Josephine

Die meisten Frauenbilder von Edward Hopper stellen seine Ehefrau Josephine dar, heisst es. Wer war sie? Dieses Bild, Morgen in Cape Cod, ist zurzeit in der Fondation Beyeler ausgestellt.

Gestern besuchten Herr T. und ich mit Freunden eine Ausstellung von Edward Hopper. Im Zug nach Basel streckte Herr T. mir einen kleinen Bildband entgegen. „Lies das mal, Du kannst uns nachher einen Vortrag halten“, sagte er. Merkwürdiges Ansinnen, dachte ich, aber ich las zerstreut ein paar Zeilen. Auf der Seite 11 stand, «einige Bilder» würden «eine Fixierung auf die eigene Frau» verraten, «die auffällt. Offensichtlich steht die Beziehung zu Jo im Zeichen einer geheimen Konkurrenz. Die Ehefrau ist nicht allein Kommentatorin und Managerin ihres Mannes, sondern selbst Malerin.»*

Wenn Hopper sie als Konkurrenz empfunden hat, muss sie gut gewesen sein, dachte ich. Warum kann man ihre Werke nirgends sehen? Meine Neugier war geweckt.

Bei Beyeler las ich nebenbei, dass Hopper die geheimnisvolle Jo 1924 heiratete, ein Jahr nach seiner ersten erfolgreichen Einzelausstellung. Damals war er 41. „Hing der Erfolg irgendwie mit der Heirat zusammen?“ fragte ich mich.

Und wie! Eine kleine Online-Recherche brachte später an den Tag, dass Josephine Nivison den Erfolg des Göttergatten überhaupt erst ermöglichte. Jo war selber Malerin, ein Jahr jünger als Edward. Sie arrivierte früh und hatte Edward 1923 die Teilnahme an einer Gruppenausstellung im Brooklyn Museum Art ermöglicht. Dort wurde er entdeckt.

Josephine selber malte nach der Heirat zwar noch, verschwand aber zusehends hinter ihrem Mann. Sie wurde seine Muse, sein Modell, seine Sekretärin und Managerin. Hier gibt es einen erschütternden Beitrag über sie von Senta Trömel-Plötz. Er enthält zahlreiche Auszüge aus dem Tagebuch der Künstlerin. Jo wusste um ihr Verschwinden. Sie war wütend und verbittert. „Für eine Künstlerin ist es fatal zu heiraten, ihr Bewusstsein wird zu sehr aufgerührt. Sie kann nicht mehr genügend in sich selbst leben, um produktiv zu sein. Aber es ist schwer, dies zu akzeptieren“, schriebt sie. Und: „Zwei können nicht Künstler sein.“ Als Ehemann war Hopper ein Tyrann. Und doch hat sie ihn nie verlassen.

Immerhin, sie vernachlässigte die ihr auferlegten Pflichten als Hausfrau, um malen. Doch was ist mit ihrem Werk passiert?

Als sie starb, gingen ihre Bilder zusammen mit jenen von Edward ans Whitney Museum in New York. 96 Gemälde wurden an New Yorker Spitäler verschenkt. Vieles verschwand. Eine Ausstellung mit Bildern von Edward und Josephine fand 2018 hier statt.

Wenn heute nicht Internationaler Tag der Frau wäre, hätte ich das wohl gar nie niedergeschrieben – eine Einladung, über unsere Arbeit, unsere Ehen, unserer Rollen nachzudenken.

Als Herr T. und ich mit unseren Freunden gestern in der Fondation Beyeler ankamen, habe ich den Vortrag dann gehalten. Er ist vielleicht nicht so herausgekommen, wie mein Mann ihn sich vorgestellt hat. Jede Ehe ist kompliziert. Während ich dies hier schreibe, kocht er. Ich habe offene Rechnungen mit der Kunst – jener des Schreibens. Aber ich kann mich jedenfalls nicht darüber beklagen, dass er mich zu Schweigen gebracht hat.

* Rolf Günter Renner: „Edward Hopper“, Benedikt Taschen Verlag, Köln 1992

Wahnsinn, Küsse und Corona

Habe ich Angst vor dem Coronavirus? Nein, eigentlich nicht. Das ist merkwürdig, denn ich bin ein furchtsamer Mensch. Aber ich habe gerade deswegen gelernt: Die Angst ist eine schlechte Prognostikerin. Sie steht oft in einem völlig falschen Verhältnis zum gefürchteten Ereignis. Beispiel: Einmal in meinem Leben habe ich mich nicht davor gefürchtet, meinen Job zu verlieren. „Das wäre jetzt so bescheuert, dass es gar nicht passieren kann“, dachte ich. Genau damals ist dann doch passiert. Ich habe es überlebt. Also denke ich jetzt: „Es ist ok, dass ich mich nicht fürchte. Es kommt, wie es muss.“ Ich wasche mir trotzdem häufig und gründlich die Hände und niese in meine Armbeuge. Man tut, was man kann.

Ich fürchtete mich auch nicht vor der Isolation, die eine solche Epidemie mit sich bringt. Zunächst. Bis am Freitagmorgen. Da rief zuerst unser Gesundheitsminister Alain Berset eine „besondere Lage“ aus und verbot alle Veranstaltungen mit über 1000 Teilnehmern. Unter anderem sagte er die Basler Fasnacht ab. Das alarmierte mich, aber es betraf mich noch nicht. Wegen meiner Schwerhörigkeit lebe ich seit einem Jahrzehnt in einer Art Halbquarantäne. Veranstaltungen mit 1000 Personen besuche ich so gut wie nie, viel zu stressig. Gott schütze mich vor der Basler Fasnacht!

