Aigle: Warum Otto von Grandson trotz allem ein Held bleibt

Zufahrt zur Klosteranlage von Aigle. Ich stelle mir gerne vor, dass dies einer der letzten Orte ist, die Otto gesehen hat.

Im Frühling 1328 machte Ritter Otto von Grandson seine letzte Reise. Er war 90 Jahre alt, ein immer noch mächtiger Mann. Seine Zeit als Krieger lag lange hinter ihm. Er war in England wohlhabend geworden, seine diplomatischen Dienste in halb Europa gefragt. Nun brach er, zusammen mit ein paar Männern, von Grandson aus auf, um den Grossen St. Bernhard zu überqueren und nach Rom zu gelangen.

Grabmal von Otto von Grandson in Lausanne.

Er kam bis ins 80 Kilometer entfernte Aigle, wo er beim Prior des Klosters weilte und erkrankte. Am 5. April starb er. Man legte ihn in der damals funkelnagelneuen Kathedrale von Lausanne in einem prächtigen Sarkophag zur Ruhe. In Aigle selbsts erinnert nichts mehr an den prominenten Gast des damaligen Priors. Ich bin nicht einmal sicher, ob das Haus des Priors im Klosterviertel noch steht. Das heute mächtige Schloss hatte bei der Ankunft von Otto sowieso erst zwei Türme. Meine Suche nach Ottos Spuren war voller Missverständnisse gewesen: Er war kein Schweizer, sondern eher ein Savoyer, kein Abenteurer, sondern ein Karrierist in fernen Ländern.

Wein-Etikette von 1991 im Museum des Schlosses Aigle.

Aber im Weinbau-Museum des Schlosses Aigle erinnerte eine dort ausgestellte Flaschen-Etikette aus dem Jahre 1991, daran, was Otto in einem gewissen Sinne gewesen ist: ein Europäer. Um zu verstehen, warum mich das interessiert, muss man eine Ahnung haben von der komplizierten Beziehung der Schweiz zur EU. Am 6. Dezember 1992 scheiterte der Beitritt der Schweiz zum Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) knapp in einer Volksabstimmung. Wir EU-Befürworter standen damals mit ähnlich abgesägten Hosen da wie heute die Demokraten in den USA. In der konservativen Zentralschweiz zogen an jenem Sonntag die Trychler im Triumphzug durch die Strassen. Hier schlummert der Mythos von Wilhelm Tell nur leicht und lässt sich mit wenigen Inseraten wecken. Dann ist man gegen alles, was im Entferntesten wie ein fremder Vogt aussehen könnte. Ich erinnere mich gut an jenen Abstimmungssonntag, ich war 27 und  stinkwütend. Ich fühlte mich als Europäerin, nicht als verdammte Trychlerin. Vielen Stimmbürgerinnen und -bürgern der Westschweiz dürfte es ähnlich gegangen sein. Die Romandie hatte den Beitritt mehrheitlich befürwortet. Seither ist die barrière de rösti auch ein Graben zwischen EU-Befürwortenden und EU-Gegnern.

Für mich aber, in der Zentralschweiz aufgewachsen, wurde Otto von Grandson trotz seiner kriegerischen Natur zur Identifikationsfigur: Als Savoyen sich seiner Haustür näherte, griff er nicht trotzig zur Armbrust. Er nutzte die Chancen europaweiter Netzwerke von damals.

Wir sollten bei der Gestaltung unserer Zukunft nicht immer an Wilhelm Tell denken, sondern auch mal an Leute wie Otto von Grandson.

Es heisst, Otto sei ein grosser Verehrer von Eleonore von Kastilien gewesen, der Ehefrau seines Freundes Edward I. Er habe ihr geschworen, dass er eines Tages in der Grabeskirche in Jerusalem beten werde. Dass sie 1290 gestorben war, erfuhr er erst ein Jahr später, als er nach der verlorenen Schlacht um Akko in Zypern eintraf. Robert J. Dean schreibt, die Nachricht habe den Ritter dazu bewegt, als Pilger nach Jerusalem zurückzukehren – obwohl es äusserst gefährlich gewesen sei, denn westliche Kriegsgefangene wurden dort gerade in grosser Zahl auf den Sklavenmärkten zum Verkauf angeboten. Jemand hätte ihn erkennen und verraten können. Aber es gelang ihm, seinen Eid in Jerusalem zu vollbringen und heil nach Zypern zurückzukehren.

