Freud’scher Verhörer

„Sie haben gestern Abend ihr ganzes Programm ungeplagt gespielt“, sagte Herr T. Er sprach von einer Band. „Ungeplagt?! Hä!?“ fragte ich. Aber Herr T. redete einfach weiter und irgendwann begriff ich: Er hatte nicht „ungeplagt“ sondern „unplugged“ gesagt.

Mir war wieder mal ein Mondegreen passiert. Mondegreens passieren Schwerhörigen oft: Man hört zu, es muss schnell gehen, man verhört sich. Ich habe auch schon über sie geschrieben – darüber, wie aus Bohnenallergikern Pollenallergiker werden und so. Oft sind sie einfach lustig. Aber manchmal geben sie wie Poesie etwas über den Seelenzustand eines Menschen preis.

So habe ich nach einem ungeplagten Konzert seit Jahren eine tiefe Sehnsucht. Ich meine: Ich gehe ja schon lange nicht mehr an Konzerte, denn Musik tut mir Menière-Patientin weh in den Ohren, ist immer zu leise oder zu laut oder beides gleichzeitig. Kurz: eine Plage.

Ich musste an Freud’sche Versprecher denken. Ihr wisst schon: Jene sprachlichen Fehlleistungen, bei denen wir unwillkürlich zum Besten geben, was wir wirklich denken oder uns wünschen. Ob es auch Freud’sche Verhörer gibt?

Ich habe auch noch ein paar neue Mondegreen-Müsterchen. „Trotz Sturm eingeweiht“, lautete die Schlagzeile zum riesigen Neubau auf dem Bild unten am 18. September am Schweizer Fernsehen:


(Bildquelle: handelszeitung.ch).

Ich hielt das Haus offenbar nicht für sehr wetterfest. Die Schlagzeile hiess in Wirklichkeit aber „Roche-Turm eingeweiht“.
Und am 16. September stellte ein Sprecher am Radio seinen Interviewpartner vor: „In Sachen Bankgeheimnis ist er vom Saurus zum Paulus geworden.“ Freud’sche Verhörer? Mutmasst selber!

Dies ist mein Beitrag zum Projekt *txt auf neonwilderness. Das dreizehnte Wort heisst „verstehen“.

Die Kinder von Palmyra

Palmyra, 14. Oktober 1998

Dieses Bild habe ich selber gemacht, was erstaunlich ist. Denn ich hing an jenem Tag ziemlich in den Seilen. Ich hatte eine so genannte Reisedarmgrippe – harmlos, aber ich hatte doch die halbe Nacht auf der Toilette verbracht. Es war eine gute, westliche Toilette in einem Viersternhotel – erschöpft war ich trotzdem.

Ich würde gerne sagen, ich sei von den 2000 Jahre alten Tempelanlagen in Palmyra hingerissen gewesen. Ich würde sie gerne wenigstens in meiner Erinnerung mächtig fortleben lassen – jetzt, wo der IS sie offenbar zerstört hat. Aber gestehe: Ich schleppte mich zwischen den korinthischen Säulen dahin und tat einfach nur mein Bestes.

Viele meiner Reisegefährten kämpften mit ähnlichen Problemen. Eine Frau aus dem Aargau war so dehydriert, dass sie in Palmyra ins Spital kam und dort ein paar Stunden am Tropf hing. Offenbar tat ihr das gut. Nachher war sie wieder in anständiger Verfassung.

Noch mehr als mein Magen machte mir das schlechte Gewissen zu schaffen. Beim Aussteigen auf dem Car-Parkplatz waren wir sofort von einem Schwarm schmutziger, bettelnder Kinder umringt worden. Ich muss es jetzt einmal sagen: In Syrien gab es damals für mich Westlerin schockierend arme Menschen.

