Glückliche Unruhe im Ohr

„Unrueh“ ist ein Film, in dem Russisch, Französisch und Berndeutsch gesprochen wird.

Mein Freund, der Pedestrian, lockte mich neulich ins Kino. Der Film hiess Unrueh und spielt im Uhrenfabrikstädtchen Saint-Imier im wilden Berner Jura.

Ich hatte nur eine ängstliche Frage dazu: „Ist er untertitelt?“ Der Pedestrian versicherte: „Ja. Mindestens an den Stellen, an denen russisch oder französisch gesprochen wird.“ Das beruhigte mich nicht einmal annähernd. Denn die meisten Stellen in oft mehrsprachigen Deutschschweizer Filmen sind ja Deutsch gesprochen und somit nicht untertitelt. In letzter Zeit hörte ich oft zu schlecht, um dann folgen zu können. Aber ich wusste, dass Herr T. sich für den Film interessieren würde. Er dreht sich im die anarchistische Bewegung, die es in Saint-Imier im 19. Jahrhundert gab – über diese hat er bereits begeistert geschrieben (hier sein Blogbeitrag). „Unrueh“ bezeichnet das Teilchen, das Uhren am Laufen hält. Aber wohl auch das, was gerade bei der Arbeiterschaft in der Uhrenfabrik damals gärte.

Schon in der ersten Szene merkte ich, dass mit meinen Ohren etwas ganz Unglaubliches passiert sein muss: Ich konnte hören, dass die drei Frauen im Bild russisch sprachen. Ich höre also tatsächlich wieder besser. Merklich besser. Während der Pandemie hatte ich mein Gehör so rasant verloren, dass ich oft nur noch Lärm mitbekam, wenn jemand mich nicht sehr gezielt und in ruhiger Umgebung ansprach. Und das mit voll aufgedrehtem Hörgerät.

Dann musste ich mir im Oktober einen Backenzahn ziehen lassen, um den herum ich eine beträchtliche Zahnfleisch-Entzündung hatte. „Entzündungsherde im Körper fördern den Krebs“, begründete die Zahnärztin das Vorhaben. Sofort hatte ich nach dem wenig erbaulichen Eingriff ein Gefühl nachlassenden Drucks im Ohr – und wenige Tage danach besserte sich dann der Zustand meines Gehörs geradezu dramatisch. Seither geniesse ich jedes Dezibel. Man kann nie wissen, wie lange das Glück dauert.

Fragt mich also nicht nach der Handlung des Films. Ich versenkte mich geradezu verliebt in die Dialoge. Die Protagonisten sprechen ungezwungen ein weiches, helvetisches Französisch und ein zärtlich klingendes Berndeutsch miteinander, so ist das wohl an der Sprachgrenze. Dazwischen kommen Russen ins Spiel.

Einen der ersten Dialoge auf dem Gelände der Uhrenfabrik werde ich wohl nie vergessen. Eben haben Männer einen Teil des Fabrikgeländes gesperrt, wegen Fotoaufnahmen, glaube ich. Die ankommenden Arbeiterinnen werden angewiesen, einen Umweg zum Fabrikgebäude zu nehmen. Da sagt Josephine, eine der jungen Frauen: „Aber wenn ich aussen herum gehe, dann verliere ich vier Minuten.“ Sofort lassen die Herren sie ungehindert passieren. Hat man je eine punktgenauere Abhandlung über das Verhältnis von Zeit, Herrschaft und Selbstbehauptung im Kapitalismus gehört?

 

Unter den Pflastersteinen der Sand

Luzern vor 20 Millionen Jahren (Quelle: Gletschergarten)

Etwa vor einem Jahr lungerte ich morgens um vier Uhr in den Vorhöfen des Schlafes herum und wurde nicht eingelassen. Zum Zeitvertreib las ich einen Essay von Lauren Elkin, einer Amerikanerin, die lange in Paris gelebt hat und dort nach Herzenslust flanierte. „Sous le pavé la plage“ las ich da – „unter den Pflastersteinen das Meer“. Es ging um die Proteste von 1968, aber mein Hirn dachte im Halbschlaf: „Ja, wenn ich sterbe, werde ich zu Sand.“ Das war ein paar Monate, bevor ich eine Krebsdiagnose bekam.

