SMS nach Paris

Es sollte ein ruhiger Tag werden. Ich war allein zu Hause. Gestern war ich im Kino gewesen und spät zu Bett gegangen. Ich war sogar zu faul, mir zum Kaffee die Zeitung zu holen. Der Staubsauger und die Gartenschere warteten auf mich. Ich schob die Arbeit noch ein bisschen vor mir her und schmökerte in einem Roman von Jane Austen. Dann das tägliche SMS von meiner Mutter – irgendetwas über Paris. „Was soll schon in Paris sein?“ dachte ich und begann, den Minzstrauch auf dem Balkon zu schneiden.

Ein zweites SMS, von einer Freundin, „erschüttert über das, was in Paris passiert ist“. Da startete ich den PC auf (ich kann mit dem Handy nicht mehr online). Gott, war die Kiste langsam! Dann endlich die Nachrichten aus Paris.

Mit einem Fuss stecke ich immer noch in jener Journalisten-Welt, in der der Verstand jede Neuigkeit mit einer Art seismischem Messgerät untersucht. Wird sie die Welt erschüttern? Ist sie wichtig? Und wenn ja: Wie wichtig? Das hier tendierte auf meiner News-Richterskala gegen 8. Das ist viel. Jedenfalls im Vergleich mit allem, was ich bisher erlebt habe. „Vielleicht brauchen wir ja alle bald ein neues Messgerät“, dachte ich.

Emotional blieb merkwürdig taub. Ich rumpelte mit dem Staubsauger durch die Wohnung. Bis mir einfiel: Mein Liebster, Herr T., war gestern in einer Bar in einer fernen Schweizer Stadt gewesen. Ich in einem Restaurant in einer anderen Schweizer Stadt. Würden wir zufällig in Paris leben, hätte es einen von uns erwischen können. Auf dem Weg ins Kino. In der Bar. Gut, in Kundus und Erbil, in Aleppo und Bagdad erwischt es seit langer Zeit Kinogänger und Barbesucher (wenn man dort überhaupt – noch – ins Kino geht). Auf unseren Seismografen registriert das – wenn überhaupt – bei 1 oder 2.

Dennoch: Als ich fertig gestaubsaugt hatte, rief ich Herrn T. an. Und dann smste ich der Prinzessin – einer Schulfreundin. Sie lebt seit vielen Jahren in Paris. Sie antwortete nach einer halben Stunde – „wohlauf aber sprachlos.“ Dann smste ich meiner Mama.

In solchen Stunden scharen wir unsere Lieben um uns. Wir zählen, ob sie alle da sind. Auch wenn die meisten von uns weit weg sind von Paris.

Wenn Funken sprühen

Normalerweise ist alles ganz einfach, wenn Dominik uns ein Stichwort für sein Projekt *txt gibt. Ich mache in meinem Kopf ein sandiges, dunkles Plätzchen frei. Dann setze ich Regisseurin Frogg davor auf einen Stuhl. Sie wartet. Irgendwann kommen die Ideenfünkchen, eins ums andere. Wir lassen sie Revue passieren, sich drehen und wenden – und plötzlich springt Regisseurin Frogg auf und ruft: „Das ist es!“ Dann machen wir aus dem Fünkchen ein Feuerwerk – oder versuchen es wenigstens.

Doch dann kam das fünfzehnte Stichwort. „‚Tanz'“, maulte Regisseurin Frogg. „So etwas Blödes!“ Und tagelang wagte sich nur ein einziges, müdes Fünkchen hervor: die Mauerblümchen-Episode. „Naja, dann werde ich mich eben wiederholen“, seufzte Regisseurin Frogg. Aber dann war ihr selbst das Sich-Wiederholen zu blöd.

Wir prügelten ein paar andere Fünkchen heraus. Die Erinnerung, wie das damals war in den Discos unserer Vorstädte. Wie wir die Haare im Licht der Leuchtkugeln flackern liessen. Wie die Jungs aus den Fabriken Luftgitarre spielten. Aber sorry, lästerte Regisseurin Frogg, das waren unsere kleinen Privat-Ekstasen – das ist doch keine Geschichte!

