P.S.: Strassenszenen aus einem postfaschistisch regierten Land

In unserer zweitletzten Nacht in der Toskana träumte ich von Bannwart. Bannwart, ich wusste es im Schlaf, ist Journalist, sogar Chefredaktor. Er kommentierte auf meinem Blogbeitrag über Mailand, der damals erst in meinem Kopf existierte. Er schrieb: «Deinen Blog werde ich nach diesem kontextlosen Geschreibe über Italien nicht mehr lesen.» Ich brauchte ihn nicht zu fragen, welchen Kontext er meinte, ich wusste es im Schlaf: ein paar Takte Auseinandersetzung mit Giorgia Meloni.

«Bannwart, du bist ein Tubel!» rief ich, «Du weisst genau, dass wir uns eine Woche lang durch die touristischen Korridore Italiens bewegt haben! Dort wirst du nichts sehen, was Feriengäste beunruhigt. Wie soll ich da etwas Relevantes über die politischen Zustände in Italien schreiben?!» Aber das Thema liess mir dann doch keine Ruhe. Denn es stimmt natürlich, Italien ist ein postfaschistisch regiertes Land. Warum ich eine Reise dorthin trotzdem vertretbar finde, habe ich hier und hier gesagt (in den Kommentaren).

Und ja, einmal gab es etwas Verstörendes: An einem Abend sahen wir beim einem der Stadttore von Siena in einer Seitengasse einen vielleicht zehnjährigen Knaben eine schwarze Fahne schwenken. Dazu hörten wir dumpfe Trommelschläge. Wir wussten nicht, was da genau vor sich ging, und vielleicht war das alles ganz harmlos und unser Schreck lächerlich. Aber es hörte sich militant an, befremdlich. Wir gingen eilig von dannen.

Wir sahen ausserdem unzählige Menschen verschiedenster Hautfarben, die Tourismusdienstleistungen erbrachten. Als Kellner, als Museumsaufseherinnen, als Kaufleute, im Hotel. Genau wie an anderen Orten in Westeuropa. An einem Morgen drehten wir eine Runde auf der Festung von Siena und sahen dort zahlreiche Seniorinnen und Senioren joggen oder auf den Festungsmauern ihre Hunde Gassi führen. Und wir sahen ein etwa zwölfköpfiges Frauengrüppchen mit Kleinkinderbuggys und in schicken Sportoutfits. Sie machten unter Anleitung Gymnastikübungen.

Wir fuhren viel S-Bahn. Die Züge heissen dort nicht Rock’n’Roll, sondern Blues, Jazz oder Pop. Es sind Hybridfahrzeuge. Sie sind zum Teil von der EU finanziert, das steht jeweils an der Lok und sie rühmen sich ihrer «sostenibilità», ihrer Nachhaltigkeit. Einmal setzte sich in einem fast leeren Blues-Zug in Florenz eine junge Frau in die gleiche Sitzreihe wie wir. Auf ihren Schultern breitete sich rotes Haar aus. Venus, nur rundlicher als bei Botticelli. Sie hüstelte oft, und ich fragte mich etwas beunruhigt, weshalb sie so gezielt die Nähe eines Touristenpaars gesucht hatte. Ich fragte mich auch, wie sie wählt. In der Schweiz weiss ich manchmal schon aufgrund der Bekleidung, in welche Richtung es geht. In Italien kann ich das schlecht einschätzen.

Wir haben uns früher vorgestellt, dass Strassen sich über Nacht verändern, wenn ein Land rechts wählt. Es müsste sich ein sepiafarbener Filter über alles legen. Aber so ist es nicht. Die Leute fahren zur Arbeit und gehen spazieren, und das Licht bleibt gleich. Wie der Triumph in einigen Herzen wächst und die Furcht und der Zorn in anderen, das sieht man nur selten. Aber es frisst sich in unsere Träume.

