Der Bösewicht von Siena

Die personifizierte Tyrannei (Quelle: Wikipedia).

Es ist vielleicht schwierig zu verstehen. Aber es war gar nicht die Venus von Botticelli, die mich in die Toskana lockte. Sondern der schielende Unhold im Bild: eine allegorische Darstellung der Tyrannei in einem schlecht regierten Staat. Teil eines riesigen, spätmittelalterlichen Freskenzyklus über die gute und die schlechte Regierung – zu sehen im Palazzo Pubblico in Siena. Der Typ hier hat ein ganzes Gremium von üblen Kollegen: die Grausamkeit, die Täuschung, den Betrug, den Zorn, die Zwietracht und den Krieg sowie die Gier, den Stolz und die Eitelkeit, alle ebenfalls dort abgebildet. Die Wandbilder sind von Ambrogio Lorenzetti, er malte sie 1338/39. Als ich diese Visage in einem Dokumentarfilm auf arte.tv sah, fand ich das alles verblüffend aktuell. Ich meine: Der Bösewicht könnte auch eine hellblonde Haartolle tragen. So wollte ich die Fresken mit eigenen Augen sehen. Jetzt weiss ich: Auf dem Gemälde vom schlecht regierten Stadtstaat sieht man noch zertrümmerte Gebäude, zerstörte Felder, eine Frau in Bedrängnis und einen Toten auf der Strasse. Aber es ist schlecht erhalten.

Das Bild einer gut regierten Stadt ist dagegen wunderprächtig. Man braucht auch keinen Time-Slot, um es zu sehen. Der Saal ist belebt, aber nicht überrannt, das Interesse an der Geschichte Sienas scheint moderat. Obwohl es die Stadt mit einer ausgekl¨ügelten Demokratie bei der Verwirklichung einer guten Regierung 1287 bis 1355 weit brachte. Siena war damals mächtiger Stadtstaat, eine ernsthafte Konkurrenz für Florenz. Und genau diese Ära ist Thema im Saal des Volkspalastes.

Tanzende Menschen, blühender Handel, tolle Architektur, kurz, eine gut regierte Stadt, wahrscheinlich Siena, möglicherweise etwas idealisiert. (Quelle: Wikipedia)

Das System wird «die Regierung der Neun» genannt. Jeweils neun Männer, die Noveschi, führten die Verwaltung der Stadt für lediglich zwei Monate. Es mussten laut meiner Quelle Männer aus dem Bürgertum sein, meist Handwerker, die ihre Management-Fähigkeiten und ihre Integrität unter Beweis gestellt hatten. Ein geheimes Konsistorium wählte alle zwei Monate eine neue Neunerbesetzung. Die Gewählten mussten zwei Monate lang ihre eigenen Geschäfte ruhen und ihre Familien im Stich lassen, um nicht den Versuchungen der Korruption zu erliegen. Und vor allem «mussten sie die ‹magnati›, die Mitglieder der reichsten Familien, von den Regierungsgeschäften fernhalten.»

Im Saal der Neun werden auf einer ganzen Wand die Tugenden aufgeführt, von denen sich die neun Regierenden leiten lassen sollten. Moralischer Zeigefinger oder Selbstbeweihräucherung? Vielleicht beides. Hier das Bild.

Die Allegorien der guten Regierung. (Bild: Wikipedia)

Kleine Lesehilfe (wer es genau wissen will, schaut hier nach): Der majestätische Alte in der mittleren Reihe ist eine allegorische Darstellung der Stadt Siena. Er ist umgeben von eben jenen Tugenden, die es in einer gut regierten Stadt braucht: links die Weisheit. Sie sorgt dank ausgleichender Gerechtigkeit dafür, dass die Bürger der Stadt alle am gleichen Strick ziehen (unten). Die Frau, die im weissen Gewand auf dem Sofa chillt, repräsentiert den Frieden (sie hat eine zerdrückte Rüstung unter dem Kissen). Die anderen sind Standhaftigkeit, Besonnenheit, Grossherzigkeit, Mässigung und das Recht.

