Klimawandel: „Warum habt Ihr nichts getan?“

Eines Tages werde ich vielleicht eine Grossnichte haben, nennen wir sie Ophelia. Sie wird zu mir sagen: „Ihr habt doch gewusst, dass der Klimawandel kommen wird. Warum habt Ihr nichts getan?“

Dann werde ich sagen: „Ja, wir haben es gewusst. Im Gymnasium haben wir noch vor 1985 das Wichtigste über den Treibhaus-Effekt gelernt. Gleichzeitig drohte auch das Waldsterben, und es drohte ein Ozonloch. Das alles hat mir damals grossen Eindruck gemacht. Ich beschloss, nicht Auto zu fahren und neigte politisch zu den Grünen. Aber ich hatte Kollegen, denen das alles egal war. Kaum 18, fuhren sie mit stolzgeschwellter Brust und Papas Karre auf den Parkplatz vor der Schule.“

„Wie konnten sie nur?!“ wird Ophelia sagen.

„Nun ja, sie sahen sich als Yuppies – und die zeigten gerne ihren Zaster.“

„Was ist ein Yuppy?“ wird Ophelia fragen.

„Yuppies ist eine Abkürzung für „Young Urban Professionals“. Das waren junge, karrierebewusste Anwälte, Ärztinnen, Betriebswirte“, werde ich sagen. „Sie waren hemmungslos hedonistisch. Weisst Du, später habe ich gesehen, dass es etwas Verwegenes hatte, diese ganzen Umweltbedenken in den Wind zu werfen und zu sagen: ‚Verzicht ist etwas Kleinbürgerliches. Ich habe das nicht nötig und auch gar keine Zeit dafür. Sollen sich andere darum kümmern, wenn es überhaupt ein Problem ist.‘ Aber bei mir war das nicht so, jedenfalls nicht am Anfang. In meiner WG an der Uni waren wir zu dritt und alle sehr umweltbewusst.“

„Und was ist dann passiert?“, wird Ophelia fragen.

„Ja, dann bekam ich erste Zweifel. Das Waldsterben wurde abgewendet, und das Ozonloch auch. Und viele fanden die Grünen einfach nur verschroben. Manchmal ging es mir auch so. Eines Abends diskutierten wir in der WG über die Frage, ob das Joghurt aus dem Kartonbecher oder jenes aus dem Glas die bessere Öko-Bilanz habe. Das fand ich absurd, denn wenige hundert Meter weiter tobte vierspurig der Autoverkehr. Warum sollte ich über Spitzfindigkeiten bei meinem Konsum nachdenken, wenn der Umweltschutz so vielen anderen am Allerwertesten vorbeiging?“

„Du hättest Dich nicht beirren lassen dürfen durch das, was alle anderen machten,“ findet Ophelia.

„Ja, stimmt, aber ich suchte eben meinen Standpunkt.“

„Habt Ihr Fleisch gegessen?“ wird Ophelia fragen.

„Manchmal. Damals wurde Fleisch noch nicht als Treiber des Klimawandels angesehen.“

„Seid ihr geflogen?“

„Ja“, werde ich sagen, „Wir sind sogar viel geflogen. Reisen brachten Weltwissen und Spass. Über unsere Reisen definierten wir, wer wir waren. Niemals hätten wir uns das nehmen lassen.“

„Und später hast Du dann sowieso den Klimaschutz in den Wind geworfen?“

„Nicht ganz. Aber einmal habe ich einen Job nicht bekommen, weil ich nicht Auto fahren konnte. Danach habe ich sogar das gelernt. Aber wenn Du nicht gerade in der Forschung gearbeitet hast, dann warst Du in der Arbeitswelt voll in der Logik des Konsums.“

„Du kannst mich mal mit Deiner Logik des Konsums“, wird Ophelia sagen.

Spaziergang im Starkregen


Heute Morgen, 9.30 Uhr, Unter der Egg in Luzern. Normalerweise kann man auf den quer gelegten Baumstämmen sitzen und gemütlich die Beine Richtung Reuss strecken, ohne nasse Füsse zu bekommen. Weiter oben: Sandsäcke, in Plastik verpackt.

