Schweizerdeutsch 72: Fliegen oder nicht fliegen?

Wenn du fendsch, dass es grondsätzlech alli so söttid mache,
de mach’s eso.

Standarddeutsch heisst das: «Wenn du findest, dass alle es grundsätzlich so machen sollten, dann mach es so.» Das kommt dem vom deutschen Philosophen Immanuel Kant formulierten kategorischen Imperativ nahe: «Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.» Mit diesem Beispiel will ich zeigen, dass wir auf Schweizerdeutsch auch komplexe Zusammenhänge diskutieren können. Was, so sagt man mir, bei den Dialekten Deutschlands nicht der Fall sei. 

Gestern Abend zum Beispiel sassen wir zu viert zusammen und diskutierten über das Fliegen. Es ist mal wieder Rekordsommer. Unsere Flüsse trocknen grossflächig aus, Fische sterben zu Hunderttausenden. Keine von uns reist mehr per Flugzeug in die Ferien. «Aber dass man nicht fliegen sollte, ist den Leuten nicht beizubringen», warf L. ein. «Die stehen in hellen Scharen auf dem Flughafen und sagen: ‹Warum soll ich verzichten, wenn andere auch nicht tun?›»

Klar, dass ich sofort die passende Antwort für die Scharen am Flughafen parat hatte, siehe oben. Wenn niemand mehr im Flugzeug verreist, stossen wir als Weltbevölkerung mit einem relativ kleinen Verzicht merklich weniger CO2 aus. Deshalb sollten wir alle nach Möglichkeit aufs Fliegen verzichten.  Simpel.

Ich warf gleichzeitig das grosse Aber in die Runde. Reisen kann unsere Haltung zur Welt verändern, kann unseren Horizont enorm erweitern, uns zu mitfühlenderen Menschen machen. Das habe ich selbst in jungen Jahren erlebt. Und dass jede und jeder von uns einen weiten Horizont haben und mitfühlend sein sollte, finde ich ebenso wichtig wie unseren Beitrag zur Zukunft des Planeten. Wohlüberlegte Ausnahmen sollten also möglich sein.

 

Das Tessin, von der Sonnenstube zum Glutofen

Das Tessin galt einst als Sonnenstube der Schweiz. Aber das war zu einer Zeit, als auf der Alpennordseite die meiste Zeit im Jahr kühl und feucht war. Dieses Jahr jedoch war fast die gesamte Schweiz schon kurz nach Mitte Juni ein Glutofen. Nicht ganz so schlimm wie Paris oder Mannheim, wo die Sonne die 40 Grad-Marke knackte. Aber auch Basel kam auf 39 Grad. Wir waren im Tessin mit «nur» 34 Grad glatt privilegiert. Noch dazu nächtigten wir in einer Ferienwohnung mitten in einem Garten. Während wir schliefen, fächelten uns Palmen kühle Luft zu.

Doch auch wir schwitzten. Ende der ersten Woche hielt Feriennachbar Pesche seine Uhr, die alles messen kann, in den Swimming Pool. «Das Wasser hat 29 Grad!» rief er aus. Bezeichnenderweise lernte ich während dieser Ferien, warum im Tessin gemütliche, in Berghänge gebaute Restaurants oft «Grotto» heissen: weil die Einheimischen dort in höhlenartigen Kellern («grotti») früher Käse, Schinken und Butter kühlten – manchmal bauten sie dann kleine Gaststätten dazu. Auch unser Badezimmer war in den Hang gebaut. Nachts öffneten wir die Tür, dann kam ein kühler Luftzug in unser Schlafzimmer. Wir überlegten, ob wir das Bad nun «Grotto» nennen sollten. Aber das erinnerte zu sehr an Lebensmittel. So sagte ich abends: «Ja, dann mache ich jetzt die Tür zum Permafrost auf.»

Das Wort «Klimawandel» fiel während unserer vielen, heiteren Tafelrunden mit Freunden nicht ein einziger Mal. Es war überflüssig. Wir – mehrheitlich Ü60 – wissen über den Treibhauseffekt Bescheid, seit 40 Jahren, einige von uns waren Klimaaktivisten. Jetzt versuchten wir, düstere Ahnungen mit freundlicher Konversation zu verscheuchen. Wir nahmen leichte Mahlzeiten zu uns, schütteten massvoll Weisswein und reichlich Wasser, mitunter auch Gurkentrunk in uns hinein. Zu den Höhepunkten meiner Ruhetage in Orselina gehörte ein Caffè freddo shakerato in der Panetteria Cecchettin.