Es versteht sich von selbst, dass ein derart komplexes System auch Schwächen hat. Ich meine: zweimonatige Amtszeiten, das bedeutet permanenten Wahlkampf (vielleicht auch permanente Anstrengungen, nicht gewählt zu werden). Zudem das Risiko von Instabilität und Schildbürgerei. Als 1348 die Pest ausbrach, kollabierte das System. 80’000 Menschen sollen in Siena an der Seuche gestorben sein. Wahrscheinlich sah es deutlich schlimmer aus als in der schlecht regierten Stadt auf dem Fresko. Jedenfalls gab es in Siena ab 1355 eine neue Regierungsform. Die Stadt erlangte aber nie wieder die gleiche Grösse wie vor der Pest.

Anders als Florenz, wo sich die mächtige Oligarchenfamilie Medici durchsetzen konnte. Auch das gibt mir zu denken.

Hier ein sehr anschauliches Youtube-Video über die Sala dei Nove.

 

Florenz: Erinnerung an die amerikanische Freundschaft

Auf dem US-Lastwagen steht: «Die florentinischen Kunstwerke kehren aus dem Südtirol in ihre Heimat zurück.» (Bild: Sammlung Locchi).

Der Giardino Bardini ist eine liebliche Grünanlage, in der man mehr Luft zum Atmen hat als im Stadtzentrum. Es finden hier auch regelmässig Ausstellungen statt. Noch bis zum 18. Oktober eine mit zehn Fotografien im Plakatformat, die die italienisch-amerikanische Freundschaft zelebrieren (hier mehr Informationen). Wir sahen die Bilder zufällig, und zunächst schenkte ich ihnen wenig Aufmerksamkeit. Aber als wir so zuoberst in der Loggia beim Kaffee sassen, erregte dieses Foto meine Aufmerksamkeit. Es zeigt einen US-Lastwagen 1945 an der Piazza della Signoria (man sieht oben im Mittelgrund David von Michelangelo).

Die Fotografie erinnert daran, dass die Nazis während des Zweiten Weltkrieges in Florenz Kunstwerke von unschätzbarem Wert geraubt hatten. Sie versteckten sie in einem Dorfgefängnis im Südtirol, das bis zum Kriegsende zu Deutschland gehörte. Als die Alliierten grosse Teile Europas zurückerobert hatten, setzten sie  eine Sondertruppe ein, die Monuments Men. Deren Auftrag war es, die geraubten Kunstschätze zurückzuerstatten (hier etwas mehr von der Geschichte). Sie fanden das Versteck in den Alpen und brachten die Werke zurück. Da sitzt du dann so vor deinem Cappuccino und denkst: Grosser Gott, wie werden wir in Europa uns ohne die Amis vor uns selbst schützen?!

Es ist auch in Italien nicht unbemerkt geblieben, dass die Amis ihr Interesse an Europa verloren haben und dass auf dem Alten Kontinent einiges im Argen liegt. In der Buchhandlung Feltrinelli am Hauptbahnhof fand ich am nächsten Tag bei den aktuellen Titeln dieses Buch. Der Autor sieht einem Prediger aus dem amerikanischen Mittleren Westen ähnlich, und er stammt auch aus den USA und brachte es dort im Tech-Team um Barack Obama zu Erfolg und Geld. Er hatte allerdings italienische Vorfahren und besetzt heute einen Lehrstuhl in Bologna. Er sagt den Italienern, was sie brauchen: Mehr Zuversicht und Vertrauen in ihre eigenen Stärken. Man möchte es uns allen in Europa wünschen.

