Schweizerhalle: Keine Menschenseele, nirgends

Wer meinen letzten Beitrag gelesen hat, erinnert sich: Am Samstag stand ich an der Rheinstrasse in Pratteln (Baselland) und brauchte ein Mittagessen. Schnell war klar: Das silberne Coop-Gebäude vor mir ist kein Einkaufszentrum. Und das Schoggihüsli an seiner West-Ecke ist zwar ein Laden. Aber ich hätte die Strasse überqueren müssen, um zu sehen, ob er auch Sandwiches hat. Die Strasse war breit, und doch war da kein Fussgängerstreifen, keine Ampel, nichts. Auch kein Verkehr und kein Mensch. Ich hätte hinüberschlendern können. Aber ich konnte mich nicht dazu durchringen.

Es wird schon noch eine Querstrasse nach Pratteln kommen, dachte ich. Ich konnte offensichtlich auch meine Karte nicht mehr richtig lesen. Hier gab es keine Querstrasse nach Pratteln mehr. Hier gab es nur noch Fabrikzufahrten, abgesperrt mit Draht- oder Eisen. Und Kameras. Unter normalen Umständen hätte ich die Industriebauten an der Strasse gebührend bewundert. Aber jetzt nicht. Jetzt wollte ich einfach weiter.

Beim nächsten Blick aufs App war ich in Schweizerhalle, in Muttenz. In jenem Industriegebiet, in dem am 1. November vor 40 Jahren ein Grossbrand eine Fabrikhalle der Chemiefirma Sandoz zerstörte, mitsamt den Fässern, die dort lagen. Muttenz und Basel hatten Sirenenalarm, und es stank. Giftiges Löschwasser floss in den Rhein und tötete die gesamte Aalpopulation bis hinunter nach Mannheim (hier gibt es einen informativen Dokumentarfilm). Da, wo ich war, ist die Erinnerung daran ausgelöscht. Kein Mahnmal, kein Gerüchlein, kein Stäubchen.

Ich kam zu der Stelle, wo ein Weg in einen leeren Park am Rhein hinunter führt. Auch hier dürres Gras und braunes Laub, überall. Nur weiter, dachte ich, dann eben ohne Mittagessen. Ich hatte sowieso keinen Hunger. Nur eine leise Stimme sagte: «Don’t skip any meals.» Ein Grundsatz des Meniére-Régimes, dem ich jahrelang nachgelebt habe: regelmässig essen.

Da stieg eine junge Frau aus dem Fluss wie einst Aphrodite. Sie nahm ihr Frottiertuch mit leichter Hand vom Rasen, als würde sie nicht hören, dass die Gräser vor Durst brüllten. Dann erklärte sie mir den Weg zur nächsten Migros. Ich folgte ihren Anweisungen, überquerte die Strasse nun ungehemmt, kam auf die Rothausstrasse und sah vor mir einen Tunnel gähnen, einen vierspurigen Schlund mit einem Oberkiefer aus Beton.

Verdammt! Ich muss hier das Gleisfeld unterqueren! Das Gleisfeld von Muttenz ist gigantisch. Darf ich als Fussgängerin überhaupt in diesen Tunnel hinein? Werde ich lebendig wieder aus ihm herauskommen? Egal. Ich ging hinein.

Später sagte mir das App, dass ich 34 Gleise und eine Autobahn überquert hatte. Beim Ausgang des Tunnels kam mir ein Mann entgegen. Freund oder Feind? Er sagte nur: «Gehen sie die Strasse ganz hinauf bis zum Kreisel, dort ist die Migros.» Und so war es.

Es war schon nach 13 Uhr, aber es gab noch Sandwiches. Ich hatte die Wahl zwischen Schwöbli mit Schinken oder Laugenbrötli mit Schinken (nur in Basel nennt man eine bestimmte Sorte Brötchen «Schwöbli»). Ich entschied mich für ein Laugenbrötchen, zahlte und suchte einen Platz zum Essen.

Schweizerdeutsch 72: Fliegen oder nicht fliegen?