Florenz: Erinnerung an die amerikanische Freundschaft

Auf dem US-Lastwagen steht: «Die florentinischen Kunstwerke kehren aus dem Südtirol in ihre Heimat zurück.» (Bild: Sammlung Locchi).

Der Giardino Bardini ist eine liebliche Grünanlage, in der man mehr Luft zum Atmen hat als im Stadtzentrum. Es finden hier auch regelmässig Ausstellungen statt. Noch bis zum 18. Oktober eine mit zehn Fotografien im Plakatformat, die die italienisch-amerikanische Freundschaft zelebrieren (hier mehr Informationen). Wir sahen die Bilder zufällig, und zunächst schenkte ich ihnen wenig Aufmerksamkeit. Aber als wir so zuoberst in der Loggia beim Kaffee sassen, erregte dieses Foto meine Aufmerksamkeit. Es zeigt einen US-Lastwagen 1945 an der Piazza della Signoria (man sieht oben im Mittelgrund David von Michelangelo).

Die Fotografie erinnert daran, dass die Nazis während des Zweiten Weltkrieges in Florenz Kunstwerke von unschätzbarem Wert geraubt hatten. Sie versteckten sie in einem Dorfgefängnis im Südtirol, das bis zum Kriegsende zu Deutschland gehörte. Als die Alliierten grosse Teile Europas zurückerobert hatten, setzten sie  eine Sondertruppe ein, die Monuments Men. Deren Auftrag war es, die geraubten Kunstschätze zurückzuerstatten (hier etwas mehr von der Geschichte). Sie fanden das Versteck in den Alpen und brachten die Werke zurück. Da sitzt du dann so vor deinem Cappuccino und denkst: Grosser Gott, wie werden wir in Europa uns ohne die Amis vor uns selbst schützen?!

Es ist auch in Italien nicht unbemerkt geblieben, dass die Amis ihr Interesse an Europa verloren haben und dass auf dem Alten Kontinent einiges im Argen liegt. In der Buchhandlung Feltrinelli am Hauptbahnhof fand ich am nächsten Tag bei den aktuellen Titeln dieses Buch. Der Autor sieht einem Prediger aus dem amerikanischen Mittleren Westen ähnlich, und er stammt auch aus den USA und brachte es dort im Tech-Team um Barack Obama zu Erfolg und Geld. Er hatte allerdings italienische Vorfahren und besetzt heute einen Lehrstuhl in Bologna. Er sagt den Italienern, was sie brauchen: Mehr Zuversicht und Vertrauen in ihre eigenen Stärken. Man möchte es uns allen in Europa wünschen.

Das Wunder von Andermatt – eine Stadt in den Alpen

Das Weisse Haus von Andermatt (Bild: Frau Frogg)

Um es gleich vorwegzunehmen: Es ist nicht die Architektur von Neu-Andermatt, die mich schockiert hat. Im Gegenteil: Die Bebauung ist dicht, es wurde viel mit Holz gearbeitet, mitunter erinnern die Fassadenverkleidungen an die Heuheinzen vom letzten Beitrag. Ich finde die Häuser im Allgemeinen (vielleicht nicht gerade das Weisse im Bild oben) ansprechender als die Fake-Chalet-Plantagen in anderen Skidestinationen. Was mich schockiert hat, ist der schiere Gigantismus dieser neuen Satellitenstadt im Alpental. Mehrere Hotels, 42 Apartmenthäuser, 25 Villen, ein Sport- und Freizeitzentrum mit Eissporthalle und Hallenbad, eine Konzert- und Kongresshalle, ein 18-Loch-Golfplatz und Geschäfte sind geplant oder schon realisiert, schreibt Wikipedia. Alles für Feriengäste. In einer Gemeinde, die um die 1600 Einwohner hat.

