Etwas Alpenherrlichkeit und ein paar Worte an meine Leserschaft

Weil viele von euch lieber Berge als Industrie haben, hier der Pilatus, von Westen her her gesehen am 21. Juli 2026. (Bild: Frau Frogg)

Meine Baselbieter Trilogie der letzten Woche wurde erstaunlich viel kommentiert. Richtig amüsant fand ich die Zuschriften einiger deutscher Leserinnen und Leser. Der Tenor: Warum um alles in der Welt geht man in einem Industriegebiet spazieren, wenn man in der Schweiz doch herrliche Alpenlandschaften haben könnte? Ich kann darauf nur antworten: Immer nur Berge, das kann auch einengen.

Eine Leserin aus der Pfalz schickte mir ein Bild des BASF-Geländes in Ludwigshafen im Abendrot. Es sieht grandios aus. Sie schrieb sarkastisch (ich spitze zu), dagegen sei so ein Industrieareälchen wie Schweizerhalle so viel Aufmerksamkeit doch gar nicht wert. Klar, das BASF-Areal in Ludwigshafen bedeckt eine Fläche von 10 km² (Quelle: basf.com). In der Schweiz posaunen wir potenziell beunruhigende Tatsachen nicht so laut heraus, daher ist für Schweizerhalle eine Grössenangabe schwer zu finden. Hier die Rede von 0,51 km², also ein Zwanzigstel von Ludwigshafen, aber die Zahl ist schwierig einzuordnen. Ich kann der Leserin daher nur entgegnen, was frau ja auch gerne zu gewissen Männern sagt: Grösse ist meist kein ausschlaggebendes Kriterium.

Potenziell beunruhigend ist an Schweizerhalle, dass wir es hier mit Chemie zu tun haben, also auch mit Gift. Aber wenn du an einem Samstagnachmittag so der Rheinstrasse in Muttenz entlangspazierst, dann denkst du, du bist am saubersten Ort der Welt. Man könnte hier – theoretisch – von der Strasse essen. Die Leute baden sogar im Fluss. Vielleicht gibt es hier seit der Katastrophe in Schweizerhalle 1986 wirklich bessere Kontrollen. Vielleicht lauern hinter diesen hellen Mauern auch neue Gefahren. Ich weiss es nicht. Wenn ich hier eins besser zu sehen gelernt habe, dann ist es die gewaltige Grösse meines Unwissens.

Einige haben geholfen, dieses Unwissen zu verkleinern. So schrieb der pedestrian, dass ich in Salina Raurica durchaus etwas zu Essen hätte kaufen können. Falls jemand mir doch diesen Rheinspaziergang nachtun möchte: Es gibt eine Spar-Filiale an der Längistrasse 14 (übersehen, denn mein Blick ging in die andere Richtung). Dazu zwei Tankstellenshops (verpasst, weil einen anderen Weg gewählt); und sogar eine Bäckerei (Gaugler, gut versteckt an der Netzibodenstrasse 23c).

Dies hier ist ein persönlicher Blog, daher erhebe ich keinen Anspruch auf absolute Wahrheit, profundeste Recherche und journalistisch gemachten Service. Aber ich bin immer offen für die kollektive Wahrheitssuche.

Und nächstes Mal bekommt ihr den Bericht vom Pilatusgebiet, versprochen!

Muttenz: Rock ’n‘ Roll für Reisende

Der Rangierbahnhof von Muttenz, im Hintergrund Basel (Bild: Frau Frogg)

Später dachte ich viel über meinen Spaziergang im Baselbiet nach. War das nun ein gelungener Ausflug gewesen? Hatte der Anflug von Panik in Schweizerhalle mich als heiter-distanzierte Flaneurin disqualifiziert? War das überhaupt wichtig? Und woher kamen die Glücksgefühle, die ich bei der Erinnerung an den Spaziergang trotz allem hatte?

Neben der Migros hatte ich mein Laugenbrötchen gegessen. Ich sass in einem Park, der aussah, als wäre es Oktober. Aber es war August und mehr als 25 Grad warm. Danach marschierte ich weiter. Ich ging Richtung Nordwesten und überquerte den Rangierbahnhof, diesmal auf einer Brücke.

