Schweizerdeutsch 69: Vorbei!

Scho omen Egge!

Standarddeutsch: «Es ist schon um die Ecke.» Das pflegten wir zu sagen, wenn jemand von uns etwas noch hätte sehen oder sagen wollen – der richtige Moment aber schon vorbei war. Mitunter schwingt bei Gebrauch dieser Redensart leise Schadenfreude mit: «Ja, das hast du wieder mal verträumt!»

Dazu passt eine Kürzestchronik der letzten vier Wochen. Denn einige von euch mögen sich gefragt haben, warum ich so lange nicht gebloggt habe. Nun: Wir hatten – wieder einmal – verfrühte Sommerferien. Gerne hätte ich mich vorher kurz hier abgemeldet. Aber als ich endlich Zeit dafür gehabt hätte, waren wir «scho omen Egge»,  im Zug Richtung Tessin. In den Ferien blogge ich grundsätzlich nicht, da bin ich einfach unterwegs.

Die freie Zeit ging wie im Flug vorbei. Um die Rückkehr aus der geliebten Südschweiz dann noch ein wenig hinauszuzögern, wählten wir auf der Heimreise nicht die finstere Direttissima durch den Gotthard-Basistunnel, sondern die lange Strecke durch die Leventina. Diese Bahnfahrt hat für uns alte Tessinreisende ihre vertrauten, ikonischen Ausblicke: die Wasserfälle über dem Bahnhof Biasca etwa: gesehen. Der obere Einstieg der Schlucht Dazio Grande bei Rodi-Fiesso: gesehen. Dann picknickten wir und plötzlich: «Wo ist jetzt das Eishockey-Stadion von Ambri-Piotta?» – «Scho omen Egge.» Und auch das Bähnli hinauf zum Ritom-See: «scho omen Egge». Dann schoss der Zug bei Airolo in den Gotthardtunnel und jetzt sind wir wieder zu Hause. Und ich frage mich, ob ich überhaupt noch über diese in vielerlei Hinsichten aussergewöhnliche Reise bloggen soll. Oder ob das alles «scho omen Egge» ist.

Schweizerdeutsch 68: Der Raser

freese (V)

Standarddeutsch: «rasen», zum Beispiel im Ferrari. Man spricht es genauso aus wie das Standarddeutsche Wort «fräsen» (etwa ein Stück Holz), einfach ohne «n» am Schluss. Und es hat tatsächlich auch diese zweite Bedeutung. Der Zusammenhang zwischen beiden Bedeutungen ist wohl lautmalerisch – wegen des Lärms, den Autos bei hochtouriger Beschleunigung machen.

Es ist so: Seit einigen Tagen sehe ich auf dem Weg zur Bushaltestelle fast jeden Morgen Remo. Er sitzt mit seinem mundgesteuerten Rollstuhl an der Ecke bei der Apotheke, wo viel Betrieb ist. Er macht das gern, an belebten Strassenecken sitzen und zuschauen, was vor sich geht. Das hat er mir vor ein paar Jahren erzählt. An diesem Morgen wage ich wieder einmal ein Schwätzchen mit ihm, ermutigt von meinen Fortschritten mit dem E-Ohr. Es geht tiptop.

Remo ist, wie immer, pfiffig und vergnügt. Ich kenne ihn, weil er in der WG des Wohnheims für Cerebral Gelähmte bei uns nebenan wohnt.

Oder vielmehr: Gewohnt hat. Er ist jetzt 77. Weil er mehr Pflege braucht, musste er aus der WG ausziehen, erzählt er mir jetzt. Er trägt es mit positiver Einstellung. Aber dass er so oft bei der Apotheke sitzt, spricht Bände. Dort hat er gute Chancen, seinen alten Kumpels zu begegnen.