Dann las ich im Büro auf dem Intranet, ein Kollege sei positiv getestet worden. Da kribbelte es mich im Nacken. Aber, gut, unser Konzern hat um die 1800 Angestellte, verteilt auf ein gutes Dutzend Standorte im der ganzen Schweiz. Der Mann, den es getroffen hat, arbeitet 60 Kilometer weit weg. In einer Zweigstelle, die sehr wahrscheinlich keiner meiner Kollegen je betreten hat. Der Betroffene war in Mailand gewesen.

Wenig später schritt unsere Chefsekretärin durch den fast leeren Korridor (bei uns sind viele Arbeitsplätze abgebaut worden). Sie streckte mir eine giftgelbe Sprühflasche entgegen und sagte: „Damit kannst Du Deine Computertastatur desinfizieren, und die Arbeitsflächen.“ Ich sagte: „Ja, gerne, ich mache das, sobald ich Zeit habe.“ Ich hatte mir eben die Hände desinfiziert und musste dringende Sachen erledigen. Meinen Schreibtisch berührt ausser mir und der Reinigungskraft niemand. Nie werde ich den Blick vergessen, den mir die Chefsekretärin zuwarf. Ich fühlte mich schmutzig. Eine Gefährderin.

Da wusste ich: Jetzt ist etwas passiert. Ab jetzt ist jeder in diesem Haus gefährlich und gefährdet. Ab jetzt misstraut jeder jedem. Ab jetzt muss ich als Schwerhörige mich besonders in Acht nehmen. Ich darf den Leuten ja nicht mehr zu nahe treten, damit ich sie besser höre.

Später ging ich in die Apotheke, um mir ein zweites Fläschchen Desinfektionsmittel zu kaufen. Der Apotheker ist ein raubeiniger, weisshaariger Kerl. Ich schätzte ihn als einer jener Typen ein, bei denen man sich fast entschuldigen muss, wenn man so etwas kauft. Aber Irrtum: Der Mann zuckte sichtlich zusammen, als ich ihn beim Zahlen versehentlich mit den Fingerspitzen berührte. Ich schämte mich. Er ist über 60 und lebt in seiner Apotheke sicher gefährlich. Es war alles noch unangenehmer, weil ich gar nicht mit ihm reden konnte. Ich hörte an diesem Tag zu schlecht.

Ich trat aus der Apotheke und fühlte mich von da an wie ein Gespenst. Nachts schlief ich schlecht. Ich hustete leicht und hatte merkwürdige Schmerzen.

Am Samstag gingen Herr T. und ich an eine kleine Geburtstagsparty. „Wie machen wir es? Küssen? Hände schütteln? Oder nicht?“ fragten alle Eintreffenden am Eingang. Die Gastgeber lachten. Wir umarmten und küssten uns alle herzlich. Es war so ein fröhliches, entspanntes Festchen! Wunderbar! Wie aus einer anderen Zeit. Schmerzen und Gehüstel – wie verflogen.

Heute Morgen sagt Gesundheitsminister Berset in der „Sonntagszeitung“: „Der Verzicht auf Begrüssungsküsse sollte ernsthaft in Erwägung gezogen werden. Wir wissen, dass soziale Distanzierung der beste Weg ist, die Verbreitung des Virus einzudämmen.“

Das ist sehr wahrscheinlich wahr. Aber es hat einen hohen Preis im Zwischenmenschlichen.

Klimawandel und wie wir im Sturm festsassen

Menschenleere Skianlagen auf Melchsee-Frutt in der Innerschweiz. Die Ruhe trügt. Es weht ein heftiger, viel zu warmer Südwind (Bild von mir, vom 15. Dezember).

Zur Mittagszeit wagte ich mich hinaus vors Hotel. Ich wollte nur schnell in den kleinen Laden, 40 oder 50 Schritte die Böschung hinunter. Auf dem Weg lag an den meisten Stellen Schnee oder Eis. Weil mein Gleichgewichtssinn nicht der beste ist, nahm ich den ersten Schritt zaghaft – wusch, riss eine Windböe mich talwärts. Ich stemmte die Beine in den Boden. Weitere Windstösse. Noch ein paar schwankende Schritte. Ich schaffte es bis zum Lädeli, wo ich an verschlossenen Türen rüttelte. Der kleine Ort war menschenleer. Man konnte es der Frau im Geschäft nicht verargen, dass sie kurz dichtgemacht hatte. Ich stellte mich bei der Ladentür in den Windschatten.

Das war die Melchsee-Frutt am Freitag. Es herrschte der Föhn. Die Gondelbahn ins Tal konnte nicht fahren. Es gab Windböen um die 150 Stundenkilometer. Wir waren von der Umwelt abgeschnitten. Schon zum zweiten Mal diese Woche.

Wir waren in den Skiferien dort, 1900 Meter über Meer. Skifahren hatte Herr T. nur an einem Tag gekonnt, spazieren ging soso lala. Eigentlich hatten wir am Freitag nach Hause gewollt. Aber die Online-Wetterdienste hatten uns schon am Mittwochabend gewarnt: Der nächste Sturm war im Anzug.