Einige nennen es das Wunder von Andermatt, hier Genaueres, die Kurzfassung geht wie folgt: In den neunziger Jahren zog die Armee aus dem Dorf weg, sie war zuvor Haupt-Arbeitgeberin im kargen Hochtal gewesen. In der Folge drohten die Abwanderung Einheimischer, Finanzprobleme und Verlotterung der Ski-Infrastruktur. Da kam der ägyptische Immobilieninvestor Samih Sawiris. Und baute. 1,5 Milliarden Franken soll er 2005 investiert haben (Quelle: hier). Es funktionierte. 2009 betrug die Anzahl Logiernächte 73’000, zehn Jahre später waren es über 129’000 (Quelle: hier). Sawiris wurde lange Jahre verehrt wie ein Halbgott, nicht nur in Uri.

Aber das Wunder hat auch Schattenseiten: Die Mieten schossen auch in Alt-Andermatt um 50 Prozent in die Höhe, in Wassen und Göschenen ebenfalls (Quelle: hier). Und dann der Verkehr! Als ich so am neuen Kreisel stand, musste ich an den Film Koyaanisqatsi denken, der mit majestätischen Naturbildern beginnt, dann menschgemacht hektischer und hektischer wird, bis zum atomaren Knall. 2023 kritisierte der Tages-Anzeiger ausserdem, dass «unter den Investoren in Andermatt anonyme Briefkastenfirmen in Steueroasen sind», Kontrollen gibt es nicht, Geldwäscherei ist denkbar (Quelle: hier).

Am 14. Juni stimmte die Schweiz über die «Keine 10-Millionen-Schweiz»-Initiative ab, eine dieser Volksinitiativen gegen die «Überfremdung», die in der Schweiz alle paar Jahre kommen. Gesamtschweizerisch stürzte das Volksbegehren mit 54,8 Prozent Neinstimmen ab, aber der Kanton Uri stimmte Ja. Das ist an sich wenig überraschend, Uri ist nun mal konservativ. Aber 59,9 Prozent, das ist ein hoher Ja-Stimmenanteil in einem Kanton, der auch vom Fremdenverkehr lebt. In der Debatte wurde wieder mal viel über Asylsuchende und die EU gelästert. Die Rechten bespielten diesmal aber auch das Gefühl vieler Leute, dass in der Heimat etwas Grundsätzliches aus den Fugen geraten ist. Wer Neu-Andermatt so sieht, kann dieses Gefühl nachvollziehen.

Muttenz: Rock ’n‘ Roll für Reisende

Der Rangierbahnhof von Muttenz, im Hintergrund Basel (Bild: Frau Frogg)

Später dachte ich viel über meinen Spaziergang im Baselbiet nach. War das nun ein gelungener Ausflug gewesen? Hatte der Anflug von Panik in Schweizerhalle mich als heiter-distanzierte Flaneurin disqualifiziert? War das überhaupt wichtig? Und woher kamen die Glücksgefühle, die ich bei der Erinnerung an den Spaziergang trotz allem hatte?

Neben der Migros hatte ich mein Laugenbrötchen gegessen. Ich sass in einem Park, der aussah, als wäre es Oktober. Aber es war August und mehr als 25 Grad warm. Danach marschierte ich weiter. Ich ging Richtung Nordwesten und überquerte den Rangierbahnhof, diesmal auf einer Brücke.

Vor Jahren hatte ich eine Weile in Basel gearbeitet und war fast täglich mit dem Zug dieser riesigen Anlage entlanggefahren. Oft, vor allem im Morgen- und Abendlicht, bekam ich dann heftiges Fernweh. Ich dachte an die Städte des Nordens. Hier beginnt die Welt, dachte ich. Hier werden die Weichen gestellt, damit jemand in Kopenhagen sich Salben aus Basel ins Gesicht streichen, jemand in Antwerpen Schmerztabletten von Novartis schlucken kann, und damit wir Wein aus Frankreich auf den Tisch bekommen. Das stelle ich mir jedenfalls vor. Aber was weiss ich schon über die Dinge, die wir trinken und uns ins Gesicht streichen? Mit Eisenbahnfahren jedoch kenne ich mich aus. Eisenbahnfahren, das bedeutet Schotter, Russ und Fahrtwind. Und durchwachte Nächte. Eisenbahnen sind der Rock’n’Roll des Reisens.