Den Regenradar konsultierten wir obsessiv. Geregnet hat es in Orselina genau dreimal. Manchmal erinnerte ich mich wehmütig an einen Junitag hier im Jahre 2016. Es war nicht kalt, aber es schüttete Bindfäden, Leintücher und Wolldecken, Katzen und Hunde. Herr T. hat hier darüber berichtet. «Tja, Sonnenstübchen», lästerten wir damals.

2026 sahen wir zwar öfter Gewitter vorbeiziehen. Einmal ging über einem Dorf in der Magadinoebene – wir sahen es aus der Ferne – ein heftiger Regenschauer nieder. Es sah aus, als hätte jemand eine Dusche angedreht, das Wasser glitzerte silbern, von Süden her schien die Sonne. Bei uns fielen lediglich dreimal eine Zeitlang lang schwere Tropfen. Wolken kamen und sahen regenschwer aus, doch über dem Lago Maggiore lösten sie sich meist auf. «Es versucht verzweifelt zu regnen», kommentierte Herr T. Und Nachbar Pesche sagte: «Ich vertraue dem Regenradar nicht mehr.»

Einmal zeigte Herr T. mir Fotos aus dem Jahr 2016. Auf einem von ihnen rollt der Ticino regengeschwollen, durch die Magadinoebene. Ich wurde traurig, denn 2026 waren die meisten Flüsse träge Rinnsale, manchmal etwas erfrischt von den Gewittern an den Bergkämmen. Als Pesche und Ruth nach zwei Wochen abreisten, hatte das Schwimmbecken 31 Grad.

 

Locarno: Die Muskeln ruhen lassen

Heisst: „Für die Bizepse und den Planeten: Bring deine leeren Batterien zur Sammelstelle.“

Wir mussten uns eingestehen, dass es heiss war. Es war 15 Uhr am Tag 3 unserer Ferien, in der dritten Juniwoche. Das Thermometer strebte zielbewusst die 30 Grad-Marke an. Eben waren wir von unserem Spaziergang Richtung Tenero nach Locarno zurückgekehrt. Nun mussten wir mehr als eine Stunde warten. Wir waren später noch mit unseren Nachbarn übers Eck verabredet, die zufällig auch gerade hier Ferien machten. Da sagte Herr T.: «Wir gehen jetzt in den Park, setzen uns auf eine Bank und ruhen uns aus.» Beim Eingang zu den Giardini Rusca fotografierte ich das Plakat links. Den gelbgrünen Recycling-Superman gibt es auch in der Deutschschweiz. Aber ich fand das Wort «bicipiti» so reizvoll. Und genau in diesem Moment vollzog sich bei der Reisenden Frogg eine Veränderung, die diesen Ferien eine ganz andere Note gab als unseren früheren.

Auf jeder früheren Reise hätte ich Herrn T. den Schatten alleine aufsuchen lassen. Ich hätte wenigstens noch meine Beinmuskeln und Augen trainiert, indem ich ein Stündchen auf Entdeckungstour durch die Stadt geschlendert wäre. Aber diesmal folgte ich Herrn T. schicksalsergeben zu einem von Bäumen umgebenen Plätzchen mit einem mächtigen Bronzestier in der Mitte. Ich war so erhitzt, dass ich ihn nicht einmal fotografierte. Wir setzten uns auf den letzten verbliebenen Platz – die schattigen Stellen auf den acht Bänken waren mit einer Ausnahme alle besetzt.

Dann trafen wir unsere Nachbarn, fanden ein sympathisches Lokal in der Nähe der Piazza Sant’Antonio (der Grosse) und genehmigten uns einen Apero. Der Abend gehörte zu den vielen Treffen, die diese Ferien ebenfalls ganz anders machten als alle vorhergegangenen. Einige unserer Bekannten und Freunde, viele von ihnen pensioniert, waren auch gerade hier. Herr T., selbst Pensionist, hat einen Freundeskreis aufgebaut, während ich malochte und meine Ohren pflegte. Es war alles sehr entspannt. Man hatte Zeit zum Plaudern, keine himmelsstürmenden Projekte. Auch unsere Nachbarn im Ferienhaus, Ruth und Pesche, erwiesen sich als kontaktfreudig und sehr freundlich. Dank CI blieb ich beim Plaudern auch länger fit.