Im Hotel waren wir die einzigen Gäste, es war Vorsaison. Aber ins Restaurant im selben Haus kamen am Mittag die Männer vom Pistendienst, assen etwas und blieben lange. Sie hatten draussen nicht viel zu tun, ausser dann und wann umgewehte Pistenmarkierungen wieder aufzurichten. „So etwas haben wir noch nie gesehen“, sagten alle. Klar, Föhnstürme gehören zu den grossen Wetterspektakeln der Innerschweiz. Es ist dann ungewöhnlich warm und trocken und kann sehr stürmisch sein.

Auf der Frutt sind wir zudem in den Bergen, da kann es schon mal wettern. Wir haben hier oben auch schon Winterstürme mit heftigen Schneeschauern erlebt. Aber zwei so gewaltigen Föhnstürme in der Woche vor Weihnachten – ich kann mich nicht erinnern, dass es das je gegeben hat.

Im Restaurant diskutieren die Männer vom Pistendienst, und irgendwann fällt das Wort „Klimawandelgschtürm“ („Gschtürm“ ist ein Innerschweizer Ausdruck für unnötiges Gerede). Den Rest der Konversation habe ich nicht mitbekommen, dafür höre ich zu schlecht. Aber ich sehe den Männern an, was sie über das „Klimawandelgschtürm“ denken: Das ist wieder so ein Blödsinn aus dem Unterland. Hier oben leben wir mit der Natur. Die ist vielleicht anders als früher, aber damit kommen wir zurecht und klagen nicht. Es soll keiner von diesen ahnungslosen Städtern kommen und uns etwas über den Klimawandel erzählen.

Jaja, denke ich, aber Euch landwirtschaftliche Subventionen und Unwetterverbauungen zahlen, das dürfen wir Städter. Das kommt ganz reflexartig, so funktioniert hierzulande der Stadt-Land-Diskurs.

Jetzt stand ich im Windschatten des Ladeneingangs und dachte nach. Laut Wetterprognosen sollte der Wind gegen Abend nachlassen. Dann würde die Gondelbahn wieder hinunterfahren. „Im Konvoi“, wie die Frau im Hotel sagte. Das hiesse, mehrere Bahnen würden dicht hinter einander und in Begleitung eines der Männer vom Personal vorsichtig hinuntergelassen. Das Problem sei nicht, dass der Wind die Gondeln von den Seilen reissen, sondern, dass er sie gegen die Masten schleudern könnte. Deshalb der Konvoi. Das klingt wie im Krieg, dachte ich. Sollten wir wirklich versuchen, an diesem Nachmittag ins Tal zu kommen?

Ich machte mich auf den Weg zurück ins Hotel. Bevor ich loswankte, suchte ich am Hügelchen vor mir mit den Augen die beste Route. Als hätte ich vor, einen Gipfel ohne Wanderweg zu erklimmen. Die ersten paar Schritte gelangen gut. Aber auf halber Höhe schleuderte eine Böe mich zu Boden. Den Rest der Strecke krabbelte ich auf allen Vieren durch den Matsch. Ich begriff: Die Natur ist gross. Wenn sie will, kann sie dich mit einem Windstoss in die Knie zwingen. Das ist natürlich ein Gemeinplatz. Aber es fühlt sich nicht wie ein Gemeinplatz an, wenn Du es am eigenen Leib erlebst. Es fühlt sich an wie Todesangst.

Im Restaurant war es gemütlich. Herr T. und ich assen Tagessuppe. „Komm, wir bleiben noch eine Nacht“, sagte ich zu ihm.

Mein Lieblingsweg


Kurz vor dem Bahnhof komme ich fast jeden Morgen an einem Bildnis von Johannes Gutenberg vorbei, dem Erfinder des Buchdrucks. Wie ein bürgerliches Heiligenbild steht er da. Jedesmal blinzle ich ihm kurz zu und bitte um seinen Schutz.

Was habe ich über unseren mehr oder weniger erzwungenen Wohnungswechsel geklagt! Furchtbar! Dabei war der Umzug gar nicht so schlimm. Rückblickend glaube ich sogar, dass es gut war, umzuziehen. Es hat mich stärker gemacht. Und an unserem allerersten Tag hier passierte etwas ganz und gar Unerwartetes, etwas Wunderbares: Ich verliebte mich in meinen neuen Stadtteil. An jenem Tag ging ich durch die Strassen unseres neues Quartiers, die ich alle seit 50 Jahren kenne, leicht irr vor Schlaflosigkeit und Stress. Die Mauern glühten fast, so heiss war es. Auf einem Balkon mit schmiedeeisernem Geländer sah ich einen Mann in Malerhosen stehen. Er hatte die Augen geschlossen und streckte sein Gesicht der Nachmittagssonne entgegen. Ein Moment hochsommerlicher Trägheit mitten im hektischen Treiben. Ich war entzückt, ein Ruck ging durch mich und ich sah plötzlich die ganze Stadt anders. Jeden Tag wandere ich seither durch die Strassen und entdecke alles neu. Die kleinen Bars, die mondänen Boutiquen, die Hinterhöfe. Die alten Häuser mit den selbstbewussten Sandsteinverzierungen an den Fassaden. Die Menschen in den Strassen, Shopper, Parkiererinnen, Penner, unzählige Velofahrerinnen, Barhänger, Frauen und Männer mit Kinderwagen.

