Geert gegen Geert – zu den Europawahlen

Geert Wilders, Rechtspopulist; Jahrgang 1963 (Quelle: Wikipedia)

Anlässlich der EU-Wahlen wollte ich Geert Mak googeln. Kaum hatte ich „Geert“ getippt, schlug die Suchmaschine mir Geert Wilders vor. Nun, den kennen die meisten. Er ist der bekannteste Rechtspopulist der Niederlande und Sieger der letzten Wahlen dort. Seine vor einiger Zeit noch ausdrücklich EU-skeptische Partei kandidiert auch für die EU-Wahlen.

Wilders ist gewissermassen die Antithese zu jenem Geert, den ich tatsächlich googeln wollte: Geert Mak, niederländischer Schriftsteller, Journalist, begeisterter Chronist der europäischen Geschichte. Ich lese gerade sein 1999 erarbeitetes Buch „In Europa“. Bei jedem Satz des 900-Seiten-Wälzers wird deutlicher, dass seit der damaligen Reise von Herrn Mak ein ganzes Vierteljahrhundert verflossen ist. Wie sehr Europa sich seither verändert hat! Wir erinnern uns an die EU 1999: Der Euro stand vor der Einführung, die EU-Osterweiterung lag in der Luft. Den Rechtspopulismus war noch unbedeutend.

Geert Mak, Journalist, geboren 1946 (Quelle: geertmak.nl)

Mak reiste kreuz und quer durch den Kontinent, machte Recherchen über die Geschichte Europas im 20. Jahrhundert und schrieb zunächst Kurzbeiträge. Diese erschienen auf der Front seiner Zeitung, des liberalen NRC-Handelsblad. Im Jahr 1999 waren gedruckte Zeitungen noch ehrwürdige Hüterinnen der Demokratie. 2024 sind gedruckte Zeitungen ökonomisch schwer bedrängt und viel diffamiert. Das NRC-Handelsblad gibt es noch, im Print mit einer Auflage von 145000, und auch digital. Aber ich weiss nicht, ob das Blatt heute die Reisen von Herrn Mak bezahlen könnte. Überhaupt, die Digitalisierung: Mak reist bereits mit einem Mobiltelefon und gar einem Notebook (das war damals der letzte Schrei), aber er hatte noch kein Smartphone, statt dessen eine CD-ROM der Encyclopedia Britannica und 15 Kilo Bücher im Gepäck (Seite 21). Weiss heute noch jemand, was eine CD-ROM ist?

Angekommen in Paris, rühmt Mak 1999 die „sechs Gemüsehändler, fünf Bäcker, fünf Schlachter und drei Fischhändler“ an seinem kurzen Weg vom Hotel zum Boulevard (Seite 31). Vor meinem geistigen Auge taucht eine Erinnerung an den Herbst 2022 auf: die leere, ehemalige Metzgerei neben unserem Hotel an der Rue du Faubourg St. Antoine 2022. Ursachen für leere Ladenlokale in der EU heute: die Pandemie. Der unaufhaltsame Vormarsch der Grossverteiler. Und wieder: die Digitalisierung.

Maks nächstes Reiseziel ist London – diese Destination würde er wohl heute  auslassen, Grund: der Brexit.

Wirklich unheimlich wird es aber, als der Autor das Grauen des Ersten Weltkrieges (1914 bis 1918) schildert. Ob Mak sich 1999 vorstellen konnte, dass 2024 ein ähnlicher Krieg am östlichen Rand des Kontinents toben wird? Heute sagen viele Expert*innen: Die Zukunft Europas wird in der Ukraine entschieden. Wichtigste Aufgabe der EU werde nun sein, ihre Haltung zu Putin zu klären.

Diesbezüglich haben die beiden Geerts nun sehr unterschiedliche Meinungen. Geert Wilders ist ein erklärter Putin-Freund, siehe hier, wie so viele seiner rechten Kollegen. Und was sagt sein Gegenpart, Herr Mak? Er hat news.at 2023 ein sehr kenntnisreiches Interview gegeben – hier. Man müsse in der EU mit dem komplizierten Nachbarn Russland leben lernen, einem Mafiastaat, sagt er. Das heisse: Die EU müsse sich bewaffnen, um sich vor ihm zu schützen. Auf die Amerikaner sei diesbezüglich kein Verlass mehr.

Ich habe als Schweizerin nichts zu melden, wenn es um die Zukunft der EU geht. Trotzdem sage ich es hier: In dieser Sache stehe ich auf der Seite von Geert Mak.


Geert Mak hat bereits selbst eine Fortsetzung seines Euro-Epos vom Anfang des Jahrhunderts verfasst. Es heisst „Grosse Erwartungen – auf den Spuren des europäischen Traums“ (erschienen im August 2020). Oder eben: Geert Mak: „In Europa“, Pantheon Verlag, 2004.

Fünf Bücher, die ich eventuell verschenken würde

Mir ist vor ein paar Tagen klargeworden, dass ich meine wiederkehrende Jahresend-Bücherrubrik jetzt schon schreiben muss. Denn am Jahresende werde ich keine Zeit haben. Dabei habe ich 2023 so viel gelesen wie nie zuvor. 49 Titel sind es bis jetzt, und es waren auch beleibte Bände dabei. Darunter fünf, die einen so starken Eindruck hinterlassen haben, dass ich sie unter Umständen verschenken würde. Hier sind sie, als verfrühter Rückblick auf das Lesejahr:

