Lieblingsort: Perros-Guirec

Perros-Guirec ist Ausgangspunkt für den Ausflug an die Côte de granite rose, einen Ort, der zu Foto-Orgien verleitet. Aber selbst wenn es die ungewöhnlich geformten rosa – oder eher rostroten – Felsen und den Leuchtturm Men Ruz nicht gäbe, hätte ich Perros-Guirec sehr gemocht.

Ohne auch nur einen einzigen angeödeten Blick griff die Chefin des Hotels Hermitage zum Telefonhörer. Es war Donnerstagabend, wir waren eben angekommen, und sie wollte uns gleich ein Taxi für unsere Abreise am Sonntag reservieren. Denn am Sonntag fahren keine Busse in Perros-Guirec, und auch nur wenige Taxis. Sie wollte uns Stress ersparen. Nach dem zweiten Versuch sagte sie: „C’est compliqué.“ Dasselbe nochmals nach dem dritten, ohne Vorwurf an irgendwen. Beim vierten klappte es dann. Da wusste ich schon, dass ich gerne viel mehr als drei Nächte in diesem hellen, luftigen Hotel bei dieser wohlorganisierten Hotelière hätte.

Zum ersten Mal auf unserer Bretagne-Reise schien die Sonne kompromisslos. Wir zogen Sommerkleider an, durchquerten das Städtchen mit seinen Bars und neugotischen Hotels und gingen hinunter ans Meer. Dort ging ein bissiger Wind. Aber die Farben! Das Meer indigoblau, der Himmel türkis, der Sand beinahe orange (ich hoffe, ich klinge jetzt nicht wie Inspektor Dupin in einem Krimi von Jean-Luc Bannalec). Stundenlang wollte ich diese Farben studieren, wollte der Brandung zuschauen. Wir sassen im Strandrestaurant, beobachteten das Kommen und Gehen, tranken Weisswein, assen köstlich und schauten hinaus aufs Meer. Es war noch hell, als wir nach 22 Uhr zurück ins Hotel schlenderten.

 

 

Rennes: Wieder Französisch können

Am vierten Tag warten wir in Rennes auf den TGV für die Weiterreise. Er hat eine halbe Stunde Verspätung. Herr T. geht ein Sandwich kaufen, ich passe auf das Gepäck auf und lasse den Blick schweifen. Bis jetzt habe ich das mit der Verständigung meist Herrn T. überlassen. Oft verstehe ich gehörbedingt die Leute eh nicht, wenn sie eine Antwort auf eine Frage nuscheln. Aber jetzt lese ich auf einem Netflix-Werbeplakat den Titel „L’envers du sport“ und übersetze spontan: „Die Hölle des Sports“, in Erinnerung an ein Zitat aus einem Stück von Jean-Paul Sartre, … aber nein, das kann nicht sein, das Zitat heisst nicht „l’envers c’est les autres“, sondern „l’enfer, c’est les autres“, die Hölle sind die anderen.

Mensch! Dann: Wenn aber „l’enfer“ die Hölle heisst, muss „l’envers“ etwas anderes heissen. „Die Kehrseite“ vielleicht? Die Kehrseite des Sports, das klingt doch gut. Ich kann also noch Französisch, denke ich und plötzlich wird mir klar: Ich kann in diesem sprachlosen Zustand nicht weitermachen. Als wir die Chance haben, mündliche Auskunft über die bänglich erwartete Zugsabfahrt zu bekommen, gehe ich hin und frage den Mann mit der Uniform selbst. Und weil ich so stockend gesprochen habe, antwortete er auch sehr deutlich. Dann ist das Französisch plötzlich wieder da in meinem Hirn, wie angeknipst.

Und seit gestern weiss ich sogar: Die Plakate warben für eine neue Staffel der Netflix-Serie „Untold“. Ob sie auch einen deutschen Namen hat, weiss ich aber nicht.

