Schweizerdeutsch 72: Fliegen oder nicht fliegen?

Wenn du fendsch, dass es grondsätzlech alli so söttid mache,
de mach’s eso.

Standarddeutsch heisst das: «Wenn du findest, dass alle es grundsätzlich so machen sollten, dann mach es so.» Das kommt dem vom deutschen Philosophen Immanuel Kant formulierten kategorischen Imerativ nahe: «Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.» Mit diesem Beispiel will ich zeigen, dass wir auf Schweizerdeutsch auch komplexe Zusammenhänge diskutieren. Was, so sagt man mir, bei den Dialekten Deutschlands nicht der Fall sei. 

Gestern Abend zum Beispiel sassen wir zu viert zusammen und diskutierten über das Fliegen. Es ist mal wieder Rekordsommer. Unsere Flüsse trocknen grossflächig aus, Fische sterben zu Hunderttausenden. Keine von uns reist mehr per Flugzeug in die Ferien. «Aber dass man nicht fliegen sollte, ist den Leuten nicht beizubringen», warf L. ein. «Die stehen in hellen Scharen auf dem Flughafen und sagen: ‹Warum soll ich verzichten, wenn andere auch nicht tun?›»

Klar, dass ich sofort die passende Antwort für die Scharen am Flughafen parat hatte, siehe oben. Wenn niemand mehr im Flugzeug verreist, stossen wir als Weltbevölkerung mit einem relativ kleinen Verzicht merklich weniger CO2 aus. Deshalb sollten wir alle nach Möglichkeit aufs Fliegen verzichten.  Simpel.

Ich warf gleichzeitig das grosse Aber in die Runde. Reisen kann unsere Haltung zur Welt verändern, kann unseren Horizont enorm erweitern, uns zu mitfühlenderen Menschen machen. Das habe ich selbst in jungen Jahren erlebt. Und dass jede und jeder von uns einen weiten Horizont haben und mitfühlend sein sollte, finde ich ebenso wichtig wie unseren Beitrag zur Zukunft des Planeten. Wohlüberlegte Ausnahmen sollten also möglich sein.

 

Schweizerdeutsch 71: Sommergewohnheiten

amigs (Adv.)

Standarddeutsch: «jeweils» oder «immer», selten auch «früher». Bei uns sehr geläufig, aber sagt von euch Deutschen jemand «jeweils»? Zur Etymologie von «amigs» siehe hier.

«Wenn es im Sommer so heiss ist wie jetzt, ist es bei uns in der Wohnung amigs auch nachts 26 Grad warm, da schlafe ich schlecht», klagte ich neulich meiner Freundin D.. «Ach, das geht ja noch», sagt D., «ich wohne in einem Altbau, bei mir ist es amigs 27, 28 Grad.» Aber D. macht das nichts. Auch bei Freundin M. ist es wärmer als bei uns. Sie wirft amigs ihren Ventilator an, ein teures Stück, aber es hilft. Herr T. und ich haben keinen Ventilator. Wenn es amigs heiss ist, schliessen wir tagsüber die Fenster und reissen nachts alles auf. Das geht nur dann nicht, wenn Gewitterfronten mit Windböen unterwegs sind. Dennoch bin ich amigs froh, wenn ich an ein paar Tagen in der Woche in mein klimatisiertes Büro darf. Früher habe ich die Klimaanlage dort verflucht. Sie kühlt so stark, dass man im Büro im Hochsommer ein Jäggli tragen und amigs alle paar Stunden kurz nach draussen muss, um sich aufzuwärmen. Aber jetzt ist gerade gar nichts mehr wie amigs.

Schweizerdeutsch 70: Zum Nationalfeiertag

Bem Äid (eine Art Kraftausdruck)

Standarddeutsch: Beim Eid; gemeint ist wahrscheinlich der Rütlischwur. Diesen leisteten am 1. August 1291 gemäss Überlieferungen Männer aus Uri, Schwyz und Unterwalden auf einer Wiese namens Rütli am Vierwaldstättersee. Sie gelobten einander Beistand im Kampf gegen die mächtigen Habsburger. Ihr könnt das in Friedrich Schillers «Wilhelm Tell» nachlesen. Der 1. August wurde 1891 Nationalfeiertag der Schweiz (nachzulesen hier).