Wohnen tut er jetzt im Pflegeheim am Hang. „Huch, da oben ist es aber ganz schön abschüssig!“, sage ich. „Wie kommst du denn in die Stadt herunter?“ Er grinst: „Ach, das ist kein Problem. Mit dem Rollstuhl kannst du da problemlos d’Schtross ab freese.“

Cochlea-Implantat: Der Kleinwagen im Ohr

«Dieses Ding kostet etwa so viel wie ein Kleinwagen», sagte die Frau, die mir mein E-Ohr aufschaltete. Der Vergleich mit dem Kleinwagen ist auch sonst nicht so abwegig. Der Rucksack mit dem Zubehör ist fast so gross wie ein Fiat 500, und man muss auch jede Menge Fahrstunden – pardon, Hörtherapie – nehmen, um mit dem Gerät umgehen zu können.

Aber das war es nicht, was die Frau im Spital sagen wollte. Sie wollte sagen: «Schauen Sie, das Ding ist klein, aber teuer. Tragen Sie Sorge dazu.» Das habe ich verstanden, ich tue es und ich weiss zu schätzen, dass die Allgemeinheit dafür zahlt. Ich hoffe, dass ich der Allgemeinheit mit Kirschenpflücken noch lange etwas zurückgeben kann.

Wenn ich jetzt aber die ersten Erfahrungen beim Herumkurven schildern soll, dann erlaubt mir bitte dennoch ein paar Takte Sarkasmus, denn er hilft mir, mit den Dingen zurechtzukommen.

So halte ich hiermit fest: Ich höre nur mit CI zwar meinen Mann noch nicht sprechen, mich selbst aber schon. Am liebsten produziere ich die Laute «ssss» und «schschsch». Das macht Spass. Denn es klingt, wie einst Jimmy Page, wenn er Theremin spielte (hier zu hören, etwa ab der Sekunde 20). Oder wie wenn jemand seinen Kleinwagen mit einem Strahl aus dem Wasserschlauch abspritzt.

Die Hörtherapeutin sagt Sätze zu mir wie: «Im Wald hat es einen Ameisenhaufen.» Oder: «Im Wald gibt es eine Rauschenrauschen.» Hä?! Und nach dem dritten Mal verstehe ich: Ah, eine Waldspielgruppe. Sie hält sich einen Fächer vor den Mund, damit ich nicht lippenlesen kann. Sie findet, es gehe schon ganz gut mit dem Verstehen. Aber ich bin froh, dass sie mir noch keine Quantenmechanik erklären will.

Draussen im Park höre ich seltsames Gezwietsche rechts unten. Dort sind ein paar Spatzen. Ich kann rechts wieder Spatzen hören! Es klingt noch seltsam. Aber, hey: Spatzen! Und dann sass ich auf einer Parkbank träumte vor mich hin, und plötzlich hörte ich zu meiner Rechten jemanden sprechen. Tatsächlich, auf der Bank nebenan sass ein Paar. Seit mehreren Jahren höre ich Gespräche rechts bei Stadtlärm gar nicht mehr. Jetzt verstand ich zwar noch nicht was sie sagten. Und doch fühlte es sich an, als hätte ich sie unerlaubterweise belauscht. Was für ein Abenteuer, mit so einem Kleinwagen unterwegs zu sein.

Schweizerdeutsch 67: Wo die steilen, tiefen Täler sind

Herr T. steigt hinunter in einen Chrachen.

Chrache (N, m)

Standarddeutsch: ein keilförmiges, abgelegenes Flusstal (siehe auch hier). Oder einfach ein sehr abgelegener Ort.

An meinem freien Tag neulich marschierten Herr T. und ich über das hügelige Land im Napfgebiet. Die Gegend heisst Luzerner Hinterland. Das klingt pejorativ, ist aber nicht so gemeint. Dennoch, von der Stadt Luzern aus gesehen ist es eine ferne Gegend. Ein Netz von Strässchen liegt auf den Hügeln, auf jeder Anhöhe ein Bauernhof. Die Wiesen strotzen vor Grün, wir sehen mehrere Männer auf Traktoren. Sie müssen ihr Heu jetzt einbringen, wo endlich wieder die Sonne scheint. Ich frage mich, wie die Leute hier jahrhundertelang gelebt haben, als es noch keine Autos gab. Ich habe eine Vorstellung, mehr aber auch nicht, denn wir wandern auf den Spuren meines Vaters, meines Grossvaters gar, und beide kann ich nicht fragen, sie sind nicht mehr.