Da waren noch zwei, drei andere Fünkchen. Ich habe viel getanzt, schon als kleines Kind. Doch Regisseurin Frogg gähnte immer nur. „Das interessiert mich nicht“, sagte sie gereizt. „Diesmal passen wir.“

„Was ist denn los?“ bohrte ich nach. Da stand sie auf, schleuderte zornig ein paar Schreibwerkzeuge durch die Gegend und sagte: „Es ist die verdammte Schwerhörigkeit! Aber ich will nicht schon wieder über die verdammte Schwerhörigkeit labern!“

Da drehten wir uns um, denn plötzlich leuchtete eine richtige Flamme auf unserem Sandplätzchen. Es war die Erinnerung daran, wie ich zuletzt getanzt habe. Zu Hause, vor drei, vier Jahren – ich wusste schon, dass ich schwerhörig werden würde. Ich wusste schon, wie sich das anfühlt: Musik verliert ihren Geschmack, ihre klaren Linien, ihr Leuchten, mit dem sie uns mitten im Körper trifft. Damals konnte ich die Taubheit noch aufhalten. Ich tanzte gegen sie an – zu allem, was ich finden konnte – zu den Stones und Arcade Fire, zu 16 Horsepower, The Clash, Fleetwood Mac und dem Buena Vista Social Club. Ich tanzte wie eine Furie.

Diese Zeit kommt nicht wieder – aber deshalb muss mich niemand bemitleiden. Nie hat jemand getanzt wie ich damals. Schon die Erinnerung setzt mir fast die Kleider in Brand.

Bedrohte Traumwohnung

Frogg Hall im Sommer 2015. Wie lange wohnen wir wohl noch hier?

Eines Tages im Frühjahr 2001 stieg ich in einem dieser Häuser die Treppen hinauf. Ich stieg und stieg, bis ich nicht mehr weiter konnte. Unter dem Dach sah ich meine Traumwohnung: geräumig, hell; Fenster, die sich direkt zum Himmel öffneten. Zehn Minuten Fussweg bis zum Stadtzentrum. Preislich war sie an der oberen Grenze, aber ich sagte zu Herrn T.: „Ich muss sie haben!“ Wir bekamen die Wohnung, weil wir kein Auto hatten. Garagen waren Mangelware im Quartier.

Ich nannte unser Haus Frogg Hall und habe es immer geliebt. Nach Norden geht unser Blick weit über grüne Hügel, gewelltes Land bis zum Horizont. Auf der Südseite bricht im Frühjahr eine Bärlauch-Epidemie aus, dann bauen dort uralte Eichen und Linden ein grünes Gewölbe über uns. Wenn man sie braucht, findet man geheime Gärten für rauschende Sommerfeste.

Heute wohnen wir hier spottbillig. Die Immobilienpreise in unserer Gegend wachsen, wuchern, explodieren. Manchmal frage ich mich, wer sich diese Wohnungen für 2000, für 2500, für 2800 Franken überhaupt leisten kann.

Unser Haus ist 86 Jahre alt.

Heute sah meine Nachbarin Katharina unter den Eichen einen Mann mit Plänen in der Hand. Sie fragte ihn, was er hier mache. Da machte er eine weite Geste mit der Hand. „Das kommt alles weg hier!“ sagte er. „Das kommt alles weg.“

Mhmmm … Cupcakes!!!


Sooo appetitlich! Zugreifen oder nicht?

