Am nächsten Tag besuchten wir den Giardino Bardini auf der Südseite des Arno. Gleich vorweg: Der Eintritt kostet 10 Euro und ist jeden Cent wert. An der Kasse stellte ich dem Mann dort eine Frage. Ich agierte dabei nach dem Prinzip: «Eine gute Schwerhörige gibt niemals auf.» Denn ich konnte mir kaum Hoffnung darauf machen, seine Antwort zu verstehen. Er sass hinter einer Plexiglaswand, wie wir sie noch aus der Pandemie kennen, und sprach auch noch Italienisch (hier muss ich erwähnen, dass wir von erstaunlich vielen Leuten aus der Tourismusbranche auf Englisch angesprochen wurden). Mein Italienisch besteht aus Grundkenntnissen und meine Schwerhörigkeit verunmöglicht es mir meist, Menschen hinter Plexiglaswänden zu verstehen. Aber vielleicht würde ja Herr T. mich retten.
Und dann geschah das Wunder. Der Mann schaute mich an, sprach gestochen scharf und so ein schönes Italienisch und ich verstand jeden einzelnen Laut und auch genau, was er sagte. Dem E-Ohr sei Dank! Plötzlich scheinen Dinge möglich, von denen ich in den letzten Jahren nicht einmal zu träumen gewagt habe.
Zahlreiche Behauptungen der Erzählerin von Marlen Haushofers «Mansarde», sind wenig plausibel. Zum Beispiel, dass ihr Hörverlust auf beiden Ohren vollständig ist und innerhalb von wenigen Sekunden eintritt. Aber ich lasse ihr das durchgehen, denn wir haben es hier mit einer Ich-Erzählerin zu tun und Ich-Erzählende sind bekanntlich unzuverlässig. Sie übertreiben, färben schön, spitzen zu und legen Dinge zu ihren Gunsten oder Ungunsten aus, ganz nach ihren Bedürfnissen.
Eins finde ich jedoch inakzeptabel: dass die Erzählerin uns eine schlagartige, vollständige Heilung nach zwei Jahren Gehörlosigkeit weismachen will. Und dass diese Heilung noch dazu mitten in einer bedrohlichen Begegnung mit einem Mann stattfindet, in einem Zustand höchster Angst. Genau in diesem Moment erholt sich plötzlich ihr Gehör.
Hey, so funktionieren Ohren nicht! Normalerweise empfiehlt man Patienten mit akuten Hörproblemen zwecks Genesung nicht Angst und Schrecken, sondern Ruhe. Bei mir selbst – und ich habe mein Gehör unzählige Male verloren und wiederbekommen – bewirkten Stress oder Schock nie eine Besserung, sondern, wenn schon, eine Verschlechterung.
An dieser Schlüsselstelle verweist die Erzählerin die Gehörlosigkeit eindeutig ins Reich der Psychosomatik, des Fantastischen, der schlecht recherchierten Metaphern. Die Stelle liest sich, als würde in Sekundenschnelle die Erkenntnis über die Protagonistin hereinbrechen, dass eine Rückkehr zu ihrem Mann ihre einzige Option ist. Und schon fügen sich die zickigen Innenohren und ihre Besitzerin wird wieder tauglich für den Dienst an der Familie (wenn auch mit erheblichen Ressentiments). Hier lässt die Erzählerin sich selbst im Stich, und ich verstehe nicht, warum. Auch als tatsächlich hochgradig schwerhörige Person fühle ich mich im Stich gelassen. Wer wird eine Schwerhörigkeit noch für voll nehmen, wenn er so etwas gelesen hat?
An dieser Stelle muss ich all jene um Nachsicht bitten, die nach meinen letzten zwei Thesenbeiträgen lesen wollten, dass Marlen Haushofer ein starkes, rundum überzeugendes Buch geschrieben hat. Die sich vergewissern wollten, dass die Frau 1969 auch bei der Schilderung einer Krankheit ihrer Zeit voraus war. «Die Mansarde» ist ein starker Roman. Aber nicht rundum überzeugend.