«Bem Äid» ist eine Redewendung, die mein Vater während meiner Kindheit noch öfter verwendete, er sagte manchmal auch «bemäich». Mittlerweile ist sie aber ausgestorben, glaube ich.

Nun erwarten wir von einem Kraftausdruck eine gewisse Kraft, eine Art magische Wirkung. Diese beschwören wir dann auch nur bei Problemen von angemessener Grösse. Bei Berufung auf den Nationalmythos würde ein grösseres Problem erforderlich scheinen. Aber «bem Äid» war für meinen Vater längst eine Formel für ganz beiläufige Handlungen geworden. Er sagte zum Beispiel: «Hött mues i bem Äid e Scherm metnäh.» Das heisst: Er hatte zum Fenster hinausgeschaut und unerwartet schwere Regenwolken gesehen. Er würde also einer alltäglichen Unbill – dem Wetter – mehr Widerstand entgegensetzen müssen als angenommen.

So wünsche ich allen einen schönen Nationalfeiertag heute. Ein Schirm ist wohl nicht erforderlich. Es ist gerade so heiss und trocken in der Schweiz, dass wir dieses Jahr «bem Äid» ohne Feuerwerk zurechtkommen müssen.

Schweizerdeutsch 68: Der Raser

freese (V)

Standarddeutsch: «rasen», zum Beispiel im Ferrari. Man spricht es genauso aus wie das Standarddeutsche Wort «fräsen» (etwa ein Stück Holz), einfach ohne «n» am Schluss. Und es hat tatsächlich auch diese zweite Bedeutung. Der Zusammenhang zwischen beiden Bedeutungen ist wohl lautmalerisch – wegen des Lärms, den Autos bei hochtouriger Beschleunigung machen.

Es ist so: Seit einigen Tagen sehe ich auf dem Weg zur Bushaltestelle fast jeden Morgen Remo. Er sitzt mit seinem mundgesteuerten Rollstuhl an der Ecke bei der Apotheke, wo viel Betrieb ist. Er macht das gern, an belebten Strassenecken sitzen und zuschauen, was vor sich geht. Das hat er mir vor ein paar Jahren erzählt. An diesem Morgen wage ich wieder einmal ein Schwätzchen mit ihm, ermutigt von meinen Fortschritten mit dem E-Ohr. Es geht tiptop.

Remo ist, wie immer, pfiffig und vergnügt. Ich kenne ihn, weil er in der WG des Wohnheims für Cerebral Gelähmte bei uns nebenan wohnt.

Oder vielmehr: Gewohnt hat. Er ist jetzt 77. Weil er mehr Pflege braucht, musste er aus der WG ausziehen, erzählt er mir jetzt. Er trägt es mit positiver Einstellung. Aber dass er so oft bei der Apotheke sitzt, spricht Bände. Dort hat er gute Chancen, seinen alten Kumpels zu begegnen.

Wohnen tut er jetzt im Pflegeheim am Hang. „Huch, da oben ist es aber ganz schön abschüssig!“, sage ich. „Wie kommst du denn in die Stadt herunter?“ Er grinst: „Ach, das ist kein Problem. Mit dem Rollstuhl kannst du da problemlos d’Schtross ab freese.“

Schweizerdeutsch 67: Wo die steilen, tiefen Täler sind

Herr T. steigt hinunter in einen Chrachen.

Chrache (N, m)

Standarddeutsch: ein keilförmiges, abgelegenes Flusstal (siehe auch hier). Oder einfach ein sehr abgelegener Ort.