Wenn du fendsch, dass es grondsätzlech alli so söttid mache,
de mach’s eso.

Standarddeutsch heisst das: «Wenn du findest, dass alle es grundsätzlich so machen sollten, dann mach es so.» Das kommt dem vom deutschen Philosophen Immanuel Kant formulierten kategorischen Imperativ nahe: «Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.» Mit diesem Beispiel will ich zeigen, dass wir auf Schweizerdeutsch auch komplexe Zusammenhänge diskutieren können. Was, so sagt man mir, bei den Dialekten Deutschlands nicht der Fall sei. 

Gestern Abend zum Beispiel sassen wir zu viert zusammen und diskutierten über das Fliegen. Es ist mal wieder Rekordsommer. Unsere Flüsse trocknen grossflächig aus, Fische sterben zu Hunderttausenden. Keine von uns reist mehr per Flugzeug in die Ferien. «Aber dass man nicht fliegen sollte, ist den Leuten nicht beizubringen», warf L. ein. «Die stehen in hellen Scharen auf dem Flughafen und sagen: ‹Warum soll ich verzichten, wenn andere auch nicht tun?›»

Klar, dass ich sofort die passende Antwort für die Scharen am Flughafen parat hatte, siehe oben. Wenn niemand mehr im Flugzeug verreist, stossen wir als Weltbevölkerung mit einem relativ kleinen Verzicht merklich weniger CO2 aus. Deshalb sollten wir alle nach Möglichkeit aufs Fliegen verzichten.  Simpel.

Ich warf gleichzeitig das grosse Aber in die Runde. Reisen kann unsere Haltung zur Welt verändern, kann unseren Horizont enorm erweitern, uns zu mitfühlenderen Menschen machen. Das habe ich selbst in jungen Jahren erlebt. Und dass jede und jeder von uns einen weiten Horizont haben und mitfühlend sein sollte, finde ich ebenso wichtig wie unseren Beitrag zur Zukunft des Planeten. Wohlüberlegte Ausnahmen sollten also möglich sein.

 

Das Tessin, von der Sonnenstube zum Glutofen

Das Tessin galt einst als Sonnenstube der Schweiz. Aber das war zu einer Zeit, als auf der Alpennordseite die meiste Zeit im Jahr kühl und feucht war. Dieses Jahr jedoch war fast die gesamte Schweiz schon kurz nach Mitte Juni ein Glutofen. Nicht ganz so schlimm wie Paris oder Mannheim, wo die Sonne die 40 Grad-Marke knackte. Aber auch Basel kam auf 39 Grad. Wir waren im Tessin mit «nur» 34 Grad glatt privilegiert. Noch dazu nächtigten wir in einer Ferienwohnung mitten in einem Garten. Während wir schliefen, fächelten uns Palmen kühle Luft zu.

Doch auch wir schwitzten. Ende der ersten Woche hielt Feriennachbar Pesche seine Uhr, die alles messen kann, in den Swimming Pool. «Das Wasser hat 29 Grad!» rief er aus. Bezeichnenderweise lernte ich während dieser Ferien, warum im Tessin gemütliche, in Berghänge gebaute Restaurants oft «Grotto» heissen: weil die Einheimischen dort in höhlenartigen Kellern («grotti») früher Käse, Schinken und Butter kühlten – manchmal bauten sie dann kleine Gaststätten dazu. Auch unser Badezimmer war in den Hang gebaut. Nachts öffneten wir die Tür, dann kam ein kühler Luftzug in unser Schlafzimmer. Wir überlegten, ob wir das Bad nun «Grotto» nennen sollten. Aber das erinnerte zu sehr an Lebensmittel. So sagte ich abends: «Ja, dann mache ich jetzt die Tür zum Permafrost auf.»

