Schwerhörig: Das Universum im Ohr

2026 werde ich wahrscheinlich ein Cochlea-Implantat bekommen, ein elektronisches Innenohr. Ich habe einen Operationstermin am 26. April. Eine Ärztin hat mir bereits die Funktionsweise eines gesunden Innenohrs erläutert: In der Hörschnecke wachsen Härchen, die beim gesunden Ohr auf Schallwellen reagieren und Impulse an den Hörnerv weiterleiten. „Die Hörschnecke ist gebaut wie ein spiralförmiges Klavier. Oben sind die Härchen für die hohen Töne, unten diejenigen für die tiefen. Bei Innenohrschwerhörigkeit sind diese Härchen kaputt. Das Cochlea-Implantat ersetzt sie durch Elektroden.“

Dann kam der Chirurg erklärte mir, wie er operieren wird: „Wir werden den Knochen hinter Ihrem Ohr aufsägen und zwischen Gesichts- und Geschmacksnerv einen Zugang zum Mittelohr und von dort zur Hörschnecke legen“, sagt er. Ich nickte und sagte: „Das klingt brachial.“

Er: „Oh, nein, jedes Mal, wenn so ein Innenohr offen vor mir liegt, ist es, als würde sich ein kleines Universum vor mir auftun. Es ist wunderschön.“

Das Innenohr (Quelle: Universitätsspital Zürich).

Schwerhörig: Was würden Sie denn gern wieder hören?

Gerade lese ich den Roman «Flimmern im Ohr» von Barbara Schibli. Die Protagonistin, Priska, ist hochgradig schwerhörig und hat sich eine Innenohrprothese, ein so genanntes Cochlea-Implantant (CI) machen lassen. Sie will wieder Musik hören. Besonders Punk, denn die Mittvierzigerin will das Lebensgefühl ihrer jungen Jahre zurück. Aber nach den ersten Versuchen ist sie enttäuscht, und so versucht die Therapeutin, Priskas Blickfeld zu erweitern. «Was würden Sie denn gerne wieder hören können? Das muss nicht zwingend Musik sein», sagt sie. Es ist, als würde sie mich fragen. Ich bin auch hochgradig schwerhörig und werde bald ein CI bekommen.

Was für eine anstrengende Frage, denke ich. Ich meine, klar: Am liebsten würde ich zehn Meter von mir entfernt in einem Raum mit Parkettboden eine Stecknadel zu Boden fallen hören und hätte dann wieder dieses göttliche Raumgefühl, das man hat, wenn man so etwas hört. Und ich möchte natürlich den Parkett knarzen hören und zwar scharf und präzis. Ich möchte, dass Kammermusik nicht mehr wie Katzenmusik klingt, und ich möchte nach dem Kammermusik-Konzert mit jemandem plaudern und das Knarzen des Parketts und die Stimme meines Gegenübers auseinanderhalten können. Und vor allem möchte ich nach einem solchen Anlass nicht immer todmüde sein. Ich möchte in eine Bäckerei gehen und ein Brötchen kaufen können, ohne mich schon vor der Tür zu ängstigen, weil ja jedesmal etwas schiefgeht bei einem Verkaufsgespräch in der Bäckerei. Aber das sind vermessene Träume, das weiss ich.

Man hat mir früh zu verstehen gegeben, dass ich mir beim CI nicht allzu kühne Hoffnungen machen soll. Das CI macht aus einer fast gehörlosen Person eine schwerhörige Person, hat man mir gesagt. Musik? Schwierig. Und vielleicht würde die schiere Grossartigkeit von Musik mich sowieso komplett überwältigen. Ich glaube, es würde mir schon reichen, wenn nach einem Tag mit Brötchenkaufen und Gesprächen und Katzenmusik nicht immer so erschöpft wäre.

Schwerhörig in der Röhre

Gestern musste ich ein Computertomogramm machen, als Vorbereitung für das Cochlea-Implantat, das ich wohl so im Herbst bekommen werde. Bevor ich in die Röhre stieg, bereitete eine junge Frau mich vor: „Jetzt legen Sie alles ab, was Sie am Kopf haben. Dann müssen Sie sich hinlegen, ganz ruhig liegen und die Augen schliessen. Ich werde ihren Kopf fixieren. Sie dürfen während der Aufnahme auch nicht schlucken“, sagte sie.