Auf die bettelnden Kinder hatte man uns vorbereitet. Wir sollten ihnen Papier und Schreibzeug geben – Sachen, die sie in der Schule gebrauchen könnten. Sonst würden sich die Eltern daran gewöhnen, von der Bettelei ihrer Kinder zu leben. Dann würden sie sie nicht mehr zur Schule schicken. So verteilte ich Zeichenstifte und zweifelte an der Weisheit meines Tuns. Sind Zeichenstifte ein Trost, wenn man als Kind ohne Nachtessen ins Bett muss?

Erst Jahre später habe ich gelesen, was uns damals niemand erzählte: Palmyra war auch eine Stadt des Grauens. Es gab dort ein berüchtigtes Gefängnis, in dem Diktator Hafiz al-Assad 1980 zwischen 500 und 1000 Insassen hinrichten liess (Quelle hier). Die meisten waren Muslimbrüder (Hier ein sehr informativer Bericht über die syrischen Muslimbrüder und darüber, was sie mit dem IS verbindet). Im Gefängnis wurde auch gefoltert – anständige Gerichtsverfahren gabs keine. Geschlossen wurde es erst kurz bevor im Mai 2015 der IS kam. Der hat den Knast mittlerweile auch gesprengt.

Das Schweigen der Syrer


Assad-See: Der Teil des Euphrat, der Aleppo bis heute mit Wasser versorgt (Quelle: Wikimedia)

Am 10. Oktober 1998 zeigte uns der Reiseführer eine Sehenswürdigkeit an einem Fluss. Ich habe die Sehenswürdigkeit vergessen. Aber ich erinnere mich gut an den Fluss. Ein Rinnsal zwischen hohen Mauern. Es zog grüne Algenschlieren mit sich.

„Früher hat dieser Fluss die Grossstadt Aleppo mit Wasser versorgt“, sagte der Fremdenführer. Aber er entspringe in der Türkei. Und 1952 hätten die Türken an seinem Oberlauf einen Damm gebaut. Sie hätten den Menschen von Aleppo damit buchstäblich das Wasser abgegraben. Seither komme das Leitungswasser in Aleppo vom Euphrat, sagte er und wies mit dem Zeigefinger gen Osten, wo der grosse Strom liegt.

Aha! Das Thema Wasserstreit! Endlich! Ich hielt meine Stunde für gekommen. „Bevor wir losreisten, las ich in der Zeitung, es könnte ein Wasserkrieg zwischen den Türken und den Syrern ausbrechen“, sagte ich zum Reiseführer. „Was hat es damit auf sich?“ Die Frage hatte uns Reisende doch mit Sorge erfüllt. Endlich würden wir Antwort bekommen, dachte ich. Aber ich irrte mich. Der Reiseführer brummelte ein paar gehässige Bemerkungen über die Türken. „Die stehlen unsere Kunst“, schimpfte er. Aber er sagte nichts Bestimmtes über den angeblich drohenden Wasserkrieg.

Wusste er selber nichts? Wollte man uns Touristen nicht beunruhigen? Oder traf ich mit meiner Frage einfach auf das in Diktaturen übliche Schweigen? Letzere Frage stellte ich mir damals noch nicht. Ich war zu unbedarft.

Immerhin wusste ich, dass an der Südwestgrenze des Landes ein weiterer Konfliktherd schwelte. Bei der Einreise hatte man uns eingeschärft, das Land dort dürfe man in Syrien keinesfalls Israel nennen. Sondern nur Palästina. Die Syrer waren nicht gut auf die Israelis zu sprechen. Denn die hielten seit 1967 syrisches Gebiet besetzt – die Golanhöhen.

Was ich jetzt mit all dem sagen will? Nun, Syrien war schon damals ein Pulverfass. Es ist im Grunde nicht erstaunlich, dass es explodiert ist. Aber wie es passiert ist, hat auch mich überrascht.

Damals nahm ich das alles nicht sonderlich ernst. „Verstehe einer die Streitigkeiten der Syrer!“ dachte ich mit jener touristischen Heiterkeit, mit der Obelix jeweils sagt: „Die spinnen, die Helvetier!“ Mein Blick folgte dem Zeigefinger des Reiseführers und ging in die Ferne. Der Euphrat. Das Zweistromalnd. The Rivers of Babylon. „Fernweh erschafft immer neues Fernweh“, schrieb ich in mein Tagebuch. Ich träumte von Bagdad. Noch wusste niemand, was wenige Jahre später dort geschehen würde.