So führt eine Reise zur anderen. Vielleicht wird eine unserer nächsten über den Grossen St. Bernhard führen. Nicht zu Fuss, denn obwohl ich erst zwei Drittel des Lebensalters von Otto erreicht habe, traue ich meinen Knien einen solchen Marsch nicht mehr zu. Und nicht bis Rom, das ist mir wahrscheinlich zu weit. Aber, wenn es geht, vielleicht bis nach Turin. Gerade als Tochter des Gotthardpasses will ich damit der Mehrsprachigkeit und den verschiedenen Möglichkeiten, die Schweiz zu sehen, meinen Respekt erweisen.

Mit Herrn T. verreisen

Herr T. in Hérémance, im Wallis, im Vordergrund links ein traditionelles Haus, im Hintergrund die berühmte Betonkirche (über die er hoffentlich noch schreiben wird).

Mein Mann, den ich hier Herrn T. nenne (er sich selbst: der Kulturflaneur) hat sich zu unserer Tour de Romandie verlauten lassen. Hier der Link. Sein Beitrag ist eine sorgfältig gestaltete, übersichtliche Präsentation unserer Route und unserer wichtigsten Erlebnisse – reich bebildert. Wo ich mich von den einen Dingen mitreissen lasse, dafür andere (auch aus Zeitgründen) einfach weglasse, ist bei ihm Ordnung und Überblick.

Wenn ich so darüber nachdenke, muss ich an meinen Monsieur dans les pommes de terre denken: Ich nehme wieder mal zuerst die grossen Kartoffeln und lasse auch mal ein paar (für mich) kleine liegen. Das ist nicht nur schlecht – es kann im Büroalltag durchaus sinnvoll sein. Herr T. aber macht das Erlebnis vollständig: Er zeigt mir, wie man alle Kartoffeln aufsammelt, und mit Methode. So, wie wir schreiben, reisen wir auch. Oft habe ich Ziel oder wenigstens eine Obsession, er hat einen Plan und stets die Orientierung. Und wenn es mal umgekehrt ist, lassen wir uns auf das ein, was der andere will. Klar, manchmal streiten wir auch. Aber bis jetzt haben wir uns immer wieder eingekriegt. Es ist wunderbar, mit Herrn T. zu reisen.

Saint-Maurice: Festungen und Fragen

Das Schloss von Saint-Maurice, wegen der aktuellen Asterix-Ausstellung auch attraktiv für Familien.

Saint-Maurice ist so weit von der Zentralschweiz weg, dass ich es vor unserer Reise kaum auf der Karte gefunden hätte. Dabei ist das Städtchen von enormer Bedeutung für die Schweiz. Es liegt an der engsten Stelle des Unterwallis. Hier zwängt sich die Rhone zwischen  Felsen hindurch. Links und rechts führen Strassen zu den Alpenpässen Simplon und Grosser St. Bernhard, der schon im Altertum Handelsroute war. Wer einst von Rom ins Mittelland oder nach Frankreich wollte, kam hier vorbei. Die Touristin besichtigt hier die Fundamente der Schweiz und fragt sich, ob wir in Zukunft auf sie bauen können.

Die Burg im Bild oben ist das Schaustück der Militäranlagen von Saint-Maurice. Gebaut im Spätmittelalter von den Wallisern, nachdem sie Savoyen 1476 die Nordseite des Grossen St. Bernhard abgenommen hatten. Wichtiger ist das, was man sieht, wenn man hinter der Burg dem Hang entlangspaziert: Täfelchen erinnern dort daran, dass die Schweiz 1815 am Wiener Kongress wegen ihrer Alpenpässe von den europäischen Mächten für neutral erklärt wurde. Die Eidgenossenschaft habe sich fortan als Hüterin ihrer Pässe gesehen und Festungen und vor allem Bunker zu deren Verteidigung gebaut – auch in Saint-Maurice. Wahrscheinlich war die Neutralität einer von mehreren – nicht nur noblen – Gründen, weshalb die Schweiz heil durch die Kriege des 20. Jahrhunderts kam. Heute fragt man sich: Würden uns all diese Anlagen in einem Krieg gegen Putin etwas nützen? Sind unsere Alpenpässe noch bedeutsam? Wie sinnvoll ist die Neutralität noch?

