Die Wolfstreppe

Die berühmte Kirche Madonna del Sasso in Orselina mit Treppe, die Teil des alten Wegnetzes hinunter nach Locarno ist.
Schliesslich konnten Herr T. und ich dann doch noch ein paar Tage in die Ferien. Wenn man krank ist, ist es immer dasselbe: Vieles geht nicht wie früher, tja, da muss man neue Wege finden – und das versuchen Herr T. und ich gerade. Schliesslich reisten wir in unser geliebtes Orselina im Tessin. An meinem Geburtstag tafelten wir in einem Restaurant, am nächsten Tag waren wir früh mit Freunden in Locarno verabredet. „Lass uns zu Fuss hinunterhingehen“, sagte ich abends zu Herrn T., „ich brauche einen Spaziergang.“ Tatsächlich erreicht man Locarno von Orselina aus zu Fuss in ungefähr 25 Minuten. Ich behaupte sogar, dass man gleich schnell ist wie die vielen Millionäre dort oben, die sich mit Geländewagen die engen Kurven hinunterzwängen. Aber man muss halt das alte Wegnetz kennen.

Dieses haben wir während mehreren Ferien erforscht, die Wolfstreppe entdeckte ich 2016. Damals machte Herr T. eines Tages eine Bergwanderung, zu der ich gerade nicht imstande war. Schon damals war Herr Menière schuld, wenn ich mich richtig erinnere. Ich fuhr mit dem Bus nach Locarno und wollte auf dem Rückweg wenigstens einen Spaziergang machen. So entdeckte ich die Salita del Lupo, die sehr lang ist und fadengerade aufwärts führt. Man muss wissen: Zwischen Locarno und Orselina liegen ungefähr 250 Meter Höhedifferenz. Mehr als die Hälfte legt man auf der Wolfstreppe zurück. Danach muss man, von unten her kommend, einer Klinik und einer Bonzenvilla ausweichen, dahinter verzweigen sich zwei weitere Treppchen, beide führen in den oberen Dorfteil. Sie sind alt und wirken planvoll angelegt. Ich glaube, früher wurden sie rege benutzt, die Bonzenvilla hat man später dann einfach über den Weg gebaut, Motto: „Wer geht schon zu Fuss heute? Haben doch alle ein Auto!“

Auf der Wolfstreppe also wollte ich also hinunter nach Locarno und studierte spätabends die Karte, um am nächsten Morgen der Bonzenvilla gekonnt ausweichen zu können. Die Stufen führen durch unbebautes Land, das sich auf der Karte auftut wie eine gefährliche Wildnis. Nun erst dämmerte mir wieder, wie verdammt steil die Wolfstreppe ist. Hatte sie überhaupt einen Handlauf? Ich glaube nicht. Eine steile Treppe ohne Handlauf abwärts gehen – da kann ich mich ebensogut gleich in einen Abgrund stürzen, die Chemo hat dem Karussell in meinem Innenohr ordentlich Schub verliehen.

Oder waren meine Ängste übertrieben? Und hatte die Treppe vielleicht doch einen Handlauf? Ich haderte lange, dann gestand ich Herrn T. das Problem. Es war spät abends, und er hatte null Verständnis für meinen plötzlichen Sinneswandel. Dass ich schlecht höre, versteht er. Aber beim Schwindel denkt er manchmal, ich würde meine Möglichkeiten unterschätzen.

„Es gibt eine Alternative“, sagte ich. „Wir gehen einfach bei der Madonna del Sasso vorbei. Dort gibt es einen Handlauf.“ Die Madonna del Sasso liegt im unteren Dorfteil.

„Das ist ein verdammter Umweg“, schimpfte Herr T. „So früh am Morgen braucht das zu viel Zeit.“ Wir sind beide keine Frühaufsteher.

Wir grummelten ein bisschen, dann legten wir uns schlafen. Am Morgen erwachte ich schon um 7 Uhr, und siehe da: Herr T. war auch wach. So gingen wir bei der Madonna del Sasso bergab. Wir waren sogar zu früh in Locarno.

Schreiben oder schweigen?

Vor ein paar Tagen habe ich meine Beiträge der Kategorie „Im Menière-Land“ überflogen. Streckenweise las sich das wie ein einziger, zehn Jahre andauernder Empörungsschrei über den Verlust meines Gehörs und die Macken meines Gleichgewichtssinnes. Dabei habe ich beim Schreiben damals die Empörung gar nicht gespürt. Eher schrieb ich in einer Art vager Hoffnung, ich könnte das Übel bannen, indem ich es in Worte fasste. An meine Leserinnen und Leser habe ich dabei durchaus auch gedacht: Ich MUSSTE erklären, wie sich das alles anfühlt, damit es alle verstehen. Damit die Welt ein Ort wird, in dem auch diese unerhörte Erfahrung einen Platz hat.

