dann eine Eröffnungsbestätigung und das Versprechen, dass die ICT-Abteilung sich «im Normalfall» innert 24 Stunden um das Problem kümmern werde. Dann passiert im Normalfall wochenlang nichts. Man funktioniert mit Hilfe von Fluchen, Murksen und zeit- und nerventötender Improvisation. Nach drei Monaten kommt manchmal eine Anfrage: «Dein Ticket ist schon lange hier. Können wir es jetzt als erledigt betrachten?» Neulich schrieb ich: «Nein, ist noch nicht erledigt, im Gegenteil. Könntet ihr Euch bitte drum kümmern?» Wenig später kam die Antwort: «Nein, dafür ist unsere Abteilung nicht mehr zuständig. Wie vermuten aber, dass das Problem bei Techniksprech… Techniksprech … Techniksprech … liegt. Lös bitte ein Ticket beim ICT-Support.» Ist das kafkaesk oder ist es nicht kafkaesk?

Der ICT-Support sitzt im fernen Hauptquartier, vor Ort bei uns ist niemand mehr. Neulich, auf heftiges Drängen, bekam ich wenigstens einen Supporter im Hauptquartier ans Telefon, einen liebenswürdigen Typen. Es war wie eine Sitzung beim Psychotherapeuten: Danach verstehst du das Problem vielleicht besser, aber lösen musst du es selbst, mit Fluchen, Murksen und Improvisation.

Schwerhörig: Das Göttliche an der Musik

In seinem Buch «Tremor» schreibt der afroamerikanische Autor Teju Cole über Musik aus Mali. Er streicht dabei die besondere Bedeutung von Ali Farka Touré hervor. Hier ein Müsterchen von Tourés Album «Niafunké» auf Youtube. Die CD fischte ich ungefähr 1997 aus einer Grabbelkiste. Damals hörte ich noch gut und viel Musik. Ich kannte weder den Musiker noch die Musik, aber dann hörte ich hinein und in diesem heiteren, tanzbaren Sound das Vibrieren der Erde und das Summen eines wehmütigen, leuchtenden Gottes. Für Cole’s Protagonisten wird Musik aus Mali eine Art Schutzschild und innere Heimat. «Jedes Mal, wenn er diese Klänge hört, ist er wieder in Mali, obwohl er gar nie in Mali gewesen ist. Er ist wieder an seinem Platz im Gewebe der Zeit und mit seinen Ahnen in Kontakt. Wie kann das sein, wo doch seine Ahnen gar nicht aus Mali sind?» (S. 71) Ich kann nachvollziehen, was er meint, obwohl ich ziemlich sicher auch keine Ahnen in Mali habe. Ich hörte das Album oft und geradezu betört. Aber wegen meiner zunehmenden Schwerhörigkeit ging das dann irgendwann nicht mehr, jetzt scheppert der Sound ganz unerträglich in meinen Hörgeräten. Viele Schwerhörige lieben Musik, bei mir ist diesbezüglich nichts zu machen.

Cole schreibt: «Gesang begann im Ritual mit dem Zweck, die Grenze zwischen geheiligter Zeit und gewöhnlicher Zeit zu ziehen. Er stärkte das Netz menschlicher Beziehungen, die Verbindung zwischen einer Gemeinschaft von Menschen und dem Universum» (S. 69). Ich fühle mich immer etwas kläglich, wenn ich solche Dinge lese. Ich kann ja nicht einmal mehr bei Weihnachtsliedern mitsingen. Ich bin kein besonders religiöser Mensch, doch ich erinnere mich an die Macht der Musik über Raum und Zeit, ihr tiefes Geheimnis. Bin ich aus der Sphäre des Göttlichen ausgegrenzt?

Ich erzählte das alles einer guten Freundin, die vor nicht allzu langer Zeit den herben Verlust ihres Geschmackssinnes hinnehmen musste. Essen in Gesellschaft ist ihr praktisch unmöglich geworden. «Es gibt so viele andere Arten, dem Göttlichen zu begegnen», antwortete sie. Und sie hat recht, das merke ich immer deutlicher. Aber darüber muss ich nächstes Mal schreiben.

Teju Cole: „Tremor“, London, Faber & Faber Paperback, 2024, Übersetzungen aus dem Englischen von mir.

