Kürzlich diskutierte ich mit einem Bekannten über unsere Väter – meiner ist vor 20 Tagen verstorben. Der Bekannte sagte: «Ich würde gerne noch einmal mit meinem Vater sprechen. Ich möchte ihm sagen, dass ich meine Meinung geändert habe. Dass er in vielen Dingen recht hatte.» Es ging ihm um Politik, um die Weltlage. Mein Bekannter war in jungen Jahren ein Rebell, autoritätskritisch, armeekritisch, AKW-kritisch. Er hat sich seinen Platz im Leben erkämpft. Aber jetzt haben die Zeiten sich geändert. Wir müssen unsere Überzeugungen von damals neu beurteilen.
Politisch betrachtet habe ich mit meinem Vater keine offenen Rechnungen. Wir respektierten einander – auch wenn wir beide wussten, dass unsere Meinungen in gewissen Belangen auseinandergingen. Wie die Weltlage in seiner letzten Zeit war, hat er gnädigerweise nicht mehr so richtig mitbekommen. Aber ich denke manchmal darüber nach, dass ich vielleicht in emotionalen Fragen zu engstirnig gewesen bin mit ihm. Dass ich mir vom täglichen Kleinklein den Blick auf Wesentliches habe verstellen lassen.
Als ich an seinem Grab stand, hatte ich jedenfalls ein überwältigendes Gefühl von Liebe und Dankbarkeit. Ihm gegenüber, aber auch der Welt gegenüber, in der er uns hat aufwachsen lassen, den vielen freundlichen Nachbarn und Kollegen gegenüber, der Familie, den Nichten, den Cousinen gegenüber, die von nah und fern gekommen waren. Das Gefühl war so mächtig, dass ich mich beinahe davon überzeugen konnte, dass es bis ins Jenseits zu ihm hinüberreichte. Und doch: Als auf dem Nachhauseweg danach der Bus bei der Station Talgrund hielt, wäre ich gerne ausgestiegen, um ihm von all dem zu erzählen.
Blick in die Berge: Die viereckige Firnfläche oben auf dem Berg in der Bildmitte heisst Vrenelisgärtli. (Quelle: Wikipedia).
Als ich meinen Vater (86) vor drei Wochen im Talgrund besuchte, merkte ich, dass er eine belegte Stimme hatte. Ich war alarmiert, wenn auch nicht übermässig. Ich meine: Er hatte seit 2023 mehrere Lungenentzündungen durchgemacht und sich immer wieder erholt. «Ich will neunzig werden», sagte er, als er sich im Talgrund eingelebt hatte.
Es ging ihm schnell schlechter. Als ich ihn Montag besuchte, lag er schwer atmend im Bett und sprach undeutlich. Ich fragte, ob ich ihm überhaupt noch vorlesen solle wie üblich. Er nickte: «Ja, machen wir das Buch fertig», sagte er.
Ich las aus «Quatemberkinder» von Tim Krohn. Der Roman erzählt, wie der Melk und das Vreneli tief im Glarnerland einander lieben und doch nicht zusammenkommen können. Ich war auf Seite 154. Unwahrscheinlich, dass ich es diesmal bis zum Schluss schaffen würde. Der Roman hat 210 Seiten. Ich muss erwähnen, dass die Geschichte beim Vorlesen Längen hat. Doch die zahlreichen Schweizerdeutschen Einsprengsel hatten meinen Vater und mich immer wieder zum Lächeln gebracht.
Auch auf Seite 154 hat Melk mal wieder vergessen, dass er eigentlich zum Vreneli gehört. Als er endlich ins Tal zu ihr zurückkehren will, sind drei Jahre verflossen wie eine einzige Nacht. Das Vreneli ist verschwunden.
Mein Vater lag da und horchte mit geschlossenen Augen.