Kein Buch hat mich 2023 so fasziniert und so gequält wie dieser 1,5 Kilo schwere Ziegelstein. Fasziniert, weil er mein eurozentrisches Weltbild sprengte. Er lässt Weltgeschichte vor 4000 Jahren im heutigen Irak beginnen, mit einer Frau. Dann stellt er die Geschichte von Asien, Lateinamerika und Afrika effektvoll neben jene Europas und Afrikas. Gequält, weil das Buch letztlich doch sehr wenig Substanz hat. Der Autor leiert die Gräueltaten der grossen Dynastien mit dem voyeuristischen Vergnügen einer englischen Boulevard-Zeitung herunter. Bei ihm ist Weltgeschichte nichts als eine endlose Abfolge von Machthunger, Blutdurst und sexueller Gewalt. Immer wieder kommt das Buch an den Punkt, wo es interessante Fragen stellen könnte: Warum war das so? Wie waren die ökonomischen und politischen Verhältnisse damals? Aber genau da bricht der Autor einfach ab und richtet den Blick flugs auf eine andere Ecke der Welt. Dass sich unsere Spezies in vier Jahrtausenden trotz all diesen Grausamkeiten exponentiell vermehrt hat, steht zwar da. Aber erklärt ist es nicht mal ansatzweise. Wir sollten gelassen akzeptieren, dass der Mensch eine reissende Bestie ist, das ist Herrn Montefiores These. Ich habe das Buch selbst geschenkt bekommen, und mit der Zeit wurde die abendliche Lektüre von mindestens zehn Seiten (mit dem Handy auf den Knien, zum Googeln) eine Art Meditationsübung. Schenken würde ich es jemandem, der gerne wichtig aussehende Wälzer herumstehen hat. Oder jemandem, der mit mir darüber diskutieren möchte, was wir mit Herrn Montefiores These anfangen sollen. Aber nur zusammen mit dem nächsten Buch.

Diesen dünnen Band habe ich bereits einer Freundin geschenkt – weil wir beide ein gewisses Unbehagen gegenüber dem woken Feminismus teilen, der im Endeffekt so tut, als gäbe es Frauen gar nicht. Aber begeistert hat es mich schliesslich, weil es sich liest, als würde Susan Neiman Herrn Montefiore geradewegs ins Gesicht antworten: „Nein“, sagt sie. „Wir Linken nehmen nicht einfach hin, dass der Mensch eine reissende Bestie ist und bleibt und basta.“ Sie schreibt sinngemäss: Links sein heisst, darauf zu bestehen, dass Ansprüche auf Gleichheit, Gerechtigkeit und die Einhaltung der Menschenrechte nicht utopisch bleiben. Dass alle Menschen zwei Dinge gemeinsam haben: dass sie Schmerz und Mitleid empfinden können. Und dass dies unser Zusammenleben  definieren sollte – nicht unsere Zugehörigkeit zu einer Gruppe, einer Rasse, einer Dynastie. Oder unser Status als Opfer. Ich zweifle manchmal, ob es eine gute Idee ist, links zu sein, aber ich bin sicher lieber links als Montefiore.

Reines Leseglück! Dieser Roman hat einen Sound, einen leicht sphärischen Sound, etwa wie „Lucy in the Sky with Diamonds“ von den Beatles aus dem Jahre 1967. Und das ist kein Zufall, denn er spielt im Jahre 1967 und ist die Geschichte einer fiktiven Popband namens Utopia Avenue in Swinging London. Neben den vier sehr verschiedenen fiktiven Bandmitgliedern kommen da auch viele echte Musikgrössen von anno dazumal vor, der junge David Bowie etwa, der einen sphärischen Humor hat. Oder Gitarrengott Jimi Hendrix, der entweder sehr verladen ist oder einfach sonst kein origineller Plauderer. Ich würde es jeder und jedem mit meinen einstigen musikalischen Vorlieben schenken. Besonders aber jenen, die keine Musik mehr hören können und hier auf dem Papier die Leichtigkeit eines Spätsechziger-Songs zurückbekommen.

„Ach, weibliche Betroffenheitsliteratur“, habe ich geseufzt, als eine Freundin mir dieses Buch auslieh. Was habe ich in jungen Jahren solche Bücher gelesen! Klar, sie haben dazu beigetragen, dass ich ein kritisches Bewusstsein für das Patriarchat der 1980er-Jahre entwickelte. Aber heute sind wir doch viel weiter, da werde ich doch nichts mehr lernen können, dachte ich. Ich täuschte mich. Schutzbach liefert Antworten auf aktuelle Fragen wie: Warum müssen Frauen eigentlich immer noch so sehr darum kämpfen, ernst genommen zu werden? Ist es wahr, dass Frauen immer noch mehr Familienarbeit leisten als Männer? Und wenn ja: Warum? Warum hassen Frauen ihre Mütter (jedenfalls manchmal)? Und: Wie könnten wir es schaffen, Erwerbsarbeit, Care-Arbeit und Erholungszeit neu aufzuteilen? Zweierlei nehme ich ihr allerdings übel: Sie strengt sich furchtbar an, in ihrem Buch alle „weiblich sozialisierten“ Menschen mitzumeinen. Als würden nicht grossmehrheitlich Frauen weiblich sozialisiert. Oft verwendet sie den Begriff Flintaqs – ein Akronym, das Frauen und ihre Erfahrung gleichsam zum Verschwinden bringt. Und dann vergisst sie auch noch eine ziemlich grosse Gruppe Menschen, die mehrheitlich aus Frauen besteht: Jene, die sich um ältere Angehörige kümmern. Überhaupt vergisst sie Frauen Ü50. Sollte Schutzbach das hier je lesen, wird sie sich ermattet eine Haarsträhne aus dem Gesicht streichen und stöhnen: „Oh nein, nicht das auch noch!“ Allein für das Fünkchen Schadenfreude, das bei dieser Vorstellung aufglimmt, würde ich es meinen feministischen Freundinnen schenken, auch den älteren.

