Schweizerdeutsch 70: Zum Nationalfeiertag

Bem Äid (eine Art Kraftausdruck)

Standarddeutsch: Beim Eid; gemeint ist wahrscheinlich der Rütlischwur. Diesen leisteten am 1. August 1291 gemäss Überlieferungen Männer aus Uri, Schwyz und Unterwalden auf einer Wiese namens Rütli am Vierwaldstättersee. Sie gelobten einander Beistand im Kampf gegen die mächtigen Habsburger. Ihr könnt das in Friedrich Schillers «Wilhelm Tell» nachlesen. Der 1. August wurde 1891 Nationalfeiertag der Schweiz (nachzulesen hier).

«Bem Äid» ist eine Redewendung, die mein Vater während meiner Kindheit noch öfter verwendete, er sagte manchmal auch «bemäich». Mittlerweile ist sie aber ausgestorben, glaube ich.

Nun erwarten wir von einem Kraftausdruck eine gewisse Kraft, eine Art magische Wirkung. Diese beschwören wir dann auch nur bei Problemen von angemessener Grösse. Bei Berufung auf den Nationalmythos würde ein grösseres Problem erforderlich scheinen. Aber «bem Äid» war für meinen Vater längst eine Formel für ganz beiläufige Handlungen geworden. Er sagte zum Beispiel: «Hött mues i bem Äid e Scherm metnäh.» Das heisst: Er hatte zum Fenster hinausgeschaut und unerwartet schwere Regenwolken gesehen. Er würde also einer alltäglichen Unbill – dem Wetter – mehr Widerstand entgegensetzen müssen als angenommen.

So wünsche ich allen einen schönen Nationalfeiertag heute. Ein Schirm ist wohl nicht erforderlich. Es ist gerade so heiss und trocken in der Schweiz, dass wir dieses Jahr «bem Äid» ohne Feuerwerk zurechtkommen müssen.

Abschiedsszenen in Orselina

Das letzte Abendmahl in der Kirche Madonna del Sasso, 2012 als Panorama fotografiert vom Herrn T. Damals war der Tisch noch leer.

Ich könnte noch viel erzählen über unsere vergangenen Ferien. Aber ich will das jetzt zu Ende bringen, mit einer Flaniergeschichte. Am letzten Morgen brach ich auf, um im Lebensmittelladen da Inka, im oberen Teil von Orselina, ein paar tessintypische Mitbringsel einzukaufen. Orselina ist ein guter Ort zum Flanieren, einer, an dem verschiedene Orte sich quasi überlagern. Wer Orselina sieht, denkt Fremdenverkehr: Pilgerort, Kurort, heute Feriendorf; dazu Millionärshügel und Agglogemeinde von Locarno – und vielleicht auch einmal einfach Dorf gewesen.

Diskutierende Jünger Jesu, unten in der Bildmitte eine Banane.

Ich machte einen Umweg hinunter zur Madonna del Sasso. Dort blieb ich – wie schon oft – bei der Nische hängen, wo die 13 Herren im Bild ganz oben seit dem 17. Jahrhundert «ihre finale Konferenz» abhalten, wie Herr T. es hier formuliert hat. Die Terrakottafiguren sind lebensgross und gestikulieren, als seien sie mitten im Reden erstarrt. Ich studiere sie stets vergnügt, diese Herren. Diesmal fiel mir ein neues Kuriosum auf: Der Tisch ist nun gedeckt, wenn auch frugal. Einige der Männer haben eine Banane vor sich. Gab es Bananen im biblischen Jerusalem?

Danach unterquere ich die Standseilbahn, ein ratterndes und knarzendes, 100 Jahre altes Verkehrsmittel für Touristinnen, Pilger und Leute, die Freude an diesen alten Fahrzeugen haben. Dahinter finde ich das Treppchen, das ich suche, eines von vielen, die kreuz und quer das Dorf verbinden. Vorbei an der stillen Villa Orselina, einem kleinen Nobelhotel, das (wieder einmal) geschlossen ist. Die Umbrüche der letzten Jahre sind auch an diesem Ort nicht spurlos vorbeigegangen.

