Alarmstufe orange im Zentralbüro

Bevor ich das Büro verliess, ging ich noch kurz bei Kaja vorbei. Diesmal erschrak sie nicht, aber sie nuschelte aufgeregt in ihre Maske. Ich verstand sie nicht. Bürogespräche sind für mich sehr bruchstückhaft geworden. Kaja wollte partout die Maske nicht abnehmen, obwohl ich längst zwei oder drei Schritte zurückgetreten war.

Schliesslich nahm sie einen roten Stift in die Hand und schrieb auf ein Stück Papier: „Löwenherz hat Corona.“ Löwenherz ist die Chefin der Abteilung Licht & Schatten im Zentralbüro. „Sie ist im Haus. Ich musste vorher bei ihr vorbei. Sie sagte, ich soll ihr auf keinen Fall näherkommen.“

„Hä???!!“ fragte ich. „Warum ist sie nicht in Quarantäne?“

Keine Ahnung, liess Kaja mich wissen, dann schrieb sie: „Der Chef sollte jetzt intervenieren. Warum tut und sagt der Chef nichts?“ Ich nickte. „Geht alles den Bach runter“, sagte eine von uns, nicht zum ersten Mal in den letzten Jahren.

Dann ging ich hinaus und streifte durch die dunkle Stadt. Mein Kopf war wie ein Bildschirm, auf dem unter einem mässig interessanten Spielfilm plötzlich ein rotweisses Spruchband mit panischen News durchzulaufen beginnt. Das Band war voll mit hektischen Fragen: Wann habe ich Löwenherz zum letzten Mal gesehen? Am Freitag, für zwei Sätze mit genügend Abstand. Ob sie es da schon hatte? Was, wenn sie schon das halbe Dutzend Kollegen im Zentralbüro angesteckt hat? Wie gut ist eigentlich die Lüftung in unseren Büros? Warum kommt Löwenherz überhaupt noch ins Büro? Habe ich mich angesteckt? Darf ich meinen Mann noch küssen? Verdammt, wir haben Risikopatienten in unserem Geschäft! Warum tut niemand etwas? Habe ich meine Eltern angesteckt gestern?

Willkommen in der Schweiz im November 2020. Slowdown statt Shutdown. Haha. „Der Bundesrat ist wie betäubt“, whatsappte Kaja am späteren Abend. Die Kantonsregierungen machen: nicht viel. Wir alle sind vorsichtig, aber nicht immer und nicht konsequent genug. Übers Wochenende fiel der R-Wert kurz unter 1, aber am Samstag gab es Massenandrang an den Skiliften in Zermatt. Jetzt steigt der R-Wert wieder. In den Spitälern sterben von der Öffentlichkeit so gut wie unbemerkt an die 100 Menschen im Tag.

Kaja und ich versprachen, einander auf dem Laufenden zu halten. Ich schrieb: „Ich warte bis morgen auf Infos vom Chef. Wenn nichts kommt, schreibe ich der Betriebsrätin. Ich werde mich hüten, dem direkten Vorgesetzten Fragen zu stellen, er wird mich eh nur anpflaumen.“

Später berichtete Kaja, Löwenherz habe ihr die Sache per E-Mail erklärt: Sie sei völlig symptomfrei. Den Test habe sie nur gemacht, weil sie nächste Woche ihre Verwandten in Finnland besuchen wolle. Als Kaja kam, war Löwenherz gerade über die Testresultate informiert worden.

Heute ist Löwenherz in Quarantäne, Kaja im Homeoffice und ich habe frei. Meine Nase läuft ein bisschen. Meinen Mann habe ich trotzdem geküsst, wenn auch nicht sehr innig. Um 11:02 das Whatsapp von meiner Mutter: „Corona ist näher gerückt.“ Meine Nichte Marie-Christine (18) sei positiv und in Isolation. Mein Bruder und meine Schwägerin: negativ. Bei der jüngeren Nichte Carina (15) wissen wir es noch nicht.

Ja, ich gestehe, ich habe mich fahrlässig verhalten

In der Schweiz haben wir mittlerweile 7700 Covid-19-Neuansteckungen im Tag. Die Intensivstationen sind bald voll. Unsere Regierung tut: nichts. Dabei brauchen wir einen zweiten Lockdown. Eigenverantwortung funktioniert einfach nicht, wie ich gleich zeige werde.