Nördlich vom Bahnhof liegt der Hardwald, ein weiterer Park, mit Laubbäumen, vor allem Ahorn und Buchen. Auch er: ein Herbstwald. Vor mir schritt ein junges Paar im okkerfarbenen Laub, die beiden hielten sich an den Händen. Es war alles wie immer und nichts wie es sein soll. Vom Restaurant Waldhaus wirbelten wehmütig die Klänge eines Barpianos durchs Laub. Es war so traurig, dass ich beschloss, nach Hause zu fahren. Bei uns ist es grüner.

Und später dennoch diese Glücksgefühle: vom Draussensein; vom Abenteuer; vom Fahrtwind.

Park in Muttenz am 22. August 2026. Die Strasse, an der er liegt, heisst ironischerweise Heissgländstrasse. (Bild: Frau Frogg, 22. August 2026)

Schweizerdeutsch 72: Fliegen oder nicht fliegen?

Wenn du fendsch, dass es grondsätzlech alli so söttid mache,
de mach’s eso.

Standarddeutsch heisst das: «Wenn du findest, dass alle es grundsätzlich so machen sollten, dann mach es so.» Das kommt dem vom deutschen Philosophen Immanuel Kant formulierten kategorischen Imperativ nahe: «Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.» Mit diesem Beispiel will ich zeigen, dass wir auf Schweizerdeutsch auch komplexe Zusammenhänge diskutieren können. Was, so sagt man mir, bei den Dialekten Deutschlands nicht der Fall sei. 

Gestern Abend zum Beispiel sassen wir zu viert zusammen und diskutierten über das Fliegen. Es ist mal wieder Rekordsommer. Unsere Flüsse trocknen grossflächig aus, Fische sterben zu Hunderttausenden. Keine von uns reist mehr per Flugzeug in die Ferien. «Aber dass man nicht fliegen sollte, ist den Leuten nicht beizubringen», warf L. ein. «Die stehen in hellen Scharen auf dem Flughafen und sagen: ‹Warum soll ich verzichten, wenn andere auch nicht tun?›»

Klar, dass ich sofort die passende Antwort für die Scharen am Flughafen parat hatte, siehe oben. Wenn niemand mehr im Flugzeug verreist, stossen wir als Weltbevölkerung mit einem relativ kleinen Verzicht merklich weniger CO2 aus. Deshalb sollten wir alle nach Möglichkeit aufs Fliegen verzichten.  Simpel.

Ich warf gleichzeitig das grosse Aber in die Runde. Reisen kann unsere Haltung zur Welt verändern, kann unseren Horizont enorm erweitern, uns zu mitfühlenderen Menschen machen. Das habe ich selbst in jungen Jahren erlebt. Und dass jede und jeder von uns einen weiten Horizont haben und mitfühlend sein sollte, finde ich ebenso wichtig wie unseren Beitrag zur Zukunft des Planeten. Wohlüberlegte Ausnahmen sollten also möglich sein.

 

Claude hat meinen Blog gelesen

Ihr wisst schon, welchen Claude ich meine. Ich meine ein KI-Tool der US-Firma  Anthropic namens Claude AI. Es war im Februar 2026 kurz in den Schlagzeilen. Grund: Anthropic verweigerte die Zusammenarbeit mit dem US-Verteidigungsministerium «bei Massenüberwachung in den USA und autonomen Waffensystemen, die Menschen ohne menschliches Zutun töten können», so der Guardian. Die Weigerung von Anthropic galt offenbar nicht für Kriege im Ausland: Bei den Angriffen auf den Iran nutzten die Amerikaner Claude sehr wohl, meldete CBS News.