Vor Jahren hatte ich eine Weile in Basel gearbeitet und war fast täglich mit dem Zug dieser riesigen Anlage entlanggefahren. Oft, vor allem im Morgen- und Abendlicht, bekam ich dann heftiges Fernweh. Ich dachte an die Städte des Nordens. Hier beginnt die Welt, dachte ich. Hier werden die Weichen gestellt, damit jemand in Kopenhagen sich Salben aus Basel ins Gesicht streichen, jemand in Antwerpen Schmerztabletten von Novartis schlucken kann, und damit wir Wein aus Frankreich auf den Tisch bekommen. Das stelle ich mir jedenfalls vor. Aber was weiss ich schon über die Dinge, die wir trinken und uns ins Gesicht streichen? Mit Eisenbahnfahren jedoch kenne ich mich aus. Eisenbahnfahren, das bedeutet Schotter, Russ und Fahrtwind. Und durchwachte Nächte. Eisenbahnen sind der Rock’n’Roll des Reisens.

Nördlich vom Bahnhof liegt der Hardwald, ein weiterer Park, mit Laubbäumen, vor allem Ahorn und Buchen. Auch er: ein Herbstwald. Vor mir schritt ein junges Paar im okkerfarbenen Laub, die beiden hielten sich an den Händen. Es war alles wie immer und nichts wie es sein soll. Vom Restaurant Waldhaus wirbelten wehmütig die Klänge eines Barpianos durchs Laub. Es war so traurig, dass ich beschloss, nach Hause zu fahren. Bei uns ist es grüner.

Und später dennoch diese Glücksgefühle: vom Draussensein; vom Abenteuer; vom Fahrtwind.

Park in Muttenz am 22. August 2026. Die Strasse, an der er liegt, heisst ironischerweise Heissgländstrasse. (Bild: Frau Frogg, 22. August 2026)

Schweizerhalle: Keine Menschenseele, nirgends

Wer meinen letzten Beitrag gelesen hat, erinnert sich: Am Samstag stand ich an der Rheinstrasse in Pratteln (Baselland) und brauchte ein Mittagessen. Schnell war klar: Das silberne Coop-Gebäude vor mir ist kein Einkaufszentrum. Und das Schoggihüsli an seiner West-Ecke ist zwar ein Laden. Aber ich hätte die Strasse überqueren müssen, um zu sehen, ob er auch Sandwiches hat. Die Strasse war breit, und doch war da kein Fussgängerstreifen, keine Ampel, nichts. Auch kein Verkehr und kein Mensch. Ich hätte hinüberschlendern können. Aber ich konnte mich nicht dazu durchringen.

Es wird schon noch eine Querstrasse nach Pratteln kommen, dachte ich. Ich konnte offensichtlich auch meine Karte nicht mehr richtig lesen. Hier gab es keine Querstrasse nach Pratteln mehr. Hier gab es nur noch Fabrikzufahrten, abgesperrt mit Draht- oder Eisen. Und Kameras. Unter normalen Umständen hätte ich die Industriebauten an der Strasse gebührend bewundert. Aber jetzt nicht. Jetzt wollte ich einfach weiter.

Beim nächsten Blick aufs App war ich in Schweizerhalle, in Muttenz. In jenem Industriegebiet, in dem am 1. November vor 40 Jahren ein Grossbrand eine Fabrikhalle der Chemiefirma Sandoz zerstörte, mitsamt den Fässern, die dort lagen. Muttenz und Basel hatten Sirenenalarm, und es stank. Giftiges Löschwasser floss in den Rhein und tötete die gesamte Aalpopulation bis hinunter nach Mannheim (hier gibt es einen informativen Dokumentarfilm). Da, wo ich war, ist die Erinnerung daran ausgelöscht. Kein Mahnmal, kein Gerüchlein, kein Stäubchen.

Ich kam zu der Stelle, wo ein Weg in einen leeren Park am Rhein hinunter führt. Auch hier dürres Gras und braunes Laub, überall. Nur weiter, dachte ich, dann eben ohne Mittagessen. Ich hatte sowieso keinen Hunger. Nur eine leise Stimme sagte: «Don’t skip any meals.» Ein Grundsatz des Meniére-Régimes, dem ich jahrelang nachgelebt habe: regelmässig essen.

Da stieg eine junge Frau aus dem Fluss wie einst Aphrodite. Sie nahm ihr Frottiertuch mit leichter Hand vom Rasen, als würde sie nicht hören, dass die Gräser vor Durst brüllten. Dann erklärte sie mir den Weg zur nächsten Migros. Ich folgte ihren Anweisungen, überquerte die Strasse nun ungehemmt, kam auf die Rothausstrasse und sah vor mir einen Tunnel gähnen, einen vierspurigen Schlund mit einem Oberkiefer aus Beton.

Verdammt! Ich muss hier das Gleisfeld unterqueren! Das Gleisfeld von Muttenz ist gigantisch. Darf ich als Fussgängerin überhaupt in diesen Tunnel hinein? Werde ich lebendig wieder aus ihm herauskommen? Egal. Ich ging hinein.