Auch wenn dieser Beitrag nun schon sehr gelehrsam ist: Dieses Buch des Engländers Oliver Bullough muss ich noch erwähnen. Ich würde es all jenen schenken, die sich für die Ungerechtigkeit des Spätkapitalismus interessieren, aber Finanzdienstleistungen halt so kompliziert finden. Es erzählt leicht verständlich und zuweilen sehr amüsant, wie das Vereinigte Königreich vom Kolonialherrn zum diensteifrigen Bankier für die Oligarchen der Welt wurde – und wie es damit arme Länder ärmer macht und gemacht hat. Wir erfahren hier so viel über Steuerdumping und -Hinterziehung, über Hinterzimmer-Finanzdeals und Casino-Spielchen,  dass ich mir oft gewünscht habe, es gäbe ein solches Buch über die Schweiz (die Bullough vergleichsweise harmlos findet). Leider hat das Buch ein frustrierendes Fazit: Der britische Staat ist mittlerweile derart abgewirtschaftet, dass zwar ein Wille besteht, wenigstens internationalen Standards von Fairness und Transparenz nachzukommen – aber es fehlen ihm einfach die Mittel dafür.

 

 

 

Luxusprobleme und echte Sorgen in North Wales

In meinem vorletzten Beitrag habe ich ein grosses Drama um meine  befremdlichen, ersten Eindrücke in Caernarfon, North Wales, gemacht. Ich möchte hier betonen: Ich habe es nicht getan, um jemanden dort schlecht aussehen zu lassen. Wenn Herr T. und ich von einer Reisedestination stets blitzblanke Küchen, perfekte Blümchendekos und blauen Himmel erwarten würden, dann würde ich Hotelkritiken auf tripadvisor.com schreiben. Aber wir beide reisen und schreiben, um die Welt besser zu verstehen. So habe ich hingeschaut und mich seither oft gefragt: Weshalb verfallen in einer so schönen Stadt wie Caernarfon so viele Häuser warum stehen so viele leer oder zum Verkauf?

Verkaufsschilder und Baugerüste ohne Arbeiter: Etwas stimmt nicht im Walisischen Wohnungsmarkt.

Den Leuten, denen wir in Nordwales kurz  begegnet sind, konnten wir leider keine solchen Fragen stellen. Dafür hätte es ein blitzschnelles Gehör und etwas Glück gebraucht. Heute ersetzt mir das Internet oft beides, oder verschafft mir wenigstens ein passioniertes Halbwissen. So habe ich herausgefunden, dass die Walisische Regierung in Cardiff ebenfalls hingeschaut hat. Sie hat Anfang dieses Jahres Beihilfen im Umfang von 50 Millionen Pfund bereitgemacht. Für Hauseigentümer, die ein heruntergekommenes, leerstehendes Haus wieder bewohnbar machen. Die so unterstützten, neuen Besitzer müssen dann aber auch mindestens fünf Jahre im renovierten Haus wohnen (hier der Bericht). Laut Regierung gibt es 22000 solche Liegenschaften in ganz Wales. Mich erstaunt, dass es nicht mehr sind.

Schnell musste ich leider auch feststellen, dass in Nordwales nicht nur viele Häuser leerstehen – sondern dass gleichzeitig eine dramatische Wohnungsnot herrscht.  Ist das nicht komplett bescheurt? Beim Lesen der Berichte musste ich mir eingestehen, dass mein Unbehagen in Caernarfon wahrscheinlich ein Luxusproblem war. Dieses Bild jedenfalls machte mich sehr betroffen.

Der Schlossplatz von Caernarfon am 8. Mai 2023 (Quelle: bbc.com)

Es zeigt den Hauptplatz der Stadt ziemlich genau von jener Stelle aus, auf der wir ihn zum ersten Mal betraten. Am 8. Mai fand dort eine Demonstration gegen die Wohnungsnot in Wales statt, an der trotz offensichtlich himmeltraurigem Wetter 1000 Menschen teilnahmen. Dass mit bbc.com hier ein nationales Medium über den Anlass berichtete, unterstreicht dessen Relevanz.

Das Online-Magazin dailypost.co.uk widmete sich am 15. Juni 2023 der Wohnungskrise in Nordwales. Die Schlagzeile: „Alle eineinhalb Stunden meldet sich im County Gwynedd jemand obdachlos.“ Gwynedd, dessen Hauptort Caernarfon ist, zählt 117400 Einwohner, 652 Personen sind ohne festen Wohnsitz, heisst es in einem Bericht der Regierung. Das ist einer von 170 Menschen. Zum Vergleich: In ganz Deutschland ist es etwa einer von 320.

62 Kinder wohnten laut einem Regierungsbericht in provisorischen Unterkünften, 36 Kinder in einem Bed & Breakfast. Und hier reden wir nicht von Gaststätten mit Handtuchwärmern und einer Landlady, die den Kleinen beim Teeeinschenken liebevoll übers Haar streicht. Sondern von eiskalten Zimmern und auch mal von sexuell übergriffigen Mitbewohnern (hier). Fast 7000 Kinder und Jugendliche gelten in Gwynedd als arm, das ist gut ein Drittel der Minderjährigen. Zwei Drittel der Einwohnerinnen und Einwohner könnten sich gar kein Haus leisten, heisst es. Die Regierung will nun sogar ein leerstehendes Verwaltungsgebäude zu Notunterkünften für rund 30 Personen umbauen.

Die Gründe für das Übel sind wohl vielfältig: die Teuerung ist gerade in ganz Europa hoch – in Grossbritannien ist von einer eigentlichen Cost of Living-Crisis die Rede, bei der die Lebenskosten deutlich schneller stiegen als die Einkommen. Die steigenden Hypothekarzinsen bereitet im übrigen auch zahlreichen Hauseigentümerinnen und Mietern in der Schweiz Bauchschmerzen. In Grossbritannien führt er breite Bevölkerungsschichten in die Bredouille, wie hier gut erklärt wird.

