Florenz: Erinnerung an die amerikanische Freundschaft

Auf dem US-Lastwagen steht: «Die florentinischen Kunstwerke kehren aus dem Südtirol in ihre Heimat zurück.» (Bild: Sammlung Locchi).

Der Giardino Bardini ist eine liebliche Grünanlage, in der man mehr Luft zum Atmen hat als im Stadtzentrum. Es finden hier auch regelmässig Ausstellungen statt. Noch bis zum 18. Oktober eine mit zehn Fotografien im Plakatformat, die die italienisch-amerikanische Freundschaft zelebrieren (hier mehr Informationen). Wir sahen die Bilder zufällig, und zunächst schenkte ich ihnen wenig Aufmerksamkeit. Aber als wir so zuoberst in der Loggia beim Kaffee sassen, erregte dieses Foto meine Aufmerksamkeit. Es zeigt einen US-Lastwagen 1945 an der Piazza della Signoria (man sieht oben im Mittelgrund David von Michelangelo).

Die Fotografie erinnert daran, dass die Nazis während des Zweiten Weltkrieges in Florenz Kunstwerke von unschätzbarem Wert geraubt hatten. Sie versteckten sie in einem Dorfgefängnis im Südtirol, das bis zum Kriegsende zu Deutschland gehörte. Als die Alliierten grosse Teile Europas zurückerobert hatten, setzten sie  eine Sondertruppe ein, die Monuments Men. Deren Auftrag war es, die geraubten Kunstschätze zurückzuerstatten (hier etwas mehr von der Geschichte). Sie fanden das Versteck in den Alpen und brachten die Werke zurück. Da sitzt du dann so vor deinem Cappuccino und denkst: Grosser Gott, wie werden wir in Europa uns ohne die Amis vor uns selbst schützen?!

Es ist auch in Italien nicht unbemerkt geblieben, dass die Amis ihr Interesse an Europa verloren haben und dass auf dem Alten Kontinent einiges im Argen liegt. In der Buchhandlung Feltrinelli am Hauptbahnhof fand ich am nächsten Tag bei den aktuellen Titeln dieses Buch. Der Autor sieht einem Prediger aus dem amerikanischen Mittleren Westen ähnlich, und er stammt auch aus den USA und brachte es dort im Tech-Team um Barack Obama zu Erfolg und Geld. Er hatte allerdings italienische Vorfahren und besetzt heute einen Lehrstuhl in Bologna. Er sagt den Italienern, was sie brauchen: Mehr Zuversicht und Vertrauen in ihre eigenen Stärken. Man möchte es uns allen in Europa wünschen.

Wo das Urserntal wunderschön ist

Unterwegs von Andermatt nach Hospental. Die Grünfläche im Vordergrund ist Golfrasen, aber der Stall ist alt. (Bild: Frau Frogg)

Ich war nach Andermatt gekommen, um durchs Urserntal zu wandern. Ziel war Realp, aber ich hatte mich lange in Neu-Andermatt und der Schöllenenschlucht aufgehalten. Die Zeit würde wohl nur bis nach Hospental reichen.

Alte Kirche St. Kolumban. (Quelle: Wikimedia)

Mein Startpunkt war die Alte Kirche von Andermatt. Sie liegt, von der neuen Verkehrsplanung etwas ins Abseits gedrängt, am Dorfeingang. Erbaut zwischen dem 11. und 13. Jahrhundert, verschafft sie der Spaziergängerin eine Ahnung davon, wie dünn besiedelt das Urserntal einst war. Sie bietet lediglich 100 Personen Platz und war doch bis 1602 die einzige Pfarrkirche in der Gegend. Geweiht ist sie dem Heiligen Kolumban, dem Schutzpatron der Motorradfahrer und Helfer bei Überschwemmungen. Beides passt. Im Vorgarten steht ein charmanter Gedenkstein mit einer Harfe, 2008 von irischen Botschafter gestiftet. Hier seien 1608 die letzten irischen Prinzen auf ihrer Flucht vorbeigekommen, steht darauf. Ich musste später eine Weile suchen, bis ich Informationen über die beiden Herren im Netz fand. Hier steht die Geschichte ihrer glücklosen Reise nach Mailand. Ihrem Tross soll sogar eine Ladung Gold in die Schöllenenschlucht gefallen sein. Ich wusste das noch nicht, war vom Anblick der irischen Harfe beschwingt und tänzelte Richtung Furkareuss.

