Lesen: Wo die Gutgläubigkeit aufhört

Zahlreiche Behauptungen der Erzählerin von Marlen Haushofers «Mansarde», sind wenig plausibel. Zum Beispiel, dass ihr Hörverlust auf beiden Ohren vollständig ist und innerhalb von wenigen Sekunden eintritt. Aber ich lasse ihr das durchgehen, denn wir haben es hier mit einer Ich-Erzählerin zu tun und Ich-Erzählende sind bekanntlich unzuverlässig. Sie übertreiben, färben schön, spitzen zu und legen Dinge zu ihren Gunsten oder Ungunsten aus, ganz nach ihren Bedürfnissen.

Eins finde ich jedoch inakzeptabel: dass die Erzählerin uns eine schlagartige, vollständige Heilung nach zwei Jahren Gehörlosigkeit weismachen will. Und dass diese Heilung noch dazu mitten in einer bedrohlichen Begegnung mit einem Mann stattfindet, in einem Zustand höchster Angst. Genau in diesem Moment erholt sich plötzlich ihr Gehör.

Hey, so funktionieren Ohren nicht! Normalerweise empfiehlt man Patienten mit akuten Hörproblemen zwecks Genesung nicht Angst und Schrecken, sondern Ruhe. Bei mir selbst – und ich habe mein Gehör unzählige Male verloren und wiederbekommen – bewirkten Stress oder Schock nie eine Besserung, sondern, wenn schon, eine Verschlechterung.

An dieser Schlüsselstelle verweist die Erzählerin die Gehörlosigkeit eindeutig ins Reich der Psychosomatik, des Fantastischen, der schlecht recherchierten Metaphern. Die Stelle liest sich, als würde in Sekundenschnelle die Erkenntnis über die Protagonistin hereinbrechen, dass eine Rückkehr zu ihrem Mann ihre einzige Option ist. Und schon fügen sich die zickigen Innenohren und ihre Besitzerin wird wieder tauglich für den Dienst an der Familie (wenn auch mit erheblichen Ressentiments). Hier lässt die Erzählerin sich selbst im Stich, und ich verstehe nicht, warum. Auch als tatsächlich hochgradig schwerhörige Person fühle ich mich im Stich gelassen. Wer wird eine Schwerhörigkeit noch für voll nehmen, wenn er so etwas gelesen hat?

An dieser Stelle muss ich all jene um Nachsicht bitten, die nach meinen letzten zwei Thesenbeiträgen lesen wollten, dass Marlen Haushofer ein starkes, rundum überzeugendes Buch geschrieben hat. Die sich vergewissern wollten, dass die Frau 1969 auch bei der Schilderung einer Krankheit ihrer Zeit voraus war. «Die Mansarde» ist ein starker Roman. Aber nicht rundum überzeugend.

Lesen: Die Frau, die sich selbst nicht heulen hören konnte

Die Protagonistin von Marlen Haushofers Roman «Die Mansarde» wird nach ihrer plötzlichen Ertaubung aufs Land geschickt und wohnt im Haus eines Jägers. Hier schreibt sie ein Tagebuch und findet darin eindrückliche Bilder des Selbstverlustes. Zum Beispiel: «Der Jäger schien mir von Tag zu Tag mürrischer, und einmal schlug er seinen Hund besonders arg. Der Hund heulte, er heulte lautlos, und das war so entsetzlich, dass ich mich in mein Bett verkroch und weinte. Vielleicht heulte ich ebenso laut wie der Hund.» (133)

Sie kann also weder den Hund noch sich selbst heulen hören. Vielleicht deshalb versucht sie nicht, den Jäger zu stoppen. Sie geht nicht einmal selbst in den Dorfladen, denn sie traut sich in ihrem Zustand nicht unter die Leute. Ich kann das sehr gut nachvollziehen. Ich habe nach Beginn meiner Menière-Erkrankung Jahre gebraucht, bis ich wieder vor Publikum zu sprechen wagte. Und für peinliche Schwerhörigen-Erlebnisse in der Bäckerei siehe hier. Wenn ich starke Hörnachlässe hatte (die sich meist innerhalb weniger Stunden einstellten), verlor ich Teile meines Raumgefühls, stiess mich an Türfallen und Hausecken.