An meinem freien Tag neulich marschierten Herr T. und ich über das hügelige Land im Napfgebiet. Die Gegend heisst Luzerner Hinterland. Das klingt pejorativ, ist aber nicht so gemeint. Dennoch, von der Stadt Luzern aus gesehen ist es eine ferne Gegend. Ein Netz von Strässchen liegt auf den Hügeln, auf jeder Anhöhe ein Bauernhof. Die Wiesen strotzen vor Grün, wir sehen mehrere Männer auf Traktoren. Sie müssen ihr Heu jetzt einbringen, wo endlich wieder die Sonne scheint. Ich frage mich, wie die Leute hier jahrhundertelang gelebt haben, als es noch keine Autos gab. Ich habe eine Vorstellung, mehr aber auch nicht, denn wir wandern auf den Spuren meines Vaters, meines Grossvaters gar, und beide kann ich nicht fragen, sie sind nicht mehr.

Das hier ist alles noch lieblich. Gleich südlich von uns, näher beim Napf, da liegen wirkliche Chrächen, Bauernhöfe thronen über steil abfallenden Hängen auf seltsam geformten Kreten, unten ist Wald und ein Bach, alles verlassen, nur manchmal eine Strasse oder ein Wanderweg. Hier gibt es Orte, die heissen Geierschwand oder Fröscheloch, Haserank, Luchsern, Höll oder Graus. Oder, Chrachen aller Chrächen, der Chrachegrabe. Die Höfe auf der Höhe darüber heissen Under Chrache und Ober Chrache, und wenn du das auf der Karte siehst, dann weisst du: Richtig abgelegen ist es erst dort.

Schweizerdeutsch 66: Wieder arbeiten

Vorewäg nää!

Standarddeutsch kurz für: «Du musst die Dinge einfach vornewegnehmen, das heisst: ruhig bleiben und eins ums andere erledigen.» Achtung: «Vorewäg nää!» heisst nicht «vorwegnehmen» im Sinne von «antizipieren». Sondern eher das Gegenteil.

Morgen muss ich wieder arbeiten. Die Dinge in meinem Ressort sind während meiner zweiwöchigen Absenz nicht zu meiner vollen Zufriedenheit erledigt worden. Das habe ich herausgefunden, als ich heute Morgen meine Geschäftsmails öffnete. Ich wollte antizipieren, was mir morgen so bevorsteht. Es hat nicht zu meiner Beruhigung beigetragen.

«Vorewäg nää», würde mein Vater jetzt sagen. «Vorewäg nää», das ist die besänftigend gemeinte Antwort unserer Elterngeneration, wenn wir über Stress klagten. Im Moment bereitet die Redensart mir Kopfzerbrechen, weil sie sich über die Methode dieses «Vorewägnää» so gänzlich ausschweigt.

Also gut: Nehmen wir an, sie kommt aus den ländlichen Kindheiten unserer Elterngeneration. Dann können wir immerhin festhalten, dass meine Arbeit der Ernte auf einer Leiter im Kirschbaum ähnlich ist. Ich steige gewissermassen auf die Leiter, verschaffe mit einen Überblick über die verschiedenfarbigen Punkte im Laub und pflücke dann der Reihe nach die reifen Früchte heraus. Das ist eine schöne Tätigkeit. Was grün oder gelb ist, kann warten. Was aber mache ich mit den überreifen, ja, faul gewordenen Kirschen, die dort gerade in beträchtlicher Zahl hängen? Kann ich die einfach ignorieren? KI meint: «Faule Kirschen am Baum müssen umgehend entfernt werden, um eine Ausbreitung der Monilia-Fruchtfäule zu verhindern.»

Ja, so ähnlich ist das auch in meinem Job. Ich werde mich um alles kümmern müssen, und zwar zeitnah. Aber wenn es so ist, würde die Redensart «vorewäg nää!» wohl einfach bedeuten, dass wir gelassen bleiben sollen, auch wenn wir ein paar lange Arbeitstage vor uns haben.

