Schweizerdeutsch 64: Fassungslos

«Si esch näb de Schue»

Standarddeutsch: «Sie steht neben den Schuhen», eine Redensart, die bedeutet: Sie ist verstört, schockiert, vor Schreck geistesabwesend oder handlungsunfähig.

Ich arbeite noch an meinem Text für die Abschiedsfeier meines Vaters, da erreicht uns eine weitere, erschütternde Todesnachricht aus unserem näheren Umfeld. Rasch will ich den Hinterbliebenen ein paar frisch erblühte Weidenäste vor die Tür stellen, aber ich brauche eine Vase mit dünnem Hals. Die leere Weinflasche vom letzten Sonntag wäre ideal, aber an ihr kleben noch die Etiketten, und es soll ja nicht aussehen wie nach einem Teenager-Besäufnis draussen im Wald. Die Etiketten müssen weg, auch wenn ich wenig Zeit habe und besser das sich türmende Geschirr der letzten Tage in die Abwaschmaschine stellen und den Käserindengeruch in der Küche verscheuchen würde. Ich schrubbe die leere Weinflasche mit Wasser, mit Seifenwasser, mit Nagellackentferner, mit Desinfektionsmittel und mit Öl. Dann wieder mit Seifenwasser und Öl und Nagellackentferner und wieder mit Seifenwasser. Ich seufze dabei, denn ich weiss, die verstorbene Person wüsste genau, wie man es macht. Das hier dauert viel zu lange. Endlich bin ich fertig und trage die Flasche mitsamt Weidenästen vor mir her zum nahen Wohnsitz der Hinterbliebenen. Dann will ich die Küche aufräumen, die nun penetrant nach Käserinde und Nagellackentferner riecht. Kaum habe ich angefangen, klingelt es an unserer Tür. Ich will dem Gast einen Kaffee machen, aber ich weiss kaum, wo ich die sauberen Tassen finde.

Zwei Tage später will ich mit einem uralten Bekannten spazierengehen, dem Eisenbahner. Ich packe ein PET-Fläschchen ein, mit Trinkwasser für unterwegs, wie ich das bei jedem Spaziergang seit 17 Jahren mache. Aber diesmal habe ich das Gewinde der Flasche zu wenig genau kontrolliert, bevor ich es einpacke. Unterwegs im Bus zum Treffpunkt entleert sich die Flasche durch die Nähte des Rucksacks auf meine Hose. Die Frau, die neben mir sitzt und etwas zur Seite rücken muss, bleibt gelassen: «Solange es nur Wasser ist…», lächelt sie.

 

Schweizerdeutsch 60: Eiskalte Finger

«Ech ha’s Chuenegele» (N) oder: «Es tued mech chuenegele»

Standarddeutsch: Ich habe den Schmerz, den man empfindet, wenn eiskalte Finger wieder warm werden.

In den letzten paar Tagen war kamen wir in der Schweiz nie aus den Minustemperaturen heraus. -11,6 Grad soll es in Luzern am Dreikönigstag am frühen Morgen gewesen sein. Beim Gang über die Seebrücke um 9 Uhr beobachtete ich ein eindrückliches Phänomen: Der Vierwaldstättersee dampfte, weisse Schwaden stiegen dem ausnahmsweise blauen Himmel entgegen und schienen in der Luft zu gefrieren. Ich wollte fotografieren, aber es ging nicht. Meine Finger waren eisig kalt.

Später, noch beim Gehen, wurden meine Hände wieder warm und etwas rot und ich verspürte in den Fingern diesen seltsam beglückenden Schmerz, den ich vor allem aus der Kindheit kenne. Ein Schmerz, der uns sagt, dass wir am Leben sind und dass wir mit der Kälte zurechtkommen werden. «Chuenegele», nennen wir ihn.

