Schweizerdeutsch 63: Die Neugier der Nachbarschaft

Gwonder (N)

Standarddeutsch: Neugier

Nach meinem letzten Beitrag habe ich mich gefragt, warum ich als Kind Fensterläden («Schalusiie») nie mit Eifersucht in Verbindung gebracht habe. Mir wurde klar, dass für uns beim Schalusiienschliessen stets etwas ganz anderes im Vordergrund stand, und zwar der Schutz vor «Gwonder» (für Fortgeschrittene: Es wird mit einem kurzen Boot-o ausgesprochen, hier die Erläuterung). Auf keinen Fall sollten neugierige Nachbarn sehen (oder sich gar eine Meinung über das bilden), was sich in unseren Kinder- und Wohnzimmern abspielte. Von den Schlafzimmern ganz zu schweigen. Selbst wer sich noch so untadelig verhielt, wollte nicht in seiner Wohnung beobachtet werden – das Gesehenwerden selbst schien schon irgendwie anrüchig.

Nun ist «Gwonder»  mit «Neugier» nur inadäquat übersetzt. «Gwonder» bezeichnet etwas Übergriffiges, eine Mischung aus Voyeurismus und sozialer Kontrolle, eine Wissbegier ohne Wohlwollen oder Anteilnahme. Etwas, was im Dorf häufiger vorkommt als in der Stadt und oft zu «tommem Gschnorr» führt, zu dummen Klatsch. «Neugierde» dagegen war für mich meist etwas Positives, ein legitimes Bedürfnis nach Weltwissen und Horizonterweiterung, eine unabdingbare Grundeigenschaft für Journalistinnen und Journalisten.

Schweizerdeutsch 62: Vor Eifersucht geschützt

Die blauen Läden links und rechts heissen (oder hiessen) bei uns „Schalusiie“.

Schalusiie (N, hier im Plural)

Standarddeutsch: Fensterläden

Ich sitze mit ein paar nicht mehr ganz jungen Leuten aus der Nachbarschaft an einem heiteren Tisch. Wir verhandeln Wörter von früher. Iris erwähnt den französischen Einfluss auf unsere Sprache und nennt als Beispiel «Schalusiie». Ja, daran erinnere ich mich gut. Wenn es dämmerte, pflegte meine Mutter das Licht anzuzünden und dann zu sagen: «Mues no gschnäll go d’Schalusiie zuemache». Darauf schloss sie die Läden, damit niemand uns von draussen beobachten konnte. Das Wort kommt von französisch «la jalousie», die Eifersucht. Später habe ich dann und wann über den Zusammenhang zwischen Eifersucht und Fensterläden gerätselt. Eifersucht, da dachte ich an an träge Sommernachmittage, ein zerwühltes Bett und an  mörderische Rachsucht. Und nicht an das geordnete Familienleben von damals.

Hier wird die Wortgeschichte erklärt und auch, dass man in Deutschland (vielleicht auch in Österreich) unter einer Jalousie etwas versteht, was wir ganz pragmatisch «Schtore», gepflegter «Schtoore» oder nötigenfalls «Lamälleschtoore» nennen.

Schweizerdeutsch, Zwischenspiel: Luzern, Lozärn oder Lotzärn?

In jungen Jahren studierte ich ein paar Jahre in Bern. Dort lernte ich zahlreiche Menschen aus verschiedensten Teilen der Schweiz kennen. Damals kam es häufig zu folgendem Konversatiönli.

Der neue Bekannte: «Woher kommst du?»
Frau Frogg: «Us Lozärn.» Das «o» spreche ich dabei etwa wie im Standarddeutschen „Boot“ aus, nur einfach kurz.
Der neue Bekannte (in spöttischem Ton): «Ah, Lotzärn!» Das «o» klingt dabei wie im deutschen Wort «glotzen».
Frau Frogg denkt: «Ach! Schon wieder einer, der nicht zuhört!»
Frau Frogg sagt: «Jaja» und lächelt nachsichtig. Es ist in der Schweiz üblich, dass man meint, über die Eigenheiten anderer Dialekte Bescheid zu wissen und sich darüber lustig macht. Deswegen neue Bekannte gleich mit einer Belehrung zu vergraulen, ist unnötig.