Irgendwann kurz nach diesen Schlagzeilen meldete die WordPress-Statistik für meinen Blog einen Zugriff von claude.ai. Diese Statistik beobachte ich höchst aufmerksam. Dabei registriere ich öfter Zugriffe aus Staaten, in denen das Interesse an einem gänzlich irrelevanten deutschsprachigen Blog eigentlich gegen null tendieren sollte. Auch aus solchen östlich von uns, die uns nicht wohlgesonnen sind. Manchmal schleicht mir ein Schauer über den Rücken, wenn dort jemand meine Website aufgerufen oder einen Beitrag von mir angeklickt hat.

In letzter Zeit passiert das täglich auch in den USA, viel öfter als noch vor drei, vier Jahren. Zuerst redete ich mir ein, da würden wohl ein paar Heimweh-Schweizer*innen mitlesen. Später dachte ich, mein Content fliesse nun also in dieses Meer von Texten, aus dem sich die KI speist, die ja in den USA gemacht wird. Damit könnte ich leben. Dieses Meer betrachten wir ja im Allgemeinen als segensreich und schöpfen daraus unser Wissen. Als ich aber den Zugriff von Claude sah, hatte ich eine Schrecksekunde. Plötzlich wurde mir klar, dass wir beim Bloggen Dinge verraten, von denen wir nicht einmal wissen, dass wir sie verraten.

Natürlich war das schon früher so. Aber früher war uns die Welt im Allgemeinen wohlgesonnen. Oder wir waren ihr schlicht egal. Aber die Welt ist eine andere geworden. Ich sollte mir überlegen, welche Konsequenzen ich daraus ziehe. Noch schrecke ich davor zurück, die notwendigen Gedanken zu Ende zu denken.

Trauertag für die Opfer von Crans-Montana

Heute ist in der ganzen Schweiz Trauertag für die Opfer von Crans-Montana. Um 14 Uhr ist nationale Schweigeminute. Die Kirchenglocken werden läuten. Auch ich werde eine Weile innehalten.

Letzten Sommer waren wir im Wallis. Viele Orte dort habe ich ins Herz geschlossen. Auch Crans-Montana haben wir einen kurzen Besuch abgestattet. Der mondäne Bergkurort blieb mir fremd. Aber seit zehn Tagen sind meine Gedanken oft bei den jungen Menschen, die ihr Leben im Flammeninferno in der Bar Le Constellation lassen mussten; bei den Eltern, die Kinder verloren haben; vor allem aber bei jenen Opfern, die jetzt in Spitälern liegen und einen schweren Weg zurück ins Leben vor sich haben.

Im Rest der Schweiz nehmen wir das Wallis als Ort wahr, wo es wild und gefährlich ist und wo die Leute auf mitunter charmante Art machen, was sie wollen. An dieser Katastrophe ist nichts charmant. Hier gehören alle Versäumnisse, alle Nachlässigkeiten, alle Unregelmässigkeiten aufgearbeitet und gesühnt. Crans-Montana, das Wallis und die Schweiz muss den Opfern helfen, wo sie Hilfe brauchen.

Schweizerdeutsch 58: Was KI kann

zämeschtifle (V)

Standarddeutsch: eigentlich «zusammenstiefeln», das Verb «schtifle» ist jedoch hier eine verballhornte Form des Wortes «stellen»; also «etwas aus verstreut herumliegenden Teilen zusammenstellen» oder «provisorisch zusammenbasteln».

Zwischendurch kann ich euch ein bisschen Politik nicht ersparen. Zum Beispiel heute, denn beim Sichten der News heute früh regte ich mich mal wieder furchtbar über Donald Trump auf. Hat er doch eine 10 Milliarden-Klage gegen den britischen Fernsehsender BBC lanciert! Wegen eines unzulässig verkürzten Zusammenschnitts einer Trump-Rede, der nur das zum Ausdruck brachte, was wir längst als erwiesen ansehen dürfen: dass Donald Trump der Hauptschuldige am Sturm aufs Kapitol am 6. Januar 2021 war (siehe hier).