Dinard: Entscheiden, was wichtig ist

Bei der Villa links im Bild handelt es sich sehr wahrscheinlich um eine Sommerresidenz von Pablo Picasso. Ich werde es wohl nie mit Sicherheit wissen. Wir setzten die Prioritäten anders.

Unser Bretagne-Reiseführer preist das Städtchen Dinard als „Spielwiese der Bohème“, auch Pablo Picasso kam 1922 und 1928 hierher. „Während sich Ehefrau Olga um den gemeinsamen Sohn kümmerte, vergnügte sich Picasso in Dinards Strandkabinen mit der 17 Jahre alten Marie Thérèse Walter.“* 1922 habe Picasso auch in der Villa Les Roches brunes residiert, die eine atemberaubende Aussicht habe und heute gelegentlich Ausstellungen.

Das lasen wir, bevor wir uns mit dem Boot von St. Malo nach Dinard übersetzen liessen. Hier hätte Frau Frogg gerne diese Picasso-Villa genau geortet, wäre überhaupt gerne durch das Städtchen Dinard flaniert, in dem laut Reiseführer 400 denkmalgeschützte Villen der Belle époque stehen. Aber Herrn T. stand der Sinn nach einem ausgedehnten Spaziergang entlang der Küste zurück nach St. Malo, mit Überquerung des Flusses Rance beim berühmten Gezeitenkraftwerk.

Mir hätten die Kräfte nicht für beides gereicht, und das Gezeitenkraftwerk interessierte auch mich. Ich beerdigte mein Projekt Dinard, zog mit Herrn T. durch lichte Wälder, dem Meer entlang. Meine Kräfte reichten dann gerade so bis zum Kraftwerk. Dort brodelte unter unseren Füssen die hereinkommende Flut durch die Turbinen wie ein vergessener Ehestreit.

Zum Attentat auf Donald Trump bitte bei piri nachlesen, ich unterschreibe jedes Wort.

*Manfred Görgens: „Bretagne“, DuMont Reise-Taschenbuch, 2., aktualisierte Auflage 2022, S. 68.

Mont-Saint-Michel: Pilgern

Wer den Mont St. Michel besucht, muss etwa zwei Kilometer vom Berg entfernt sein Fahrzeug abstellen. Von dort kann man im Shuttle-Bus bis vor die Mauern des Städtchens fahren. Es empfiehlt sich aber, zu Fuss hinüberzugehen. Wir nahmen an jenem Morgen das Strässchen mit einigen Dutzend anderen Touris unter die Füsse. Zuerst sieht man nur flaches Land, Motels und Restaurants. Aber nach wenigen hundert Metern gelangt man zu einer kleinen Besuchertribüne an einem Fluss. Von dort aus sieht man zum ersten Mal den Berg, der sich Ehrfurcht gebietend aus dem Marschland erhebt. Ein magischer Augenblick. Stille stellte sich ein, nur unterbrochen durch das Klicken von Kamera-Auslösern.

Auch auf dem Rest des Weges war es still. Einen Moment lang fühlte ich mich wie eine jener Pilgerinnen und Pilger, die das Kloster durch die Jahrhunderte in Scharen besucht haben müssen.

Dann gelangten wir zur Stadtmauer, und von da an war vor allem eins: Gedränge. Etwa 3 Millionen Menschen besuchen den Mont-Saint-Michel, also 8000 pro Tag. Eine Freundin beschied mir per Whatsapp: „Mont-Saint-Michel ist eine Top-Sehenswürdigkeit. Das muss man schon gesehen haben.“ Aber ich fragte mich zum ersten Mal auf dieser Reise: Muss ich das wirklich? Was mache ich eigentlich hier? Ergibt das irgendeinen Sinn?

St. Malo: Flut und Ebbe

 

Der Weg hinüber nach Grand Bé bei Ebbe.