In Wales kommt der Boom der Zweitwohnungen dazu. Gerade, weil die Gegend schön ist, begehren reiche Engländerinnen und Engländer für ein paar Wochen im Jahr hier zu wohnen. Und sie können für so ein Häuschen viel mehr Geld in die Hand nehmen als Einheimische. Während der Pandemie hat sich der Anteil der Zweitwohnungen allein in Gwynedd mehr als verdoppelt. Diese Feriendomizile stehen ja dann auch noch die meiste Zeit des Jahres leer. Dazu kommen die Anbieter von Airbnb, die ja teils auch in Konkurrenz zu einheimischen Möchtegern-Hauseintümern stehen. Im April 2023 reagierte Cardiff: Jetzt dürfen die Gemeinden in Wales von Zweitwohnungs-Eigentümern viermal so viel Grundstücksteuern verlangen wie von Dauer-Anwohnenden. Das könnte allerdings dazu beigetragen haben, dass wir an einem kleinen Hafen Felinheli Mitte Juni eine ganze Strasse mit Häuschen sahen, vor denen fast überall „For Sale“-Schilder standen.

Nun, Herr T. und ich haben wahrscheinlich wenigstens etwas richtig gemacht: Herr T mag Airbnb nicht und hat uns deshalb stets in altmodische, halt etwas teurere Hotels gebucht. Da haben wir hoffentlich niemandem einen Platz zum Wohnen weggenommen.

 

 

 

Das Herz von England

    Die Kathedrale und Altstadt von Lincoln im Juni 2023

Das Herz von England liegt nicht in London. In London liegt das Hirn, liegen einige der wichtigsten Muskeln von England. Aber das Herz von England liegt in kleineren Städten, zum Beispiel in Lincoln, ungefähr in der Mitte zwischen London und Newcastle.  Wenn man im Herzen von England angelangt ist, sieht man das am Stadtbild. Meistens gibt es in solchen Städten eine Kathedrale und eine Burg oder wenigstens einen stolzen Landsitz. Es gibt Fachwerkhäuser, Pubs mit Butzenscheiben, Kopfsteinpflaster und sehr rote Postgebäude. Es gibt einen Fluss, in dem Trauerweiden ihre Äste baden und tief liegende Wolken. Es gibt Cafés, in denen man Dinge wie Cheddarkäse auf Früchtebrot, Scones mit sehr dicker Sahne oder Cheesecake essen kann. Es gibt ein sorgfältig gepflegtes Geschichtsbewusstsein.

Das sehr rote Postgebäude in der Altstadt von Lincoln.

Lincoln war im Mittelalter dank florierendem Export von Wolle eine reiche Stadt. Ab 1027 baute man eine Kathedrale, heute ein atemberaubender Anblick, aussen und innen. Die Hooligans hatten uns hergebracht, sie verwöhnten uns mit diesem Ausflug, wir genossen jede Minute. Die Altstadt ist richtig schnuckelig, mit verwinkelten Gässchen und hübschen Läden. Belebt, aber nicht überlaufen. „Ihr hättet das alles vor der Pandemie sehen sollen!“ sagte Diamond Eye. „Es waren so viele Leute in den Gassen, dass es  ein Fussgängerleitsystem gab. Links ging man hoch, rechts kam man herunter.“ War ich froh, dass wir nach der Pandemie gekommen waren!

Es gibt in Lincoln auch eine Burg mit Museum. Dort ist eine der vier ersten Abschriften der Magna Charta von 1215 zu sehen (was das für ein Dokument ist, ist hier einfach erklärt). Es wird auch im Museum selbst gut erklärt, weshalb dieses Dokument so bedeutsam ist, für die Rechtsordnung sehr vieler Staaten. Museumsdidaktisch sind sie im Vereinigten Königreich top. Da starrt man nicht einfach ehrfürchtig ein tintiges Stück Pergament in einer Vitrine an. Da gibt es immer auch kleine, gut verständlich geschriebene Texttäfelchen (ideal für Schwerhörige). Auf so einem Täfelchen stand, dass die Magna Charta der Anfang der Gleichheit aller vor dem Gesetz war.

Wir streiften weiter durch das Herz von England und stellten abseits der meistbegangenen Fussgängerpassagen fest: seine Kranzgefässe kränkeln ein bisschen. Am Rande der Altstadt und an den Ausfallstrassen: auffallend viele geschlossene Ladenlokale, die Schaufenster oft mit Brettern vernagelt. Auch in respektablen, gut erhaltenen Bauten. Herr T. erkundigte sich bei Eagle Nose nach den Gründen. Dieser gab sich wortkarg: „Ungünstiges ökonomisches Klima.“ Aber aus seinen Briefen weiss ich: Er denkt, dass es nicht zuletzt am Brexit liegt. Und er denkt, dass der Brexit mehr ist als ein kleiner Konjunkturknick, ein Klacks angesichts von Hunderten Jahren Geschichte. „Mir tun die jungen Leute leid, von denen so viele jetzt um ihre Zukunft betrogen werden“, hat er einmal geschrieben.

 

Ein ukrainischer Oligarch

Oligarch Rinat Achmetow 2013 (Quelle: Wikipedia).

