Bevor ich ein neues Innenohr, ein Cochlea-Implantat bekomme, muss ich nochmals einen Hörtest machen. Der drölfzehnte, denke ich, oder vielleicht der drölfzwanzigste oder sogar -dreissigste in meinem Leben. Es ist wieder ein grosser Test. Alles ist mir vertraut: der schallisolierte Raum und der Lautsprecher an der Wand gegenüber. Und dass sich die Hörakustikerin oft das rechte Ohr zuhält, wenn die Töne aus dem Lautsprecher so laut sind, dass ich sie ohne Hörgeräte gerade noch höre. Die Frau ist eine fröhliche Person, wir lachen viel. Warum auch Trübsinn aufkommen lassen? Wenn ich das kommende Prozedere überstanden habe, höre ich vielleicht besser. Das ist doch ein Grund zur Heiterkeit!
Zum Hörtest gehört viel Gepiepse und dann diese Männerstimme, die zuerst Zahlen aufsagt. «DREIUNDZWANZIG – SIEBENUNDSIEBZIG – FÜNFZEHN – VIER – EINUNDFÜNFZIG» und so weiter. Danach kommen Wörter, meist mit einer Silbe: «GRAU – ZORN – SPOTT – HAUT – FAHRT.» Hier erklärt jemand von einer bekannten Hörgeräte-Firma, wie es genau geht.
Ich lausche und spreche nach, was ich verstehe. Gleichzeitig frage ich mich, warum die Zahlen so viel einfacher zu verstehen sind als die Wörter. Obwohl sie doch meist mehr Silben haben und bei mir oft mitten in der Zahl mehrere Laute im Tinnitus ersaufen.
Es muss daran liegen, dass es bei Zahlen die Möglichkeiten sehr viel begrenzter sind als bei Vokabeln. Es kommen ja meist nur solche unter hundert, also gibt es genau 99 Möglichkeiten, und man kann sicher sein, dass das Gehörte auf eine existierende Zahl verweist. Würde der Sprecher plötzlich «DRÖLFZEHN» sagen, würde man seinen Ohren nicht trauen.
Wie viele einsilbige andere Vokabeln es gibt … puh, das ist kompliziert. Die deutsche Sprache hat laut Google-KI etwa 40 Phoneme, davon 20 Vokale und 20 Konsonanten. Nehmen wir der Einfachheit halber mal an, dass ein einsilbiges Wort maximal fünf Laute hat, dabei einen Vokal oder Diphtong. Dann kommen wir bei maximal fünf Phonemen pro Einsilber theoretisch auf 3’200’000 Möglichkeiten. Es sind natürlich weniger, weil zum Beispiel ein Wort wie «FERG» nichts bedeutet. Oder weil man gewisse Konsonanten nicht kombinieren kann, zum Beispiel «FB» oder «GB» oder «NG» am Wortanfang.
Ich spitzte die Ohren und musste an einen Kollegen denken, einen Musiker, dessen unfehlbares Gehör mit den Jahren nachliess. Er konnte in manchen Musikstücken Intervalle nicht mehr hören und pflegte zu sagen: «Das ist nicht so schlimm. Ich spüre die Spannung zwischen den Tönen. Ich weiss, ob da eine Terz oder eine Quarte ist.»