Wasser trommelt auf meinen Schirm, Tropfen fallen mir auf die Hände und Beine. Pitschpatsch. Pitschpatsch. Ich gehe heute zu Fuss zur Arbeit, ich will den Wasserpegel an der Reuss sehen. 40 Minuten bis ins Büro. Pitschpatsch. Ich mag Regenspaziergänge, aber das hier ist mehr als Regen. Die Tropfen fühlen sich dickflüssig an, sie tippen mich an wie wütende Finger. Es regnet seit Wochen. Nicht ununterbrochen, manchmal scheint einen Tag lang die Sonne. Doch schon in der Nacht danach beginnt der Himmel wieder, ein Meer über uns auszuleeren.

Nachrichten von drohenden Überschwemmungen beobachte ich mit einer Mischung aus Sorge und Sensationslust. Wir leben hier in einem Regenloch. Mit meinen 56 Jährchen kann ich mich an Dutzende Unwetter erinnern, auch an Katastrophen: 2005 wurde die Kleine Emme über Nacht ein wütender Strom. Ihre braunen Fluten rissen Strassen mit und überschwemmten ganze Vorortsquartiere. Das war das Jahrhunderthochwasser. 2015 tötete ein zum Sturzbach gewordenes Rinnsal im Dorf Dierikon eine Frau in einem Keller. Trotz all dem wecken solche Ausnahmezustände oft auch Heiterkeit. Sie heben die ungeschriebene Regel auf, dass man in der Stadt nicht mit Fremden spricht. Plötzlich entdeckt man den Galgenhumor Unbekannter.

Aber jetzt ist kaum jemand unterwegs, obwohl Markttag ist. Am Reussufer liegen Sandsäcke, bedeckt von grünlichem Plastik. Bald wird der Fluss über die Ufer treten. Ich mache ein paar Bilder und schaue, dass ich weiterkomme. Pitschpatsch. Im Geschäft angekommen, klebt mir das Haar an der Stirn, und meine graue Hose ist schwarz vor Nässe bis zu den Knien.

In den Ferien im Juni haben wir zugeschaut, wie der Hagel eine weisse Decke auf die Strassen von Les Bois im Jura legte. Wenig später gab es auch in Luzern ein Hagel-Grossereignis. «Die hohe Zerstörung, welche das Gewitter anrichtete, war selbst für Experten unvorstellbar», schrieb die Gebäudeversicherung. Sie verzeichnete 12000 Schadenfälle und 150 bis 200 Millionen Franken Schaden. Ganze Häuserzeilen sind unbewohnbar, weil der Hagel die Dächer zerstörte. Die Rede ist vom «grössten Elementarereignis seit 16 Jahren». Beim Jahrhunderthochwasser von 2005 beliefen sich die Schäden im Kanton Luzern auf rund 590 Millionen Franken (Luzerner Zeitung vom 6. Juli).

Um 16 Uhr gehe ich nach Hause, auf dem gleichen Weg. Es regnet sanft. Auf der Brücke stehen Männer und fotografieren den Pegelstand. Er ist höher als am Morgen. Vor dem Theater Feuerwehrautos. Die Wetterprognose für die nächsten Tage: Regen, Regen, Regen.

Pelatischiessen – ein kurzer Text über Tomaten

Das Pflänzchen auf dem Bild ist meine allererste eigene Tomatenstaude. Immer habe ich davon geträumt, eigene Tomaten zu ziehen. Ich liebe den Duft von Tomatenstauden, und die roten Kugeln aus dem Supermarkt schmecken mir oft nicht mehr. In unserer alten Wohnung war der Balkon zu klein für Gartenexperimente. Aber jetzt haben wir eine schöne, grosse Loggia. Das Pflänzchen bekam ich von einer Nachbarin aus der Nummer 6, im Austausch gegen unseren Borretsch.

Jeden Morgen besuche ich als erstes mein Balkongärtchen. Ich rieche an den Tomatenblättern, schaue nach dem Basilikum, den wir im April knapp vor dem Eingeschneitwerden retten konnten. Ich staune darüber, wie der Borretsch plötzlich wuchert.