Von dort hinein in die Via Caselle, eine Wohnstrasse. Neuere Wohnbunker säumen das Strässchen. Ferienwohnungen? Zweitwohnungen? Schwer zu sagen, aber wahrscheinlich teuer. Hier ist Leben, Bauhandwerker steigen gerade in einen Kleinlaster. Links lässig abgestellt ein schwarzer Fiat 500 mit Tessiner Kennzeichen und dem Logo eines Treuhänders. Man sieht diese Kleinwagen hier oft, sie eignen sich gut, um durch die Strässchen an den Hängen zu pfurren. Rechts vor dem Haus ein Blickfang: ein kanariengelbes Cabriolet mit Zürcher Nummer.

Blick von Ai Mött hinunter zum mondänen Bootshafen von Locarno.

Mir folgen zwei blonde Frauen in Beige und Weiss mit insgesamt vier Hündchen. Spitz, Spaniel oder Chihuahua? Ich weiss es nicht mehr. Ich steige links das Treppchen hoch, das Ai Mött heisst, unverkennbar Tessiner Dialekt, aber ich kann nicht eruieren, was es heisst. Dennoch: Hier ist einer meiner Lieblingsorte. Neben einem Bach und unter Walnussbäumen steht eine verwitterte Bank, auf die ich mich gerne setze. Ich wähne mich dann an einem Ort, den die Geschichte vergessen hat, im alten Orselina, falls es das je gegeben hat. Die Häuser, die etwas weiter oben stehen, sehen jedenfalls wie alte Tessiner Häuser aus, zweistöckige, schmale Bauten, sorgfältig saniert. Die Männer, die in den Gärten werken, könnten Deutschschweizer Gymnasiallehrer sein.

Das „alte“ Orselina (um 1953). Die Bank, auf der ich sass ist unterhalb der Hauptstrasse in einer Senke. Zuunterst, Mitte rechts, kann man den Weg Ai Mött erkennen. Der Lebensmittelladen ist gleich links von der Kirche, aber heute in einem neueren Gebäude (Quelle: Wikipedia)

Nach wenigen Schritten erreiche ich die Hauptstrasse und somit mein Ziel: den Lebensmittelladen von Inka. Es ist etwa 11 Uhr. Vor dem Lokal, an einem der Stehtischchen, gönnen sich zwei Handwerker eine Pause mit Dosengetränken. Am Nachmittag ist hier jeweils Hochbetrieb, der kleine Laden ersetzt die Dorfbeiz, die es nicht mehr gibt. Kleinlastwagen sind parkiert, wo es gerade geht, an jedem Stehtischchen plaudern und gestikulieren zwei, drei Männer in Handwerkerkluft, mit Feierabendbier oder Red Bull. Ich gehe in den Laden und kaufe Sugo arrabiata und eingelegte Steinpilze für die Nachbarn, die unsere Pflanzen gegossen haben. Wir sind bereit für die Heimreise.

Das Tessin, von der Sonnenstube zum Glutofen

Das Tessin galt einst als Sonnenstube der Schweiz. Aber das war zu einer Zeit, als auf der Alpennordseite die meiste Zeit im Jahr kühl und feucht war. Dieses Jahr jedoch war fast die gesamte Schweiz schon kurz nach Mitte Juni ein Glutofen. Nicht ganz so schlimm wie Paris oder Mannheim, wo die Sonne die 40 Grad-Marke knackte. Aber auch Basel kam auf 39 Grad. Wir waren im Tessin mit «nur» 34 Grad glatt privilegiert. Noch dazu nächtigten wir in einer Ferienwohnung mitten in einem Garten. Während wir schliefen, fächelten uns Palmen kühle Luft zu.

Doch auch wir schwitzten. Ende der ersten Woche hielt Feriennachbar Pesche seine Uhr, die alles messen kann, in den Swimming Pool. «Das Wasser hat 29 Grad!» rief er aus. Bezeichnenderweise lernte ich während dieser Ferien, warum im Tessin gemütliche, in Berghänge gebaute Restaurants oft «Grotto» heissen: weil die Einheimischen dort in höhlenartigen Kellern («grotti») früher Käse, Schinken und Butter kühlten – manchmal bauten sie dann kleine Gaststätten dazu. Auch unser Badezimmer war in den Hang gebaut. Nachts öffneten wir die Tür, dann kam ein kühler Luftzug in unser Schlafzimmer. Wir überlegten, ob wir das Bad nun «Grotto» nennen sollten. Aber das erinnerte zu sehr an Lebensmittel. So sagte ich abends: «Ja, dann mache ich jetzt die Tür zum Permafrost auf.»