Du sollst keinen Zucker essen, sagen die Ärzte; Zucker macht übergewichtig und diabetisch

Du sollst kein Fett essen, sagen die Ärzte, denn Fett macht fett

Du sollst übrigens auch kein Fleisch essen, sagen die Tierschützer, denn Massentierhaltung ist entsetzlich

Du sollst das Leben geniessen, sagt Tante Dora, Du wirst sonst krank

Du sollst keine Milchprodukte, kein Weizenmehl und keine Südfrüchte essen, sagt der Heil-Guru, dann bekommst Du Deine Menière-Erkrankung in den Griff

Du sollst möglichst wenig Salz zu Dir nehmen, sagen die Ärzte, auch das hilft gegen Menière

Du sollst übrigens einmal pro Woche Fisch essen, wegen der Omega-3-Säuren, sagt der Experte

Du solltest das Leben geniessen, sagt Tante Dora, Du wirst sonst krank

Du sollst Heidelbeeren essen, sagt der Ernährungs-Experte, die sind gesund

Du sollst nur saisongerechtes Gemüse und saisongerechte Früchte essen, sagt der Bio-Freak, – Heidelbeer-Saison ist im August

Du sollst keinen Fisch essen, die Meere sind überfischt, sagt der Ökologe

Du solltest das Leben geniessen, sagt Tante Dora, Du wirst sonst krank

Du sollst genug Eiweiss zu Dir nehmen, sagt die Diät-Expertin. Kein Wunder, dass Du immer müde bist, wenn Du nur Gemüse und Reiswaffeln isst

Eiweiss hin oder her – so lange ich in diesem Haushalt etwas zu sagen habe, sollst Du sollst keins von diesen widerlichen Soja-Produkten kaufen, sagt Herr T

Du sollst nicht so viel über das Essen nachdenken, das ist doch dekadent.

Das hier ist mein Beitrag zum Projekt *txt. Danke für die Inspiration, Dominik! Das vierzehnte Wort lautet „Gewissen“. Quelle für das Bild oben: kinsalegourmetacademy.com)

Wie weiter mit Assad?

Den ersten Beitrag dieser Syrien-Erinnerungen schrieb ich spontan – vor meinem geistigen Auge stand das entsetzliche Bild jenes Lastwagens an der österreichischen Grenze, in dem kurz zuvor 71 Flüchtlinge jämmerlich erstickt waren. Als ich zu schreiben begann, war das Syrien meiner Erinnerung noch sehr westlich, das Arabische an den Städten nicht viel mehr als touristische Kulisse. Aber dann las ich meine Tagebücher von 1998 wieder. Und ich kam zur Einsicht: Es war dort eben doch sehr anders als bei uns.

Das ändert nichts an meiner Überzeugung, dass wir den Flüchtlingen helfen müssen. Aber es warf Fragen auf. Ich begann zu lesen wie verrückt. In diesen Büchern fand ich Antworten, die mich überzeugten. Auch, weil sie zu dem passten, was ich damals sah und notierte.

Dieses Buch ist hoch aktuell, leicht lesbar und beschreibt die Zustände von Afghanistan bis Tunesien. Autor Michael Lüders kommt mir als ehemaliger Nahost-Redaktor der „Zeit“ glaubwürdig vor. Seine Antworten auf meine Fragen plausibel:

Was war das in Syrien für eine Gesellschaft, bevor der Krieg begann?
Es gab in Syrien eine dünne, städtische Mittelschicht – zu dünn um eine Demokratie nach westlichem Muster aufzubauen. Stammesdenken spielte eine wichtige Rolle und wurde beim Überlebenskampf im Krieg noch wichtiger. Assad ist ein typisch arabischer Despot: Diese betrachten den Staat im Allgemeinen als Selbstbedienungsladen für sich und ihre Familien. Gibt es Widerstand, so antworten sie mit Gewalt. Assad senior und junior konnten sich als Vertreter der alawitischen Minderheit an der Macht halten, weil sie mit den sunnitischen Händlern in den Städten ein Bündnis eingingen. „Der Deal lautete: Ihr stellt nicht die Machtfrage, und wir stören euch nicht bei euren Geschäften“, so Lüders.

