Das elektronische und das menschliche Ohr

Früher hatte ich computerbegeisterte akademische Freunde. Sie diskutierten gerne über Cyborgs, über technisch erweiterte Menschen (hier eine knappe Definition des Begriffs). Nun habe ich vor zwei Wochen am rechten Ohr ein Cochlea-Implantat eingesetzt bekommen. Bin ich nun ein Cyborg? Wahrscheinlich nicht. Denn wichtig an der oben verlinkten Definition scheint mir, dass die technische Erweiterung des menschlichen Körpers die Leistungsfähigkeit erweitern, optimieren soll. Bei mir geht es aber nicht im engeren Sinne um Erweiterung. Sondern eher um die teilweise Rückgewinnung der Fähigkeiten, die mein einst wunderbar hörendes rechtes Ohr hatte, und die ich durch zunehmende Schwerhörigkeit verloren habe.

Ich möchte ohnehin ergänzen, dass ich gerade durch die zunehmende Schwerhörigkeit gewisse menschliche Fähigkeiten durchaus optimieren durfte (hoffe ich zumindest), die ich vorher nicht in hohem Masse hatte: Geduld, Autonomie, Wertschätzung für gute Freundinnen und Freunde.

Das Implantat, das unter meinem Schädel sitzt. Das Schwänzchen ist elektrodenbesetzt und geht in die Cochlea (Quelle medel.com)

Aber nun habe ich eben so ein Wunderding im Kopf. Es heisst SYNCHRONY 2 und ist von der Firma Medel. ein Blick auf den Link der Firma lohnt sich, gerade für Technikbegeisterte. Es gibt dort nicht nur eindrückliche Bilder vom Implantat (wie hier links), das mich an ein winziges Handy erinnert. Sondern auch von der Cochlea, der Hörschnecke, die Mutter Natur den meisten von uns eingesetzt hat.

Was dort nicht steht: So eine Implantation zehrt von der Geduld, die man sich vorher durch zunehmende Schwerhörigkeit erworben hat. Seit zwei Wochen bin ich nun krank geschrieben. In den ersten Tagen lag ich am liebsten still da. Ich konnte mich kaum anziehen und nicht bücken und keine Tür mit der rechten Hand aufdrücken, ohne vor Schmerz aufzujaulen. Ich konnte den Mund nur etwa anderthalb Zentimeter weit öffnen, kaum kauen und musste mir selbst Bananen und Tofu in winzigen Bissen zuführen. Ich durfte mich nicht schneuzen und nicht niesen. Meine rechte Gesichtshälfte wurde gelb, als hätte mir jemand eine kräftige Ohrfeige versetzt. «Bitte sag den Leuten, dass nicht ich das war», scherzte Herr T.

Nach wenigen Tagen machte ich kleine Spaziergänge. Herr T. musste mitkommen, denn ich hatte Angst vor dem Schwindel und davor, auf der Strasse von jemandem angerempelt, geschubst oder angefahren zu werden. Ausserdem entwickelte ich eine geradezu irrationale Furcht davor, in einen dieser Eisenpfosten hineinzudonnern, an denen Verkehrsschilder festgemacht sind.

Mittlerweile geht es besser. Ich bekomme den Mund fast wieder so weit auf wie früher, kann wieder leichte Wäschestücke aufhängen und unbegleitet spazieren. Heute Nachmittag muss ich ins Spital. Dann nehmen sie die Klammern aus der Wunde. Am Montag arbeite ich wahrscheinlich wieder. Und am 26. Mai setzen sie mir dann diesen Knopf auf den Schädel, den man auch von aussen sieht. Erst dann wird sich herausstellen, ob das Cyborg-Ding auch funktioniert.

Chochlea-Implantat: Aus der Narkose erwacht

Man liegt herrlich im 10. Stock des Kantonsspitals. Als ich dort am vorletzten Freitag aus der Narkose erwachte, konnte ich meinen Blick aus dem Fenster über die waldigen Hügel rund um die Stadt schweifen lassen. Der Himmel war kobaltblau. Mir war, als schwebe ich über grünen Wolken Richtung Pilatus, mit einem dicken Verband über dem rechten Ohr. Bald rollte jemand ein zweites Bett herein, mit einer Frau, die sofort Besuch bekam.