Der Krebs gilt mittlerweile als besiegt. Aber er hat die Art, wie ich über das Jenseits denke, stark verändert. Geradezu verärgert bin ich von der Vorstellung, vor das so genannte Jüngste Gericht treten und mich für meine Lebensführung  verantworten zu müssen. Ich meine, was soll denn das überhaupt für ein Gericht sein?! Muss ich es mir wie das Kriminalgericht des Kantons Luzern vorstellen? Bekomme ich da auch eine Anwältin? Und die Paragraphen, nach denen der Richter urteilt? Sie stehen wahrscheinlich in der Bibel – aber die Auslegung und das Strafmass? Himmel? Hölle? Fegefeuer? Ich will ja nicht hochmütig sein (strafbar!), aber das kommt mir alles etwas vage vor.

Wer eine Chemotherapie macht, hat viel Zeit zum Grübeln – da geht man oft selbst streng mit sich ins Gericht. Lieber möchte ich eines Tages den ganzen Mist einfach hinter mir lassen und wie im Tiefschlaf in den Sand sinken. Dabei stellte ich mir immer vor, ich würde ein Sandkorn am Strand auf dem Bild oben – ein Bild, das ich schon als Kind im Luzerner Gletschergarten gesehen habe. Vielleicht, weil es für mich Heimat und exotisches Paradies zugleich ist.

Ich habe das alles in den letzten Wochen wieder vergessen. Aber eben habe ich  hier einen Beitrag von Hopkins gelesen. Da war plötzlich alles wieder da.

I Got Life, Mother!

Seit Anfang Woche arbeite ich wieder im Büro. Das ist schwieriger als ich gedacht habe. Ich fühle mich wie abgeschnitten von den anderen, die ich zum Teil monatelang nicht gesehen habe. Ein Neuanfang, auf den niemand gewartet hat.

Aber gestern Mittag ging ich mit dem Herrn Grossstadtrat zu Mittag essen. Wir speisten im Bistro an der Tagblattstrasse. Er ist ein langjähriger Kunde, und mit den Jahren sind unsere Treffen ungeschäftlicher und unsere Gespräche entspannter geworden.  Hinter uns sassen zwei pensionierte Herren Stadträte, die ich früher interviewt habe, und ihre ebenfalls pensionierten Chefbeamten. Niemand kann so viel Heiterkeit verbreiten wie Politiker, die ihre Arbeit getan haben und sich endlich in Ruhe ein Gläschen gönnen dürfen. Es ist sogar für die Leute am Nebentisch ansteckend.

Später traten der Herr Grossstadtrat und ich auf die Strasse, die Bäume am Strassenrand waren gelb, der Himmel strahlte. Als wir uns verabschiedeten, parkierte gerade eine junge Frau ihr Fahrrad beim Veloständer nebenan. Es war die Frau SP-Regierungsratskandidatin, nach der sich der Herr Grossstadtrat verstohlen umblickte.

Ich blickte in den Himmel und fühlte mich wie eben geboren. In meinem Kopf erschallte plötzlich ein Song, den ich seit Jahren nicht mehr gehört habe. Aber ich hörte ihn klar, jede Modulation in der Stimme des Sängers, und ich konnte erstaunlicherweise weite Strecken des Textes auswendig: „I got life, mother; I got laughs, sister; I got freedom, brother; I got good times, man.

I got crazy ways, daughter; I got million dollar charm, cousin; I got headaches and toothaches; And bad times too like you!

I got my hair; I got my head; I got my brains; … I got my ass; I got my arms; I got my hands; I got my fingers; I got my legs; I got my feet; I got my toes; I got my liver; I got my blood;  got my guts; got my muscles I got life (life)Life (life)Life (life)Life (life)Life (life)Life (life)Life (life)“
Hier und hier alles darüber.

Wenn ein Tisch dagewesen wäre, hätte ich glatt darauf zu tanzen begonnen.

 

Dostojewski lesen

Eines Sonntags im Juli  traf ich bei der nachbarschaftlichen Kehrichtsammelstelle den Doppelbuddha. Damals war ich noch kahl, hatte aber vergessen, mir einen Hut aufzusetzen. Ich hatte nur ein Käppi aus Strumpfstoff an, wie man es unter Perücken trägt.