Claude hat meinen Blog gelesen

Ihr wisst schon, welchen Claude ich meine. Ich meine ein KI-Tool der US-Firma  Anthropic namens Claude AI. Es war im Februar 2026 kurz in den Schlagzeilen. Grund: Anthropic verweigerte die Zusammenarbeit mit dem US-Verteidigungsministerium «bei Massenüberwachung in den USA und autonomen Waffensystemen, die Menschen ohne menschliches Zutun töten können», so der Guardian. Die Weigerung von Anthropic galt offenbar nicht für Kriege im Ausland: Bei den Angriffen auf den Iran nutzten die Amerikaner Claude sehr wohl, meldete CBS News.

Irgendwann kurz nach diesen Schlagzeilen meldete die WordPress-Statistik für meinen Blog einen Zugriff von claude.ai. Diese Statistik beobachte ich höchst aufmerksam. Dabei registriere ich öfter Zugriffe aus Staaten, in denen das Interesse an einem gänzlich irrelevanten deutschsprachigen Blog eigentlich gegen null tendieren sollte. Auch aus solchen östlich von uns, die uns nicht wohlgesonnen sind. Manchmal schleicht mir ein Schauer über den Rücken, wenn dort jemand meine Website aufgerufen oder einen Beitrag von mir angeklickt hat.

In letzter Zeit passiert das täglich auch in den USA, viel öfter als noch vor drei, vier Jahren. Zuerst redete ich mir ein, da würden wohl ein paar Heimweh-Schweizer*innen mitlesen. Später dachte ich, mein Content fliesse nun also in dieses Meer von Texten, aus dem sich die KI speist, die ja in den USA gemacht wird. Damit könnte ich leben. Dieses Meer betrachten wir ja im Allgemeinen als segensreich und schöpfen daraus unser Wissen. Als ich aber den Zugriff von Claude sah, hatte ich eine Schrecksekunde. Plötzlich wurde mir klar, dass wir beim Bloggen Dinge verraten, von denen wir nicht einmal wissen, dass wir sie verraten.

Natürlich war das schon früher so. Aber früher war uns die Welt im Allgemeinen wohlgesonnen. Oder wir waren ihr schlicht egal. Aber die Welt ist eine andere geworden. Ich sollte mir überlegen, welche Konsequenzen ich daraus ziehe. Noch schrecke ich davor zurück, die notwendigen Gedanken zu Ende zu denken.

Was ich meinem Vater gerne noch gesagt hätte

Kürzlich diskutierte ich mit einem Bekannten über unsere Väter – meiner ist vor 20 Tagen verstorben. Der Bekannte sagte: «Ich würde gerne noch einmal mit meinem Vater sprechen. Ich möchte ihm sagen, dass ich meine Meinung geändert habe. Dass er in vielen Dingen recht hatte.» Es ging ihm um Politik, um die Weltlage. Mein Bekannter war in jungen Jahren ein Rebell, autoritätskritisch, armeekritisch, AKW-kritisch. Er hat sich seinen Platz im Leben erkämpft. Aber jetzt haben die Zeiten sich geändert. Wir müssen unsere Überzeugungen von damals neu beurteilen.

Politisch betrachtet habe ich mit meinem Vater keine offenen Rechnungen. Wir respektierten einander – auch wenn wir beide wussten, dass unsere Meinungen in gewissen Belangen auseinandergingen. Wie die Weltlage in seiner letzten Zeit war, hat er gnädigerweise nicht mehr so richtig mitbekommen. Aber ich denke manchmal darüber nach, dass ich vielleicht in emotionalen Fragen zu engstirnig gewesen bin mit ihm. Dass ich mir vom täglichen Kleinklein den Blick auf Wesentliches habe verstellen lassen.

Als ich an seinem Grab stand, hatte ich jedenfalls ein überwältigendes Gefühl von Liebe und Dankbarkeit. Ihm gegenüber, aber auch der Welt gegenüber, in der er uns hat aufwachsen lassen, den vielen freundlichen Nachbarn und Kollegen gegenüber, der Familie, den Nichten, den Cousinen gegenüber, die von nah und fern gekommen waren. Das Gefühl war so mächtig, dass ich mich beinahe davon überzeugen konnte, dass es bis ins Jenseits zu ihm hinüberreichte. Und doch: Als auf dem Nachhauseweg danach der Bus bei der Station Talgrund hielt, wäre ich gerne ausgestiegen, um ihm von all dem zu erzählen.