Die Protagonistin betrachtet ihre Abschiebung aufs Land als Verrat ihres Mannes und seiner Mutter. Sie sieht ihre Ertaubung aber auch selbst als eine Art moralisches Versagen: «Wenn Hubert eine Existenz aufgebaut hat, will er eine Wohnung suchen und mich zurückholen. Vorausgesetzt, dass ich mich bewähre und wieder hören kann.» (S. 57) An dieser Stelle muss ich es einfach einmal laut und deutlich sagen: Einer Ertaubung ist mit Willenskraft nicht beizukommen. Auch wenn man es als Spätertaubte natürlich immer wieder versucht.

Auch finde ich: Wir sollten bei der Interpretation dieser seltsamen Störung im Leben der Protagonistin nicht zu weit suchen. Sie muss kein phantastisches Element sein, wie es die Wand in Haushofers Roman von 1963 ist. Gehörlosigkeit ist für sich selbst verstörend genug.

Gleichzeitig muss ich zugeben: Es gibt Stellen, wo die Erzählerin meine Gutgläubigkeit stark strapaziert. Aber dazu mehr in meinem nächsten Beitrag.

Marlen Haushofer: «Die Mansarde», Claassen Verlag, Berlin 1969

Lesen: Die Frau, die vergessen hat, wie man hört

Kürzlich habe ich «Die Mansarde» von Marlen Haushofer gelesen, einen österreichischen Klassiker aus dem Jahre 1969. Ich habe hier die Bedeutung des Buches für den Feminismus gewürdigt. Doch die temporäre Gehörlosigkeit der Erzählerin liess mir auch danach keine Ruhe. Ich hielt sie zunächst für eine nebulöse Metapher für etwas Schreckliches, was die Erzählerin nicht benennen will. Dann entschied ich: Ich nehme sie jetzt wörtlich und pflüge den Text nochmals durch. Was ich nun sah, veränderte meine Meinung über die Protagonistin. Denn es erinnerte mich frappant an meine ersten Jahre als Menière-Patientin.

Die Erzählerin hat eine Kindheit in grosser Isolation und den Zweiten Weltkrieg unbeschadet überstanden, den jungen Anwalt Hubert geheiratet und einen kleinen Sohn. Und dann ertaubt sie aus scheinbar nichtigem Anlass: «Die Feuerwehrsirene, oder was auch immer es war, heulte, und ich schrak aus dem Schlaf auf und konnte Huberts Stimme nicht mehr hören.» (S. 201).

Und? Was fehlt ihr? Nun, die Ärzte versichern ihrem Mann lediglich, es liege «nichts Organisches» vor (S. 57). Das bedeutet jedoch genau nichts. Denn die organischen Ursachen für Hörnachlässe im Innenohr sind bis heute nicht restlos geklärt. Die Ohrenärzt*innen verlassen sich bei der Diagnose auf Hörtests. Diese dokumentieren die Hörf(un)ähigkeit, sagen aber nichts über den Zustand des  betroffenen Organs aus. In meinen Spitalberichten war noch im Jahr 2000 nach ausführlichen Tests zu lesen: «Verdacht auf Hörsturz». Eine wirksame Behandlung gab es auch nicht. Das war alles sehr frustrierend, denn der Hörverlust war real und in den ersten Jahren ungeheuer furchterregend.

Ganz nebenbei werden in dieser Passage auch noch die Rechte der Patientin mit Füssen getreten. Sie selbst müsste über ihren Zustand informiert werden, nicht ihr Ehemann. Aber, gut, die Geschichte spielt kurz nach dem Krieg. Da waren Patientenrechte noch Zukunftsmusik.