Das Wort «Klimawandel» fiel während unserer vielen, heiteren Tafelrunden mit Freunden nicht ein einziger Mal. Es war überflüssig. Wir – mehrheitlich Ü60 – wissen über den Treibhauseffekt Bescheid, seit 40 Jahren, einige von uns waren Klimaaktivisten. Jetzt versuchten wir, düstere Ahnungen mit freundlicher Konversation zu verscheuchen. Wir nahmen leichte Mahlzeiten zu uns, schütteten massvoll Weisswein und reichlich Wasser, mitunter auch Gurkentrunk in uns hinein. Zu den Höhepunkten meiner Ruhetage in Orselina gehörte ein Caffè freddo shakerato in der Panetteria Cecchettin.

Den Regenradar konsultierten wir obsessiv. Geregnet hat es in Orselina genau dreimal. Manchmal erinnerte ich mich wehmütig an einen Junitag hier im Jahre 2016. Es war nicht kalt, aber es schüttete Bindfäden, Leintücher und Wolldecken, Katzen und Hunde. Herr T. hat hier darüber berichtet. «Tja, Sonnenstübchen», lästerten wir damals.

2026 sahen wir zwar öfter Gewitter vorbeiziehen. Einmal ging über einem Dorf in der Magadinoebene – wir sahen es aus der Ferne – ein heftiger Regenschauer nieder. Es sah aus, als hätte jemand eine Dusche angedreht, das Wasser glitzerte silbern, von Süden her schien die Sonne. Bei uns fielen lediglich dreimal eine Zeitlang lang schwere Tropfen. Wolken kamen und sahen regenschwer aus, doch über dem Lago Maggiore lösten sie sich meist auf. «Es versucht verzweifelt zu regnen», kommentierte Herr T. Und Nachbar Pesche sagte: «Ich vertraue dem Regenradar nicht mehr.»

Einmal zeigte Herr T. mir Fotos aus dem Jahr 2016. Auf einem von ihnen rollt der Ticino regengeschwollen, durch die Magadinoebene. Ich wurde traurig, denn 2026 waren die meisten Flüsse träge Rinnsale, manchmal etwas erfrischt von den Gewittern an den Bergkämmen. Als Pesche und Ruth nach zwei Wochen abreisten, hatte das Schwimmbecken 31 Grad.

 

Château d’Oex: Sommerfrische

Schlittschuhläufer während der grossen Zeit des Wintertourismus in Château d’Oex anfangs des 20. Jahrhunderts (fotografiert im Musée du Pays-d’Enhaut, in das wir vor der grossen Hitze flohen.)

Eben sind Herr T. und ich aus den Sommerferien in der Westschweiz zurückgekommen. Die letzten sieben Tage verbrachten wir in den Waadtländer Alpen, in Château d’Oex (man sagt Schato Dee, nicht Schato Döö, ich weiss nicht, warum). Auch dort oben, auf fast 1000 Metern über Meer, war es fast jeden Tag über 30 Grad. Aber nachts wurde es angenehm kühl.

In der Deutschschweiz ist der Fremdenverkehrsort mit seinen rund 3700 Einwohnern wenig bekannt. Dabei liegt er nur 15 Kilometer entfernt vom mondänen Gstaad und war früher eine beliebte Destination für englische Wintertouristen. Sie zuckelten von Montreux mit dem Zug herauf und vergnügten sich beim Schlittschuhlaufen und auf den Skiern. Doch die Skipisten am Berg sind seit 2018 „vorübergehend“ ausser Betrieb und die Seilbahn dorthin liegt weithin sichtbar still. Wahrscheinlich fällt zu wenig Schnee.

Das Dorf ist also alles andere als überlaufen, aber es lebt. Jetzt, wo die Sommersaison begonnen hat, zischen Radfahrer*innen in mitunter halsbrecherischem Tempo die Landsträsschen entlang, die Restaurants sind leidlich voll, am Wochenende steigen rote Ballone aus den Wiesen und heute und morgen sind in der Bahnhofunterführung Scherenschnitt-Tage. Château d’Oex ist auch Landwirtschaftsgebiet. Auf den Feldern riecht es nach frisch geschnittenem Heu, oft auch nach Bschötti oder nach beidem gleichzeitig.

Die Aussicht von unserer Ferienwohnung.

