Porthmadog und das Wesen der Erinnerung

Porthmadog – hier muss ich einmal den Weg zu einem phänomenalen Ziel eingeschlagen haben. (Bild: Robert Parry Jones/North Wales Live)

Kaum waren wir in Porthmadog angekommen, beschäftigten mich Fragen nach dem Wesen der Erinnerung fast mehr als die Gegenwart. Porthmadog ist ein erstaunlich lebhaftes Dorf in einer Landschaft von geradezu alpiner Kargheit. Es hat an jedem Ende einen Bahnhof, und auf dem Weg vom einen zum anderen gingen wir fast die ganze High Street hoch. „Ich bin schon hier gewesen“, rauschte es mir durch den Kopf, „Hier muss ich zusammen mit meinem damaligen Liebsten Konrad den Zug nach Blaenau Ffestiniog bestiegen haben. Es kann gar nicht anders gewesen sein, denn nur von hier aus gibt es einen Zug dorthin.“ Ich weiss noch, dass wir aus Aberdaron kamen und die Schiefergruben in Blaenau Ffestiniog besichtigten, und dass das phänomenal war. In meiner Erinnerung verschwimmen die Bilder von der Fahrt in die Tiefe des Berges mit jenen von Harry Potters Ausflügen in die Gewölbe von Gringott’s Bank. Immer wieder Harry Potter! Aber Porthmadog? Ein weisser Fleck in meinem Hirn.

Als ich jung war, legte ich grossen Wert auf die Pflege meiner Erinnerungen. Die Erinnerung ist ein Schatz, sagte ich mir. Sie macht uns zu der Person, die wir sind. Mit den Jahren setzte ich andere Prioritäten. Manche Erinnerungen legte ich in Grümpelkisten, irgendwo im Hirn, sie waren mir egal, aber fortschmeissen kann man sie ja nicht. Bei Bedarf braucht es manchmal etwas Zeit, bis ich sie hervorgekramt habe. Aber dass eine Erinnerung gar nicht mehr auffindbar war, war doch beunruhigend. Ich meine: Wer sind wir, wenn wir nichts mehr über den Ort wissen, von dem aus wir ans Ziel unserer Reise gelangten?

Herr T. und ich kamen beim zweiten Bahnhof an und picknickten auf einer Bank. Wir hatten noch Brot aus Conwy, Cherrytomaten und frischen Cheddarkäse. Wo wir den gekauft hatten, weiss schon jetzt nicht mehr. Ein Stück Käse fiel mir vom Brot auf eine Zigarettenkippe unter der Bank. Ich ging ein paar Meter zum nächsten Abfalleimer, um es wegzuschmeissen.

Es war kalt. Wir warteten, bis es 13 Uhr war und der Pub am Bahnhof öffnete. Auch das Lokal war karg, trotz nostalgischen Reisebildern an den Wänden. Die Wirtin machte Tee für meinen Mann und – widerwillig – eine Tasse Nescafe für mich. Eine ältere Frau in einem Kleid in verwaschenen Farben trank ihr erstes Bier, am runden Tisch sassen ein paar junge Männer mit anthrazitfarbener Sportbekleidung. Über allem hing der überwältigende Geruch von Bleach. Ich wollte mir lieber nicht vorstellen, was sich am Vorabend hier zugetragen haben könnte, dass es so viel von diesem chlorhaltigen Reinigungsmittel gebraucht hatte. Bleach tötet Bakterien und Viren und überdeckt alle anderen Gerüche.

In Grossbritannien laufen solche Putzmittel generell unter der Bezeichnung „Bleach“. (Quelle: cloroxa.ca)

Aber bei mir belebte der ätzende Geruch Erinnerungen. Keine an Porthmadog, aber mehrere an etwas auch fast Vergessenes: das Heim in Südengland, in dem ich mit 20 ein Jahr lang gearbeitet habe und an die zwei weissblonden Kinder des Heimleiterpaares. Der Bub war vier, das Mädchen zwei, es hiess Emily. Sie hatten beide Keuchhusten, wochenlang. Wenn sie einen Anfall hatten, bellten sie in den Gängen herum, bis der Brechreiz kam. Nie wieder habe ich kleine Menschen so erbärmlich husten sehen. Damals lerne ich das Wort Bleach kennen, weil die Heimmutter immer damit hinter ihnen herputzte, als wäre Bleach ihr Nothelfer. Sie war Anthroposophin, und sonst waren Calendulasalbe und Ruhetage ihr probates Rezept gegen die meisten Übel. Hier aber: Bleach. Sie muss in 1000 Ängsten gewesen sein, dass der Erreger unter den Jugendlichen im Heim eine Epidemie auslösen könnte. Aber das wird mir erst beim Erinnern klar.

