Schwerhörig: Läuft die Abwaschmaschine?

Vor vielen Jahren habe ich das Grummeln einer laufenden Abwaschmaschine einmal auf die Liste der unentbehrlichen Geräusche gesetzt (der Blog-Beitrag existiert leider nicht mehr). Die Maschine, die bei meinen Eltern wegen des günstigen Nachtstromtarifs immer spät am Abend lief, bereitete mir einst ein Gefühl von Geborgenheit. Seit wir selbst eine in der Wohnung haben, fühlt sich ihr Brummen in der Küche an wie erledigte Hausarbeit und Ordnung.

Nun bin ich hochgradig schwerhörig. Ich höre in Küchen zwar immer irgendwelche Summ-, Grummel- und Schmurgelgeräusche. Aber ich bin oft nicht sicher, woher sie kommen. Brummt der Kühlschrank? Gurgelt das Wasseraufbereitungsgerät? Ist da irgendeine Lüftung am Werk. Oder läuft doch die Abwaschmaschine? In der Cafeteria ist diese Frage relevant, denn dort müssen wir unsere gebrauchten Tassen selbst in die Maschine räumen. Wenn sie voll ist, stellt jemand sie an. Ob sie gerade arbeitet, weiss man mit einem gesunden Gehör sofort. Ich brachte es jeweils in Erfahrung, indem ich einfach mal die Tür der Abwaschmaschine aufriss. Wenn dann innen heisses Wasser herumspritzte – ja, dann lief sie.

Aber man lernt dazu, und letzte Woche habe ich Wissen erworben, das unter Umständen auch Hörenden nützlich sein könnte: Wenn eine Abwaschmaschine läuft, erhitzt das Wasser auch die Tür. Bei vielen Modellen kann man aussen mit der Hand erspüren, ob sie läuft. Wenn sie warm ist, ist es gut möglich. Wenn sie dazu noch leicht vibriert, ja, dann läuft sie.

 

Schweizerdeutsch 50: Gegen den Widerstand der Materie kämpfen

chnorze (V)

Seit Montag haben wir im Geschäft neue Laptops und lauter neue Programme. Für uns alle fallen sämtliche Gewissheiten weg, die man bei der täglichen Arbeit so hat. Liefern müssen wir trotzdem. Ich zum Beispiel kam am Morgen ins Büro und startete den neuen Laptop. Kein Internet. Ich chnorzte mit den Tasten, rief um Hilfe, jemand kam und chnorzte mit Tasten und Kabeln. Dann hatte ich Internet und schickte dem Chef eine Nachricht, ich sei nun bereit. Er wollte mir telefonisch das Nötigste zeigen. Telefonisch! Mein Bluetooth-Hilfsmittel zum Telefonieren war aber noch nicht gekoppelt! Ich chnorzte mit Knöpfen und der Maus, dann chnorzte jemand mit mir. Dann konnte ich endlich den Chef anrufen. Aber wie mache ich jetzt meinen Bildschirm für ihn sichtbar? Irgendwann ging auch das und so chnorzten mein Chef und ich an meinen ersten Arbeitsschritten. Ich chnorzte dann den ganzen Tag, am Dienstag auch und auch gestern.

Gestern Nachmittag klagte mir eine junge Kollegin in einer Message, dass sie den Zugang zu einem bestimmten Programm immer noch nicht habe. Ich antwortete: «Sei geduldig. Wir chnorzen alle.»

So hat das Verb «chnorze» seine Bedeutung geändert. Früher chnorzten wir bei der Handarbeit, etwa wenn der Faden nicht durchs Nadelöhr und die Nadel nicht durch den dicken Saum ging. Oder wir chnorzten im Garten, wenn im Herbst die Wurzel der grossen Tomatenstaude partout nicht aus dem Boden gerissen werden will. «S’Gchnorz» war sichtbar und machte mitunter auch die Hände schwielig. Jetzt chnorzen wir virtuell, dabei haben wir uns vielleicht erhofft, dass wir nie wieder «müend chnorze».

Aber ohne Kampf gegen den Widerstand der Materie geht es wohl nicht, und deshalb haben wir hierzulande für das Verb «chnorze»  zahlreiche Synonyme, zum Beispiel: «morxe», «chnuuschte» und «figuretle».

 

 

Schweizerdeutsch 49: Wenn vertraute Sprache plötzlich rassistisch ist

E Tonkle (N, m)

Standarddeutsch: „Ein Dunkler“, eine Personenbeschreibung. In meiner Familie verwies sie immer auf die Haarfarbe einer Person, denn praktisch alle Menschen, die wir kannten, waren ohnehin weiss. In jungen Jahren war ich selbst mit meinen dunklen Haaren trotz Schneewittchenteint „e Tonkli“. Man konnte das auch auf der Strasse sagen, es wurde verstanden.