 

Schweizerdeutsch 58: Was KI kann

zämeschtifle (V)

Standarddeutsch: eigentlich «zusammenstiefeln», das Verb «schtifle» ist jedoch hier eine verballhornte Form des Wortes «stellen»; also «etwas aus verstreut herumliegenden Teilen zusammenstellen» oder «provisorisch zusammenbasteln».

Zwischendurch kann ich euch ein bisschen Politik nicht ersparen. Zum Beispiel heute, denn beim Sichten der News heute früh regte ich mich mal wieder furchtbar über Donald Trump auf. Hat er doch eine 10 Milliarden-Klage gegen den britischen Fernsehsender BBC lanciert! Wegen eines unzulässig verkürzten Zusammenschnitts einer Trump-Rede, der nur das zum Ausdruck brachte, was wir längst als erwiesen ansehen dürfen: dass Donald Trump der Hauptschuldige am Sturm aufs Kapitol am 6. Januar 2021 war (siehe hier).

Also, eigentlich regte ich mich weniger über Trump auf als über die Leute in meinem Freundeskreis, die noch nicht begriffen haben, was es hier gespielt wird. Die immer noch sagen: «Joaaa, aber BBC hat doch wirklich einen Fehler gemacht!» Damit hat Trump schon erreicht, was er will. Denn, ja, der Zusammenschnitt war unsorgfältig. Aber es war ein Patzer, der im täglichen Medienbetrieb passieren kann und sich bei normalem Lauf der Dinge mit einer Entschuldigung hätte aus der Welt schaffen lassen. Aber vieles ist heute eben nicht mehr normal. Ich schimpfe: «Hier geht es einzig und allein darum, die Medien Europas zu schwächen!» Dass ausgerechnet der hoch verehrte öffentlich-rechtliche Sender BBC Trump einen derart willkommenen Anlass geboten hat, wird Trump nun bis zur bitteren Neige auskosten. Denn es bleibt doch immer etwas hängen. Und seine Mittel zum Prozessieren sind ja fast unbeschränkt.

«Versteht denn das niemand?!» lärme ich aus dem Bad zu Herrn T. «Trump und seine Tech Bros nutzen doch die Justiz nur, um mit ihren Milliarden die Demokratie in die Knie zu zwingen!» Herr T. reibt sich noch den Schlaf aus den Augen und ist verärgert darüber, dass er sich schon vor dem Kaffeetrinken über Donald Trump aufregen soll. Er brummelt: «Doch, das verstehen viele Leute. Es gibt sogar einen Fachbegriff dafür. Er kommt mir nur gerade nicht in den Sinn.» Aber er ist ein guter Ehemann, und so hantiert er geduldig mit dem Handy. Dann sagt er: «Schau, KI hat mir eine ganze Reihe von Begriffen für missbräuliche Klagen zusammengestiefelt.» Hobby-Juristin Frogg liest und findet hier genau den Begriff, der in ihren Augen die Sachlage umschreibt: Es dürfte sich um eine SLAPP-Klage (Strategic Lawsuit Against Public Participation) handeln. Die Klage ist an einem Bezirksgericht in Florida deponiert. Dort, wo auch Trump’s Anwesen  Mar-a-Lago liegt. Ob das Gericht dort das so sieht wie ich, müssen wir jetzt halt abwarten.