Bei meinen Recherchen für die Londongrad-Tour mit meinem Patensohn Tim bin ich auf etwas Verblüffendes gestossen: einen ukrainischen Oligarchen. Ich meine: Natürlich wissen die meisten von uns, dass es ukrainische Oligarchen gab oder gibt. Der Zerfall der Sowjetunion ist ja an vielen Orten ähnlich verlaufen. Aber angesichts der Weltlage blenden wir das gerne aus und sehen als einzigen Ukrainer Wolodimir Selenski. Wir denken nicht darüber nach, dass noch 2008 die 50 reichsten Menschen der Ukraine 85 Prozent des dortigen Bruttosozialproduktes besassen und mit dem Staat machten, was sie wollten (hier eine Liste der zehn vermögendsten von ihnen). Dieser Beitrag sollte ursprünglich vom allerreichsten von ihnen handeln, von Rinat Achmetov, der in London ein bemerkenswertes Penthouse besitzt.

Im Moment scheint es mir aber wichtiger zu sagen, dass die Ukraine ernsthaft versucht, ihre Oligarchen zu schwächen (hier ein guter Bericht dazu). Sie will ja in die EU, da gehen mauschelnde Machtmenschen mit Milliardenvermögen gar nicht. So hat der Staat schon mal in einem Gesetz Kriterien definiert, die jemanden zum Oligarchen machen: Er verfügt über ein Vermögen von 80 Millionen Euro oder mehr; er besitzt ein Medienunternehmen; er übt Einfluss in der Politik aus oder hat ein Monopol in einem bestimmten Wirtschaftsbereich. Treffen drei dieser vier Kriterien auf jemanden zu, dann haben wir es mit einem Oligarchen zu tun. Diese werden seit Einführung des Anti-Oligarchen-Gesetzes 2021 in einem Register vermerkt. Seither interessiert sich Rinat Achmetov ja auch gar nicht mehr für Politik, nicht doch, er hat sich gar nie wirklich für Politik interessiert. Dass er einen Parlamentssitz hatte – ach Gott, ein reines Versehen!

Nein, Oligarchen, das geht gar nicht in der EU – obwohl: Als ich so darüber nachdachte, sind mir auf Anhieb die Namen von zwei europäische Herren eingefallen, die ukrainische Oligarchen-Kriterien erfüllen: der soeben verstorbene Silvio Berlusconi. Und der schweizerische alt Bundesrat und Unternehmer Christoph Blocher (aber das spielt natürlich keine Rolle, denn die Schweiz ist ja nicht in der EU).

Zu Rinat Achmetov hier nur noch kurz: Sein exklusives Penthouse liegt am One Hyde Park, wo zwischen 2007 und 2010 die teuerste Immobilie von London erbaut wurde. Sie liegt wenige Gehminuten von Harrods entfernt, direkt am Südrand der weltberühmten Parkanlage Hyde Park. Achmetov soll 136,3 Millionen Pfund für zwei Wohnungen in der Anlage bezahlt haben.

Die teuerste Immobilie Londons, heisst es: One Hyde Park. Quelle: Wikipedia

Achmetov war (und ist wohl immer noch) der reichste Mann der Ukraine und sehr sehr wahrscheinlich ein Gangsterboss der ersten Liga – obwohl ihm nie etwas Ungerades nachgewiesen wurde, er war ja auch sehr einflussreich. Heute sind seine Besitztümer von den Russen sanktioniert oder zerstört. Sein Reichtum stammt vor allem aus dem von Russen besetzten Donbass, zum Beispiel besass er Asow-Stahl, die Fabrik, die von den Russen belagert und zerstört wurde, deren Firmensitz Achmetov aber schon lange nach Den Haag verlegt hat.

Als ich die Story von Asow-Stahl im letzten Jahr mitbekam, galt mein Mitgefühl den Menschen, die dort ihr Leben, ihre Lieben, ihre Arbeit verloren haben. Seit ich weiss, dass diese ganze zerstörte Anlage einem einzigen Menschen gehört hat, frage ich mich, was ich für diesen Menschen fühlen soll.

Aber das ist schwere Kost für den 18-jährigen Tim, auch wenn er sich durchaus für Politik interessiert. Ich muss noch ein bisschen drüber nachdenken, wie ich das überhaupt präsentiere. Morgen fahren wir, als Erstes reisen wir ein bisschen in England herum.

 

Londongrad

Roman Abramowitsch, Russe und bis letztes Jahr Besitzer des Fussballclubs Chelsea (Quelle: zdf.de).

Wenn man heute nach London fährt, muss man darüber sprechen, dass dort zahlreiche vermögende Russinnen und Russen leben – oder vor dem russischen Angriff auf die Ukraine gelebt haben. Es waren so viele, dass die Stadt den Spitznamen Londongrad bekommen hat („grad“ heisst „Stadt“ auf Russisch). Laut BBC sollen es um die 100000 russische Staatsangehörige sein oder gewesen sein. Einige von ihnen gehören zu den vermögendsten Oligarchen Russlands, immer wieder liest man in diesem Zusammenhang die Namen Roman Abramowitsch, Alischer Usmanow und Andrej Gurjew. 1200 russische Staatsangehörige sind im Vereinigten Königreich mittlerweile sanktioniert. Seit Wochen durchforste ich das Internet, um mehr über diese Leute zu erfahren. Ich will meinem Patensohn – und wenn möglich seiner Schwester – berichten, was in der Stadt unserer Träume in Tat und Wahrheit vor sich geht. Die Recherche hat mir ein paarmal die Haare zu Berge stehen lassen und meinen Blick auf den Kapitalismus und die englische Kapitale ganz neu ausgerichtet.

Warum kamen so viele reiche Russinnen und Russen nach London? Diese Frage wurde von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung am 18. März 2018 hier präzis beantwortet. Zusammenfassung: Putin-Freunde kamen, weil sie im Vereinigten Königreich problemlos ihr Geld anlegen konnten – die Behörden interessierten sich kaum für eine mögliche kriminelle Herkunft. Dazu kam in den neunziger Jahren das Goldene Visum: Wenn jemand mehr als 2 Millionen Pfund im Land zu investieren versprach, bekam er anstandslos eine Aufenthaltsbewilligung. Und dann sind da die renommierten Schulen, die tollen Partys und die tollen Läden.