Also, eigentlich regte ich mich weniger über Trump auf als über die Leute in meinem Freundeskreis, die noch nicht begriffen haben, was es hier gespielt wird. Die immer noch sagen: «Joaaa, aber BBC hat doch wirklich einen Fehler gemacht!» Damit hat Trump schon erreicht, was er will. Denn, ja, der Zusammenschnitt war unsorgfältig. Aber es war ein Patzer, der im täglichen Medienbetrieb passieren kann und sich bei normalem Lauf der Dinge mit einer Entschuldigung hätte aus der Welt schaffen lassen. Aber vieles ist heute eben nicht mehr normal. Ich schimpfe: «Hier geht es einzig und allein darum, die Medien Europas zu schwächen!» Dass ausgerechnet der hoch verehrte öffentlich-rechtliche Sender BBC Trump einen derart willkommenen Anlass geboten hat, wird Trump nun bis zur bitteren Neige auskosten. Denn es bleibt doch immer etwas hängen. Und seine Mittel zum Prozessieren sind ja fast unbeschränkt.

«Versteht denn das niemand?!» lärme ich aus dem Bad zu Herrn T. «Trump und seine Tech Bros nutzen doch die Justiz nur, um mit ihren Milliarden die Demokratie in die Knie zu zwingen!» Herr T. reibt sich noch den Schlaf aus den Augen und ist verärgert darüber, dass er sich schon vor dem Kaffeetrinken über Donald Trump aufregen soll. Er brummelt: «Doch, das verstehen viele Leute. Es gibt sogar einen Fachbegriff dafür. Er kommt mir nur gerade nicht in den Sinn.» Aber er ist ein guter Ehemann, und so hantiert er geduldig mit dem Handy. Dann sagt er: «Schau, KI hat mir eine ganze Reihe von Begriffen für missbräuliche Klagen zusammengestiefelt.» Hobby-Juristin Frogg liest und findet hier genau den Begriff, der in ihren Augen die Sachlage umschreibt: Es dürfte sich um eine SLAPP-Klage (Strategic Lawsuit Against Public Participation) handeln. Die Klage ist an einem Bezirksgericht in Florida deponiert. Dort, wo auch Trump’s Anwesen  Mar-a-Lago liegt. Ob das Gericht dort das so sieht wie ich, müssen wir jetzt halt abwarten.

Schwerhörig: Fernsehen ohne Untertitel

Neulich kam eine dreiteilige Serie über die Geschichte Israels auf 3sat. Ich wollte den Dok unbedingt sehen. 3sat ist für Schwerhörige aber leider schlecht geeignet. Oft fehlen auf dem Sender bei den allerbesten Beiträgen die Untertitel. Auch bei der Serie über Israel. Man schaltet sich dann erwartungsfroh zu und gibt nach ein paar Minuten auf. «Vergiss es», sagt man zum Ehemann. «Das ist sinnlos.» Diesmal sagte Herr T.: «Doch, ich will das sehen.» Ich: «Dann musst du mir das aber Satz für Satz übersetzen.» Und das tat der unsagbar geduldige Herr Kulturflaneur dann auch, wofür ich ihm sehr dankbar bin.

Er nahm die Fernbedienung in die Hand und stoppte den Film stets nach einer kurzen Textpassage, die er dann wiederholte. Manchmal zuckte des Kulturflaneurs Finger zur Fernbedienung und ich stoppte ihn mit: «Das habe ich verstanden.» Manchmal war der Finger nicht mehr zu stoppen und ich bekam den Text zweimal. Klar, dass sich die Filmlänge so mindestens verdoppelte.