Das Wort «Klimawandel» fiel während unserer vielen, heiteren Tafelrunden mit Freunden nicht ein einziger Mal. Es war überflüssig. Wir – mehrheitlich Ü60 – wissen über den Treibhauseffekt Bescheid, seit 40 Jahren, einige von uns waren Klimaaktivisten. Jetzt versuchten wir, düstere Ahnungen mit freundlicher Konversation zu verscheuchen. Wir nahmen leichte Mahlzeiten zu uns, schütteten massvoll Weisswein und reichlich Wasser, mitunter auch Gurkentrunk in uns hinein. Zu den Höhepunkten meiner Ruhetage in Orselina gehörte ein Caffè freddo shakerato in der Panetteria Cecchettin.

Den Regenradar konsultierten wir obsessiv. Geregnet hat es in Orselina genau dreimal. Manchmal erinnerte ich mich wehmütig an einen Junitag hier im Jahre 2016. Es war nicht kalt, aber es schüttete Bindfäden, Leintücher und Wolldecken, Katzen und Hunde. Herr T. hat hier darüber berichtet. «Tja, Sonnenstübchen», lästerten wir damals.

2026 sahen wir zwar öfter Gewitter vorbeiziehen. Einmal ging über einem Dorf in der Magadinoebene – wir sahen es aus der Ferne – ein heftiger Regenschauer nieder. Es sah aus, als hätte jemand eine Dusche angedreht, das Wasser glitzerte silbern, von Süden her schien die Sonne. Bei uns fielen lediglich dreimal eine Zeitlang lang schwere Tropfen. Wolken kamen und sahen regenschwer aus, doch über dem Lago Maggiore lösten sie sich meist auf. «Es versucht verzweifelt zu regnen», kommentierte Herr T. Und Nachbar Pesche sagte: «Ich vertraue dem Regenradar nicht mehr.»

Einmal zeigte Herr T. mir Fotos aus dem Jahr 2016. Auf einem von ihnen rollt der Ticino regengeschwollen, durch die Magadinoebene. Ich wurde traurig, denn 2026 waren die meisten Flüsse träge Rinnsale, manchmal etwas erfrischt von den Gewittern an den Bergkämmen. Als Pesche und Ruth nach zwei Wochen abreisten, hatte das Schwimmbecken 31 Grad.

 

Tessin: Mit Cochlea-Implantat verreisen

Blick von Ronco sopra Ascona nach Brissago. Etwas sorgloser einen strapaziösen Ausflug machen, dabei half das CI.

Viele haben mich gefragt, wie es ist, mit einem Cochlea-Implantat (CI) zu reisen. Nun, die Idee ist, dass man mit CI besser hört. Und ich hörte besser. Das heisst grundsätzlich: mehr Vergnügen an Gesprächen. Dennoch: Ich vernachlässigte das Hörtraining, das man mir aufgetragen hatte. Es war mir zu anstrengend. Natürlich stellte ich mir im Vorfeld auch ein paar bange Fragen, zum Beispiel: Kann man mit CI einen Sonnenhut tragen? Ich meine: Das E-Ohr ist nur mit einem Magneten und einem seidendünnen Plastikfaden an den Kopf geheftet. Und es liegt bei den meisten Hüten etwa auf der Höhe des Schweissbandes. Würde eine Kopfbedeckung es nicht ständig abstreifen?

Meine Sorge erwies sich als unbegründet. Der Sonnenhut passte tiptop. Beim Wandern im Wald erwies er sich sogar als besonders praktisch. Denn er verhindert, dass herunterhängendes Laub den Knopf vom Kopf streift. Ich musste mir lediglich beim Abziehen des Hutes den genau richtigen Schwung angewöhnen, damit ich mir nicht gleichzeitig das Gerät vom Kopf riss.

