Spaziergang an der Reuss in Luzern im Hitzesommer 2026

Die Mündung der Kleinen Emme in die Reuss bei Emmenbrücke am 16. August 2026
Die Mündung der Kleinen Emme in die Reuss am 29. Juli 2025

Die beiden Bilder hier habe ich an exakt derselben Stelle gemacht. Ich räume gerne ein, dass der Juli 2025 überdurchschnittlich regnerisch war – dennoch haute es mich fast um, als ich die beiden Fotos nebeneinander sah. Ich will mich nicht beklagen. Ich weiss, dass in fast ganz Europa extreme Trockenheit herrscht. Uns in der Stadt Luzern geht es vergleichsweise gut. Wir sind angehalten, sparsam mit dem Trinkwasser umzugehen. Aber noch haben wir den See und den Fluss, um uns abzukühlen. Es ist Sommer, und wir versuchen, trotz der grossen Hitze etwas Spass zu haben.

Heute Morgen hatten die Temperaturen leicht nachgelassen und ich hatte Zeit für einen Spaziergang. Ich ging reussabwärts. Schon kurz nach zehn Uhr sah ich an zwei Stellen mitten in der Stadt Leute für ein Bad in den Fluss steigen. Das Wasser hat laut Messstelle Geissmattbrücke um die 26 Grad, das langjährige August-Mittel liegt bei 20 Grad.

Unter der Eisenbahnbrücke St. Karli.

Jemand hat einen Gartenstuhl auf eines der Fundamente der St. Karli-Eisenbahnbrücke gestellt. Es sieht einladend aus. Aber wie ist das Sitzmöbel dort hingekommen? Ist jemand mit ihm  hinübergeschwommen? Hinübergewatet? Unmöglich. Ich bin selbst schon in der Reuss geschwommen, die Eisenbahnbrücke Richtung Zürich weiter unten haben wir immer mit grösster Vorsicht navigiert.  Auf dem Bild sieht man am Betonpfeiler der Brücke unten einen dunklen Streifen. Irgendwo in diesem Bereich ist der normale Pegelstand.

Schutzzelt für Fische an der Mündung des Krienbachs.

Weiter unten, am Kreuzstutz, mündet der Krienbach aus einem unterirdischen Kanal in die Reuss. Die Stelle ist mit einem grünen Baldachin aus Kunststoff überdeckt. «Kühlendes Schattennnetz für unsere Fische», steht auf dem Täfelchen der Stadtbehörde. Das Zeltdach soll Fischen nicht nur Schatten, sondern auch Schutz vor Räubern spenden. Und tatsächlich: Als ich in die Lücke zwischen Zelt und Uferwand äugte, sah ich im Wasser Dutzende fingerlange Fischchen. Aus der Tiefe stieg ein kühler Luftzug. Ich hielt kurz mein Gesicht in die Öffnung, dann wanderte ich weiter Richtung Xylophonweg.

Sensation dort ist zurzeit eine Biberfamilie, die sich unweit des dicht frequentierten Spazier- und Velowegs niedergelassen hat. Anfangs des 19. Jahrhunderts wurden die Nager in der Schweiz ausgerottet, 2008 kamen sie in den Kanton Luzern zurück. Es gibt also doch gute Nachrichten über die Biodiversität hier. Ich konnte keines der Tiere sehen, aber sehr wohl die Weidensträucher am Ufer, die von den fleissigen Bau- und Staumeistern angenagt worden sind. Sie werden noch zu reden geben, denke ich.

Am Nordpol hatten sich schon kurz nach 10.30 Uhr Badende eingefunden. Von dort ist es nicht weit bis zur Stelle, wo die Kleine Emme in die Reuss mündet, ein zugleich magischer und melancholischer Ort zwischen Autobahnauffahrt, Eisenbahnbrücke und Kehrichtverbrennungsanlage.