Der heilige Mauritius wurde europaweit verehrt: Hier eine Statue im Dom zu Magdeburg von 1250 (Quelle: Wikipedia).

Und dann kann man im Städtchen einen der Ursprünge des Christentums in Europa besichtigen. Hier wurden der Legende nach im Jahre 290 der römische Legionär Mauritius und seine Truppen zu Märtyrern, weil sie keine christianisierten Gallier töten wollten. Das nach ihm benannte Kloster wurde 515 gegründet und ist eines der ältesten in Europa (siehe hier). Doch war es in den letzten Jahren nicht wegen seiner Altehrwürdigkeit in den Schlagzeilen, sondern weil Männer aus der Abtei Kinder und Jugendliche sexuell missbrauchten (ein Bericht des „Beobachters“ fasst die Situation hier gut zusammen). Man befindet sich hier also einem der Orte, an dem die katholische Kirche gegen den Untergang ringt, den sie sich – ganz ohne äussere Feinde – selbst zu bereiten droht. Wenn es ihr nicht gelingt, die schweren systemischen Störungen zu überwinden, die sexuelle Gewalt in ihren Institutionen fördern, ist sie in ein paar Jahren in Europa bedeutungslos. Was passiert dann in Zeiten kostspieliger Aufrüstung mit den sozialen Institutionen, die die Kirche noch führt? Wird etwas an ihre Stelle treten, was für die Seelen der Menschen so bedeutsam ist wie einst das Christentum? Und wird es etwas besseres sein?

Mein Blick fiel von der Festung auf das Wasser der Rhone. Sie führte überraschend viel Wasser nach zehn Tagen mit rekordverdächtig hohen Temperaturen und wenig Regen. Die Fluten waren weisslichgrün und dickflüssig wie Dispersionsfarbe. Da war wohl viel Schmelzwasser von Gletschern dabei. Hier im Wallis gibt es zahlreiche Gletscher, und sie schwinden. Wie wird es hier sein, wenn sie alle weg sind?

Der Rilke-Turm bei Sierre

Hier, im Schloss Muzot, lebte der Dichter Rainer Maria Rilke 1920 bis zu seinem Tod 1926.

Nach dem Ersten Weltkrieg war Rainer Maria Rilke zutiefst verstört. Der Dichter  wollte  schreiben, aber es gelang ihm nichts. 1919 verliess er München, wo er während des Krieges gelebt hatte und begann, ruhelos in der Schweiz umherzureisen, die er zunächst nicht besonders mochte. Dann entdeckte er das Château de Muzot oberhalb von Sierre, in Veyras. Es war gewiss kein Luxusschloss, die Einrichtung war rudimentär. Aber er liebte Gegend (hier mehr dazu) und fand einen Mäzen, der es für ihn erwarb. Er konnte gratis unter dem alten Dach leben und schrieb dort seine letzten, grossen Werke.

Am 23. Juni pilgerten wir hinauf zu dem Gebäude, in dem er unter Ächzen und Stöhnen in wenigen Tagen die „Duineser Elegien“ und „Sonnette an Orpheus“  vollendete (so überliefert es der Schweizer Journalist Jean-Rodolphe von Salis). Wir mühten uns durch ein Tal mit Reben hangaufwärts, es war schwülheiss, Gewitter lagen in der Luft. An der Strasse sah ich einen wohl vom Blitz gespaltenen Kirschbaum, zerborsten, aber über und über voller roter Früchte. Das hätte Rilke gefallen, dachte ich, ein Kirschbaum, der im Sterben alles gibt, um sich der Welt zu geben.

Als wir den Muzot erreichten, begann es zu regnen. Hinein kann man nicht, das Schloss ist in Privatbesitz. Aber daneben steht eine kleine Kirche, Rilke liess dort kurz vor seinem Tod noch Renovationsarbeiten durchführen. Unter ihrem Vordach picknickten wir, bis der Regen aufhörte.

Herr T. kann nicht viel mit Lyrik anfangen. Aber später, wieder in unserer Ferienwohnung, nahm ich das 1905 erschienene „Stundenbuch“ aus meinem Gepäck, blätterte, das Wort „Turm“ stach mir ins Auge und ich las vor:

Ich lebe mein Leben

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.

Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang;
und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang.

Derborence: Teuflische Bergstrecke

Wir schreiben den 22. Juni, in der Nacht zuvor hat Donald Trump Bomben auf Iran geworfen. In Sion sind wieder über 30 Grad angekündigt. Herrn T. will an den Lac de Derborence, 1451 Meter über Meer, dort ist es kühler. Aber Achtung: „Das gilt als die gefährlichste Postautostrecke der Schweiz“, sagt er. „Ok“, sage ich und so steigen wir in den gelben Bus, der zunächst über grüne Hänge den Bergen entgegenkurvt. Wenn der Chauffeur das Posthorn erklingen lässt, rennen Kinder herbei und winken. Hinter dem Fahrer sitzen vier Typen, so übermütig, als hätten sie schon am frühen Morgen dem Fendant zugesprochen.

Nach Aven wird die Strasse einspurig, nur da und dort eine Ausweichstelle. Dann eine enge Kurve und nun fahren wir auf einem schmalen Sims über der Schlucht. „Nur neun Chauffeure haben überhaupt die Erlaubnisse, diese Strecke zu fahren“, sagt Herr T. Er sitzt am Fenster und knipst, später zeigt er mir die Bilder, man sieht nur Sitzpolster und senkrecht abfallende Felsen. Ich schaue lieber nach vorn. Der Chauffeur lässt das Horn jetzt vor jeder Kurve erklingen, es kommen keine Kinder mehr. Auch kaum Gegenverkehr, zum Glück.

Vor einer Linkskurve hält der Fahrer an, ziemlich lange. Ich sehe ihn im Spiegel, ein behäbiger, junger Mann mit pechschwarzem Haar. Er kratzt sich am Unterkiefer. Ein Anzeichen von Nervosität? Es ist mäuschenstill im Bus, auch die Fendant-Männer schweigen. Ein Töffli kommt aus der Kurve, zieht vorbei. Der Fahrer wartet weiter. Herr T. bekommt irgendwie mit, dass hinter der Kurve ein Tunnel ist, vielleicht steht auf der anderen Seite eine Ampel und er muss abwarten, bis der Gegenverkehr vorbei ist. Oder so.

Vielleicht funktioniert ja etwas nicht.

Ich habe der Postauto AG immer vertraut, ein Bundesbetrieb, verlässlich und integer (also, abgesehen von diesem seltsamen Finanzskandal, aber das beeinträchtigt die Fahrgastsicherheit ja nicht, oder?), die Busse erschliessen noch das fernste Alpental, das ist politisch gewollt und sinnvoll. Aber den Amerikanern haben wir auch vertraut und schaut her, was  passiert ist! Kann man überhaupt noch jemandem vertrauen?

Wir warten. Über den News-Bildschirm vorne flimmert wieder und wieder die Nachricht, dass im nahen Conthey eine invasive Ameisenart in sechs Häuser gedrungen ist. Die Insekten würden in riesigen Staaten leben. „Es waren so viele, man konnte vor lauter Ameisen den Fussboden nicht mehr sehen“, soll die Bewohnerin eines betroffenen Hauses gesagt haben.

Endlich fährt der Chauffeur hinein in den Tunnel, bewegt den Bus Zentimeter um Zentimeter vorwärts, er passt genau ins Gewölbe, ein ungenaues Manöver und das Dach sieht aus wie nach einem Eiertütschen. Das Posthorn erklingt so oft, ich kann es schon gar nicht mehr hören.

Als das Postauto das Ende der Schlucht und auf flacheres Terrain erreicht hat, klatschen die Leute im Bus. Wie in einem Flugzeug, das vom Piloten bei ruppigem Wetter heil auf die Piste gesetzt wurde. Ich bin nicht sicher, ob das mein Vertrauen in die Welt wieder herstellt. Aber ich habe Hochachtung vor Buschauffeuren, die Verantwortung für so viele Leute auf sich nehmen.

Wir steigen aus, gehen über den Parkplatz und dann zeigt Herr T. auf ein Auto und sagt: „Schau, ein Niederländer!“ Wir lachen beide, denn so ist es immer auf diesen teuflischen Bergstrecken: Zuoberst auf dem Parkplatz steht ein Auto mit NL-Kennzeichen, das Fahrzeug eines Flachländers, der bewiesen hat, dass er hier hochkommt.