Schliesslich machen die Ärzte eine für die Protagonistin besonders abwertende Unterstellung: «Ich hätte nur vergessen, wie man hört», sollen sie ihrem Mann gesagt haben (S. 57). Heisst wohl: «Das ist alles psychosomatisch, lassen Sie uns damit in Ruhe!» Es gab auch vor 25 Jahren noch Ohrenärzte, die sich zu derartigen Aussagen verstiegen. Zu mir sagte ein Mediziner im Jahr 2000, Hörstürze würden oft bei ängstlichen Naturellen (wie mir) auftreten. Dass ich danach erbost den Arzt wechselte, war für ihn wohl auch psychosomatisch. Ich hoffe, dass es heute keine solchen Ärzte mehr gibt.

Plötzlich schämte ich mich der Protagonistin gegenüber. Da war ich beim ersten Lesen selbst auf die Vernebelungstaktik der Ärzte hereingefallen und hatte sie nicht so recht ernst genommen. Dabei hätte ich es besser wissen können! Ich verstand plötzlich wenigstens ein wenig besser, warum sie ein derart abweisendes Verhältnis zur Welt hat.

Marlen Haushofer: «Die Mansarde», Claassen Verlag, Berlin 1969

Tessin: Mit Cochlea-Implantat verreisen

Blick von Ronco sopra Ascona nach Brissago. Etwas sorgloser einen strapaziösen Ausflug machen, dabei half das CI.

Viele haben mich gefragt, wie es ist, mit einem Cochlea-Implantat (CI) zu reisen. Nun, die Idee ist, dass man mit CI besser hört. Und ich hörte besser. Das heisst grundsätzlich: mehr Vergnügen an Gesprächen. Dennoch: Ich vernachlässigte das Hörtraining, das man mir aufgetragen hatte. Es war mir zu anstrengend. Natürlich stellte ich mir im Vorfeld auch ein paar bange Fragen, zum Beispiel: Kann man mit CI einen Sonnenhut tragen? Ich meine: Das E-Ohr ist nur mit einem Magneten und einem seidendünnen Plastikfaden an den Kopf geheftet. Und es liegt bei den meisten Hüten etwa auf der Höhe des Schweissbandes. Würde eine Kopfbedeckung es nicht ständig abstreifen?

Meine Sorge erwies sich als unbegründet. Der Sonnenhut passte tiptop. Beim Wandern im Wald erwies er sich sogar als besonders praktisch. Denn er verhindert, dass herunterhängendes Laub den Knopf vom Kopf streift. Ich musste mir lediglich beim Abziehen des Hutes den genau richtigen Schwung angewöhnen, damit ich mir nicht gleichzeitig das Gerät vom Kopf riss.

Den grössten Vorteil des E-Ohrs aber entdeckte ich bei Herrn T.s Lieblingstour auf die Brissago-Inseln (über deren Schönheiten ihr bei ihm nachlesen könnt). Sie beinhaltet zwei Busfahrten, einen anderthalbstündige Spaziergang, zwei Schifffahrten und eine Besichtigungstour und dauert mindestens sechs Stunden. Früher ängstigte mich dieser Ausflug, denn solche Strapazen gingen bei Menière-Patientin Frogg meist mit einem spürbaren Hörverlust einher. Aber dieses Jahr war alles anders. «Du wirst sehen, mit dem E-Ohr wirst du endlich wieder stabil gleich hören», hatte die Hörtherapeutin versprochen. Und sie behielt recht. Das E-Ohr läuft einfach weiter, solange der Akku geladen ist.

Einziger Nachteil: Ich hatte wenig Lust auf schwimmen. Es heisst zwar, das E-Ohr sei wasserdicht. Aber ich wollte nichts riskieren. Auch wenn unsere Ferienwohnung sogar einen kleinen Swimming Pool hatte, den wir mit vier Personen teilten. Ich hätte also nicht mal in die Badi nach Locarno gehen müssen, um mich dort von meinen beiden Hörhilfen zu entkabeln (links trage ich Hörgerät) und dann gehörlos und mit angeschlagenem Gleichgewichtssinn über Kies ins Wasser zu tappen. Ich konnte über eine simple Leiter in den Pool gleiten. Dennoch suchte ich das Schwimmbecken seltener auf als Herr T.. Ich fand das aber verkraftbar.