„Meine Güte, hast Du Chemo?!“ rief der Doppelbuddha aus. Er tat dies derart spontan, dass ich sehr berührt war. Ich bejahte, wir redeten, und irgendwann sagte ich:  „Ach, weisst Du, das Gute daran ist: Man hat viel Zeit zum Lesen. Ich nehme mir gerade so richtig dicke Wälzer vor.“ Er sagte: „Na, dann könntest Du ja mal Dostojewski lesen. Ich leihe Dir ‚Der Idiot‘ aus, wenn Du willst.“ Weil er so nett gewesen war, sagte ich nach einigem Zögern: „Ok, sehr gerne! Wenn Du ihn vorbeibringst, dann komm doch gleich mit Frau Doppelbuddha zum Apero!“ So machten wir es und hatten einen sehr vergnüglichen Abend.

Dann begann ich, den Roman zu lesen, 950 Seiten. Ein Stück Weltliteratur, dem – so hatte ich im Literaturstudium gelernt – mit grösster Hochachtung zu begegnen ist. Ich befürchtete gepflegte Langeweile, aber „Der Idiot“ elektrisierte mich am Anfang geradezu. Die zwei Fremden, die im Zug nach St. Petersburg Bekanntschaft schliessen!  Die mysteriöse Schönheit Nastasja Filippowna! Als Teenager von ihrem Adoptivvater sexuell missbraucht, wird sie von der Gesellschaft als gefallene Frau behandelt. Dass man ihren Stiefvater ins Gefängnis stecken sollte, kommt niemandem in den Sinn! Was für eine Welt!

Die zwei Männer aus dem Zug verfallen Nastasja Filippovna schnell mit Haut und Haaren: der reiche Kaufmannssohn Rogoschin sowie der als Idiot bezeichnete Protagonist des Romans, der junge Fürst Myschkin. Myschkin ist Epileptiker und gerade von einem jahrelangen Kuraufenthalt in den Schweizer Bergen zurückgekehrt. Er ist ein herzensguter, aber in gesellschaftlichen Dingen total unbeholfener Jüngling.

Es ist kein familientauglicher Gesellschaftsroman, wie wir sie sonst aus dem 19. Jahrhundert kennen. Myschkin denkt viel über Grausamkeit, Armut und Tod nach. Auch das packte mich. Ich hatte mich selbst mit Fragen zu beschäftigen, die man nicht so leicht familientauglich abhandeln kann.

Am 31. August ging ich mit meinem alten Freund, dem Slawisten und Zweifler Chäppeli, spazieren. Wir diskutierten zuerst ein bisschen über den Zustand der Welt, den Krieg und all das. Dann erzählte ich ihm freudig von meiner Dostojewski-Lektüre und fragte ihn, was er von dem Roman gehalten habe. Er zögerte, wie es seine Art ist und sagte dann: „Nun ja, Dostojewski sollte man ja jetzt auch nicht mehr lesen.“

Es war die Zeit, als alle Welt über „Der junge Winnetou“ und andere Arten kultureller Aneignung diskutierte, und ich dachte: „Oh nein, nicht noch mehr Zensur! Man kann doch einen Schriftsteller des 19. Jahrhunderts nicht für die Verbrechen des 21. schuldig sprechen!“ Aber Chäppelis Bemerkung sollte meinen Blick auf das Buch erheblich verändern.

 

Fieberträume auf der Zielgeraden

Auf meinem Nachttisch lag diese Karte aus einem Buch, das mir ein Nachbar geliehen hatte.

Bis Montag pilgerte ich täglich ins Kantonsspital zur Bestrahlung. Ich lag in einem leeren Raum auf dem Schragen, während seltsame Apparate um mich herum ihre Kreise drehten wie unbewohnte Planeten. Ich hatte erwartet, irgendwelche Strahlen zu sehen, eine Art Laser. Aber das ist natürlich dumm – ionisierende Strahlen sieht man ja nicht.