Es ist mir aber wichtig, die Sache mit den beiden o hier mal durchzudenken. Denn immer wieder stosse ich auch bei meinen Schweizerdeutsch-Lektiönli auf das Problem, dass dem deutschen Alphabet (mindestens) ein Buchstabe fehlt, um unsere Sprache nachvollziehbar wiederzugeben: eben jener für den kurzen Laut, der ein u ersetzt, aber wie ein kurzes «Boot-o» klingt. Das offenere «Glotz-o» gibt es im Luzerndeutschen zwar auch, aber eben nicht im Wort «Lozärn». Die phonetische Schrift kennt für die beiden Laute auch zwei Zeichen. Das «Glotz-O» ist ein [ɔ]. Das kurze Boot-O ist ein [o]. Im Lektiönli 58 (hier) tauchen sogar beide O-Varianten im Wort «zonderobsi auf. Phonetisch würde man [tsonderɔpsɪ] schreiben – und Lozärn übrigens [lotsæ:rn].

Aber phonetische Schrift will kein Massenmedium seiner Leserschaft zumuten. Wenn Schweizerdeutsch geschrieben wird, was dann und wann vorkommt, hat sich daher die irreführende Schreibweise  «Lozärn» durchgesetzt. Deshalb denkt nun die halbe Deutschschweiz, wir Luzern*innen würden unserer Heimatstadt einen so unglaublich hässlich klingenden Namen wie «Lotzärn» geben.

«Ach Gott, so ein Vokälchen ist doch nicht so wichtig!», höre ich nun irgendein Nordlicht einwenden. Aber dieses Nordlicht unterschätzt die Relevanz des kleinen Unterschieds. Denn das kurze Boot-o, das eigentlich ein u ist, ist im Luzerndeutschen ein Phonem. Das heisst: Es ist bedeutungsunterscheidend. Spreche ich beispielsweise von einem «T[ɔ]bel», dann meine ich einen tiefen Bachgraben. Sage ich jedoch: Mein neuer Bekannter ist «ein T[o]bel», dann meine ich: Er ist ein Idiot (das ist er sehr wahrscheinlich nicht, aber ihr wisst schon, was ich meine).

Nun ist das zweite dieser beiden T-Wörter auch in anderen schweizerdeutschen Dialekten sehr gebräuchlich, vor allem bei Begegnungen mit Idiot*innen im Strassenverkehr. Die Dialekte östlich der Reuss kennen aber das kurze Boot-O nicht. Wenn das zweite T-Wort aufgeschrieben wird, dann meistens als «Tubel».

Wie also gehe ich vor, wenn ich hier mit dem deutschen Alphabet unsere Sprache authentisch und nach klaren Regeln wiedergeben will? Schreibe ich vielleicht besser «Luzärn»? Nein, das geht auch nicht. Denn den Vokal «u» haben wir hier auch noch, und zwar in Wörtern wie «tuusig» für «tausend» oder «Guguus» (eine mehrdeutige Vokabel, die sowohl «Hallo!» als auch «Bockmist» bedeuten kann).

Phonetische Schrift will ich euch aber auch nicht zumuten. Ich glaube, es geht nur, wenn ich die klaren Regeln über Bord werfe und mich an das halte, was sich eh schon eingeschliffen hat. Das heisst: Wir bleiben bei «Lozärn» und «Tubel». Oder was meint ihr?

 

Schweizerdeutsch 61: Eine ruhelose Person

Fägnäscht (N, n)

Eine direkte Übersetzung ins Standarddeutsch gibt es nicht. Gemeint ist eine unruhige Person, meist ein Kind oder eine Frau, die unablässig ihr Nest ausfegt und Dinge in Unordnung bringt.

In den letzten Tagen waren Herr T. und ich zweimal im Kino – eine Jim Jarmusch-Retrospektive lockte. Beim zweiten Besuch musste ich feststellen, dass ich in Menschenmengen heute noch viel schneller nervös werde als früher schon. Das Kino am Sonntag war zwar noch halb leer. Aber als zwei Reihen vor mir ein älterer Herr ein halb volles Matcha-Glas so unkoordiniert umherschwenkte, als wäre er eine angetrunkene Figur aus einem Jarmusch-Film, wurde ich kribblig.

Ich sagte nichts. Aber als die Begleiterin des älteren Herrn sich gesetzt hatte, dann wieder aufgestanden war, den Matcha-Mann am Ärmel gezupft, auf die andere Seite des Mittelgangs gewechselt, sich dort gesetzt hatte, wieder aufgestanden war und nach einem noch besseren Platz Ausschau hielt, warf Herr T. mir einen vielsagenden Blick zu. Ich nickte und flüsterte: «Sii esch es Fägnäscht». So nannten unsere Grosseltern uns, wenn wir unruhig waren. Das Matcha-Ehepaar habe insgesamt sechsmal den Platz gewechselt, berichtete später Herr T. «Omefägnäschte», wäre das richtige Verb für eine solche Tätigkeit.