 

Wir fühlten uns dort – trotz Ferienwohnung mit magischer Aussicht – zunächst beengt. Wanderungen bis hinauf auf die kühlen Gipfel konnte ich wegen meiner schmerzenden Knie keine machen, unten im Tal war es zu heiss für lange Touren. Aber dann fanden wir das Museum und das Schwimmbad und machten Spaziergänge im Schatten der Wälder. Und abends taten wir manchmal nichts anderes als zuzuschauen, wie die Schatten der Nacht aus dem Tal allmählich die Berge hochkrochen.

Seit wir gestern zu packen begonnen haben, habe ich den Blues. Seit 25 Jahren sind Herr T. und ich fast jeden Sommer zusammen verreist. Fast jedesmal bin ich am Schluss auch mit einer gewissen Vorfreude wieder nach Hause gekommen, aber gestern und heute war ich ein paarmal ein richtiger Stinkstiefel. Es liegt nicht an Château d’Oex. Es liegt vielleicht daran, dass es so schöne drei Wochen waren – und dass diese Hitze etwas derart Endzeitliches hat, dass mehr als nur meine Ferien zur Neige zu gehen scheinen.

 

September, früher

3. September 2022 im Aargauer Wasserschloss. Der September versucht hier noch einmal, einen Sommertag hinzubekommen.

Normalerweise dauern die Hundstage bis zum 23. August. Dieses Jahr enden sie (hoffentlich) am kommenden Dienstag, 12. September. Mein Schlafzimmer hat nachts immer noch 24 Grad. In den Bergen steigt die Nullgradgrenze gerade auf Rekordwerte. Sie lag am 6. September bei über 5000 Metern (siehe hier). Das gab’s bislang nur zweimal seit Messbeginn, im Juli oder August, noch überhaupt nie im September. Ich liege wach und grüble. „Ach, jammert doch nicht so, wenn es endlich mal ein bisschen warm ist!“ sagt meine Nichte Carina. Sie ist 18, sie mag die Hitze. Mit 18 mochte ich die Hitze auch. Mit 58 finde ich sie an guten Tagen etwas mühsam. In schlechten Nächten verschafft sie mir eine Ahnung von der Apokalypse.

Oft denke ich darüber nach, was Carina mich eines Tages fragen könnte. Falls sie überhaupt Zeit und Lust hat, Fragen zu stellen. Sie wird mich wohl nicht danach fragen, wie Klimawandel sich anfühlt. Davon wird sie selbst noch genug bekommen. Aber vielleicht wird sie mich fragen, was früher normal war. Als das Wetter noch „normal“ war. Als wir jung waren. Damit kann ich dienen. Man muss es erinnern und kurz festhalten, bevor es vergessen und verschwunden ist.

Als ich am Gymnasium war, endete der Sommer mit den Schulferien. Mit den langen Nachmittagen im Schwimmbad war es dann vorbei – obwohl wir am Mittwochnachmittag ja frei hatten. Aber es war dann meist doch zu kühl zum Baden. Wenn ich am ersten Schulmorgen Ende August mit dem Fahrrad den Hang hinunter Richtung Gymnasium sauste, musste ich eine leichte Jacke tragen und hatte kalte Finger. Die Wiese unterhalb der Strasse trug oft einen weisslichen Tauschleier. Erste Frostnächte in der zweiten Monatshälfte waren nichts Unerhörtes. Später am Tag versuchte der September oft noch einmal einen richtigen Sommernachmittag hinzubekommen, aber es fühlte sich wehmütig an. In den Gärten begannen die Äpfel rötlich zu schimmern, die ersten Blätter bekamen einen Gelbstich.

Für den Büromenschen Frogg war der September draussen meist unauffällig. Die Arbeit drinnen beschäftigte uns stärker als das Wetter. Die Sommerstürme waren vorbei, wir klagten über den ersten Hochnebel, den Inbegriff von Nicht-Wetter. Sehr regnerisch war es selten. Oft lockten herrliche Tage, ich erinnere mich an 9/11, draussen ein kobaltblauer Himmel, diese Farbe, die wie ein Sog den Blick in sich hineinzieht und die Seele mit hochwirbeln lässt. Drinnen flimmerten die Bildschirme und zeigten das Grauen. Unwirklich.