Schweizerdeutsch 53: Wenn die Nebel sich lichten

  1. Es tuet uf

Standarddeutsch: «Es macht auf». Sinngemäss: Der Nebel – oder die Wolken – lichten sich. «Es» ist dieser formlose Raum um und über uns, in dem unser Wetter stattfindet. Wie in «es regnet» oder «es schneit»).

Das ganze schweizerische Mittelland liegt in diesen Tagen am Grund einer dicken Nebelsuppe. Wie so oft im Herbst und Winter. Es ist die Zeit, in der wir uns unserem täglichen Kleinklein widmen, hektisch, konzentriert, verbohrt, von früh morgens bis spät abends. Was sollen wir auch ins Weite schauen? Es gibt dort doch gar nichts zu sehen! Immerhin: Vor einer Woche hatte ich einen fast freien Nachmittag. Ich machte mich auf nach einem Ort namens Vogelsang. Zuerst kam ich zur Bank unter der riesigen, gelbbelaubten Eiche und dem Wegkreuz beim Seehof. Ich setzte mich hin. Es war 15.30 Uhr. Jemand hatte die Jesusfigur über mir frisch angemalt. Sie hängt da, reglos und hellrosa. Da lichtete sich der Nebel, die Sonne beschien das Eichenlaub und die Jesusfigur. Eine halbe Stunde später war ich im Vogelsang. Dort sah ich diesen einen, sündhaften Apfel.

Schwerhörig: Läuft die Abwaschmaschine?

Vor vielen Jahren habe ich das Grummeln einer laufenden Abwaschmaschine einmal auf die Liste der unentbehrlichen Geräusche gesetzt (der Blog-Beitrag existiert leider nicht mehr). Die Maschine, die bei meinen Eltern wegen des günstigen Nachtstromtarifs immer spät am Abend lief, bereitete mir einst ein Gefühl von Geborgenheit. Seit wir selbst eine in der Wohnung haben, fühlt sich ihr Brummen in der Küche an wie erledigte Hausarbeit und Ordnung.

Nun bin ich hochgradig schwerhörig. Ich höre in Küchen zwar immer irgendwelche Summ-, Grummel- und Schmurgelgeräusche. Aber ich bin oft nicht sicher, woher sie kommen. Brummt der Kühlschrank? Gurgelt das Wasseraufbereitungsgerät? Ist da irgendeine Lüftung am Werk. Oder läuft doch die Abwaschmaschine? In der Cafeteria ist diese Frage relevant, denn dort müssen wir unsere gebrauchten Tassen selbst in die Maschine räumen. Wenn sie voll ist, stellt jemand sie an. Ob sie gerade arbeitet, weiss man mit einem gesunden Gehör sofort. Ich brachte es jeweils in Erfahrung, indem ich einfach mal die Tür der Abwaschmaschine aufriss. Wenn dann innen heisses Wasser herumspritzte – ja, dann lief sie.

Aber man lernt dazu, und letzte Woche habe ich Wissen erworben, das unter Umständen auch Hörenden nützlich sein könnte: Wenn eine Abwaschmaschine läuft, erhitzt das Wasser auch die Tür. Bei vielen Modellen kann man aussen mit der Hand erspüren, ob sie läuft. Wenn sie warm ist, ist es gut möglich. Wenn sie dazu noch leicht vibriert, ja, dann läuft sie.

 

Schweizerdeutsch 52: Strasse überqueren in Wien

Grüener werd’s nömme!

Standarddeutsch: Grüner wird’s nicht mehr!
Sinngemäss: Mach endlich vorwärts, die Ampel steht auf Grün!

Wien ist nicht überall ein Fussgängerparadies. Wer auf Schusters Rappen* am Ring unterwegs ist, muss oft an mehrspurigen Strassen und Grosskreuzungen warten. Lange warten. So lange, bis der Blick von der gegenüberliegenden Ampel wegschweift, denn es gibt in Wien doch so viel mehr zu sehen als dieses langweilige, rote Ampelmännchen! Bis dann, huch, die anderen Wartenden sich in Bewegung gesetzt haben und die Schweizer Touristin auch sieht, dass es grün ist und gerade noch rechtzeitig hinterherhechten kann, bevor sich gegenüber wieder das rote Männchen hinstellt.