Warum brach der Krieg aus?
Im Januar und Februar 2011 gab es in einigen kleineren Städten spontane Proteste gegen die Korruption im Land. Die Polizei reagierte derart brutal, dass die Protestwelle aufs ganze Land übergriff. Eine Massenbewegung wie etwa in Kairo gab es aber nie, so Lüders. Weder die religiösen Minderheiten noch die sunnitische Geschäftswelt schloss sich dem Aufstand an. Und doch wurde die Revolte bald zum blutigen Krieg zwischen Alawiten und Sunniten. Sunnitisches „Rückgrat der Rebellion“ seien „Bauern und Landflüchtlinge gewesen, die als Folge von Dürre und Verelendung im Bandenwesen der Milizen eine Alternative sehen“ – und „einen Lebensunterhalt“, schreibt Lüders.

Ist der Westen mitschuldig?
Oh ja, sagt Lüders. Es ist eine seiner Hauptthesen, dass die Interventionen des Westens massgeblich zur Krise im Nahen Osten beigetragen hat. Der Westen habe Freiheit und Demokratie gepredigt und dabei immer knallhart seine eigenen Interessen durchgesetzt. Viele Muslime, auch gemässigte, hätten den Eindruck, der Westen führe einfach Krieg gegen den Islam.

Was soll jetzt passieren?
Inzwischen sei der Krieg in Syrien stark „metastasiert“, schreibt Lüders. Es gäbe geschätzte 1000 Banden, Milizen und Grüppchen – viele kämpften raubend und plündernd um ihr nacktes Überleben. Der Westen müsse aufhören, in dieses Chaos auch noch eigene Kämpfer zu schicken. Die Freie Syrische Armee, die ‚gemässigte“ Opposition, hält er für eine Phantasie des Westens. Kommt noch das Gerangel mit Russland dazu: Der Westen müsse akzeptieren, dass Putin hier auch ein Wörtchen mitzureden habe, sagt Lüders.

Wie weiter mit Assad?
Vor ein paar Wochen habe ich ja noch zur Ansicht geneigt, Assad sei ein Mörder und müsse weg. Aber die Lektüre des Buches hat meine Meinung geändert. Klar sei Assad brutal, schreibt Lüders. Dennoch greife die offizielle westliche Lesart zu kurz, nach der Assad die alleinige Verantwortung für die Zerstörung Syriens trage. Und, so Lüders: „Einem Grossteil der Bevölkerung ist die Pest von Assads Herrschaft immer noch lieber als die Cholera einer ungewissen Zukunft, die radikale Islamisten an die Macht spülen dürfte.“ Die würden dann das Morden einfach auf einer höheren Liga weiterführen.

Wer sich noch ein bisschen tiefer reinknien möchte, sollte das hier lesen:

Albert Hourani schrieb es vor 9/11 und auf sehr zurückhaltende Art – er war Oxford-Dozent der alten Schule. Doch er analyisiert punktgenau die Probleme der arabischen Welt – etwas die Krämpfe um die Frage, welche Rolle der Islam im Staat zu spielen habe. Ich las es schon 1998 – erst als ich es neulich wiederlas, verstand ich: Er hatte die Sprengkraft dieser Krämpfe glasklar vorhergesehen.

Dienstbarer Geist in Damaskus

Auf dem Soukh von Damaskus, 15. Oktober 1998

Das Bild bringt auf den Punkt, wie sich die Stadt Damaskus damals anfühlte: ein bisschen westlich. Oder sie versuchte wenigstens, es zu sein, für die Touristen – oft mit fast schon parodistischer Unbeholfenheit. Denn Damaskus war zuallerserst eine Stadt im Orient, viel mehr als Aleppo. Was man auf dem Bild nicht sieht: Es war eine riesige Stadt, „ein Drittweltmoloch“, schrieb ich ungnädig in mein Tagebuch; eine Stadt, die unter ihrem ungeheuren Alter zu ächzen schien.

