In jungen Jahren studierte ich ein paar Jahre in Bern. Dort lernte ich zahlreiche Menschen aus verschiedensten Teilen der Schweiz kennen. Damals kam es häufig zu folgendem Konversatiönli.
Der neue Bekannte: «Woher kommst du?»
Frau Frogg: «Us Lozärn.» Das «o» spreche ich dabei etwa wie im Standarddeutschen „Boot“ aus, nur einfach kurz.
Der neue Bekannte (in spöttischem Ton): «Ah, Lotzärn!» Das «o» klingt dabei wie im deutschen Wort «glotzen».
Frau Frogg denkt: «Ach! Schon wieder einer, der nicht zuhört!»
Frau Frogg sagt: «Jaja» und lächelt nachsichtig. Es ist in der Schweiz üblich, dass man meint, über die Eigenheiten anderer Dialekte Bescheid zu wissen und sich über sie und ihre Sprecher*innen lustig zu machen. Deswegen neue Bekannte gleich mit einer Belehrung zu vergraulen, ist unnötig.
Es ist mir aber wichtig, die Sache mit den beiden o hier mal durchzudenken. Denn immer wieder stosse ich auch bei meinen Schweizerdeutsch-Lektiönli auf das Problem, dass dem deutschen Alphabet (mindestens) ein Buchstabe fehlt, um unsere Sprache nachvollziehbar wiederzugeben: eben jener für den kurzen Laut, der ein u ersetzt, aber wie ein kurzes «Boot-o» klingt. Das offenere «Glotz-o» gibt es im Luzerndeutschen zwar auch, aber eben nicht im Wort «Lozärn». Die phonetische Schrift kennt für die beiden Laute auch zwei Zeichen. Das «Glotz-O» ist ein [ɔ]. Das kurze Boot-O ist ein [o]. Im Lektiönli 58 (hier) tauchen sogar beide O-Varianten im Wort «zonderobsi auf. Phonetisch würde man [tsonderɔpsɪ] schreiben – und Lozärn übrigens [lotsæ:rn].
Aber phonetische Schrift will kein Massenmedium seiner Leserschaft zumuten. Wenn Schweizerdeutsch geschrieben wird, was dann und wann vorkommt, hat sich daher die irreführende Schreibweise «Lozärn» durchgesetzt. Deshalb denkt nun die halbe Deutschschweiz, wir Luzern*innen würden unserer Heimatstadt einen so unglaublich hässlich klingenden Namen wie «Lotzärn» geben.
«Ach Gott, so ein Vokälchen ist doch nicht so wichtig!», höre ich nun irgendein Nordlicht einwenden. Aber dieses Nordlicht unterschätzt die Relevanz des kleinen Unterschieds. Denn das kurze Boot-o, das eigentlich ein u ist, ist im Luzerndeutschen ein Phonem. Das heisst: Es ist bedeutungsunterscheidend. Spreche ich beispielsweise von einem «T[ɔ]bel», dann meine ich einen tiefen Bachgraben. Sage ich jedoch: Mein neuer Bekannter ist «ein T[o]bel», dann meine ich: Er ist ein Idiot (das ist er sehr wahrscheinlich nicht, aber ihr wisst schon, was ich meine).
Nun ist das zweite dieser beiden T-Wörter auch in anderen schweizerdeutschen Dialekten sehr gebräuchlich, vor allem bei Begegnungen mit Idiot*innen im Strassenverkehr. Die Dialekte östlich der Reuss kennen aber das kurze Boot-O nicht. Wenn das zweite T-Wort aufgeschrieben wird, dann meistens als «Tubel».
Wie also gehe ich vor, wenn ich hier mit dem deutschen Alphabet unsere Sprache authentisch und nach klaren Regeln wiedergeben will? Schreibe ich vielleicht besser «Luzärn»? Nein, das geht auch nicht. Denn den Vokal «u» haben wir hier auch noch, und zwar in Wörtern wie «tuusig» für «tausend» oder «Guguus» (eine mehrdeutige Vokabel, die sowohl «Hallo!» als auch «Bockmist» bedeuten kann).
Phonetische Schrift will ich euch aber auch nicht zumuten. Ich glaube, es geht nur, wenn ich die klaren Regeln über Bord werfe und mich an das halte, was sich eh schon eingeschliffen hat. Das heisst: Wir bleiben bei «Lozärn» und «Tubel». Oder was meint ihr?