Auf Seite 165 erfährt der Melk, was mit dem Vreneli passiert ist: Sie hat während seiner Abwesenheit ein Kind geboren, Melks Kind. Aber das kleine Geschöpf schläft eines Tages einfach ein «und vertwachte nicht mehr». An dieser Stelle musste ich mich zusammennehmen, damit mein Vater nicht merkte, wie brüchig meine Stimme war.
Das Vreneli beginnt nun wie von Sinnen, hoch am Glärnisch im Schneefeld ein Gärtli anzulegen, das Vrenelisgärtli eben, und verschwindet eines Tages in einem Sturm. Wie ich nun vorlas, dass der Melk das Vreneli zunächst verzweifelt sucht und immer wieder von ihm träumt, kämpfte ich heftig mit meiner ungehorsamen Stimme. Ich kam noch bis Seite 168, ans Ende des Kapitels, dann schloss ich das Buch und verabschiedete mich. Draussen kamen mir die Tränen.
Unser Osternest, zwei der farbigen Hühnereier haben wir bereits weggetütscht.
Am Eiertütsche können zwei oder mehr Personen teilnehmen. Jede wählt ein österlich bemaltes, zehn Minuten gekochtes Hühnerei. Nun erfolgt ein Wettkampf, bei dem jeweils zwei Personen mit ihren Eiern gegeneinander antreten. Ziel ist es, die Schale des Gegner-Eis zu beschädigen. Dies geschieht nach strikten Regeln. Zuerst müssen die Gegner ausmachen, wer sein Ei von oben auf dasjenige des anderen hauen darf. Dabei gilt: „Spitz gäge Spitz“ oder „Gupf gäge Gupf“ – man schlägt also stets entweder die Spitzen der beiden Eier aufeinander – oder die unteren, mehr gerundeten Teile. Nach dem Erstschlag, bei dem meist eines der Eier beschädigt wird, dreht man die Eier um und schreitet zum Zweitschlag. Wenn danach beide Eier beschädigt sind, gibt es einen Drittschlag, Spitz gegen Gupf. Gesiegt hat, wer weniger Schäden am Ei hat. Danach isst man die Eier mit Aromat oder Salz.
Und an Euch alle noch der momentan am häufigsten gehörte Gruss: „schöni Oschtere!“
Vor zwei Jahren schenkte ich mit meinem Gottenbuben Tim zum 16. Geburtstag einen Ausflug an den Lungerersee. Das ist jetzt für Teenager keine ganz so megageile Destination. Aber da war er schon zu einem sympathischen Teenager geworden, tiptop gestylt, mit dem sich auch leidlich plaudern liess. Ich war sehr angetan von ihm und fragte beiläufig: „Sag mal, es dauert ja jetzt nicht mehr so lange, da wirst Du 18. Was wünschst Du Dir denn dann?“ Er sagte: „Ich möchte mit Dir nach London.“
Gotte Frogg strahlte. Ich meine, mein Gottenbub will mit mir nach London! Gibt es etwas Besseres? Und das Beste ist: Wahrscheinlich klappt es. Das Glück hat uns eine gemeinsame Ferienwoche in die Agenda gezaubert.
Vor zwei Wochen hatten wir eine erste Planungssitzung. Wir werden zu viert sein. Herr T. und Tims grosse Schwester Julia kommen mit. Meine ersten Gedanken galten meiner Aufgabe, es allen recht zu machen. Und ich wusste nicht so recht, woher Tims Wunsch kam, mit mir nach London zu reisen. Etwa von seiner Mama Veronika, mit der ich vor 15 Jahren eine Reise dorthin gemacht habe (hier eine Geschichte, die ich mit nach Hause brachte)? Damals begleiteten uns unausgesprochene Diskussionspunkte über unsere Freundschaft und unsere Art zu reisen. Vielleicht erwartet sie heute, dass ich ihrem Sohn etwas für’s Leben mitgebe.