Der Stadtteil heisst Neustadt. Aber das ist irreführend, denn er hat seinen Namen noch im vorletzten Jahrhundert bekommen. Hier sind viele Häuser aus der Gründerzeit, die Strassen sind schachbrettartig angelegt, von hier zur Bushhaltestelle am Bahnhof kann ich mindestens ein Dutzend Wegvarianten einschlagen. Zum Bahnhof gehe ich jeden Tag und nehme von dort den Bus zur Arbeit. Jeden Tag entdecke ich etwas Neues.

Aber ich habe einen Lieblingsweg. Er führt durch den kleinen Park neben unserem Haus, wo der Sturm am 6. Juli eine Linde geknickt hat. Damals war hier noch eine Baustelle. Seither ist hier ein neuer Spielplatz entstanden, und ein Restaurant, wo schon die ersten Gäste sitzen. Vorne an der Ecke passiere ich das Café Alfred. Ich muss an Jude Law denken, der einmal „Alfie“ gespielt hat, ein dandyhaftes New Yorker Jüngelchen, das jede Menge Frauen aufs Kreuz legte. Das Café Alfred hat tolle Kritiken auf Tripadvisor, es ist trendy, und irgendwann werde auch ich dort einen Caffelatte trinken. Oder vielleicht einen Cappuccino. Oder einen Lattemacchiato. Mal sehen.

Ich ziehe vorbei am Geschirrladen Casacade. Dort habe ich meine ersten Trinkgläser gekauft – die gleichen wie mein bester Freund Andreaszwei. Das war gleich nach meiner WG-Zeit, als ich das erste Mal Geld verdiente. Goldene Zeiten. Ich überquere die Hauptstrasse und ziehe vorbei an der Parterrewohnung mit den Rosen aus Kunststoff auf dem Fensterbrett. Sie sehen immer frisch aus und so echt. Weisse Vorhänge verschleiern die Wohnung dahinter. Wer wohl hier wohnt? Gleich nebenan ist der syrische Barbier, der Ba’trasuren anbietet. Jedesmal, wenn ich das sehe, erschrecke ich, denke an den Baschar al-Assads Baath-Partei und merke erst dann, dass nur ein „r“ auf dem Schild fehlt.

Um die Ecke vis à vis liegt ein Büro der Versicherung, die mir einmal sehr geholfen hat. Dort überquere ich wieder die Strasse, biege dann in die erste Seitenstrasse ein, wo ein Bestattungsunternehmen diskret seine Dienste anbietet. Auch für die Toten ist gesorgt hier im Quartier. Vorne an der Ecke dann ein Ort der Nostalgie. Links das Restaurant La Perla. Hier habe ich zum allerersten Mal ohne erwachsene Begleitpersonen auswärts gegessen. 15 war ich. Oder 16? Damals war jeder Tag die Welt. Und jetzt weiss ich es nicht mehr so genau. Schräg gegenüber das Memories of Asia, ein Thai. Ich erinnere mich an ein amüsantes Mittagessen mit einem Marketing-Fachmann hier, geborener Gentleman. Lange her.

Weiter vorne dann die Ecke, wo das Evchen früher gewohnt hat. Das Baby, dessen Mama meine Freundin war. Sie sind weggezogen, die beiden. Ich habe beide eine Weile nicht gesehen. Aber was wir zusammen erlebt haben, bleibt.

Ich peile nun zielbewusst das Vögeligärtli , einen weiteren Park. Ein kleiner Park so voller Geschichten, dass ich gar nicht erst zu erzählen anfange.

Wenn ich ihn durchquert habe, sehe ich an der gegenüberliegenden Hauswand, weit oben, ein Relief. Es stellt Johannes Gutenberg dar, den Erfinder des Buchdruckes. Ich zwinkere ihm kurz zu. Gleich werde ich um die Ecke entschwinden und den nächsten Bus zur Arbeit am Stadtrand nehmen – in einem Betrieb, der Print-Produkte herstellt. Ich kann ihn als Komplizen brauchen.

Adieu Vereinigtes Königreich

Ich habe das Vereinigte Königreich von England, Wales, Schottland und Nordirland ungefähr 50 Jahre lang geliebt. Eigentlich seit ich denken kann. Ich habe sogar englische Literatur studiert. Meine Anglophilie schien unerschütterlich. Aber jetzt muss ich sagen: Was sich dort im Moment abspielt ist derart befremdlich, beängstigend und empörend, dass ich mir zum ersten Mal gründlich überlegen muss, wie ich zu diesem Land stehe. Hier wird das Vorgehen von Premierminister Boris Johnson, was mich so aufregt, eloquent von Experten aus ganz Europa diskutiert.