Einen Tag lang will ich dem heissen Sirren in meinem Kopf gehorchen, in St. Malo verweilen und so gut wie nichts tun. Ich werfe einen Blick in den Gezeitenkalender. „Ebbe ist um 10.45 Uhr“, sagte ich zu Herrn T. „Das reicht für einen Spaziergang nach Grand Bé.“ Grand Bé und Petit Bé sind zwei Inselchen gleich hinter den Toren der Stadt. Bei Ebbe gelangt man auf einem Strässchen nach Grand Bé. Wenn das Wasser steigt, wird der Weg überschwemmt. Rechtzeitige Rückkehr ans Festland empfiehlt sich.

Gesagt, getan. Grand Bé ist klein und rau, im Juni blüht es dort in allen Farben. Wir verweilen aber nicht lange. Dass das Wasser schon wieder steigt, macht sogar Herrn T. nervös.

Später flanieren wir auf der Stadtmauer. Von dort aus hat man Ausblick auf das Strässchen nach Grand Bé, und so werden wir bald Zeugen eines heiteren Spektakels. An dem Gehweg züngelt nun „la marée“ hoch, die Flut. Bald deckt ein Fussbreit Wasser die höchste Stelle der Verbindung. Die letzten Rückkehrer ziehen die Schuhe aus und waten durch das Wasser, ein Paar trägt einen Kinderwagen ans Festland. Überall stehen Leute auf der Stadtbefestigung und schauen zu.

St. Malo: Ankommen

Neun Stunden Zug fahren, die Reisetaschen ins Hotel stellen, zehn Minuten einer schnurgeraden Strasse entlanggehen – und dann stehen wir vor den Mauern der Stadt St. Malo. Mir klappt es den Mund auf vor Staunen. Ich habe mir ein Fischerdorf vorgestellt, goldener Sand, heitere, rotweisse Sonnenschirmchen. Oder vielleicht windschiefe Korsarenhütten. Nicht diese aristokratische Strenge. Rundum Schiffe, weiter hinten das Meer, oh, das Meer! Die Felsen, der Sand, okker-grau. Der Wind, der uns in die Kleider fährt.

Alles so neu, so aufregend, ich will alles sehen, alles erforschen, gleich jetzt. Aber da ist dieses heisse Sirren in meinem Kopf, mehr als Tinnitus, mehr als Müdigkeit, eine Warnung.

Hinter den Stadtmauern die Restaurants, wir lesen Speisekarten, sieben Jahre Französisch-Unterricht und ich verstehe mehrheitlich Bahnhof, Herr T. lotst mich ins Châteaubriand, ein Bistro mit erschwinglichen Preisen in einem kleinen Palast und bestellte weltmännisch moûles frîtes. „Seltsam, dass es die jetzt schon gibt, man sollte sie nur in Monaten mit einem ‚r‘ essen“, sagt er, aber da spachteln wir schon herzhaft, die frites sind dünn und knusprig, die moules noch klein, und dazu ein Glas Weisswein.

 

Finistère

Finistère, das heisst Ende der Erde, Ende des Bodens, Neudeutsch: Ende Gelände. Hier blickt man von den Klippen aus auf den Atlantik Richtung Westen und denkt: nächster Halt Amerika! Oder so stelle ich mir das jedenfalls vor.

Es kommt mir vor, als hätten wir vorgestern erst Silvester gefeiert und meinen Vater in den Talgrund bugsiert, das war im Januar – und jetzt ist schon wieder ein halbes Jahr um und wir haben Ferien und fahren weg.

Herr T. wollte ja dieses Jahr partout nicht nach Grossbritannien, aber irgendwie kamen wir dann auf Klein-Britannien, die Bretagne.

Dort gibt es Orte mit gälisch klingenden Namen, zum Beispiel Aber Wrac’h. Und tatsächlich heisst „Aber“ dort ungefähr das gleiche wie in Wales, nämlich „Mündung“. Es könnte mir dort gefallen.

Somit ist hier für die nächsten paar Wochen wohl Ende Gelände. Ich winke zum Abschied.