Während ich das Foto von der Flussmündung machte, ging eine junge Frau gleich links vom linken Bildrand hinunter zum Emmenufer. Sie zog ihr Kleid aus und watete in einem roten Bikini über das Flüsschen ans andere Ufer. Das Wasser ging ihr nur bis zu den Waden. Auf der anderen Seite stand eine ältere Frau in einem Sommerkleid. Die junge Frau nahm sie bei der Hand und beide kamen über den Fluss zurück ans diesseitige Ufer. Ich hätte nicht für möglich gehalten, dass man an dieser Stelle zu Fuss die Emme überqueren kann.

Schweizerdeutsch 67: Wo die steilen, tiefen Täler sind

Herr T. steigt hinunter in einen Chrachen.

Chrache (N, m)

Standarddeutsch: ein keilförmiges, abgelegenes Flusstal (siehe auch hier). Oder einfach ein sehr abgelegener Ort.

An meinem freien Tag neulich marschierten Herr T. und ich über das hügelige Land im Napfgebiet. Die Gegend heisst Luzerner Hinterland. Das klingt pejorativ, ist aber nicht so gemeint. Dennoch, von der Stadt Luzern aus gesehen ist es eine ferne Gegend. Ein Netz von Strässchen liegt auf den Hügeln, auf jeder Anhöhe ein Bauernhof. Die Wiesen strotzen vor Grün, wir sehen mehrere Männer auf Traktoren. Sie müssen ihr Heu jetzt einbringen, wo endlich wieder die Sonne scheint. Ich frage mich, wie die Leute hier jahrhundertelang gelebt haben, als es noch keine Autos gab. Ich habe eine Vorstellung, mehr aber auch nicht, denn wir wandern auf den Spuren meines Vaters, meines Grossvaters gar, und beide kann ich nicht fragen, sie sind nicht mehr.

Das hier ist alles noch lieblich. Gleich südlich von uns, näher beim Napf, da liegen wirkliche Chrächen, Bauernhöfe thronen über steil abfallenden Hängen auf seltsam geformten Kreten, unten ist Wald und ein Bach, alles verlassen, nur manchmal eine Strasse oder ein Wanderweg. Hier gibt es Orte, die heissen Geierschwand oder Fröscheloch, Haserank, Luchsern, Höll oder Graus. Oder, Chrachen aller Chrächen, der Chrachegrabe. Die Höfe auf der Höhe darüber heissen Under Chrache und Ober Chrache, und wenn du das auf der Karte siehst, dann weisst du: Richtig abgelegen ist es erst dort.

Cochlea-Implantat: Vom Dichterfürsten ermutigt

Die Stelle, wo das Cochlea-Implantat sitzt, heilt allmählich. Ich kann seine Umrisse wie die Wählscheibe eines alten Telefons unter der Haut spüren. Ich mache wieder Spaziergänge, obwohl ich etwas mehr Schwindel habe als früher.

Neulich war ich auf Dreilinden, einer Anhöhe über der Stadt. Von dort führt eine steile Treppe mit geschätzten 100 Stufen den Grashang hinunter zur Hauptstrasse. Dort will ich hin, das sollte gehen, denn die Treppe hat einen Handlauf. Nur: Der ist besetzt. Eine alte Frau mit Gehstock klammert sich an ihn wie eine Bergsportlerin an das rettende Seil und steigt ganz langsam ab.

Soll ich umkehren und den Umweg über das Strässchen hinter dem Hügel machen? Nein. Mir fällt das Gedicht Johann Wolfgang von Goethe ein, das ich tags zuvor gelesen habe.

Mut

Sorglos über die Fläche weg,
Wo vom künsten Wager die Bahn
Dir nicht vorgegeben du siehst,
mache dir selber Bahn!