Den grössten Vorteil des E-Ohrs aber entdeckte ich bei Herrn T.s Lieblingstour auf die Brissago-Inseln (über deren Schönheiten ihr bei ihm nachlesen könnt). Sie beinhaltet zwei Busfahrten, einen anderthalbstündige Spaziergang, zwei Schifffahrten und eine Besichtigungstour und dauert mindestens sechs Stunden. Früher ängstigte mich dieser Ausflug, denn solche Strapazen gingen bei Menière-Patientin Frogg meist mit einem spürbaren Hörverlust einher. Aber dieses Jahr war alles anders. «Du wirst sehen, mit dem E-Ohr wirst du endlich wieder stabil gleich hören», hatte die Hörtherapeutin versprochen. Und sie behielt recht. Das E-Ohr läuft einfach weiter, solange der Akku geladen ist.

Einziger Nachteil: Ich hatte wenig Lust auf schwimmen. Es heisst zwar, das E-Ohr sei wasserdicht. Aber ich wollte nichts riskieren. Auch wenn unsere Ferienwohnung sogar einen kleinen Swimming Pool hatte, den wir mit vier Personen teilten. Ich hätte also nicht mal in die Badi nach Locarno gehen müssen, um mich dort von meinen beiden Hörhilfen zu entkabeln (links trage ich Hörgerät) und dann gehörlos und mit angeschlagenem Gleichgewichtssinn über Kies ins Wasser zu tappen. Ich konnte über eine simple Leiter in den Pool gleiten. Dennoch suchte ich das Schwimmbecken seltener auf als Herr T.. Ich fand das aber verkraftbar.

Eine Frage zum Reisen mit E-Ohr blieb bei der Reise ins Tessin unbeantwortet: Wie ist es, wenn man mit Metall im Kopf durch Sicherheitsschleusen muss, zum Beispiel an einem Flughafen? Aber im Moment denke ich noch: Das ist für Fortgeschrittene.

 

Locarno: Die Muskeln ruhen lassen

Heisst: „Für die Bizepse und den Planeten: Bring deine leeren Batterien zur Sammelstelle.“

Wir mussten uns eingestehen, dass es heiss war. Es war 15 Uhr am Tag 3 unserer Ferien, in der dritten Juniwoche. Das Thermometer strebte zielbewusst die 30 Grad-Marke an. Eben waren wir von unserem Spaziergang Richtung Tenero nach Locarno zurückgekehrt. Nun mussten wir mehr als eine Stunde warten. Wir waren später noch mit unseren Nachbarn übers Eck verabredet, die zufällig auch gerade hier Ferien machten. Da sagte Herr T.: «Wir gehen jetzt in den Park, setzen uns auf eine Bank und ruhen uns aus.» Beim Eingang zu den Giardini Rusca fotografierte ich das Plakat links. Den gelbgrünen Recycling-Superman gibt es auch in der Deutschschweiz. Aber ich fand das Wort «bicipiti» so reizvoll. Und genau in diesem Moment vollzog sich bei der Reisenden Frogg eine Veränderung, die diesen Ferien eine ganz andere Note gab als unseren früheren.

Auf jeder früheren Reise hätte ich Herrn T. den Schatten alleine aufsuchen lassen. Ich hätte wenigstens noch meine Beinmuskeln und Augen trainiert, indem ich ein Stündchen auf Entdeckungstour durch die Stadt geschlendert wäre. Aber diesmal folgte ich Herrn T. schicksalsergeben zu einem von Bäumen umgebenen Plätzchen mit einem mächtigen Bronzestier in der Mitte. Ich war so erhitzt, dass ich ihn nicht einmal fotografierte. Wir setzten uns auf den letzten verbliebenen Platz – die schattigen Stellen auf den acht Bänken waren mit einer Ausnahme alle besetzt.

Dann trafen wir unsere Nachbarn, fanden ein sympathisches Lokal in der Nähe der Piazza Sant’Antonio (der Grosse) und genehmigten uns einen Apero. Der Abend gehörte zu den vielen Treffen, die diese Ferien ebenfalls ganz anders machten als alle vorhergegangenen. Einige unserer Bekannten und Freunde, viele von ihnen pensioniert, waren auch gerade hier. Herr T., selbst Pensionist, hat einen Freundeskreis aufgebaut, während ich malochte und meine Ohren pflegte. Es war alles sehr entspannt. Man hatte Zeit zum Plaudern, keine himmelsstürmenden Projekte. Auch unsere Nachbarn im Ferienhaus, Ruth und Pesche, erwiesen sich als kontaktfreudig und sehr freundlich. Dank CI blieb ich beim Plaudern auch länger fit.