Am nächsten Tag brachen wir Richtung Osten auf: nach Palmyra.

Drei Syrer

Dieses Bild habe ich am 11. Oktober 1998 in einer der Toten Städte* in Syrien gemacht. Die drei Burschen huschten mit einer ganzen Kinderschar hinter uns her, als wir durch die Ruinen einer der Geistersiedlungen gingen. Alle Kinder trugen Schuluniformen, die Mädchen grüne Röcke und weisse Kopftücher. Sie kamen aus dem bewohnten Dorf in der Nähe.

Als ich aus einem der Häuser trat, standen die drei Knaben im Hof. Sie sahen meine Kamera und warfen sich in Pose. Sie wollten fotografiert werden. Es war ein Spiel. Ich wollte sie nach ihrer Adresse fragen und ihnen später Abzüge schicken – aber ich konnte kein Arabisch, und unser Fremdenführer war weit weg. Es blieb bei dieser flüchtigsten aller Begegnungen.

Die Buben sind heute um die 30, ihr Dorf ist Kriegsgebiet. Die Toten Städte neben ihrem Dorf sind auf der Liste des bedrohten Unesco-Weltkulturerbes. Einige der leeren Siedlungen seien in Rebellenhand, heisst es. In anderen habe man islamistische Plünderer gesehen. Über die Menschen im Dorf erfährt man nichts. Es waren einfache Leute. Wir sahen das Haus einer Familie. Sie wohnten in einem einzigen, grossen Zimmer mindestens zu Dritt. Sie hatten Oliven- und Kirschhaine, und zwischen den Felsen wucherten Feigenbäume.

Vielleicht sind die Jungs auf dem Bild Soldaten geworden, auf welcher Seite auch immer. Vielleicht hat der Krieg sie zu mordenden Bestein gemacht. Vielleicht auch nicht. Vielleicht haben sie junge Familien. Vielleicht sind sie tot. Vielleicht geflohen. Ich weiss es nicht. Aber wenn ich heute in diese Gesichter schaue, dann weiss ich eins ganz sicher: dass ich ihnen verpflichtet bin. Oder wenigstens ihren Brüdern und Schwestern und Kindern.

* Die Toten Städte sind um 1800 Jahre alte Steinhäuser. Einst haben dort reiche Christen gewohnt, Kirchen gebaut und ihren Wein und ihre Olivenöl in die halbe Welt exportiert. Im siebten Jahrhundert – noch vor der Eroberung durch die Muslime – verarmten sie und wanderten aus. Seither sind die Städte unbewohnt, Geisterhäuser aus Kalk auf roter Erde. Aber man konnte dort 1998 noch antike Ölpressen bestaunen.

Wenn das Kopftuch fällt

Es war mein zweiter Abend in Syrien, 1998. Noch immer fragte ich mich: Wer trug die durchsichtigen Blusen, die tiefen Ausschnitte, die ich in den Schaufenstern der Altstadt von Aleppo gesehen hatte? Die meisten Frauen waren doch mit Kopftüchern und langen Mänteln unterwegs.

Nach Nachtessen stiegen wir Schweizer Hotelgäste in den Aufzug. Er hielt im ersten Stock, wo gerade eine Hochzeit stattfand. Drei Frauen stiegen zu. Es waren opulent geschmückte Prachtsweiber mit üppigen Formen, opulenter Haarpracht und tiefen, tiefen Ausschnitten. Die Haut über ihren Brüsten war mit Henna-Tattoos bemalt.

Eine peinliche Fahrt nach oben folgte. Die drei hatten offensichtlich geglaubt, sie seien en famille. Wir wussten alle nicht, wo wir hinsehen sollten. Ich bin fast sicher, dass sie ehrbare muslimische Hochzeitsgäste waren, Schwestern, Cousinen, Tanten des Brautpaars.