Am letzten Samstag waren wir bei Lydia und Xaver zum Essen eingeladen. Die beiden sind sehr alte Freunde von Herrn T.. Wir hatte sie lange nicht gesehen und das Treffen war von langer Hand geplant. Doch am Vorabend rief Lydia an und lud uns aus. Wegen Corona. Der Gesundheitsminister habe doch gesagt: „Reduzieren sie ihre sozialen Kontakte.“ Ich sass daneben und sagte laut: „Gut! Das erspart uns eine schwierige Entscheidung.“ Tagelang hatte ich darüber nachgedacht, wie riskant dieses Treffen wohl sei.

Am nächsten morgen klingelte wieder das Telefon. Diesmal war es Xaver. Er lud uns wieder ein. „Mir wöi doch itz nid uffhöre lääbe“*, sagte er in seinem liebenswürdigen Freiburger Dialekt. Ich sass da und verdrehte die Augen. „Hat er es denn nicht begriffen!?“ dachte ich. Solche Szenen spielen sich wahrscheinlich gerade täglich an Tausenden Schweizer Telefonen ab. Wir wissen einfach nicht mehr, wie wir uns verhalten sollen. Treffen von vier Personen sind erlaubt, ausdrücklich verboten erst solche ab zehn Personen. Aber zehn Personen – das scheint mir im Moment geradezu frivol viel. Was, wenn sich an einem solchen Treffen drei der zehn anstecken und auch nur einer in die Intensivstation muss?

„Ich brauche zehn Minuten Bedenkzeit“, liess ich mich verlauten. Aber schon da wusste ich: Ich hatte keine Chance. Herr T. wollte seine Freunde sehen, und er wollte mich dabeihaben. Covid-19? Verschwand hinter einer Logik der Freundschaft und der herzlichen Umgangsformen, die so alt und mächtig ist, dass sie wahrscheinlich im Stammhirn sitzt und vom Covid-Alarm im Neocortex noch gar nichts mitbekommen hat. Ich brauchte gar nicht zu diskutieren. Herr T. sagte zu, und bei uns hing der Haussegen ein bisschen schief. Ich bin sonst keine passiv-aggressive Ehefrau. In rund 50 Prozent aller Differenzen kann ich mich durchsetzen. Aber diesmal fehlte mir einfach die moralische Stärke.

Ich ging also mit hin. Viele werden jetzt denken: „Das muss aber ein sehr ungemütlicher Abend gewesen sein unter solchen Umständen.“ Das Gegenteil war der Fall. Es war total herzerwärmend. Auch das ist die Logik der Freundschaft und der guten Umgangsformen: Ist man erst mal da, beerdigt man das Kriegsbeil und trägt zum Gelingen des Abends bei. Der Junior von Lydia und Xaver kam zum Essen dazu, ein junger Mann, der lustige Sachen erzählte und einen Schnupfen hatte. Wenn er sich schneuzte, schauderte ich ein bisschen. Aber ich stand nicht auf, hielt keine Moralpredigt und stürmte nicht hinaus. Es war ein wunderbarer Abend, und das Wort „Coronavirus“ fiel genau zweimal.

Am nächsten Morgen hatte ich Halsschmerzen. Aber es waren wohl diese Halsschmerzen, die wir alle im Moment ständig haben. Wenn man keine Zeit hat, an sie zu denken, gehen sie weg. Sonst haben wir bis heute keine Symptome.

Warum ich diese Geschichte erzähle? Weil sie illustriert, wie unzulänglich die hierzulande so oft beschworene Eigenverantwortung ist. Herr T. und ich sind vergleichsweise behördengläubige Leute – und selbst wir geraten in Situationen, in denen es einfach mit uns durchbrennt. Man stelle sich Leute vor, die dieses ganze Corona-Gedöns sowieso nicht so ernst nehmen. Die gibt es hierzulande in beträchtlicher Zahl. Und sie können weiter überall feiern. Irgendwann erwischt es sie dann halt, und sie geben das Virus weiter. Wie lange dauert es noch, bis wir Regeln bekommen, die wir ernst nehmen müssen?

* „Wir wollen doch jetzt nicht zu leben aufhören.“

Hüsteln im Korridor

Letzte Woche waren Kaja und ich meist die einzigen, die nach 17 Uhr noch im Büro waren. Kaja ist in einer besonders perfiden Situation. Wegen Corona-Sparmassnahmen muss sie pro Woche einen aufgelaufenen Ferientag einziehen. Sie bekommt Hilfe, aber es reicht nicht. Meist erledigt sie jetzt die Arbeit von vier Tagen einfach in drei. Ausserdem funktionierte ihr Laptop nicht, deshalb kein Homeoffice. Und ich habe halt viel zu tun im Moment. Aber es werden wieder andere Zeiten kommen.