Eine Frage zum Reisen mit E-Ohr blieb bei der Reise ins Tessin unbeantwortet: Wie ist es, wenn man mit Metall im Kopf durch Sicherheitsschleusen muss, zum Beispiel an einem Flughafen? Aber im Moment denke ich noch: Das ist für Fortgeschrittene.

 

Cochlea-Implantat: Der Kleinwagen im Ohr

«Dieses Ding kostet etwa so viel wie ein Kleinwagen», sagte die Frau, die mir mein E-Ohr aufschaltete. Der Vergleich mit dem Kleinwagen ist auch sonst nicht so abwegig. Der Rucksack mit dem Zubehör ist fast so gross wie ein Fiat 500, und man muss auch jede Menge Fahrstunden – pardon, Hörtherapie – nehmen, um mit dem Gerät umgehen zu können.

Aber das war es nicht, was die Frau im Spital sagen wollte. Sie wollte sagen: «Schauen Sie, das Ding ist klein, aber teuer. Tragen Sie Sorge dazu.» Das habe ich verstanden, ich tue es und ich weiss zu schätzen, dass die Allgemeinheit dafür zahlt. Ich hoffe, dass ich der Allgemeinheit mit Kirschenpflücken noch lange etwas zurückgeben kann.

Wenn ich jetzt aber die ersten Erfahrungen beim Herumkurven schildern soll, dann erlaubt mir bitte dennoch ein paar Takte Sarkasmus, denn er hilft mir, mit den Dingen zurechtzukommen.

So halte ich hiermit fest: Ich höre nur mit CI zwar meinen Mann noch nicht sprechen, mich selbst aber schon. Am liebsten produziere ich die Laute «ssss» und «schschsch». Das macht Spass. Denn es klingt, wie einst Jimmy Page, wenn er Theremin spielte (hier zu hören, etwa ab der Sekunde 20). Oder wie wenn jemand seinen Kleinwagen mit einem Strahl aus dem Wasserschlauch abspritzt.

Die Hörtherapeutin sagt Sätze zu mir wie: «Im Wald hat es einen Ameisenhaufen.» Oder: «Im Wald gibt es eine Rauschenrauschen.» Hä?! Und nach dem dritten Mal verstehe ich: Ah, eine Waldspielgruppe. Sie hält sich einen Fächer vor den Mund, damit ich nicht lippenlesen kann. Sie findet, es gehe schon ganz gut mit dem Verstehen. Aber ich bin froh, dass sie mir noch keine Quantenmechanik erklären will.

Draussen im Park höre ich seltsames Gezwietsche rechts unten. Dort sind ein paar Spatzen. Ich kann rechts wieder Spatzen hören! Es klingt noch seltsam. Aber, hey: Spatzen! Und dann sass ich auf einer Parkbank träumte vor mich hin, und plötzlich hörte ich zu meiner Rechten jemanden sprechen. Tatsächlich, auf der Bank nebenan sass ein Paar. Seit mehreren Jahren höre ich Gespräche rechts bei Stadtlärm gar nicht mehr. Jetzt verstand ich zwar noch nicht was sie sagten. Und doch fühlte es sich an, als hätte ich sie unerlaubterweise belauscht. Was für ein Abenteuer, mit so einem Kleinwagen unterwegs zu sein.

Cochlea-Implantat: Der Knopf ist am Kopf

Nun ist also mein E-Gehör vollständig. Gestern setzte mir eine Frau im Spital den Knopf über dem rechten Ohr auf das Implantat. Sie sagte: «Das ist der Prozessor. Ich schalte ihn jetzt ein. Vielleicht hören Sie ein Geräusch wie Harfentöne. Wenn Sie nichts hören, ist das aber überhaupt nicht ungewöhnlich.»