In meiner Erinnerung war es mit dem Septemberwetter jeweils um den 2. Oktober herum zu Ende. Der 2. Oktober ist der Feiertag des Luzerner Stadtheiligen Leodegar, den wir nur noch wegen der Määs kennen, wegen des Jahrmarktes. Als Carina klein war, ging ich mit ihr und Tim jeweils dort auf wilde Bahnfahrten. Oft begleitete ein Kälteeinbruch mit Regen diese Ausflüge an die Määs. Wir hatten nach vier Monaten ausserhalb der Heizperiode vergessen, was kühles Wetter ist und waren dann richtig froh um wärmere Jacken und Schals.

 

 

 

 

Ein beglückendes Erlebnis

Das Klimaspuren-T-Shirt von der grossen Wanderung 2021, das am Wochenende viele trugen.
Gestern habe ich habe ich darüber berichtet, wie ich beinahe Einsiedlerin geworden wäre. Ich muss jedoch unbedingt hinzufügen, dass die Klimagespräche in Flüeli-Ranft (wegen denen ich überhaupt dort oben war) für mich schliesslich eine überraschend glückliche Wendung nahmen. Es ist ja so: Die Gespräche waren ein grosses Stelldichein der Klimapsuren-WandererInnen von 2021. Das T-Shirt zu diesem Marsch zeigt lauter kleine Punkte, die man durchaus als Fussspuren interpretieren kann. Dass einige von ihnen am vergangenen Wochenende durch meinen unwegsamen Gehörgang und damit auch direkt zu meinem Herzen führten, erfüllt mich mit grosses Dankbarkeit.

Der erste, der mich erreichte, war Walter, ein älterer Herr, beim Mittagessen. Er wusste bereits, dass ich in einem vollen Speisesaal nur schwer ansprechbar bin. Trotzdem sagte er nach dem ersten Gang mit einem väterlich-pfiffigen Lächeln: „So, nun gib mir mal Deinen Salatteller mit, damit …“, den Rest verstand ich nicht. Doch mir klar, dass er die Ablage für gebrauchtes Geschirr gefunden haben musste, nach der ich vergeblich Ausschau gehalten hatte. Mein Ärmel hing deshalb beinahe in das zur Seite gestellte Geschirrstück mit Sauce. Walter trug unsere Salatteller weg, und als er zurückkam fasste ich ich Zutrauen zu ihm und seinem Bündnerdialekt. Uns gelang dann tatsächlich eine kleine Konversation, er hat sich bestimmt ganz schön angestrengt. Er berichtete von einer eigenhändig lancierten Petition zu Handen des Churer Gemeinderates, mit der er erfolglos versucht hatte, den Bau einer neuen Strasse zu verhindern. Man beschied ihm, die breite Öffentlichkeit sei bei dieser Sache gar nicht mitspracheberechtigt. So plauderten wir ein wenig über politische Rechte und die Demokratie. Und über das Paralleluniversum, in dem Klimakämpfer leben.

Referent Dominik Siegrist fragte extra bei mir nach, ob er sein Referat zum Thema „Fallen uns die Berge auf den Kopf?“ besser mit oder ohne Mikrofon halten solle. „Ohne“, sagte ich, „einfach deutlich sprechen reicht.“ Und wirklich: Ich habe fast alles verstanden, ausserdem war da eine hilfreiche Power Point-Präsentation. Klimaschutz plus Inklusion, nennt man das wohl.

Später, beim Essen, kamen Annette und Harry vorbei, die ich schon ein paar Jährchen kenne, und wir plauderten ein bisschen unter freiem Himmel, unter anderem übers Zügeln.

Dazu, dass all dies überhaupt möglich war, hat Herr T. viel beigetragen. Ich unterschätze seinen Einsatz manchmal ein bisschen, und wenn ich unleidlich werde, ist er immer der Betroffene. Aber dafür, dass da oben schliesslich doch einiges möglich war, war es sicher der Wegbereiter.