Das Wort «Kuh» scheint darin vorzukommen und ich habe mich oft gefragt, weshalb wir eigentlich jedes Naturphänomen auf die bäurische Lebensweise unserer Vorfahren zurückführen müssen. Aber Wikipedia klärt auf: «Etymologisch gesehen hat Kuhnagel nichts mit Kuh oder Nagel zu tun. Das Grundwort geht auf Agle in der Bedeutung Stachel zurück. Das Bestimmungswort Chue- ist unklar. Laut einer Meinung soll es eine Abwandlung von Horn (vgl. die ebenfalls belegte Variante Hornagel) sein und sich dabei auf den Fingernagel beziehen,[3] die Bedeutung wäre damit ‹Nagelstechen, Nagelschmerz›. Nach einer anderen Meinung sei es verwandt mit kühn und bezeichne damit eine Verstärkung im Sinne von sehr; die Bedeutung wäre in dem Fall ‹starkes Stechen›.»

Magischer Neujahrsmorgen

Wasserspeiender Wolf und seltsame Vögel: Der Tinguely-Brunnen in Basel heute Morgen.

Es hat auch Vorteile, dass man ab einem gewissen Alter mit wenig Schlaf auskommt. Heute stellte ich trotz gestriger Silvesterfeier schon früh fest, dass nach mehreren vernebelten Wochen endlich wieder die Sonne scheint. Ich weckte Herrn T. und wir fuhren im fast leeren 9.54-Uhr-Zug nach Basel, links und rechts zogen von Frost bedeckte Felder vorbei. Im Zentrum von Basel fanden wir überraschend den Brunnen des Künstlers Jean Tinguely in vollem Eiszauber. Ein magischer Moment. Gefroren hatte ich ihn noch nie gesehen (auf YouTube lässt sich anschauen, wie er im Sommer spritzt und rattert und rotiert).

Und viele magische Momente, Glück und gutes Gelingen eurer Projekte wünsche ich hiermit euch allen im Neuen Jahr 2026

Schweizerdeutsch 57: Der erste Schnee

Ein Hauch von Winter heute, auch im oberen Seetal (von Honhenrain aus gesehen).

Donnerstag und Freitag ist bei uns der erste Schnee gefallen. Jetzt frage ich mich, ob es meinen anderen Schweizer Leserinnen und Lesern auch so geht: Wenn die ersten Flocken durch die Luft wirbeln, weht mir immer dieses Kinderlied durch den Kopf:

Es schneielet, es beielet,
Es good e chüele Wend
Ond d’Meitschi legged d’Händsche n a
Ond d’Buebe laufend gschwend

Das Lied ist heute noch populär, es gibt mehrere Fassungen davon auf YouTube, das poppigste hier.

Falls jemand den Text übersetzt haben möchte, bitte melden. Mich dünkt das einfach, aber ich kann nicht für ein Nordlicht sprechen. Ich habe mich nur mein Leben lang gefragt, was «es beielet» heisst. Wahrscheinlich Kinderreim-Nonsens, habe ich gedacht. Aber eben habe ich es mal gegoogelt, im Schweizerischen Idiotikon gibt es eine Erklärung, siehe hier: Das Wort vergleicht die herumtanzenden Schneeflocken mit einem Bienenschwarm.

Schweizerdeutsch 53: Wenn die Nebel sich lichten

  1. Es tuet uf

Standarddeutsch: «Es macht auf». Sinngemäss: Der Nebel – oder die Wolken – lichten sich. «Es» ist dieser formlose Raum um und über uns, in dem unser Wetter stattfindet. Wie in «es regnet» oder «es schneit»).

Das ganze schweizerische Mittelland liegt in diesen Tagen am Grund einer dicken Nebelsuppe. Wie so oft im Herbst und Winter. Es ist die Zeit, in der wir uns unserem täglichen Kleinklein widmen, hektisch, konzentriert, verbohrt, von früh morgens bis spät abends. Was sollen wir auch ins Weite schauen? Es gibt dort doch gar nichts zu sehen! Immerhin: Vor einer Woche hatte ich einen fast freien Nachmittag. Ich machte mich auf nach einem Ort namens Vogelsang. Zuerst kam ich zur Bank unter der riesigen, gelbbelaubten Eiche und dem Wegkreuz beim Seehof. Ich setzte mich hin. Es war 15.30 Uhr. Jemand hatte die Jesusfigur über mir frisch angemalt. Sie hängt da, reglos und hellrosa. Da lichtete sich der Nebel, die Sonne beschien das Eichenlaub und die Jesusfigur. Eine halbe Stunde später war ich im Vogelsang. Dort sah ich diesen einen, sündhaften Apfel.