Ich horchte, und tatsächlich: «Klingeling!»

Ha! Ich war platt vor Freude. Nicht nur erwies sich somit meine Sorge um meinen Hörnerv als unbegründet. Es fühlte sich phantastisch an, auf der rechten Seite wieder einen Input zu bekommen.

Die Frau pröbelte ein bisschen mit Tönen und Lautstärken herum, ich hörte nicht viel mehr als ein elektronisch klingendes Rauschen und ab und zu ein Klingeln. Aber plötzlich hörte ich die Stimme der Frau heraus, und ich verstand sogar, was sie sagte. Sie sagte: «Sensationell! Das sieht sehr gut aus!»

Cochlea-Implantat: Vom Dichterfürsten ermutigt

Die Stelle, wo das Cochlea-Implantat sitzt, heilt allmählich. Ich kann seine Umrisse wie die Wählscheibe eines alten Telefons unter der Haut spüren. Ich mache wieder Spaziergänge, obwohl ich etwas mehr Schwindel habe als früher.

Neulich war ich auf Dreilinden, einer Anhöhe über der Stadt. Von dort führt eine steile Treppe mit geschätzten 100 Stufen den Grashang hinunter zur Hauptstrasse. Dort will ich hin, das sollte gehen, denn die Treppe hat einen Handlauf. Nur: Der ist besetzt. Eine alte Frau mit Gehstock klammert sich an ihn wie eine Bergsportlerin an das rettende Seil und steigt ganz langsam ab.

Soll ich umkehren und den Umweg über das Strässchen hinter dem Hügel machen? Nein. Mir fällt das Gedicht Johann Wolfgang von Goethe ein, das ich tags zuvor gelesen habe.

Mut

Sorglos über die Fläche weg,
Wo vom künsten Wager die Bahn
Dir nicht vorgegeben du siehst,
mache dir selber Bahn!

Stille, Liebchen, mein Herz!
Kracht’s gleich,  bricht’s doch nicht!
Bricht’s gleich, bricht’s nicht mit dir!

https://www.aphorismen.de/gedicht/63313

Es handelt vom Eislaufen und davon, dass man etwas riskieren soll. Der Dichterfürst hat wohl zögerliche junge Männer animieren wollen, tollkühne Sportskanonen zu werden. An ältere Frauen, für die so eine Treppe ein Wagnis ist, hat er eher nicht gedacht. Dennoch, ich gehe jetzt zuversichtlich da hinunter: Kracht’s gleich, bricht’s doch nicht!

Breitbeinig steige ich hinab, alle Aufmerksamkeit in den Füssen, wie ich es im Gleichgewichtstraining gelernt habe. Nach vier Stufen muss ich die alte Frau umrunden. Sie dreht sich zu mir um und sagt, etwas unmutig über die Störung: «Grüezi.»

Das elektronische und das menschliche Ohr

Früher hatte ich computerbegeisterte akademische Freunde. Sie diskutierten gerne über Cyborgs, über technisch erweiterte Menschen (hier eine knappe Definition des Begriffs). Nun habe ich vor zwei Wochen am rechten Ohr ein Cochlea-Implantat eingesetzt bekommen. Bin ich nun ein Cyborg? Wahrscheinlich nicht. Denn wichtig an der oben verlinkten Definition scheint mir, dass die technische Erweiterung des menschlichen Körpers die Leistungsfähigkeit erweitern, optimieren soll. Bei mir geht es aber nicht im engeren Sinne um Erweiterung. Sondern eher um die teilweise Rückgewinnung der Fähigkeiten, die mein einst wunderbar hörendes rechtes Ohr hatte, und die ich durch zunehmende Schwerhörigkeit verloren habe.

Ich möchte ohnehin ergänzen, dass ich gerade durch die zunehmende Schwerhörigkeit gewisse menschliche Fähigkeiten durchaus optimieren durfte (hoffe ich zumindest), die ich vorher nicht in hohem Masse hatte: Geduld, Autonomie, Wertschätzung für gute Freundinnen und Freunde.