Zuerst einmal ist es Zeit, danke zu sagen für alles, womit das Vereinigte Königreich mein Leben bereichert hat (was da wäre, in ungefähr chronologischer Reihenfolge):

Ein kleiner, doppelstöckiger, roter Spielzeugbus, ein Geschenk aus London an die dreijährige Frau Frogg von ihrem Vater; das erste Royal Wedding, jenes von Prinzessin Anne 1973, damals war ich acht; in meinen Teenager-Jahren die Beatles; die Rolling Stones; Led Zeppelin; Deep Purple; The Cure; Siouxsie and The Banshees; The Clash; The Police; Oscar Wilde; meine ersten Inter Rail-Ferien, die Reihenhäuschen von Dover im Regen, dreieckige Sandwiches; Schottland; mit 20 meine erste Arbeitsstelle in einem anthroposophischen Kinderheim zwischen den Hügeln von Sussex; Kinder, die seltsame, köstliche Dialekte sprachen; „fockin’ew“, der Kraftausdruck für den Rest meines Lebens, von den Teenagern dort gelernt; die Brombeeren an den Hecken von Sussex; London; die Kew Gardens; Oxford Street; Camden; Brixton; Battersea Power Station; The Barbican; Brick Lane; Cheddar-Käse; Scones with Clotted Cream; Bluebells; Estuary English; Peter, der mir erste Lektionen über das britische Klassensystem gab und mich lehrte, was ein „dodgy geezer“ ist; Julian, eine grosse Jugendliebe; seine Mutter Hilda in einem königsblauen Kleid; Barbara aus Stamford Hill und ihre jüdische Mutter; meine zweite Politisierung – gegen Thatcher und Reagan; Doris Lessing; an der Uni dann „Hamlet“ und „König Lear“ von Shakespeare; Jane Austen; ein vertieftes Verständnis für eine zweite Sprache, Kultur und Politik; dass ich gewisse Dinge auf Englisch besser sagen kann als auf Deutsch; die Erkenntnis, dass Britannien auch hässliche Seiten gehabt hat, einmal „the Brutish Empire“ gewesen ist, eine riesige, skrupellose Kolonialmacht; Virginia Woolf; Martin Millar; Ken Loach; die Strassen von Nordwales und Snooker in Aberdaron; Newcastle-upon-Tyne und Lindisfarne von Ferne; And All Because the Lady Loves; Stephen Frears; Mike Leigh; Anthony Hopkins; Emma Thompson; Kenneth Branagh; Fay Weldon; Christopher Marlowe; Alfred Hitchcock; Zadie Smith; „Wallace and Gromit“ in meinen dreissigern Tony Blair; der Channel Tunnel wenige Tage nach 9/11; Edinburgh; Oasis; Hugh Grant; „Four Weddings and a Funeral“; Dom und Beryl-Anne aus Peterborough; Harry Potter; Helena Bonhan Carter; John LeCarré; Richard Ashcroft; Wanderferien in Somerset; The Prodigy; auf meine alten Tage „Downton Abbey“, die Erkenntnnis, dass dem Leben mit Humor einfach am besten beizukommen ist; Wandern im Lake District; Liverpool; Nicki und Sarah aus Newcastle; Hilary Mantel; Jeanette Winterson; kann man Janet Frame zählen?; Rupert Friend; Tom Hiddleston; Tilda Swinton; John Bercow; den „Guardian“, den ich aus Besorgnis abonniert habe; und zuletzt, zu nachdenklicher letzt, „The Crown“ neulich auf Netflix, das sich jetzt ansieht wie ein fast wortloser Abgesang auf die gute, alte Zeit, als die greise Monarchin das Reich zusammenhielt.

A propos Queen: 2004 schrieb ich für eine Schweizer Zeitung über den Staatsbesuch von Königin Elizabeth II anno 1980. Damals sagte ein alter Mann, ein pensionierter Regierungsrat, zu mir: „Wir mussten nett zu ihr sein. Die Engländer hatten uns im Zweiten Weltkrieg vor Hitler gerettet.“ Vielleicht erklärt das einen Teil der Sympathie, die wir hierzulande für die Briten haben.

Und jetzt? Frankophil werden ist in meinem Alter keine Option mehr, irgendwie.

Es bleiben die Freunde. Peter ist tot – er hätte sich über das alles furchtbar aufgeregt. Julian lebt in Deutschland und will Deutscher werden. Von Nicki und Sarah habe ich eine Weile nichts mehr gehört. Sie werden sich furchtbar aufregen. Dom beantwortet meine besorgten Briefe nach Peterborough mit soldatischem „good cheer“.

Die neue Wohnung


Ausblick von unserer neuen Wohnung Richtung Norden

Zum ersten Mal sahen wir unsere neue Wohnung zwei Tage bevor wir einzogen. Vorher war sie noch gar nicht fertig. Ich muss gestehen: Als ich am Tag der Schlüsselübergabe das Bild oben machte, war mir schon ein wenig blümerant. In dieser Mondlandschaft also sollten wir wohnen. Aber ich hatte gewusst, dass wir auf eine Baustelle ziehen werden. Ich hatte ein Jahr lang (oder mehr) mit dem Umzug gehadert und alle meine Freunde mit meinen Ängsten genervt. Es gab kein Zurück. „Also, vorwärts“, sagte Frau Frogg. Am Abend jenes Tages stellte ich mich ein letztes Mal ans Fenster unserer dem Abriss geweihten alten Wohnung und blickte ins weite Land.