Die Protagonistin von Marlen Haushofers Roman «Die Mansarde» wird nach ihrer plötzlichen Ertaubung aufs Land geschickt und wohnt im Haus eines Jägers. Hier schreibt sie ein Tagebuch und findet darin eindrückliche Bilder des Selbstverlustes. Zum Beispiel: «Der Jäger schien mir von Tag zu Tag mürrischer, und einmal schlug er seinen Hund besonders arg. Der Hund heulte, er heulte lautlos, und das war so entsetzlich, dass ich mich in mein Bett verkroch und weinte. Vielleicht heulte ich ebenso laut wie der Hund.» (133)
Sie kann also weder den Hund noch sich selbst heulen hören. Vielleicht deshalb versucht sie nicht, den Jäger zu stoppen. Sie geht nicht einmal selbst in den Dorfladen, denn sie traut sich in ihrem Zustand nicht unter die Leute. Ich kann das sehr gut nachvollziehen. Ich habe nach Beginn meiner Menière-Erkrankung Jahre gebraucht, bis ich wieder vor Publikum zu sprechen wagte. Und für peinliche Schwerhörigen-Erlebnisse in der Bäckerei siehe hier. Wenn ich starke Hörnachlässe hatte (die sich meist innerhalb weniger Stunden einstellten), verlor ich Teile meines Raumgefühls, stiess mich an Türfallen und Hausecken.
Die Protagonistin betrachtet ihre Abschiebung aufs Land als Verrat ihres Mannes und seiner Mutter. Sie sieht ihre Ertaubung aber auch selbst als eine Art moralisches Versagen: «Wenn Hubert eine Existenz aufgebaut hat, will er eine Wohnung suchen und mich zurückholen. Vorausgesetzt, dass ich mich bewähre und wieder hören kann.» (S. 57) An dieser Stelle muss ich es einfach einmal laut und deutlich sagen: Einer Ertaubung ist mit Willenskraft nicht beizukommen. Auch wenn man es als Spätertaubte natürlich immer wieder versucht.
Auch finde ich: Wir sollten bei der Interpretation dieser seltsamen Störung im Leben der Protagonistin nicht zu weit suchen. Sie muss kein phantastisches Element sein, wie es die Wand in Haushofers Roman von 1963 ist. Gehörlosigkeit ist für sich selbst verstörend genug.
Gleichzeitig muss ich zugeben: Es gibt Stellen, wo die Erzählerin meine Gutgläubigkeit stark strapaziert. Aber dazu mehr in meinem nächsten Beitrag.
Marlen Haushofer: «Die Mansarde», Claassen Verlag, Berlin 1969
Kürzlich habe ich «Die Mansarde» von Marlen Haushofer gelesen, einen österreichischen Klassiker aus dem Jahre 1969. Ich habe hier die Bedeutung des Buches für den Feminismus gewürdigt. Doch die temporäre Gehörlosigkeit der Erzählerin liess mir auch danach keine Ruhe. Ich hielt sie zunächst für eine nebulöse Metapher für etwas Schreckliches, was die Erzählerin nicht benennen will. Dann entschied ich: Ich nehme sie jetzt wörtlich und pflüge den Text nochmals durch. Was ich nun sah, veränderte meine Meinung über die Protagonistin. Denn es erinnerte mich frappant an meine ersten Jahre als Menière-Patientin.
Die Erzählerin hat eine Kindheit in grosser Isolation und den Zweiten Weltkrieg unbeschadet überstanden, den jungen Anwalt Hubert geheiratet und einen kleinen Sohn. Und dann ertaubt sie aus scheinbar nichtigem Anlass: «Die Feuerwehrsirene, oder was auch immer es war, heulte, und ich schrak aus dem Schlaf auf und konnte Huberts Stimme nicht mehr hören.» (S. 201).