Schweizerdeutsch 52: Strasse überqueren in Wien

Grüener werd’s nömme!

Standarddeutsch: Grüner wird’s nicht mehr!
Sinngemäss: Mach endlich vorwärts, die Ampel steht auf Grün!

Wien ist nicht überall ein Fussgängerparadies. Wer auf Schusters Rappen* am Ring unterwegs ist, muss oft an mehrspurigen Strassen und Grosskreuzungen warten. Lange warten. So lange, bis der Blick von der gegenüberliegenden Ampel wegschweift, denn es gibt in Wien doch so viel mehr zu sehen als dieses langweilige, rote Ampelmännchen! Bis dann, huch, die anderen Wartenden sich in Bewegung gesetzt haben und die Schweizer Touristin auch sieht, dass es grün ist und gerade noch rechtzeitig hinterherhechten kann, bevor sich gegenüber wieder das rote Männchen hinstellt.

Am Wiener Ring hallte mir in solchen Momenten die Stimme des Fahrlehrers Frogg hinterher – er war ein ferner Verwandter von uns und unterrichtete meine Mutter, die jeweils mit Gusto seine Redensarten kolportierte. «Grüener werd’s nömme!» pflegte er auszurufen, wenn sie nach dem Lichtwechsel das Gaspedal nicht schnell genug fand. Oder wenn irgend so ein Fussgänger, für den man extra angehalten hatte, den Farbwechsel verträumte. Ganz als gäbe es an einer Lichtsignalanlage nicht nur drei, sondern eine ganze chromatische Tonleiter von farbigen Lampen, schliesslich sagt man ja auch: «Er raste bei dunkelorange über die Kreuzung.»

  • Eben fällt mir die Doppeldeutigkeit der Redewendung «auf Schusters Rappen» auf. Mein Leben lang habe ich geglaubt, sie verweise auf den Geldbetrag, den «de Schuemacher» beim Verkauf seines Erzeugnisses einnimmt (früher kosteten einfache Treter bestimmt nur ein paar Rappen!). Ich hab’s aber gerade gegoogelt und bin überrascht: Das Wort «Rappen» verweist hier auf Pferde!

Schwerhörig: Die Frau im Rollstuhl

Ich bin auf dem Trottoir an einer verkehrsreichen Strasse unterwegs. Da höre ich diese dünne, gereizte Frauenstimme: «Hallo!» ruft sie. Vielleicht gilt das doch mir, denke ich – jetzt, wo die Stimme etwas lauter ist, fällt mir auf, dass ich sie vorher schon ein- oder zweimal gehört habe. Vor mir ist niemand, also vielleicht hinter mir. Ich habe wegen der Schwerhörigkeit ein miserables Richtungsgehör. Ich drehe mich um, aber auf Augenhöhe ist da niemand. Ich senke den Blick, und da ist sie: eine Frau im Rollstuhl, die mich überholen will.

«Oh, Entschuldigung!» sage ich freundlich und trete zur Seite. Sie rollt mit grimmiger Miene an mir vorbei. Ich kann den Gedanken hinter ihrer Stirn lesen: „Existieren wir Rollstuhlfahrerinnen denn nicht?! Ist diese blöde Kuh eigentlich taub?!» Ja, bin ich, und ihre Unfreundlichkeit stört mich zunächst. Ich erlebe eine solche Szene an dieser Strasse schon zum zweiten Mal, und wie beim ersten Mal verzichte ich dennoch darauf, meine Hörgeräte herauszureissen, sie ihr zu zeigen und zu brüllen: «Sie sind hier nicht die einzige mit einer Behinderung, Sie dämliche Ziege!» Obwohl ich Lust dazu hätte.