Trauertag für die Opfer von Crans-Montana

Heute ist in der ganzen Schweiz Trauertag für die Opfer von Crans-Montana. Um 14 Uhr ist nationale Schweigeminute. Die Kirchenglocken werden läuten. Auch ich werde eine Weile innehalten.

Letzten Sommer waren wir im Wallis. Viele Orte dort habe ich ins Herz geschlossen. Auch Crans-Montana haben wir einen kurzen Besuch abgestattet. Der mondäne Bergkurort blieb mir fremd. Aber seit zehn Tagen sind meine Gedanken oft bei den jungen Menschen, die ihr Leben im Flammeninferno in der Bar Le Constellation lassen mussten; bei den Eltern, die Kinder verloren haben; vor allem aber bei jenen Opfern, die jetzt in Spitälern liegen und einen schweren Weg zurück ins Leben vor sich haben.

Im Rest der Schweiz nehmen wir das Wallis als Ort wahr, wo es wild und gefährlich ist und wo die Leute auf mitunter charmante Art machen, was sie wollen. An dieser Katastrophe ist nichts charmant. Hier gehören alle Versäumnisse, alle Nachlässigkeiten, alle Unregelmässigkeiten aufgearbeitet und gesühnt. Crans-Montana, das Wallis und die Schweiz muss den Opfern helfen, wo sie Hilfe brauchen.

Magischer Neujahrsmorgen

Wasserspeiender Wolf und seltsame Vögel: Der Tinguely-Brunnen in Basel heute Morgen.

Es hat auch Vorteile, dass man ab einem gewissen Alter mit wenig Schlaf auskommt. Heute stellte ich trotz gestriger Silvesterfeier schon früh fest, dass nach mehreren vernebelten Wochen endlich wieder die Sonne scheint. Ich weckte Herrn T. und wir fuhren im fast leeren 9.54-Uhr-Zug nach Basel, links und rechts zogen von Frost bedeckte Felder vorbei. Im Zentrum von Basel fanden wir überraschend den Brunnen des Künstlers Jean Tinguely in vollem Eiszauber. Ein magischer Moment. Gefroren hatte ich ihn noch nie gesehen (auf YouTube lässt sich anschauen, wie er im Sommer spritzt und rattert und rotiert).

Und viele magische Momente, Glück und gutes Gelingen eurer Projekte wünsche ich hiermit euch allen im Neuen Jahr 2026

Schweizerdeutsch 57: Der erste Schnee

Ein Hauch von Winter heute, auch im oberen Seetal (von Honhenrain aus gesehen).

Donnerstag und Freitag ist bei uns der erste Schnee gefallen. Jetzt frage ich mich, ob es meinen anderen Schweizer Leserinnen und Lesern auch so geht: Wenn die ersten Flocken durch die Luft wirbeln, weht mir immer dieses Kinderlied durch den Kopf:

Es schneielet, es beielet,
Es good e chüele Wend
Ond d’Meitschi legged d’Händsche n a
Ond d’Buebe laufend gschwend

Das Lied ist heute noch populär, es gibt mehrere Fassungen davon auf YouTube, das poppigste hier.

Falls jemand den Text übersetzt haben möchte, bitte melden. Mich dünkt das einfach, aber ich kann nicht für ein Nordlicht sprechen. Ich habe mich nur mein Leben lang gefragt, was «es beielet» heisst. Wahrscheinlich Kinderreim-Nonsens, habe ich gedacht. Aber eben habe ich es mal gegoogelt, im Schweizerischen Idiotikon gibt es eine Erklärung, siehe hier: Das Wort vergleicht die herumtanzenden Schneeflocken mit einem Bienenschwarm.

Schweizerdeutsch 56: Das Wort zu diesem Wochenende

zonderobsi (Adv)

Standarddeutsch nur unzureichend übersetzbar mit: durcheinander, chaotisch, unordentlich.

Dieses Wochenende ist alles an mir etwas zonderobsi, weil ich am Freitag Grippe- und Covid-19-Impfung hatte. Der Freitag ist für mich ein guter Impftag, denn am Tag nach Covid-19-Impfungen habe ich jeweils Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen. Wenn ich am Samstag impfbedingt ausfalle, kommt wenigstens beim Job nichts zonderobsi.