Und? Was fehlt ihr? Nun, die Ärzte versichern ihrem Mann lediglich, es liege «nichts Organisches» vor (S. 57). Das bedeutet jedoch genau nichts. Denn die organischen Ursachen für Hörnachlässe im Innenohr sind bis heute nicht restlos geklärt. Die Ohrenärzt*innen verlassen sich bei der Diagnose auf Hörtests. Diese dokumentieren die Hörf(un)ähigkeit, sagen aber nichts über den Zustand des betroffenen Organs aus. In meinen Spitalberichten war noch im Jahr 2000 nach ausführlichen Tests zu lesen: «Verdacht auf Hörsturz». Eine wirksame Behandlung gab es auch nicht. Das war alles sehr frustrierend, denn der Hörverlust war real und in den ersten Jahren ungeheuer furchterregend.
Ganz nebenbei werden in dieser Passage auch noch die Rechte der Patientin mit Füssen getreten. Sie selbst müsste über ihren Zustand informiert werden, nicht ihr Ehemann. Aber, gut, die Geschichte spielt kurz nach dem Krieg. Da waren Patientenrechte noch Zukunftsmusik.
Schliesslich machen die Ärzte eine für die Protagonistin besonders abwertende Unterstellung: «Ich hätte nur vergessen, wie man hört», sollen sie ihrem Mann gesagt haben (S. 57). Heisst wohl: «Das ist alles psychosomatisch, lassen Sie uns damit in Ruhe!» Es gab auch vor 25 Jahren noch Ohrenärzte, die sich zu derartigen Aussagen verstiegen. Zu mir sagte ein Mediziner im Jahr 2000, Hörstürze würden oft bei ängstlichen Naturellen (wie mir) auftreten. Dass ich danach erbost den Arzt wechselte, war für ihn wohl auch psychosomatisch. Ich hoffe, dass es heute keine solchen Ärzte mehr gibt.
Plötzlich schämte ich mich der Protagonistin gegenüber. Da war ich beim ersten Lesen selbst auf die Vernebelungstaktik der Ärzte hereingefallen und hatte sie nicht so recht ernst genommen. Dabei hätte ich es besser wissen können! Ich verstand plötzlich wenigstens ein wenig besser, warum sie ein derart abweisendes Verhältnis zur Welt hat.
Marlen Haushofer: «Die Mansarde», Claassen Verlag, Berlin 1969
Blick von Ronco sopra Ascona nach Brissago. Etwas sorgloser einen strapaziösen Ausflug machen, dabei half das CI.
Viele haben mich gefragt, wie es ist, mit einem Cochlea-Implantat (CI) zu reisen. Nun, die Idee ist, dass man mit CI besser hört. Und ich hörte besser. Das heisst grundsätzlich: mehr Vergnügen an Gesprächen. Dennoch: Ich vernachlässigte das Hörtraining, das man mir aufgetragen hatte. Es war mir zu anstrengend. Natürlich stellte ich mir im Vorfeld auch ein paar bange Fragen, zum Beispiel: Kann man mit CI einen Sonnenhut tragen? Ich meine: Das E-Ohr ist nur mit einem Magneten und einem seidendünnen Plastikfaden an den Kopf geheftet. Und es liegt bei den meisten Hüten etwa auf der Höhe des Schweissbandes. Würde eine Kopfbedeckung es nicht ständig abstreifen?
Meine Sorge erwies sich als unbegründet. Der Sonnenhut passte tiptop. Beim Wandern im Wald erwies er sich sogar als besonders praktisch. Denn er verhindert, dass herunterhängendes Laub den Knopf vom Kopf streift. Ich musste mir lediglich beim Abziehen des Hutes den genau richtigen Schwung angewöhnen, damit ich mir nicht gleichzeitig das Gerät vom Kopf riss.
Den grössten Vorteil des E-Ohrs aber entdeckte ich bei Herrn T.s Lieblingstour auf die Brissago-Inseln (über deren Schönheiten ihr bei ihm nachlesen könnt). Sie beinhaltet zwei Busfahrten, einen anderthalbstündige Spaziergang, zwei Schifffahrten und eine Besichtigungstour und dauert mindestens sechs Stunden. Früher ängstigte mich dieser Ausflug, denn solche Strapazen gingen bei Menière-Patientin Frogg meist mit einem spürbaren Hörverlust einher. Aber dieses Jahr war alles anders. «Du wirst sehen, mit dem E-Ohr wirst du endlich wieder stabil gleich hören», hatte die Hörtherapeutin versprochen. Und sie behielt recht. Das E-Ohr läuft einfach weiter, solange der Akku geladen ist.