Einer der Planeten ist eine Halbkugel, deren flache Seite mit einer Glasscheibe bedeckt ist. Dahinter sieht man eiserne Zähne sich bewegen, als kaue ein grimmiges Felsenorakel etwas Unsichtbares. Ich habe immer hundert Fragen an das Orakel, wenn ich so daliege. Aber ich konnte sie nicht einmal in Worte fassen und sowieso nicht aussprechen. Egal, dachte ich. Ich bin auf der Zielgeraden. Bald bin ich nach bestem Wissen und Gewissen auskuriert. Ich habe ein neues Leben geschenkt bekommen – noch bevor ich richtig begriffen habe, dass ich eins brauche.

15 Termine sind es insgesamt, am Montag hatte ich den achten. Unter dem Orakel tat mir da schon der Hals weh, und gegen Abend stieg meine Temperatur. Dann kam eine eine jener Nächte, in denen man Väterchen Frost in den Gliedern spürt und glaubt, gar nicht zu schlafen und doch siebenmal dasselbe träumt. Der Bestrahlungstermin fiel ins Wasser, ich legte mich ins Bett und las, wenn ich konnte. Auf meinem Nachttisch lag die Karte aus einem Buch, das Nachbar Doppelbuddha mir ausgeliehen hatte.

Ich finde Fiebertage an sich spannend, sie machen seltsame Dinge mit dem Gehirn. Solange ich annehmen kann, dass nachher wieder alles gut ist, gebe ich mich gerne dem Delirium hin, das sich so ab 38.8 Grad Celsius bei mir einzustellen pflegt. Gegen Abend spürte ich Flammen aus meinen Knochen gegen das Duvet züngeln und alles tat weh und ich dachte: „Jetzt strecke ich mich aus und lasse mich vom Tod wegtragen.“ Ich probierte zehn Minuten lang aus, ob das tatsächlich möglich wäre, dann drehte ich mich um und erblickte auf dem Nachttischchen das Bild, das mir diesen albernen Gedanken überhaupt eingeflösst hatte. Ich stand auf und machte mir ein Neocitran. Danach ebbte das Fieber ab.

Am nächsten Tag ging ich ins Covid-19-Testzentrum. Und siehe da: Ich war positiv. Die Bestrahlung fällt somit bis Montag ins Wasser. Aber jetzt huste ich nur noch ein bisschen. Und ich kann wieder Dinge in Wort fassen. Alles wird gut.

Früchtchen und Fragen

Werden aus diesen Knöllchen Kumquats werden?
Herr T. hat dann doch kein Covid-19 bekommen, und mittlerweile sind meine Blutwerte wieder beinahe normal. Essen schmeckt wieder besser, und gestern habe ich einen langen Spaziergang mit dem Pedestrian gemacht. Ich bin dafür sogar in einen nicht allzu vollen Überlandbus gestiegen und habe mich dem in der Schweiz stets spürbaren Druck gebeugt, dabei keine Maske zu tragen. „Bin ich jetzt gerettet?“ frage ich mich. Mir ist klar: Sicher sein werde ich vielleicht nie.

Täglich tue ich zwei Dinge: Ich gehe hinaus auf den Südbalkon und betrachte unser Kumquat-Bäumchen, das dieses Jahr zum ersten Mal geblüht hat. Ich betrachte die grünen Knöllchen, die zurückgeblieben sind und frage mich: Werden daraus orange Früchte werden? Werden sie vielleicht sogar reif? Und mit der gleichen Mischung aus Neugier, Freude und Ungeduld lüfte ich den Turban auf meinem Kopf, zupfe an einem der noch spärlichen Stoppel und frage mich: Bekomme ich jetzt wieder Haare?

