Was von Dostojewski zu Putin führt

Oksana Sabuschko, die „streitbare“ Intellektuelle, die meine Dostojewksi-Lektüre veränderte.

Ihr erinnert Euch: Mein Freund, Slawist Chäppeli, sagte während eines Spaziergangs, Dostojewki solle man jetzt nicht mehr lesen. Das war eine in zurückhaltendem Ton gemachte Äusserung, und später widerrief er sie auch schriftlich: „Ich möchte nur klarstellen: Nie würde ich sagen, dass man heute den Roman nicht mehr lesen könne oder solle.“ Gleichzeitig schickte er mir zwei Links, um zu erklären, wie er überhaupt auf diese Aussage gekommen sei.

Der  erste führte zu einer Polemik der ukrainischen Schriftstellerin Oksana Sabuschko, „eine der streitbarsten Intellektuellen der Ukraine“, wie die NZZ schreibt, die den Essay auf Deutsch veröffentlicht hat. Er ist zuallererst eine Anklage gegen den Westen, der das Entstehen eines neuen Totalitarismus in Russland gut zwanzig Jahre lang sträflich übersehen habe. Dann schimpft sie auf jene westlichen Intellektuellen, die nun versuchen würden, das Böse zu verstehen, zu rationalisieren, sich in Putins Hirn hineinzudenken und so in Dialog mit dem Serienmörder zu treten. Das sei der Situation nicht im mindesten angemessen. Der Westen habe sich vom Kreml jahrzehntelang an der Nase herumführen lassen.

Aber was hat die russische Literatur, noch dazu jene des 19. Jahrhunderts, mit Putin zu tun? Sabuschkos Antwort: „Man“ habe die russische Literatur ja immer „für europäisch und humanistisch“ gehalten. Dabei habe sie 200 Jahre lang ein Weltbild genährt, „in dem man den Verbrecher nicht verurteilt, sondern bedauert und Mitleid mit ihm hat.“

Und dann kommt die Abrechnung mit Dostojewski, „mit seinem Kult der Emotion und der gleichzeitig offen zu Schau getragenen Verachtung der Vernunft.“ Dostojewski stehe ausserhalb der europäischen Literatur, das habe schon Milan Kundera gesehen, jener berühmte Tscheche, der das Wüten der Sowjets im eigenen Land erlebte. Aber im Westen habe man ihn niedergeschrien, als er das sagte. Sie schreibt sogar, die Invasion vom 24. Februar sei „reines Dostojewskitum“ gewesen, die Explosion „reiner destillierter Bösartigkeit, eines lange unterdrückten historischen Neids und Hasses, verstärkt durch das Gefühl absoluter Straflosigkeit.“

Die Entgegnung des russischen Exil-Schriftstellers Michail Shishkin im zweiten Link wirkt dagegen reichlich blass, ihr müsst sie selbst lesen.

Ich konnte diese Aussagen von Sabuschko zunächst überhaupt nicht akzeptieren, ich gestehe: Ich verstand kaum, was sie mir sagen wollte. Ich meine, ich verstand und verstehe den Hass der Ukrainer auf die Russen – aber noch schwankte ich an manchen Tagen selbst Richtung mildem Putin-Verstehertum. Wahrscheinlich, weil ich mich einfach zu sehr vor der Alternative fürchtete: dass Sabuschko recht haben könnte, zumindest mit ihrer Darstellung von Putins Russland. Wenn man den Mann verstünde, dachte ich, könnte man mit ihm verhandeln und gut ist. Aber an anderen Tagen sah ich klar, dass das nicht geht. Und ahnte, was das für uns alle bedeutet – und wie sehr uns der grinsende Teufel im Kreml zum Narren gehalten hat.

Die Ereignisse der vergangenen Woche haben Sabuschko, was die Politik betrifft, leider Gottes mehr als Recht gegeben. Das heisst: Ich fürchte mich jetzt immer noch, aber ich weiss wenigstens besser, wo ich dabei stehe. Und nach und nach veränderte das auch meine Lektüre von „Der Idiot“. Doch dazu dann später mehr.

 

 

Das Zimmer mit dem Samowar

Die Frauenklinik ist ein Bau aus den Neunzigerjahren mit kühlem Design und sterilen Materialien. Sicherlich könnte man das ganze, dreistöckige Haus in einem Tag von Grund auf desinfizieren. Nur das Wartezimmer der Mammografie ist anders. Hier ruht man auf Sitzpolstern aus Wolle, es ist ein Wohlfühlzimmer wie auch Psychotherapeutinnen sie haben. Ein Zimmer, in dem Ängste in weichen Materialien ihre Schärfe verlieren. Auf einem Tischchen steht ein Samowar mit Teegläsern. Das lässt an warmherziges Beisammensein denken, aber mir ruft es meine verlorenen Freunde in Russland in Erinnerung. Ich habe viele Jahre keinen Kontakt mit ihnen gehabt. Ich weiss nicht, wo sie jetzt stehen. Ich möchte sie per E-Mail fragen und weiss nicht, wie ich anfangen soll.