Mich treibt die Frage um, was die Jungmannschaft begeistern könnte. Die Wünsche sprudelten: „The London Eye! Madame Tussaud’s!“ Stadtgeograf T. guckte gelangweilt und machte seine eigenen Pläne geltend. Ich sprach: „Ok. Dann machen wir einen Tim-Tag, einen Herrn T.-Tag und einen Frau Frogg-Tag.“ Julia erwähnte eigene Pläne, aber es sieht so aus, als wäre sie dann auch viel bei uns. Wäre schön. Wir schmiedeten Sightseeing-Pläne kreuz und quer durch die Stadt.
Doch etwas an dieser Ausgangslage liess mich merkwürdig leer. Junge Leute erwarten heute, von Sensation zu Sensation geführt zu werden, keine Frage. Ich werde dafür bezahlen, auch keine Frage. Aber bin ich denn nur die Zahlgotte? Mir fehlte … das Herz dieser Stadt, in die ich in jungen Jahren wieder und wieder gereist bin, die mich gebildet hat wie keine zweite, nicht einmal meine eigene. Diese Stadt, die ein Jahrzehnt lang das Zentrum meiner Welt war. Was kann man von diesem Wissen, dieser Stadt, diesem Glück weitergeben?
Wo liegt das Herz von London? Und heute Morgen fiel es mir ein: Das Herz von London liegt vor dem Bahnhof von Charing Cross. „Dorthin müssen wir zuerst gehen, damit wir uns überhaupt orientieren können“, sagte ich zu Herrn T. Er lächelte, etwas geringschätzig, wie mir schien. „Wie willst Du jungen Leuten erklären, was an einem Bahnhof so interessant sein soll?“ sagte er.
Ich sah ihn an, rang nach Worten, in meinem Kopf drängelten sich die Gedanken plötzlich wie die Menschen am besagten Bahnhof zur Rush Hour. „Ich muss es den beiden halt erzählen“, sagte ich. Aber wie? Ich werde es herausfinden müssen. Zu diesem Zweck werde ich jetzt in meinen nächsten Blog-Beiträgen die umherwimmelnden Gedanken auseinandernehmen, jeden auf seinen Weg schicken und mir überlegen, ob und wie er bei Tim und Julia ankommen könnte.
Das Wasseramt heisst so, weil es durchzogen ist von idyllischen Flüsschen wie diesem. Was man auf dem Bild nicht sieht: den Autoparkplatz gleich zur Linken.
Ich bin nicht ganz sicher, weshalb ich im Titel dieses kleinen Essays unbedingt das Wort „Wasseramt“ stehen haben will (hier steht alles zur Geografie der Region). Es geht in diesem Text nur teilweise um Wasser. Es geht vor allem um Benzin und um die Zeit. Vielleicht muss es so sein, weil mir der Besuch hier beinahe die Tränen in die Augen getrieben hätte.
Denn am hier abgebildeten Bächlein im Dorf Recherswil, genau links vom linken Bildrand, stand einst das Haus meines Urgrossvaters. Ich habe die Stelle nicht fotografiert, heute liegt dort nichts als ein Parkplatz, und wer will schon einen Parkplatz anschauen? Das Haus meines Urgrossvaters aber war ein stattliches Holzhaus mit dem hier üblichen, mächtigen Bogengiebel, der Menschen und Dinge einrahmt, schützt und birgt – oder wenigstens so aussieht, als würde er das tun. Im Haus war eine Bäckerei, davor stand ein Brunnen mit Pflaumenbäumen. Hier war so etwas wie der Dorfplatz. Mein Urgrossvater war der Dorfbäcker. Es ist ein wenig ironisch, dass alles, was er hatte und war, von ein paar Blechkarrossen ersetzt worden ist. Er war einer der ersten im Dorf, die überhaupt ein Automobil besassen. Sonntags machte er dann und wann eine schmucke Passfahrt, an Werktagen fuhr er Brot hinaus zu den Bauernhöfen. Im Zweiten Weltkrieg liess er sich einen Holzvergaser in den Wagen einbauen.