Der London-Bus

Sie prägen das Londoner Strassenbild: die roten, doppelstöckigen Busse. (Quelle: TimeOut – wo man sich auch der Frage gewidmet hat, weshalb die Busse in London rot sind, siehe unten.)

In meinem letzten Beitrag über London habe ich es in meiner Phantasie bis auf den Vorplatz des Bahnhofs Charing Cross geschafft. Ich Herrn T. bewiesen, dass dort der Mittelpunkt von London steht. Nun lasse ich den Blick weiter schweifen. Auf der Charing Cross Road gleich hinter dem Platz sehe ich etwas, was sehr wahrscheinlich auch bei meinem Gottenbuben Tim sehr alte Erinnerungen wachrufen wird: die roten Busse, die dort in grosser Zahl vorbeiholpern.

Ein solches Fahrzeug könnte seine Begeisterung für London begründet haben. Als er klein war, war er oft in unserer alten Wohnung zu Besuch. Dann musste ich ihn auf den Heizkörper stellen, damit er durch das Fenster zur 500 Meter entfernten Bahnlinie hinunterblicken konnte, die nach Zürich führt. Dann und wann ratterte dort ein zwar nicht roter, aber doch doppelstöckiger Schnellzug vorbei. Dann rief Tim: „Schau, ein London-Zug!“ Er muss einen doppelstöckigen Bus unter seinen Spielzeugautos gehabt haben.

Lustigerweise steht ein solcher roter Spielzeugbus auch am Anfang meiner lange Jahre bedingungslosen Liebe für die Kapitale des UK. Als ich zwei oder drei Jahre alt war, besuchte mein Vater zwecks Weiterbildung einen Sprachkurs in England, von wo er mir einen als Souvenir nach Hause brachte. Das Ding soll mein Lieblingsspielzeug gewesen sein – auch als es sich längst an der Sollbruchstelle zwischen den beiden Stockwerken zweigeteilt hatte und nur sehr unzulänglich mit Schnüren oder Klebstreifen zusammengehalten wurde.

Jahre später, als junge Anglistik-Studentin diskutierte ich einmal mit einem Kollegen über die Frage, woher unsere gemeinsame Obsession für das im Grunde recht unbedeutend gewordene Königreich kam. „Bei mir war es die Musik – und ein Bus“, sagte ich. Bei der Musik redeten wir von einem Horizont, der von den Beatles bis zu The Clash reichte – London Calling. Der Bus war vielleicht ein Symbol für die Liebe eines kleinen Kindes zum vorübergehend abwesenden Papa. Vielleicht aber einfach auch Sinnbild jener Skurrilität und Verrücktheit, die wir damals schon den Brit*innen andichteten. Heute kommt es mir vor wie der reine Irrsinn, dass solche Kriterien damals die Wahl unseres Studienfachs beeinflussen konnten. Aber es waren eben andere Zeiten.

Hier geht das Magazin TimeOut der Frage nach, warum der London-Bus rot ist.

Am Tor von London

Die Bahnhofhalle von Charing Cross (Quelle: ianvisits.co.uk)

In der Bahnhofhalle von Charing Cross gibt es irgendwo ein blaues Täfelchen. Ihr wisst schon: ein Schildchen, wie sie an Häusern hängen, in denen früher jemand Bedeutendes gewohnt hat. Auf dem Schildchen steht: „Frau Frogg durchquerte diesen Bahnhof zwischen August 1985 und Juli 1986 ungefähr einmal pro Woche, meistens montags.“ Natürlich ist es ein virtuelles Täfelchen, nur ich kann es sehen. Aber es ist wahr, dass ich hier zu jener Zeit meist am Montag aus einem Zug stieg und die Stadt London betrat – und für mich war das bedeutend. Denn meine damals im Grunde sehr vagen Träume spielten sich alle in London ab – um sie ihrer Verwirklichung näherzubringen, kam ich an meinem freien Tag jeweils nach London. Ich arbeitete in einem Kinderheim südlich von Tunbridge Wells, etwas mehr als eine Zugstunde von London entfernt.