Dort führt der Wanderweg zwischen Fluss und Golfplatz talaufwärts. Die Steigung ist meist unmerklich, das Tal ein breiter Trog, umringt von mächtigen Bergzacken, ein U-Tal. «U-Täler sind die Hängematten des lieben Gottes. Hier pflegt Er zwischen mächtigen, sanft abfallenden Bergflanken des Nachmittags zu ruhen!» schrieb eine euphorisierte Frau Frogg 2003 in ihren damaligen Blog. Heute würde dem lieben Gott beim Ruhen in der Ursern ab und zu ein Golfball ins Auge fliegen. Dennoch, die Landschaft bleibt grossartig. Und die Ställe sind aus Stein gebaut. Sie widerstehen so Lawinen besser, und sowieso gibt es wenig Holz hier.

Blick von der Burg auf Hospental. Im Hintergrund Andermatt.

Hospental erreichte ich nach einer Stunde, ein schmucker Ort, gepützelt und gepflegt. Ich hatte den Eindruck, dass Geld da ist, wohl auch wegen der Sawiris-Siedlung in Andermatt. Das Ortsbild ist hier aber intakt. Am oberen Dorfende zweigt die Strasse zum Gotthardpass ab, und auch der Wanderweg, den wir 2003 nahmen. Diesmal habe ich mehr Zeit, im Dorf zu verweilen und steige auch auf den Turm und geniesse die Aussicht. Dann hinunter zur Stelle, wo die Gotthardreuss in die Furkareuss mündet. Hier schicke ich meinen Freunden flussabwärts ein paar Gedanken. Das Wasser von hier fliesst irgendwann durch Luzern, Basel, Mannheim und Köln (wenn es nicht unterwegs verdunstet). Nach Realp gehe ich ein andermal.

Schöllenen: Wo die Urner den Teufel überlisteten

Die ältere (unten, für Wanderer) und die neue Teufelsbrücke (für Autos und Motorräder) vom Eisenbahntrassee her gesehen. (Bild: Frau Frogg, 5. September 2026)

Wenige hundert Meter von Neu-Andermatt entfernt liegt eine Erinnerungsstätte der helvetischen Selbstwerdung: die Schöllenen. Hier tost die Reuss durch eine Schlucht zwischen zwei steilen Berghängen. Bis weit ins Mittelalter galt die Stelle als unpassierbar, eine Lücke im europäischen Verkehrswegnetz. Wer von Basel nach Milano wollte, musste einen Umweg machen.

Wie die Urner schliesslich zu einer Brücke kamen, ist in einer Sage überliefert. Die liebte ich schon als Kind, und weil sie eine Geschichte über den Umgang  mit Fortschritt und Wachstum ist, erzähle ich sie an dieser Stelle: Um 1200 wollten die Urner in der Schöllenen einen Steg bauen, aber sie konnten es nicht. Der Landamman stand entmutigt da und rief aus: «Da bau der Teufel eine Brücke!» Und schon war der Leibhaftige zur Stelle und versprach, genau das zu tun. Aber er verlangte einen Lohn: «Der Erste, der sie überquert, sei mein.» Die Urner schlugen ein, Luzifer lieferte. Aber dann wollten die Urner doch keine Menschenseele in die Hölle schicken. Stattdessen brachten sie einen Geissbock zur Brücke. Als der Bock den Gehörnten auf der anderen Seite sah, meinte er, einen Rivalen zu erkennen und preschte zum Angriff hinüber. Der Teufel musste das Tier als Bezahlung nehmen und war stinkwütend.

Er ging hinunter nach Wassen und holte einen riesigen Stein, um die Brücke wieder zu zerschlagen. Keuchend stand er mit dem Brocken in Göschenen, als eine alte Frau auf ihn zukam. Sie forderte ihn – ganz geheucheltes Mitgefühl – auf, den Stein doch kurz abzustellen und zu verschnaufen. Er setzte sich, die Frau huschte um den Stein herum und ritzte ein Kreuz auf die Hinterseite. Da konnte Luzifer ihn nicht mehr bewegen. Er steht heute noch in Göschenen.