Aber die Welt verändert sich und mit ihr die Sprache. Vor wenigen Jahren hatte ich einen Kollegen, nennen wir ihn Riza. Er hat dunkle Hautfarbe und ist fast immer liebenswürdig und humorvoll. Damals ass ich an an guten Tagen noch in der Cafeteria mit den Kollegen, Riza war jeweils auch am Tisch. Ich wollte einer neuen Kollegin erklären, wie unser  Kollege Albin aussah, ein immer seltener auf der Redaktion auftauchender Kollege mit langen Haaren und bleichem Gesicht. „E Tonkle“, sagte ich.

Riza war gerade in einer anderen Konversation beschäftigt, aber nun schoss er herum und starrte mich ungläubig an: „Was sagst Du da?! E Tonkle?!“ Er teilte mir unmissverständlich mit, dass das eine abwertende Bezeichnung für Schwarze sei.

Nun hätte ich in Protesthaltung verfallen können, weil Riza mich vor versammelten Kollegen zurechtgewiesen hatte – obwohl ich nicht die geringste Absicht gehabt hatte, etwas Böses zu sagen. Ich könnte wehklagen, weil ein mir vertrautes Wort nun nicht mehr verwendbar ist. Ich könnte quängeln und darauf beharren, das Wort immer noch im alten Sinn zu verwenden. Aber, hey, es sind junge Menschen herangewachsen in diesem Land, ihnen gehört die Zukunft (worum ich sie nicht nur beneide), und einige von ihnen sind Schwarz. Würde ich ihnen Steine in den Weg legen, dann wäre ich eine wehleidige, grauhaarige, alte Schachtel: „E Graui“ vielleicht sogar: „e Gröiel“ – ein Gräuel.

Château d’Oex: Sommerfrische

Schlittschuhläufer während der grossen Zeit des Wintertourismus in Château d’Oex anfangs des 20. Jahrhunderts (fotografiert im Musée du Pays-d’Enhaut, in das wir vor der grossen Hitze flohen.)

Eben sind Herr T. und ich aus den Sommerferien in der Westschweiz zurückgekommen. Die letzten sieben Tage verbrachten wir in den Waadtländer Alpen, in Château d’Oex (man sagt Schato Dee, nicht Schato Döö, ich weiss nicht, warum). Auch dort oben, auf fast 1000 Metern über Meer, war es fast jeden Tag über 30 Grad. Aber nachts wurde es angenehm kühl.

In der Deutschschweiz ist der Fremdenverkehrsort mit seinen rund 3700 Einwohnern wenig bekannt. Dabei liegt er nur 15 Kilometer entfernt vom mondänen Gstaad und war früher eine beliebte Destination für englische Wintertouristen. Sie zuckelten von Montreux mit dem Zug herauf und vergnügten sich beim Schlittschuhlaufen und auf den Skiern. Doch die Skipisten am Berg sind seit 2018 „vorübergehend“ ausser Betrieb und die Seilbahn dorthin liegt weithin sichtbar still. Wahrscheinlich fällt zu wenig Schnee.

Das Dorf ist also alles andere als überlaufen, aber es lebt. Jetzt, wo die Sommersaison begonnen hat, zischen Radfahrer*innen in mitunter halsbrecherischem Tempo die Landsträsschen entlang, die Restaurants sind leidlich voll, am Wochenende steigen rote Ballone aus den Wiesen und heute und morgen sind in der Bahnhofunterführung Scherenschnitt-Tage. Château d’Oex ist auch Landwirtschaftsgebiet. Auf den Feldern riecht es nach frisch geschnittenem Heu, oft auch nach Bschötti oder nach beidem gleichzeitig.

Die Aussicht von unserer Ferienwohnung.

 

Wir fühlten uns dort – trotz Ferienwohnung mit magischer Aussicht – zunächst beengt. Wanderungen bis hinauf auf die kühlen Gipfel konnte ich wegen meiner schmerzenden Knie keine machen, unten im Tal war es zu heiss für lange Touren. Aber dann fanden wir das Museum und das Schwimmbad und machten Spaziergänge im Schatten der Wälder. Und abends taten wir manchmal nichts anderes als zuzuschauen, wie die Schatten der Nacht aus dem Tal allmählich die Berge hochkrochen.