Ausblick von unserer alten Wohnung Richtung Norden

„Goodbye, Frogg Hall“, sagte ich. Am nächsten Tag fuhren die Zügelmänner auf, sechs an der Zahl. Es war über 30 Grad heiss, sie schwitzten, und einer schaute mich immer vorwurfsvoll an, wenn er mit einer Kiste in den Händen aus der Wohnung ging. Die anderen aber waren alle so positiv eingestellt, dass es ansteckend war. Es war alles sehr viel einfacher als ich es mir vorgestellt hatte. In meinen Zukunftsvisionen hatte mein Leben immer an dem Tag aufgehört, an dem die Zügelmänner auffuhren. Ich hatte mir einfach nicht vorstellen können, wie ich diesen Tag überstehen sollte. Aber irgendwann war er vorbei, Frogg Hall war leer und mir ging es ganz leidlich.

Wir übernachteten bei Freunden, weil wir erst am nächsten Morgen um sieben Uhr in die neue Wohnung einziehen konnten. All unsere Möbel ruhten in einem Lastwagen in einem Vorort unserer Stadt. Ich wusste nur, dass wir in der neuen Wohnung zwar heisses Wasser hatten, aber kein kaltes. Die Klospülung ging also nicht. Ich lag neben Herrn T. auf dem Ausziehsofa bei Freunden und war hyperwach und gleichzeitig nicht ganz bei Sinnen. Ich überlegte und überlegte: Was machen wir ohne Klospülung in der neuen Wohnung? Herr T. schlief ruhig.

Um sieben Uhr morgens mussten wir in der neuen Wohnung sein. Als erstes öffnete Herr T. ein paar Kästchen in verborgenen Winkeln. Er fand den Wasserhahnen und drehte ihn auf. Ich rechnete fest mit einer Überschwemmung. Aber es gab keine Überschwemmung und auch sonst keine Katastrophe. Wir hatten jetzt einfach kaltes Wasser, und die Klospülung ging. Dann kamen die Zügelmänner, und dann ging alles sehr schnell. Am Mittag hatten wir unsere Sachen wieder. Ich war immer noch nicht zusammengebrochen. Wenige Stunden später hatten wir zwei, drei wohnliche Ecken.

Auf dem Balkon gegen Süden, den unser Vermieter die Loggia nennt, stellten wir das Gartentischchen auf. Dort ruhten wir uns die nächsten paar Tage aus, wenn wir Zeit hatten. Das wurde schnell mein Lieblingsplätzchen in Frogg Hall II.

Blutwurst

Mein neues Audio-Wundergerät zum Telefonieren, der Compilot. Er ssagt merkwürdige Dinge über Blutwürste zu mir. (Quelle: Phonak)

Wenn ich in meinem Büro telefoniere, tue ich das seit einigen Wochen mit einem neuen Gerät. Es ist ein Streamer mit dem Markennamen Compilot. Ich schalte ihn ein, und eine Frauenstimme sagt: „Compilot an.“ Beende ich das Gespräch dann per Knopfdruck, sagt dieselbe Frauenstimme: „Blutwurst Audio.“ Ich muss jedes Mal lachen, aber zunächst dachte ich mir nichts dabei. Ich war einfach nur glücklich, dass ich überhaupt wieder telefonieren kann. Im Februar hatte ich das gar nicht mehr gekonnt.

Ich machte einen Hörtest. Da bekam ich es Schwarz auf Weiss. Da stand: „An Taubheit grenzende Schwerhörigkeit“. Ich brauchte ein neues Hörgerät – und dazu auch Zubehör zum Telefonieren. Meine Hörgeräte-Akustikerin verkaufte mir den Compiloten. Ich erspare Euch die technischen Details. Nur so viel: Im Büro telefonieren wir mit Skype. Es sei ganz einfach, den Compiloten mit einem Kabel an den Computer anzuschliessen, sagte die Frau. Ich versuchte es. Und siehe da: Ich konnte die Person am anderen Ende der Leitung hören, und zwar so klar und deutlich wie ich schon lange Zeit nichts mehr gehört hatte. Aber die andere Person hörte mich nicht. Überhaupt nicht. Sehr unbefriedigend.

Ich organisierte Tarik, unseren Mann vom Computer-Support. Ich erspare Euch eine Schilderung der Irrwege, die man machen muss, um einen Termin mit Tarik zu bekommen. Wichtig: Man muss dazu nach Zürich in die Zentrale telefonieren. Und das konnte ich ja gar nicht. Unsere Sekretärinnen mussten zum Telefonhörer greifen, und zwar mehrmals.

Endlich kam Tarik. Er verbrachte 45 Minuten in meinem Büro. Er versuchte alles, um den Compiloten mit dem Kabel richtig zum Laufen zu bringen. Ich stand daneben, assistierte und brauchte Nerven. Es ging nicht. Tarik kam zwei Tage später nochmals – es ging immer noch nicht. Schliesslich kam er nochmals und sagte: „Ich weiss jetzt, was Du machen musst: Du brauchst einen Blootooth-Adapter für den Computer.“

Also kaufte ich einen Bluetooth-Adapter. Und siehe da, es ging. Von da an hörte ich die rätselhafte Frauenstimme „Blutwurst Audio“ sagen. Ich lachte und war froh und telefonierte so viel wie möglich. Hörende können sich gar nicht vorstellen, wie erfrischend es ist, normal telefonieren zu können.

Erst nach Wochen begann ich zu rätseln: Was heisst „Blutwurst-Audio“? Fragen konnte ich niemanden, denn ausser mir kann das Gerät niemand benützen. Eines Tages sah ich beim Sinnieren das kleine, blaue Licht an meinem Bluetooth-Adapter, und da ging mir das Licht auf: Die Frauenstimme sagt „Bluetooth-Audio“.