Schweizerdeutsch 65: Herzklopfen

S’Pöpperle (N)

Standarddeutsch: Herzklopfen – oder, im übertragenen Sinn: Lampenfieber. Die lautmalerische Vokabel meint jedenfalls jenen ängstlich-aufgeregten Zustand, den wir zum Beispiel vor einem bevorstehenden Auftritt haben. Wir können aber auch «ech ha’s Pöpperle» sagen, wenn wir auf den Ausgang des Ereignisses wenig Einfluss haben werden. Zum Beispiel vor einer Operation. Wir sagen es aber nur dann, wenn die Chancen intakt sind, dass alles glücklich herauskommt.

«Ech ha’s Pöpperle», sage ich jetzt, weil ich morgen früh ein Cochlea-Implantat eingesetzt bekomme, ein synthetisches Innenohr. Mal denke ich: «Grosser Gott! Wie konnte ich mich nur auf ein solch sinnloses Wagnis einlassen!» Mal: «Vielleicht werde ich danach irgendwann wieder besser Englisch verstehen! Vielleicht habe ich dann weniger Angst vor Kaffeeeckengesprächen und Restaurants!»

Schweizerdeutsch 64: Fassungslos

«Si esch näb de Schue»

Standarddeutsch: «Sie steht neben den Schuhen», eine Redensart, die bedeutet: Sie ist verstört, schockiert, vor Schreck geistesabwesend oder handlungsunfähig.

Ich arbeite noch an meinem Text für die Abschiedsfeier meines Vaters, da erreicht uns eine weitere, erschütternde Todesnachricht aus unserem näheren Umfeld. Rasch will ich den Hinterbliebenen ein paar frisch erblühte Weidenäste vor die Tür stellen, aber ich brauche eine Vase mit dünnem Hals. Die leere Weinflasche vom letzten Sonntag wäre ideal, aber an ihr kleben noch die Etiketten, und es soll ja nicht aussehen wie nach einem Teenager-Besäufnis draussen im Wald. Die Etiketten müssen weg, auch wenn ich wenig Zeit habe und besser das sich türmende Geschirr der letzten Tage in die Abwaschmaschine stellen und den Käserindengeruch in der Küche verscheuchen würde. Ich schrubbe die leere Weinflasche mit Wasser, mit Seifenwasser, mit Nagellackentferner, mit Desinfektionsmittel und mit Öl. Dann wieder mit Seifenwasser und Öl und Nagellackentferner und wieder mit Seifenwasser. Ich seufze dabei, denn ich weiss, die verstorbene Person wüsste genau, wie man es macht. Das hier dauert viel zu lange. Endlich bin ich fertig und trage die Flasche mitsamt Weidenästen vor mir her zum nahen Wohnsitz der Hinterbliebenen. Dann will ich die Küche aufräumen, die nun penetrant nach Käserinde und Nagellackentferner riecht. Kaum habe ich angefangen, klingelt es an unserer Tür. Ich will dem Gast einen Kaffee machen, aber ich weiss kaum, wo ich die sauberen Tassen finde.

Zwei Tage später will ich mit einem uralten Bekannten spazierengehen, dem Eisenbahner. Ich packe ein PET-Fläschchen ein, mit Trinkwasser für unterwegs, wie ich das bei jedem Spaziergang seit 17 Jahren mache. Aber diesmal habe ich das Gewinde der Flasche zu wenig genau kontrolliert, bevor ich es einpacke. Unterwegs im Bus zum Treffpunkt entleert sich die Flasche durch die Nähte des Rucksacks auf meine Hose. Die Frau, die neben mir sitzt und etwas zur Seite rücken muss, bleibt gelassen: «Solange es nur Wasser ist…», lächelt sie.

 

Vorlesen im Talgrund: Das letzte Kapitel

Blick in die Berge: Die viereckige Firnfläche oben auf dem Berg in der Bildmitte heisst Vrenelisgärtli. (Quelle: Wikipedia).

Als ich meinen Vater (86) vor drei Wochen im Talgrund besuchte, merkte ich, dass er eine belegte Stimme hatte. Ich war alarmiert, wenn auch nicht übermässig. Ich meine: Er hatte seit 2023 mehrere Lungenentzündungen durchgemacht und sich immer wieder erholt. «Ich will neunzig werden», sagte er, als er sich im Talgrund eingelebt hatte.