An dieser Stelle müsste ich etwas Relevantes über Muslime sagen – oder wenigstens über Musliminnen. Aber ich muss passen. Leider musste ich nach 9/11 von der Überzeugung abrücken, die Söhne und Töchter Allahs seien alle tolerant und friedfertig. Ich musste damals einsehen, dass es Muslime gibt, die den Westen hassen, und die vor dem Morden nicht zurückschrecken. Und dennoch: Seit ich 1998 in den Gassen Aleppos selbstbewusste Christinnen habe zur Kirche gehen sehen, kann mir eins kein Mensch mehr erzählen: dass Muslime per se intolerant sind.

Christen haben in Syrien 1300 Jahre lang mit Muslimen zusammengelebt. (Hier mehr dazu). Irgendwie ging das. Daraus habe ich zwei Dinge geschlossen:

1) „Die Muslime“ gibt es genau so wenig wie „die Christen“. Wenn jemand zum Mörder oder auch nur zum selbstgerechten Holzkopf wird, gibt es immer noch andere Gründe als die Religion.

2) Wenn das Kopftuch fällt, dann sieht der Mensch darunter oft anders aus als wir es uns vorgestellt haben. Dann entstehen neue Fragen. Und es lohnt sich, sie zu stellen. Wenn irgend möglich.

Wer hat Syrien zerstört?


Die Omayyaden-Moschee in der syrischen Stadt Aleppo heute (Quelle: dailymail.co.uk).

Das Internet ist voll von Bildern der zerstörten Stadt Aleppo. Es sind Horrorbilder. Die Vorstädte Ruinenwüsten; die Altstadt zerschossene Häusergerippe; die Zitadelle schwer beschädigt.

„Was sind schon alte Gemäuer?“ denkt man. „Es geht doch um Menschen.“ Nur: Die Mauern und die Menschen gehören zusammen. Ich meine: Wo sind sie hin, die Möbelhändler und Lampenhändler der Atstadt? Was ist aus ihren Familien geworden? Leben sie noch? Wo ist der Wirt mit den köstlichen Mezzes? Und das Hotel mit dem Sofa des Propheten? Steht es noch? Was machen seine dienstbaren Geister jetzt, so ohne Touristen?

Überhaupt: Wie kann so etwas passieren? Ich suche in meinem Reiseführer von anno dazumal nach Antworten. Ich lese: „Fanatismus, Intoleranz und Extremismus fällt bei den Syrern kaum auf fruchtbaren Boden. Syrien … ist ein Land religiöser und ethnische Vielfalt. Und diese Vielfalt nährte seit jeher die Toleranz.“* Ich breche in Hohngelächter aus. War der Autor blind? War das Zweckoptimismus? Oder eine Lüge? Oder ist in diesen wenigen Jahren alles anders geworden? Und wer hat die Stadt zerstört?

Nun: Es war Landesvater Baschar al Assad selber, mit freundlicher Unterstützung eines gewissen Herrn Putin. Es war die Freie Syrische Armee, die 2012 in den Strassen von Aleppo um mehr Demokratie kämpfte – man nannte es Arabischer Frühling – wisst Ihr noch? Sie bekamen Geld und Waffen von Herrn Obama und auch ein bisschen Geld von der EU.

Dann zerfiel die Freie Syrische Armee. Die Islamisten drängten nach. Sie meldeten stolz, auch sie hätten noch ein paar historische Gebäude in Trümmer gelegt. Heute ist Aleppo eine geteilte Stadt: Im Osten mordet der Islamische Staat, mit freundlicher Unterstützung reicher arabischer Göttis. In der Mitte hält Assad einen Korridor. Und im Westen … – ich weiss es nicht genau.

Ich sage nicht, dass der Krieg ohne die Grossmächte nicht stattgefunden hätte. In diesem Land muss es viel Hass gegeben haben, schon 1998 – auch wenn man es uns nicht gesagt hat. Aber das, was jetzt passiert, ist auch ein Stellvertreterkrieg der Grossmächte.

