Der Journalist

„Ein paar Jahre war ich bei den ‚Kleinstädter Nachrichten“, sagt Hörbi, mein neuer Bierbekannter. „Oh“, sage ich, „dann kennst Du all die alten Kämpfer dort – Reto Windlinger, Walter Hämmerli …?!“ Ich erinnere mich selber gut an die beiden. Ich war den früher nuller Jahren Redaktorin beim ‚Mittelstädter Anzeiger‘. Damals tauschten wir täglich Berichte mit den Kleinstädter Kollegen aus.

„Jaja, Reto Windlinger!“ Hörbi lacht vergnügt in sich hinein. Ich auch. Reto Windlinger – Kürzel „wir.“! Die Seele der Kleinstädter Nachrichten. Manchmal schob er wochenlang Dienst, fast jeden Tag, von mittags bis spät in die Nacht hinein. Füllte alles ab, setzte Titel und Bildlegenden, verhandelte mit freien Mitarbeitern und uns Mittelstädtern. „wir.“ war kein Alphatier, kein Blattmacher-Typ, mehr der stiller Schaffer. Er errötete schnell. Aber er war routiniert und verlässlich. Knurrte höchstens ein bisschen herum, wenn andere im Tohuwabohu längst die Nerven verloren hätten. Seine Berichte über die häufigen Finanz-, Spar- und Budgetdebatten im Kleinstädter Kantonsrat waren kompetent, wenn auch da und dort etwas holprig geschrieben. Das Theater liebte er – seine Kurzbesprechungen aus der Kleinstädter Kleintkunstbühne enthielten Herzblut, man merkte es. Über sein Privatleben wusste niemand etwas.

„Ja, und dann wurde Reto pensioniert“, sagte Hörbi. „Wir feierten seinen Abschied, und dann fuhr er mit der S-Bahn nach Hause. Und am nächsten Tag sass er wieder in seinem Büro und arbeitete. Und am übernächsten Tag auch. Am dritten Tag sagte der Chef zu ihm. ‚Reto, Du bist jetzt pensioniert. Du bekommst keinen Lohn mehr.‘ Nichtsdestrotrotz kam Reto am nächsten Tag wieder. Und so jeden Tag. Ab und zu schrieb er noch über Parlamentssitzungen. Er ging noch ins Theater. Und sonst – ich weiss es nicht.

Nach drei Monaten sagte der Chef: ‚Reto, Du musst jetzt Dein Büro räumen. Wir haben hier gar keinen Platz mehr für Dich.‘ Ein paar Wochen lang passierte gar nichts. Reto kam immer noch fast täglich. Erst allmählich begann er, Papierstapel aus seinem Büro hinauszutragen. Kubikmeterweise. Tage-, nein, wochenlang trug er Stapel hinaus, einen nach dem anderen. Den einen oder anderen Stapel andere stopfte er einfach in die Büchergestelle anderer Kollegen. Und manchmal sah man ihn auch mit einem Stapel wieder in sein Büro hineingehen.“

„Um Gottes Willen“, sagte ich.

„Jemand anderes bekam dann sein Büro. Aber er kam immer noch. Er arbeitete einfach an Schreibtischen von Kollegen, die gerade frei hatten. Manchmal ass er an den Schreibtischen der Kollegen und hinterliess Spuren – Brotbrösmeli oder die Ränder von Kaffeetassen. Das sorgte für Unmut, sage ich dir!“

„Und jetzt? Ist er immer noch dort?“ frage ich.

„Ich habe keine Ahnung“, sagt Hörbi. „Irgendwann bin ich weg von den ‚Kleinstädter Nachrichten‘.“

Das ist mein Beitrag zum ersten neuen Wort im Projekt *txt auf neonwilderness – „nichtsdestrotz“.

Fernbeziehung

„Er hat eine Stelle in Berlin in Aussicht. Wenn er die bekommt, na, dann haben wir eben wieder eine Fernbeziehung. Schon wieder“, sagte meine Lunch-Bekannte Elfie. Sie wohnen erst seit kurzer Zeit zusammen. „Ich hatte auch mal eine Fernbeziehung“, sagte ich. „Das war während meines Studiums. Er war in Luzern, ich in Bern. Eine Stunde vierzig war das damals mit dem Zug.“

„Das kann man ja kaum eine Fernbeziehung nennen!“ lacht Elfie. Ja, klar. Heute ist das keine Fernbeziehung mehr. Heute ist Hamburg-Zürich das Minimum. Alles andere ist kleinkariert. Fernbeziehungen sind Status-Symbole. Wenn man schon die Strapazen einer vierstündigen Zugfahrt mit einem Hörsturz bezahlt wie ich, fällt einem das auf. Das Gegenüber sagt dann nicht nur: „Ich habe eine Fernbeziehung.“ Es sagt auch: „Ich bin stark. Ich brauche den Liebsten nicht täglich an meiner Seite.“ Und: „Ich bin tough. Ich habe die Kraft für diese Reisen.“ Und: „Ich habe einen intimen Kontakt in einer fernen, grossen Stadt. Ich habe ein aufregendes Leben.“

Nun gut, vielleicht hat Elfie das alles gar nicht mitgemeint. Elfie ist jung, klug und wirklich sehr liebenswürdig.

Aber ich habe es damals mitgemeint. Ich wusste es nur noch nicht. Bern-Luzern ging damals als Fernbeziehung noch ziemlich gut durch.

