Musik in meinen Ohren


Frau Frogg ist in grauer Vorzeit Beatles-Fan gewesen. Seither hat sich vieles geändert

Achtung, dies ist ein Klagelied! Es tut mir leid, ich kann nicht anders. Dominik Leitner ist schuld. Er hat uns in seinem Projekt *txt das Stichwort mittlerweile gegeben. So ein Wort ist ein Steilpass für jemanden mit einer chronischen Krankheit – es fordert geradezu dazu heraus, die Veränderungen zu untersuchen, die zum Beispiel so ein Morbus Menière bewirken kann. Ich verspreche, dass ich dafür auch einen Beitrag zum neuen Wort Hoffnungsschimmer schreiben werde.

Als Teenager war ich Beatles-Fan. Ich hörte noch tiptop, und ich kannte sämtliche Beatles-Songs ohne Ausnahme. „Please Please Me“ war ein Favorit von mir, dieser sehnsuchtsvolle Chor, dieses eindringliche Gitarrenriff – ich muss das Lied an die hundertmal gehört haben.

Neulich machte ich Weihnachtseinkäufe und betrat einen Laden mit dänischem Schnickschnack. Das Geschäft war proppenvoll und nebst allem anderen Lärm und meinem Tinnitus jaulte auch noch eine Gitarre falsch aus einem Lautsprecher. Jemand sang abgehackt und zwischendurch traktierte ein Drummer sein Instrument. Es musste eine Minute in den Song hinein sein, als ich plötzlich die Zeile „Last night I said these words to my girl“ verstand. Sofort wusste ich: Das ist „Please Please Me“ – aber die Melodie hätte ich nie erkannt. So ist es, schwerhörig zu sein.

Ich hatte keine Zeit, darüber traurig zu sein. Ich fand statt dessen den dänischen Schnickschnack einfach saublöd und verliess den Laden so schnell wie möglich.

So bin ich mittlerweile: schnell gereizt, schnell bereit, Dinge langweilig oder ärgerlich zu finden. In ständiger Angst vor dem nächsten Schwindelanfall und vor Situationen, denen ich mit meinem schlechten Gehör nicht gewachsen sein könnte.

Ich bin einmal ganz anders gewesen, versichere ich mir mittlerweile oft. Ich hatte Selbstvertrauen der Jugend. Ich hatte zu allem etwas zu melden. Ich konnte Musik hören und reisen und wusste stets, was es zu Bloggen gab. Aber ich habe wenig Kraft im Moment. Das einzige, was ich gerade wirklich gerne tue, ist lesen und schlafen.

10 Gedanken zu „Musik in meinen Ohren“

  1. Bäääm,
    Treffer – versenkt. Mich nerven aktuell solche Momente auch derart kolossal. Und ich hardere wieder mal mit den Herausforderungen, die meine Schwerhörigkeit mir beruflich und privat stellt. Ich kann es sehr gut nachvollziehen.
    Ist eigentlich schon jemandem aufgefallen, daß der junge Ringo Starr dem Fußballer Thomas Müller wie aus dem Gesicht geschnitten ähnlich sieht?
    Grüße aus dem viel zu kalten Hessen
    Matthias

  2. sein selbstvertrauen kann man aus den unterschiedlichsten gründen verlieren… ich habe zur zeit auch ganz schön damit zu kämpfen. allzuviel selbstvertrauen hatte ich aber noch nie. mein kampf findet auf relativ niedrigem niveau statt – wenn ich mich so in der welt der selbstbewussten umschaue.

    ich war nie beatles-fan, aber ich mochte ihre musik sehr. heute höre ich sie nur noch ab und zu. es gibt einfach zu viel… von allem.

    die zeit spült alles weg. was wiederkommt, sind lediglich bruchstücke.
    so sieht es aus mit dem eigenen leben: irgendwann sitzt man einsam als trauriger könig auf den ruinen seiner burg.
    sie nochmal aufbauen? zu spät…
    man kann es sich dort nur einigermaßen gut einrichten und (so gut wie möglich) gegen die verzweiflung ankämpfen.

    lesen und schlafen ist gar nicht so übel.

  3. Oh je! Also ich bin in dem Dänischen Schnickschnackladen auch ganz ohne Menière sehr schnell genervt. Nicht auszudenken, wie das mit Tinitus und Angst vor Schwindel sein muss. Gehe doch nächstes Mal 100 Meter weiter auf der anderen Reussseite in den öko-fairen Designladen. Dort riecht es wenigstens gut.

  4. Ich wünsche dir, dass wieder Zeiten kommen, wo du mehr Kraft hast.
    In so einem dänischen Kramuriladen waren wir letztens auf dem Bahnhof in Prag. Ich war auch ganz schnell genervt.

  5. REPLY:
    lach, an den dänischen schnickschnackladen und die folgen unseres besuchs dort hab ich auch gleich denken müssen. die waren doch noch viel nerviger;-)

  6. und zum text oben: ich glaub nicht, dass du mittlerweile so viel anders geworden bist. nichts von dem, wie du dich beschreibst, könnt ich unterschreiben … trotzdem alles liebe für 2017!

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