Wahrscheinlich schweben unter der Decke der Bahnhofhalle von Charing Cross Millionen solcher Schildchen. Denn Charing Cross ist ein grosser Pendlerbahnhof, allein im Jahr 2013 benutzten ihn 38,6 Millionen Menschen (sagt Wikipedia). Für Tausende jährlich muss der Gang durch diesen Bahnhof so bedeutend sein oder gewesen sein wie für mich damals – oder bedeutender, denn einige werden ihre Träume tatsächlich in London verwirklicht haben. Man muss sich diesen schwebenden Schildchenwald über den Köpfen der durchmarschierenden Zugpassagiere vorstellen wie die Kulisse eine Harry Potter-Films.

Manchmal kamen wir zu zweit oder zu dritt aus dem Heim im Süden, junge Frauen um die zwanzig, aus Deutschland oder Dänemark. Dann gingen wir zuerst in die Hamburger-Bude auf der Ostseite der Bahnhofhalle. Der Laden gehörte zu einer Kette, ich erinnere mich gut an das rötlichgelbe Logo, das immer etwas fettig aussah. Wir kauften dort je einen billigen Cheeseburger mit Rindfleisch. So bewiesen wir einander, dass wir auf die Essensregeln im Heim pfiffen. Dieses war anthroposophisch, es gab dort wenig Fleisch und wenn, dann Hühnchen. Rinderwahnsinn war ein grosses Thema, aber wir glaubten, das gehe uns nichts an.

Überhaupt kann ich in der Erinnerung schon diese Bahnhofhalle kaum verlassen. Abends standen dort oft zahllose Menschen, mehrheitlich Männer in Anzügen, und blickten mit gefassten Mienen alle in dieselbe Richtung: auf die elektronisch gesteuerten Tafel, auf der alle Züge und ihre Abfahrtszeiten standen. Sie warteten, bis auf dem Schild die Zahl des Gleises erschien, auf dem ihr Zug fuhr. Manchmal dauerte das mehrere Minuten. Dann gingen sie los und stiegen ein. Ich fand das sehr exotisch, denn bei uns steht kaum jemand einfach da und starrt so eine Zugsabfahrtstafel an. Ein paarmal habe ich es damals auch versucht – ich wollte wissen, ob ich so sein könnte wie die Menschen hier. Aber mir fehlte dafür die Disziplin. Ich streifte statt dessen ein bisschen herum und machte einen Rundgang in der Buchhandlung.

Aber wenn ich jetzt wieder hingehe, mit Herrn T. und der Jungmannschaft, dann werden wir nicht zu lange in der Bahnhofhalle verweilen, sondern hinaus auf den Vorplatz gehen. Denn dort steht ein Türmchen, das objektiv betrachtet das Zentrum von London ist oder wenigstens war.

Der Mann, der ein Frauenleben führte

Kein Roman hat mich in letzter Zeit mehr beschäftigt als dieser hier. Der englische Starautor Ian McEwan schildert darin die Biografie des Babyboomers Roland Baines. Die Geschichte fordert mich als Post-Babyboomerin und Hobby-Genderforscherin geradezu heraus. Denn Roland führt in mehreren Hinsichten das Leben einer Frau – jedenfalls nach Babyboomer-Massstäben. Es ist beinahe, als würde McEwan sagen: „So, jetzt nehmen wir mal einen männlichen Charakter und stülpen ihm ein paar weibliche Erfahrungen über.“ So wird Roland mit 14 im Internat von einer Klavierlehrerin sexuell missbraucht – eine Erfahrung, die seine Biografie entscheidend prägen wird. Nun passiert zwar sexueller Missbrauch in den Teenagerjahren tatsächlich ab und zu bei Jungs – sehr viel häufiger ist er aber bei Mädchen (und bei Knaben sind die Täter häufig Männer).

Später dann, als Roland 38 ist und einen Sohn im Babyalter hat, wird er von seiner Frau verlassen. Fortan ist er alleinerziehender Vater. Eine Situation, die unzählige Babyboomer-Frauen kennen, Männer sehr viel seltener.