Einziger Nachteil: Ich hatte wenig Lust auf schwimmen. Es heisst zwar, das E-Ohr sei wasserdicht. Aber ich wollte nichts riskieren. Auch wenn unsere Ferienwohnung sogar einen kleinen Swimming Pool hatte, den wir mit vier Personen teilten. Ich hätte also nicht mal in die Badi nach Locarno gehen müssen, um mich dort von meinen beiden Hörhilfen zu entkabeln (links trage ich Hörgerät) und dann gehörlos und mit angeschlagenem Gleichgewichtssinn über Kies ins Wasser zu tappen. Ich konnte über eine simple Leiter in den Pool gleiten. Dennoch suchte ich das Schwimmbecken seltener auf als Herr T.. Ich fand das aber verkraftbar.
Eine Frage zum Reisen mit E-Ohr blieb bei der Reise ins Tessin unbeantwortet: Wie ist es, wenn man mit Metall im Kopf durch Sicherheitsschleusen muss, zum Beispiel an einem Flughafen? Aber im Moment denke ich noch: Das ist für Fortgeschrittene.
«Dieses Ding kostet etwa so viel wie ein Kleinwagen», sagte die Frau, die mir mein E-Ohr aufschaltete. Der Vergleich mit dem Kleinwagen ist auch sonst nicht so abwegig. Der Rucksack mit dem Zubehör ist fast so gross wie ein Fiat 500, und man muss auch jede Menge Fahrstunden – pardon, Hörtherapie – nehmen, um mit dem Gerät umgehen zu können.
Aber das war es nicht, was die Frau im Spital sagen wollte. Sie wollte sagen: «Schauen Sie, das Ding ist klein, aber teuer. Tragen Sie Sorge dazu.» Das habe ich verstanden, ich tue es und ich weiss zu schätzen, dass die Allgemeinheit dafür zahlt. Ich hoffe, dass ich der Allgemeinheit mit Kirschenpflücken noch lange etwas zurückgeben kann.
Wenn ich jetzt aber die ersten Erfahrungen beim Herumkurven schildern soll, dann erlaubt mir bitte dennoch ein paar Takte Sarkasmus, denn er hilft mir, mit den Dingen zurechtzukommen.
So halte ich hiermit fest: Ich höre nur mit CI zwar meinen Mann noch nicht sprechen, mich selbst aber schon. Am liebsten produziere ich die Laute «ssss» und «schschsch». Das macht Spass. Denn es klingt, wie einst Jimmy Page, wenn er Theremin spielte (hier zu hören, etwa ab der Sekunde 20). Oder wie wenn jemand seinen Kleinwagen mit einem Strahl aus dem Wasserschlauch abspritzt.
Die Hörtherapeutin sagt Sätze zu mir wie: «Im Wald hat es einen Ameisenhaufen.» Oder: «Im Wald gibt es eine Rauschenrauschen.» Hä?! Und nach dem dritten Mal verstehe ich: Ah, eine Waldspielgruppe. Sie hält sich einen Fächer vor den Mund, damit ich nicht lippenlesen kann. Sie findet, es gehe schon ganz gut mit dem Verstehen. Aber ich bin froh, dass sie mir noch keine Quantenmechanik erklären will.
Draussen im Park höre ich seltsames Gezwietsche rechts unten. Dort sind ein paar Spatzen. Ich kann rechts wieder Spatzen hören! Es klingt noch seltsam. Aber, hey: Spatzen! Und dann sass ich auf einer Parkbank träumte vor mich hin, und plötzlich hörte ich zu meiner Rechten jemanden sprechen. Tatsächlich, auf der Bank nebenan sass ein Paar. Seit mehreren Jahren höre ich Gespräche rechts bei Stadtlärm gar nicht mehr. Jetzt verstand ich zwar noch nicht was sie sagten. Und doch fühlte es sich an, als hätte ich sie unerlaubterweise belauscht. Was für ein Abenteuer, mit so einem Kleinwagen unterwegs zu sein.