Und dann kommen wir zum See, und ich muss zugeben, es ist ganz wunderprächtig dort oben. Man kann für Stunden alles vergessen.

Lac de Derborance.

Sion: Lieblingsort

Unsere Ferienwohnung lag mitten in der Altstadt von Sion, an der Rue du Grand-Pont. „Ich frage mich, wo die grosse Brücke ist, nach der sie benannt ist“, sinnierte Herr T. Wir hatten auf dem Weg hierher nirgends eine gesehen. Mir war das nicht so wichtig. Ich war gerade dabei, mich in die Stadt zu verlieben. Vom Wallis hatte ich zuvor nur die Berge gekannt. Jetzt sah ich, dass es einen charakterstarken Kantonshauptort hat.

Das Café Grenette in der Altstadt von Sion.

Wenige Schritte von unserer Wohnung entfernt: das Café La Grenette, wo wir uns gleich nach unserer Ankunft mit der gebotenen Vorsicht in eine Ruine von einem Sofa sinken liessen. Nach kurzem Zögern war ich hingerissen von dem Lokal. Es erinnert an die Genossenschaftsbeizen, von der es in der Deutschschweiz nur noch jene in Solothurn gibt. „La Grenette“ ist aber mehr. Es ist schrill, selbstironisch, manchmal ein wenig verstörend, frönt vergnügt der Gaukelei und Anspielungen an die frankofone Popkultur. Es ist, so steht es hingemalt an der Mauer beim Eingang: „Le Grand Café Grenette – Tripot clandestin depuis 1724; Vins, bières lièdes, Xylocéphalies en tous genres.“ Heisst: „Grand Café zur Markthalle – Heimliche Spielhölle seit 1724, Weine, Sauerbiere und Holzköpfigkeiten aller Art.“ Wir genehmigten uns in der Grenette abends öfter ein Glas Fendant – sogar der schmeckt dort feuriger als in der Deutschschweiz.

Die beiden Burghügel Tourbillon (links) und Valère um 1900 (Quelle: Wikipedia).

Prägend für das Stadtbild und eine Wucht sind die beiden Schlösser, die auf Hügeln östlich der Stadt thronen. Auf dem Valère steht eine 1000 Jahre alte, respektgebietende Basilika, noch dazu mit einer Orgel aus dem 14. oder 15. Jahrhundert. Der Bau diente im Mittelalter auch als Schutzburg für die Bevölkerung und hat sogar eine angebaute Getreidemühle. Auf dem Tourbillon residierte im Sommer der Bischof von Sion, einst Herrscher über die ganze Talschaft und gelegentlich im Kampf mit den Savoyern, deren Reich wenige Kilometer westlich von Sion begann.

Die heilige Barbara im Antiquitätenladen. Das gespiegelte Auto täuscht. La rue du Grand-Pont liegt in einer Fussgängerzone.

Als wir weiter in der Altstadt umherstromerten, sah Herr T., warum die Hauptgasse dort Rue du Grand-Pont heisst: An ihrem unteren Ende quillt unter den Häusern hervor ein Flüsschen, die Sionne. Nun sahen wir: La rue du Grand Pont liegt nicht neben einer grossen Brücke, sie ist selbst eine und schätzungsweise 300 Meter lang. Mein Lieblingsort dort ist der Antiquitätenladen Thuriot Antiquaire. Dort entdeckte ich im Schaufenster eine quicklebendige Darstellung der Heiligen Barbara. Ich betrachtete sie jedesmal, wenn ich an ihr vorbeigung. Würde die Frau heute leben, dann würde sie kompetent eine Fachhochschul-Abteilung leiten. Auch bei höchster Sitzungsdichte wäre sie stets heiter, fair und gefasst – darin w¨ürde sich ihre Fähigkeit zeigen, Wunder zu wirken.

