Erläuterungen 1: Herr T. meint, Pflotsch sei nicht genau dasselbe wie Matsch. „Matschig“ könne alles sein, auch ein nicht so frischer Apfel. Pflotsch hingegen ist einfach eine Mischung aus Wasser, Schnee oder Eis und Erde. Pflotsch befindet sich auf der Strasse, wenn es geregnet oder geschneit hat.
Erläuterungen 2: Herr T. erzählte mir neulich beim Spaziergang nach den letzten Schneefällen grinsend eine Szene, die er eben beobachtet hatte: „Die Mama da hinten hat dem Dreijährigen zugerufen: ‚Neeeein! Nicht mit den Stiefeln in den Pflotsch!‘ Aber der Kleine ist grad extra voll hineingetreten!“
Auf Hochdeutsch: Betrug, ähnlich wie im hochdeutschen Verb „jemanden bescheissen“. Bei uns gilt das Wort „Bschiss“ nicht eigentlich als vulgär. Wir brauchen es oft und haben auch gar kein stilvolles Synonym dafür.
Zum Deutschschweizer Wort des Jahres ist „Bschiss“ im Medienschlagwort „Unterschriften-Bschiss“ geworden, erkoren von der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (mehr hier). Der so genannte „Unterschriften-Bschiss“ steht im Zusammenhang mit Volksabstimmungen in der Schweiz. Da mein werter Leser Rabi in den letzten Tagen besonderes Interesse an Volksabstimmungen gezeigt hat, hier ein paar Worte mehr zum Thema.
Wer in der Schweiz eine Volksabstimmung herbeiführen will, muss meist Unterschriften sammeln, das heisst: bei Regen und Kälte auf der Strasse herumstehen. Nun gibt es Firmen, die anbieten, Unterschriften zu bestimmten Themen gegen bares Geld zu beschaffen. Das schien unproblematisch, solange sicher war, dass diese Unterschriften von realen Personen stammten und zum beabsichtigten Zweck abgegeben wurden. Doch 2024 stellte sich heraus: Einige dieser Firmen hatten systematisch betrogen – sie schickten zum Beispiel Leute zu grossen Wohnblocks, um dort die Namen von den Klingelschildern abzuschreiben und dazu Unterschriften zu fälschen.
Das ist in der Tat empörend. Denn im Allgemeinen gelten Volksabstimmung in der Schweiz als verlässlichste Art, den Willen der Mehrheit zu ermitteln. Aber im Herbst 2024 stand plötzlich die Möglichkeit im Raum, dass jeder, der genügend Geld hat, sich eine Volksabstimmung kaufen könnte (und wer dann noch mehr Geld hat, könnte ja auch gleich noch den Volkswillen mit sehr viel Werbung zu seinen Gunsten beeinflussen). Mich wunderte daher eher, dass der Aufschrei über den „Unterschriften-Bschiss“ nicht noch lauter war.
Auf Wikipedia gibt es hier kurz und sachlich alle Einzelheiten zu Volksabstimmungen. Ein zweiter, guter Link zum Unterschriften-Bschiss hier.
auf Hochdeutsch: sich auf leisen Sohlen herbei- oder davonstehlen, ganz sachte auf den Zehenspitzen gehen.
24. Dezember: Während die Kinder, vom Papa abgelenkt, mit Bauklötzen spielen, passiert hinter ihrem Rücken Unerhörtes: Das Christkind tüüsseled mit einem Arm voller Geschenke in die Stube. Dort wartet Mama, nimmt dem Christkind leise die Päckli ab und legt sie unters Bäumchen. Das Christkind macht sich über den Balkon davon, dann ruft die Mama die Kinder in die Stube, und – „Oh, Du fröhliche!“ – da steht das Bäumchen, erleuchtet von ganz vielen Christbaumkerzen!
So war das bei uns.
Frohe, leuchtende Weihnachtstage wünsche ich Euch allen!
Auffällig ist die Wortendung „-zgi“. Als hätten die Kinder das viersilbige Wort viel zu lang gefunden und kurzerhand die letzten drei Silben zu einer einzigen zusammengeknüllt. Es gibt noch mehr Wörter, die auf „zgi“ enden, der pedestrian hat mir gestern bei einem kleinen Brainstorming geholfen. Hier:
Lüchzgi: Gelbe Leuchtbänder, die man Kindergärtlern über die Schultern zieht Handzgi: Handarbeitsunterricht Hitzgi: Schluckauf Bitzgi: Apfelkerngehäuse (das, was viele beim Apfelessen wegwerfen)
Gschiider Schlämpe n als Lämpe
Heisst auf Hochdeutsch: Besser Milchhaut als Streit
Erläuterungen: Es taugt fast zum Aphorismus, was unser Freund, der Stauffacher, gestern wohl spontan erfunden hat. Wir sassen bei ihm und der Stauffacherin auf 850 Metern über Meer in einer Alphütte, dem Wochenendhaus der Familie. Draussen lag Schnee. Die Stauffacherin bot uns heisse Schokolade zum Aufwärmen an, mit frischer Kuhmilch vom Bauernhof nebenan. Wir nickten enthusiastisch. „Aber Achtung!“ sagte sie, „Die Milch ist noch nicht entrahmt, ihr müsst viel rühren, sonst gibt’s Schlämpe.“ Ich mache eine wegwerfende Geste: „Schlämpe machen mir keine Angst.“ Und „Lämpe“ ist ein Wort, das wohl in den achtziger Jahren Eingang in unsere urbane Alltagssprache fand. „Si hed Lämpe mit ihrem Ex.“ Hier mehr zu diesem Wort.