Später sagte mir das App, dass ich 34 Gleise und eine Autobahn überquert hatte. Beim Ausgang des Tunnels kam mir ein Mann entgegen. Freund oder Feind? Er sagte nur: «Gehen sie die Strasse ganz hinauf bis zum Kreisel, dort ist die Migros.» Und so war es.

Es war schon nach 13 Uhr, aber es gab noch Sandwiches. Ich hatte die Wahl zwischen Schwöbli mit Schinken oder Laugenbrötli mit Schinken (nur in Basel nennt man eine bestimmte Sorte Brötchen «Schwöbli»). Ich entschied mich für ein Laugenbrötchen, zahlte und suchte einen Platz zum Essen.

Baselbiet: Folgenreicher Sprung aus der S-Bahn

Wiese bei der S-Bahn-Haltestelle Salina Raurica (Kanton Baselland) am Samstag, 22. August 2026

Ich hatte vor, bis Kaiseraugst zu fahren. Dort wollte ich etwas zu essen kaufen, bevor ich auf meinen Spaziergang aufbrach. Mein ungefährer Plan: Vom Flusskraftwerk Augst rheinabwärts Richtung Basel. Doch an der letzten S-Bahn-Station vor Kaiseraugst, Salina Raurica, traf ich eine folgenreiche Entscheidung. Ich stieg spontan aus dem Zug. Ich wollte unbedingt das Bild oben machen.

Die Wiese lag da wie von bleichen Knochen übersät. Kein Quadratzentimeter Grün. Klar, ich hatte gewusst, dass das Baselbiet von der Dürre stark betroffen ist. Dennoch hatte ich das Thema nicht auf der Agenda gehabt. Ich war hergekommen aus Flanierlust, aus Industrieromantik, aus Nostalgie. Beim Flanieren ist Ziellosigkeit eine Tugend (ich habe hier darüber geschrieben). Wir lassen uns von unserer Neugier lenken, vom Zufall und vom Forscherdrang.

Doch der Sprung aus dem Zug in Salina Raurica sollte dazu führen, dass später nicht Neugier und der Zufall mich lenkten. Vielmehr bremste mich eine lähmende Unentschlossenheit. Denn in Salina Raurica gibt es keinen Laden, nicht einmal einen Kiosk.

Nun, einerlei. Irgendwo würde ich schon ein Mittagessen finden.

Auch von hier aus war es nicht weit zum Flusskraftwerk. Hier, glaubte ich, bin ich einmal nachts nach einem Cüpli-Anlass mit einem Schiff durch die Schleuse gefahren. Ich war ein Voralpenkind, trunken von der Nacht und ich kannte Schleusen nur vom Hörensagen. Es war magisch. Gestern sah ich dort endlich wieder mal Wasser in Hülle und Fülle (es wird dort ja auch gestaut).

Blick vom Wasserwerk Augst rheinaufwärts. Links das Gebäude des am selben Ort befindlichen Kraftwerks Wyhlen in Deutschland. (22. August 2026).

Bei der Messstelle Rheinfelden, nahe Kaiseraugst, fliessen im Jahresmittel 1029 Kubikmeter Wasser rheinabwärts. Gestern Morgen waren es zwischen 700 und 800 Kubikmeter. Das ist relativ wenig, aber es könnte schlimmer sein. In den letzten Tagen hat es weiter oben kräftig geregnet, die Pegelstände haben sich etwas normalisiert, (auch an der Reuss, die den Rhein speist).

Ich gehe kurz über die Brücke nach Deutschland, dann auf der Schweizer Seite flussabwärts, auf einem lieblichen, aber schmalen Wanderweg. Am Ufer stehen Fischerhäuschen, behängt mit viereckigen Netzen. Doch bald wird mir der Weg zu schmal. Auch brauche ich jetzt dann mal mein Mittagessen. Ich steige hinauf zum Ufersträsschen.

In der Ferne sehe ich bald eine Gebäude aufsteigen wie eine silbern schimmernde Zitadelle. Es trägt oben ein oranges Coop-Logo. Wahrscheinlich ein Produktionszentrum des Grossverteilers, aber, wer weiss, vielleicht gibt es dort ja auch ein Einkaufszentrum. Ich habe auf der Westseite des Gebäudes auf Google Maps auch ein Schoggihüsli verzeichnet gesehen, einen kleinen Laden. Mal schauen, ob sie dort auch Sandwiches für hungrige Flaneusen haben.