Unser Radius in Sion beschränkte sich weitgehend auf die Altstadt und den Bahnhof. Es war heiss wie in einem Backofen, zu heiss für Spaziergänge. Einmal sass ich im Schatten der Kathedrale, die ironischerweise „unserer Lieben Frau vom Gletscher“ gewidmet ist und dachte: „Wenn die Pizza, auf der ich hier sitze, fertig ist, wird uns die Sonne verschlingen.“ Etwas Abkühlung ist im Square de Mayennets zu haben, nahe beim Bahnhof. Dort gibt es Bäume, ein Becken mit kleinen Springbrunnen und in der Nordwestecke ein farbenprächtiges Wandbild von der Stadt.

Sion im Abendlicht am Rande des Mayennets-Parks.

Warum ich Reiseberichte schreibe

Eigentlich habe ich ein schlechtes Gewissen, wenn ich hier erzähle, wie ich es mir im Lavaux gutgehen liess. Andere schwimmen gegen die Widrigkeiten des Alltags an, während ich bis zum Kinn in die erfrischende Bläue des Genfersees eintauche! Ich sollte schweigen und geniessen. Doch ich habe das dringende Bedürfnis, über das Lavaux und das Unterwallis zu schreiben. Warum nur?

Klar, zuerst kommt die Frage, warum ich überhaupt reise. Auf sie habe ich während der Pandemie glücklicherweise eine befriedigende Antwort gefunden, bei Fernando Pessoa (hier der Link). Es geht mir beim Reisen ums Verstehenwollen. Bei der Reise in die Westschweiz konkret: Wer sind unsere compatriot·e·s dort? Wie leben wir mit ihnen? Oder wenigstens: Was haben sie für eine Geschichte?

Aber warum schreibe ich das alles auch noch wie eine Verrückte auf? Ich ging gestern so durch unser Grossraumbüro, während ich über diese Frage sinnierte, unter meinen Füssen der anthrazitgraue Teppich, der die ganze Fläche bedeckt. Ich könnte ebensogut die Geschichte dieser seltsam borstigen Kunststoffasern erforschen und teilen, denke ich. Pessoa würde das gut finden, „denn ist die Befreiung nicht in mir, erlange ich sie nirgendwo“. Bestimmt würde das Wissen über die Herkunft, die Hersteller*innen dieses Teppichs meinen Horizont unendlich erweitern, und – sorgfältig aufbereitet – vielleicht auch den meiner Leserschaft. Und doch finde ich im Moment das Lavaux und das Unterwallis so viel beschreibenswerter.

Am Abend sah ich den Anfang einer Sommerserie am Schweizer Fernsehen: Die Italien-Korrespondentin Simona Caminada erkundet mit zwei Fernwanderprofis den Sentiero Italia. Die Reise beginnt im italienischen Teil von Savoyen, deshalb musste ich das sehen. Aber Caminada fragt ihre zwei Mitwanderer auch, warum sie das Unterwegssein zu Fuss zu ihrer Berufung gemacht haben. Und einer sagt: „Ich wandere, weil ich damit der Erde Respekt bezeuge. Aus der Erde kommt alles, was wir sind.“ Herr T. fand diese Antwort „zu esoterisch“. Aber für mich ist es eine stilvolle Art, das zu sagen, was ich weiss, wenn ich mich da draussen zu Fuss vorwärtsbewege: dass das Unterwegssein meine Seele in einen Gleichklang mit meinen Füssen und der Welt bringt – und dass mir das mehr gibt als nur die Kraft, drei Wochen später wieder über den Büroteppich zu schreiten. Dass es  über mich selbst hinausgeht. Und was für das Wandern gilt, gilt in einem gewissen Sinne auch für Reisen im Zug und für das Erforschen von Städten und alten Burgen.

Wenn ich das Glück über diese Verbundenheit von einem Hügel herunter wortlos in alle vier Winde werfen könnte, würde ich es tun. Aber das geht ja nicht. Das Internet scheint mir daher der zweitbeste Ort, es auszustreuen. Wenn diese Berichte zu oft klingen wie PR-Artikel oder trockene Faktensammlungen, dann liegt es einfach nur daran, dass es Dinge gibt, die ich nicht vermitteln oder nicht artikulieren kann.