Für alle, die gespannt auf mehr News über das Reisen mit CI warten: Der nächste Beitrag wird sich damit befassen. Wer eine übersichtlichere Zusammenfassung unserer ersten Woche will, lese hier beim Kulturflaneur nach.

Locarno: Ein paar Minuten Ewigkeit direkt beim Bahnhof

850 Jahre alt und immer noch gwundrig.

Unsere Freundin Severine, Bernerin und somit reformierter Herkunft, kennt sich im Locarnese bestens aus. Doch als ich einmal die Kirche San Vittore erwähnte, sagte sie in ihrer direkten Art: «Mit den Kirchen hier musst du mir nicht kommen! Sie interessieren mich nicht, und für mich ist die katholische Kirche sowieso eine Art Sekte.» Ich verstehe, was sie meint. Trotzdem werden in meinen Feriengeschichten hier einige Kirchen vorkommen. Nicht, weil ich besonders religiös bin. Sondern, weil ich zugänglich bin für die Wirkung kultischer Räume. Und weil einige dieser alten Gemäuer die Geschichte vieler Jahrhunderte konservieren.

Teile der Basilika San Vittore zum Beispiel stehen seit über 900 Jahren. Das reicht für eine Ahnung von Ewigkeit, die ich dort immer wieder gerne für ein paar Minuten wirken lasse. Die Kirche liegt direkt neben Bahnhof Locarno und ist wohltuend kühl und meist leer. Ihr galt einer unserer ersten Besuche im Tessin. Das Gesicht, das auf dem Bild oben so wissbegierig aus den Büschen äugt, ist 850 Jahre alt und am Kapitell einer der Säulen in der Krypta zu sehen. Ich hoffe jedes Mal, wenn ich dort bin, dass es zu sprechen anfängt.

Lebensmittelpreise nach der Teuerung (Foto: Herr T.)

Auch der Turm der Kirche hat eine Eigenheit, die durch die Jahrhunderte zu uns spricht. An der Ostwand ist auf schätzungsweise 15 Metern Höhe eine Steintafel angebracht. In sie ist die Empörung über die Teuerung von 1527 eingemeisselt. Getreide war damals knapp, weil es verheerende Unwetter und Krieg in der Lomardei gegeben hatte, wo das meiste Korn herkam. Ich kann nur raten, aber ich vermute, «FURM» heisst Weizen, «SICALE» Roggen und «MILO» Hirse. Angegeben sind wohl Pfundpreise, «COST LIBRE», ich weiss aber nicht in welcher Währung. Meine Quelle* erklärt die seltsame Platzierung der Tafel: Wegen dieser wirtschaftlichen Schwierigkeiten musste man den Bau des Turms damals auf der Höhe der Inschrift unterbrechen. Er wurde erst 1932 fertiggestellt, 400 Jahre später.

Bevor uns die Tafel die aktuelle Weltlage in Erinnerung rufen konnte, gingen wir von dort die üblichen, wenigen Schritte bis zum Seeufer und genossen einen Spaziergang Richtung Tenero. Herr T. hat bereits 2016 über diese Route geschrieben (hier).

  • Quelle: Eva Meret Neuenschwander und Jürg Schneider: „Tessin und Lago Maggiore; Handbuch für individuelles Entdecken“ ; Bielefeld, Reise Know-how Verlag Peter Rump, 4. Auflage, 2014

Schweizerdeutsch 69: Vorbei!

Scho omen Egge!

Standarddeutsch: «Es ist schon um die Ecke.» Das pflegten wir zu sagen, wenn jemand von uns etwas noch hätte sehen oder sagen wollen – der richtige Moment aber schon vorbei war. Mitunter schwingt bei Gebrauch dieser Redensart leise Schadenfreude mit: «Ja, das hast du wieder mal verträumt!»

Dazu passt eine Kürzestchronik der letzten vier Wochen. Denn einige von euch mögen sich gefragt haben, warum ich so lange nicht gebloggt habe. Nun: Wir hatten – wieder einmal – verfrühte Sommerferien. Gerne hätte ich mich vorher kurz hier abgemeldet. Aber als ich endlich Zeit dafür gehabt hätte, waren wir «scho omen Egge»,  im Zug Richtung Tessin. In den Ferien blogge ich grundsätzlich nicht, da bin ich einfach unterwegs.