Dann kam mein Chirurg mit der Assistenzärztin. Er hat ein zuversichtlich stimmendes Lächeln. Es sei alles bestens gegangen, sagte er. Die Elektroden in meinem Cochlea-Implantat würden genau am richtigen Ort liegen. Es sei bloss so: Als sie den Hörnerv zum Test stimuliert hätten, habe dieser nicht reagiert.

Was das bedeutet, war mir auch in meinem Dämmerzustand sofort klar: Im Moment noch nicht viel. Im Moment höre ich rechts so oder so einfach mal gar nichts. Richtig ernst gilt es erst Ende Mai. Dann, wenn sie aussen den Knopf mit dem Prozessor auf meinen Schädel setzen. Wenn der Nerv dann auch nicht anspringt, um Geräusche vom Innenohr ins Gehirn zu leiten, dann habe ich mir den Schädel vergebens aufsägen lassen.

Auch die Assistenzärztin schien verunsichert. Ist ja klar: Da hat man einen guten Job gemacht, vielleicht erst wenige Male, und dann funktioniert etwas nicht wie erwartet! Doch der Chirurg lächelte, ich solle mir keine Sorgen machen. Das komme manchmal vor – sie müssten nur noch ein zweites CT machen, um sicherzustellen, dass das Implantat auch wirklich richtig liege.

Ich sagte nicht viel – nicht umsonst bedeutet das Wort «Patientin» die Duldsame. «Man muss sich in solchen Lebenslagen einen gewissen Fatalismus aneignen», pflegt mein Freund, der pedestrian, zu sagen. Und er hat recht. Im Krankenbett ist oft abwarten und ausruhen das Beste. Aber innerlich wälzte ich sofort Worst Case-Szenarien. Was, wenn ich eines Tages gar nichts mehr höre!?

Ich lag so da und blickte hinaus auf die leuchtenden, grünen Wolken unter mir. Es war unfassbar schön. Sehen kann ich ja noch, hier und heute, dachte ich. Was morgen ist, sehen wir dann. Dann ging der Besuch meiner Zimmernachbarin und ich dachte: Ich habe ja noch Restgehör, auf meinem linken Ohr. Ich setzte mich auf die Bettkante ihr gegenüber, damit ich sie anschauen konnte, und wir begannen zu plaudern. Sie hiess Agnes, ist 81, und war gerade in einer viel misslicheren Lage als ich. Aber ich glaube, von all den Menschen, die mir an jenem Nachmittag die Zuversicht zurückgegeben haben, war sie der wichtigste.

Schwerhörig: Wenn es schlimmer wird

Rechts bin ich ja mittlerweile taub, links höre ich mit Hörgerät noch 40 Prozent. Das ist seit Herbst 2022 (und nach unzähligen Schwankungen) stabil so. Aber seit gestern stimmt links wieder etwas nicht. Jingles im Fernsehen klingen falsch. Sie haben in den Hochtönen ausgefranste Ränder und die Tieftöne prallen auf Löschpapier. Manchmal weiss ich nicht, ob im Nebenraum jemand brummt oder ob er ein Möbelstück verschiebt. Und die Stationsansagerin im Bus produziert Laute, die es eigentlich nur im Walisischen gibt. Zum Beispiel: „Näcllter Halt: Löwenplatll. Necllt lltop Lion Monument.“ Es macht Angst. Es fühlt sich an, als würde ich vor der Tür meines Zuhauses stehen und könnte nicht hinein.