Niemand weiss, wer wirklich die erste Brücke durch die Schöllenen gebaut hat. Warum die Story trotzdem wichtig ist für die helvetische Selbstwerdung? Weil sich für die Innerschweiz mit der Nord-Süd-Direttissima ein neues Geschäftsfeld öffnete: Zölle und Arbeit für Säumer und Gastwirte. Die Einheimischen wollten selbst die Kontrolle über ihr Territorium und die lokale Wirtschaft und gründeten auch deshalb die Eidgenossenschaft. Und so weiter. Der Pass war nie so bedeutend, wie wir aus der Innerschweiz ihn uns gerne vorstellen. Aber für das Selbstverständnis der Schweiz war er lange Jahrhunderte zentral.

Der diabolische Brückenbauer hat sich längst aus Uri abgesetzt, heisst es. Aber wenn das Tal wieder einmal im Verkehr ersäuft, dann sagen manche, vielleicht habe der böse Kerl jetzt doch einen Weg gefunden, sich zu rächen. Und angesichts von Neu-Andermatt liegt der Gedanke ja ebenfalls nahe.

Das Wunder von Andermatt – eine Stadt in den Alpen

Das Weisse Haus von Andermatt (Bild: Frau Frogg)

Um es gleich vorwegzunehmen: Es ist nicht die Architektur von Neu-Andermatt, die mich schockiert hat. Im Gegenteil: Die Bebauung ist dicht, es wurde viel mit Holz gearbeitet, mitunter erinnern die Fassadenverkleidungen an die Heuheinzen vom letzten Beitrag. Ich finde die Häuser im Allgemeinen (vielleicht nicht gerade das Weisse im Bild oben) ansprechender als die Fake-Chalet-Plantagen in anderen Skidestinationen. Was mich schockiert hat, ist der schiere Gigantismus dieser neuen Satellitenstadt im Alpental. Mehrere Hotels, 42 Apartmenthäuser, 25 Villen, ein Sport- und Freizeitzentrum mit Eissporthalle und Hallenbad, eine Konzert- und Kongresshalle, ein 18-Loch-Golfplatz und Geschäfte sind geplant oder schon realisiert, schreibt Wikipedia. Alles für Feriengäste. In einer Gemeinde, die um die 1600 Einwohner hat.

Einige nennen es das Wunder von Andermatt, hier Genaueres, die Kurzfassung geht wie folgt: In den neunziger Jahren zog die Armee aus dem Dorf weg, sie war zuvor Haupt-Arbeitgeberin im kargen Hochtal gewesen. In der Folge drohten die Abwanderung Einheimischer, Finanzprobleme und Verlotterung der Ski-Infrastruktur. Da kam der ägyptische Immobilieninvestor Samih Sawiris. Und baute. 1,5 Milliarden Franken soll er 2005 investiert haben (Quelle: hier). Es funktionierte. 2009 betrug die Anzahl Logiernächte 73’000, zehn Jahre später waren es über 129’000 (Quelle: hier). Sawiris wurde lange Jahre verehrt wie ein Halbgott, nicht nur in Uri.

Aber das Wunder hat auch Schattenseiten: Die Mieten schossen auch in Alt-Andermatt um 50 Prozent in die Höhe, in Wassen und Göschenen ebenfalls (Quelle: hier). Und dann der Verkehr! Als ich so am neuen Kreisel stand, musste ich an den Film Koyaanisqatsi denken, der mit majestätischen Naturbildern beginnt, dann menschgemacht hektischer und hektischer wird, bis zum atomaren Knall. 2023 kritisierte der Tages-Anzeiger ausserdem, dass «unter den Investoren in Andermatt anonyme Briefkastenfirmen in Steueroasen sind», Kontrollen gibt es nicht, Geldwäscherei ist denkbar (Quelle: hier).