Die Reaktionen waren meist positiv. Es kam die eine oder andere Unbedarftheit und es kann sein, dass sich einige still und leise von meinem Blog verabschiedet haben, weil sie nicht genügend Geduld für einen zehn Jahre andauernden Empörungsschrei hatten. Rückblickend habe ich dafür ein gewisses Verständnis. Genau deshalb frage ich mich jetzt: Soll ich überhaupt über den Brustkrebs schreiben? Sollte ich mich nicht besser einem heitereren Thema zuwenden? Und wenn ich doch schreibe: Wie soll ich das genau machen? Und warum?

Ich begann mich in die gängige Krebsliteratur zu vertiefen, auch in Audre Lorde’s „Cancer Journals“. Es handelt sich um ein ein 70-seitiges Essay, in dem sich die Autorin, eine damals 42-jährige, schwarze, lesbische Dichterin und Mutter im Jahre 1980 mit sämtlichen Fragen konfrontierte, die eine Brustamputation 1978 für sie aufwarf – die Angst vor dem Tod und der Mut, der angesichts des Todes kommt. Die Trauer und alles, was sie wieder ins Leben zurückgebracht und in gewisser Weise auch stärker gemacht hat.

Nun stehe ich an einem ganz anderen Ort als sie. Sie war eine Königin unter den Kriegerinnen. Ich bin nicht einmal mehr eine Kriegerin, und ihr royaler Gestus nervt mich sogar gelegentlich. Ausserdem ist das hier ein winziger Blog. Ich könnte schweigen, es würde niemanden kümmern. Ich kann darüber schreiben, es langweilt, ekelt, nervt vielleicht ein paar wenige, die mich hier lesen. Doch wenn wir schweigen, berauben wir uns unserer selbst und uns alle des Wissens über einander*, schreibt Lorde sinngemäss. Nur durch sprechen können wir die Unterschiede zwischen uns überbrücken. „Denn es sind nicht die Unterschiede, die uns lähmen, sondern das Schweigen darüber. Und es gibt so viel Schweigen, das es zu brechen gilt.“ (S. 16) So denke ich nicht länger über das Schweigen nach, sondern spreche und hoffe, dass es uns alle in gewisser Weise stärker machen wird.

Und für mich ganz persönlich: dass ich über die nackte Empörung hinausgewachsen bin und die richtigen Worte finde.

* meine Übersetzung

Audre Lorde: „The Cancer Journals“, Penguin Classics, 1980.

Mittagessen im Paradies

Das Restaurant Schwybogen am Vierwaldstättersee.

Dass Sonnenstrahlen das Restaurant Schwybogen überhaupt erreichen, erscheint wie ein kleines Wunder. Die Gaststätte liegt abgelegen am Fuss eines 300 Meter hohen Nordhanges am Vierwaldstättersee. Doch tatsächlich: Als wir ankommen, baden Haus und Garten in goldenen Licht dieses wunderbaren Septembertages. Rund um die Tische stehen Dutzende kleine Palmen und Sukkulenten – das Klima muss hier sogar sehr mild sein.

Wir sind mit dem Passagierschiff nach Treib gefahren und von dort eine halbe Stunde herspaziert. Wer nicht zu Fuss kommt, erreicht das Lokal nur mit dem Boot. Von den Tischen aus hat man perfekte Sicht auf den Anlegeplatz. Genüsslich beobachtet man die mehr oder weniger geglückten Anlegemanöver meist älterer Herren mit ihren Motorbooten, ihre Damen binden dann das Seil am Pfosten fest. Wer hier ankommen will, muss sich ein wenig abmühen – das lässt Standesunterschiede angenehm verschwimmen.

Der „Schwybogen“ ist ein Restaurant, aber auch eine Fischerei – und so gibt es hier frischen Seefisch zum Mittagessen, Albeli, Egli und Seeforelle. Es ist eine Mahlzeit im Paradies. Wir geniessen es.

Doch im Paradies, so wohlgenährt und glücklich, sitzt man unter dem Baum der Erkenntnis. Bald diskutieren Herr T. und ich darüber, wo wir nach dem Essen eigentlich hinwollen. Geplant ist die kürzere und weniger sturzgefährliche Wanderung zum Rütli. Doch nun kriecht eine kleine Schlange zwischen den Wurzeln des Baumes hervor. „Geh in die andere Richtung“, zischelt sie, „geh nach Rislete, zu den Wasserfällen, Frau Frogg. Es ist sicher schön dort. Und Du willst doch wissen, ob Du das überhaupt noch kannst.“ Herr T. hat mich gewarnt: Der Weg dorthin ist schmal, führt direkt hinein in eine steile Wand über dem See und von dort viele Höhenmeter abwärts. Ich ziehe dem Kulturflaneur sämtliche Würmer über die Risiken aus der Nase. Er kennt den Weg. Am Schluss sage ich: „Doch, wir tun es.“

Bald zogen wir den Hang hinauf, unter uns flaschengrün der See.

Dreieinhalb Stunden später, unverletzt am Ziel angekommen, weiss ich: Ich hätte es nicht tun sollen, und ich werde es wahrscheinlich nie wieder tun. Es ist für mich als Schwindelpatientin zu gefährlich. Aber, ehrlich, es war der Hammer!

Das unterste Stockwerk der Risleten-Wasserfälle bei Beckenried.