Wir Touristen waren in einem Viersternhotel untergebracht – wir sollten im Dschungel der Grossstadt einen Rückzogsort mit westlichem Standard haben. Schon bald zeigte sich jedoch, dass dieser Plan nicht aufging. Bei der Ankunft begrüsste man uns mit einem Geschenk – einer lokaltypischen Dose mit Intarsienarbeiten (Bild unten). Massenware, dachte ich und legte sie auf ein Tischchen. Dann ging ich duschen.

Die Handtücher im Bad waren weiss – auf den ersten Blick. Bei näherem Hinsehen sah man sandbraune Krusten zwischen den Frotteemaschen. Man konnte die Tücher beinahe hinstellen, so steif waren sie. Sie kratzten beim Abtrocknen.

Wir blieben nur eine Nacht. Am nächsten Morgen trat ich mit gepacktem Koffer auf den Korridor und erblickte vis à vis die offene Tür einer Wäschekammer. Sie war voller unbeschreiblich schmutziger Wäsche. Und, weiss Gott, ich bin puncto Hygiene nicht pringelig. Aber selbst ich sah, dass auch dem Korridor eine reinigende Hand gutgetan hätte. Ich schluckte leer, schloss mein Zimmer ab und ging zum Lift. Auf dem Weg begegnete ich einem Mann mit knittriger Livree und geöltem Schnurrbart. Wie ein Gespenst irrlichterte er durch den Korridor. War er betrunken? „Er sieht jedenfalls nicht aus, als ob er demnächst zum Besen greifen würde“, dachte ich.

Kaum hatte ich den Liftknopf gedrückt, tippte mich jemand auf die Schulter. Es war der Mann mit dem geölten Schnurrbart. Mit einer schiefen Verbeugung überreichte er mir meine Intarsien-Dose. Ich hatte sie im Hotelzimmer vergessen. Mir wurde leicht übel. Diese merkwürdige Gestalt verfügte also über einen Schlüssel zu meinem Zimmer – er hätte mich jederzeit im Schlaf überraschen können. Er krächzte etwas auf Arabisch. Ich fragte nach, bis ich es verstanden hatte: „Bakschisch, bakschisch!“ Er wollte wahrscheinlich ein Trinkgeld.


Ungefähr so sah die Dose aus, die man uns im Hotel gab. Ich habe sie heute noch (Quelle: hanaweb.de).

Schweizer auf Reisen

Frau Schweizer sass im Reisecar und blickte auf die Schotterfelder am Rand eines syrischen Dorfes. Es war im Oktober 1998. Frau Schweizer sagte: „Dass die aber auch ihre Plastiksäcke einfach wegwerfen!“ In den Dornen am Strassenrand hingen viele zerrissene Plastiktüten. „Die sollten doch ein bisschen Umweltbewusstsein haben!“

Frau Frogg verdrehte die Augen, blickte auf ein ärmliches Haus am Strassenrand und sagte: „Ich kann mir schlecht vorstellen, dass man hier, mitten in der Wüste genügend Geld hat für ein paar Männer in orangen Gwändli*.“

„Ach, was, es gibt sehr viel Geld in diesem Land“, platzte plötzlich Herr Schweigsam vom hinteren Sitz heraus. Es war das erste Mal, dass er überhaupt etwas sagte. „Die haben hier so viel Erdöl und Phosphate! Aber es fliesst halt alles in die Taschen der Reichen.“

Frau Frogg sagte nichts mehr. Aber sie dachte: „Sollen sie doch Kuchen essen!“ Ihr erinnert Euch: Die französischen Königin Marie-Antoinette (1755 bis 1793) soll gesagt haben: „Sollen sie doch Kuchen essen, wenn sie kein Brot mehr haben.“ Man hatte ihr gesagt, ihre Untertanen seien so arm, dass sie sich kein Brot mehr kaufen könnten. Zwar stimmt die Geschichte offenbar gar nicht. Aber wenn es nicht wahr ist, ist es gut erfunden. Es zeigt, was passiert, wenn die einen keine Ahnung davon haben, wie die anderen leben. Marie-Antoinette bezahlte ihre Ahnungslosigkeit mit dem Leben, als bei den Franzosen der Hunger in Wut kippte und sie eine Revolution anzettelten.