Schwerhörig: Das Universum im Ohr

2026 werde ich wahrscheinlich ein Cochlea-Implantat bekommen, ein elektronisches Innenohr. Ich habe einen Operationstermin am 24. April. Eine Ärztin hat mir bereits die Funktionsweise eines gesunden Innenohrs erläutert: In der Hörschnecke wachsen Härchen, die beim gesunden Ohr auf Schallwellen reagieren und Impulse an den Hörnerv weiterleiten. «Die Hörschnecke ist gebaut wie ein spiralförmiges Klavier. Oben sind die Härchen für die hohen Töne, unten diejenigen für die tiefen. Bei Innenohrschwerhörigkeit sind diese Härchen kaputt. Das Cochlea-Implantat ersetzt sie durch Elektroden.» Diese Elektroden geben den Sound dann an den Hörnerv weiter.

Dann kam der Chirurg erklärte mir, wie er operieren wird: «Wir werden den Knochen hinter Ihrem Ohr aufsägen und zwischen Gesichts- und Geschmacksnerv einen Zugang zum Mittelohr und von dort zur Hörschnecke legen», sagt er. Ich nickte und sagte: «Das klingt brachial.»

Er: «Oh, nein, jedes Mal, wenn so ein Innenohr offen vor mir liegt, ist es, als würde sich ein kleines Universum vor mir auftun. Es ist wunderschön.»

Das Innenohr (Quelle: Universitätsspital Zürich).

Schwerhörig: Musik sehen

Mit Hörgeräten kann ich Musik zwar sehr wohl noch hören. Aber bei Kammermusik zum Beispiel klingen für mich sogar Virtuosen ausnahmslos wie damals die siebenjährige Mina nach ihrer ersten Geigenstunde. Es ist zum Davonlaufen, und davonlaufen tue ich auch, wenn jemand zum Beispiel seinen Geburtstagsgästen mit einem Orchesterständchen eine Freude machen will. Eine Zeitlang sah ich mir noch die Youtube-Videos von smalin an (hier ein schönes Beispiel). Aber der Ton krankt bei mir auch dort am Erste-Geigenstunde-Effekt.

In letzter Zeit passiert es mir dafür dann und wann, dass ich Bilder sehe wie Musik. Zum Beispiel dieses hier.

Egon Schiele, Haus mit Schindeldach (1915), im Leopold Museum in Wien.

Leider sieht man das sublime Leuchten der weisslichen Fläche im Hintergrund auf dem Foto nicht gut. Dieses Leuchten ist die Grundierung und Einleitung, legt eine sehnsüchtige Grundstimmung. Vielleicht sind es Stimmen, vielleicht eine Orgel, vielleicht Septakkorde einer hell klingenden Gitarre. Das Haus im Mittelgrund  ist natürlich ein Tasteninstrument, aus dem oben die Töne in schnellen Läufen purzeln (im Original haben die Schindeln unendlich viele, warme Farben). Im Mittelteil des Hauses dann sind die Töne tiefer, im untersten Stock, wo der Zaun ist, kommen sie in Stössen, es könnte eine Trompete sein. Die Baumreihe darunter dann, das sind zwei, drei Streicher, die zum Schluss achtmal dasselbe, dunkle Motiv andante wiederholen. Die Zeit vergeht so von oben nach unten.

Aber, seien wir ehrlich: Auf meiner grau gestimmten Fotografie des Gemäldes knattert das Schindelhaus eher wie eine Schreibmaschine aus dem letzten Jahrhundert, und von hinten nahender Donner wird sie wahrscheinlich demnächst in ihre Einzelteile zerlegen.