Dass er nun allein für ein Kind sorgen muss, haut einen weiteren Knick in seine ohnehin zögerlich einsetzende Karriere als Dichter. Überhaupt findet Roland beruflich nie so richtig den Tritt. „Er ist ein Fantast, Mutti, er kann sich auf nichts konzentrieren. Er hat Probleme in seiner Vergangenheit, über die er nicht einmal nachdenkt. Er kann nichts erreichen“, wird die Frau einmal sagen, die ihn als alleinerziehenden Vater zurückgelassen hat. Auch die meisten Kritiker sind sich einig, dass Roland gescheitert ist. Hätten sie das auch so gesehen, wenn die Hauptfigur in dieser Geschichte nicht ein Mann, sondern eine Frau gewesen wäre? Wenn sie Orlanda geheissen hätte und nicht von einer Frau, sondern von einem Mann missbraucht und später allein erziehende Mutter geworden wäre?

Überhaupt: Dieses Spiel mit der Geschlechterfrage überzeugt mich nicht. Zum Beispiel erlebt Roland das erste Mal mit seiner Klavierlehrerin als sexuelles Erweckungserlebnis, hinter dem alles andere verschwindet: „Ihre Rollen, Lehrerin und Schüler, die Ordnung und Selbstgefälligkeit der Schule, Stundenpläne, Fahrräder, Autos, Kleider, sogar Worte – nur dazu da, alle von dem hier abzuhalten.“ Das ist in meinen Augen eine reine Männerphantasie, stark beeinflusst von McEwan’s Sigmund Freud-Lektüre. Meine eigene, zum Glück recht harmlose Erfahrung mit sexuellem Missbrauch im Teenageralter, war nicht einmal ansatzweise eine sexuelle Erweckung, sondern erfüllte mich nur mit Scham und Ekel.

Vielleicht ist das Urteil der Literaturkritikerin Bernadette Conrad das einzig richtige: Sie schreibt, der Roman funktioniere am besten als Chronik eines Zeitgenossen. „Lässt man sich tiefer auf die Krisen ein, gerade des sexuellen Missbrauchs, die Rolands Leben geprägt haben, dann vermisst man die gründliche Auseinandersetzung.“ (Die ganze Kritik gibt’s hier).

Und doch hat die Lektüre mich dazu getrieben, mich vertieft mit dem Erlebnis auseinanderzusetzen, das ich selbst vor bald 44 Jahren hatte. Und sie hat mich mit der Frage konfrontiert: Was bedeutet es, beruflich vielleicht nicht jene Marke zu setzen, die man hätte setzen können? Ist das wirklich ein Scheitern? Und wie hängt es tatsächlich mit misslichen und vielleicht sehr geschlechtsspezifischen Erfahrungen in der Kindheit und Jugend zusammen? Und, nein, ich bin nicht damit einverstanden, dass man es als Scheitern einstuft, wenn sich jemand um sein Kind kümmert und daher vielleicht ein bisschen weniger weit nach oben kommt auf der Karriereleiter.

Alteisen und künstliche Intelligenz

Einmal im Jahr noch sehe ich Veronika, weil ihr Sohn Tim mein Patensohn ist. Ich begegne ihr jeweils, wenn ich ihm am ersten Weihnachtstag sein Geschenk überbringe. Er wird bald 18. Sie arbeitet mit 57 an ihrer Doktorarbeit und redete mir an unserem halbstündigen Treffen die Ohren voll über künstliche Intelligenz.

Selten fühle ich mich jeweils so sehr zum alten Eisen versetzt wie bei diesen jährlichen, kurzen Treffen mit Veronika. Ich meine: Seit Jahr und Tag versehe ich, auch 57, ein- und denselben Job. In meinen Lebensumständen die Stelle wechseln zu wollen, wäre – vorsichtig ausgedrückt – bekloppt. Daneben spaziere, fotografiere und meditiere ich, ohne grössere Ambitionen. Einfach, weil es mich glücklich macht. Jaja, künstliche Intelligenz habe ich auch schon ausprobiert. Ich bin ja auch noch Hobby-Schriftstellerin.

