
Es ist vielleicht schwierig zu verstehen. Aber es war gar nicht die Venus von Botticelli, die mich in die Toskana lockte. Sondern der schielende Unhold im Bild: eine allegorische Darstellung der Tyrannei in einem schlecht regierten Staat. Teil eines riesigen, spätmittelalterlichen Freskenzyklus über die gute und die schlechte Regierung – zu sehen im Palazzo Pubblico in Siena. Der Typ hier hat ein ganzes Gremium von üblen Kollegen: die Grausamkeit, die Täuschung, den Betrug, den Zorn, die Zwietracht und den Krieg sowie die Gier, den Stolz und die Eitelkeit, alle ebenfalls dort abgebildet. Die Wandbilder sind von Ambrogio Lorenzetti, er malte sie 1338/39. Als ich diese Visage in einem Dokumentarfilm auf arte.tv sah, fand ich das alles verblüffend aktuell. Ich meine: Der Bösewicht könnte auch eine hellblonde Haartolle tragen. So wollte ich die Fresken mit eigenen Augen sehen. Jetzt weiss ich: Auf dem Gemälde vom schlecht regierten Stadtstaat sieht man noch zertrümmerte Gebäude, zerstörte Felder, eine Frau in Bedrängnis und einen Toten auf der Strasse. Aber es ist schlecht erhalten.
Das Bild einer gut regierten Stadt ist dagegen wunderprächtig. Man braucht auch keinen Time-Slot, um es zu sehen. Der Saal ist belebt, aber nicht überrannt, das Interesse an der Geschichte Sienas scheint moderat. Obwohl es die Stadt mit einer ausgekl¨ügelten Demokratie bei der Verwirklichung einer guten Regierung 1287 bis 1355 weit brachte. Siena war damals mächtiger Stadtstaat, eine ernsthafte Konkurrenz für Florenz. Und genau diese Ära ist Thema im Saal des Volkspalastes.

Das System wird «die Regierung der Neun» genannt. Jeweils neun Männer, die Noveschi, führten die Verwaltung der Stadt für lediglich zwei Monate. Es mussten laut meiner Quelle Männer aus dem Bürgertum sein, meist Handwerker, die ihre Management-Fähigkeiten und ihre Integrität unter Beweis gestellt hatten. Ein geheimes Konsistorium wählte alle zwei Monate eine neue Neunerbesetzung. Die Gewählten mussten zwei Monate lang ihre eigenen Geschäfte ruhen und ihre Familien im Stich lassen, um nicht den Versuchungen der Korruption zu erliegen. Und vor allem «mussten sie die ‹magnati›, die Mitglieder der reichsten Familien, von den Regierungsgeschäften fernhalten.»
Im Saal der Neun werden auf einer ganzen Wand die Tugenden aufgeführt, von denen sich die neun Regierenden leiten lassen sollten. Moralischer Zeigefinger oder Selbstbeweihräucherung? Vielleicht beides. Hier das Bild.

Kleine Lesehilfe (wer es genau wissen will, schaut hier nach): Der majestätische Alte in der mittleren Reihe ist eine allegorische Darstellung der Stadt Siena. Er ist umgeben von eben jenen Tugenden, die es in einer gut regierten Stadt braucht: links die Weisheit. Sie sorgt dank ausgleichender Gerechtigkeit dafür, dass die Bürger der Stadt alle am gleichen Strick ziehen (unten). Die Frau, die im weissen Gewand auf dem Sofa chillt, repräsentiert den Frieden (sie hat eine zerdrückte Rüstung unter dem Kissen). Die anderen sind Standhaftigkeit, Besonnenheit, Grossherzigkeit, Mässigung und das Recht.
Es versteht sich von selbst, dass ein derart komplexes System auch Schwächen hat. Ich meine: zweimonatige Amtszeiten, das bedeutet permanenten Wahlkampf (vielleicht auch permanente Anstrengungen, nicht gewählt zu werden). Zudem das Risiko von Instabilität und Schildbürgerei. Als 1348 die Pest ausbrach, kollabierte das System. 80’000 Menschen sollen in Siena an der Seuche gestorben sein. Wahrscheinlich sah es deutlich schlimmer aus als in der schlecht regierten Stadt auf dem Fresko. Jedenfalls gab es in Siena ab 1355 eine neue Regierungsform. Die Stadt erlangte aber nie wieder die gleiche Grösse wie vor der Pest.
Anders als Florenz, wo sich die mächtige Oligarchenfamilie Medici durchsetzen konnte. Auch das gibt mir zu denken.
Hier ein sehr anschauliches Youtube-Video über die Sala dei Nove.