Seit wir gestern zu packen begonnen haben, habe ich den Blues. Seit 25 Jahren sind Herr T. und ich fast jeden Sommer zusammen verreist. Fast jedesmal bin ich am Schluss auch mit einer gewissen Vorfreude wieder nach Hause gekommen, aber gestern und heute war ich ein paarmal ein richtiger Stinkstiefel. Es liegt nicht an Château d’Oex. Es liegt vielleicht daran, dass es so schöne drei Wochen waren – und dass diese Hitze etwas derart Endzeitliches hat, dass mehr als nur meine Ferien zur Neige zu gehen scheinen.

 

Schweizerdeutsch 46: Die Wirkungslosigkeit unseres Tuns

Das hed käi Iifloss of d’Vermehrig vo de Waudamäisi

Standarddeutsch: Das hat keinen Einfluss auf die Vermehrung der Waldameisen. Sinngemäss: Du brauchst Dir keine Sorgen zu machen, das hat keinerlei Auswirkung.

Herr T. und ich sind zu Besuch bei der alten Dame (89), meiner geliebten Freundin. Sie ist gebrechlich geworden und besorgt über die Weltlage. So viele Staaten üben gerade Gewalt aus, gegen ihre eigene Bevölkerung oder gegen jene unmittelbar benachbarter Territorien! Herr T. sagt, dass er die Produkte aus einem dieser Staaten boykottiere, schon seit einiger Zeit – Orangen zum Beispiel. Die alte Dame ist sofort besorgt, sie will doch alles richtig machen, schaut nach ihrer Obstschale und sagt zu mir, die direkt neben der Schale sitzt: „Schau mal auf das Label! Ist sie von dort?!“ Mir tut es bereits leid, dass wir sie verunsichert haben, und überhaupt ist das Label grün und ohne Länder-Herkunftsbezeichnung. Ich möchte sagen: „Mach Dir keine Sorgen wegen dieser einen Orange! Das hed käi Iifloss of d’Vermehrig vo de Waudamäisi.“ Das hat unsere Mutter jeweils zu uns Kindern gesagt, wenn wir etwas getan hatten, was vielleicht Auswirkungen hätte haben können, die wir nicht bedacht hatten. Aber nun bekam es plötzlich auch noch eine andere Bedeutung: Ich sah diese einzelne Orange einer alten Frau und mir wurde bewusst, wie erbärmlich gering unsere Einflussmöglichkeiten auf das Weltgeschehen sind.

Leben in der Trump-Ära: Bücher aus den USA

Wegen des Zoll-Wahnsinns von Donald Trump sollten wir jetzt keine Waren aus den USA mehr kaufen, heisst es. Bislang erschien mir das einfach. Ich wollte nie einen Harley Davidson, beim Whisky bevorzugen wir – wenn überhaupt – Marken aus den schottischen Highlands und Levi’s Jeans haben eh noch nie zu meinen Kurven gepasst. Vielleicht bestelle ich sogar Netflix ab, dachte ich, und X sollte ich mir sowieso endlich abgewöhnen.

Aber jetzt lese ich, „James“, den überwältigenden Roman des US-Autors Percival Everett. Er erzählt die Geschichte von Huckleberry Finn’s Mississippi-Reise aus der Sicht seines Schwarzen Begleiters Jim – pardon, James. Dieser ist ein entflohener Sklave und schildert eindrücklich, wie er und seine Leidensgenossen schon als Kinder lernen, sich auch sprachlich kleinmachen, um zu überleben. Sklaverei ist gewiss die entsetzlichste Form von Ungleichheit. Aber was Jim da erzählt, ist teils auch auf andere Machtverhältnisse anwendbar. Und: Der Roman ist auf bitterböse Art lustig.

Nein, auf Romane aus den USA will ich nicht verzichten, denke ich. Romanautorinnen und -autoren sind ja auch so selten Republikaner, denke ich. Wir müssen doch die Meinungsvielfalt ennet dem Atlantik aufrechterhalten helfen, denke ich. Ich will nach „James“ auch Mark Twain’s „Abenteuer von Huckleberry Finn“ wieder mal lesen. Dieses Buch werde ich mir aber doch in der Bibliothek besorgen. Und danach werden wir dann sehen, wie teuer uns die Förderung der US-Meinungsvielfalt zu stehen kommt.

Heute doch wieder zur Weltlage, weil es so wichtig ist

Seit ein paar Stunden wissen wir es: Donald Trump will den Russen die Ostukraine einfach so überlassen. Mit der EU (und der Ukraine!) hat er darüber gar nicht erst gesprochen. Er hat ausserdem gesagt: Was in der Ukraine weiter passiert, soll künftig Sache Europas sein. Amerika will sich da nicht mehr einmischen. Demnächst werden sich die Herren Trump und Putin treffen, die Position der USA liegt auf dem Tisch. Europa ist ihm egal, die Demokratie sowieso.