Wir hatten alle keine Ahnung in unserem Bus. Ich auch nicht. Aber hinter den dicken Scheiben unseres Reisecars mutmassten wir munter drauflos.

Aber, nun, ich will mal nicht den Teufel an die Wand malen. Ich will nur sagen: Ahnungslosigkeit ist kein gutes Rezept.

* Gwändli: schweizerdeutsch für Überkleid, oft Arbeitskleidung.

Die Wüste von Syrien

Wüstenlandschaft im Westen Syriens

Wir verliessen Palmyra und fuhren nach Süden, mitten durch die Wüste. Ich war überwältigt von der Wüste, von ihrer unbarmherzigen Schönheit und Leere. Kein Wunder, dass die Menschen hier immer nach Gott gesucht und einen unfassbaren Einzigen gefunden haben, dachte ich.

Am Strassenrand sahen wir da und dort einfache Behausungen, weitab der Dörfer. Orientierung boten dort für unsere Augen nur die Strasse und der Schotter. Es gab Beduinenzelte und Schafe. Die biblischen Hirten auf dem Felde sind seither für mich nicht die alten Männer, die bei uns mit ihren Schafen durch weihnachtlich dekorierte Dörfer ziehen – sondern ganze Familien, die mitten im Geröll des Nahen Ostens ihr karges Auskommen suchen.

An einer grossen Kreuzung bogen wir nach links ab. „Das ist die Autobahn von Damskus nach Bagdad“, sagte unser Tourleiter. Nie habe ich so viel Fernweh gehabt wie an dieser Strassenkreuzung. Es war am 14. Oktober 1998.

Hier hielten wir bei einer Autobahnraststätte. Sie sah einem McDonalds nicht unähnlich, und wir erwarteten Kaffee und Eis am Stiel. Aber schon bei der Tür raubte uns dicker, feuchter Käsegeruch fast die Sinne. Ich meine: Ich bin als Kind oft in der Käserei meines Onkels gewesen und halte puncto Käsegeruch einiges aus. Aber das hier war eine ganz andere Liga.

Wir gingen an den niederen Tischen vorbei, an denen bärtige Beduinen sassen und angeregt parlierten. Verstohlen blickte ich auf ihre Teller, um die Quelle des Käsegeruchs zu finden. Dort lagen lange, geringelte Käseschnüre wie Spaghetti.

Sah so aus:


Quelle: www.seriouseats.com

Erst nach all den Jahren habe ich hier herausgefunden, was das war. Probiert haben wir’s damals nicht. Nur gerochen.

Freud’scher Verhörer

„Sie haben gestern Abend ihr ganzes Programm ungeplagt gespielt“, sagte Herr T. Er sprach von einer Band. „Ungeplagt?! Hä!?“ fragte ich. Aber Herr T. redete einfach weiter und irgendwann begriff ich: Er hatte nicht „ungeplagt“ sondern „unplugged“ gesagt.

Mir war wieder mal ein Mondegreen passiert. Mondegreens passieren Schwerhörigen oft: Man hört zu, es muss schnell gehen, man verhört sich. Ich habe auch schon über sie geschrieben – darüber, wie aus Bohnenallergikern Pollenallergiker werden und so. Oft sind sie einfach lustig. Aber manchmal geben sie wie Poesie etwas über den Seelenzustand eines Menschen preis.

So habe ich nach einem ungeplagten Konzert seit Jahren eine tiefe Sehnsucht. Ich meine: Ich gehe ja schon lange nicht mehr an Konzerte, denn Musik tut mir Menière-Patientin weh in den Ohren, ist immer zu leise oder zu laut oder beides gleichzeitig. Kurz: eine Plage.