„Und dann gab es ein Pelatischiessen“, sagt Herr T. beim Kaffeetrinken. Pelatischiessen? Meine Ohren spinnen wieder, es ist krass. X-mal sagt Herr T. „Pelatischiessen“. Er berichtet von einem Fussballmatch, den er gesehen hat. Am Schluss stand ein Unentschieden, und es gab ein episches Pelatischiessen. Dann kamen die Goalies zum Zug, und dann gewann Villareal. So viel habe ich verstanden.

Einen Tag später steht es auf allen Online-Portalen: Die Schweiz bricht mit der EU. Ich möchte aufstehen und Tomaten kaufen, eine dünnschalige Sorte, oder vielleicht auch Pelati. Ich würde sie unseren sieben Bundesräten mit der ganzen Wucht meines Zornes an den Kopf schleudern. Dass sie es soweit haben kommen lassen!

Kommt jetzt der Schwexit?


Die Schweizer Regierung – sie lächeln, aber sie haben keinen Plan für unsere Zukunft mit der EU. (Quelle: admin.ch)

Erinnert sich noch jemand an die Monate vor dem Brexit? An diese verstörende Zerfahrenheit des britischen Parlamentes während der Amtszeit von Theresa May? Erinnert sich noch jemand, wie dann Boris Johnson kam, das Parlament kurzerhand entmachtete und die Brexit-Felsen mit dem Presslufthammer durchbrach?

Well. Die Schweiz ist gerade in der Theresa-May-Phase – oder sogar schon am Ende davon. Gestern habe ich hier hier gelesen, am Mittwoch werde unsere Regierung wohl die laufenden Vertragsverhandlungen mit der EU abbrechen. Das heisst, dass jetzt so etwas wie der Schwexit kommt. Die alten Verträge bleiben zwar bestehen. Aber Brüssel wird brüskiert sein. Es ist das Ende siebenjähriger Verhandlungen, und wir schmeissen einfach den Bettel hin. Die Bühne für einen wie Boris Johnson wäre parat.

Wir in der Schweiz sollten alle bis ins Mark geschockt sein, auch wenn wir es haben kommen sehen. Die EU war doch einmal ein grosses Friedens- und Wohlstandsprojekt. Was ist bloss passiert? Nun, die Linken sagen: „Der Vertrag wird die Schweizer Löhne in den Keller treiben. Wir können uns das nicht leisten.“ Die Rechten sagen: „Die EU will uns unsere Volksrechte wegnehmen.“ In der Mitte rufen alle durcheinander. Und auf der Strasse versteht fast niemand, was Sache ist. Der neue Vertrag ist zwar im Internet gut auffindbar (hier), aber er ist 37 Seiten lang und schwierig zu lesen. Beim zweiten Versuch bin ich bis zur Seite 7 gekommen.

Nun, streng genommen war die Schweiz ja nie Mitgliedsstaat der Europäischen Union. Wir haben aber ein bestehendes Vertragswerk, das uns eng an sie bindet – die Bilateralen. Und wir haben unzählige EU-Gesetze „autonom“ nachvollzogen. Umringt von EU-Mitgliedstaaten wollen wir schliesslich mit den Nachbarländern möglichst ungehindert Geschäfte machen. Dass vor allem die EU diese Schattenmitgliedschaft etwas verbindlicher festgelegt haben möchte, ist nachvollziehbar. So kam es zu Verhandlungen über einen so genannten Rahmenvertrag, der alles auf neue Füsse gestellt hätte. Die Verhandlungen standen kurz vor dem Abschluss.

Jede Verhandlung mit der EU war und ist für die politisch interessierte Schweizerin eine Nervenprobe. Es geht um existenzielle Fragen, und während in den Hinterzimmern von Brüssel verhandelt wird, sollen wir gleichzeitig möglichst viel und möglichst wenig wissen. Solche Verhandlungen sind ja aus guten Gründen geheim. Gleichzeitig werden wir am Schluss über das Resultat abstimmen und sollen informiert sein. Beruhigend war früher, dass die politischen Fronten erwartbaren politischen Bruchlinien entlangliefen: Ausser den Rechten waren alle immer für neue Verträge. Beruhigend war auch, dass die Schweizer Unterhändler gewiefte Diplomaten waren und jeweils einen Plan nach Brüssel brachten.