Für alle, die gespannt auf mehr News über das Reisen mit CI warten: Der nächste Beitrag wird sich damit befassen. Wer eine übersichtlichere Zusammenfassung unserer ersten Woche will, lese hier beim Kulturflaneur nach.

Locarno: Ein paar Minuten Ewigkeit direkt beim Bahnhof

850 Jahre alt und immer noch gwundrig.

Unsere Freundin Severine, Bernerin und somit reformierter Herkunft, kennt sich im Locarnese bestens aus. Doch als ich einmal die Kirche San Vittore erwähnte, sagte sie in ihrer direkten Art: «Mit den Kirchen hier musst du mir nicht kommen! Sie interessieren mich nicht, und für mich ist die katholische Kirche sowieso eine Art Sekte.» Ich verstehe, was sie meint. Trotzdem werden in meinen Feriengeschichten hier einige Kirchen vorkommen. Nicht, weil ich besonders religiös bin. Sondern, weil ich zugänglich bin für die Wirkung kultischer Räume. Und weil einige dieser alten Gemäuer die Geschichte vieler Jahrhunderte konservieren.

Teile der Basilika San Vittore zum Beispiel stehen seit über 900 Jahren. Das reicht für eine Ahnung von Ewigkeit, die ich dort immer wieder gerne für ein paar Minuten wirken lasse. Die Kirche liegt direkt neben Bahnhof Locarno und ist wohltuend kühl und meist leer. Ihr galt einer unserer ersten Besuche im Tessin. Das Gesicht, das auf dem Bild oben so wissbegierig aus den Büschen äugt, ist 850 Jahre alt und am Kapitell einer der Säulen in der Krypta zu sehen. Ich hoffe jedes Mal, wenn ich dort bin, dass es zu sprechen anfängt.

Lebensmittelpreise nach der Teuerung (Foto: Herr T.)

Auch der Turm der Kirche hat eine Eigenheit, die durch die Jahrhunderte zu uns spricht. An der Ostwand ist auf schätzungsweise 15 Metern Höhe eine Steintafel angebracht. In sie ist die Empörung über die Teuerung von 1527 eingemeisselt. Getreide war damals knapp, weil es verheerende Unwetter und Krieg in der Lomardei gegeben hatte, wo das meiste Korn herkam. Ich kann nur raten, aber ich vermute, «FURM» heisst Weizen, «SICALE» Roggen und «MILO» Hirse. Angegeben sind wohl Pfundpreise, «COST LIBRE», ich weiss aber nicht in welcher Währung. Meine Quelle* erklärt die seltsame Platzierung der Tafel: Wegen dieser wirtschaftlichen Schwierigkeiten musste man den Bau des Turms damals auf der Höhe der Inschrift unterbrechen. Er wurde erst 1932 fertiggestellt, 400 Jahre später.

Bevor uns die Tafel die aktuelle Weltlage in Erinnerung rufen konnte, gingen wir von dort die üblichen, wenigen Schritte bis zum Seeufer und genossen einen Spaziergang Richtung Tenero. Herr T. hat bereits 2016 über diese Route geschrieben (hier).

  • Quelle: Eva Meret Neuenschwander und Jürg Schneider: „Tessin und Lago Maggiore; Handbuch für individuelles Entdecken“ ; Bielefeld, Reise Know-how Verlag Peter Rump, 4. Auflage, 2014

Tessin: Ankommen in Orselina

Madonna del Sasso, das Wahrzeichen von Orselina (rechts unten der Lago Maggiore und Locarno). (Quelle: froggfoto).

Weil ich mein E-Ohr erst seit drei Wochen hatte, verbrachten wir die Ferien dieses Jahr in der Schweiz. Im Falle eines Falles wollte ich schnell zu Hause sein. Deshalb hatte Herr T. uns eine kleine Ferienwohnung in Orselina gemietet, seiner Wunschdestination.