Ab jetzt könnte es aufwärts gehen

Gestern musste ich zum Bluttest in die Onkologie. Die letzte Dosis Chemo hatte ich zehn Tage zuvor bekommen, der Bluttest sieht erwartbar mies aus, zwei Drittel der Blutwerte sind im Keller. Besonders tief ist der Wert bei den Leukozyten. Ich habe noch 0.6 Giga/l (normal wäre so ab 2.6). Die Ärztin sagte: „Ja, das macht Sie jetzt etwas anfällig auf Infektionen. Melden Sie sich bitte sofort, falls Sie Fieber haben. Da müssen wir Ihnen dann notfalls eine Transfusion machen.“ Aber sie sagte auch: „Der Tiefpunkt ist jetzt erreicht. So innert drei Wochen sollten sich die meisten Blutwerte normalisieren, und dann werden Sie sich besser fühlen.“

Gestern Abend hatte ich danach zum ersten Mal sowas wie ein Wendepunkt-Gefühl. Ich lag dabei ermattet, wie ich es im Moment bin, auf unserem Sofa, genehmigte mir ein Glas Rotwein und schaute mir den georgischen Tanzfilm And Then We Danced an. Der Hauptdarsteller Levan Gelbakhiani, ist zum Niederknien.

Herr T. war nicht da. Er hatte mit unserem Nachbarn, dem Buddha, ein kleines Konzert organisiert. Der Buddha konnte dann zwar nicht kommen, er hat Covid-19. Herr T. hätte das Festchen wohl absagen können. Warum er es nicht tat, wird sein Geheimnis bleiben. Als er zurückkam, sah er richtig glücklich aus, das sah ich auch aus der Distanz von zwei Metern und bei offenen Fenstern. „Frau Buddha kam dann auch“, berichtete er. „Ich weiss ja nicht, wie die beiden das machen, dass sie einander nicht anstecken.“

Bitte versteht mich nicht falsch. Ich will hier nicht über meinen Ehemann lästern, er ist mir vier Monate lang sehr hilfsbereit zur Seite gestanden. Er muss auch mal aus der sauren Routine hier ausbrechen können. Aber heute können wir ja wieder erst am Abend lüften, weil es immer noch so heiss ist – und ich bin jetzt erst mal mit einer FFP2-Maske in unserer Wohnung unterwegs.

Die Wolfstreppe – aktualisiert

Die Wolfstreppe oder Salita del Lupo, etwa von der Hälfte aus abwärts gesehen. Sie hat hier einen Handlauf, wie man sieht. (Sept. 2023)

Im Sommer 2022 konnten Herr T. und ich dann doch noch ein paar Tage in die Ferien. Wenn man krank ist, ist es immer dasselbe: Vieles geht nicht wie normal. Tja, da muss man neue Wege finden – und das versuchten Herr T. und ich. Wir reisten in unser geliebtes Orselina im Tessin. Am dritten  Tag waren wir früh mit Freunden in Locarno verabredet. „Lass uns morgen zu Fuss hinunterhingehen“, sagte ich abends zu Herrn T., „ich habe Lust auf einen Spaziergang.“ Tatsächlich erreicht man Locarno von Orselina aus zu Fuss in ungefähr 25 Minuten, zum Beispiel auf der Salita del Lupo, der Wolfstreppe. Man kann auf dieser Treppe die 250 Höhenmeter bis zum Bahnhof Locarno fast fadengerade hinabsteigen. Ich behaupte sogar, dass man gleich schnell ist wie die Millionäre dort oben, die sich mit Geländewagen die engen Kurven hinunterzwängen. Aber man muss halt das alte Wegnetz kennen. Dieses hatten wir während mehrerer Ferien erforscht.

Die Salita del lupo entdeckte ich 2016. Laut Leuten, die besser zählen können als ich, hat sie ungefähr 600 Stufen. Von der Hauptstrasse durch das Orselina her kommend, geht man zuerst zum Beispiel die Scalinata alle Scuole hinunter, da muss man vor der ersten Strassenüberquerung einer Klinik ausweichen. Es gibt aber auch noch andere Treppchen abwärts, alle sind alt, etwas brüchig, aber planvoll angelegt. Ich glaube, früher wurden sie rege benutzt, die Klinik hat man später dann einfach über den Weg gebaut, Motto: „Wer geht schon zu Fuss heute? Haben doch alle ein Auto!“

Wir wollten also die Wolfstreppe nehmen. Ich studierte spätabends die Karte, um am nächsten Morgen der Klinik gekonnt ausweichen zu können. Da erinnerte ich mich: Die Wolfstreppe geht auf der unteren Hälfte durch offenes Grasland, schwindelerregend. Hat sie überhaupt einen Handlauf? Ich glaube nicht. Eine steile Treppe ohne Handlauf abwärts gehen – da hätte ich mich ebensogut gleich in einen Abgrund stürzen können, die Chemo hat dem Karussell in meinem Innenohr ordentlich Schub verliehen.