Stille, Liebchen, mein Herz!
Kracht’s gleich,  bricht’s doch nicht!
Bricht’s gleich, bricht’s nicht mit dir!

https://www.aphorismen.de/gedicht/63313

Es handelt vom Eislaufen und davon, dass man etwas riskieren soll. Der Dichterfürst hat wohl zögerliche junge Männer animieren wollen, tollkühne Sportskanonen zu werden. An ältere Frauen, für die so eine Treppe ein Wagnis ist, hat er eher nicht gedacht. Dennoch, ich gehe jetzt zuversichtlich da hinunter: Kracht’s gleich, bricht’s doch nicht!

Breitbeinig steige ich hinab, alle Aufmerksamkeit in den Füssen, wie ich es im Gleichgewichtstraining gelernt habe. Nach vier Stufen muss ich die alte Frau umrunden. Sie dreht sich zu mir um und sagt, etwas unmutig über die Störung: «Grüezi.»

Schweizerdeutsch, Zwischenspiel: Luzern, Lozärn oder Lotzärn?

In jungen Jahren studierte ich ein paar Jahre in Bern. Dort lernte ich zahlreiche Menschen aus verschiedensten Teilen der Schweiz kennen. Damals kam es häufig zu folgendem Konversatiönli.

Der neue Bekannte: «Woher kommst du?»
Frau Frogg: «Us Lozärn.» Das «o» spreche ich dabei etwa wie im Standarddeutschen „Boot“ aus, nur einfach kurz.
Der neue Bekannte (in spöttischem Ton): «Ah, Lotzärn!» Das «o» klingt dabei wie im deutschen Wort «glotzen».
Frau Frogg denkt: «Ach! Schon wieder einer, der nicht zuhört!»
Frau Frogg sagt: «Jaja» und lächelt nachsichtig. Es ist in der Schweiz üblich, dass man meint, über die Eigenheiten anderer Dialekte Bescheid zu wissen und sich darüber lustig macht. Deswegen neue Bekannte gleich mit einer Belehrung zu vergraulen, ist unnötig.

Es ist mir aber wichtig, die Sache mit den beiden o hier mal durchzudenken. Denn immer wieder stosse ich auch bei meinen Schweizerdeutsch-Lektiönli auf das Problem, dass dem deutschen Alphabet (mindestens) ein Buchstabe fehlt, um unsere Sprache nachvollziehbar wiederzugeben: eben jener für den kurzen Laut, der ein u ersetzt, aber wie ein kurzes «Boot-o» klingt. Das offenere «Glotz-o» gibt es im Luzerndeutschen zwar auch, aber eben nicht im Wort «Lozärn». Die phonetische Schrift kennt für die beiden Laute auch zwei Zeichen. Das «Glotz-O» ist ein [ɔ]. Das kurze Boot-O ist ein [o]. Im Lektiönli 58 (hier) tauchen sogar beide O-Varianten im Wort «zonderobsi auf. Phonetisch würde man [tsonderɔpsɪ] schreiben – und Lozärn übrigens [lotsæ:rn].

Aber phonetische Schrift will kein Massenmedium seiner Leserschaft zumuten. Wenn Schweizerdeutsch geschrieben wird, was dann und wann vorkommt, hat sich daher die irreführende Schreibweise  «Lozärn» durchgesetzt. Deshalb denkt nun die halbe Deutschschweiz, wir Luzern*innen würden unserer Heimatstadt einen so unglaublich hässlich klingenden Namen wie «Lotzärn» geben.

«Ach Gott, so ein Vokälchen ist doch nicht so wichtig!», höre ich nun irgendein Nordlicht einwenden. Aber dieses Nordlicht unterschätzt die Relevanz des kleinen Unterschieds. Denn das kurze Boot-o, das eigentlich ein u ist, ist im Luzerndeutschen ein Phonem. Das heisst: Es ist bedeutungsunterscheidend. Spreche ich beispielsweise von einem «T[ɔ]bel», dann meine ich einen tiefen Bachgraben. Sage ich jedoch: Mein neuer Bekannter ist «ein T[o]bel», dann meine ich: Er ist ein Idiot (das ist er sehr wahrscheinlich nicht, aber ihr wisst schon, was ich meine).