Schwerhörig: Fernsehen ohne Untertitel

Neulich kam eine dreiteilige Serie über die Geschichte Israels auf 3sat. Ich wollte den Dok unbedingt sehen. 3sat ist für Schwerhörige aber leider schlecht geeignet. Oft fehlen auf dem Sender bei den allerbesten Beiträgen die Untertitel. Auch bei der Serie über Israel. Man schaltet sich dann erwartungsfroh zu und gibt nach ein paar Minuten auf. «Vergiss es», sagt man zum Ehemann. «Das ist sinnlos.» Diesmal sagte Herr T.: «Doch, ich will das sehen.» Ich: «Dann musst du mir das aber Satz für Satz übersetzen.» Und das tat der unsagbar geduldige Herr Kulturflaneur dann auch, wofür ich ihm sehr dankbar bin.

Er nahm die Fernbedienung in die Hand und stoppte den Film stets nach einer kurzen Textpassage, die er dann wiederholte. Manchmal zuckte des Kulturflaneurs Finger zur Fernbedienung und ich stoppte ihn mit: «Das habe ich verstanden.» Manchmal war der Finger nicht mehr zu stoppen und ich bekam den Text zweimal. Klar, dass sich die Filmlänge so mindestens verdoppelte.

Der Dok arbeitet mit der These, dass es sich beim Krieg in Israel um einen unlösbaren Konflikt handelt. Leider bestätigen die Jahrzehnte seit 1948 diese Sichtweise. So zogen drei Folgen lang Bilder voller Blut, Zorn und Unversöhnlichkeit an uns vorbei. Mit der Zeit sieht vieles surreal aus. Irgendwo links im Bild taucht bei Verhandlungsszenen wieder und wieder wie auf Sperrholz gemalt ein dunkelblauer Anzug auf, darüber ein lächelndes Gesicht: der US-Präsident. Immer wieder kommt dieser Anzug, mit einem immer neuen Kopf zuoberst. Als wäre dort ein Loch, in das der jeweils amtierende amerikanische Präsident sein Gesicht halten und sich als Friedensstifter inszenieren kann: Nixon, Carter, Clinton, Obama. Auch wenn ich Donald Trump selbst nichts Gutes gönne: Ich hoffe, dass er sein Gesicht nicht vergeblich in dieses Loch gehalten hat.

Wir teilten Übung auf drei Abende auf. Jeden Abend war ich danach vollkommen erschöpft. Natürlich ist das angesichts des Leids an anderen Orten auf der Welt bedeutungslos. Und doch muss ich es wieder mal sagen: Auch hochgradig Schwerhörige wollen sich eine Meinung bilden! Also, bitte, Fernsehleute: Gebt uns brauchbare Untertitel!

Liebeserklärung an Wien

Pallas Athena vor dem Parlament (Quelle: Wikipedia)

Letzte Woche verbrachten Herr T. und ich ein paar Tage in Wien. Wieder wurde mir klar, warum ich diese Stadt so liebe: wegen ihrer schieren Grösse und ihrer Unübersichtlichkeit; wegen ihrer wechselhaften, auch düsteren Geschichte; wegen ihres Prunks, den sie nicht ohne Selbstironie zur Schau stellt; wegen ihrer Schäbigkeit, Nonchalance und ihres dunklen Humors, der – mal sarkastisch, mal mit trunkenem Weltgelächter – auch unappetitliche Dinge benennt. Ich meine: Wo sonst reisst man Witze über die Strasse, die zum Friedhof führt (hier der Rennweg)? Ihn «hat Alfred Polgar als ausgestreckten Darm Wiens bezeichnet – ergiessen sich doch durch ihn alle Ausscheidungen der Stadt in Richtung Zentralfriedhof.» (S. 225). Oder über die würdigen, heute von der Welt meist ignorierten Statuen vor Repräsentativbauten? In Wien weiss man noch um ihre Bedeutung: «Warum Pallas Athene, die Göttin der Weisheit, vor dem Parlament steht, weiss jeder Wiener: Sie traut sich nicht hinein.» (S. 150).

Blick hinter Stalins Marmorkolonnade.