Ängste habe ich sonst keine. Das hier ist eine reine Routine-Untersuchung, bei mir ist alles in Ordnung. Ich lasse mich abholen, in die Röntgenmaschine spannen und verrenke mich geduldig. Dann will ich weggehen und mich wieder anziehen, da ruft die Röntgenassistentin mich zurück. Sie spannt meine Brüste nochmals in die Maschine, diesmal tut es etwas weh.

„Machen Sie das immer?“ frage ich.

„Nur, wenn wir eine kleine Verdickung feststellen“, sagt sie. Ich bin nicht sicher, was eine „kleine Verdickung“ ist, aber ihr Ton ist derart beschwichtigend, dass mir sofort klar ist: Ich sollte alarmiert sein.

Im nächsten Zimmer macht eine Ärztin einen Ultraschall. Auch sie spricht von „einer Verdickung“, aber was es genau ist…, „das werden wir herausfinden“, sagt sie. „Jetzt gehen Sie mal nach draussen und machen einen Termin für eine Stanzbiopsie aus. Die werden wir analysieren, dann wissen wir es.“ Eine Stanzbiopsie. Die Sprache der Medizin! Beinahe beginne ich zu lachen. Ich bin doch kein Stück Leder!

Versteht mich bitte richtig, ich will niemanden kritisieren, diese Frauen machen ihren Job, sind freundlich und wollen mein Bestes, und wahrscheinlich rechnen sie damit, dass ich mich aufrege, damit könnten sie umgehen. Aber ich rege mich nicht auf, ich meine: Nicht weit von hier ist Krieg, und darüber rege ich mich so sehr auf, ich weiss gar nicht, wo ich noch Platz habe für Aufregung über eine „Verdickung“ in der Brust.

Später am Abend spüre ich dann „die Verdickung“ oder meine jedenfalls, sie zu spüren. Sie fühlt sich an wie das, was meine Mutter gehabt hat. Man nannte es damals „einen Knoten“, und es war Krebs. Das war vor 30 Jahren, dieses Jahr wird sie 80 und ist bei guter Gesundheit.

Die Stanzbiopsie ist gleich am nächsten Tag, aber dann muss ich vier Tage warten.

Als mein Handy klingelt, sitze ich im Büro, auf meinem Schirm flimmern Bilderfluten aus der Ukraine und meine Kunden dreschen verbal aufeinander ein – hier die Putin-Versteher, da alle anderen, die Trennung verläuft wie meistens, ziemlich genau am linken Rand der SVP. In Europa ist Krieg, aber Einigkeit in der Schweiz? Vergiss es. Mein Handy klingelt sonst nie, deshalb weiss ich, dass es die Ärztin ist und frage mich, ob ich jetzt lieber im Samowar-Zimmer mit ihr sprechen möchte. Wahrscheinlich nicht. Ich will es einfach wissen.

Ihre Stimme dringt durch den Tinnitus: „Sie haben Brustkrebs“, sagt sie, und dann nochmals, sie weiss, dass ich schlecht höre. „Sie haben Brustkrebs.“

Ich stehe da und sage: „Ja, ich habe sie gehört. Ich habe verstanden.“

Klappe halten

Hiermit künde ich an, dass ich nun mal eine Weile die Klappe halten werde. Ich meine: Es gibt im Moment rein gar nichts zu sagen. Soll ich etwa Entsetzen über das bekunden, was Putin mit der ukrainischen Bevölkerung macht? Natürlich bin entsetzt, aber diese Entsetzensbekundungen sind doch längst zum Feigenblatt der Putin-Versteher geworden. Sobald sich diese feinen Damen und Herren ihre Entsetzensbekundung gut sichtbar montiert haben, entblössen sie sich rundum mit „Ja, aber…“-Sätzen. Also: Ich trage lieber Kleider und bin einfach froh, dass die Schweiz jetzt unbürokratisch Flüchtlinge aufnehmen will.

In den sozialen Medien oder hier irgendwas über den Krieg schreiben? Närrisch, wir haben ja alle keine Ahnung.

In den sozialen Medien oder hier irgendwas anderes schreiben? Idiotisch.

Demonstrieren? Das mag uns guttun. Aber Putin lacht.