Aber wenn Veronika zu mir spricht, dann fühle ich mich abgehängt wie ein rostender Bahnwaggon auf einem Abstellgleis – ein Memento des Industriezeitalters inmitten herumsausender Bytes und Bits. Und wer „Memento“ denkt, denkt auch gleich „memento mori“ – vergiss nicht, dass Du sterben wirst. Ob sich meine früheren Freundinnen an ihre Hinfälligkeit erinnern, wenn sie mich sehen?

Zum Glück fand ich wenig später ersten Trost bei meinem Lieblingskolumnisten Daniel Binswanger in der „Republik“. Sein Text vom 7. Januar, Die Ökologie des Verschwendens, ist ein einziger Aufruf dazu, den zweckfreien Genuss wieder zu erlernen. Denn nur wenn wir uns der kapitalistischen Logik des ständigen persönlichen und materiellen Maximaleinsatzes entzögen, könnten wir die Welt vor dem Klimakollaps retten, so seine These: „Um Ressourcen zu sparen, müssen wir wieder lernen, zu verschwenden: unsere Zeit. Wir müssen die Welt so annehmen, wie sie ist. Bei ihr verweilen. Um sie zu betrachten und zu feiern.“ Das ist ja ungefähr das, was ich tue. Und es hat also durchaus einen Sinn. Es ist eigentlich sogar das einzig richtige.

Ich wollte mir aber beweisen, dass ich dennoch auf der Höhe der Zeit stehe und befragte künstliche Intelligenz zum Thema, genauer, GPT-3, hier zu finden. Ich frage: „Gehören Menschen ab 57 zum alten Eisen, wenn sie seit Jahren den gleichen Job haben?“

GPT-3 antwortet spitz: „Nein, das denken nur diejenigen, die selbst alt und eingeschlafen sind.“

Das Zimmer mit dem Samowar

Die Frauenklinik ist ein Bau aus den Neunzigerjahren mit kühlem Design und sterilen Materialien. Sicherlich könnte man das ganze, dreistöckige Haus in einem Tag von Grund auf desinfizieren. Nur das Wartezimmer der Mammografie ist anders. Hier ruht man auf Sitzpolstern aus Wolle, es ist ein Wohlfühlzimmer wie auch Psychotherapeutinnen sie haben. Ein Zimmer, in dem Ängste in weichen Materialien ihre Schärfe verlieren. Auf einem Tischchen steht ein Samowar mit Teegläsern. Das lässt an warmherziges Beisammensein denken, aber mir ruft es meine verlorenen Freunde in Russland in Erinnerung. Ich habe viele Jahre keinen Kontakt mit ihnen gehabt. Ich weiss nicht, wo sie jetzt stehen. Ich möchte sie per E-Mail fragen und weiss nicht, wie ich anfangen soll.

Ängste habe ich sonst keine. Das hier ist eine reine Routine-Untersuchung, bei mir ist alles in Ordnung. Ich lasse mich abholen, in die Röntgenmaschine spannen und verrenke mich geduldig. Dann will ich weggehen und mich wieder anziehen, da ruft die Röntgenassistentin mich zurück. Sie spannt meine Brüste nochmals in die Maschine, diesmal tut es etwas weh.

„Machen Sie das immer?“ frage ich.

„Nur, wenn wir eine kleine Verdickung feststellen“, sagt sie. Ich bin nicht sicher, was eine „kleine Verdickung“ ist, aber ihr Ton ist derart beschwichtigend, dass mir sofort klar ist: Ich sollte alarmiert sein.

Im nächsten Zimmer macht eine Ärztin einen Ultraschall. Auch sie spricht von „einer Verdickung“, aber was es genau ist…, „das werden wir herausfinden“, sagt sie. „Jetzt gehen Sie mal nach draussen und machen einen Termin für eine Stanzbiopsie aus. Die werden wir analysieren, dann wissen wir es.“ Eine Stanzbiopsie. Die Sprache der Medizin! Beinahe beginne ich zu lachen. Ich bin doch kein Stück Leder!

Versteht mich bitte richtig, ich will niemanden kritisieren, diese Frauen machen ihren Job, sind freundlich und wollen mein Bestes, und wahrscheinlich rechnen sie damit, dass ich mich aufrege, damit könnten sie umgehen. Aber ich rege mich nicht auf, ich meine: Nicht weit von hier ist Krieg, und darüber rege ich mich so sehr auf, ich weiss gar nicht, wo ich noch Platz habe für Aufregung über eine „Verdickung“ in der Brust.