Das verpflichtet uns umso mehr, den Vertriebenen zu helfen.

*Marco Polo: Syrien (Autor: Peter Pfänder); Mayrs Geographischer Verlag, Ostfildern, 1997.

Die Reichtümer Syriens


Die Omayyaden-Moschee in Aleppo, 800 Jahre alt, vor Oktober 2012 (Quelle: Wikimedia)

Am 10. Oktober 1998 sass ich auf einem modernen Platz in der syrischen Grossstadt Aleppo. Es hätte irgendwo im Mittelmeerraum sein können – in Italien, der Türkei, sogar in Südfrankreich. Ich schrieb in mein Tagebuch: „Sie haben Savoir-vivre hier, das Essen ist vielfältig, die Kunst ist opulent. Sie haben Spass. Sie haben kulturelles Selbstbewusstsein, sie schielen nicht ständig nach dem Westen.“ Mir gefiel die Liebe der Syrer zur Kalligraphie, zur Verzierung. „Sogar die Fahrräder sind reichlich mit Ornamenten bemalt.“

Ich hatte gerade von einer üppigen Mezze-Tafel gekostet – Hummus, joghurt, Baba Ghanoush, kleine Würste. Gut, das Restaurant wirkte sehr neu – als mache der Wirt erste Gehversuche mit einem westlichen Konzept. Das Tourismus-Gewerbe schien noch in den Kinderschuhen zu stecken. Manchmal fiel für ein paar Sekunden der Strom aus.

Mich faszinierte der Betrieb auf den Strassen. Die Baudenkmäler …, naja, ich ging mit und besichtigte sie pflichtschuldig – es war ja alles Unesco-Welterbe. Es mangelte mir nicht an Respekt vor der hiesigen Kultur. Ich wusste: Vor 11500 Jahren wurde hier der Ackerbau erfunden, später die Schrift. Hier stehen einige der ältesten Städte der Welt. Aber meine Aufmerksamkeit reichte nicht für alles. Den Soukh habe ich glatt vergessen. Vage erinnere ich mich ans Tor des Nationalmuseums. Ich weiss seit damals, was eine Zitadelle ist. Und ich rieche noch die Teppiche in der Omayyaden-Mosche, sehe die luftigen Gebetssäle und die schimmernden Steinböden im Hof.

Ich sass auf einer Stufe zum Hof und sah einen ärmlichen gekleideten Mann. Er redete auf einen älteren Würdenträger mit weissem Bart ein. Der Jüngere machte Demutsgesten, der ältere antwortete in herrischem Ton. Schliesslich nahm der Jüngere die Hand des Bärtigen und wollte sie küssen, doch im letzten Moment zog der Alte sie weg. Der Jüngere küsste leere Luft. Bevor er von dannen schlich, holte er seine Frau und seinen kleinen Sohn, die die Szene hinter einer Säule halb verborgen beobachtet hatten.

Ich konnte nur mutmassen, was sich hier zugetragen hatte. Es war eben doch eine sehr fremde Welt.


Museum von Aleppo – das Tor, Nachbildung eines 3000 Jahre alten Tempeltors (Quelle: hittitemonuments.com)

Gott, arabischer Pop und heisse Dessous


Strasse in der Altstadt von Aleppo in Syrien, wohl vor dem Krieg (Quelle: wikimedia.org)

Später Nachmittag, Oktober 1998. Hinter mir das Tor des Hotels. Vor mir ein Häusermeer – die Altstadt von Aleppo. Ich sah ein Strassenschild und erschrank. Es war Arabisch, das hiess für mich: vollkommen unleserlich. Ich durfte mich auf keinen Fall verirren. Einem Passanten wollte ich mich hier lieber nicht anvertrauen – die Männer hatten alle diesen schwülen Blick, sobald sie mich Westlerin sahen. Ich ging also einfach geradeaus und wurde sofort mitgerissen von einer Flut von ungewohnten Sinneseindrücken.