Aber im Grunde glaube ich auf dem Gesicht dieser Frau einen Ingrimm zu erkennen, den ich manchmal auch spüre. Mit den Jahren habe ich gelernt, mit meinen Beeinträchtigungen umzugehen. Ja, ich betrachte sie mittlerweile als das Normalste der Welt. Deshalb erwarte ich – oft irrtümlich – dass andere selbstverständlich auch mit meinen Einschränkungen umgehen können. Wenn sie es dann – aus was immer für Gründen – nicht tun, kommen sie mir manchmal vollkommen idiotisch vor.

 

Sion: Lieblingsort

Unsere Ferienwohnung lag mitten in der Altstadt von Sion, an der Rue du Grand-Pont. „Ich frage mich, wo die grosse Brücke ist, nach der sie benannt ist“, sinnierte Herr T. Wir hatten auf dem Weg hierher nirgends eine gesehen. Mir war das nicht so wichtig. Ich war gerade dabei, mich in die Stadt zu verlieben, ob sie eine Brücke hatte oder nicht – egal. Vom Wallis hatte ich zuvor nur die Berge gekannt. Jetzt sah ich, dass es einen charakterstarken Kantonshauptort hat.

Das Café Grenette in der Altstadt von Sion.

Wenige Schritte von unserer Wohnung entfernt: das Café La Grenette, wo wir uns gleich nach unserer Ankunft mit der gebotenen Vorsicht in eine Ruine von einem Sofa sinken liessen. Nach kurzem Zögern war ich hingerissen von dem Lokal. Es erinnert an die Genossenschaftsbeizen, von der es in der Deutschschweiz nur noch jene in Solothurn gibt. „La Grenette“ ist aber mehr. Es ist schrill, selbstironisch, manchmal ein wenig verstörend, frönt vergnügt der Gaukelei und Anspielungen an die frankofone Popkultur. Es ist, so steht es hingemalt an der Mauer beim Eingang: „Le Grand Café Grenette – Tripot clandestin depuis 1724; Vins, bières lièdes, Xylocéphalies en tous genres.“ Heisst: „Grand Café zur Markthalle – Heimliche Spielhölle seit 1724, Weine, Sauerbiere und Holzköpfigkeiten aller Art.“ Wir genehmigten uns in der Grenette abends öfter ein Glas Fendant – sogar der schmeckt dort feuriger als in der Deutschschweiz.

Die beiden Burghügel Tourbillon (links) und Valère um 1900 (Quelle: Wikipedia).

Prägend für das Stadtbild und eine Wucht sind die beiden Schlösser, die auf Hügeln östlich der Stadt thronen. Auf dem Valère steht eine 1000 Jahre alte, respektgebietende Basilika, noch dazu mit einer Orgel aus dem 14. oder 15. Jahrhundert. Der Bau diente im Mittelalter auch als Schutzburg für die Bevölkerung und hat sogar eine angebaute Getreidemühle. Auf dem Tourbillon residierte im Sommer der Bischof von Sion, einst Herrscher über die ganze Talschaft und gelegentlich im Kampf mit den Savoyern, deren Reich wenige Kilometer westlich von Sion begann.

Die heilige Barbara im Antiquitätenladen. Das gespiegelte Auto täuscht. La rue du Grand-Pont liegt in einer Fussgängerzone.

Als wir weiter in der Altstadt umherstromerten, sah Herr T., warum die Hauptgasse dort Rue du Grand-Pont heisst: An ihrem unteren Ende quillt unter den Häusern hervor ein Flüsschen, die Sionne. Nun sahen wir: La rue du Grand Pont liegt nicht neben einer grossen Brücke, sie ist selbst eine und schätzungsweise 300 Meter lang. Mein Lieblingsort dort ist der Antiquitätenladen Thuriot Antiquaire. Dort entdeckte ich im Schaufenster eine quicklebendige Darstellung der Heiligen Barbara. Ich betrachtete sie jedesmal, wenn ich an ihr vorbeigung. Würde die Frau heute leben, dann würde sie kompetent eine Fachhochschul-Abteilung leiten. Auch bei höchster Sitzungsdichte wäre sie stets heiter, fair und gefasst – darin w¨ürde sich ihre Fähigkeit zeigen, Wunder zu wirken.