Wo sonst hat Kritik am wachsenden Autoritarismus derart augenfällige künstlerische Intelligenz? Nehmen wir das Denkmal an die Eroberung Wiens durch die Rote Armee, das Josef Stalin 1945 gestiftet hat. Hinter der monumentalen Marmorkolonnade befindet sich dort ein Mäuerchen, in auffälligen Farben bemalt (siehe Bild, hier mehr über das Kunstwerk). Oder den Park bei der Votivkirche. Dort steht ein granitener Tisch  mit einem Stuhl für jeden der zehn bei der ersten Osterweiterung 2004 beigetretenen EU-Staaten – die Namen sind am Stuhlrücken eingraviert: Estland, Lettland, Litauen, Polen, Tschechien, Slowakei, Slowenien, Malta, Zypern und … halt, bei einem Stuhl ist der Rücken abgerissen, er ist namenlos. Nach einigem Rätselraten sind wir sicher: Das wäre der Stuhl Ungarns. Kunst oder Vandalismus? Egal. Jemand will hier, dass Ungarn unbequem sitzt.

Und dann lieben wir Wien wegen der p. t. Nimis, unserer alten Freunde, Frau Nimi war einst geschätzte Mitbloggerin. Herr Nimi ist mit den Jahren dazugekommen. Beide sind begnadete Kulinariker und haben uns nach Strich und Faden verwöhnt. Danke Euch beiden!

Zitate sind aus Beppo Beyerl: „Wien und Umgebung“, Reise Know-How Verlag Peter Rump, Bielefeld, 5., komplett aktualisierte Auflage 2004.

Saint-Maurice: Festungen und Fragen

Das Schloss von Saint-Maurice, wegen der aktuellen Asterix-Ausstellung auch attraktiv für Familien.

Saint-Maurice ist so weit von der Zentralschweiz weg, dass ich es vor unserer Reise kaum auf der Karte gefunden hätte. Dabei ist das Städtchen von enormer Bedeutung für die Schweiz. Es liegt an der engsten Stelle des Unterwallis. Hier zwängt sich die Rhone zwischen  Felsen hindurch. Links und rechts führen Strassen zu den Alpenpässen Simplon und Grosser St. Bernhard, der schon im Altertum Handelsroute war. Wer einst von Rom ins Mittelland oder nach Frankreich wollte, kam hier vorbei. Die Touristin besichtigt hier die Fundamente der Schweiz und fragt sich, ob wir in Zukunft auf sie bauen können.

Die Burg im Bild oben ist das Schaustück der Militäranlagen von Saint-Maurice. Gebaut im Spätmittelalter von den Wallisern, nachdem sie Savoyen 1476 die Nordseite des Grossen St. Bernhard abgenommen hatten. Wichtiger ist das, was man sieht, wenn man hinter der Burg dem Hang entlangspaziert: Täfelchen erinnern dort daran, dass die Schweiz 1815 am Wiener Kongress wegen ihrer Alpenpässe von den europäischen Mächten für neutral erklärt wurde. Die Eidgenossenschaft habe sich fortan als Hüterin ihrer Pässe gesehen und Festungen und vor allem Bunker zu deren Verteidigung gebaut – auch in Saint-Maurice. Wahrscheinlich war die Neutralität einer von mehreren – nicht nur noblen – Gründen, weshalb die Schweiz heil durch die Kriege des 20. Jahrhunderts kam. Heute fragt man sich: Würden uns all diese Anlagen in einem Krieg gegen Putin etwas nützen? Sind unsere Alpenpässe noch bedeutsam? Wie sinnvoll ist die Neutralität noch?

Der heilige Mauritius wurde europaweit verehrt: Hier eine Statue im Dom zu Magdeburg von 1250 (Quelle: Wikipedia).