Da waren Gassen mit Dutzenden und Aberdutzenden von Schuh-, Möbel- und Kleiderläden. Von überall her arabische Popmusik. Kein einziger Song aus dem Westen. Schaufenster lockten mit tiefen Decolletés und opulenter Reizwäsche. „Wer trägt das alles?“ fragte ich mich – die meisten Frauen hier führten lange Mäntel und Kopftücher spazieren. Zu fromm für Spitzendessous. Dachte ich.

Sollte ich mir selber ein Kopftuch kaufen? In muslimischen Ländern sei das die beste Methode, sich vor zudringlichen Blicken zu schützen, hatte mir eine reisegewohnte Freundin versichert. Da sah ich Kreuze an einem Haus, eine christliche Kirche, unverkennbar. Vor der Tür eine Madonnenfigur in Blau und Weiss. Also doch kein Kopftuch. Wie könnte ich ein Kopftuch tragen in einer Stadt, in der es Christen gibt?

Schliesslich kam ich zum riesigen Platz unter der Zitadelle. Hier tobte der Feierabendverkehr – Dauerhupen inklusiv.

Genau in diesem Moment erhob sich die Stimme des Muezzin und füllte den Abendhimmel. Sie verkündete die Grösse Gottes. Dazu warf die Sonne ihre letzten Strahlen auf die lärmende Stadt und liess ihre Mauern in einem Rausch von roten, gelben und violetten Farbtönen untergehen. Nie werde ich diesen Moment vergessen.

Danach war es dunkel. Am Strassenrand hielten ein paar Taxis. Aus ihnen stiegen geschminkte Frauen mit offenen Haaren, spitzenverzierten Blusen und reich gemusterten Leggins. „Sind das nun die Trägerinnen der heissen Dessous?“ fragte ich mich und folgte ihnen.

Sie strömten in die Kirche, die nun mit Kerzen erleuchtet war.

Dahinter eine Gasse, die mit ihren Lichtern lockte. Es war die Gasse der Lampenhändler, in jedem Schaufenster ein Kronleuchter, hundert Lampenläden, einer heller als der andere.

Ich ging bis an ihre Ende und dann wieder zurück ins Hotel. Ich durfte mich ja nicht verirren.

Die Strasse des Diktators

Aleppo vor dem Krieg (Quelle: Wikimedia Commons)

Das Flugzeug landete in Aleppo. Noch immer hoffte ich insgeheim, man werde mich gleich wieder nach Hause schicken – ich hatte kein Visum, niemand aus der Gruppe hatte eins. Man würde es uns am Flughafen geben, hiess es. Wir waren eine harmlose Schweizer Reisegruppe, etwas zwanzig Leute.

Nur ich war Journalistin – und man hatte mir eingeschärft, dass ich das nicht in den Visumsantrag schreiben dürfe. Es war 1998. Der Dikator Hafiz al Assad hatte die Redefreiheit massiv eingeschränkt, das wusste ich. Wie gefährlich Journalisten damals lebten, begreife ich erst heute, Internet sei Dank: Wer den Mund zu weit aufmachte, bezahlte mit dem Leben. Tausende sollen einfach verschwunden sein. Nun, mir drohte keine Gefahr. Ich hatte nicht vor, den Mund aufzumachen, kam aus dem Westen und brachte Geld. In den Visumsantrag hatte ich geschrieben, ich arbeite im Marketing. Ich bekam meinen Stempel. Es gab kein Zurück.

„Man sieht das, was man sucht“, schrieb ich am 9. Oktober in mein Tagebuch. Ich sah eine bleiche Betonstrasse mit hellgrünen Wedelpflanzen auf dem Mittelstreifen. Die Strasse des Diktators, dachte ich. Später habe ich sie wiedergesehen, die Strasse, 2012, am Fernsehen, in einem Beitrag über den Bürgerkrieg. Ich wäre beinahe in Tränen ausgebrochen. Plötzlich war der Krieg sehr nahe.