Das hier ist alles noch lieblich. Gleich südlich von uns, näher beim Napf, da liegen wirkliche Chrächen, Bauernhöfe thronen über steil abfallenden Hängen auf seltsam geformten Kreten, unten ist Wald und ein Bach, alles verlassen, nur manchmal eine Strasse oder ein Wanderweg. Hier gibt es Orte, die heissen Geierschwand oder Fröscheloch, Haserank, Luchsern, Höll oder Graus. Oder, Chrachen aller Chrächen, der Chrachegrabe. Die Höfe auf der Höhe darüber heissen Under Chrache und Ober Chrache, und wenn du das auf der Karte siehst, dann weisst du: Richtig abgelegen ist es erst dort.

Cochlea-Implantat: Vom Dichterfürsten ermutigt

Die Stelle, wo das Cochlea-Implantat sitzt, heilt allmählich. Ich kann seine Umrisse wie die Wählscheibe eines alten Telefons unter der Haut spüren. Ich mache wieder Spaziergänge, obwohl ich etwas mehr Schwindel habe als früher.

Neulich war ich auf Dreilinden, einer Anhöhe über der Stadt. Von dort führt eine steile Treppe mit geschätzten 100 Stufen den Grashang hinunter zur Hauptstrasse. Dort will ich hin, das sollte gehen, denn die Treppe hat einen Handlauf. Nur: Der ist besetzt. Eine alte Frau mit Gehstock klammert sich an ihn wie eine Bergsportlerin an das rettende Seil und steigt ganz langsam ab.

Soll ich umkehren und den Umweg über das Strässchen hinter dem Hügel machen? Nein. Mir fällt das Gedicht Johann Wolfgang von Goethe ein, das ich tags zuvor gelesen habe.

Mut

Sorglos über die Fläche weg,
Wo vom künsten Wager die Bahn
Dir nicht vorgegeben du siehst,
mache dir selber Bahn!

Stille, Liebchen, mein Herz!
Kracht’s gleich,  bricht’s doch nicht!
Bricht’s gleich, bricht’s nicht mit dir!

https://www.aphorismen.de/gedicht/63313

Es handelt vom Eislaufen und davon, dass man etwas riskieren soll. Der Dichterfürst hat wohl zögerliche junge Männer animieren wollen, tollkühne Sportskanonen zu werden. An ältere Frauen, für die so eine Treppe ein Wagnis ist, hat er eher nicht gedacht. Dennoch, ich gehe jetzt zuversichtlich da hinunter: Kracht’s gleich, bricht’s doch nicht!

Breitbeinig steige ich hinab, alle Aufmerksamkeit in den Füssen, wie ich es im Gleichgewichtstraining gelernt habe. Nach vier Stufen muss ich die alte Frau umrunden. Sie dreht sich zu mir um und sagt, etwas unmutig über die Störung: «Grüezi.»

Wir Schweizerinnen und Schweizer – ein Wutausbruch

Wir Schweizerinnen und Schweizer sind ein wählerisches Volk. Wir wollen von allem das Beste, und zwar jederzeit. Wir dürfen das auch wollen. Denn wir haben Geld und wir wissen: Wer Geld hat, hat es sich hart erarbeitet, sprich, verdient.

Klar, die Drecksarbeit muss gemacht sein. Wir wollen, dass jemand sich für uns bückt, unsere Erdbeeren pflückt, unsere Schokolade fabriziert und unsere WCs putzt. Es darf auch gerne jemand mit einem ausländischen Pass sein, denn das ist Arbeit, die nicht zu uns passt, nicht wahr? Aber dieser jemand soll bitte keinen Wohnraum und möglichst keinen Platz im Tram beanspruchen, nicht zu gut verdienen und vor allem: nach erledigter Arbeit mäuschenstill ausreisen.