Das Wochenende begann wie prognostiziert: Schmerzen und erhöhte Temperatur, gegen Abend um 38 Grad. Ich gönnte mir einen Pyjamatag. Nach Putzen (was ich sonst am Samstag tue) war mir gar nicht. Gegen Abend hatten meine Kopfschmerzen Stufe 7 erreicht, ich schluckte ein Dafalgan und löschte das Licht. Da wurde mir übel, ich schwitzte, es wurde eine unschöne Nacht.

Heute ist das Fieber weg, nur der Magen ist noch etwas zonderobsi, aber ich kann essen und trinken. Richtig zonderobsi war dafür die Wohnung: In der Küche stand die Giesskanne neben unabgewaschenen Teetassen und die Salatschleuder aus schmelzbarem Plastik gefährlich nahe beim Kochherd, neben dem frischen Zopf vom Samstag lag altes Brotpapier, auf dem Esstisch Stösse von alten Zeitungen. Und das Bad! Ihr wollt es gar nicht wissen!

Das Wort „zonderobsi“ selbst ist geradezu poetisch unordentlich. Es heisst, möglichst genau übersetzt „zu unter aufwärts“, was ganz und gar ungrammatikalisch ist, aber es deutet an, dass hier das Untere auf unordentliche Weise nach oben geraten ist. Ordentliche Leute verwenden es gerne, um anderen auf Grund  der Unordentlichkeit in ihrer Küche eine gewisse moralische Unzulänglichkeit zu unterstellen.

Vorläufig keine Schweizerdeutsch-Lektiönli – wegen Trump

In der Nacht auf den 1. August traf uns der Zollhammer aus den USA: 39 Prozent „Strafzölle“ für die Schweiz. Danach war Nationalfeiertag. Bei Bratwurst und Kartoffelsalat lästerten wir über Donald Trump. Aber in unserer Sprache gibt es kein adäquates Schimpfwort für einen Autokraten wie den amtierenden US-Präsidenten. Alle unsere Schimpfwörter sind auch ein bisschen niedlich, und das geht in diesem Fall gar nicht. Auch haben wir in unserer Sprache nur wenige Möglichkeiten, Dinge zu sagen wie: „Wir fühlen uns hilflos und gedemütigt.“ Oder: „Wir sind abgrundtief verunsichert.“

Bundespräsidentin Karin Keller-Sutter (FDP), (Quelle: Wikipedia).

Statt dessen keiften meine politisch interessierten Landsleute einander auf X an, stillos wie üblich: „Frau Keller-Sutter hat schlecht verhandelt!“ „Mitte-links ist schuld!“ Erstaunlich, dass unsere rechten Ober-Eidgenossen noch nicht herausgefunden haben, wie man die hiesigen Ausländer für das Desaster beschuldigen könnte.

Ja, ich sehe es als Desaster. Zufälligerweise arbeite ich mich gerade durch ein Standardwerk des Postkolonialismus, „Orientalismus“ von Edward Said. Meine Analyse lag deshalb nahe und war genau dieselbe wie diejenige des Polit-Experten Michael Hermann, heute in der „Schweiz am Wochenende“. Er bezeichnet Trump als Kolonialisten und Raubtierkapitalisten und sagt: „Die Schweiz ist aus Sicht Trumps maximal unwichtig.“ Oder, in meinen eigenen Worten: Trump sass so da und dachte, „oh guck mal, ein kleines, reiches, isoliertes Land. Wir können es vögeln, damit angeben und weiterziehen! Ist das nicht geil?!“ Die Menschen, die hier leben – egal. Was unsere Bundespräsidentin sagt oder nicht sagt – egal. Mehrere zehntausend Arbeitsplätze in der Schweiz – egal. Und was es der US-Ökonomie bringen soll, wenn er unsere kaputtmacht, versteht wohl nur er selbst. Ich wiederhole mich ungern, aber ich sage es nochmals: Wir müssen jetzt bei unserer Beziehung zur EU endlich Fortschritte machen.

Ich habe meine Schweizerdeutsch-Lektiönli immer auch mit einem gewissen Selbstbewusstsein geschrieben. Was soll ich jetzt noch sagen, Schweizerdeutsch oder anders? Ich muss erst mal mein zerzaustes Federkleid zurechtschütteln, dann schauen wir weiter.

Aigle: Warum Otto von Grandson trotz allem ein Held bleibt

Zufahrt zur Klosteranlage von Aigle. Ich stelle mir gerne vor, dass dies einer der letzten Orte ist, die Otto gesehen hat.

Im Frühling 1328 machte Ritter Otto von Grandson seine letzte Reise. Er war 90 Jahre alt, ein immer noch mächtiger Mann. Seine Zeit als Krieger lag lange hinter ihm. Er war in England wohlhabend geworden, seine diplomatischen Dienste in halb Europa gefragt. Nun brach er, zusammen mit ein paar Männern, von Grandson aus auf, um den Grossen St. Bernhard zu überqueren und nach Rom zu gelangen.