Sex, Kaffee und der Klimaexperte

Simpel und praktisch: Die Bialetti-Kaffeemaschine (Quelle: blasercafe.ch
Meine Nespresso-Kaffeemaschine ist kaputt. Wir haben eine alte Bialetti in Betrieb genommen und diskutieren beim Frühstück über die Vorzüge und Nachteile verschiedener Kaffeemaschinen und des Kaffeetrinkens. „Kaffeetrinken ist ganz schlecht für’s Klima“, sagt mein Ehemann, der Klimaexperte. „Eine Tasse Kaffee verbraucht so viel CO2 wie ein Kilometer autofahren.“

Ach Gott, alles wird verboten, denke ich und maule: „Du Spielverderber! Ich habe doch damit gerechnet, dass das nach dem Fleisch als nächstes kommt! Wahrscheinlich kommt bald jemand und sagt: ‚Sex ist schlecht für’s Klima.'“

Darauf Herr T., ohne mit der Wimper zu zucken: „Sex ist nicht schlecht fürs Klima, aber Kinderkriegen schon!“

Ich lache schallend. Am Nachmittag finde ich auf der Suche nach einem Nachthemd bei C&A ein Teil mit dem Aufdruck: „This Girls Needs More Coffee“. Das kaufe ich sofort, auch wenn Konsumieren auch schlecht fürs Klima ist.

Klimawandel: „Warum habt Ihr nichts getan?“

Eines Tages werde ich vielleicht eine Grossnichte haben, nennen wir sie Ophelia. Sie wird zu mir sagen: „Ihr habt doch gewusst, dass der Klimawandel kommen wird. Warum habt Ihr nichts getan?“

Dann werde ich sagen: „Ja, wir haben es gewusst. Im Gymnasium haben wir noch vor 1985 das Wichtigste über den Treibhaus-Effekt gelernt. Gleichzeitig drohte auch das Waldsterben, und es drohte ein Ozonloch. Das alles hat mir damals grossen Eindruck gemacht. Ich beschloss, nicht Auto zu fahren und neigte politisch zu den Grünen. Aber ich hatte Kollegen, denen das alles egal war. Kaum 18, fuhren sie mit stolzgeschwellter Brust und Papas Karre auf den Parkplatz vor der Schule.“

„Wie konnten sie nur?!“ wird Ophelia sagen.

„Nun ja, sie sahen sich als Yuppies – und die zeigten gerne ihren Zaster.“

„Was ist ein Yuppy?“ wird Ophelia fragen.

„Yuppies ist eine Abkürzung für „Young Urban Professionals“. Das waren junge, karrierebewusste Anwälte, Ärztinnen, Betriebswirte“, werde ich sagen. „Sie waren hemmungslos hedonistisch. Weisst Du, später habe ich gesehen, dass es etwas Verwegenes hatte, diese ganzen Umweltbedenken in den Wind zu werfen und zu sagen: ‚Verzicht ist etwas Kleinbürgerliches. Ich habe das nicht nötig und auch gar keine Zeit dafür. Sollen sich andere darum kümmern, wenn es überhaupt ein Problem ist.‘ Aber bei mir war das nicht so, jedenfalls nicht am Anfang. In meiner WG an der Uni waren wir zu dritt und alle sehr umweltbewusst.“

„Und was ist dann passiert?“, wird Ophelia fragen.

„Ja, dann bekam ich erste Zweifel. Das Waldsterben wurde abgewendet, und das Ozonloch auch. Und viele fanden die Grünen einfach nur verschroben. Manchmal ging es mir auch so. Eines Abends diskutierten wir in der WG über die Frage, ob das Joghurt aus dem Kartonbecher oder jenes aus dem Glas die bessere Öko-Bilanz habe. Das fand ich absurd, denn wenige hundert Meter weiter tobte vierspurig der Autoverkehr. Warum sollte ich über Spitzfindigkeiten bei meinem Konsum nachdenken, wenn der Umweltschutz so vielen anderen am Allerwertesten vorbeiging?“

„Du hättest Dich nicht beirren lassen dürfen durch das, was alle anderen machten,“ findet Ophelia.