2026 werde ich wahrscheinlich ein Cochlea-Implantat bekommen, ein elektronisches Innenohr. Ich habe einen Operationstermin am 24. April. Eine Ärztin hat mir bereits die Funktionsweise eines gesunden Innenohrs erläutert: In der Hörschnecke wachsen Härchen, die beim gesunden Ohr auf Schallwellen reagieren und Impulse an den Hörnerv weiterleiten. «Die Hörschnecke ist gebaut wie ein spiralförmiges Klavier. Oben sind die Härchen für die hohen Töne, unten diejenigen für die tiefen. Bei Innenohrschwerhörigkeit sind diese Härchen kaputt. Das Cochlea-Implantat ersetzt sie durch Elektroden.» Diese Elektroden geben den Sound dann an den Hörnerv weiter.
Dann kam der Chirurg erklärte mir, wie er operieren wird: «Wir werden den Knochen hinter Ihrem Ohr aufsägen und zwischen Gesichts- und Geschmacksnerv einen Zugang zum Mittelohr und von dort zur Hörschnecke legen», sagt er. Ich nickte und sagte: «Das klingt brachial.»
Er: «Oh, nein, jedes Mal, wenn so ein Innenohr offen vor mir liegt, ist es, als würde sich ein kleines Universum vor mir auftun. Es ist wunderschön.»
Ich bin auf dem Trottoir an einer verkehrsreichen Strasse unterwegs. Da höre ich diese dünne, gereizte Frauenstimme: «Hallo!» ruft sie. Vielleicht gilt das doch mir, denke ich – jetzt, wo die Stimme etwas lauter ist, fällt mir auf, dass ich sie vorher schon ein- oder zweimal gehört habe. Vor mir ist niemand, also vielleicht hinter mir. Ich habe wegen der Schwerhörigkeit ein miserables Richtungsgehör. Ich drehe mich um, aber auf Augenhöhe ist da niemand. Ich senke den Blick, und da ist sie: eine Frau im Rollstuhl, die mich überholen will.
«Oh, Entschuldigung!» sage ich freundlich und trete zur Seite. Sie rollt mit grimmiger Miene an mir vorbei. Ich kann den Gedanken hinter ihrer Stirn lesen: „Existieren wir Rollstuhlfahrerinnen denn nicht?! Ist diese blöde Kuh eigentlich taub?!» Ja, bin ich, und ihre Unfreundlichkeit stört mich zunächst. Ich erlebe eine solche Szene an dieser Strasse schon zum zweiten Mal, und wie beim ersten Mal verzichte ich dennoch darauf, meine Hörgeräte herauszureissen, sie ihr zu zeigen und zu brüllen: «Sie sind hier nicht die einzige mit einer Behinderung, Sie dämliche Ziege!» Obwohl ich Lust dazu hätte.
Aber im Grunde glaube ich auf dem Gesicht dieser Frau einen Ingrimm zu erkennen, den ich manchmal auch spüre. Mit den Jahren habe ich gelernt, mit meinen Beeinträchtigungen umzugehen. Ja, ich betrachte sie mittlerweile nicht gerade als normal – aber doch als alltäglich. Deshalb erwarte ich – oft irrtümlich –, dass andere auch mit meinen Einschränkungen umgehen können. Wenn sie es dann – aus was immer für Gründen – nicht tun, kommen sie mir manchmal vollkommen idiotisch vor.
