Schweizerdeutsch 66: Wieder arbeiten

Vorewäg nää!

Standarddeutsch kurz für: «Du musst die Dinge einfach vornewegnehmen, das heisst: ruhig bleiben und eins ums andere erledigen.» Achtung: «Vorewäg nää!» heisst nicht «vorwegnehmen» im Sinne von «antizipieren». Sondern eher das Gegenteil.

Morgen muss ich wieder arbeiten. Die Dinge in meinem Ressort sind während meiner zweiwöchigen Absenz nicht zu meiner vollen Zufriedenheit erledigt worden. Das habe ich herausgefunden, als ich heute Morgen meine Geschäftsmails öffnete. Ich wollte antizipieren, was mir morgen so bevorsteht. Es hat nicht zu meiner Beruhigung beigetragen.

«Vorewäg nää», würde mein Vater jetzt sagen. «Vorewäg nää», das ist die besänftigend gemeinte Antwort unserer Elterngeneration, wenn wir über Stress klagten. Im Moment bereitet die Redensart mir Kopfzerbrechen, weil sie sich über die Methode dieses «Vorewägnää» so gänzlich ausschweigt.

Also gut: Nehmen wir an, sie kommt aus den ländlichen Kindheiten unserer Elterngeneration. Dann können wir immerhin festhalten, dass meine Arbeit der Ernte auf einer Leiter im Kirschbaum ähnlich ist. Ich steige gewissermassen auf die Leiter, verschaffe mit einen Überblick über die verschiedenfarbigen Punkte im Laub und pflücke dann der Reihe nach die reifen Früchte heraus. Das ist eine schöne Tätigkeit. Was grün oder gelb ist, kann warten. Was aber mache ich mit den überreifen, ja, faul gewordenen Kirschen, die dort gerade in beträchtlicher Zahl hängen? Kann ich die einfach ignorieren? KI meint: «Faule Kirschen am Baum müssen umgehend entfernt werden, um eine Ausbreitung der Monilia-Fruchtfäule zu verhindern.»

Ja, so ähnlich ist das auch in meinem Job. Ich werde mich um alles kümmern müssen, und zwar zeitnah. Aber wenn es so ist, würde die Redensart «vorewäg nää!» wohl einfach bedeuten, dass wir gelassen bleiben sollen, auch wenn wir ein paar lange Arbeitstage vor uns haben.

Bedeutsame Gespräche in der Kaffee-Ecke

Franz Kafka, Quelle: Wikipedia.

Die Freiheit des einzelnen werde nur gestört „durch das nicht notwendige menschliche Beisammensein, aus dem der grösste Teil unseres Lebens besteht.“ Dies schrieb Franz Kafka 1913 an seine Verlobte Felice Bauer. Das Zitat fällt mir immer ein, wenn ich an die Kaffee-Ecke in unserem Grossraumbüro denke. Zum Glück ist sie klein, es herrscht dort kein Kaffee-und-Gipfeli-Gruppenzwang wie in anderen Büros, sondern ein planloses Kommen und Gehen. Aber immer, wenn ich dort jemandem begegne, frage ich mich: Ist das jetzt nur ein notwendiges menschliches Beisammensein oder möglicherweise mehr? Mit anderen Worten: Ist es angezeigt, dass ich mit dieser Person ein paar Worte wechsle? Oder reicht es, wenn ich grüsse, meinen Espresso hinunterkippe und wieder gehe?

Als hochgradig Schwerhörige habe ich das menschliche Beisammensein im Büro auf das Allernötigste reduziert. Kafka wäre glücklich in meiner Haut. Oder vielleicht auch nicht – es ist ja schwer, sich Franz Kafka glücklich vorzustellen. Ich bin es nicht. Als ich noch gut hörte, war ich eine unermüdliche Plaudertasche und arbeitete auch in einem Team. Dann verlor ich mein Gehör und wurde eine Ein-Frau-Abteilung. Vor der Pandemie pflegte ich noch den Kontakt mit den Leuten im Büro nebenan, zum Beispiel mit Kaja. Nach der Pandemie wurde unsere Bürolandschaft umgepflügt, ich kam in eine neue Ecke, dann kam der Krebs und danach hatte ich für längere Zeit einfach nicht mehr den Mumm, von vorne anzufangen und die Neuen kennenzulernen.

Die Kaffee-Ecke wäre eine Chance, Bekanntschaften zu schliessen. Aber wenn die neue Bekanntschaft in spe beim Nuscheln die surrende Kaffeemaschine anschaut, habe ich schon verloren. Und doch konnte ich beim stummen Kaffeetrinken nicht aufhören, mir die Frage zu stellen: Verpasse ich gerade ein Beisammensein, das eigentlich notwendig wäre? Oder einen Moment der Verbindung oder gar Verbündung? Verkannte Kafka nicht die Tatsache, dass uns das scheinbar unnötige Zusammensein mit Menschen eben auch einen Boden verschafft, auf dem wir uns bewegen können? Ich begann, obsessiv über meine Begegnungen in der Kaffee-Ecke nachzudenken. Ich könnte aus meinen Studien eine ganze, neue Rubrik machen. Aber ich erzähle in nächster Zeit einfach mal das, was ich für bedeutsam, ja, gar für lustig halte.