Am 14. Juni stimmte die Schweiz über die «Keine 10-Millionen-Schweiz»-Initiative ab, eine dieser Volksinitiativen gegen die «Überfremdung», die in der Schweiz alle paar Jahre kommen. Gesamtschweizerisch stürzte das Volksbegehren mit 54,8 Prozent Neinstimmen ab, aber der Kanton Uri stimmte Ja. Das ist an sich wenig überraschend, Uri ist nun mal konservativ. Aber 59,9 Prozent, das ist ein hoher Ja-Stimmenanteil in einem Kanton, der auch vom Fremdenverkehr lebt. In der Debatte wurde wieder mal viel über Asylsuchende und die EU gelästert. Die Rechten bespielten diesmal aber auch das Gefühl vieler Leute, dass in der Heimat etwas Grundsätzliches aus den Fugen geraten ist. Wer Neu-Andermatt so sieht, kann dieses Gefühl nachvollziehen.

Schweizerdeutsch 73: Nach draussen

voruse (Adv)

Standarddeutsch: nach draussen.

Sobald es zu regnen aufhörte und die Sonne auch nur einen einzigen Strahl aus dem Himmel schickte, sagte unsere Mama: «Gönd voruse!» Geht nach draussen. Es gab kein Wenn und Aber. Vielleicht war sie auch deshalb so konsequent, weil sie ohne uns ungestört putzen, kochen, Haushaltsgeld abrechnen oder Kreuzworträtsel lösen konnte. Es ist ihr nicht zu verdenken, wir lebten zu viert in einer kleinen Dreizimmerwohnung. Sie gab uns aber stets zu verstehen, dass dieses «Vorusegoh» vor allem einen erzieherischen und gesundheitsförderlichen Zweck hatte: Wir sollten frische Luft bekommen, Gspänli* finden, spielen, Teil der Gemeinschaft werden, unsere kleinen Muskeln trainieren und die Welt entdecken. Es hat uns nicht geschadet. Und doch habe ich manchmal gemurrt: Wenn die Sonne schien, durfte ich nicht lesen, zeichnen oder schreiben.

Mit 61 darf ich schreiben und lesen, wann immer mir der Sinn danach steht. Und doch ist dieser innere Befehl geblieben. Wenn ich Zeit habe und die Sonne scheint, will etwas in mir «voruse». Ich gehe dann spazieren. Auch, wenn kein Gspänli mitkommt. Es ist für mich eine Art, Teil der Welt zu bleiben. Sechs Lebensjahrzehnte haben mich zu einer belesenen Beobachterin der Vorgänge da draussen gemacht. Und jetzt will ich auch wieder mehr über das Spazieren schreiben, eben, weil es die Welt enthält.

  • Spielkameraden

Etwas Alpenherrlichkeit und ein paar Worte an meine Leserschaft

Weil viele von euch lieber Berge als Industrie haben, hier der Pilatus, von Westen her her gesehen am 21. Juli 2026. (Bild: Frau Frogg)

Meine Baselbieter Trilogie der letzten Woche wurde erstaunlich viel kommentiert. Richtig amüsant fand ich die Zuschriften einiger deutscher Leserinnen und Leser. Der Tenor: Warum um alles in der Welt geht man in einem Industriegebiet spazieren, wenn man in der Schweiz doch herrliche Alpenlandschaften haben könnte? Ich kann darauf nur antworten: Immer nur Berge, das kann auch einengen.

Eine Leserin aus der Pfalz schickte mir ein Bild des BASF-Geländes in Ludwigshafen im Abendrot. Es sieht grandios aus. Sie schrieb sarkastisch (ich spitze zu), dagegen sei so ein Industrieareälchen wie Schweizerhalle so viel Aufmerksamkeit doch gar nicht wert. Klar, das BASF-Areal in Ludwigshafen bedeckt eine Fläche von 10 km² (Quelle: basf.com). In der Schweiz posaunen wir potenziell beunruhigende Tatsachen nicht so laut heraus, daher ist für Schweizerhalle eine Grössenangabe schwer zu finden. Hier die Rede von 0,51 km², also ein Zwanzigstel von Ludwigshafen, aber die Zahl ist schwierig einzuordnen. Ich kann der Leserin daher nur entgegnen, was frau ja auch gerne zu gewissen Männern sagt: Grösse ist meist kein ausschlaggebendes Kriterium.