Das Implantat, das unter meiner Kopfhaut sitzt. Das Schwänzchen ist elektrodenbesetzt und geht in die Cochlea (Quelle medel.com)

Aber nun habe ich eben so ein Wunderding im Kopf. Es heisst SYNCHRONY 2 und ist von der Firma Medel. ein Blick auf den Link der Firma lohnt sich, gerade für Technikbegeisterte. Es gibt dort nicht nur eindrückliche Bilder vom Implantat (wie hier links), das mich an ein winziges Handy erinnert. Sondern auch von der Cochlea, der Hörschnecke, die Mutter Natur den meisten von uns eingesetzt hat.

Was dort nicht steht: So eine Implantation zehrt von der Geduld, die man sich vorher durch zunehmende Schwerhörigkeit erworben hat. Seit zwei Wochen bin ich nun krank geschrieben. In den ersten Tagen lag ich am liebsten still da. Ich konnte mich kaum anziehen und nicht bücken und keine Tür mit der rechten Hand aufdrücken, ohne vor Schmerz aufzujaulen. Ich konnte den Mund nur etwa anderthalb Zentimeter weit öffnen, kaum kauen und musste mir sogar Bananen und Tofu in winzigen Bissen zuführen. Ich durfte mich nicht schneuzen und nicht niesen. Meine rechte Gesichtshälfte wurde gelb, als hätte mir jemand eine kräftige Ohrfeige versetzt. «Bitte sag den Leuten, dass nicht ich das war», scherzte Herr T.

Nach wenigen Tagen machte ich kleine Spaziergänge. Herr T. musste mitkommen, denn ich hatte Angst vor dem Schwindel und davor, auf der Strasse von jemandem angerempelt, geschubst oder angefahren zu werden. Ausserdem entwickelte ich eine geradezu irrationale Furcht davor, in einen dieser Eisenpfosten hineinzudonnern, an denen Verkehrsschilder festgemacht sind.

Mittlerweile geht es besser. Ich bekomme den Mund fast wieder so weit auf wie früher, kann wieder leichte Wäschestücke aufhängen und unbegleitet spazieren. Heute Nachmittag muss ich ins Spital. Dann nehmen sie die Klammern aus der Wunde. Am Montag arbeite ich wahrscheinlich wieder. Und am 26. Mai setzen sie mir dann diesen Knopf auf den Schädel, den man auch von aussen sieht. Erst dann wird sich herausstellen, ob das Cyborg-Ding auch funktioniert.

Schwerhörig: Das Leben gut Hörender

Noch bis Ende Woche bin ich krankgeschrieben, wegen des Cochlea-Implantats. Die Schmerzen sind deutlich weniger. Aber ich soll mich nicht anstrengen und tue Dinge, auf die ich Lust habe. So experimentiere ich an einer Kurzgeschichte herum, über die ich schon lange nachdenke. Ich versuche, mir eine gut Hörende Protagonistin an einem Cüpli-Anlass* vorzustellen. Glänzendes Parkett, atemberaubender Blick auf den nächtlichen See, knisterndes Apero-Gebäck und Gläserklirren. Acht Anwesende, die durcheinanderreden.

Ich merke: Ich habe Mühe. Ich meine: Früher habe ich viel Zeit an solchen Anlässen verbracht. Aber jetzt kämpfe ich seit bald zwei Jahrzehnten mit merklichem Gehörverlust und habe die Teilnahme an Festivitäten stark reduziert. Jetzt frage ich mich: Ist meine Protagonistin auch nervös, bevor sie an einen solchen Anlass geht? Und wenn ja: Wie nervös auf einer Skala von 1 bis 10? Fragen Hörende sich auch: Wird da jemand sein, den ich kenne? Jemand, mit dem ich eins zu eins reden kann? Wie ist wohl die Akustik in dem Raum? Und dann: Wie ist es, wenn man an so einer Feierlichkeit Konversationen am Nebenstehtisch versteht? Darf man sich da einfach einmischen? Darf man sich an so einem Anlass durch Zurufe verständigen?