Aleppo hat einmal zweieinhalb Millionen Einwohner gehabt. An einer fensterlosen Hauswand in der Innenstadt war ein Porträt von Assad angebracht. Es war so gross wie das Haus.


Hafiz al Assad in jungen Jahren. (Quelle: Wikimedia)

Später, in meinem Hotelzimmer, sass ich auf einem smaradgrünen, schlichten Sofa. Grün, die Farbe des Propheten, die Farbe des Oasen, die Farbe des Lebens. Durch die halb geschlossenen Jalousien sah ich ein Meer von Satellitenschüsseln. Unten in der Stadt ein ständiges Gehupe. Nah und doch weit weg. Es war ein Hotelzimmer, wie man sie nur im Orient findet – luftig und licht und hoch über der Welt. Eine kleine Raststätte auf dem Weg zum Paradies.

Wir könnten die Stadt noch ein Stündchen selber erkunden, hatte unsere Reiseleiterin gesagt. Sollte ich? Ich tat hier nur meinen Job als Reisebegleiterin. Ich war versucht, einfach noch ein Stündchen auf dem Sofa des Propheten sitzen. Aber dann packte mich doch die Neugier.

Reise nach Syrien

Postkarte von der Zitadelle von Aleppo, aus dem Jahr 1998.

In Syrien könne jederzeit Krieg ausbrechen, las ich in der Zeitung. Ein Wasserstreit mit den Türken sei eskaliert. Ich war beunruhigt, denn das war einen Tag vor meinem Abflug nach Aleppo, im Herbst 1998. Die Türken hätten den Syrern den Euphrat abgegraben – den Fluss, der die Grossstadt Aleppo mit Wasser versorgte. Es könnte heute noch knallen. Danach nichts mehr am Radio – und Newsportale gab es noch keine. Um 16 Uhr rief ich ins Reisebüro an. Ich hoffte, mich drücken zu können.

Doch beim Reisebüro hiess es: „Alles halb so schlimm. Wir fliegen trotzdem.“ Alle anderen Mitreisenden seien informiert. Nur mich hatte man vergessen – ich war ja nur die Journalistin, die man auch noch mitnehmen musste. Die Reise nach Syrien war eine Leserreise des Magazins „B & B“, bei dem ich Redaktorin war. Und alle Redaktoren bei „B & B“ mussten ab und zu auf so eine Leserreise mit. Ich auch.

Ich hatte gar nicht nach Syrien gewollt. Ostpreussen wäre mir lieber gewesen. Kaliningrad. Aber nach Kaliningrad durfte nur der Chef. „Geh doch nach Syrien“, sagte unsere Sekretärin. „Das ist total exklusiv. Und es soll so schön sein!“

So stieg ich am nächsten Morgen ins Flugzeug nach Aleppo. Es war ein klarer Herbsttag, und ich hatte einen Fensterplatz. Nie werde ich den Ausblick vergessen – die grüne Schweiz mit ihren klaren Konturen. Österreich. Dann, donauabwärts, immer weitere, trockenere Felder. Schliesslich die Türkei, ihre Erdoberfläche hellbraun kariert, Staubstrassen verästelt wie Blattgerippe – zur Linken das Schwarze Meer. Dann die mächtigen, graubraunen Höhen, wo die Türkei auf Syrien trifft. Hier versickerten selbst gut sichtbare Flüsse lange vor dem Meer. Eine Mondlandschaft.

Dann kamen wir in Aleppo an.

Die Erinnerung an diese Reise verfolgt mich seit Tagen: Jedesmal von Neuem, wenn ich die Bilder von flüchtenden syrischen Familien in Osteuropa sehe. Ich muss jetzt von dieser Reise erzählen. Ich will nicht damit angeben, dass ich einmal dort gewesen bin. Nein. Ich will zeigen, dass viele dieser Menschen einmal in grossen, Städten gewohnt haben. Dass sie ein Zusammenleben hatten und eine Kultur – eine sehr alte sogar. Ich tue es für sie – oder hoffe jedenfalls, es für sie zu tun. Es ist das einzige, was ich tun kann. Im Moment.