Und dann kann man im Städtchen einen der Ursprünge des Christentums in Europa besichtigen. Hier wurden der Legende nach im Jahre 290 der römische Legionär Mauritius und seine Truppen zu Märtyrern, weil sie keine christianisierten Gallier töten wollten. Das nach ihm benannte Kloster wurde 515 gegründet und ist eines der ältesten in Europa (siehe hier). Doch war es in den letzten Jahren nicht wegen seiner Altehrwürdigkeit in den Schlagzeilen, sondern weil Männer aus der Abtei Kinder und Jugendliche sexuell missbrauchten (ein Bericht des „Beobachters“ fasst die Situation hier gut zusammen). Man befindet sich hier also einem der Orte, an dem die katholische Kirche gegen den Untergang ringt, den sie sich – ganz ohne äussere Feinde – selbst zu bereiten droht. Wenn es ihr nicht gelingt, die schweren systemischen Störungen zu überwinden, die sexuelle Gewalt in ihren Institutionen fördern, ist sie in ein paar Jahren in Europa bedeutungslos. Was passiert dann in Zeiten kostspieliger Aufrüstung mit den sozialen Institutionen, die die Kirche noch führt? Wird etwas an ihre Stelle treten, was für die Seelen der Menschen so bedeutsam ist wie einst das Christentum? Und wird es etwas besseres sein?

Mein Blick fiel von der Festung auf das Wasser der Rhone. Sie führte überraschend viel Wasser nach zehn Tagen mit rekordverdächtig hohen Temperaturen und wenig Regen. Die Fluten waren weisslichgrün und dickflüssig wie Dispersionsfarbe. Da war wohl viel Schmelzwasser von Gletschern dabei. Hier im Wallis gibt es zahlreiche Gletscher, und sie schwinden. Wie wird es hier sein, wenn sie alle weg sind?

Derborence: Teuflische Bergstrecke

Wir schreiben den 22. Juni, in der Nacht zuvor hat Donald Trump Bomben auf Iran geworfen. In Sion sind wieder über 30 Grad angekündigt. Herrn T. will an den Lac de Derborence, 1451 Meter über Meer, dort ist es kühler. Aber Achtung: „Das gilt als die gefährlichste Postautostrecke der Schweiz“, sagt er. „Ok“, sage ich und so steigen wir in den gelben Bus, der zunächst über grüne Hänge den Bergen entgegenkurvt. Wenn der Chauffeur das Posthorn erklingen lässt, rennen Kinder herbei und winken. Hinter dem Fahrer sitzen vier Typen, so übermütig, als hätten sie schon am frühen Morgen dem Fendant zugesprochen.

Nach Aven wird die Strasse einspurig, nur da und dort eine Ausweichstelle. Dann eine enge Kurve und nun fahren wir auf einem schmalen Sims über der Schlucht. „Nur neun Chauffeure haben überhaupt die Erlaubnisse, diese Strecke zu fahren“, sagt Herr T. Er sitzt am Fenster und knipst, später zeigt er mir die Bilder, man sieht nur Sitzpolster und senkrecht abfallende Felsen. Ich schaue lieber nach vorn. Der Chauffeur lässt das Horn jetzt vor jeder Kurve erklingen, es kommen keine Kinder mehr. Auch kaum Gegenverkehr, zum Glück.

Vor einer Linkskurve hält der Fahrer an, ziemlich lange. Ich sehe ihn im Spiegel, ein behäbiger, junger Mann mit pechschwarzem Haar. Er kratzt sich am Unterkiefer. Ein Anzeichen von Nervosität? Es ist mäuschenstill im Bus, auch die Fendant-Männer schweigen. Ein Töffli kommt aus der Kurve, zieht vorbei. Der Fahrer wartet weiter. Herr T. bekommt irgendwie mit, dass hinter der Kurve ein Tunnel ist, vielleicht steht auf der anderen Seite eine Ampel und er muss abwarten, bis der Gegenverkehr vorbei ist. Oder so.

Vielleicht funktioniert ja etwas nicht.