Kaja malocht alleine drüben im grossen Büro Ost, wo zu besten Zeiten vier Leute sitzen. Ich maloche in meinem Einzelbüro. Zum Plaudern haben wir, eigentlich gute Freundinnen, keine Zeit. Aber abends, wenn ich fertig bin, führt mein Weg durch das Büro Ost, und ich sage ihr auf dem Weg hinaus tschüss.

Zweimal hat sie sich letzte Woche fast zu Tode erschrocken, als ich hereinkam. Sie hatte sich im Osttrakt allein gewähnt und überhaupt nicht mit mir gerechnet.

Am Freitag hatte ich dann dazugelernt. Um sie vorzuwarnen, hüstelte ich leise im Korridor, bevor ich das Büro Ost betrat.

Als ich hereinkam, stand sie da, Angst in den Augen und eine Spur Missbilligung. Ich wusste sofort: Ich hatte einen noch schlimmeren Fehler gemacht. Ich begann laut zu lachen: „Nein, ich habe kein Covid-19! Ich habe nur gehüstelt, damit Du nicht erschrickst.“

Duftendes Anti-Corona-Tröpfchen

edlertropfen
Immer auf meinem Schreibtisch: Desinfektionsmittel und Wasserflasche

Am Freitag zählte die Schweiz erschreckende 6600 Neuansteckungen. Frau Frogg sass im Büro und fand Trost im medizinischen Alkohol.

Freitag, 16.30 Uhr in meinem Büro. Draussen auf dem Korridor gähnende Leere. Alle anderen sind entweder ins Homeoffice geflohen oder schon fertig mit der Arbeit. Nur drüben im Sekretariat sitzt noch eine Kollegin. Wir harren in unseren Büros aus, bei wieder beginnender Coronastinkigkeit allüberall. Was wir alles lesen müssen von unseren Kunden!

Vom Sekretariat komme ich gerade, ich musste etwas abholen. Jetzt desinfiziere ich mir reflexartig die Hände. Dann rieche ich an ihnen. Mein neues Handdesinfektionsmittel duftet wunderbar. Irgendwie… nach Williams vielleicht? Oder Zwetschgenschnaps? Kirsch? Ich werfe einen Blick auf das Kleingedruckte auf dem Fläschchen. „Distillerie Studer, Escholzmatt“ steht da. Eine kurze Google-Suche bringt es an den Tag: Die Herstellerin meines Desinfektionsmittels ist ein Familienunternehmen, das seit Generationen kostbare Obstbrände herstellt. Jetzt haben die Leute dort die Ernte vom letzten Herbst für medizinisches Zubehör in den Kocher geworfen.

Ich bin wenig überrascht, denn wir alle wissen: Schon Mitte Februar, zu Beginn der ersten Welle, ging in der Schweiz der medizinische Alkohol aus. Die Ethanol-Pandemiereserve war aus Spargründen 2018 abgeschafft worden. So opferten wir im Februar 2020 notfallmässig unsere edlen Tropfen: „Agroscope, die Forschungsstelle für Landwirtschaft, leert ihren gesamten Weinkeller. Aus 20000 Litern Wein – rotem und weissem aus dem Tessin, dem Wallis und dem Lavaux – werden knapp 3500 Liter Desinfektionsmittel für die Armee-Apotheke. Im Kanton Zug müssen 2000 bis 2500 Liter edler Etter-Kirsch mit 80 bis 90 Prozent Alkoholgehalt dran glauben. In Martigny bringt die Destillerie Morand eine Desinfektionslösung auf der Basis von Birnenschnaps auf den Markt. Hipster in Lausanne, Genf und Neuenburg schätzen sie bald schon, weil sie ’nach Williams riecht und die Hände weich macht‘.“ So steht’s im Schweizer Bestseller „Lockdown“, und dann heisst es: „Das Problem ist fürs erste gelöst. Eine erfolgreiche Aktion, die anmutet wie aus der legendären Schweizer Anbauschlacht im Zweiten Weltkrieg.“

An den Zweiten Weltkrieg denke ich gerade, als ein Mail bei mir hereinläuft. Ein älterer, durchaus gebildeter Herr aus den Bergen beklagt sich bitter. Er sei aus dem Café geworfen worden, weil er keine Maske tragen wollte. „Zum ersten Mal wusste ich, wie sich die Juden damals gefühlt haben.“ Zorn kocht in mir hoch. Ich kann das nicht sofort beantworten, sonst werde ich ihm ganz unprofessionell schreiben müssen, dass er ein bescheuerter Covidiot ist, und dazu eine Gefahr für die Allgemeinheit.