Schwerhörig: Das Göttliche an der Musik

In seinem Buch «Tremor» schreibt der afroamerikanische Autor Teju Cole über Musik aus Mali. Er streicht dabei die besondere Bedeutung von Ali Farka Touré hervor. Hier ein Müsterchen von Tourés Album «Niafunké» auf Youtube. Die CD fischte ich ungefähr 1997 aus einer Grabbelkiste. Damals hörte ich noch gut und viel Musik. Ich kannte weder den Musiker noch die Musik, aber dann hörte ich hinein und in diesem heiteren, tanzbaren Sound das Vibrieren der Erde und das Summen eines wehmütigen, leuchtenden Gottes. Für Cole’s Protagonisten wird Musik aus Mali eine Art Schutzschild und innere Heimat. «Jedes Mal, wenn er diese Klänge hört, ist er wieder in Mali, obwohl er gar nie in Mali gewesen ist. Er ist wieder an seinem Platz im Gewebe der Zeit und mit seinen Ahnen in Kontakt. Wie kann das sein, wo doch seine Ahnen gar nicht aus Mali sind?» (S. 71) Ich kann nachvollziehen, was er meint, obwohl ich ziemlich sicher auch keine Ahnen in Mali habe. Ich hörte das Album oft und geradezu betört. Aber wegen meiner zunehmenden Schwerhörigkeit ging das dann irgendwann nicht mehr, jetzt scheppert der Sound ganz unerträglich in meinen Hörgeräten. Viele Schwerhörige lieben Musik, bei mir ist diesbezüglich nichts zu machen.

Cole schreibt: «Gesang begann im Ritual mit dem Zweck, die Grenze zwischen geheiligter Zeit und gewöhnlicher Zeit zu ziehen. Er stärkte das Netz menschlicher Beziehungen, die Verbindung zwischen einer Gemeinschaft von Menschen und dem Universum» (S. 69). Ich fühle mich immer etwas kläglich, wenn ich solche Dinge lese. Ich kann ja nicht einmal mehr bei Weihnachtsliedern mitsingen. Ich bin kein besonders religiöser Mensch, doch ich erinnere mich an die Macht der Musik über Raum und Zeit, ihr tiefes Geheimnis. Bin ich aus der Sphäre des Göttlichen ausgegrenzt?

Ich erzählte das alles einer guten Freundin, die vor nicht allzu langer Zeit den herben Verlust ihres Geschmackssinnes hinnehmen musste. Essen in Gesellschaft ist ihr praktisch unmöglich geworden. «Es gibt so viele andere Arten, dem Göttlichen zu begegnen», antwortete sie. Und sie hat recht, das merke ich immer deutlicher. Aber darüber muss ich nächstes Mal schreiben.

Teju Cole: „Tremor“, London, Faber & Faber Paperback, 2024, Übersetzungen aus dem Englischen von mir.

Schweizerdeutsch 50: Gegen den Widerstand der Materie kämpfen

chnorze (V)

Seit Montag haben wir im Geschäft neue Laptops und lauter neue Programme. Für uns alle fallen sämtliche Gewissheiten weg, die man bei der täglichen Arbeit so hat. Liefern müssen wir trotzdem. Ich zum Beispiel kam am Morgen ins Büro und startete den neuen Laptop. Kein Internet. Ich chnorzte mit den Tasten, rief um Hilfe, jemand kam und chnorzte mit Tasten und Kabeln. Dann hatte ich Internet und schickte dem Chef eine Nachricht, ich sei nun bereit. Er wollte mir telefonisch das Nötigste zeigen. Telefonisch! Mein Bluetooth-Hilfsmittel zum Telefonieren war aber noch nicht gekoppelt! Ich chnorzte mit Knöpfen und der Maus, dann chnorzte jemand mit mir. Dann konnte ich endlich den Chef anrufen. Aber wie mache ich jetzt meinen Bildschirm für ihn sichtbar? Irgendwann ging auch das und so chnorzten mein Chef und ich an meinen ersten Arbeitsschritten. Ich chnorzte dann den ganzen Tag, am Dienstag auch und auch gestern.

Gestern Nachmittag klagte mir eine junge Kollegin in einer Message, dass sie den Zugang zu einem bestimmten Programm immer noch nicht habe. Ich antwortete: «Sei geduldig. Wir chnorzen alle.»

So hat das Verb «chnorze» seine Bedeutung geändert. Früher chnorzten wir bei der Handarbeit, etwa wenn der Faden nicht durchs Nadelöhr und die Nadel nicht durch den dicken Saum ging. Oder wir chnorzten im Garten, wenn im Herbst die Wurzel der grossen Tomatenstaude partout nicht aus dem Boden gerissen werden will. «S’Gchnorz» war sichtbar und machte mitunter auch die Hände schwielig. Jetzt chnorzen wir virtuell, dabei haben wir uns vielleicht erhofft, dass wir nie wieder «müend chnorze».