Grabmal von Otto von Grandson in Lausanne.

Er kam bis ins 80 Kilometer entfernte Aigle, wo er beim Prior des Klosters weilte und erkrankte. Am 5. April starb er. Man legte ihn in der damals funkelnagelneuen Kathedrale von Lausanne in einem prächtigen Sarkophag zur Ruhe. In Aigle selbsts erinnert nichts mehr an den prominenten Gast des damaligen Priors. Ich bin nicht einmal sicher, ob das Haus des Priors im Klosterviertel noch steht. Das heute mächtige Schloss hatte bei der Ankunft von Otto sowieso erst zwei Türme. Meine Suche nach Ottos Spuren war voller Missverständnisse gewesen: Er war kein Schweizer, sondern eher ein Savoyer, kein Abenteurer, sondern ein Karrierist in fernen Ländern.

Wein-Etikette von 1991 im Museum des Schlosses Aigle.

Aber im Weinbau-Museum des Schlosses Aigle erinnerte eine dort ausgestellte Flaschen-Etikette aus dem Jahre 1991, daran, was Otto in einem gewissen Sinne gewesen ist: ein Europäer. Um zu verstehen, warum mich das interessiert, muss man eine Ahnung haben von der komplizierten Beziehung der Schweiz zur EU. Am 6. Dezember 1992 scheiterte der Beitritt der Schweiz zum Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) knapp in einer Volksabstimmung. Wir EU-Befürworter standen damals mit ähnlich abgesägten Hosen da wie heute die Demokraten in den USA. In der konservativen Zentralschweiz zogen an jenem Sonntag die Trychler im Triumphzug durch die Strassen. Hier schlummert der Mythos von Wilhelm Tell nur leicht und lässt sich mit wenigen Inseraten wecken. Dann ist man gegen alles, was im Entferntesten wie ein fremder Vogt aussehen könnte. Ich erinnere mich gut an jenen Abstimmungssonntag, ich war 27 und  stinkwütend. Ich fühlte mich als Europäerin, nicht als verdammte Trychlerin. Vielen Stimmbürgerinnen und -bürgern der Westschweiz dürfte es ähnlich gegangen sein. Die Romandie hatte den Beitritt mehrheitlich befürwortet. Seither ist die barrière de rösti auch ein Graben zwischen EU-Befürwortenden und EU-Gegnern.

Für mich aber, in der Zentralschweiz aufgewachsen, wurde Otto von Grandson trotz seiner kriegerischen Natur zur Identifikationsfigur: Als Savoyen sich seiner Haustür näherte, griff er nicht trotzig zur Armbrust. Er nutzte die Chancen europaweiter Netzwerke von damals.

Wir sollten bei der Gestaltung unserer Zukunft nicht immer an Wilhelm Tell denken, sondern auch mal an Leute wie Otto von Grandson.

Es heisst, Otto sei ein grosser Verehrer von Eleonore von Kastilien gewesen, der Ehefrau seines Freundes Edward I. Er habe ihr geschworen, dass er eines Tages in der Grabeskirche in Jerusalem beten werde. Dass sie 1290 gestorben war, erfuhr er erst ein Jahr später, als er nach der verlorenen Schlacht um Akko in Zypern eintraf. Robert J. Dean schreibt, die Nachricht habe den Ritter dazu bewegt, als Pilger nach Jerusalem zurückzukehren – obwohl es äusserst gefährlich gewesen sei, denn westliche Kriegsgefangene wurden dort gerade in grosser Zahl auf den Sklavenmärkten zum Verkauf angeboten. Jemand hätte ihn erkennen und verraten können. Aber es gelang ihm, seinen Eid in Jerusalem zu vollbringen und heil nach Zypern zurückzukehren.

So führt eine Reise zur anderen. Vielleicht wird eine unserer nächsten über den Grossen St. Bernhard führen. Nicht zu Fuss, denn obwohl ich erst zwei Drittel des Lebensalters von Otto erreicht habe, traue ich meinen Knien einen solchen Marsch nicht mehr zu. Und nicht bis Rom, das ist mir wahrscheinlich zu weit. Aber, wenn es geht, vielleicht bis nach Turin. Gerade als Tochter des Gotthardpasses will ich damit der Mehrsprachigkeit und den verschiedenen Möglichkeiten, die Schweiz zu sehen, meinen Respekt erweisen.