Potenziell beunruhigend ist an Schweizerhalle, dass wir es hier mit Chemie zu tun haben, also auch mit Gift. Aber wenn du an einem Samstagnachmittag so der Rheinstrasse in Muttenz entlangspazierst, dann denkst du, du bist am saubersten Ort der Welt. Man könnte hier – theoretisch – von der Strasse essen. Die Leute baden sogar im Fluss. Vielleicht gibt es hier seit der Katastrophe in Schweizerhalle 1986 wirklich bessere Kontrollen. Vielleicht lauern hinter diesen hellen Mauern auch neue Gefahren. Ich weiss es nicht. Wenn ich hier eins besser zu sehen gelernt habe, dann ist es die gewaltige Grösse meines Unwissens.

Einige haben geholfen, dieses Unwissen zu verkleinern. So schrieb der pedestrian, dass ich in Salina Raurica durchaus etwas zu Essen hätte kaufen können. Falls jemand mir doch diesen Rheinspaziergang nachtun möchte: Es gibt eine Spar-Filiale an der Längistrasse 14 (übersehen, denn mein Blick ging in die andere Richtung). Dazu zwei Tankstellenshops (verpasst, weil einen anderen Weg gewählt); und sogar eine Bäckerei (Gaugler, gut versteckt an der Netzibodenstrasse 23c).

Dies hier ist ein persönlicher Blog, daher erhebe ich keinen Anspruch auf absolute Wahrheit, profundeste Recherche und journalistisch gemachten Service. Aber ich bin immer offen für die kollektive Wahrheitssuche.

Und nächstes Mal bekommt ihr den Bericht vom Pilatusgebiet, versprochen!

Muttenz: Rock ’n‘ Roll für Reisende

Der Rangierbahnhof von Muttenz, im Hintergrund Basel (Bild: Frau Frogg)

Später dachte ich viel über meinen Spaziergang im Baselbiet nach. War das nun ein gelungener Ausflug gewesen? Hatte der Anflug von Panik in Schweizerhalle mich als heiter-distanzierte Flaneurin disqualifiziert? War das überhaupt wichtig? Und woher kamen die Glücksgefühle, die ich bei der Erinnerung an den Spaziergang trotz allem hatte?

Neben der Migros hatte ich mein Laugenbrötchen gegessen. Ich sass in einem Park, der aussah, als wäre es Oktober. Aber es war August und mehr als 25 Grad warm. Danach marschierte ich weiter. Ich ging Richtung Nordwesten und überquerte den Rangierbahnhof, diesmal auf einer Brücke.

Vor Jahren hatte ich eine Weile in Basel gearbeitet und war fast täglich mit dem Zug dieser riesigen Anlage entlanggefahren. Oft, vor allem im Morgen- und Abendlicht, bekam ich dann heftiges Fernweh. Ich dachte an die Städte des Nordens. Hier beginnt die Welt, dachte ich. Hier werden die Weichen gestellt, damit jemand in Kopenhagen sich Salben aus Basel ins Gesicht streichen, jemand in Antwerpen Schmerztabletten von Novartis schlucken kann, und damit wir Wein aus Frankreich auf den Tisch bekommen. Das stelle ich mir jedenfalls vor. Aber was weiss ich schon über die Dinge, die wir trinken und uns ins Gesicht streichen? Mit Eisenbahnfahren jedoch kenne ich mich aus. Eisenbahnfahren, das bedeutet Schotter, Russ und Fahrtwind. Und durchwachte Nächte. Eisenbahnen sind der Rock’n’Roll des Reisens.

Nördlich vom Bahnhof liegt der Hardwald, ein weiterer Park, mit Laubbäumen, vor allem Ahorn und Buchen. Auch er: ein Herbstwald. Vor mir schritt ein junges Paar im okkerfarbenen Laub, die beiden hielten sich an den Händen. Es war alles wie immer und nichts wie es sein soll. Vom Restaurant Waldhaus wirbelten wehmütig die Klänge eines Barpianos durchs Laub. Es war so traurig, dass ich beschloss, nach Hause zu fahren. Bei uns ist es grüner.