Klar, wir wollen eine boomende Wirtschaft, aber wir wollen auch Platz im Zug, Platz für unsere SUVs auf den Strassen, wir wollen Häuschen und Wohnungen à discrétion und zu günstigen Preisen und dazu viel, viel grüne Landschaft. Wenn wir etwas davon nicht haben, dann sind die Ausländer schuld.

Und, klar, weil wir auch das Beste für die Welt wollen, bekennen wir uns zur Nachhaltigkeit. Aber das heisst natürlich nicht, dass wir aufhören sollten, Gift in unsere Flüsse und Seen zu schütten! Das wäre ganz verkehrt! «Nachhaltig» heisst: Wir erkennen, dass wir einfach zu viele sind auf diesem Planeten! Und da wir nicht woanders hingehen und dort den Planeten leeren können, fangen wir doch einfach hier bei uns an. Da müssen wir vorerst mal gar nicht lange überlegen, wer weg muss. Es ist klar: Ausländer wollen wir sowieso nur noch wenige und bitte die richtigen.

Und, ja, das ist bitterer Sarkasmus und natürlich sind wir nicht alle so, aber ganz aus der Luft gegriffen ist es auch nicht. Denn, Freund*innen, ich bin beim Kirschenpflücken gerade gezwungen, mich den ganzen Tag von Volkes Stimme zur Initiative Keine 10-Millionen-Schweiz der SVP beschallen zu lassen. Abgestimmt wird am 14. Juni. Bis dann (und wahrscheinlich darüber hinaus), gestatte ich mir das Gefühl, in einem schönen Land zwischen muffig riechenden Mauern der Verblendung zu hocken. Und selbstverständlich werde ich Nein stimmen.

Und, ja, ich bin nicht die einzige, die sich aufregt. Auch der Kulturflaneur hat heute zum Thema geschrieben, sachlich, erhellend, hier.

Chochlea-Implantat: Aus der Narkose erwacht

Man liegt herrlich im 10. Stock des Kantonsspitals. Als ich dort am vorletzten Freitag aus der Narkose erwachte, konnte ich meinen Blick aus dem Fenster über die waldigen Hügel rund um die Stadt schweifen lassen. Der Himmel war kobaltblau. Mir war, als schwebe ich über grünen Wolken Richtung Pilatus, mit einem dicken Verband über dem rechten Ohr. Bald rollte jemand ein zweites Bett herein, mit einer Frau, die sofort Besuch bekam.

Dann kam mein Chirurg mit der Assistenzärztin. Er hat ein zuversichtlich stimmendes Lächeln. Es sei alles bestens gegangen, sagte er. Die Elektroden in meinem Cochlea-Implantat würden genau am richtigen Ort liegen. Es sei bloss so: Als sie den Hörnerv zum Test stimuliert hätten, habe dieser nicht reagiert.

Was das bedeutet, war mir auch in meinem Dämmerzustand sofort klar: Im Moment noch nicht viel. Im Moment höre ich rechts so oder so einfach mal gar nichts. Richtig ernst gilt es erst Ende Mai. Dann, wenn sie aussen den Knopf mit dem Prozessor auf meinen Schädel setzen. Wenn der Nerv dann auch nicht anspringt, um Geräusche vom Innenohr ins Gehirn zu leiten, dann habe ich mir den Schädel vergebens aufsägen lassen.

Auch die Assistenzärztin schien verunsichert. Ist ja klar: Da hat man einen guten Job gemacht, vielleicht erst wenige Male, und dann funktioniert etwas nicht wie erwartet! Doch der Chirurg lächelte, ich solle mir keine Sorgen machen. Das komme manchmal vor – sie müssten nur noch ein zweites CT machen, um sicherzustellen, dass das Implantat auch wirklich richtig liege.