Später würde ich merken, dass meine Ängste übertrieben waren. Am Sonntag, 24. September 2023, habe ich in besserer Verfassung die Wolfstreppe dann doch absolviert, abwärts und aufwärts. Ich stellte fest: Es gibt vor allem in der unteren, schwindelerregenden Hälfte, einen stabilen, durchgehenden Handlauf. Im der oberen  Hälfte fehlen solche Stützen zum Teil. Dort ist der Ausblick aber weniger schwindelerregend, und es gibt oft Mauern oder Maschendraht zum Festhalten auf beiden Seiten der Treppe.

In jener Nacht im Jahre 2022 aber haderte ich lange. Dann gestand ich Herrn T. das Problem. Es war spät abends, und er hatte null Verständnis für meinen Sinneswandel. Dass ich schlecht höre, versteht er. Aber beim Schwindel denkt er manchmal, ich würde meine Möglichkeiten unterschätzen.

„Es gibt eine Alternative“, sagte ich. „Wir gehen einfach bei der Madonna del Sasso vorbei. Dort gibt es einen Handlauf.“ Die Madonna del Sasso liegt im unteren Dorfteil von Orselina. „Das ist ein verdammter Umweg“, schimpfte Herr T. „So früh am Morgen braucht das zu viel Zeit.“ Wir sind beide keine Frühaufsteher. Wir grummelten ein bisschen, dann legten wir uns schlafen. Am Morgen erwachte ich schon um 7 Uhr, und siehe da: Herr T. war auch wach. So gingen wir bei der Madonna del Sasso bergab. Die Treppen dort sind bequem, für Pilger gemacht. Wir waren sogar zu früh in Locarno.

Kleines Mosaik auf einer der Treppenstufen der Wolfstreppe. Ist sie nach diesem Kunstwerk benannt oder gab es hier früher tatsächlich Wölfe? Ich weiss es nicht. (Bild vom September 2023) 

Wutanfall am Infusionsständer

Bei der zweiten Dosis Aperol Spritz intravenös gab ich versehentlich dem Infusionsständer einen Schubs, dass es klirrte. Ich bat den netten Pfleger um Entschuldigung. „Ach, solange sie das Ding nicht wütend von sich schleudern und alle Schläuche herausreissen, ist das doch kein Problem!“ sagt er. Ich schaue ihn ungläubig an. Warum sollte ich denn hier eine solche Show abziehen?! Ich meine, sie wollen einen doch heilen auf der Onkologie, nicht quälen. Auch wenn es annähernd auf dasselbe herauskommt, das vergisst man doch nicht!

„Ja, das staunen Sie, aber das ist alles schon vorgekommen“, sagt der Pfleger. Aha. Wir murmeln etwas über Krebs als lebensveränderndes Ereignis, und dass damit nicht jeder einfach so klarkomme. Später gehe ich nach Hause und vergesse das alles. Bis ich am dritten Tag danach wieder mal am Tiefpunkt ankomme. Ich meine, das ganze Salben, Spülen und Medikamenteschlucken zur Linderung der Nebenwirkungen ist ja allein ein 50-Prozent-Job. Dazu erträgt man seinen eigenen Geruch nicht mehr, diese Mischung aus Pharma, Schweiss und Todesangst. Und dann hat man Zeit, alles im Internet zu recherchieren, was einen so plagt. Wenn man gewisse Symptome in die Suchmaske eingibt, diagnostiziert Dr. Google dann auch mal eine Leberzirrhose. 20 Tage lang kämpft man sich aus diesem Loch heraus, sieht wieder Sonnenschein und grüne Wiesen – um am 21. Tag wieder einen Nachmittag am Infusionsständer zu verbringen. Plötzlich verstand ich, dass man darob ins Infusionsständerherumschleudern verfallen kann.