Und später dennoch diese Glücksgefühle: vom Draussensein; vom Abenteuer; vom Fahrtwind.

Park in Muttenz am 22. August 2026. Die Strasse, an der er liegt, heisst ironischerweise Heissgländstrasse. (Bild: Frau Frogg, 22. August 2026)

Schweizerhalle: Keine Menschenseele, nirgends

Wer meinen letzten Beitrag gelesen hat, erinnert sich: Am Samstag stand ich an der Rheinstrasse in Pratteln (Baselland) und brauchte ein Mittagessen. Schnell war klar: Das silberne Coop-Gebäude vor mir ist kein Einkaufszentrum. Und das Schoggihüsli an seiner West-Ecke ist zwar ein Laden. Aber ich hätte die Strasse überqueren müssen, um zu sehen, ob er auch Sandwiches hat. Die Strasse war breit, und doch war da kein Fussgängerstreifen, keine Ampel, nichts. Auch kein Verkehr und kein Mensch. Ich hätte hinüberschlendern können. Aber ich konnte mich nicht dazu durchringen.

Es wird schon noch eine Querstrasse nach Pratteln kommen, dachte ich. Ich konnte offensichtlich auch meine Karte nicht mehr richtig lesen. Hier gab es keine Querstrasse nach Pratteln mehr. Hier gab es nur noch Fabrikzufahrten, abgesperrt mit Draht- oder Eisen. Und Kameras. Unter normalen Umständen hätte ich die Industriebauten an der Strasse gebührend bewundert. Aber jetzt nicht. Jetzt wollte ich einfach weiter.

Beim nächsten Blick aufs App war ich in Schweizerhalle, in Muttenz. In jenem Industriegebiet, in dem am 1. November vor 40 Jahren ein Grossbrand eine Fabrikhalle der Chemiefirma Sandoz zerstörte, mitsamt den Fässern, die dort lagen. Muttenz und Basel hatten Sirenenalarm, und es stank. Giftiges Löschwasser floss in den Rhein und tötete die gesamte Aalpopulation bis hinunter nach Mannheim (hier gibt es einen informativen Dokumentarfilm). Da, wo ich war, ist die Erinnerung daran ausgelöscht. Kein Mahnmal, kein Gerüchlein, kein Stäubchen.

Ich kam zu der Stelle, wo ein Weg in einen leeren Park am Rhein hinunter führt. Auch hier dürres Gras und braunes Laub, überall. Nur weiter, dachte ich, dann eben ohne Mittagessen. Ich hatte sowieso keinen Hunger. Nur eine leise Stimme sagte: «Don’t skip any meals.» Ein Grundsatz des Meniére-Régimes, dem ich jahrelang nachgelebt habe: regelmässig essen.

Da stieg eine junge Frau aus dem Fluss wie einst Aphrodite. Sie nahm ihr Frottiertuch mit leichter Hand vom Rasen, als würde sie nicht hören, dass die Gräser vor Durst brüllten. Dann erklärte sie mir den Weg zur nächsten Migros. Ich folgte ihren Anweisungen, überquerte die Strasse nun ungehemmt, kam auf die Rothausstrasse und sah vor mir einen Tunnel gähnen, einen vierspurigen Schlund mit einem Oberkiefer aus Beton.

Verdammt! Ich muss hier das Gleisfeld unterqueren! Das Gleisfeld von Muttenz ist gigantisch. Darf ich als Fussgängerin überhaupt in diesen Tunnel hinein? Werde ich lebendig wieder aus ihm herauskommen? Egal. Ich ging hinein.

Später sagte mir das App, dass ich 34 Gleise und eine Autobahn überquert hatte. Beim Ausgang des Tunnels kam mir ein Mann entgegen. Freund oder Feind? Er sagte nur: «Gehen sie die Strasse ganz hinauf bis zum Kreisel, dort ist die Migros.» Und so war es.

Es war schon nach 13 Uhr, aber es gab noch Sandwiches. Ich hatte die Wahl zwischen Schwöbli mit Schinken oder Laugenbrötli mit Schinken (nur in Basel nennt man eine bestimmte Sorte Brötchen «Schwöbli»). Ich entschied mich für ein Laugenbrötchen, zahlte und suchte einen Platz zum Essen.