Musik hören


Jimi Hendrix, dessen Musik Frau Frogg einmal geliebt hat. Kann man als Schwerhörige seine Musik in der Erinnerung hören? Frau Frogg ist skeptisch. (Bildquelle: guardian.com)

Bald ziehen wir um. Der Termin ist zwar erst Ende Juni. Aber ich bin nervös, ich will gut vorbereitet sein. Deshalb habe ich meine Bücher schon mal in Kisten gepackt. Das dauerte ein paar Tage. Meine Bücher sind zahlreich, und sie wollen gehegt und gepflegt sein wie kleine Tiere in einem Stall. Vor dem Packen staube ich sie ab und sortiere sie – jene, die mich nicht mehr interessieren, wandern in Papiertüten. Ich werde sie ins Bücher-Brocki bringen. Auch ein paar Bücher über Musik werde ich entsorgen. Ich meine: Was soll ich noch mit „When Giants Walked The Earth“, dieser verschwitzten Monumentalbiografie über Led Zeppelin von Mick Wall? Eine Jugendsünde. Irrelevant.

Endlich sind alle Bücher gepackt, genau am Termin, den ich mir gesetzt habe. Da entdecke ich mit Schrecken ein letztes Regal im Wohnzimmer: Das Gestell mit den CDs. Die habe ich bei meiner Planung ganz vergessen. Ich ignoriere meine CDs seit Jahren, viele habe ich entsorgt. Auch die Schallplatten sind weg, der Schatz meiner Jugend, die Rolling Stones, Fleetwood Mac, das Woodstock-Album, The Beatles, Jimi Hendrix, The Clash, The Police. Mein Bruder hat sie alle bekommen, er weiss ihren Wert zu schätzen. Ich kann sie nicht mehr brauchen. Ich kann keine Musik mehr hören, ich bin zu schwerhörig geworden. Auch mit den besten Hörgeräten klingt noch der beste Song wie ein ferner Abklatsch seiner selbst. Er quietscht, gurgelt, jault, ist nur mit Mühe wiederzuerkennen.

Behalten habe ich den Kern meiner CD-Sammung. Aber wenn mich jemand fragt, was dabei ist, muss ich eine Weile überlegen. Das gehört zu meinem Umgang mit so vielem, was die Schwerhörigkeit betrifft. Ich ignoriere, was ich ignorieren kann, ich vergesse, ich tue so, als wäre alles normal. Natürlich gibt es noch genug Dinge, die man nicht ignorieren kann: zum Beispiel, dass ich nur noch mit grösster Mühe mit drei Leuten in einem Restaurant plaudern kann. Aber viel anderes hat sich still aus meinem Leben geschlichen, unbetrauert, nicht gehegt, nicht gepflegt. Meine CDs sind staubverkrustet. Ich sollte eine Flasche Putzsprit zur Hand nehmen und Adele’s „21“ sorgfältig abreiben, meine letzte Liebe. Ich sollte U2 wieder zum Glänzen bringen und die Dire Straits und den Buena Vista Social Club. Ich sollte Oasis in die Hand nehmen und dabei vielleicht versuchen, wenigstens in meinem Kopf „Don’t Look Back in Anger“ zu hören, den Song, der mich aus sehr privaten Gründen früher manchmal zu Weinen gebracht hat. Aber dass man Musik im Kopf hören kann, ist eine Illusion, die nur Hörende haben. Keine Erinnerung an das Intro von „All Along the Watchtower“ von Jimi Hendrix wird mich je so erschauern lassen wie die Akkorde, wenn sie damals, dissonant, düster, mein Innenohr erschütterten.

Der Ehrlichkeit halber muss ich aber auch sagen: Wäre ich nicht ertaubt, hätte ich vielleicht nie um die Grösse dieser Musik gewusst. Es gab eine Zeit, da hörte ich noch gut, wusste aber, dass ich ertauben würde. Nie habe ich inbrünstiger Musik gehört als damals. Alles nahm ich mir nochmals zum Ohr, aber ich merkte schnell, was mir wichtig war. Die Helden meiner Jugend – sie waren für mich nicht mehr nur Unterhaltung. Sie waren Monumente des Pop und mächtige Soundwunder. Ich verstand, dass sie mich in einem gewissen Sinne zu dem gemacht hatten, was ich war.
Was sollte ich also jetzt mit meinen CDs machen? Ich fackelte nicht lange. Ich warf sie hastig in eine Kiste, mitsamt dem Staub, der an ihnen klebte. Ich nehme sie mit in die neue Wohnung. Aber ich ignoriere sie.

Später stehe ich mit einem Papiersack voller Bücher fürs Brocki an der Bushaltestelle. Der Bus steht irgendwo im Stau, ich warte. Um mir die Zeit zu vertreiben, nehme ich eines der Bücher aus der Tasche. Es ist „When Giants Walked The Earth“. Das Intro zum Buch ist eine fiebrige Rhapsodie an den Gitarrengott von Led Zeppelin, Jimmy Page. So pubertär, dass ich lachen muss. Aber es bringt etwas zurück, was ich fast vergessen habe, eine innere Weite, ein Feuer, ein Vergnügen. Ich fahre ins Bücher-Brocki und lasse alles dort, aber dieses eine Buch nehme ich wieder mit nach Hause.