Was mich an jenem Tag gerettet hat? Ich fand einen Krimiklassiker im Büchergestell, Eric Ambler’s „Maske des Dimitrios“. Während der Held immer tiefer in den Bannkreis gewissenloser Verbrecher gerät, bleibt die Sprache des Buches stets über der Sache – knapp, pragmatisch und oft durchtränkt von einer wunderbaren Ironie. Zudem gibt es darin hübschen Lokalkolorit aus Istanbul, Izmir, Sofia und Paris. Ein bisschen wie wie ein alter James Bond, nur ohne das Geknalle. Die Leberzirrhose vertrieb Herr T. innert weniger Tage mit seiner ausgezeichneten Küche. Ich goss die Blumen auf unserem Balkon. Ich traf meine Freundinnen. Und wenig später arbeitete ich wieder, layoutete Seiten und parierte die Empfindlichkeiten merkwürdiger Kunden. Ich muss gestehen, dass ich etwas weniger Geduld mit diesen Empfindlichkeiten habe als sonst. Aber Seiten layouten ist etwas Wunderbares. Das Gesetz des Lebens ist stark in mir.

Jedenfalls bis nächsten Mittwoch. Dann kommt wieder so ein Nachmittag am Infusionsständer.

Zwiegespräch mit Grossmutter

Auf diesem Friedhof ruht (oder ruhte) meine Grossmutter Walholz.

Kurz nachdem ich im März meine Krebsdiagnose bekommen hatte, machte ich einen Spaziergang in einem Dorf in den Bergen. Meine Grossmutter Walholz hatte dort den grössten Teil ihres Lebens verbracht und starb dort 2010. Ihre Asche liegt im Gemeinschaftsgrab am Dorfrand. Oder lag dort. Ihr Name ist jetzt nicht mehr auf dem Gemeinschaftsgrab, und was mit ihrer Asche passiert ist… keine Ahnung.

Ich machte mit Herrn T. den Spaziergang, den ich als Kind oft mit der Familie gemacht habe: Von ihrer Bäckerei über die Passstrasse zum alten Hotel, vorbei am Altersheim, durch die Wiesen zum Friedhof. Um uns lagen der Horizont in Stein gemeisselt und die Häuser unverändert seit den siebziger Jahren. „Grossmutter, sprich mit mir“, sagte ich. „Die Ärztinnen wollen mich retten, aber ich weiss nicht, ob das einen Sinn hat.“

Ihr werdet mich für verrückt halten. Aber was hätte ich tun sollen als mit meiner Grossmutter zu reden? Ich meine: Die meisten Lebenden kann man mit solchen Problemen nicht belasten. Die Büchergestelle sind zwar voll von Lebens-Ratgebern, aber wie man sterben soll, darüber schweigen sie alle betreten. Und, ehrlich gesagt: Ich habe mehr als einmal erstaunliche Erfahrungen gemacht, wenn ich mit Toten gesprochen habe.

Meine Grossmutter schwieg lange. Aber als ich zur Friedhofsmauer kam, sagte sie: „Gar keine Frage: Du musst leben.“

Natürlich hörte ich weder die Stimme meiner Grossmutter noch sah ich sie in ein Bettlaken gehüllt vor mir. Die Antwort lag vielleicht mehr im Wesen dieser Landschaft, dieser Steine, der unverrückbaren Welt dieses Dorfes.

„Aber Grossmutter, Du weisst, dass ich eigentlich nichts Besonderes mehr zu tun habe, oder? Herr T. käme notfalls alleine zurecht, und mein Bruder könnte meinen Eltern ebenso gut auf den letzten Weg helfen wie ich. Vielleicht besser“, sage ich.

„Das ist dummes Zeug. Du musst weitermachen, solange Du kannst. Es ist das Gesetz des Lebens“, sagte meine Grossmutter streng. Ich blickte in die Berge.

„Aber Du weisst, dass gerade eine Klimakatastrophe stattfindet? Und dass die Welt daher auf jede und jeden verzichten kann, die auch noch CO2 verpufft? Du weisst, dass in der Ukraine ein Krieg stattfindet, und dass uns Putin vielleicht bald eine Atombombe auf den Kopf fallen lässt?“ fragte ich.

„Das wissen wir noch nicht“, sagte meine Grossmutter. „Jetzt warte erst mal ab.“