Baselbiet: Folgenreicher Sprung aus der S-Bahn

Wiese bei der S-Bahn-Haltestelle Salina Raurica (Kanton Baselland) am Samstag, 22. August 2026

Ich hatte vor, bis Kaiseraugst zu fahren. Dort wollte ich etwas zu essen kaufen, bevor ich auf meinen Spaziergang aufbrach. Mein ungefährer Plan: Vom Flusskraftwerk Augst rheinabwärts Richtung Basel. Doch an der letzten S-Bahn-Station vor Kaiseraugst, Salina Raurica, traf ich eine folgenreiche Entscheidung. Ich stieg spontan aus dem Zug. Ich wollte unbedingt das Bild oben machen.

Die Wiese lag da wie von bleichen Knochen übersät. Kein Quadratzentimeter Grün. Klar, ich hatte gewusst, dass das Baselbiet von der Dürre stark betroffen ist. Dennoch hatte ich das Thema nicht auf der Agenda gehabt. Ich war hergekommen aus Flanierlust, aus Industrieromantik, aus Nostalgie. Beim Flanieren ist Ziellosigkeit eine Tugend (ich habe hier darüber geschrieben). Wir lassen uns von unserer Neugier lenken, vom Zufall und vom Forscherdrang.

Doch der Sprung aus dem Zug in Salina Raurica sollte dazu führen, dass später nicht Neugier und der Zufall mich lenkten. Vielmehr bremste mich eine lähmende Unentschlossenheit. Denn in Salina Raurica gibt es keinen Laden, nicht einmal einen Kiosk.

Nun, einerlei. Irgendwo würde ich schon ein Mittagessen finden.

Auch von hier aus war es nicht weit zum Flusskraftwerk. Hier, glaubte ich, bin ich einmal nachts nach einem Cüpli-Anlass mit einem Schiff durch die Schleuse gefahren. Ich war ein Voralpenkind, trunken von der Nacht und ich kannte Schleusen nur vom Hörensagen. Es war magisch. Gestern sah ich dort endlich wieder mal Wasser in Hülle und Fülle (es wird dort ja auch gestaut).

Blick vom Wasserwerk Augst rheinaufwärts. Links das Gebäude des am selben Ort befindlichen Kraftwerks Wyhlen in Deutschland. (22. August 2026).

Bei der Messstelle Rheinfelden, nahe Kaiseraugst, fliessen im Jahresmittel 1029 Kubikmeter Wasser rheinabwärts. Gestern Morgen waren es zwischen 700 und 800 Kubikmeter. Das ist relativ wenig, aber es könnte schlimmer sein. In den letzten Tagen hat es weiter oben kräftig geregnet, die Pegelstände haben sich etwas normalisiert, (auch an der Reuss, die den Rhein speist).

Ich gehe kurz über die Brücke nach Deutschland, dann auf der Schweizer Seite flussabwärts, auf einem lieblichen, aber schmalen Wanderweg. Am Ufer stehen Fischerhäuschen, behängt mit viereckigen Netzen. Doch bald wird mir der Weg zu schmal. Auch brauche ich jetzt dann mal mein Mittagessen. Ich steige hinauf zum Ufersträsschen.

In der Ferne sehe ich bald eine Gebäude aufsteigen wie eine silbern schimmernde Zitadelle. Es trägt oben ein oranges Coop-Logo. Wahrscheinlich ein Produktionszentrum des Grossverteilers, aber, wer weiss, vielleicht gibt es dort ja auch ein Einkaufszentrum. Ich habe auf der Westseite des Gebäudes auf Google Maps auch ein Schoggihüsli verzeichnet gesehen, einen kleinen Laden. Mal schauen, ob sie dort auch Sandwiches für hungrige Flaneusen haben.