Diesmal sind die politischen Fronten unübersichtlich. Wir haben bereits die dritte Chefunterhändlerin, und die Regierung lächelt und hat keinen Plan.

Einen Boris Johnson werden wir wahrscheinlich nicht bekommen. Die Schweizer Politik ist nicht gemacht für Leute, die den politischen Felsen mit dem Presslufthammer zerhauen. Bei uns schmirgeln und meisseln alle mit verkniffenen Mienen, bis wir alle gleich grosse Steine haben. Das eigentlich etwas Gutes. Aber ich frage mich, ob die EU Geduld hat, bis wir fertig gemeisselt haben

Auch wenn ich gerne auf Boris Johnson verzichte: Ich muss gestehen, ich mache mir Sorgen.

Ein Gespräch über Rapsfelder


In der Schweiz blühen die Rapsfelder – und es toben Diskussionen über eine zerstörerische Landwirtschaft.

Neulich fuhren Herr T. und ich mit dem Zug über Land. Ich schaue aus dem Fenster und sage: „Schau mal, so ein schönes Rapsfeld!“ Herr T. blickt von seinem Tablet auf und antwortet: „Tjaaa, Rapsfelder stellen ein besonderes Problem dar. Man kann Raps nicht ohne den gezielten Einsatz von Pflanzenschutzmitteln anbauen.“ Ich verdrehe die Augen. Ich meine: Können wir in diesem Frühling nicht einfach die Schönheit eines blühenden Feldes bestaunen, ohne gleichzeitig an Pestizide zu denken?!

Nein, können wir nicht. Wir stehen wieder mal vor einer Volksabstimmung, am 13. Juni, und diesmal geht es um unsere Landwirtschaft und unser Trinkwasser. Diesmal müssen wir uns unbequeme Fakten vor Augen führen. Fakt ist zum Beispiel: Die Gifte aus der Landwirtschaft stellen in unserer sauberen Schweiz eine ernst zu nehmende Gefahr für unser Wasser dar (übersichtliche Zahlen gibt’s hier).

Ich habe immer gewusst, dass unsere Landschaft nicht reine Natur ist. Der relativ flache Teil der Schweiz ist klein und eine einzige, riesige Kulturlandschaft, seit Jahrhunderten. Aber dass diese Landschaft heute über sehr weite Strecken eine grüne Wüste ist, ein mit Giften aller Art hochpoliertes, auf Höchstproduktivität gezüchtetes Kunstprodukt – ich habe es lange Zeit nicht so genau wissen wollen. Jetzt komme ich nicht darum herum: Ich muss einsehen, dass unser Lebensstil und mithin unsere Landwirtschaft 60 Prozent unserer Insekten und Vögel und tonnenweise so genanntes Unkraut vernichtet haben. In Deutschland ist es übrigens nur wenig besser, wie der süddeutsche Ornithologe Peter Berthold hier sehr anschaulich erklärt. Und: Das Gift sammelt sich im Wasser und in den Böden an und bleibt schädlich, für Jahrzehnte.

Die Trinkwasserinitiative, über die wir am 13. Juni abstimmen, will nun jenen Bauern die Bundesgelder streichen, die weiterhin Pestizide benutzen. Das ist eine steile Ansage, und Bäuerinnen und Bauern laufen Sturm gegen die Vorlage. Ihre Wortmeldungen sind oft von epischer Breite, die Zusammenfassung lautet ungefähr: „Das können wir nicht, und das wollen wir nicht, und Ihr ahnungslosen Städter sollt uns gefälligst nicht sagen, wie wir unseren Job zu machen haben.“

Wahrlich, ich habe Respekt vor den Bauern. Und ich weiss, dass meine Unwissenheit über die Landwirtschaft episch ist. Und doch spiele ich mit dem Gedanken, Ja zu stimmen. Ein taktisches Ja nennt man das hierzulande. Mit einem taktischen Ja gibt man zu, dass man eigentlich keine Ahnung hat – aber dass man will, dass sich etwas ändert.