Später am Abend spüre ich dann „die Verdickung“ oder meine jedenfalls, sie zu spüren. Sie fühlt sich an wie das, was meine Mutter gehabt hat. Man nannte es damals „einen Knoten“, und es war Krebs. Das war vor 30 Jahren, dieses Jahr wird sie 80 und ist bei guter Gesundheit.

Die Stanzbiopsie ist gleich am nächsten Tag, aber dann muss ich vier Tage warten.

Als mein Handy klingelt, sitze ich im Büro, auf meinem Schirm flimmern Bilderfluten aus der Ukraine und meine Kunden dreschen verbal aufeinander ein – hier die Putin-Versteher, da alle anderen, die Trennung verläuft wie meistens, ziemlich genau am linken Rand der SVP. In Europa ist Krieg, aber Einigkeit in der Schweiz? Vergiss es. Mein Handy klingelt sonst nie, deshalb weiss ich, dass es die Ärztin ist und frage mich, ob ich jetzt lieber im Samowar-Zimmer mit ihr sprechen möchte. Wahrscheinlich nicht. Ich will es einfach wissen.

Ihre Stimme dringt durch den Tinnitus: „Sie haben Brustkrebs“, sagt sie, und dann nochmals, sie weiss, dass ich schlecht höre. „Sie haben Brustkrebs.“

Ich stehe da und sage: „Ja, ich habe sie gehört. Ich habe verstanden.“

Lebensbilanz


Johann Wolfgang von Goethe. Der Dichterfürst lässt Frau Frogg über schöpferische Kräfte nachdenken. (Quelle: Wikipedia)

„Ich! Da ich mir alles binn, da ich alles nur durch mich kenne! So ruft ieder, der sich fühlt, und macht grosse Schritte durch dieses Leben, eine Bereitung für den unendlichen Weeg drüben. Freylich ieder nach seinem Maas. Macht der eine mit dem stärcksten Wandertrab sich auf, so hat der andre siebenmeilen Stiefel an, überschreitet ihn, und zwey Schritte des letzten bezeichnen die Tagreise des ersten.“*

Goethe schrieb diese weisen Worte über ungleich verteilte schöpferische Kräfte in einer Rede über Shakespeare. Ich entdecke sie, als ich durch’s Bücher-Brocky stöbere. Sofort lege ich es auf den Stapel Bücher, den ich kaufen werde. Man kann im Bücher-Brocki die konservierte Weisheit der Welt für ein paar Fränkli kaufen. Ich schmökere hier und da und denke: „Und ich? Wie steht es mit mir und meinem Wandertrieb?“ Nicht mehr so gut, stelle ich fest. Mir selbst überlassen, habe ich keine Siebenmeilensteifel, nie gehabt. Mir selber überlassen, neige ich zu träumerischen Spaziergängen oder dazu, mir unerreichbare Ziele zu setzen. Ich komme irgendwie nie recht vom Fleck. Als junges Ding, an der Uni, habe ich mich damit vertröstet, dass ich noch endlos viel Zeit haben werde. Wandertempo bekam ich erst, als ich gegen Ende der zwanziger meinen Lebensunterhalt bestreiten musste. Und jetzt? 52 Jahre bin ich alt und in der komfortablen Lage, (im Moment) keine existenziellen Sorgen zu haben. Jetzt tappe ich wieder durchs Leben, träume, sehe kein rechtes Ziel – oder wenn, dann fehlen mir die richtigen Schuhe, um es zu erreichen. Was soll’s, denke ich und schmökere weiter.

„Hugo Loetscher zieht Bilanz“, lese ich ich im Klappentext einer Autobiografie des grossen Schweizers, „Die Stoffe und Themen seines Lebens und seines Werks entfaltet er zu einer weltumspannenden Autogeographie, der Entwicklungsgeschichte eines globalen Bewusstseins.“** Auch dieses Buch werde ich kaufen. Wenn jemand wie Loetscher Bilanz ziehen kann, dann imponiert mir das. Eigentlich habe ich eine grosse Sehnsucht danach, selber Bilanz ziehen zu dürfen. Man kann nicht so tun, als wäre man mit Siebenmeilenstiefeln unterwegs gewesen, wenn man in Wahrheit höchstens eine oder zwei Steigungen zurückgelegt hat.