Ich war zuerst nicht so enthusiastisch. Wir sind ja schon so viele Male in Orselina gewesen! Doch als wir in der S-Bahn durch die Magadinoebene Richtung Locarno tuckerten, sagte Herr T. plötzlich gut gelaunt: «So, gleich halten wir beim Töneli.» Er meinte die S-Bahn-Station St. Antonino, die wir stets liebevoll «s’Töneli» nennen. Vom Zug aus sieht man dort zwar nichts als einstöckige Agglo-Gewerbegebäude, ausgestiegen sind wir noch nie. Und doch machte mich auf einmal die Vorfreude ganz flattrig. Ich konnte es kaum erwarten, wieder durch die alt bekannten Gässchen des Tessins zu streifen.

So war diese Reise keine Forschungsexpedition wie unsere letzte in die Westschweiz. Wir suchten diesmal das Vertraute. Oft waren wir wie Kinder, die immer wieder dieselben Märchen hören wollen. Und zwar genau gleich erzählt. Und nach meinem letzten Beitrag habe ich es mir noch einmal recht überlegt: Ich werde euch jetzt einige dieser Märchen auch erzählen.

Ja, und dann trafen wir in Locarno ein und stiegen in einen Bus Nummer 4 des hiesigen Verkehrsunternehmens Fart. Wieder einmal erzählte ich Herrn T. staunend, dass sogar ich die Fart-Pläne nach Orselina mit dem SBB-App endlich verstehe (früher hielt Herr T. sie im Bus als kleine Papierstösse auf den Knien und doch gingen unsere Busreisen öfter schief). Wir fuhren hinauf zum malerischen Dorf Brione sopra Minusio, wo das Fahrzeug die Nummer wechselt und zu einer 3 wird und dann: Orselina! Links im alten Dorfzentrum der Lebensmittelladen: «Schau, Inka hat sich halten können¨!» rief ich glücklich. Noch zwei Stationen, und schon sassen wir an einem gedeckten Tisch im Ristorante Stella.

Schweizerdeutsch 69: Vorbei!

Scho omen Egge!

Standarddeutsch: «Es ist schon um die Ecke.» Das pflegten wir zu sagen, wenn jemand von uns etwas noch hätte sehen oder sagen wollen – der richtige Moment aber schon vorbei war. Mitunter schwingt bei Gebrauch dieser Redensart leise Schadenfreude mit: «Ja, das hast du wieder mal verträumt!»

Dazu passt eine Kürzestchronik der letzten vier Wochen. Denn einige von euch mögen sich gefragt haben, warum ich so lange nicht gebloggt habe. Nun: Wir hatten – wieder einmal – verfrühte Sommerferien. Gerne hätte ich mich vorher kurz hier abgemeldet. Aber als ich endlich Zeit dafür gehabt hätte, waren wir «scho omen Egge»,  im Zug Richtung Tessin. In den Ferien blogge ich grundsätzlich nicht, da bin ich einfach unterwegs.

Die freie Zeit ging wie im Flug vorbei. Um die Rückkehr aus der geliebten Südschweiz dann noch ein wenig hinauszuzögern, wählten wir auf der Heimreise nicht die finstere Direttissima durch den Gotthard-Basistunnel, sondern die lange Strecke durch die Leventina. Diese Bahnfahrt hat für uns alte Tessinreisende ihre vertrauten, ikonischen Ausblicke: die Wasserfälle über dem Bahnhof Biasca etwa: gesehen. Der obere Einstieg der Schlucht Dazio Grande bei Rodi-Fiesso: gesehen. Dann picknickten wir und plötzlich: «Wo ist jetzt das Eishockey-Stadion von Ambri-Piotta?» – «Scho omen Egge.» Und auch das Bähnli hinauf zum Ritom-See: «scho omen Egge». Dann schoss der Zug bei Airolo in den Gotthardtunnel und jetzt sind wir wieder zu Hause. Und ich frage mich, ob ich überhaupt noch über diese in vielerlei Hinsichten aussergewöhnliche Reise bloggen soll. Oder ob das alles «scho omen Egge» ist.

Schweizerdeutsch 67: Wo die steilen, tiefen Täler sind

Herr T. steigt hinunter in einen Chrachen.

Chrache (N, m)

Standarddeutsch: ein keilförmiges, abgelegenes Flusstal (siehe auch hier). Oder einfach ein sehr abgelegener Ort.