Es ist gerade sehr heiss hier, in der Nacht liess ich alle Zimmertüren und Fenster in der Wohnung weit offen, um etwas kühlere Luft hereinzulassen. Dennoch lag ich zwischendurch lange wach. Gegen 5 Uhr setzte eine sachte Brise ein und ich wurde wieder schläfrig. Da schüttelte es plötzlich mein Bett und den Boden darunter. Verdammt, dachte ich, ob das ein Erdbeben ist!? Oder steht der Freizeitsportler (unser Nachbar unten) jetzt allzu unsanft auf?
Dann war es wieder ruhig und ich schlief ein.
Am Morgen sah ich, dass die Tür zu meinem Zimmer nicht mehr offen war. Vielleicht hatte doch nicht der Freizeitsportler mich gestört. Vielleicht war die sanfte Brise so sanft gar nicht gewesen, hatte die Tür zugeknallt und dabei den Boden unter meinem Bett zum Beben gebracht. Gehört habe nichts, wie auch. Herr T. konnte mir auch keine Auskunft geben, er hatte tief und fest geschlafen. Ich werde also nie wissen, was sich da zugetragen hat.
Ganz süüferli schliesse ich dafür jetzt die Tür zu diesem Blog für eine Weile. Wir verreisen bald, unter anderem auf den Spuren des zählebigen, klugen, zuweilen auch brutalen Kreuzritters und Grafen Otto von Grandson, der ein geruhsames Leben am Neuenburgersee hätte führen können, aber die meiste Zeit im Auftrag des König Eduards I. von England durch die Weltgeschichte reiste.
Im Herbst 2009 sass ich im Kantonsspital und weinte. Ich hatte gerade mehrere Hörstürze auf meinem guten Ohr gehabt. Ich gab mir eine schlechte Prognose, auch wenn der Ohrenarzt auf Zweckoptismus machte.
Eine Pflegerin wollte mich trösten, setzte sich zu mir ans Bett und sagte: „Sie müssen das jetzt einfach mit der Einstellung nehmen: Mein Gehör ist schwach, jetzt müssen andere Sinne ran!“ Ich schätzte die Geste, konnte aber schon damals nicht viel mit ihrem Rat anfangen. Heute, nach mehr als 15 Jahren, in denen meine Prognose sich allmählich bewahrheitete und doch alles nicht so schlimm kam, muss ich es einmal sagen: Kein anderer Sinn kann das Gehör auch nur annähernd ersetzen.
Eine kurze Geschichte, die umreisst, wie ich das meine: Vor etwa zwei Jahren war ich am Konzert einer Band, deren Lead-Sängerin ich persönlich kenne. Die Musik war elektronisch verstärkt, deshalb musste ich die Hörgeräte abstellen. Merke: Hörgeräte sind eine extrem hilfreiche Erfindung, aber Musik können sie, zumindest für mein Gehör, nicht adäquat wiedergeben.
So sass ich eine Stunde da und bekam von der Musik nur ganz wenig mit. Mein Blick aber klebte am Gesicht der Leadsängerin folgte geradezu besessen ihrer Mimik. Ihr Gesicht war erstens das am wenigsten langweilige im Saal. Zweitens merke ich in solchen Momenten, dass mein Auge Information sucht, die meine Ohren mir nicht liefern können. Nun denken wohl einige: Zum Glück kannst Du von den Lippen lesen, da hast Du wenigstens den Text verstanden! Aber Lippenlesen können ist für die meisten Spätertaubten ein Mythos, sowieso in einer Fremdsprache, und die Sängerin sang Englisch.
Ihre Miene war mal schalkhaft, mal etwas selbstgefällig; mal angestrengt, mal leicht und fröhlich, immer sympathisch. Aber es war eine ungeheuer ermüdende Stunde, denn ich konnte meine Augen noch so sehr anstrengen, sie konnten mir nicht das geben, was ich eigentlich von diesem Abend gewollt hätte.
Ich muss aber einräumen: Es gibt Moment, da merke ich, dass ich dank der Mehrarbeit meiner Augen (und meines Geruchssinns) mehr von meiner Umgebung mitbekomme als andere. Manchmal kann ich meine Erkenntnisse sogar für die Allgemeinheit nutzbar machen – aber davon erzähle ich ein andermal.