Ich: „Muss ich auch die Hörgeräte herausnehmen?“ „Ja, auch die Hörgeräte.“

Ich: „Dann höre ich aber gar nichts mehr!“ Ich überlege einen Moment, dann bitte ich sie: „Könnten Sie mich zweimal mit dem Finger hier anstupsen, wenn ich nicht mehr schlucken darf?“ Ich zeige auf die äusserste Spitze meines rechten Beckenknochens. Sie: „Ok, das machen wir so. Wenn ich Sie anstupse, schlucken Sie zweimal, dann geht’s los.“

Ich lege also Hörgeräte und Brille weg, mich selbst auf den Schragen und mache die Augen zu. Sie fixiert ein Band an meinem Kopf, dann stupst sie mit dem Knie zweimal den Schemel, über den man auf die Liege steigt. Das merke ich, weil es die Liege schüttelt. Ist das jetzt das verabredete Zeichen? Das kann schon sein, denn eins habe ich gelernt: Wir Schlappohren können uns nie drauf verlassen, dass die Leute auch genau das tun werden, worum wir sie gebeten haben. Ich schlucke zur Sicherheit schon mal zweimal und halte mich still. Dann dauert es eine Weile, und ich möchte schlucken. Verdammt, ich möchte schlucken!

Da legt sie mir zweimal hintereinander eine Handbreit über dem Knie sanft zwei Finger aufs Bein. Ok, das ist das verabredete Zeichen. Nicht genau an der richtigen Stelle, aber es ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt für Pedanterie. Ich schlucke zweimal wie eine Weltmeisterin, dann liege ich fünf Minuten in dem Summkonzert, das meine Welt ist, wenn ich die Augen schliesse. Ich denke nicht mal dran, dass ich vielleicht Lust haben könnte zu schlucken. Und dann ist schon alles vorbei.

Rollende Steine

Ich sitze im Swisscom-Laden und warte auf mein neues Handy. Hier reden viele Leute durcheinander, und es klingt wie einem Aquarium. Und die Stimmen: wie rollende Steine. Rollende Steine in einem Aquarium. Bescheuerte Metapher. Ich sitze da und suche nach Wörtern, um auszudrücken, wie sich das anhört, diese Schwerhörigkeit. Später im Bahnhof: Da hat rückt jemand aber ein grosses Möbelstück herum! Ach, nein, das ist eine Lautsprecherdurchsage. Wohlgemerkt, ich trage topmoderne, leistungsstarke Hörgeräte, die mich vor zwei Jahren noch total glücklich gemacht haben.

Ihr müsst mich nicht trösten und mir keine guten Ratschläge geben. Man kann mit einer hochgradigen Schwerhörigkeit leben. Sie ist einfach ein verdammtes Ärgernis. Sie ist für mich alltäglich geworden, wenn auch nicht normal. Normal wird das nie sein. Ich habe Schwankungen, manchmal geht es so gut wie vor zwei Jahren. Aber jede Kleinigkeit lässt meine Ohren schwächeln – so eine Pandemie zum Beispiel, oder ein Hochwasser oder auch nur eine Ferienreise.

Letzten Oktober habe ich eine Abklärung für ein Cochlea-Implantat gemacht. 40 Minuten Hörtests, oft ohne Hörgeräte. Die Audiologin sagte: „Ist anstrengend, oder?“ Ich nickte: „Ja, weil es so leise ist.“ Sie: „Ja, und für mich ist es anstrengend, weil es so laut ist.“ Und das war an einem verflixt guten Tag.

Später sagte die Ärztin: „Nun jaaaa, Sie sind ein Grenzfall. Ich weiss nicht, wie viel wir wirklich herausholen können bei Ihrem Gehörverlust. Sie hören fast noch zu gut. Unterschätzen Sie nicht, dass es doch ein recht aufwändiger Eingriff ist und das alles viel Zeit braucht. Warten Sie besser noch eine Weile ab.“

Im Moment bin ich nicht sicher, ob diese Weile jetzt vorbei ist.