Es kamen aber auch Putin-Gegner. Sie kamen, weil sie sich hier sicher fühlten vor dem langen Arm des russischen Diktators. Irrtümlich, wie sich in mehreren Fällen herausstellte. Einige starben unter mysteriösen Umständen oder wurden vergiftet. Das brachte auch Risiken für Jenny Normalverbraucherin mit sich, die zum Beispiel mal eben ein seltsames Parfümfläschchen fand.

Hier gibt’s eine bitterböse Satire der Schriftstellerin A. L. Kennedy darüber, wie Durchschnitts-Britinnen und Briten Londongrad kurz nach Kriegsausbruch erlebten. Bis vor kurzem konnte man auch eine Kleptokraten-Tour machen, über die ARD hier berichtete. Sie führte zu den Anwesen reicher Russen, findet jedoch aus unbekannten Gründen nicht mehr statt.

Ich werde aber versuchen, meinen Begleitern zu erklären, weshalb das alles so grauenhaft unfair ist: Weil die meisten Oligarchen den Grundstein ihres Reichtums mit Geld gelegt haben, das eigentlich allen Russinnen und Russen gehören würde – wahrscheinlich oft mit unsauberen Methoden. Das habe ich schon irgendwie gewusst, aber ich habe nicht so genau hingeschaut. Mittlerweile bin ich aber überzeugt, dass der ganze russische Staat auf mafiösen Strukturen aufgebaut ist – mit Wladimir Putin als oberstem Gangster.

Für die Menschen in Grossbritannien sind die Gäste aus dem Riesenreich durchaus auch eine Belastung. Sie machen das Leben in der Hauptstadt fast unerschwinglich. Russinnen und Russen haben zudem den Tories viel Geld gespendet, der Partei, die das Vereinigte Königreich seit langem regiert. Ex-Premierminister Boris Johnson kann sich noch so sehr als Freund der Ukraine aufführen. Fakt ist, dass seine Partei Spenden von Russen im Wert von Dutzenden Millionen Pfund erhalten hat (Quelle: ein sehr informativer Bericht des Schweizer Fernsehens: Hier). Ob die feinen Milliardäre wohl eine Gegenleistung dafür bekommen haben?

Doch nicht nur Russinnen und Russen leben in London in Saus und Braus. Der Buchautor Oliver Bullough sagt über das Geld, das in Londoner Immobilien und im Londoner Luxuskonsum steckt: „Es wurde aus Staaten gesaugt, die es wirklich, wirklich gut brauchen könnten, und die Reichen werfen hier damit um sich.“ Er nennt als Herkunftsländer dieser Hyperkapitalisten auch Angola, Nigeria und auch die Ukraine.

Sehr schnell stiess ich auf die Oligarch Files der englischen Zeitung The Guardian. Dort ist Roman Abramowitsch der meistgenannte Name. Kein Wunder, denn dieser besass von 2003 bis 2022 den Fussballclub Chelsea und verfügte auch über eine luxuriöse Villa in Kensington Palace Gardens. Er war dort Nachbar der Royal Family. Das Abramowitsch-Vermögen vor Kriegsausbruch wurde auf 17,3 Milliarden Dollar geschätzt. Wie er sich solche Unsummen zusammengerafft hat, erklärt dieser Bericht gut verständlich. Zusammenfassung: Der Milliardär hat sich um die Jahrtausendwende massiv an russischen Staatsbetrieben bereichert.

An dieser Stelle muss ich erwähnen, dass Abramovitsch 2016 in die Schweiz ziehen wollte, jedoch von Bundesamt für Polizei abgewiesen wurde. Dieses urteilte Anfang 2017, „dass Abramowitschs Anwesenheit in der Schweiz als Gefährdung der öffentlichen Sicherheit sowie als Reputationsrisiko für die Schweiz einzuschätzen sei. Abramowitsch sei Fedpol wegen Verdachts auf Geldwäsche bekannt“ (soweit Wikipedia). Dennoch sind wir hierzulande nicht fein raus, denn Abramowitsch hatte laut einem im Januar 2023 im „Guardian“ publizierten Leak bis 2022 Vermögenswerte im Umfang von 920 Millionen Dollar unter anderem auf der UBS – einer Schweizer Bank.

Eines Tages werde ich über Kleptokraten in der Schweiz schreiben müssen. Aber das muss noch warten. Im Moment tue ich etwas anderes: Ich versuche aus diesem Wust von Informationen eine Londongrad-Tour zusammenzustellen. Hier habe ich schon mal eine brauchbare Skizze gefunden, hier gibt’s weitere Infos vom „Guardian“.

Bleibt die Frage, was aus dem FC Chelsea wurde nach den Sanktionen gegen Abramowitsch. Hier die ausführliche Antwort. Zusammenfassung: Der US-Multimilliardär Todd Boehly hat ihn jetzt gekauft, für 5,25 Milliarden Dollar. Es sei die teuerste Fussballtransaktion der Geschichte gewesen, heisst es.

Wer hat die bessere Zukunftsvision?