Aber ohne Kampf gegen den Widerstand der Materie geht es wohl nicht, und deshalb haben wir hierzulande für das Verb «chnorze»  zahlreiche Synonyme, zum Beispiel: «morxe», «chnuuschte» und «figuretle».

 

 

Schwerhörig: Die verblüffende Schärfe verständlicher Sprache

Wie fühlt es sich an, in normalen Gesprächen gesprochene Sprache schlecht zu verstehen? Und warum fragen wir Schwerhörigen oft nicht nach, wenn wir im Gespräch nicht mitkommen? Ich habe mich schon oft gefragt, wie ich Euch das erklären könnte. Dann stiess ich bei Walter Benjamin auf folgendes französische Gedicht und merkte: Das ist ein Beispiel, an dem ich es vielleicht bildhaft zeigen kann.

Car il me plaist pour toy faire ici ramer
Mes propres avirons dessus ma propre mer,
Et de voler au Ciel par une voye estrange,
Te chantant de la Mort la non-dite louange.“

Pierre Ronsard: Hymne de la Mort
A Louys des Masures

Ich beherrsche die französische Sprache wahrscheinlich etwa auf dem Niveau B2, der Text gibt mir ähnlich viele Rätsel auf wie manche deutschsprachige Gesprächsfetzen, die ich am Alltag so mitbekomme. Ich scheitere schon im ersten Vers: Was heisst „ramer“? In guter Schwerhörigen-Manier versuche ich, die Bedeutung des Wortes aus dem Kontext zu erschliessen: Hier wird ein „Du“ angesprochen, es herrscht eine gewisse Intimität – zugleich haben wir aber die blaue Weite eines Meeres und des Himmels. Und „plaist“ muss eine alte Form von „plaît“ sein, „es gefällt“, das Gedicht könnte also mehrere hundert Jahre alt sein. Erst denke ich: Das ist jetzt etwas wolkig, aber es muss genügen, sonst komme ich in diesem dicken Band nie vorwärts.

Doch dann hole ich das Handy und lasse mir „ramer“ übersetzen. Es heisst „rudern“, und „mes propres avirons“ sind „meine eigenen Ruder“. Dass ich das jetzt verstehe, lässt mich die Situation ganz neu und mit verblüffender Schärfe sehen. Das passiert mir oft bei Gesprächen, in denen ich die Laune der Sprechenden und der Hörenden errate und vage das Thema – und dann geradezu erschrecke, wenn mit später klar wird, was jemand tatsächlich gesagt hat. Sprachverständnis ist durch nichts zu ersetzen.

Nehmen wir jetzt an, ich würde mit fünf Personen an einem Tisch sitzen, die Französisch akustisch und semantisch gut verstehen. Sie alle würden diesen Text vorgelesen bekommen. Klar, danach würden sie sofort zu diskutieren beginnen. Wenn ich jetzt mitdiskutieren und somit volle Inklusion will und frage, was „ramer“ heisst und was „mes propres avirons“ sind, dann müssten sie das Gespräch komplett neu organisieren, ganz allein für meine Wenigkeit. Vielleicht rudere ich dann doch lieber alleine.

Denn wenn ich nicht nachfrage, haben sie unter sich bereits angefangen, weitere Rätsel im Text zu lösen, zum Beispiel: In welchem Jahrhundert lebte Pierre Ronsard? Wer war Louis des Masures? Vielleicht bekomme ich davon dann auch Gesprächsfetzen mit und habe wenigstens zum Teil etwas vom Gespräch.

Zitiert aus dem Passagenwerk von Walter Benjamin, S. 301

Warum lege ich solchen Wert auf Einhaltung der Regeln?