Die Hitze des Unterwallis

Im Waadtländischen Chexbres umfächelte uns wenigstens nachts noch ein kühles Lüftchen, die Bise. Aber nun sollte unsere Reise nach Sion weitergehen, ins Unterwallis. Es waren für den Juni rekordverdächtige Temperaturen über 30 Grad angesagt. Die Bise sollte sich nun legen. Ich fürchtete mich ein wenig. Seit einigen Jahren schlafe ich bei Temperaturen über 20 Grad schlecht und leide dann tagsüber an Stimmungstiefs.

Aber geplant ist geplant. Der Zug führte uns durch den Bahnhof Montreux mit seinem repräsentativen, klassizistischen Dekor, dann am Schloss Chillon vorbei und hinein ins Alpental. Das Land hier gab einst Rainer Maria Rilke neue Zuversicht. Ich kannte es nur von der Durchreise.

Junge Frau kühlt sich in einer Bahnhofunterführung im Unterwallis ab.

Das Unterwallis gehört in Grunde schon dem Süden. In tiefen Lagen ist es hier oft wärmer als auf der Alpennordseite, und es regnet seltener. Der Talboden: flach und eine Woche lang glutheiss wie ein Pizzateig im Ofen, bedeckt mit Aprikosenbäumen und da und dort  einer Fabrik, an den Hängen Weinreben. In den Städten die uralten Türme und Mauern, für die ich gekommen war. Da, wo der Teig am Rande Blasen wirft, liegt Sion. Wir stiegen aus und fanden einen nüchtern anmutenden Bahnhof, wo wir erst mal unser Gepäck in ein Schliessfach verstauten. Wir konnten unsere Ferienwohnung noch nicht beziehen. Dann machten uns auf die Suche nach der Altstadt. Wir bewegten uns durch die Strassen einer wenig ansprechenden neueren Stadt wie durch geschmolzenen Käse. Ich dachte: Naja, die Ferienwohnung hier ist ja nur ein Stützpunkt für zahlreiche Ausflüge diese Woche, das ist schon ok. Es sollte sich zeigen, dass ich keine Ahnung hatte.

Magisches Lavaux

Das klassische Lavaux-Bild – zwischen Chexbres und Vevey.

Wer mit der Eisenbahn über Fribourg Richtung Genfersee fährt, sollte auf der linken Seite sitzen. Denn wenn der Zug aus dem Tunnel südwestlich von Palézieux hinauszieht, erblickt man links ein weiten, sanft abfallenden Hang, über und über bedeckt mit Weinreben, bis hinab zum See – und auf der anderen Seite die französischen Alpen. Das ist das Lavaux. Herr T. sagte: „Es heisst, wenn die Deutschschweizer das sehen, schmeissen sie ihr Retourbillet weg!“

Um ehrlich zu sein: Wir hätten es uns nicht leisten können, unser Rückfahrticket wegzuschmeissen. Hotelzimmer sind hier knapp und teuer. Aber wir leisteten uns den Luxus dreier Hotelnächte im „Préalpina“ in Chexbres. Der Blick vom Frühstückssaal auf den See ist betörend.

Als wir in Chexbres aus dem Zug stiegen, wehte mir der säuerlich-schweflige Duft des nahen Rebberges entgegen. Man könnte vielleicht fragen, ob es der Geruch der Gifte ist, mit dem sie hier ihre Kulturen vor Schädlingen schützen, wie überall sonst auch. Aber ich hatte keine Zeit dafür. Ich wollte einfach dasitzen und auf die fast unwirkliche Bläue des Sees schauen, auf das smaragdgrüne Laub der Weinstöcke. Auf die Strässchen und Dörfchen, die aussehen, als wäre die Zeit hier Mitte des letzten Jahrhunderts stehengeblieben.

Das sieht nicht nur so aus. Es ist tatsächlich so. Die Waadtländer Stimmbevölkerung hat diese Landschaft mitsamt der alten Weinbaukultur 1977 per Volksabstimmung vor dem Bauhunger der Immobilienwirtschaft geschützt. Und diesen Schutz über die Jahre weitgehend bestätigt, trotz immer wieder neuen Anläufen, Teile des Gebietes zur Überbauung freizugeben. Heute ist das Lavaux mitsamt seiner Weinbaukultur Unesco-Weltkulturerbe. Dass wir es so lieben, ist auch ein bisschen helvetischem Narzissmus zuzuschreiben.