Ich sage Elfie dann doch nicht, was ich damals gelernt habe: dass eine Fernbeziehung erst richtig aufregend wird, wenn aus ihr eine Nahbeziehung werden könnte. Dann fallen die Antworten auf die wirklich wichtigen Fragen: Bin ich tatsächlich stark? Oder habe ich mich nur für stark gehalten, weil er mich aus diskretem Abstand beschützt hat? Bin ich schon bereit, die Ketten der Monogamie definitiv zu tragen? Schrecke ich zurück, wenn ich die Schnappfalle Mutterschaft aufblitzen sehe? Manchmal fallen sie dann wie Hackebeilchen, die Antworten.

„Distanz“ heisst das sechzehnte Wort im Projekt *txt auf neonwilderness. Das hier ist mein Beitrag.

Wenn Funken sprühen

Normalerweise ist alles ganz einfach, wenn Dominik uns ein Stichwort für sein Projekt *txt gibt. Ich mache in meinem Kopf ein sandiges, dunkles Plätzchen frei. Dann setze ich Regisseurin Frogg davor auf einen Stuhl. Sie wartet. Irgendwann kommen die Ideenfünkchen, eins ums andere. Wir lassen sie Revue passieren, sich drehen und wenden – und plötzlich springt Regisseurin Frogg auf und ruft: „Das ist es!“ Dann machen wir aus dem Fünkchen ein Feuerwerk – oder versuchen es wenigstens.

Doch dann kam das fünfzehnte Stichwort. „‚Tanz'“, maulte Regisseurin Frogg. „So etwas Blödes!“ Und tagelang wagte sich nur ein einziges, müdes Fünkchen hervor: die Mauerblümchen-Episode. „Naja, dann werde ich mich eben wiederholen“, seufzte Regisseurin Frogg. Aber dann war ihr selbst das Sich-Wiederholen zu blöd.

Wir prügelten ein paar andere Fünkchen heraus. Die Erinnerung, wie das damals war in den Discos unserer Vorstädte. Wie wir die Haare im Licht der Leuchtkugeln flackern liessen. Wie die Jungs aus den Fabriken Luftgitarre spielten. Aber sorry, lästerte Regisseurin Frogg, das waren unsere kleinen Privat-Ekstasen – das ist doch keine Geschichte!

Da waren noch zwei, drei andere Fünkchen. Ich habe viel getanzt, schon als kleines Kind. Doch Regisseurin Frogg gähnte immer nur. „Das interessiert mich nicht“, sagte sie gereizt. „Diesmal passen wir.“

„Was ist denn los?“ bohrte ich nach. Da stand sie auf, schleuderte zornig ein paar Schreibwerkzeuge durch die Gegend und sagte: „Es ist die verdammte Schwerhörigkeit! Aber ich will nicht schon wieder über die verdammte Schwerhörigkeit labern!“

Da drehten wir uns um, denn plötzlich leuchtete eine richtige Flamme auf unserem Sandplätzchen. Es war die Erinnerung daran, wie ich zuletzt getanzt habe. Zu Hause, vor drei, vier Jahren – ich wusste schon, dass ich schwerhörig werden würde. Ich wusste schon, wie sich das anfühlt: Musik verliert ihren Geschmack, ihre klaren Linien, ihr Leuchten, mit dem sie uns mitten im Körper trifft. Damals konnte ich die Taubheit noch aufhalten. Ich tanzte gegen sie an – zu allem, was ich finden konnte – zu den Stones und Arcade Fire, zu 16 Horsepower, The Clash, Fleetwood Mac und dem Buena Vista Social Club. Ich tanzte wie eine Furie.

Diese Zeit kommt nicht wieder – aber deshalb muss mich niemand bemitleiden. Nie hat jemand getanzt wie ich damals. Schon die Erinnerung setzt mir fast die Kleider in Brand.

Freud’scher Verhörer

„Sie haben gestern Abend ihr ganzes Programm ungeplagt gespielt“, sagte Herr T. Er sprach von einer Band. „Ungeplagt?! Hä!?“ fragte ich. Aber Herr T. redete einfach weiter und irgendwann begriff ich: Er hatte nicht „ungeplagt“ sondern „unplugged“ gesagt.

Mir war wieder mal ein Mondegreen passiert. Mondegreens passieren Schwerhörigen oft: Man hört zu, es muss schnell gehen, man verhört sich. Ich habe auch schon über sie geschrieben – darüber, wie aus Bohnenallergikern Pollenallergiker werden und so. Oft sind sie einfach lustig. Aber manchmal geben sie wie Poesie etwas über den Seelenzustand eines Menschen preis.

So habe ich nach einem ungeplagten Konzert seit Jahren eine tiefe Sehnsucht. Ich meine: Ich gehe ja schon lange nicht mehr an Konzerte, denn Musik tut mir Menière-Patientin weh in den Ohren, ist immer zu leise oder zu laut oder beides gleichzeitig. Kurz: eine Plage.

Ich musste an Freud’sche Versprecher denken. Ihr wisst schon: Jene sprachlichen Fehlleistungen, bei denen wir unwillkürlich zum Besten geben, was wir wirklich denken oder uns wünschen. Ob es auch Freud’sche Verhörer gibt?

Ich habe auch noch ein paar neue Mondegreen-Müsterchen. „Trotz Sturm eingeweiht“, lautete die Schlagzeile zum riesigen Neubau auf dem Bild unten am 18. September am Schweizer Fernsehen:


(Bildquelle: handelszeitung.ch).

Ich hielt das Haus offenbar nicht für sehr wetterfest. Die Schlagzeile hiess in Wirklichkeit aber „Roche-Turm eingeweiht“.
Und am 16. September stellte ein Sprecher am Radio seinen Interviewpartner vor: „In Sachen Bankgeheimnis ist er vom Saurus zum Paulus geworden.“ Freud’sche Verhörer? Mutmasst selber!

Dies ist mein Beitrag zum Projekt *txt auf neonwilderness. Das dreizehnte Wort heisst „verstehen“.