An meinem freien Tag neulich marschierten Herr T. und ich über das hügelige Land im Napfgebiet. Die Gegend heisst Luzerner Hinterland. Das klingt pejorativ, ist aber nicht so gemeint. Dennoch, von der Stadt Luzern aus gesehen ist es eine ferne Gegend. Ein Netz von Strässchen liegt auf den Hügeln, auf jeder Anhöhe ein Bauernhof. Die Wiesen strotzen vor Grün, wir sehen mehrere Männer auf Traktoren. Sie müssen ihr Heu jetzt einbringen, wo endlich wieder die Sonne scheint. Ich frage mich, wie die Leute hier jahrhundertelang gelebt haben, als es noch keine Autos gab. Ich habe eine Vorstellung, mehr aber auch nicht, denn wir wandern auf den Spuren meines Vaters, meines Grossvaters gar, und beide kann ich nicht fragen, sie sind nicht mehr.

Das hier ist alles noch lieblich. Gleich südlich von uns, näher beim Napf, da liegen wirkliche Chrächen, Bauernhöfe thronen über steil abfallenden Hängen auf seltsam geformten Kreten, unten ist Wald und ein Bach, alles verlassen, nur manchmal eine Strasse oder ein Wanderweg. Hier gibt es Orte, die heissen Geierschwand oder Fröscheloch, Haserank, Luchsern, Höll oder Graus. Oder, Chrachen aller Chrächen, der Chrachegrabe. Die Höfe auf der Höhe darüber heissen Under Chrache und Ober Chrache, und wenn du das auf der Karte siehst, dann weisst du: Richtig abgelegen ist es erst dort.

Wir Schweizerinnen und Schweizer – ein Wutausbruch

Wir Schweizerinnen und Schweizer sind ein wählerisches Volk. Wir wollen von allem das Beste, und zwar jederzeit. Wir dürfen das auch wollen. Denn wir haben Geld und wir wissen: Wer Geld hat, hat es sich hart erarbeitet, sprich, verdient.

Klar, die Drecksarbeit muss gemacht sein. Wir wollen, dass jemand sich für uns bückt, unsere Erdbeeren pflückt, unsere Schokolade fabriziert und unsere WCs putzt. Es darf auch gerne jemand mit einem ausländischen Pass sein, denn das ist Arbeit, die nicht zu uns passt, nicht wahr? Aber dieser jemand soll bitte keinen Wohnraum und möglichst keinen Platz im Tram beanspruchen, nicht zu gut verdienen und vor allem: nach erledigter Arbeit mäuschenstill ausreisen.

Klar, wir wollen eine boomende Wirtschaft, aber wir wollen auch Platz im Zug, Platz für unsere SUVs auf den Strassen, wir wollen Häuschen und Wohnungen à discrétion und zu günstigen Preisen und dazu viel, viel grüne Landschaft. Wenn wir etwas davon nicht haben, dann sind die Ausländer schuld.

Und, klar, weil wir auch das Beste für die Welt wollen, bekennen wir uns zur Nachhaltigkeit. Aber das heisst natürlich nicht, dass wir aufhören sollten, Gift in unsere Flüsse und Seen zu schütten! Das wäre ganz verkehrt! «Nachhaltig» heisst: Wir erkennen, dass wir einfach zu viele sind auf diesem Planeten! Und da wir nicht woanders hingehen und dort den Planeten leeren können, fangen wir doch einfach hier bei uns an. Da müssen wir vorerst mal gar nicht lange überlegen, wer weg muss. Es ist klar: Ausländer wollen wir sowieso nur noch wenige und bitte die richtigen.

Und, ja, das ist bitterer Sarkasmus und natürlich sind wir nicht alle so, aber ganz aus der Luft gegriffen ist es auch nicht. Denn, Freund*innen, ich bin beim Kirschenpflücken gerade gezwungen, mich den ganzen Tag von Volkes Stimme zur Initiative Keine 10-Millionen-Schweiz der SVP beschallen zu lassen. Abgestimmt wird am 14. Juni. Bis dann (und wahrscheinlich darüber hinaus), gestatte ich mir das Gefühl, in einem schönen Land zwischen muffig riechenden Mauern der Verblendung zu hocken. Und selbstverständlich werde ich Nein stimmen.

Und, ja, ich bin nicht die einzige, die sich aufregt. Auch der Kulturflaneur hat heute zum Thema geschrieben, sachlich, erhellend, hier.