Aber, ehrlich: Wie wir im Café de la Poste in Chexbres sassen, Chasselas tranken und über das Land blickten, wird für immer zu meinen glücklichsten Erinnerungen an diesen Sommer zählen. Und auch, wie wir am zweiten Tag unten am See einen kleinen Kiesstrand fanden und uns in diesen atemberaubend blauen, kühlen See gleiten liessen.

Westschweiz: Erinnerungen an einen Sprachaufenthalt

Herr T. wollte den Canal d’Entreroches sehen, einen kuriosen, von Niederländern gebauten Verkehrsweg aus dem 17. Jahrhundert. So nahmen wir in Yverdon eine S-Bahn und stiegen nach einer Viertelstunde an der einsamen Haltestelle Bavois aus. Dort war einmal der Wasserweg, er ist verschwunden. Jetzt sind dort Wiesen und Felder, meist Futtermais, dazwischen dann und wann eine Reihe Pappeln, ein Kartoffelacker.

Als ich erste Kartoffelblüten sah, wurde ich von einer Flut von Erinnerungen überwältigt. In einer ähnlichen Ebene in der Westschweiz kauerte ich vor mehr als 40 Jahren in einem solchen Acker. Der Monsieur rügte mich, weil ich die Kartoffeln nicht der Reihe nach geerntet hatte, sondern die grössten zuerst (und dabei ein paar kleinere hatte liegen lassen). Ich hatte wieder den Dialekt des Monsieurs im Ohr, der zweitletzte Silben nahezu synkopisch betont und verlängert. Er hätte zum Beispiel „Baavois“ gesagt, und nicht Bavois.

Ich war im Landdienst. In der Generation meiner Eltern war es noch üblich, dass Jugendliche ein Jahr lang „is Wäutsche“ geschickt wurden – also ins Welschland (so nannte man damals die Suisse romande. Heute sagt man das  nicht mehr, es gilt als pejorativ). Man arbeitete als Erntehilfe oder als Au pair. Um Französisch zu lernen, etwas zu leisten und – beaufsichtigt durch verantwortungsbewusste Monsieurs und Madames – erste Erfahrungen im Leben ausserhalb des Elternhauses zu sammeln. Mein Vater organisierte einen solchen Aufenthalt für mich. Er dauerte nur fünf Wochen, die Sommerferien mussten reichen. So kam ich, wahrscheinlich 1982, in die Rhoneebene, in ein Dorf in der Nähe von Aigle.

Ich arbeitete nicht nur „dans les pommes de terre“, sondern auch „dans les betteraves“ (in den Zuckerrüben) und vor allem „dans le tabac“ (bei der Tabakernte). Tabak wächst in der Schweiz nur in tiefen Lagen, wo es warm genug ist. Im Juli erntet man die untersten Blätter, die dann schon gelblich sind. Das war Handarbeit. Heisst: Man kriecht mit krummem Rücken den Tabakreihen entlang. Ich war stolz, dass ich das konnte, ich liebte die Hitze, das Rascheln der Tabakblätter zwischen meinen Händen und sogar die Schmerzen im Kreuz, wenn ich mich nach zwei Stunden wieder aufrichten wollte. Habe ich Französisch gelernt? Oh ja. Gewiss habe ich den Monsieur oft mit meiner Fragerei genervt. Zu gerne hätte ich gewusst, wie und wo genau der Tabak in die Zigaretten kam, die er reichlich rauchte.

Das Hafengebäude des Canal d‘ Entreroches. Als Soundtrack zur Kanal-Erforschung würde sich der Titel „In the Dutch Mountains“ von The Nits eignen. Rechts der Lindenbaum. Bild: kulturflaneur.ch.

Als Herr T. und ich beim Hafengebäude des Kanals anlangten, war ich ganz bei der Landwirtschaft. Das Haus steht am Fuss einer Hügelkette. Nur Umrisse im Gras hinter dem Haus lassen erkennen, dass hier einmal ein Hafenbecken war. Ich interessierte mich mehr für die mächtige Linde an der Zufahrt. Sie blühte. Neben ihr stand ein kleiner Kran mit einem angehängten Personenkorb, der zwischen ein die Äste des Baumes gezwängt war. Man konnte niemanden sehen, aber Herr T. sagte, er höre zwei Personen darin reden. Wahrscheinlich ernteten sie „les fleurs de tilleul“.