Würfelzucker

Am Dienstag wollte ich in unserem Quartier-Coop eine Packung Würfelzucker kaufen. Ich stand vor dem Gestell mit dem Zucker und liess meine Augen über das Angebot schweifen. Es ist unglaublich, wie viele zuckerartige Produkte es auch in einem kleinen Coop gibt: Kristallzucker und Feinkristallzucker, Rohrzucker und Rohrzucker in Würfeln, Assugrin, Xylit sowie Stevia-Pulver und Stevia in kleinen Tabletten. Dazu Agavensirup, Ahornsirup, Melasse und Birnel. Und Feinkristallzucker in kleinen Portionenbeuteln aus Papier. Aber den wollte ich nicht, wegen der Papierverschwendung. Hundsgewöhnlichen Würfelzucker jedoch gab es keinen. Ich fragte die junge Frau, die in der Nähe ein Gestell auffüllte. „Ja, tut mir leid“, sagte sie, „Wir bekommen im Moment tatsächlich keinen geliefert. Ich weiss nicht, woran das liegt.“

Ich war befremdet. Ich meine: Zum kultivierten Alltag gehört eine Tasse Kaffee am Morgen mit einem Stück Würfelzucker. Und dazu die Zeitung.

Nun sind wir Ü50 uns gewöhnt, dass uns das Leben lieb Gewonnenes wegnimmt – ganze Warenhausketten schliessen, die CD braucht es nicht mehr, die DVD auch nicht, die Gesundheit lässt nach, Bloghosts machen dicht, neue Datenschutzregeln erschweren den Kontakt zu alten Bloggerkollegen plötzlich enorm. Auch das Ende der geliebten Zeitungslektüre am Morgen rückt von Jahr zu Jahr näher. Aber Würfelzucker? Ich hätte es als selbstverständlich erachtet, dass der Print-Journalismus vor dem Würfelzucker verschwindet.

Nachdenklich trug ich meine anderen Einkäufe nach Hause. Ist Würfelzucker unmodisch geworden, fragte ich mich. Aber ich lese doch viel. Ich hätte es doch mitbekommen, wenn der urbane Lifestyle plötzlich verlangen würde, dass man am Morgen Agavensirup in den Espresso giesst.

Ich grübelte vom Dienstagabend bis zum Donnerstagmorgen. Im Büro googelte ich sogar kurz „Würfelzucker“. Am Donnerstagabend beschloss ich, mal in der kleinen Quartier-Migros neben unserem Quartier-Coop nach Würfelzucker zu suchen.

Dort gab es ihn in Hülle und Fülle.

Klaps auf den Hintern

Bis vor wenigen Tagen fand ich, die #metoo-Debatte gehe mich nichts an. Ich meine, man kann doch in den meisten Fällen einfach „hören Sie bitte auf“ sagen oder davonlaufen. Dachte ich.

Dann hatte ich den Kunden C. aus E. am Telefon. Ich kenne ihn schon lange. Er ist Ü70, vielleicht sogar Ü80 und schwadroniert gerne über Politik. Er ist entschieden gegen Homosexualität und entschieden für den Papst. Ich höre ihm jeweils ein bisschen zu und sage möglichst wenig, schliesslich ist er ein Kunde.

Kunde C: „Und, Frau F., wie halten Sie es denn mit dieser #metoo-Sache? Finden Sie das gut, dass diese Frauen so ein Drama machen?“
Ich: „Ach, Herr C., sie wissen doch, dass ich meine Meinung zu solchen Sachen am Morgen beim Sekretariat abgebe.“
Herr C.: „Aber Frau F., wenn ich jetzt …, also ich meine, … also, das sollte ich Ihnen eigentlich gar nicht sagen, aber … wenn ich jetzt einer Frau einfach einen Klaps auf den Hintern gebe, das kann doch nicht so schlimm sein, oder?“
Ich: „…“

Hinterher sind mir ein halbes Dutzend adäquate Antworten eingefallen, zum Beispiel: „Das hätten Sie jetzt tatsächlich nicht zu mir sagen sollen.“ Oder: „Wie wäre es denn, wenn Sie einem Mann einen Klaps auf den Hintern geben würden?“ Aber im Moment war ich einfach nur platt.