Ich sagte nicht viel – nicht umsonst bedeutet das Wort «Patientin» die Duldsame. «Man muss sich in solchen Lebenslagen einen gewissen Fatalismus aneignen», pflegt mein Freund, der pedestrian, zu sagen. Und er hat recht. Im Krankenbett ist oft abwarten und ausruhen das Beste. Aber innerlich wälzte ich sofort Worst Case-Szenarien. Was, wenn ich eines Tages gar nichts mehr höre!?

Ich lag so da und blickte hinaus auf die leuchtenden, grünen Wolken unter mir. Es war unfassbar schön. Sehen kann ich ja noch, hier und heute, dachte ich. Was morgen ist, sehen wir dann. Dann ging der Besuch meiner Zimmernachbarin und ich dachte: Ich habe ja noch Restgehör, auf meinem linken Ohr. Ich setzte mich auf die Bettkante ihr gegenüber, damit ich sie anschauen konnte, und wir begannen zu plaudern. Sie hiess Agnes, ist 81, und war gerade in einer viel misslicheren Lage als ich. Aber ich glaube, von all den Menschen, die mir an jenem Nachmittag die Zuversicht zurückgegeben haben, war sie der wichtigste.

Schweizerdeutsch 64: Fassungslos

«Si esch näb de Schue»

Standarddeutsch: «Sie steht neben den Schuhen», eine Redensart, die bedeutet: Sie ist verstört, schockiert, vor Schreck geistesabwesend oder handlungsunfähig.

Ich arbeite noch an meinem Text für die Abschiedsfeier meines Vaters, da erreicht uns eine weitere, erschütternde Todesnachricht aus unserem näheren Umfeld. Rasch will ich den Hinterbliebenen ein paar frisch erblühte Weidenäste vor die Tür stellen, aber ich brauche eine Vase mit dünnem Hals. Die leere Weinflasche vom letzten Sonntag wäre ideal, aber an ihr kleben noch die Etiketten, und es soll ja nicht aussehen wie nach einem Teenager-Besäufnis draussen im Wald. Die Etiketten müssen weg, auch wenn ich wenig Zeit habe und besser das sich türmende Geschirr der letzten Tage in die Abwaschmaschine stellen und den Käserindengeruch in der Küche verscheuchen würde. Ich schrubbe die leere Weinflasche mit Wasser, mit Seifenwasser, mit Nagellackentferner, mit Desinfektionsmittel und mit Öl. Dann wieder mit Seifenwasser und Öl und Nagellackentferner und wieder mit Seifenwasser. Ich seufze dabei, denn ich weiss, die verstorbene Person wüsste genau, wie man es macht. Das hier dauert viel zu lange. Endlich bin ich fertig und trage die Flasche mitsamt Weidenästen vor mir her zum nahen Wohnsitz der Hinterbliebenen. Dann will ich die Küche aufräumen, die nun penetrant nach Käserinde und Nagellackentferner riecht. Kaum habe ich angefangen, klingelt es an unserer Tür. Ich will dem Gast einen Kaffee machen, aber ich weiss kaum, wo ich die sauberen Tassen finde.

Zwei Tage später will ich mit einem uralten Bekannten spazierengehen, dem Eisenbahner. Ich packe ein PET-Fläschchen ein, mit Trinkwasser für unterwegs, wie ich das bei jedem Spaziergang seit 17 Jahren mache. Aber diesmal habe ich das Gewinde der Flasche zu wenig genau kontrolliert, bevor ich es einpacke. Unterwegs im Bus zum Treffpunkt entleert sich die Flasche durch die Nähte des Rucksacks auf meine Hose. Die Frau, die neben mir sitzt und etwas zur Seite rücken muss, bleibt gelassen: «Solange es nur Wasser ist…», lächelt sie.