Er starb 1965, kurz vor meiner Geburt. Aber wir besuchten als junge Familie noch oft seine Witwe. Sie, das Kläri, war nicht meine richtige Urgrossmutter, sondern Urgrossvaters zweite Frau. Die Fahrten zu Kläri waren für mich Reisen in eine mythische Vergangenheit, zu der wir schon selbst nicht mehr gehörten. Wir reisten im Kleinwagen an, mieden die Autobahn, sahen links und rechts Getreidefelder, auf den Hügeln reckten sich alte Bäume gen Himmel, Eichen oder Linden. Man wäre gerne zu ihnen hochgestiegen, hätte sich unter sie gelegt und sich geborgen gefühlt. Die ländliche Schweiz von anno dazumal, die wir gerne als unsere ferne Heimat sehen.
Im Gespräch mit Kläri fielen die Ortsnamen rundum: „Chriägschtette, Choppige, Gerläfingä, Biberischt, Zuchu.“ In diesen Gemeinden hatten sich unsere zahlreichen Verwandten niedergelassen, von denen wir aber kaum jemanden kannten. Es ist kein Zufall, dass sie vor allem nach Gerlafingen und Biberist zogen und dort, so hörten wir, ihren Wohlstand mehrten. Denn dort war die Industrie – in Biberist die Papierfabrik, in Gerlafingen das Stahlwerk.
Als Kläri um das Jahr 2000 starb, erbte Onkel Eugen das Haus in Recherswil. „Und er hat es einem Itsch verkauft!“ schimpft meine Mutter gerne. Ein „Itsch“ ist ein Mann, dessen Name auf „ic“ endet, und von dem meine Mutter folglich nichts weiss und nichts wissen will, als dass er aus Ex-Jugoslawien stammt, von wo die Menschen um das Ende des letzten Jahrhunderts in grosser Zahl in die Schweiz kamen. Dieser „Itsch“ habe das Haus dann abreissen lassen und einen Parkplatz aus der Parzelle gemacht.
Seien wir ehrlich: Der Bau hatte knarzende Böden, eine halsbrecherische Treppe in den ersten Stock, und im Winter fror man sich im Bad den Allerwertesten ab. Klärli hatte dort ein Vierteljahrhundert lang geputzt und gebohnert, aber baulich verändert hatte sie nichts, wahrscheinlich war kein Geld dafür da. Man kann es dem Herrn Itsch nicht ganz verdenken, dass er nichts mit der Immobilie und der in ihr konservierten Heimat anzufangen wusste, die nicht die seine war.
Herr T. und ich warfen einen letzten Blick auf den einstigen Dorfplatz. Auch das behäbige Haus auf der anderen Strassenseite sah verlassen aus. Rund um das übernächste ragen Baugespanne gen Himmel. Das hier ist ein Dorf ohne Dorfplatz, nur mit Verkehr, das goldene Zeitalter der Landwirtschaft ist vorbei.
Wir zogen weiter, durch Gerlafingen und Biberist. Hier trafen wir das Industriezeitalter an, doch auch dieses neigt sich dem Ende zu. In der Stahlfabrik Gerlafingen arbeiteten einst 5000 Leute, heute sind es noch 500. Nun, das Unternehmen rentiert, das ist die Hauptsache. Am Eisenhammer-Kreisel bei der Zufahrt zur Fabrik steht noch die Skulptur eines Eisenschmieds und verkündet Büezer-Stolz. Aber sonst ist das hier ein gewöhnlicher Agglo-Kreisel, umgeben von einer Beiz mit blätternder Fassade, einem Kleider-Outlet und einer Fast Food-Bude im amerikanischen Stil. Es könnte Bülach, Schönbühl oder Ebikon sein. Eine Welt überrollt von den Möglichkeiten der Benzingesellschaft. Niemand erwartet hier Heimat, alle suchen bloss einen Parkplatz.
Der Eisenhammer-Kreisel von Gerlafingen, Kanton Solothurn.