Aber dann kaufe ich noch den Roman „Small World“ von Martin Suter, mit dem Klappentext: „Erst sind es Kleinigkeiten. Konrad Lang, Mitte Sechzig, stellt aus Versehen seine Brieftasche in den Kühlschrank. Bald vergisst der den Namen der Frau, die er heiraten will.“*** Konrad Lang hat Alzheimer. Dieses katastrophale Vergessen, es beschäftigt mich im Moment. Weil ich feststelle, dass mein Gedächtnis nachgelassen hat. Nichts Krankhaftes wohl, aber doch ein bisschen beunruhigend.

Sollte ich vielleicht doch Bilanz ziehen, bevor es auch dafür zu spät ist?

*Johann Wolfgang Goethe: „Schriften zur Kunst und Literatur“, 1999, Stuttgart, Reclam Universal-Bibliothek 7710
** Hugo Loetscher: „War meine Zeit meine Zeit“, 2009, Zürich, Dogenes Verlags-AG
*** Martin Suter: „Small World“, 1999, Diogenes Taschenbuch

Sechzehn und ganz in Rot

Kürzlich wurde meine Nichte Marie-Christiane konfirmiert. Da stand sie, sechzehn Jahre alt, überragte mich in ihren Pumps fast um Haupteslänge, eine grazile junge Göttin im roten Kleid. Die schönste von allen. Ich sah sie noch vor mir, wie sie mit vier war, ein Kind das mit grossen Augen und ein paar Playmobil-Puppen Geschichten dahinfabulieren konnte, stundenlang (Hier habe ich davon erzählt). Tempi passati, sie wird jetzt erwachsen.

In der Kirche mussten die Konfirmanden über immaterielle Schätze sprechen, über die Dinge, von denen sie im Leben zehren. Sie nannten die Familie, Freunde, gar das Tennis. Meine Nicht sagte, die Erinnerung sei ihr Schatz. Kluges Kind, dachte ich. Wenn man jung ist, ist die Erinnerung etwas von Wertvollsten, was man hat. Sucht man Halt, steigt man in die Kammer der Erinnerunngen, zieht ein paar Stücke hervor, sieht sie schillern, drückt sie in seinen Händen und steigt gestärkt und seiner selbst gewiss wieder in den Alltag. So war das jedenfalls bei mir. Klar, es gibt düstere Ecken in dieser Truhe – aber man übersieht sie so leicht!

Seit ich fünfzig bin, ist es anders. Man hat ja mittlerweile so viel von diesem Zeugs! Es scheint in einem riesigen Estrich zu liegen, der einmal entrümpelt gehört. Wenn ich dann da hochsteige, sehe ich zuerst einmal eine mächtige Unordnung. Dann finde ich durchaus noch zum Weinen schöne Stücke – vergangene Freundschaften, vergangene Reisen, bestandene und nicht bestandene Bewährungsproben, veröffentlichte und nie veröffentlichte Texte. Vergangen, alles vergangen. Ich kann dort oben nicht zu lange verweilen, sonst verliere ich mich.

Ich glaube, ich muss mir ab und zu in Erinnerung rufen, dass es auch jetzt noch Momente gibt, an die zu denken sich einmal lohnen wird. Meine Nichte im roten Kleid zum Beispiel.

Nie wieder schreiben

In den letzten Tagen habe ich meinen Estrich aufgeräumt. Ich entsorgte meine sämtlichen Schulhefte und Berge von Karton. Dann fand ich eine grosse Plastiktüte mit Fragmenten eines Romans. Das Manuskript ist gewiss 15 Zentimeter dick, lauter A4-Blätter, eng mit Schreibmaschine beschrieben, praktisch ohne Ränder. Die erotischen Verwirrungen eines Teenagers, kein Mensch wird das je lesen wollen. Nicht einmal ich wollte es mehr lesen.