Nun ist das zweite dieser beiden T-Wörter auch in anderen schweizerdeutschen Dialekten sehr gebräuchlich, vor allem bei Begegnungen mit Idiot*innen im Strassenverkehr. Die Dialekte östlich der Reuss kennen aber das kurze Boot-O nicht. Wenn das zweite T-Wort aufgeschrieben wird, dann meistens als «Tubel».

Wie also gehe ich vor, wenn ich hier mit dem deutschen Alphabet unsere Sprache authentisch und nach klaren Regeln wiedergeben will? Schreibe ich vielleicht besser «Luzärn»? Nein, das geht auch nicht. Denn den Vokal «u» haben wir hier auch noch, und zwar in Wörtern wie «tuusig» für «tausend» oder «Guguus» (eine mehrdeutige Vokabel, die sowohl «Hallo!» als auch «Bockmist» bedeuten kann).

Phonetische Schrift will ich euch aber auch nicht zumuten. Ich glaube, es geht nur, wenn ich die klaren Regeln über Bord werfe und mich an das halte, was sich eh schon eingeschliffen hat. Das heisst: Wir bleiben bei «Lozärn» und «Tubel». Oder was meint ihr?

 

Schweizerdeutsch 60: Eiskalte Finger

«Ech ha’s Chuenegele» (N) oder: «Es tued mech chuenegele»

Standarddeutsch: Ich habe den Schmerz, den man empfindet, wenn eiskalte Finger wieder warm werden.

In den letzten paar Tagen war kamen wir in der Schweiz nie aus den Minustemperaturen heraus. -11,6 Grad soll es in Luzern am Dreikönigstag am frühen Morgen gewesen sein. Beim Gang über die Seebrücke um 9 Uhr beobachtete ich ein eindrückliches Phänomen: Der Vierwaldstättersee dampfte, weisse Schwaden stiegen dem ausnahmsweise blauen Himmel entgegen und schienen in der Luft zu gefrieren. Ich wollte fotografieren, aber es ging nicht. Meine Finger waren eisig kalt.

Später, noch beim Gehen, wurden meine Hände wieder warm und etwas rot und ich verspürte in den Fingern diesen seltsam beglückenden Schmerz, den ich vor allem aus der Kindheit kenne. Ein Schmerz, der uns sagt, dass wir am Leben sind und dass wir mit der Kälte zurechtkommen werden. «Chuenegele», nennen wir ihn.

Das Wort «Kuh» scheint darin vorzukommen und ich habe mich oft gefragt, weshalb wir eigentlich jedes Naturphänomen auf die bäurische Lebensweise unserer Vorfahren zurückführen müssen. Aber Wikipedia klärt auf: «Etymologisch gesehen hat Kuhnagel nichts mit Kuh oder Nagel zu tun. Das Grundwort geht auf Agle in der Bedeutung Stachel zurück. Das Bestimmungswort Chue- ist unklar. Laut einer Meinung soll es eine Abwandlung von Horn (vgl. die ebenfalls belegte Variante Hornagel) sein und sich dabei auf den Fingernagel beziehen,[3] die Bedeutung wäre damit ‹Nagelstechen, Nagelschmerz›. Nach einer anderen Meinung sei es verwandt mit kühn und bezeichne damit eine Verstärkung im Sinne von sehr; die Bedeutung wäre in dem Fall ‹starkes Stechen›.»

Schweizerdeutsch 59: Weihnachtsspaziergang

Fenster mit Weihnachtsstern in Luzern.

heimelig (Adj)

Standarddeutsch: anheimelnd, behaglich, gemütlich

Um 16 Uhr heben wir die festliche Mittagstafel auf, der Gast verabschiedet sich. Auch ich verlasse das Haus. Ich muss noch etwas frische Luft schnappen. Draussen schleicht sich die Dämmerung an, aber noch sie ist kaum vom Dauernebel zu unterscheiden. Ich streife durch die stillen Quartiere am Südrand der Stadt.