Der Dok arbeitet mit der These, dass es sich beim Krieg in Israel um einen unlösbaren Konflikt handelt. Leider bestätigen die Jahrzehnte seit 1948 diese Sichtweise. So zogen drei Folgen lang Bilder voller Blut, Zorn und Unversöhnlichkeit an uns vorbei. Mit der Zeit sieht vieles surreal aus. Irgendwo links im Bild taucht bei Verhandlungsszenen wieder und wieder wie auf Sperrholz gemalt ein dunkelblauer Anzug auf, darüber ein lächelndes Gesicht: der US-Präsident. Immer wieder kommt dieser Anzug, mit einem immer neuen Kopf zuoberst. Als wäre dort ein Loch, in das der jeweils amtierende amerikanische Präsident sein Gesicht halten und sich als Friedensstifter inszenieren kann: Nixon, Carter, Clinton, Obama. Auch wenn ich Donald Trump selbst nichts Gutes gönne: Ich hoffe, dass er sein Gesicht nicht vergeblich in dieses Loch gehalten hat.

Wir teilten Übung auf drei Abende auf. Jeden Abend war ich danach vollkommen erschöpft. Natürlich ist das angesichts des Leids an anderen Orten auf der Welt bedeutungslos. Und doch muss ich es wieder mal sagen: Auch hochgradig Schwerhörige wollen sich eine Meinung bilden! Also, bitte, Fernsehleute: Gebt uns brauchbare Untertitel!

Schweizerdeutsch 54: Es ist zum Verzweifeln!

Es esch zom Hooröl säiche!

Standarddeutsch: Es ist zum Haarölpinkeln, sinngemäss: Es ist zum Verzweifeln!

Eigentlich hatte ich eine Abmachung mit mir selbst: keine Fäkalsprache in meinen Schweizerdeutsch-Lektiönli, schon gar kein derart vulgäres Wort wie «säiche». Doch es gibt Situationen, in denen es für Fäkalsprache kaum eine Alternative gibt. Es sei denn, man wolle sagen: Es ist kafkaesk. Aber das klingt im Alltag allzu hochtrabend.

Und meine Probleme sind gerade ganz alltäglich und treiben mich doch fast in den Wahnsinn. Seit unserer Systemumstellung habe ich Ärger mit meinen Geräten, die eigentlich die Intervention unseres ICT-Supports nötig machen würden. Um ICT-Support zu bekommen, muss man per E-Mail ein so genanntes Ticket eröffnen. Postwendend bekommt man dann eine Eröffnungsbestätigung und das Versprechen, dass die ICT-Abteilung sich «im Normalfall» innert 24 Stunden um das Problem kümmern werde. Dann passiert im Normalfall wochenlang nichts. Man funktioniert mit Hilfe von Fluchen, Murksen und zeit- und nerventötender Improvisation. Nach drei Monaten kommt manchmal eine Anfrage: «Dein Ticket ist schon lange hier. Können wir es jetzt als erledigt betrachten?» Neulich schrieb ich: «Nein, ist noch nicht erledigt, im Gegenteil. Könntet ihr Euch bitte drum kümmern?» Wenig später kam die Antwort: «Nein, dafür ist unsere Abteilung nicht mehr zuständig. Wie vermuten aber, dass das Problem bei Techniksprech… Techniksprech … Techniksprech … liegt. Lös bitte ein Ticket beim ICT-Support.» Ist das kafkaesk oder ist es nicht kafkaesk?

Der ICT-Support sitzt im fernen Hauptquartier, vor Ort bei uns ist niemand mehr. Neulich, auf heftiges Drängen, bekam ich wenigstens einen Supporter im Hauptquartier ans Telefon, einen liebenswürdigen Typen. Es war wie eine Sitzung beim Psychotherapeuten: Danach verstehst du das Problem vielleicht besser, aber lösen musst du es selbst, mit Fluchen, Murksen und Improvisation.