Es ging ihm schnell schlechter. Als ich ihn Montag besuchte, lag er schwer atmend im Bett und sprach undeutlich. Ich fragte, ob ich ihm überhaupt noch vorlesen solle wie üblich. Er nickte: «Ja, machen wir das Buch fertig», sagte er.

Ich las aus «Quatemberkinder» von Tim Krohn. Der Roman erzählt, wie der Melk und das Vreneli tief im Glarnerland einander lieben und doch nicht zusammenkommen können. Ich war auf Seite 154. Unwahrscheinlich, dass ich es diesmal bis zum Schluss schaffen würde. Der Roman hat 210 Seiten. Ich muss erwähnen, dass die Geschichte beim Vorlesen Längen hat. Doch die zahlreichen Schweizerdeutschen Einsprengsel hatten meinen Vater und mich immer wieder zum Lächeln gebracht.

Auch auf Seite 154 hat Melk mal wieder vergessen, dass er eigentlich zum Vreneli gehört. Als er endlich ins Tal zu ihr zurückkehren will, sind drei Jahre verflossen wie eine einzige Nacht. Das Vreneli ist verschwunden.

Mein Vater lag da und horchte mit geschlossenen Augen.

Auf Seite 165 erfährt der Melk, was mit dem Vreneli passiert ist: Sie hat während seiner Abwesenheit ein Kind geboren, Melks Kind. Aber das kleine Geschöpf schläft eines Tages einfach ein «und vertwachte nicht mehr». An dieser Stelle musste ich mich zusammennehmen, damit mein Vater nicht merkte, wie brüchig meine Stimme war.

Das Vreneli beginnt nun wie von Sinnen, hoch am Glärnisch im Schneefeld ein Gärtli anzulegen, das Vrenelisgärtli eben, und verschwindet eines Tages in einem Sturm. Wie ich nun vorlas, dass der Melk das Vreneli zunächst verzweifelt sucht und immer wieder von ihm träumt, kämpfte ich heftig mit meiner ungehorsamen Stimme. Ich kam noch bis Seite 168, ans Ende des Kapitels, dann schloss ich das Buch und verabschiedete mich. Draussen kamen mir die Tränen.

Am Donnerstag ist mein Vater gestorben.

 

Schweizerdeutsch 63: Die Neugier der Nachbarschaft

Gwonder (N)

Standarddeutsch: Neugier

Nach meinem letzten Beitrag habe ich mich gefragt, warum ich als Kind Fensterläden («Schalusiie») nie mit Eifersucht in Verbindung gebracht habe. Mir wurde klar, dass für uns beim Schalusiienschliessen stets etwas ganz anderes im Vordergrund stand, und zwar der Schutz vor «Gwonder» (für Fortgeschrittene: Es wird mit einem kurzen Boot-o ausgesprochen, hier die Erläuterung). Auf keinen Fall sollten neugierige Nachbarn sehen (oder sich gar eine Meinung über das bilden), was sich in unseren Kinder- und Wohnzimmern abspielte. Von den Schlafzimmern ganz zu schweigen. Selbst wer sich noch so untadelig verhielt, wollte nicht in seiner Wohnung beobachtet werden – das Gesehenwerden selbst schien schon irgendwie anrüchig.

Nun ist «Gwonder»  mit «Neugier» nur inadäquat übersetzt. «Gwonder» bezeichnet etwas Übergriffiges, eine Mischung aus Voyeurismus und sozialer Kontrolle, eine Wissbegier ohne Wohlwollen oder Anteilnahme. Etwas, was im Dorf häufiger vorkommt als in der Stadt und oft zu «tommem Gschnorr» führt, zu dummen Klatsch. «Neugierde» dagegen war für mich meist etwas Positives, ein legitimes Bedürfnis nach Weltwissen und Horizonterweiterung, eine unabdingbare Grundeigenschaft für Journalistinnen und Journalisten.