Aus der angelsächsischen Popkultur kennen wir diese merkwürdigen Entweder-Oder-Fragen: Cat Person oder Dog Person? Beatles oder Stones? Ich kann solche Fragen nie eindeutig beantworten. Ich weder eine Hunde- noch eine Katzenperson, aber ich liebe meine Zimmerpflanzen. Und was die Musik betrifft, fand ich mal: Die Beatles sind etwas für die obere Körperhälfte, die Stones eher für die untere – warum also nicht beides? Richtig kompliziert wird’s indes bei der Frage: Wer hat die bessere Dystopie geschrieben? Aldous Huxley oder George Orwell? Die beiden Autoren werden immer wieder verglichen, denn es sind ja beide Engländer – und beide haben vor bald 100 Jahren grosse Romane über den Zustand der Welt in einer damals unheimlich erscheinenden Zukunft verfasst. In einer Zeit, die vielleicht jetzt unsere sein könnte.

Ich habe kürzlich beide wieder mal gelesen, Orwell und Huxley, und ich muss sagen: Was den politischen Riecher betrifft, bin ich eindeutig im Orwell-Team. Im Moment vergeht kein Tag, an dem ich nicht an seinen Roman „1984“ denke. Orwell beschreibt darin, wie sich die drei Machtblöcke USA, Russland und China in wechselnden Bündnissen gegenseitig bekriegen. Das klingt geradezu unheimlich aktuell. Ausserdem kann man bei Orwell viel über die Lüge in der Politik lernen. Er beschreibt Phänomene, die wir seit Donald Trump’s Präsidentschaft sehr gut kennen. Etwa dieses seltsame Flimmern im Kopf, wenn man das, was man für wahr hält und die Lüge des einstigen US-Präsidenten vergleicht. Und dann die Möglichkeiten der totalen Überwachung und was daraus werden könnte! Schauderhaft.

Viele Leute im Huxley-Team finden, der grosse Zukunftsroman „Brave New World“ aus dem Jahre 1932 porträtiere genau den ungehemmten Hedonismus unserer Zeit: Alle haben ständig Sex mit ständig wechselnden Partnern, Partys ohne Ende und alle nehmen eine Droge, die legal, unschädlich und erst noch gratis ist. Alle sind unerhört sensationslüstern. Alle shoppen ständig, damit alle anderen Arbeit haben.

Aber dieses Urteil dünkt mich oberflächlich, denn hier hat es sich auch schon mit den Gemeinsamkeiten. Die Menschen in Huxley’s Welt leben unter komplett anderen Voraussetzungen als wir. Damit ihr Wohlstand und ihr ungehemmter Hedonismus überhaupt möglich sind, wachsen sie nicht im Mutterleib heran, sondern werden vom Staat im Labor nach Bedarf gezüchtet.  Sie werden für ein Leben in einem strikten Klassensystem mit medizinischen Eingriffen vorprogrammiert. Alle müssen also schon als Embryonen schwerwiegende Verletzungen ihrer Grundrechte hinnehmen – sie werden geklont, an ihnen wird herumgedoktert, als Kinder werden sie alle im gleichen Schlafsaal gleich indoktriniert, denn keines von ihnen wird je eine Familie haben. Also wird sich auch niemand je Sorgen über Kinder oder kranke Angehörige machen müssen. Und den wenigsten  wird je ein individueller Gedanke durch den Kopf gehen. All das ist von wohlmeinenden Staatsvätern so eingerichtet, (Staatsmütter gibt es keine. Denn nur Männer werden so konditioniert, dass sie den nötigen Grips haben, einen Staat zu lenken).

Um es etwas polemisch zu sagen: Bei uns ist die Welt doch genau umgekehrt: Unsere Grundrechte sind einigermassen intakt und wir sind Individuen oder fühlen uns wenigstens als solche. Dafür haben wir ständig Geld- und Familiensorgen, fürchten um unseren Job und unseren gesellschaftlichen Status und den unserer Kinder. Unsere Drogen sind nicht besonders wirksam, gefährlich oder illegal. Und unser Hedonismus ist vielleicht einfach Ablenkung.

Und dennoch: Der Roman ist brilliant und packt und sorgt für Diskussionsstoff. Vielleicht muss man die beiden Autoren gar nicht gegeneinander ausspielen – vielleicht hat Orwell mehr über das schlimmstmögliche politische System nachgedacht und Huxley mehr über das Wesen und die Möglichkeiten des Menschen überhaupt. Aber das geht definitiv weiter als die angelsächsische Popkultur so allgemein.

Wovor wir uns in der Politik wirklich fürchten sollten

In der vergangenen Woche tauchte in den Medien kurz die Meldung auf, immer weniger junge Menschen würden sich für News interessieren (siehe zum Beispiel hier). 38 Prozent der jungen Menschen seien „news-depriviert“. „Depriviert“ kommt vom Lateinischen „privare“, zu Deutsch „berauben“. Fast die Hälfte unserer jungen Erwachsenen sind also der News beraubt. Das warf keine hohen Wellen, denn die Beraubten fühlen sich nicht beraubt, im Gegenteil: News, gerade über Politik, finden sie langweilig und zu traditionellen Massenmedien haben sie wenig Vertrauen.

Meldungen dieser Art kommen einmal im Jahr, und weil ich selbst einmal eine politisch höchst naive junge Erwachsene war, haben sie mir früher auch kaum Sorgen bereitet. „Diese jungen Leute werden schon noch richtig erwachsen“, dachte ich jeweils. Ausserdem habe ich einen Patensohn, der Co-Präsident eines Jugendparlamentes ist. Es gibt also auch politisch aktive junge Leute. Solange der Staat funktioniert und fast alle einen Job und eine Wohnung haben, ist das Desinteresse an News auch kein politisches Problem, sondern lediglich ein wirtschaftliches, für die Medienhäuser. Dachte ich.