flott (Adj)
Kann heissen: „sympathisch“, „aufgeschlossen“, „kommunikativ“, „leistungsbereit“, „positiv eingestellt“, „gut gekleidet“, „gut aussehend“ und wird typischerweise bei der Erstbeurteilung von angehenden Lehrlingen und Schwiegersöhnen in spe verwendet („e flotte Purscht“).
Wird im Schweizerdeutschen nur auf Menschen angewendet und bedeutet nie: „schnell“. Da würde man eher „tifig“ sagen (jedenfalls bei Mädchen).
Erläuterungen: Neulich kam Nachbarin Bea zum Plaudern vorbei. Sie hat den grössten Teil ihres Lebens in der Nordwestecke des Kantons Luzern verbracht. Von dort bringt sie ihr Vokabular, ihr Lautinventar und ihre Werte mit. Sie pries uns ein Öko-Projekt an, das sie besichtigt hatte. Es wird von drei jungen Frauen geführt. „Drü so flotti Froue!“ sagte sie zweimal.
In der Rubrik „Schweizerdeutsch-Lektiönli“ schreibe ich in unregelmässigen Zeitabständen über Redensarten in der Schweiz – teils auch, um mögliche Missverständnisse zwischen Deutschen und Schweizer*innen auszuräumen. Ich wähle die Wörter zufällig und ohne höhere didaktische Absicht. Kommentare jederzeit willkommen.
Samichlaus (rechts) und sein Assistent Schmutzli (Quelle: historyundusted.wordpress.com)
Samichlaus (m) Hochdeutsch: St. Nikolaus
Schmutzli (m) Hochdeutsch: Der meist schwarz gekleidete Begleiter von Samichlaus, entspricht am ehesten Knecht Ruprecht oder in Österreich dem Krampus
Die beiden kommen heute noch um den 6. Dezember herum bei Kindern zu Besuch. Früher verkörperten sie das Prinzip, dass es keine Belohnung ohne Strafe gibt. Der Samichlaus brachte die Belohnung: Er hörte sich unsere Sprüchli an, lobte und ermahnte gütig und verteilte Nüssli, Manderinli und Lebkuchen. Die Schmutzli – sie kamen meist als Rudel – waren seine wilden Begleiter und lieferten die Strafe. Meist gespielt von zehn- bis zwölfjährigen Buben, wetzten sie durch das Zimmer und liessen ihre Ruten zischen. Als Sechs- und Siebenjährige war ich beim Samichlaus-Besuch in grösster Furcht, dass so eine Schmutzli-Rute auf meinen Po niedersausen könnte.
Schmutzli-Rute (Quelle: deinparadies.ch)
Wohl als Siebenjährige sah ich in den blauen Augen eines Schmutzli-Buben mit schwarz bemaltem Gesicht eine Art heilige Begeisterung, als er seine Rute sausen lassen liess. Seither weiss ich, wie sehr manche Kinder (wohl auch Erwachsene) es geniessen, anderen Menschen Angst einzuflössen. Heute findet man sehr wohl noch Schmutzli-Ruten im Angebot von Online-Shops aber von den idyllischen Samichlaus- und Schmutzli-Bildern im Netz sind sie allesamt verschwunden.
Hochdeutsch: parken; ein Fahrzeug, meist ein Auto, vorübergehend auf einem Parkplatz oder am Strassenrand abstellen
Ich war sehr belustigt, als ich lernte, dass die Deutschen nicht „parkieren“, sondern „parken“ sagen. Denke ich das Verb „parken“, dann kann ich mir nur vorstellen, was ich mit einem Park täte, wenn ich eine Riesin wäre. Ich würde vergnügt mit Bäumen jonglieren, parkierte Fahrräder zu Halsketten aneinanderhängen, spazierende Mannsgöggeli vom Ausgang des Parks flugs wieder an seinen Eingang stellen, es riesige, farbige Papierschnipsel auf den Rasen regnen lassen; kurz, im Park für Allotria sorgen.