Die Kälte beisst mir in die Oberschenkel. Das fühlt sich gut an, denn dort bildet sich wohl nach dem übermässigen Genuss von Weihnachtsguetzli in den letzten Tagen eine neue Speckschicht. Vielleicht frisst die Kälte sie wieder weg.

Es sind kaum Menschen unterwegs, auch nicht im Auto. Man kann die Strasse überqueren, wo man will. Auf einem Spielplatz ein paar juchzende Kinder, da und dort jemand mit Hund. Sonst Stille. Es fühlt sich einsam an, aber vertraut. Ich kenne diese Gegend, seit ich denken kann. Jetzt sind ganze Büsche gesprenkelt von Lichterketten, überall stehen Weihnachtsbäume, in den Fenstern hängen leuchtende Sterne. Ob die Familien dahinter weihnachtsübliche Streitereien  haben? Ob sie glücklich sind?

Nach einer Stunde drehe ich bei und gehe nach Hause. Es ist warm dort, Herr T. hat die Lichter am Christbaum angemacht und schon mal ein bisschen abgewaschen. Hier ist es heimelig.

Schweizerdeutsch 57: Der erste Schnee

Ein Hauch von Winter heute, auch im oberen Seetal (von Honhenrain aus gesehen).

Donnerstag und Freitag ist bei uns der erste Schnee gefallen. Jetzt frage ich mich, ob es meinen anderen Schweizer Leserinnen und Lesern auch so geht: Wenn die ersten Flocken durch die Luft wirbeln, weht mir immer dieses Kinderlied durch den Kopf:

Es schneielet, es beielet,
Es good e chüele Wend
Ond d’Meitschi legged d’Händsche n a
Ond d’Buebe laufend gschwend

Das Lied ist heute noch populär, es gibt mehrere Fassungen davon auf YouTube, das poppigste hier.

Falls jemand den Text übersetzt haben möchte, bitte melden. Mich dünkt das einfach, aber ich kann nicht für ein Nordlicht sprechen. Ich habe mich nur mein Leben lang gefragt, was «es beielet» heisst. Wahrscheinlich Kinderreim-Nonsens, habe ich gedacht. Aber eben habe ich es mal gegoogelt, im Schweizerischen Idiotikon gibt es eine Erklärung, siehe hier: Das Wort vergleicht die herumtanzenden Schneeflocken mit einem Bienenschwarm.

Schweizerdeutsch 53: Wenn die Nebel sich lichten

  1. Es tuet uf

Standarddeutsch: «Es macht auf». Sinngemäss: Der Nebel – oder die Wolken – lichten sich. «Es» ist dieser formlose Raum um und über uns, in dem unser Wetter stattfindet. Wie in «es regnet» oder «es schneit»).

Das ganze schweizerische Mittelland liegt in diesen Tagen am Grund einer dicken Nebelsuppe. Wie so oft im Herbst und Winter. Es ist die Zeit, in der wir uns unserem täglichen Kleinklein widmen, hektisch, konzentriert, verbohrt, von früh morgens bis spät abends. Was sollen wir auch ins Weite schauen? Es gibt dort doch gar nichts zu sehen! Immerhin: Vor einer Woche hatte ich einen fast freien Nachmittag. Ich machte mich auf nach einem Ort namens Vogelsang. Zuerst kam ich zur Bank unter der riesigen, gelbbelaubten Eiche und dem Wegkreuz beim Seehof. Ich setzte mich hin. Es war 15.30 Uhr. Jemand hatte die Jesusfigur über mir frisch angemalt. Sie hängt da, reglos und hellrosa. Da lichtete sich der Nebel, die Sonne beschien das Eichenlaub und die Jesusfigur. Eine halbe Stunde später war ich im Vogelsang. Dort sah ich diesen einen, sündhaften Apfel.

Schweizerdeutsch 52: Strasse überqueren in Wien

Grüener werd’s nömme!