„Ja, stimmt, aber ich suchte eben meinen Standpunkt.“

„Habt Ihr Fleisch gegessen?“ wird Ophelia fragen.

„Manchmal. Damals wurde Fleisch noch nicht als Treiber des Klimawandels angesehen.“

„Seid ihr geflogen?“

„Ja“, werde ich sagen, „Wir sind sogar viel geflogen. Reisen brachten Weltwissen und Spass. Über unsere Reisen definierten wir, wer wir waren. Niemals hätten wir uns das nehmen lassen.“

„Und später hast Du dann sowieso den Klimaschutz in den Wind geworfen?“

„Nicht ganz. Aber einmal habe ich einen Job nicht bekommen, weil ich nicht Auto fahren konnte. Danach habe ich sogar das gelernt. Aber wenn Du nicht gerade in der Forschung gearbeitet hast, dann warst Du in der Arbeitswelt voll in der Logik des Konsums.“

„Du kannst mich mal mit Deiner Logik des Konsums“, wird Ophelia sagen.

Wasserstandsmeldung

Schwanenplatz
Schwanenplatz Luzern, heute morgen, 9.10 Uhr

Hier wartete ich auf dem Weg zur Arbeit auf den Bus. Das Bild zeigt die Bootsvermietung, die nun den zweiten touristenlosen Sommer erlebt. Ja, der Wasserpegel ist wieder gestiegen. Gestern leckte der See hier nur am Randstein. Jetzt umarmt er innig zwei Meter des Trottoirs.

Ein melancholischer Anblick – aber harmlos im Vergleich zu dem, was in der Eifel passiert ist. Ich denke an jene, die dort den ganzen Horror ausser Kontrolle geratener Wasserfluten erlebt haben.

Dann kommt mein Bus.

Was ich kurz nach neun Uhr noch gar nicht wusste: Seit 8.46 Uhr sind die Fussgängerbrücken im Stadtzentrum gesperrt: Kapellbrücke, Rathaussteg, Reussbrücke, Spreuerbrücke (Quelle: luzernerzeitung.ch). Es tröpfelt wieder. Nicht auszuschliessen, dass die Seebrücke auch gesperrt wird. Dann gibt es ein Verkehrschaos. Und ich werde mir überlegen müssen, wie ich nach der Arbeit nach Hause komme. Geöffnet sind dann noch die Geissmattbrücke und die St. Karlibrücke reussabwärts. „Die Geissmattbrücke geht immer“, sagt mein Mann, sagt auch der Pedestrian. Aber etwas mulmig ist mir trotzdem.

Vegetarisch essen

Herr T. ist von der grossen Klimaspuren-Wanderung zurück. Wir nehmen unser Alltagsleben wieder auf. Einfach gesagt: Er kocht, ich putze. Am ersten Mittag gibt es unser fleischloses Lieblingsgericht: Rote Linsen mit Süsskartoffeln.

Wir haben in den letzten Jahren eher klimabewusst gelebt, wenn auch nicht allzu konsequent: Wir fahren nicht Auto, dafür essen wir öfter mal Fleisch. 2016 sind wir das letzte Mal geflogen – nach Wien. Doch Herr T. hat sich auf der Wanderung radikalisiert. „Es ist nicht fünf vor zwölf. Es ist fünf nach zwölf. Die Klimakatastrophe passiert bereits“, sagt er immer wieder. Beim Linsengericht setzt er mir auseinander, dass er versuchen will, nur noch vegetarisch zu kochen.

Meine erste Reaktion verblüfft mich selbst total. „Nie wieder Bratwurst?!“ denke ich entsetzt.

Nie im Leben habe ich damit gerechnet, dass ich mich einmal eine geradezu kindliche Sehnsucht nach einem Stück Fleisch haben werde.