So, wie ich dieses Manuskript verfasst habe, habe ich immer geschrieben. Anfallsweise. Stossweise. Reichlich. Ich habe auch reichlich gebloggt. „Wer ein geheimes Selbst hat, neigt oft zum Schreiben, um ihm Ausdruck zu verschaffen“, habe ich kürzlich in irgendeinem Hochglanzmagazin gelesen. Ich wollte nicht den ganzen Artikel dazu lesen, er schien mir trivial. Aber dieser eine Satz blieb mir hängen. Ich muss ein sehr opulentes geheimes Selbst gehabt haben.

Ich schreibe „gehabt“, denn in letzter Zeit ist mir nicht mehr so ums Schreiben. Es liegt daran, dass ich mittlerweile weiss: Wenn ich noch etwas Publizierbares auf die Reihe kriegen will, muss ich sehr hart arbeiten – wahrscheinlich härter als es meine Kräfte erlauben. Die Malaise rund ums Bloggen kennt ihr ja alle. Und mit dem Journalismus ist es bei mir auch vorbei.

So drücke ich mich ums Schreiben. Ich komme aus der Übung. Sogar meine Tagebücher bleiben leer. Ich tue statt dessen Dinge, die ich früher nie getan habe. Meinen Estrich aufräumen zum Beispiel. Das ist durchaus sinnvoll. Aber ich fühle mich dabei doch ein bisschen wie in einer Beschäftigungstherapie. Ich versuche mir vorzustellen, wer ich bin, wenn ich nicht mehr schreibe. Dann sehe ich eine ganz gewöhnliche Frau mittleren Alters vor mir. Es ist gewiss nichts Ehrenrühriges daran, eine ganz gewöhnliche Frau mittleren Alters zu sein. Und doch fühle ich mich dabei, als hätte man mir etwas amputiert. Wahrscheinlich mein geheimes Selbst.

Um ehrlich zu sein: Ich weiss nicht, wie ich weitermachen soll. Ich wünschte, jemand würde es mir sagen. Ich habe es nicht einmal fertig gebracht, mein altes Romanmanuskript zu entsorgen.

Putztag in Grossmutters Laden

Meine Grosseltern hatten eine Bäckerei am Dorfrand. Und weil es damals noch weit und breit keinen anderen Lebensmittelladen gab, verkaufte meine Grossmutter nicht nur Brote, Weggli und Nussgipfel – sondern alles, was die Nachbarn so brauchten: Milch und Reis, Wienerli und Päcklisuppen, Rivella blau und Coca Cola, Gummibärli, Waschpulver und Tabakwaren. Als ich ein Kind war, verbrachte ich dort oft meine Ferien.

Schon meine Grossmutter war kein Putzteufel. So entdeckte ich eines Tages im Gestell mit den Tabakwaren eine Spinnwebe. Ich entschloss mich, gleich das ganze Gestell zu reinigen. Meine Grossmutter liess mich gewähren. Ich war noch keine zehn Jahre alt, und es war das letzte Mal in meinem Leben, dass ich nicht aus schierer Notwendigkeit putzte. Der Tabak krümelte ein bisschen, als ich die blauen Pakete aus dem Gestell räumte.

Aber es machte Spass, und so kam auch das Reisgestell an die Reihe. Und dann der Boden, wo die Waschmittelpackungen sich stapelten. Mittlerweile war ich ermüdet und wollte den Waschmittel-Turm nicht auch noch abräumen. Ich putzte den Boden um den Turm herum – es muss dabei ziemlich feuchtfröhlich zugegangen sein, denn die unterste Waschmittelpackung hatte bald ein nasses Loch in einer Ecke. Ein Waschpulver-Rinnsal ergoss sich auf den nassen Boden. Ich wollte das aufgeweichte Pulver wegputzen, beschädigte dabei den Karton noch mehr, und schon knickte das Behältnis ein, neigte sich der Turm zur Seite, und dann berührte die zweitunterste Packung die nassen Fliesen. Es war wie beim Goethes Zauberlehrling. Je mehr Waschpulver ich wegputzte, desto mehr kam nach. Bald schäumte es im Ladenlokal.

Schliesslich schritt Grossmutter doch noch ein und warf mich aus dem Laden. Es war das einzige Mal, dass sie wütend auf mich war, jedenfalls für fünf Minuten.

Zu Herrn Trittenheims inspirierendem Projekt „Die Läden meiner Kindheit“ – Hier weitere Beitrage von Mitbloggern