Dieses Gesicht!

Neulich war ich an einem Treffen im Quartier, wo ich aufgewachsen bin. Auf dem Weg ging ein alter Mann an mir vorbei. Er war einer von vielen, die alten Leute sind hier so zahlreich. Aber ich erkannte ihn sofort und rief ihm „Grüezi Herr König“ zu. Er stutzt, ist schon fast vorbei, dann grüsst er zurück und – unglaublich – beginnt zu lächeln. Jäh durchzucken mich Glück und Wehmut zugleich. Wenn er lächelt, sieht er der Prinzessin so unfassbar ähnlich, seiner Tochter, meiner Freundin aus Kindertagen.

Ich kann mich nicht erinnern, dass er mich je angelächelt hat. Als ich ein Kind war, war ich nicht die Sorte Freundin, die sich Königs für ihre Tochter wünschten. So haben mir jedenfalls meine Eltern damals Vater und Mutter Königs Reserviertheit mir gegenüber erklärt. Königs, sagten sie, hielten sich für etwas Besseres. Die hätten eben mehr Geld als wir. Mir war das damals, vor vierzig Jahren, noch nicht so wichtig. Die Prinzessin und ich waren ein Herz und eine Seele. Bis uns nach Jahren ein Zickenkrieg entzweite. Später entschwand sie ganz, ins ferne Paris. Ich sehe sie noch ganz selten auf Facebook.

Aber jetzt lächelte mich ihr Vater mit ihrem Gesicht an, ihrer Zahnstellung. Er freute sich, weil ich ihn an seine Tochter erinnerte, an das Kind, das er gehabt hat, und das weit weg ist. Ich habe in letzter Zeit viel mit alten Leuten zu tun. Ich beginne zu verstehen, was sie glücklich macht.

Später erzählt jemand, dass Königs bald wegziehen werden. Dass sie im Stadtzentrum eine kleine Alterswohnung gefunden haben. Das macht mich noch wehmütiger. Die Welt meiner Kindheit ist am Untergehen. Im Quartier, wo ich aufgewachsen bin, werde ich die Prinzessin nie wiedersehen.

Zum ersten Mal seit langer Zeit bin ich froh um Facebook.

Ein atemberaubender Satz

Weil wir bald umziehen, räume ich wieder mal mein Büchergestell auf. Was ich nie mehr lesen werde, bringe ich ins Brockenhaus. Diesmal entsorge ich meine kleine Abteilung mit philosophischen Büchern. Ich musste 53 werden, bis ich es mir eingestehen konnnte, aber jetzt weiss ich: Philosophie liegt mir nicht. Es ist denkbar, dass ich zu dumm dafür bin. Früher habe ich das verdrängt und mich ab und zu mit Marx, Kant, Benjamin oder Wittgenstein abgemüht. Ich wollte die Welt so beredt zutexten können wie meine drei Studienkumpels Benedikt, Severin und Bruno, allesamt Nebenfach-Philosophen. Aber mit 53 weiss man: Einen neuen Kopf bekommt man nicht – also setzt man den alten am besten für etwas ein, was einem liegt. Ich bin Journalistin und nebenbei eine Roman-Person. Das ist ok so.

 data-recalc-dims= Ich nahm den „Tractatus logico-philosophicus“ von Ludwig Wittgenstein in die Hände und wollte ihn in die grosse Papiertüte mit den Brockenhaus-Büchern legen. Aber dann zögerte ich doch. Ich meine: Es ist ein schönes Buch, und ich erinnere mich, wie ich damals beim Pendeln zu meiner ersten Arbeitsstelle in die Lektüre kniete.

Ich las nochmals den ersten Satz: „Die Welt ist alles, was der Fall ist.“

Ich erschauerte. Was für ein atemberaubender Satz.

Klar, sofort begannen die Fragen zu sprudeln: Was bitte ist „die Welt“? Und was bedeutet „der Fall“? Nehmen wir zum Beispiel den Satz: „Meine Freundin Ela trägt einen roten Wintermantel.“ Ist es dann „der Fall“, dass Ela meine Freundin ist? Wie weiss ich überhaupt, wer meine Freundin ist? Wie definiere ich das Wort „Freundin“? Und ist es „der Fall“, dass sie einen roten Wintermantel trägt? Ja, da würden mir die meisten beipflichten, die sie im Winter gesehen haben. Aber was würde ein Farbenblinder zu einer solchen Behauptung sagen? Nun ja. Ich bin zu dumm für Philosophie. Aber eins weiss ich immer noch: „Die Welt ist alles was der Fall ist“ bleibt ein atemberaubender Satz. Ich meine, da behauptet einer, mir die Welt erklären zu können. Die ganze. In einem Buch. Damals, vor 25 Jahren, habe ich gar nicht begriffen, was für eine Ansage das ist. Ich will das Buch behalten, ich blättere darin. Ich lese weiter. Aber ungefähr auf Seite 3 kapituliere ich und bekomme Sehnsucht nach einem Roman.

Heute habe ich das Traktat doch ins Bücherbrocki gebracht. Ich will im Moment nicht die Welt erklärt bekommen. Ich will mit vertretbarem Aufwand umziehen können. Nötigenfalls kann ich den Text auch online lesen: Hier