Seither wünsche ich mir, dass gewisse Männer besser auf die Stimme ihres Anstands hören würden. Dass wir in einer Welt leben könnten, in der ein „hören Sie auf damit“ nie schlecht fürs Geschäft ist. Und ich glaube, ich werde bald irgendwo ein Schlagfertigkeitstraining starten.

Pussies

Seit Stunden schaue ich mir Bilder von den Women’s Marches an, die gestern weltweit gegen Donald Trump stattgefunden haben. Dass die Amerikaner diesen Milliarden-Pleitier und Menschenverächter zum Präsidenten gemacht haben, schockiert mich noch immer zutiefst. Das ist ein GAU für die Demokratien des Westens. Der Aufstand der Frauen kommt spät, aber er kommt Gottseidank, und er ist wunderschön, witzig und überwältigend gross. Möge ihm bald die Absetzung des neuen Präsidenten folgen!

Düster, düster

Die Weltlage ist ungemütlich, auch in unserem kleinen Europa. Seit der Brexit-Abstimmung ist der Zerfall der Europäischen Union in den Bereich des Möglichen gerückt. Der Klimawandel schickt schon mal seine Regenfluten voraus. Und wenn man gewissen Experten glauben will, hat die so genannte Flüchtlingskrise eben erst begonnen.

Früher, denken, früher war alles besser. Wir hatten Gewissheiten: Die EU wird weiter wachsen. Wir werden immer einen Job haben (wenn wir uns nicht zu blöd anstellen), und für unsere Kinder wird alles gut. Und das mit dem Klimawandel: Naja, das sagt man uns seit dreissig Jahren. Aber wir wären ja blöd gewesen, wenn wir deswegen auf’s Fliegen verzichtet hätten. Alle anderen haben das schliesslich auch nicht getan.

Ja, eben. Dieses Horrorszenario kennen wir seit zwanzig Jahren. Überhaupt gab es eigentlich immer jede Menge Schrecknisse am Horizont. Wer sich nicht daran erinnert, verklärt die Vergangenheit. Meine Mutter hat einmal gesagt: „Als du zwei Jahre alt warst, hatten wir den Sechstagekrieg. Wir hatten schon Angst, dass daraus ein Weltkrieg wird. Und du warst doch noch so klein.“ Meine Mutter war nicht mit der Gewissheit geboren, dass es nie wieder Krieg geben wird. Sie hat Jahrgang 1942. Aber wer erinnert sich hier in der Gegend heute noch an den Sechstagekrieg?

Bis zu meinem 24. Lebensjahr war sowieso Kalter Krieg mit allem, dazugehörte: Atombomben, Stellvertreterkriege in Vietnam und Afghanistan, dem bösen Kommunismus. Wer damals in die Kristallkugel blickte, sah nichts als Tod, Zerstörung und Knechtschaft.

Als ich 16 war, kam die Horrorvision vom Waldsterben. Ich erinnere mich noch gut, wie ich als junges Mädchen in unserer Gegend durch den Wald fuhr und die Abgas-Schäden zu sehen versuchte.

Als junge Menschen liebten wir es, nach ein paar Gläschen Wein richtige Horrorszenarien auszumalen. Eines Abends im Jahre 1991 sassen wir in einem Industrievorort meiner Stadt. Wir begannen aufzuzählen, welche Fabriken verkauft worden waren, welche Leute entlassen hatten und welche demnächst schliessen würden. Es drohte Massenarbeitslosigkeit. Wie sollte das herauskommen? Was würde aus all diesen Leuten werden?

Aber die entlassenen Büezer fanden irgendwo wieder Arbeit. Gegen das Waldsterben erfand man den Katalysator. Und der Kommunismus brach eines Tages einfach in sich zusammen.

Ich will nicht sagen, dass wir diesmal auch so glimpflich davonkommen. Ich sage nur: Früher gab es auch Horrorszenarien. Nicht alle sind Realität geworden.

Mein Beitrag zum siebten Wort von Dominik Leitners famosem Projekt *txt. Das Wort heisst „verklären“.