Wer meinen letzten Beitrag gelesen hat, erinnert sich: Am Samstag stand ich an der Rheinstrasse in Pratteln (Baselland) und brauchte ein Mittagessen. Schnell war klar: Das silberne Coop-Gebäude vor mir ist kein Einkaufszentrum. Und das Schoggihüsli an seiner West-Ecke ist zwar ein Laden. Aber ich hätte die Strasse überqueren müssen, um zu sehen, ob er auch Sandwiches hat. Die Strasse war breit, und doch war da kein Fussgängerstreifen, keine Ampel, nichts. Auch kein Verkehr und kein Mensch. Ich hätte hinüberschlendern können. Aber ich konnte mich nicht dazu durchringen.
Es wird schon noch eine Querstrasse nach Pratteln kommen, dachte ich. Ich konnte offensichtlich auch meine Karte nicht mehr richtig lesen. Hier gab es keine Querstrasse nach Pratteln mehr. Hier gab es nur noch Fabrikzufahrten, abgesperrt mit Draht- oder Eisen. Und Kameras. Unter normalen Umständen hätte ich die Industriebauten an der Strasse gebührend bewundert. Aber jetzt nicht. Jetzt wollte ich einfach weiter.
Beim nächsten Blick aufs App war ich in Schweizerhalle, in Muttenz. In jenem Industriegebiet, in dem am 1. November vor 40 Jahren ein Grossbrand eine Fabrikhalle der Chemiefirma Sandoz zerstörte, mitsamt den Fässern, die dort lagen. Muttenz und Basel hatten Sirenenalarm, und es stank. Giftiges Löschwasser floss in den Rhein und tötete die gesamte Aalpopulation bis hinunter nach Mannheim (hier gibt es einen informativen Dokumentarfilm). Da, wo ich war, ist die Erinnerung daran ausgelöscht. Kein Mahnmal, kein Gerüchlein, kein Stäubchen.
Ich kam zu der Stelle, wo ein Weg in einen leeren Park am Rhein hinunter führt. Auch hier dürres Gras und braunes Laub, überall. Nur weiter, dachte ich, dann eben ohne Mittagessen. Ich hatte sowieso keinen Hunger. Nur eine leise Stimme sagte: «Don’t skip any meals.» Ein Grundsatz des Meniére-Régimes, dem ich jahrelang nachgelebt habe: regelmässig essen.
Da stieg eine junge Frau aus dem Fluss wie einst Aphrodite. Sie nahm ihr Frottiertuch mit leichter Hand vom Rasen, als würde sie nicht hören, dass die Gräser vor Durst brüllten. Dann erklärte sie mir den Weg zur nächsten Migros. Ich folgte ihren Anweisungen, überquerte die Strasse nun ungehemmt, kam auf die Rothausstrasse und sah vor mir einen Tunnel gähnen, einen vierspurigen Schlund mit einem Oberkiefer aus Beton.
Verdammt! Ich muss hier das Gleisfeld unterqueren! Das Gleisfeld von Muttenz ist gigantisch. Darf ich als Fussgängerin überhaupt in diesen Tunnel hinein? Werde ich lebendig wieder aus ihm herauskommen? Egal. Ich ging hinein.
Später sagte mir das App, dass ich 34 Gleise und eine Autobahn überquert hatte. Beim Ausgang des Tunnels kam mir ein Mann entgegen. Freund oder Feind? Er sagte nur: «Gehen sie die Strasse ganz hinauf bis zum Kreisel, dort ist die Migros.» Und so war es.
Es war schon nach 13 Uhr, aber es gab noch Sandwiches. Ich hatte die Wahl zwischen Schwöbli mit Schinken oder Laugenbrötli mit Schinken (nur in Basel nennt man eine bestimmte Sorte Brötchen «Schwöbli»). Ich entschied mich für ein Laugenbrötchen, zahlte und suchte einen Platz zum Essen.