Dass Trump ständig Anstalten macht, den USA Kanada, Mexiko, Grönland und den Panamakanal einzuverleiben, ist ein weiteres Indiz dafür, dass er zumindest versucht, eine neue Weltordnung zu schaffen. Grönland soll wohl als Pufferzone gegenüber Russland dienen. Die Partnerschaft mit der EU scheint Trump egal. Unsere 80 Jahre alte Nachkriegsordnung, in der wir es doch recht gemütlich hatten, zerfällt vor unseren Augen. Bald könnten wir einem hoch aggressiven Russland allein gegenüberstehen.

Für die kleine Schweiz heisst das jetzt: Neutralität wäre schön und recht. Aber es ist ein Konzept aus dem 19. Jahrhundert. Wir sollten mit unseren europäischen Nachbarn zusammenstehen, um uns gegen Putin verteidigen zu können. Und eine angstvolle Bitte an Euch Deutsche: Wenn ihr in zehn Tagen wählt, dann vergesst nicht: Die Lage ist sehr viel ernster als uns allen lieb sein kann. Ihr braucht eine Regierung, die – zusammen mit der EU – einer solchen Herausforderung gewachsen ist.

Hier eine gute Zusammenfassung der ganzen Sache.

 

Schweizerdeutsch 20: Zankereien

Zum Schtriite bruchts immer zwöi.

Auf Standarddeutsch: „Zum Streiten braucht’s immer zwei.“

Erläuterungen: Mein kleiner Bruder und ich waren als Kinder ein streitsüchtiges Gespann. Wenn wir schliesslich sogar über die Frage zankten, wer angefangen hatte, pflegte meine Mutter den obigen Satz zu sagen. Daran habe ich lange Jahre geglaubt und bei jedem Streit versucht, beide Seiten zu sehen. Heute frage ich mich oft schon im Kleinen: Stimmt der Satz wirklich? Oder ist der Angreifer einfach ein Rüpel, der reinhaut, weil er es eben kann?

Wenn es um die globale Gemengelage geht, dann kann ich im Moment  nur Herfried Münklers „Welt in Aufruhr“ empfehlen: Münkler ist sachlich. Er geht von der Position aus, dass kriegführende Staatsoberhäupter einen Plan haben und ihre eigenen Motive verstehen. Auch wenn mein Bruder, auf dessen politisches Urteil ich mich mittlerweile gerne stütze, sagt: „Donald Trump hat keinen Plan. Er hat keine Ahnung, was er tut.“

Schweizerdeutsch 14: Fremdwörter sind Glückssache

Fondue-Öfchen, meist Rechaud genannt. Bei Gebrauch nimmt man den gelben Deckel unten ab, giesst Sprit in die Öffnung und zündet ihn an. Dann stellt man den Käse oben drauf und hält ihn so warm. (Bild: Galaxus.ch)

„Das esch ned mis Reschoo.“

Heisst auf Hochdeutsch: „Das ist nicht mein Rechaud.“ Wobei mit „Rechaud“ vermutlich ein Fondue-Öfeli gemeint ist. Die Redensart ahmt im Spott eine ungebildete Person nach, die eigentlich sagen will: „Das gehört nicht in mein Ressort.“ Oder: „Davon verstehe ich nichts.“ Oder, selbstironisch: „Fremdwörter sind Glückssache.“

Erläuterungen 1: Neulich schrieb ich in einem Whatsapp an eine Freundin das Wort „Misogynie“ mit zwei „Y“, also: „Mysogynie“. Als ich den Fehler bemerkte, war es mir erst furchtbar peinlich. Dann hörte ich Geiste das Gelächter meiner leider im letzten Sommer verstorbenen Freundin Reni. Sie war etwas älter als die anderen in unserer Jugendclique. Irgendetwas hatte ihrem Selbstvertrauen schon schwer zugesetzt, als sie zu uns stiess. Sie beschränkte sich im Leben auf kleine Ressorts und sagte zu allem anderen oft:  „Das esch ned mis Reschoo.“ Und dann lachte sie, ein Weltgelächter. Ich vermisse sie!

Erläuterungen 2: Wir leben gerade in einer Zeit, in der ein US-Medienunternehmer auch noch ein ganzes US-Ministerium zu seinen Rechauds zählen darf. Und jetzt masst er sich an, auch noch die europäische Politik zu seinem Rechaud zu erklären und giesst ungeheuerlich viel Sprit hinein. Ich fürchte, er setzt noch die ganze Stube in Brand!