Aber dann kam die Pandemie, während der viele Menschen erstmals die Existenz des Staates überhaupt bemerkten, und zwar negativ. Da haben wir schmerzlich erfahren, was Leute anrichten können, die plötzlich und aus kompletter Ahnungslosigkeit heraus politisiert werden. Sie wollten „selber denken“. Sie informierten sich auf Plattformen, die elementare Anforderungen an die Wahrhaftigkeit und Sachlichkeit nicht erfüllten. Anforderungen, denen ausgebildete Journalistinnen und Journalisten normalerweise schon aus Professionalität gerecht werden – und wenn dies einmal nicht der Fall ist, sorgt das zu Recht für Empörung, etwa im Fall Relotius.

Die Selber-„denker“ bildeten eine Bewegung, wurden zur Machtbasis der Libertären und Rechtsextremen und merkten es nicht mal. In der Schweiz war der Höhepunkt, dass sich eines Donnerstagnachts in der Hauptstadt ein paar Leute – vom Mob geschützt – mit Brechstangen an den Absperrgittern vor dem Bundeshaus  zu schaffen machten. Ich habe in meinem Leben ab und zu demonstriert – aber diesmal stand ich auf der Seite jener, die froh waren, dass ein paar kräftige Wasserwerfer die Angreifer wegfegten.

Die breite Öffentlichkeit hat das schon fast wieder vergessen. Ich nicht, und ich fürchte, dass die Pandemie ein laues Lüftchen gewesen sein könnte im Vergleich zu dem, was uns die Zukunft bringen wird. Ausserdem weiss ich dank meiner Hannah Arendt-Lektüre, dass politisch desinteressierte Menschen, die von allen anderen Parteien als „zu dumm und apathisch aufgegeben worden waren“*, zur bevorzugten Zielgruppe faschistischer Demagogen werden. Man kann in „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ nachlesen, wie diese Demagogen dann arbeiten, um durch Wahlen legitimierte Parlamente lächerlich aussehen zu lassen. Mit Hilfe der Bewegung reissen sie Macht an sich. Danach sind ihnen die Bewegten meist herzlich egal. Diese Demagogen gibt es schon, sie heissen zum Beispiel Trump oder Orban oder – in der Schweiz – Roger Köppel.

Ich warf einen Blick in die News und stellte fest: Vielleicht stehe ich auf verlorenem Posten, vielleicht haben die Libertären und Faschistinnen in Europa schon gewonnen. Dennoch setzte ich mich hin und schrieb meinem Gottenbuben ein Whatsapp: „Lieber Tim, bitte sag mir: Was sagst Du zu jungen Leuten, die sich für Politik überhaupt nicht interessieren?“

Hannah Arendt: „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“, Serie Piper, 1986, S. 668.

I Got Life, Mother!

Seit Anfang Woche arbeite ich wieder im Büro. Das ist schwieriger als ich gedacht habe. Ich fühle mich wie abgeschnitten von den anderen, die ich zum Teil monatelang nicht gesehen habe. Ein Neuanfang, auf den niemand gewartet hat.

Aber gestern Mittag ging ich mit dem Herrn Grossstadtrat zu Mittag essen. Wir speisten im Bistro an der Tagblattstrasse. Er ist ein langjähriger Kunde, und mit den Jahren sind unsere Treffen ungeschäftlicher und unsere Gespräche entspannter geworden.  Hinter uns sassen zwei pensionierte Herren Stadträte, die ich früher interviewt habe, und ihre ebenfalls pensionierten Chefbeamten. Niemand kann so viel Heiterkeit verbreiten wie Politiker, die ihre Arbeit getan haben und sich endlich in Ruhe ein Gläschen gönnen dürfen. Es ist sogar für die Leute am Nebentisch ansteckend.

Später traten der Herr Grossstadtrat und ich auf die Strasse, die Bäume am Strassenrand waren gelb, der Himmel strahlte. Als wir uns verabschiedeten, parkierte gerade eine junge Frau ihr Fahrrad beim Veloständer nebenan. Es war die Frau SP-Regierungsratskandidatin, nach der sich der Herr Grossstadtrat verstohlen umblickte.

Ich blickte in den Himmel und fühlte mich wie eben geboren. In meinem Kopf erschallte plötzlich ein Song, den ich seit Jahren nicht mehr gehört habe. Aber ich hörte ihn klar, jede Modulation in der Stimme des Sängers, und ich konnte erstaunlicherweise weite Strecken des Textes auswendig: „I got life, mother; I got laughs, sister; I got freedom, brother; I got good times, man.

I got crazy ways, daughter; I got million dollar charm, cousin; I got headaches and toothaches; And bad times too like you!

I got my hair; I got my head; I got my brains; … I got my ass; I got my arms; I got my hands; I got my fingers; I got my legs; I got my feet; I got my toes; I got my liver; I got my blood;  got my guts; got my muscles I got life (life)Life (life)Life (life)Life (life)Life (life)Life (life)Life (life)“
Hier und hier alles darüber.

Wenn ein Tisch dagewesen wäre, hätte ich glatt darauf zu tanzen begonnen.

 

Kalter Krieg?

Es sieht so ganz so aus, was würde der Westen nun gar kein Gas mehr aus Russland bekommen. Die Begründung der Gazprom sieht vorgeschoben aus. Ich meine: So ein Ölleck müsste doch reparierbar sein. Ich vermute, ist sehr viel einfacher: Russland behandelt den Westen so, wie man im Geschäftsleben einen Feind behandelt, dem man nicht einmal mehr die Wahrheit anvertrauen will: Man tischt ihm faule Ausreden auf.

Ich will damit keinesfalls sagen, dass ich das russische Vorgehen gutheisse. Ich will damit nur sagen: Wir sollten uns an die Vorstellung gewöhnen, dass wir einen mächtigen und gefährlichen Feind haben. Wir sollten uns darauf einstellen, dass der Ausdruck „Kalter Krieg“ im kommenden Winter ein ganz neue Bedeutung bekommen könnte.