Ich brauche Trost, spritze mir nochmals ein wenig Desinfektionsmittel auf die Hand und rieche daran. Mittlerweile bin ich mir sicher: Es ist Zwetschgenduft. Ich frage mich: Wie sehr muss man das Zeug wohl verdünnen, damit man es trinken kann?**

Dann geige ich dem Herrn aus dem Bergen kühl und sachlich meine Meinung.

*“Recherchedesk TAMedia: „Lockdown“, Lachen, 2020, Verlag Wörterseh, (S. 69-70).
** Stunden später habe ich nun herausgefunden, dass das Zeug mit Kampfer ungeniessbar gemacht worden ist,

Lebenszeichen aus dem Corona-Hotspot

Der Schweizer Gesundheitsminister Alain Berset wirkte gestern von den Fallzahlen überrumpelt

Um es vorwegzunehmen: Meinem Mann und mir geht es gut. Aber in den letzten zehn Tagen ist hier in der Schweiz die Zahl der Coronafälle geradezu explodiert. Und niemand tut etwas. Was ist passiert?

Über 3000 Neuansteckungen mit dem Coronavirus meldete das Bundesamt für Gesundheit gestern – auf nur 8,75 Millionen Einwohner. Wir haben puncto Neunansteckungen sogar die USA überholt. Wie um alles in der Welt konnte das passieren?! Noch am 20. Mai sagte Bundes-Gesundheitsminister Alain Berset: „Wir können Corona.“ Das war kurz nach dem Lockdown, und es gab weit unter 100 Neuansteckungen im Tag.

Dann reichte der Bund die Verantwortung an die Kantone weiter. Das hätte er nicht tun sollen, auch wenn das Gesetz es so will. Die Kantone sind dasselbe wie in Deutschland die Bundesländer, nur viel kleiner. Der bevölkerungsreichste Kanton Zürich hat 1,5 Millionen Einwohner und eine steinreiche Finanzmetropole. Der kleinste, Uri, zählt gerade mal 37000 Seelen und wenig mehr als Berge und einen Nationalhelden. Aber der ist seit 700 Jahren tot, falls es ihn überhaupt je gegeben hat. Die Kantone sind schon zu den besten Zeiten ein zerfahrener Haufen. Es gibt Stadtkantone und Landkantone, reiche und arme Kantone, man spricht Deutsch oder Französisch oder nichts von beidem, man beobachtet einander mit Neid, Misstrauen und Schadenfreude. Ihr könnte mir das glauben. Ich hatte ein paar Jahre lang viel mit Vertretern (ja, meist Männer) der fünf Zentralschweizer Kantone zu tun. Ein Sack voller Flöhe ist einfacher von einer gemeinsamen Sache zu überzeugen. Wenn noch die Romands dazukommen, wird die Sache explosiv.

Nun sind hier also 26 Gesundheitsminister aus 26 Kantonen für das Management einer Pandemie zuständig. Natürlich gibt es eine so genannte Kantonale Gesundheitsdirektorenkonferenz, in der sich diese 26 Minister absprechen. Der sperrige Name des Gremiums ist wahrscheinlich Absicht. Mit einem solchen Namen entgeht man leicht der Aufmerksamkeit der nationalen Politik, die in den letzten Jahren von den Rechtsnationalen dominiert wurde. Chef der Kantonalen Gesundheitsdirektorenkonferenz ist ein sympathischer Basler CVP-Politiker namens Lukas Engelberger. Seit Wochen sieht man in oft am Fernsehen, wo er gut aussieht und in vielen Worten wenig sagt. „Das ist das beste, was er mit seinem Job tun kann“, sagt Herr T. und hat recht. In den Kantonen gab es eine Kakaphonie von Massnahmen: In Zürich Maskenpflicht in den Läden, in Luzern keine (natürlich pilgerten die Zürcher nach Luzern zum Einkaufen). Und so weiter.

Zuerst kam ein langer Sommer. Die Fallzahlen stiegen leicht. Wir wurden alle etwas nachlässig. Herr T. und ich berieten uns im August über das Ansteckungsrisiko. Er ist Ü60, ich habe eine chronische Krankheit. Dennoch: „Kleine, kalkulierte Risiken müssen wir eingehen“, sagte ich im August. „Wir müssen weiterleben.“ Diese Erkenntnis gehört zu den Dingen, die mich meine Krankheit gelehrt haben. Ich war dennoch vorsichtig, traf lediglich kleine Gruppen von Freunden, mit grossem Abstand und sehr grosser Freude. Gott, war es schön, sie alle nach dem Lockdown wiederzusehen! Alle liebten es, überall. Die Kneipen waren voll.