Am Wiener Ring hallte mir in solchen Momenten die Stimme des Fahrlehrers Frogg hinterher – er war ein ferner Verwandter von uns und unterrichtete meine Mutter, die jeweils mit Gusto seine Redensarten kolportierte. «Grüener werd’s nömme!» pflegte er auszurufen, wenn sie nach dem Lichtwechsel das Gaspedal nicht schnell genug fand. Oder wenn irgend so ein Fussgänger, für den man extra angehalten hatte, den Farbwechsel verträumte. Ganz als gäbe es an einer Lichtsignalanlage nicht nur drei, sondern eine ganze chromatische Tonleiter von farbigen Lampen, schliesslich sagt man ja auch: «Er raste bei dunkelorange über die Kreuzung.»

  • Eben fällt mir die Doppeldeutigkeit der Redewendung «auf Schusters Rappen» auf. Mein Leben lang habe ich geglaubt, sie verweise auf den Geldbetrag, den «de Schuemacher» beim Verkauf seines Erzeugnisses einnimmt (früher kosteten einfache Treter bestimmt nur ein paar Rappen!). Ich hab’s aber gerade gegoogelt und bin überrascht: Das Wort «Rappen» verweist hier auf Pferde!

Liebeserklärung an Wien

Pallas Athena vor dem Parlament (Quelle: Wikipedia)

Letzte Woche verbrachten Herr T. und ich ein paar Tage in Wien. Wieder wurde mir klar, warum ich diese Stadt so liebe: wegen ihrer schieren Grösse und ihrer Unübersichtlichkeit; wegen ihrer wechselhaften, auch düsteren Geschichte; wegen ihres Prunks, den sie nicht ohne Selbstironie zur Schau stellt; wegen ihrer Schäbigkeit, Nonchalance und ihres dunklen Humors, der – mal sarkastisch, mal mit trunkenem Weltgelächter – auch unappetitliche Dinge benennt. Ich meine: Wo sonst reisst man Witze über die Strasse, die zum Friedhof führt (hier der Rennweg)? Ihn «hat Alfred Polgar als ausgestreckten Darm Wiens bezeichnet – ergiessen sich doch durch ihn alle Ausscheidungen der Stadt in Richtung Zentralfriedhof.» (S. 225). Oder über die würdigen, heute von der Welt meist ignorierten Statuen vor Repräsentativbauten? In Wien weiss man noch um ihre Bedeutung: «Warum Pallas Athene, die Göttin der Weisheit, vor dem Parlament steht, weiss jeder Wiener: Sie traut sich nicht hinein.» (S. 150).

Blick hinter Stalins Marmorkolonnade.

Wo sonst hat Kritik am wachsenden Autoritarismus derart augenfällige künstlerische Intelligenz? Nehmen wir das Denkmal an die Eroberung Wiens durch die Rote Armee, das Josef Stalin 1945 gestiftet hat. Hinter der monumentalen Marmorkolonnade befindet sich dort ein Mäuerchen, in auffälligen Farben bemalt (siehe Bild, hier mehr über das Kunstwerk). Oder den Park bei der Votivkirche. Dort steht ein granitener Tisch  mit einem Stuhl für jeden der zehn bei der ersten Osterweiterung 2004 beigetretenen EU-Staaten – die Namen sind am Stuhlrücken eingraviert: Estland, Lettland, Litauen, Polen, Tschechien, Slowakei, Slowenien, Malta, Zypern und … halt, bei einem Stuhl ist der Rücken abgerissen, er ist namenlos. Nach einigem Rätselraten sind wir sicher: Das wäre der Stuhl Ungarns. Kunst oder Vandalismus? Egal. Jemand will hier, dass Ungarn unbequem sitzt.

Und dann lieben wir Wien wegen der p. t. Nimis, unserer alten Freunde, Frau Nimi war einst geschätzte Mitbloggerin. Herr Nimi ist mit den Jahren dazugekommen. Beide sind begnadete Kulinariker und haben uns nach Strich und Faden verwöhnt. Danke Euch beiden!

Zitate sind aus Beppo Beyerl: „Wien und Umgebung“, Reise Know-How Verlag Peter Rump, Bielefeld, 5., komplett aktualisierte Auflage 2004.