Die freie Zeit ging wie im Flug vorbei. Um die Rückkehr aus der geliebten Südschweiz dann noch ein wenig hinauszuzögern, wählten wir auf der Heimreise nicht die finstere Direttissima durch den Gotthard-Basistunnel, sondern die lange Strecke durch die Leventina. Diese Bahnfahrt hat für uns alte Tessinreisende ihre vertrauten, ikonischen Ausblicke: die Wasserfälle über dem Bahnhof Biasca etwa: gesehen. Der obere Einstieg der Schlucht Dazio Grande bei Rodi-Fiesso: gesehen. Dann picknickten wir und plötzlich: «Wo ist jetzt das Eishockey-Stadion von Ambri-Piotta?» – «Scho omen Egge.» Und auch das Bähnli hinauf zum Ritom-See: «scho omen Egge». Dann schoss der Zug bei Airolo in den Gotthardtunnel und jetzt sind wir wieder zu Hause. Und ich frage mich, ob ich überhaupt noch über diese in vielerlei Hinsichten aussergewöhnliche Reise bloggen soll. Oder ob das alles «scho omen Egge» ist.

Schweizerdeutsch 68: Der Raser

freese (V)

Standarddeutsch: «rasen», zum Beispiel im Ferrari. Man spricht es genauso aus wie das Standarddeutsche Wort «fräsen» (etwa ein Stück Holz), einfach ohne «n» am Schluss. Und es hat tatsächlich auch diese zweite Bedeutung. Der Zusammenhang zwischen beiden Bedeutungen ist wohl lautmalerisch – wegen des Lärms, den Autos bei hochtouriger Beschleunigung machen.

Es ist so: Seit einigen Tagen sehe ich auf dem Weg zur Bushaltestelle fast jeden Morgen Remo. Er sitzt mit seinem mundgesteuerten Rollstuhl an der Ecke bei der Apotheke, wo viel Betrieb ist. Er macht das gern, an belebten Strassenecken sitzen und zuschauen, was vor sich geht. Das hat er mir vor ein paar Jahren erzählt. An diesem Morgen wage ich wieder einmal ein Schwätzchen mit ihm, ermutigt von meinen Fortschritten mit dem E-Ohr. Es geht tiptop.

Remo ist, wie immer, pfiffig und vergnügt. Ich kenne ihn, weil er in der WG des Wohnheims für Cerebral Gelähmte bei uns nebenan wohnt.

Oder vielmehr: Gewohnt hat. Er ist jetzt 77. Weil er mehr Pflege braucht, musste er aus der WG ausziehen, erzählt er mir jetzt. Er trägt es mit positiver Einstellung. Aber dass er so oft bei der Apotheke sitzt, spricht Bände. Dort hat er gute Chancen, seinen alten Kumpels zu begegnen.

Wohnen tut er jetzt im Pflegeheim am Hang. „Huch, da oben ist es aber ganz schön abschüssig!“, sage ich. „Wie kommst du denn in die Stadt herunter?“ Er grinst: „Ach, das ist kein Problem. Mit dem Rollstuhl kannst du da problemlos d’Schtross ab freese.“

Schweizerdeutsch 64: Fassungslos

«Si esch näb de Schue»

Standarddeutsch: «Sie steht neben den Schuhen», eine Redensart, die bedeutet: Sie ist verstört, schockiert, vor Schreck geistesabwesend oder handlungsunfähig.

Ich arbeite noch an meinem Text für die Abschiedsfeier meines Vaters, da erreicht uns eine weitere, erschütternde Todesnachricht aus unserem näheren Umfeld. Rasch will ich den Hinterbliebenen ein paar frisch erblühte Weidenäste vor die Tür stellen, aber ich brauche eine Vase mit dünnem Hals. Die leere Weinflasche vom letzten Sonntag wäre ideal, aber an ihr kleben noch die Etiketten, und es soll ja nicht aussehen wie nach einem Teenager-Besäufnis draussen im Wald. Die Etiketten müssen weg, auch wenn ich wenig Zeit habe und besser das sich türmende Geschirr der letzten Tage in die Abwaschmaschine stellen und den Käserindengeruch in der Küche verscheuchen würde. Ich schrubbe die leere Weinflasche mit Wasser, mit Seifenwasser, mit Nagellackentferner, mit Desinfektionsmittel und mit Öl. Dann wieder mit Seifenwasser und Öl und Nagellackentferner und wieder mit Seifenwasser. Ich seufze dabei, denn ich weiss, die verstorbene Person wüsste genau, wie man es macht. Das hier dauert viel zu lange. Endlich bin ich fertig und trage die Flasche mitsamt Weidenästen vor mir her zum nahen Wohnsitz der Hinterbliebenen. Dann will ich die Küche aufräumen, die nun penetrant nach Käserinde und Nagellackentferner riecht. Kaum habe ich angefangen, klingelt es an unserer Tür. Ich will dem Gast einen Kaffee machen, aber ich weiss kaum, wo ich die sauberen Tassen finde.