Ich habe der Postauto AG immer vertraut, ein Bundesbetrieb, verlässlich und integer (also, abgesehen von diesem seltsamen Finanzskandal, aber das beeinträchtigt die Fahrgastsicherheit ja nicht, oder?), die Busse erschliessen noch das fernste Alpental, das ist politisch gewollt und sinnvoll. Aber den Amerikanern haben wir auch vertraut und schaut her, was  passiert ist! Kann man überhaupt noch jemandem vertrauen?

Wir warten. Über den News-Bildschirm vorne flimmert wieder und wieder die Nachricht, dass im nahen Conthey eine invasive Ameisenart in sechs Häuser gedrungen ist. Die Insekten würden in riesigen Staaten leben. „Es waren so viele, man konnte vor lauter Ameisen den Fussboden nicht mehr sehen“, soll die Bewohnerin eines betroffenen Hauses gesagt haben.

Endlich fährt der Chauffeur hinein in den Tunnel, bewegt den Bus Zentimeter um Zentimeter vorwärts, er passt genau ins Gewölbe, ein ungenaues Manöver und das Dach sieht aus wie nach einem Eiertütschen. Das Posthorn erklingt so oft, ich kann es schon gar nicht mehr hören.

Als das Postauto das Ende der Schlucht und auf flacheres Terrain erreicht hat, klatschen die Leute im Bus. Wie in einem Flugzeug, das vom Piloten bei ruppigem Wetter heil auf die Piste gesetzt wurde. Ich bin nicht sicher, ob das mein Vertrauen in die Welt wieder herstellt. Aber ich habe Hochachtung vor Buschauffeuren, die Verantwortung für so viele Leute auf sich nehmen.

Wir steigen aus, gehen über den Parkplatz und dann zeigt Herr T. auf ein Auto und sagt: „Schau, ein Niederländer!“ Wir lachen beide, denn so ist es immer auf diesen teuflischen Bergstrecken: Zuoberst auf dem Parkplatz steht ein Auto mit NL-Kennzeichen, das Fahrzeug eines Flachländers, der bewiesen hat, dass er hier hochkommt.

Und dann kommen wir zum See, und ich muss zugeben, es ist ganz wunderprächtig dort oben. Man kann für Stunden alles vergessen.

Lac de Derborance.

Schweizerdeutsch 46: Die Wirkungslosigkeit unseres Tuns

Das hed käi Iifloss of d’Vermehrig vo de Waudamäisi

Standarddeutsch: Das hat keinen Einfluss auf die Vermehrung der Waldameisen. Sinngemäss: Du brauchst Dir keine Sorgen zu machen, das hat keinerlei Auswirkung.

Herr T. und ich sind zu Besuch bei der alten Dame (89), meiner geliebten Freundin. Sie ist gebrechlich geworden und besorgt über die Weltlage. So viele Staaten üben gerade Gewalt aus, gegen ihre eigene Bevölkerung oder gegen jene unmittelbar benachbarter Territorien! Herr T. sagt, dass er die Produkte aus einem dieser Staaten boykottiere, schon seit einiger Zeit – Orangen zum Beispiel. Die alte Dame ist sofort besorgt, sie will doch alles richtig machen, schaut nach ihrer Obstschale und sagt zu mir, die direkt neben der Schale sitzt: „Schau mal auf das Label! Ist sie von dort?!“ Mir tut es bereits leid, dass wir sie verunsichert haben, und überhaupt ist das Label grün und ohne Länder-Herkunftsbezeichnung. Ich möchte sagen: „Mach Dir keine Sorgen wegen dieser einen Orange! Das hed käi Iifloss of d’Vermehrig vo de Waudamäisi.“ Das hat unsere Mutter jeweils zu uns Kindern gesagt, wenn wir etwas getan hatten, was vielleicht Auswirkungen hätte haben können, die wir nicht bedacht hatten. Aber nun bekam es plötzlich auch noch eine andere Bedeutung: Ich sah diese einzelne Orange einer alten Frau und mir wurde bewusst, wie erbärmlich gering unsere Einflussmöglichkeiten auf das Weltgeschehen sind.