Ich musste an Freud’sche Versprecher denken. Ihr wisst schon: Jene sprachlichen Fehlleistungen, bei denen wir unwillkürlich zum Besten geben, was wir wirklich denken oder uns wünschen. Ob es auch Freud’sche Verhörer gibt?

Ich habe auch noch ein paar neue Mondegreen-Müsterchen. „Trotz Sturm eingeweiht“, lautete die Schlagzeile zum riesigen Neubau auf dem Bild unten am 18. September am Schweizer Fernsehen:


(Bildquelle: handelszeitung.ch).

Ich hielt das Haus offenbar nicht für sehr wetterfest. Die Schlagzeile hiess in Wirklichkeit aber „Roche-Turm eingeweiht“.
Und am 16. September stellte ein Sprecher am Radio seinen Interviewpartner vor: „In Sachen Bankgeheimnis ist er vom Saurus zum Paulus geworden.“ Freud’sche Verhörer? Mutmasst selber!

Dies ist mein Beitrag zum Projekt *txt auf neonwilderness. Das dreizehnte Wort heisst „verstehen“.

Die Kinder von Palmyra

Palmyra, 14. Oktober 1998

Dieses Bild habe ich selber gemacht, was erstaunlich ist. Denn ich hing an jenem Tag ziemlich in den Seilen. Ich hatte eine so genannte Reisedarmgrippe – harmlos, aber ich hatte doch die halbe Nacht auf der Toilette verbracht. Es war eine gute, westliche Toilette in einem Viersternhotel – erschöpft war ich trotzdem.

Ich würde gerne sagen, ich sei von den 2000 Jahre alten Tempelanlagen in Palmyra hingerissen gewesen. Ich würde sie gerne wenigstens in meiner Erinnerung mächtig fortleben lassen – jetzt, wo der IS sie offenbar zerstört hat. Aber gestehe: Ich schleppte mich zwischen den korinthischen Säulen dahin und tat einfach nur mein Bestes.

Viele meiner Reisegefährten kämpften mit ähnlichen Problemen. Eine Frau aus dem Aargau war so dehydriert, dass sie in Palmyra ins Spital kam und dort ein paar Stunden am Tropf hing. Offenbar tat ihr das gut. Nachher war sie wieder in anständiger Verfassung.

Noch mehr als mein Magen machte mir das schlechte Gewissen zu schaffen. Beim Aussteigen auf dem Car-Parkplatz waren wir sofort von einem Schwarm schmutziger, bettelnder Kinder umringt worden. Ich muss es jetzt einmal sagen: In Syrien gab es damals für mich Westlerin schockierend arme Menschen.

Auf die bettelnden Kinder hatte man uns vorbereitet. Wir sollten ihnen Papier und Schreibzeug geben – Sachen, die sie in der Schule gebrauchen könnten. Sonst würden sich die Eltern daran gewöhnen, von der Bettelei ihrer Kinder zu leben. Dann würden sie sie nicht mehr zur Schule schicken. So verteilte ich Zeichenstifte und zweifelte an der Weisheit meines Tuns. Sind Zeichenstifte ein Trost, wenn man als Kind ohne Nachtessen ins Bett muss?

Erst Jahre später habe ich gelesen, was uns damals niemand erzählte: Palmyra war auch eine Stadt des Grauens. Es gab dort ein berüchtigtes Gefängnis, in dem Diktator Hafiz al-Assad 1980 zwischen 500 und 1000 Insassen hinrichten liess (Quelle hier). Die meisten waren Muslimbrüder (Hier ein sehr informativer Bericht über die syrischen Muslimbrüder und darüber, was sie mit dem IS verbindet). Im Gefängnis wurde auch gefoltert – anständige Gerichtsverfahren gabs keine. Geschlossen wurde es erst kurz bevor im Mai 2015 der IS kam. Der hat den Knast mittlerweile auch gesprengt.