Spaziergang an der Reuss in Luzern im Hitzesommer 2026

Die Mündung der Kleinen Emme in die Reuss bei Emmenbrücke am 16. August 2026
Die Mündung der Kleinen Emme in die Reuss am 29. Juli 2025

Die beiden Bilder hier habe ich an exakt derselben Stelle gemacht. Ich räume gerne ein, dass der Juli 2025 überdurchschnittlich regnerisch war – dennoch haute es mich fast um, als ich die beiden Fotos nebeneinander sah. Ich will mich nicht beklagen. Ich weiss, dass in fast ganz Europa extreme Trockenheit herrscht. Uns in der Stadt Luzern geht es vergleichsweise gut. Wir sind angehalten, sparsam mit dem Trinkwasser umzugehen. Aber noch haben wir den See und den Fluss, um uns abzukühlen. Es ist Sommer, und wir versuchen, trotz der grossen Hitze etwas Spass zu haben.

Heute Morgen hatten die Temperaturen leicht nachgelassen und ich hatte Zeit für einen Spaziergang. Ich ging reussabwärts. Schon kurz nach zehn Uhr sah ich an zwei Stellen mitten in der Stadt Leute für ein Bad in den Fluss steigen. Das Wasser hat laut Messstelle Geissmattbrücke um die 26 Grad, das langjährige August-Mittel liegt bei 20 Grad.

Unter der Eisenbahnbrücke St. Karli.

Jemand hat einen Gartenstuhl auf eines der Fundamente der St. Karli-Eisenbahnbrücke gestellt. Es sieht einladend aus. Aber wie ist das Sitzmöbel dort hingekommen? Ist jemand mit ihm  hinübergeschwommen? Hinübergewatet? Unmöglich. Ich bin selbst schon in der Reuss geschwommen. Bei der Eisenbahnbrücke Richtung Zürich weiter unten haben wir mit den Zehen nie den Grund erreicht.  Obwohl der Fluss dort auch breit ist. Auf dem Bild sieht man am Betonpfeiler der Brücke unten einen dunklen Streifen. Innerhalb dieses Bereichs schwankt der Pegelstand meistens.

Schutzzelt für Fische an der Mündung des Krienbachs.

Weiter unten, am Kreuzstutz, mündet der Krienbach aus einem unterirdischen Kanal in die Reuss. Die Stelle ist mit einem grünen Baldachin aus Kunststoff überdeckt. «Kühlendes Schattennnetz für unsere Fische», steht auf dem Täfelchen der Stadtbehörde. Das Zeltdach soll Fischen nicht nur Schatten, sondern auch Schutz vor Räubern spenden. Und tatsächlich: Als ich in die Lücke zwischen Zelt und Uferwand äugte, sah ich im Wasser Dutzende fingerlange Fischchen. Aus der Tiefe stieg ein kühler Luftzug. Ich hielt kurz mein Gesicht in die Öffnung, dann wanderte ich weiter Richtung Xylophonweg.

Sensation dort ist zurzeit eine Biberfamilie, die sich unweit des dicht frequentierten Spazier- und Velowegs niedergelassen hat. Anfangs des 19. Jahrhunderts wurden die Nager in der Schweiz ausgerottet, 2008 kamen sie in den Kanton Luzern zurück. Es gibt also doch gute Nachrichten über die Biodiversität hier. Ich konnte keines der Tiere sehen, aber sehr wohl die Weidensträucher am Ufer, die von den fleissigen Bau- und Staumeistern angenagt worden sind. Sie werden noch zu reden geben, fürchte ich.

Am Nordpol hatten sich schon kurz nach 10.30 Uhr Badende eingefunden. Von dort ist es nicht weit bis zur Stelle, wo die Kleine Emme in die Reuss mündet, ein zugleich magischer und melancholischer Ort zwischen Autobahnauffahrt, Eisenbahnbrücke und Kehrichtverbrennungsanlage.

Während ich das Foto von der Flussmündung machte, ging eine junge Frau gleich links vom linken Bildrand hinunter zum Emmenufer. Sie zog ihr Kleid aus und watete in einem roten Bikini über das Flüsschen ans andere Ufer. Das Wasser ging ihr nur bis zu den Waden. Auf der anderen Seite stand eine ältere Frau in einem Sommerkleid. Die junge Frau nahm sie bei der Hand und beide kamen über den Fluss zurück ans diesseitige Ufer. Ich hätte nicht für möglich gehalten, dass man an dieser Stelle zu Fuss die Emme überqueren kann.