Standarddeutsch: Grüner wird’s nicht mehr!
Sinngemäss: Mach endlich vorwärts, die Ampel steht auf Grün!

Wien ist nicht überall ein Fussgängerparadies. Wer auf Schusters Rappen* am Ring unterwegs ist, muss oft an mehrspurigen Strassen und Grosskreuzungen warten. Lange warten. So lange, bis der Blick von der gegenüberliegenden Ampel wegschweift, denn es gibt in Wien doch so viel mehr zu sehen als dieses langweilige, rote Ampelmännchen! Bis dann, huch, die anderen Wartenden sich in Bewegung gesetzt haben und die Schweizer Touristin auch sieht, dass es grün ist und gerade noch rechtzeitig hinterherhechten kann, bevor sich gegenüber wieder das rote Männchen hinstellt.

Am Wiener Ring hallte mir in solchen Momenten die Stimme des Fahrlehrers Frogg hinterher – er war ein ferner Verwandter von uns und unterrichtete meine Mutter, die jeweils mit Gusto seine Redensarten kolportierte. «Grüener werd’s nömme!» pflegte er auszurufen, wenn sie nach dem Lichtwechsel das Gaspedal nicht schnell genug fand. Oder wenn irgend so ein Fussgänger, für den man extra angehalten hatte, den Farbwechsel verträumte. Ganz als gäbe es an einer Lichtsignalanlage nicht nur drei, sondern eine ganze chromatische Tonleiter von farbigen Lampen, schliesslich sagt man ja auch: «Er raste bei dunkelorange über die Kreuzung.»

  • Eben fällt mir die Doppeldeutigkeit der Redewendung «auf Schusters Rappen» auf. Mein Leben lang habe ich geglaubt, sie verweise auf den Geldbetrag, den «de Schuemacher» beim Verkauf seines Erzeugnisses einnimmt (früher kosteten einfache Treter bestimmt nur ein paar Rappen!). Ich hab’s aber gerade gegoogelt und bin überrascht: Das Wort «Rappen» verweist hier auf Pferde!

Schweizerdeutsch 51: Das kannst Du zweimal sagen

Säged Si nüt! (Redensart)

Standarddeutsch: «Sagen Sie nichts!» Sinngemäss für: «Da haben Sie sowas von recht!» Oder auch: «Das können Sie zweimal sagen!»

Neulich hatten Herr T. und ich etwas zu Feiern. Wir buchten zwei Plätze auf der Restaurant-Terrasse hoch über dem See. Ein junger Kellner mit tadellos geschneiderter Uniform servierte die Cüpli zum Apero. Ich blickte hinunter aufs Wasser. «Was für eine herrliche Aussicht Sie hier oben haben!» sagte ich.

«Sägesi nüüt!» lächelte er und schenkte ein, und ich war aus drei Gründen schon vergnügt, bevor ich mit Herrn T. angestossen hatte:

  • Weil ich aus dem Dialekt des Kellners messerscharf wie weiland Professor Higgins den Schluss zu ziehen im Stande war, dass er nicht aus dem Luzernischen war (wir hätten «säged Si nüd!» gesagt). Ich vermute, dass der junge Mann aus der Gegend des Autobahndreiecks Sissach-Egerkingen-Olten stammt, wo zum Teil ein ganz unbestimmter Dialekt gesprochen wird, ein bisschen Bern, ein wenig Aargau und ein Quäntchen Basel, aber auch nichts von alldem.
  • Weil es mich überraschte, dass junge Leute diese Redensart immer noch verwenden. Wir sagten als Jugendliche bei jeder sich bietenden Gelegenheit «säg nüüt» oder «säged Si nüüt». Aber später verloren wir die naive Fröhlichkeit, mit der man solche Sätze sagt.
  • Weil ich mich fragte, warum wir hierzulande Leuten, die sowas von recht haben, dass es fast ein Gemeinplatz ist, das Reden verbieten wollen – während sie in Deutschland dazu aufgefordert werden, sich zu wiederholen.