Seit ich mich wieder vermehrt mit meiner Schwerhörigkeit auseinandersetze, habe ich eine fatale Neigung entwickelt: Ich fange an, alles, was mir passiert, unter dem Gesichtspunkt der Schwerhörigkeit zu analysieren. Warum zum Beispiel bin ich im Fitness-Center vielleicht etwas zu versessen darauf, dass die anderen Frauen die Regeln einhalten? Warum hat es mir dort so schnell zu viele Leute? Weil ich in diesem Getöse von Musik und sportlichem Aktivismus nicht so locker mündlich interagieren kann wie andere? Weil ich deshalb mehr auf Regeln angewiesen bin? Oder bin ich etwa eine spiessige, alte Blockwart-Schweizerin geworden bin? Eine, die bei der kleinsten Störung von Ruhe und geordneten Abläufen „wehret den Anfängen!“ schreit?! Nein, darüber will ich gar nicht nachdenken! Ich will mich nicht wegen jeder misslichen Situation des Zusammenlebens mit meiner Schwerhörigkeit auseinandersetzen oder mich gar auf meine Schwerhörigkeit hinausentschuldigen! Es gibt noch so viel anderes, was mich zu der Person gemacht hat, die ich bin,  auch wenn ich mein eigenes Handeln mal grad nicht so sympathisch finde.

Schwerhörig: Jetzt müssen andere Sinne ran!

Im Herbst 2009 sass ich im Kantonsspital und weinte. Ich hatte gerade mehrere Hörstürze auf meinem guten Ohr gehabt. Ich gab mir eine schlechte Prognose, auch wenn der Ohrenarzt auf Zweckoptismus machte.

Eine Pflegerin wollte mich trösten, setzte sich zu mir ans Bett und sagte: „Sie müssen das jetzt einfach mit der Einstellung nehmen: Mein Gehör ist schwach, jetzt müssen andere Sinne ran!“ Ich schätzte die Geste, konnte aber schon damals nicht viel mit ihrem Rat anfangen. Heute, nach mehr als 15 Jahren, in denen meine Prognose sich allmählich bewahrheitete und doch alles nicht so schlimm kam, muss ich es einmal sagen: Kein anderer Sinn kann das Gehör auch nur annähernd ersetzen.

Eine kurze Geschichte, die umreisst, wie ich das meine: Vor etwa zwei Jahren war ich am Konzert einer Band, deren Lead-Sängerin ich persönlich kenne. Die Musik war elektronisch verstärkt, deshalb musste ich die Hörgeräte abstellen. Merke: Hörgeräte sind eine extrem hilfreiche Erfindung, aber Musik können sie, zumindest für mein Gehör, nicht adäquat wiedergeben.

So sass ich eine Stunde da und bekam von der Musik nur ganz wenig mit. Mein Blick aber klebte am Gesicht der Leadsängerin folgte geradezu besessen ihrer Mimik. Ihr Gesicht war erstens das am wenigsten langweilige im Saal. Zweitens merke ich in solchen Momenten, dass mein Auge Information sucht, die meine Ohren mir nicht liefern können. Nun denken wohl einige: Zum Glück kannst Du von den Lippen lesen, da hast Du wenigstens den Text verstanden! Aber Lippenlesen können ist für die meisten Spätertaubten ein Mythos, sowieso in einer Fremdsprache, und die Sängerin sang Englisch.

Ihre Miene war mal schalkhaft, mal etwas selbstgefällig; mal angestrengt, mal leicht und fröhlich, immer sympathisch. Aber es war eine ungeheuer ermüdende Stunde, denn ich konnte meine Augen noch so sehr anstrengen, sie konnten mir nicht das geben, was ich eigentlich von diesem Abend gewollt hätte.

Ich muss aber einräumen: Es gibt Moment, da merke ich, dass ich dank der Mehrarbeit meiner Augen (und meines Geruchssinns) mehr von meiner Umgebung mitbekomme als andere. Manchmal kann ich meine Erkenntnisse sogar für die Allgemeinheit nutzbar machen – aber davon erzähle ich ein andermal.