Zwei Tage später will ich mit einem uralten Bekannten spazierengehen, dem Eisenbahner. Ich packe ein PET-Fläschchen ein, mit Trinkwasser für unterwegs, wie ich das bei jedem Spaziergang seit 17 Jahren mache. Aber diesmal habe ich das Gewinde der Flasche zu wenig genau kontrolliert, bevor ich es einpacke. Unterwegs im Bus zum Treffpunkt entleert sich die Flasche durch die Nähte des Rucksacks auf meine Hose. Die Frau, die neben mir sitzt und etwas zur Seite rücken muss, bleibt gelassen: «Solange es nur Wasser ist…», lächelt sie.

 

Julian Barnes und wie man über seine Familie schreibt

Julian Barnes (Quelle: Britannica.com)

Ich freue mich ausserordentlich, Mitglied einer kleinen Lesegruppe zu sein. Sie besteht aus sechs Frauen. Sobald ich Zeit habe, werde ich ihnen allen für diesen Blog Nicks von Frauenfiguren aus der Weltliteratur geben. Für den Moment müssen Initialen genügen. Unsere erste Diskussion drehte sich um «Abschied(e)» von Julian Barnes. Wir stellten fest: Wir hatten beim Lesen gelacht, hatten uns teils fast wie im Zwiegespräch mit dem Autor gefühlt, hatten uns dann und wann gefragt: Warum erzählt er mir das jetzt? L. war befremdet darüber, dass Barnes sehr offen über einen Mann und eine Frau schreibt, die er gekannt haben will. Die beiden, Stephen und Jean, lernen sich durch Barnes kennen, verlieben sich zweimal, heiraten beim zweiten Mal sogar. Da sind sie schon um die 60. Autor/Erzähler Barnes muss den beiden schwören, nicht über sie zu schreiben. Aber dann sterben beide und er tut es doch.

So offen über Bekannte oder auch die Familie zu schreiben, das sei «unethisch», fand L. Dabei war sie sich sehr wohl bewusst, dass Barnes Stephen und Jean möglicherweise frei erfunden hat. Sie meinte es allgemein: Ein Autor/eine Autorin darf jene, die ihm nahe stehen, nicht an der Öffentlichkeit blossstellen.

Nach guten Buchclub-Diskussionen gehen mir oft Dinge durch den Kopf, die beim Treffen gerade nicht präsent hatte. Gestern erinnerte ich mich, dass Barnes in «Abschied(e)» auch sagt: In jüngeren Jahren habe er es sich zur Regel gemacht, «zu schreiben, als ob seine Familie tot wäre, obwohl sie es nicht war (und ich das auch nicht wollte).» Er habe es getan, um seine Bücher «so gut wie möglich» zu machen (S. 147).

Er erklärt nicht, was er mit «gut» meint. Wir können aber sicher sein, dass er seine Romane nicht geschrieben hat, um seine Verwandtschaft der Sensationslust seines Publikums preiszugeben. Sicher ist: Das Buch ist auch die Lebensbilanz eines mittlerweile 80-jährigen, erfolgreichen Schriftstellers. Es dreht sich durchaus um die Frage, was Schreibende ihrer Leserschaft überhaupt geben. Es ist eine Frage, die mich zurzeit auch als Bloggerin sehr beschäftigt.

Julian Barnes: «Departure(s)», London, Jonathan Cape, 2026. Die Übersetzung des Zitats ist von mir, die deutsche Ausgabe heisst «Abschied(e)».

Schweizerdeutsch 62: Vor Eifersucht geschützt

Die blauen Läden links und rechts heissen (oder hiessen) bei uns „Schalusiie“.