Unser Radius in Sion beschränkte sich weitgehend auf die Altstadt und den Bahnhof. Es war heiss wie in einem Backofen, zu heiss für Spaziergänge. Einmal sass ich im Schatten der Kathedrale, die ironischerweise „unserer Lieben Frau vom Gletscher“ gewidmet ist und dachte: „Wenn die Pizza, auf der ich hier sitze, fertig ist, wird uns die Sonne verschlingen.“ Etwas Abkühlung ist im Square de Mayennets zu haben, nahe beim Bahnhof. Dort gibt es Bäume, ein Becken mit kleinen Springbrunnen und in der Nordwestecke ein farbenprächtiges Wandbild von der Stadt.

Sion im Abendlicht am Rande des Mayennets-Parks.

Warum ich Reiseberichte schreibe

Eigentlich habe ich ein schlechtes Gewissen, wenn ich hier erzähle, wie ich es mir im Lavaux gutgehen liess. Andere schwimmen gegen die Widrigkeiten des Alltags an, während ich bis zum Kinn in die erfrischende Bläue des Genfersees eintauche! Ich sollte schweigen und geniessen. Doch ich habe das dringende Bedürfnis, über das Lavaux und das Unterwallis zu schreiben. Warum nur?

Klar, zuerst kommt die Frage, warum ich überhaupt reise. Auf sie habe ich während der Pandemie glücklicherweise eine befriedigende Antwort gefunden, bei Fernando Pessoa (hier der Link). Es geht mir beim Reisen ums Verstehenwollen. Bei der Reise in die Westschweiz konkret: Wer sind unsere compatriot·e·s dort? Wie leben wir mit ihnen? Oder wenigstens: Was haben sie für eine Geschichte?

Aber warum schreibe ich das alles auch noch wie eine Verrückte auf? Ich ging gestern so durch unser Grossraumbüro, während ich über diese Frage sinnierte, unter meinen Füssen der anthrazitgraue Teppich, der die ganze Fläche bedeckt. Ich könnte ebensogut die Geschichte dieser seltsam borstigen Kunststoffasern erforschen und teilen, denke ich. Pessoa würde das gut finden, „denn ist die Befreiung nicht in mir, erlange ich sie nirgendwo“. Bestimmt würde das Wissen über die Herkunft, die Hersteller*innen dieses Teppichs meinen Horizont unendlich erweitern, und – sorgfältig aufbereitet – vielleicht auch den meiner Leserschaft. Und doch finde ich im Moment das Lavaux und das Unterwallis so viel beschreibenswerter.

Am Abend sah ich den Anfang einer Sommerserie am Schweizer Fernsehen: Die Italien-Korrespondentin Simona Caminada erkundet mit zwei Fernwanderprofis den Sentiero Italia. Die Reise beginnt im italienischen Teil von Savoyen, deshalb musste ich das sehen. Aber Caminada fragt ihre zwei Mitwanderer auch, warum sie das Unterwegssein zu Fuss zu ihrer Berufung gemacht haben. Und einer sagt: „Ich wandere, weil ich damit der Erde Respekt bezeuge. Aus der Erde kommt alles, was wir sind.“ Herr T. fand diese Antwort „zu esoterisch“. Aber für mich ist es eine stilvolle Art, das zu sagen, was ich weiss, wenn ich mich da draussen zu Fuss vorwärtsbewege: dass das Unterwegssein meine Seele in einen Gleichklang mit meinen Füssen und der Welt bringt – und dass mir das mehr gibt als nur die Kraft, drei Wochen später wieder über den Büroteppich zu schreiten. Dass es  über mich selbst hinausgeht. Und was für das Wandern gilt, gilt in einem gewissen Sinne auch für Reisen im Zug und für das Erforschen von Städten und alten Burgen.

Wenn ich das Glück über diese Verbundenheit von einem Hügel herunter wortlos in alle vier Winde werfen könnte, würde ich es tun. Aber das geht ja nicht. Das Internet scheint mir daher der zweitbeste Ort, es auszustreuen. Wenn diese Berichte zu oft klingen wie PR-Artikel oder trockene Faktensammlungen, dann liegt es einfach nur daran, dass es Dinge gibt, die ich nicht vermitteln oder nicht artikulieren kann.