Das Leben Hörender kommt mir unglaublich orientierungslos vor. Ich habe das Gefühl, dass es für gut Hörende viel mehr mögliche Arten gibt, unglücklich zu werden.

  • Ein Cüpli-Anlass ist ein kleines, festliches Treffen, an dem in der Regel Cüpli serviert werden, das heisst: Gläser mit Prosecco oder Sekt. Dazu Apero-Häppchen, im einfachsten Fall Pommes Chips, aber auch kleine Quiches, Canapés oder Gemüsedips. Cüpli-Anlässe finden zum Beispiel an Vernissagen oder nach Medienkonferenzen oder Vorträgen statt. In der Regel stehen die Gäste und zirkulieren auch. Sie sind gute Gelegenheiten, um neue Bekanntschaften oder unverbindlich Konversation zu machen.

Chochlea-Implantat: Aus der Narkose erwacht

Man liegt herrlich im 10. Stock des Kantonsspitals. Als ich dort am vorletzten Freitag aus der Narkose erwachte, konnte ich meinen Blick aus dem Fenster über die waldigen Hügel rund um die Stadt schweifen lassen. Der Himmel war kobaltblau. Mir war, als schwebe ich über grünen Wolken Richtung Pilatus, mit einem dicken Verband über dem rechten Ohr. Bald rollte jemand ein zweites Bett herein, mit einer Frau, die sofort Besuch bekam.

Dann kam mein Chirurg mit der Assistenzärztin. Er hat ein zuversichtlich stimmendes Lächeln. Es sei alles bestens gegangen, sagte er. Die Elektroden in meinem Cochlea-Implantat würden genau am richtigen Ort liegen. Es sei bloss so: Als sie den Hörnerv zum Test stimuliert hätten, habe dieser nicht reagiert.

Was das bedeutet, war mir auch in meinem Dämmerzustand sofort klar: Im Moment noch nicht viel. Im Moment höre ich rechts so oder so einfach mal gar nichts. Richtig ernst gilt es erst Ende Mai. Dann, wenn sie aussen den Knopf mit dem Prozessor auf meinen Schädel setzen. Wenn der Nerv dann auch nicht anspringt, um Geräusche vom Innenohr ins Gehirn zu leiten, dann habe ich mir den Schädel vergebens aufsägen lassen.

Auch die Assistenzärztin schien verunsichert. Ist ja klar: Da hat man einen guten Job gemacht, vielleicht erst wenige Male, und dann funktioniert etwas nicht wie erwartet! Doch der Chirurg lächelte, ich solle mir keine Sorgen machen. Das komme manchmal vor – sie müssten nur noch ein zweites CT machen, um sicherzustellen, dass das Implantat auch wirklich richtig liege.

Ich sagte nicht viel – nicht umsonst bedeutet das Wort «Patientin» die Duldsame. «Man muss sich in solchen Lebenslagen einen gewissen Fatalismus aneignen», pflegt mein Freund, der pedestrian, zu sagen. Und er hat recht. Im Krankenbett ist oft abwarten und ausruhen das Beste. Aber innerlich wälzte ich sofort Worst Case-Szenarien. Was, wenn ich eines Tages gar nichts mehr höre!?

Ich lag so da und blickte hinaus auf die leuchtenden, grünen Wolken unter mir. Es war unfassbar schön. Sehen kann ich ja noch, hier und heute, dachte ich. Was morgen ist, sehen wir dann. Dann ging der Besuch meiner Zimmernachbarin und ich dachte: Ich habe ja noch Restgehör, auf meinem linken Ohr. Ich setzte mich auf die Bettkante ihr gegenüber, damit ich sie anschauen konnte, und wir begannen zu plaudern. Sie hiess Agnes, ist 81, und war gerade in einer viel misslicheren Lage als ich. Aber ich glaube, von all den Menschen, die mir an jenem Nachmittag die Zuversicht zurückgegeben haben, war sie der wichtigste.