Schalusiie (N, hier im Plural)

Standarddeutsch: Fensterläden

Ich sitze mit ein paar nicht mehr ganz jungen Leuten aus der Nachbarschaft an einem heiteren Tisch. Wir verhandeln Wörter von früher. Iris erwähnt den französischen Einfluss auf unsere Sprache und nennt als Beispiel «Schalusiie». Ja, daran erinnere ich mich gut. Wenn es dämmerte, pflegte meine Mutter das Licht anzuzünden und dann zu sagen: «Mues no gschnäll go d’Schalusiie zuemache». Darauf schloss sie die Läden, damit niemand uns von draussen beobachten konnte. Das Wort kommt von französisch «la jalousie», die Eifersucht. Später habe ich dann und wann über den Zusammenhang zwischen Eifersucht und Fensterläden gerätselt. Eifersucht, da dachte ich an an träge Sommernachmittage, ein zerwühltes Bett und an  mörderische Rachsucht. Und nicht an das geordnete Familienleben von damals.

Hier wird die Wortgeschichte erklärt und auch, dass man in Deutschland (vielleicht auch in Österreich) unter einer Jalousie etwas versteht, was wir ganz pragmatisch «Schtore», gepflegter «Schtoore» oder nötigenfalls «Lamälleschtoore» nennen.

Lesen: Glückliche und unglückliche Familien

Eine Freundin berichtete mir, sie versinke gerade in Leo Tolstois «Anna Karenina» als Hörbuch, es sei wunderschön. Da begann ich kürzlich spontan, den Roman zum zweiten Mal zu lesen. Beim ersten Mal war ich noch nicht 20 Jahre alt und sah in der Geschichte der russischen Ehebrecherin Anna vor allem eine Blaupause für meine eigenen Dreiecksbeziehungen. Je mehr ich mich heute wieder in diesen Text versenke, desto sicherer bin ich, dass ich das Buch damals nicht sehr genau gelesen habe. Ich suchte darin wohl einfach eine Rechtfertigung für mein Verhalten, das ich heute, mit 60, nicht untadelig finde – aber besser verstehe als damals.

Das Buch ist 975 Seiten stark, man kann es also nicht einfach in zwei, drei Abenden weglesen. Und schon der erste Satz bietet reichlich Stoff zum Nachdenken: «Alle glücklichen Familien ähneln einander; jede unglückliche aber ist auf ihre eigene Art unglücklich.» Wenn wir im 21. Jahrhundert das Wort «Familie» denken, dann denken wir: Mutter, Vater, Kinder. Doch Tolstoi schreibt vorerst nur wenig über Kinder, dafür viel über Mütter und Väter und Charaktere, die es vielleicht noch werden. Wie also hat Tolstois Erzähler das gemeint? Will er uns einfach sagen, dass er sich hier an unglücklichen Menschen abarbeiten wird, weil die glücklichen nicht interessant genug sind?

Mit 20 hätte ich geschworen, dass ich aus einer unglücklichen Familie komme. Meine Eltern hatten ernste Probleme, über die ich mich gerade lieber ausschweige. Und weil sich die meisten Leute gerne über ernste Familienprobleme ausschweigen, war ich damals überzeugt: Wir sind die einzigen, die in einer solchen, mir damals fast unerträglichen Lüge leben. Je mehr ich lese und erlebe, desto klarer wird mir: Wenn man zum Gradmesser nimmt, dass Eltern Streit, Dreiecksbeziehungen, Suchtprobleme, schwierige Geldprobleme oder psychische und andere Krankheiten haben, dann gibt es keine glücklichen Familien, sondern nur unglückliche. Dann wäre «glückliche Familie» ein Oxymoron, ein Widerspruch, ein unerreichbares Ideal.

Nein, so bösartig kann Tolstoi nicht gewesen sein, denke ich. Vielleicht wollte er uns zum Nachdenken darüber anregen, was eine glückliche Familie ist. Ich dachte nach und wage mal eine provisorische Definition: Glückliche Familien sind jene, die sich von Widrigkeiten nicht zerstören lassen. Familien, die Unglücke überwinden und dabei so biegsam und liebevoll bleiben, dass sich in ihnen auch jene dauerhaft geborgen fühlen, die sich vielleicht nicht ganz untadelig verhalten oder denen das Glück nicht auf Schritt und Tritt folgt.

Das gibt nicht nur eine Richtlinie für die Tolstoi-Lektüre, sondern auch für das nahende Weihnachtsfest.

Leo Tolstoi: «Anna Karenina», dtv, München, 18. Auflage, 2008; aus dem russischen übersetzt von Fred Ottow