 

Julian Barnes und wie man über seine Familie schreibt

Julian Barnes (Quelle: Britannica.com)

Ich freue mich ausserordentlich, Mitglied einer kleinen Lesegruppe zu sein. Sie besteht aus sechs Frauen. Sobald ich Zeit habe, werde ich ihnen allen für diesen Blog Nicks von Frauenfiguren aus der Weltliteratur geben. Für den Moment müssen Initialen genügen. Unsere erste Diskussion drehte sich um «Abschied(e)» von Julian Barnes. Wir stellten fest: Wir hatten beim Lesen gelacht, hatten uns teils fast wie im Zwiegespräch mit dem Autor gefühlt, hatten uns dann und wann gefragt: Warum erzählt er mir das jetzt? L. war befremdet darüber, dass Barnes sehr offen über einen Mann und eine Frau schreibt, die er gekannt haben will. Die beiden, Stephen und Jean, lernen sich durch Barnes kennen, verlieben sich zweimal, heiraten beim zweiten Mal sogar. Da sind sie schon um die 60. Autor/Erzähler Barnes muss den beiden schwören, nicht über sie zu schreiben. Aber dann sterben beide und er tut es doch.

So offen über Bekannte oder auch die Familie zu schreiben, das sei «unethisch», fand L. Dabei war sie sich sehr wohl bewusst, dass Barnes Stephen und Jean möglicherweise frei erfunden hat. Sie meinte es allgemein: Ein Autor/eine Autorin darf jene, die ihm nahe stehen, nicht an der Öffentlichkeit blossstellen.

Nach guten Buchclub-Diskussionen gehen mir oft Dinge durch den Kopf, die beim Treffen gerade nicht präsent hatte. Gestern erinnerte ich mich, dass Barnes in «Abschied(e)» auch sagt: In jüngeren Jahren habe er es sich zur Regel gemacht, «zu schreiben, als ob seine Familie tot wäre, obwohl sie es nicht war (und ich das auch nicht wollte).» Er habe es getan, um seine Bücher «so gut wie möglich» zu machen (S. 147).

Er erklärt nicht, was er mit «gut» meint. Wir können aber sicher sein, dass er seine Romane nicht geschrieben hat, um seine Verwandtschaft der Sensationslust seines Publikums preiszugeben. Sicher ist: Das Buch ist auch die Lebensbilanz eines mittlerweile 80-jährigen, erfolgreichen Schriftstellers. Es dreht sich durchaus um die Frage, was Schreibende ihrer Leserschaft überhaupt geben. Es ist eine Frage, die mich zurzeit auch als Bloggerin sehr beschäftigt.

Julian Barnes: «Departure(s)», London, Jonathan Cape, 2026. Die Übersetzung des Zitats ist von mir, die deutsche Ausgabe heisst «Abschied(e)».

Schweizerdeutsch 62: Vor Eifersucht geschützt

Die blauen Läden links und rechts heissen (oder hiessen) bei uns „Schalusiie“.

Schalusiie (N, hier im Plural)

Standarddeutsch: Fensterläden

Ich sitze mit ein paar nicht mehr ganz jungen Leuten aus der Nachbarschaft an einem heiteren Tisch. Wir verhandeln Wörter von früher. Iris erwähnt den französischen Einfluss auf unsere Sprache und nennt als Beispiel «Schalusiie». Ja, daran erinnere ich mich gut. Wenn es dämmerte, pflegte meine Mutter das Licht anzuzünden und dann zu sagen: «Mues no gschnäll go d’Schalusiie zuemache». Darauf schloss sie die Läden, damit niemand uns von draussen beobachten konnte. Das Wort kommt von französisch «la jalousie», die Eifersucht. Später habe ich dann und wann über den Zusammenhang zwischen Eifersucht und Fensterläden gerätselt. Eifersucht, da dachte ich an an träge Sommernachmittage, ein zerwühltes Bett und an  mörderische Rachsucht. Und nicht an das geordnete Familienleben von damals.

Hier wird die Wortgeschichte erklärt und auch, dass man in Deutschland (vielleicht auch in Österreich) unter einer Jalousie etwas versteht, was wir ganz pragmatisch «Schtore», gepflegter «Schtoore» oder nötigenfalls «Lamälleschtoore» nennen.