Westschweiz: Erinnerungen an einen Sprachaufenthalt

Herr T. wollte den Canal d’Entreroches sehen, einen kuriosen, von Niederländern gebauten Verkehrsweg aus dem 17. Jahrhundert. So nahmen wir in Yverdon eine S-Bahn und stiegen nach einer Viertelstunde an der einsamen Haltestelle Bavois aus. Dort war einmal der Wasserweg, er ist verschwunden. Jetzt sind dort Wiesen und Felder, meist Futtermais, dazwischen dann und wann eine Reihe Pappeln, ein Kartoffelacker.

Als ich erste Kartoffelblüten sah, wurde ich von einer Flut von Erinnerungen überwältigt. In einer ähnlichen Ebene in der Westschweiz kauerte ich vor mehr als 40 Jahren in einem solchen Acker. Der Monsieur rügte mich, weil ich die Kartoffeln nicht der Reihe nach geerntet hatte, sondern die grössten zuerst (und dabei ein paar kleinere hatte liegen lassen). Ich hatte wieder den Dialekt des Monsieurs im Ohr, der zweitletzte Silben nahezu synkopisch betont und verlängert. Er hätte zum Beispiel „Baavois“ gesagt, und nicht Bavois.

Ich war im Landdienst. In der Generation meiner Eltern war es noch üblich, dass Jugendliche ein Jahr lang „is Wäutsche“ geschickt wurden – also ins Welschland (so nannte man damals die Suisse romande. Heute sagt man das  nicht mehr, es gilt als pejorativ). Man arbeitete als Erntehilfe oder als Au pair. Um Französisch zu lernen, etwas zu leisten und – beaufsichtigt durch verantwortungsbewusste Monsieurs und Madames – erste Erfahrungen im Leben ausserhalb des Elternhauses zu sammeln. Mein Vater organisierte einen solchen Aufenthalt für mich. Er dauerte nur fünf Wochen, die Sommerferien mussten reichen. So kam ich, wahrscheinlich 1982, in die Rhoneebene, in ein Dorf in der Nähe von Aigle.

Ich arbeitete nicht nur „dans les pommes de terre“, sondern auch „dans les betteraves“ (in den Zuckerrüben) und vor allem „dans le tabac“ (bei der Tabakernte). Tabak wächst in der Schweiz nur in tiefen Lagen, wo es warm genug ist. Im Juli erntet man die untersten Blätter, die dann schon gelblich sind. Das war Handarbeit. Heisst: Man kriecht mit krummem Rücken den Tabakreihen entlang. Ich war stolz, dass ich das konnte, ich liebte die Hitze, das Rascheln der Tabakblätter zwischen meinen Händen und sogar die Schmerzen im Kreuz, wenn ich mich nach zwei Stunden wieder aufrichten wollte. Habe ich Französisch gelernt? Oh ja. Gewiss habe ich den Monsieur oft mit meiner Fragerei genervt. Zu gerne hätte ich gewusst, wie und wo genau der Tabak in die Zigaretten kam, die er reichlich rauchte.

Das Hafengebäude des Canal d‘ Entreroches. Als Soundtrack zur Kanal-Erforschung würde sich der Titel „In the Dutch Mountains“ von The Nits eignen. Rechts der Lindenbaum. Bild: kulturflaneur.ch.

Als Herr T. und ich beim Hafengebäude des Kanals anlangten, war ich ganz bei der Landwirtschaft. Das Haus steht am Fuss einer Hügelkette. Nur Umrisse im Gras hinter dem Haus lassen erkennen, dass hier einmal ein Hafenbecken war. Ich interessierte mich mehr für die mächtige Linde an der Zufahrt. Sie blühte. Neben ihr stand ein kleiner Kran mit einem angehängten Personenkorb, der zwischen ein die Äste des Baumes gezwängt war. Man konnte niemanden sehen, aber Herr T. sagte, er höre zwei Personen darin reden. Wahrscheinlich ernteten sie „les fleurs de tilleul“.