Zwischen dem 24. September und etwa dem 8. Oktober wurde sogar ich ein bisschen fahrlässig. Ich hatte Ferien. Am Sonntag, 4. Oktober, zwängte ich mich im Kanton Nidwalden in eine vollgepferchte Bergbahn mit 30 maskierten Mitpassagier*innen. Mir wurde etwas mulmig. „Na, der Kanton Nidwalden ist jetzt kein Corona-Hotspot“, beruhigte ich mich. Vier Tage später zählte Nidwalden plötzlich über 100 Neuansteckungen auf 47000 Einwohner. Da war ein Superspreader-Event in einer Bar. Über 1000 Neuansteckungen in der ganzen Schweiz. Sofort bekam ich einen leichten Schnupfen, wahrscheinlich vor Angst.

Am Freitag, 9. Oktober, wurde ein Kollege von mir positiv getestet. Da hatte ich immer noch Ferien und ihn in 14 Tagen nicht einmal von ferne gesehen. Am Montag arbeitete ich wieder, „the Show must go on“.

Dann, wenig später, plötzlich über 2000 Neuansteckungen im ganzen Land. Im Kanton Schwyz, bisher weitgehend von der Epidemie verschont, warnte die Spitalchefin eindringlich: „Die 25 Betten auf der Isolierstation sind fast alle belegt.“ Die Fallzahlen waren explodiert. Hunderte hatten im Talkessel ein Musical besucht, an dem ein Sänger infiziert war. Ich stand da mit offenem Mund und dachte: „Gibt es da keine Sicherheitskonzepte?“ Anscheinend hat die Gesundheitsministerin dort gar nichts gemacht. Zudem sind die Schwyzer reflexartig gegen alles, was im Verdacht steht, aus der Bundeshauptstadt Bern oder – Gott behüte! – dem Ausland zu kommen. Das betraf auch die Maskenpflicht.

Bei uns, 13 Kilometer von der Schwyzer Kantonsgrenze, fegte Chef Nummer zwei durch die Gänge. Er prüfte nach, ob wir alle die neuen Laptops für’s Homeoffice bekommen hatten. Am Donnerstag die Anordnung: „Wir stellen wieder auf Homeoffice um.“ Vor meinem geistigen Auge sah ich eine Schnecke, die sich missmutig in ihr Häuschen zurückzieht. Das war ich. Am Freitag ging ich trotzdem ins Geschäft, ich habe ein Einzelbüro und keinen Laptop.

Am Freitag über 3000 Fälle. Gesundheitsminister Berset trat vor die Medien und sagte… nichts. Unser Held, der im Frühjahr als erster in Europa Veranstaltungen über 1000 Personen abgesagt hat, wirkte völlig überrumpelt.

Drüben im Grossraumbüro führten die wenigen verbliebenen Kollegen unaufgefordert Maskenpflicht ein.

Dann, gegen Abend, sprach Herr Engelberger. Im Namen der Kantonalen Gesundheitsdirektoren forderte er vom Bund einheitliche Regeln bezüglich Maskenpflicht und Versammlungen. Endlich.

Am Sonntag tagt der Bundesrat. Was bis dann noch alles passiert, werden wir ja sehen.

Knallharter Sommerkrimi

Die Australierin Emma Viskic (Bild) hat einen Krimi mit einem tauben Ermittler geschrieben. Frau Frogg, selbst stark schwerhörig, hat das Buch gelesen. „Ausgezeichnet“, lautet ihr Verdikt. Aber man sollte nur nicht allzu ernst nehmen, was die Autorin in Interviews über ihren Helden sagt.

„No Sound – die Stille des Todes“ von Emma Viskic ist ein typisch australischer Krimi: schnell, brutal, düster. Meist steht im Mittelpunkt dieser Storys ein knallharter, aber auch versehrter, weisser Ermittler. Die Sprache ist knapp, die Dialoge von trockenem Humor. «No Sound» hat mehrere renommierte Krimi-Preise erhalten. Er ist aber nichts für zarte Gemüter, schon auf der ersten Seite nicht: Wir sehen den Protagonisten, Privatdetektiv Caleb Zelic, der seinen blutüberströmten Freund Gary in den Armen hält. Gary ist die Kehle aufgeschlitzt worden, und Caleb ahnt, dass er nicht ganz unschuldig daran ist. Die Geschichte wird aus seiner Sicht erzählt, und schon im ersten Abschnitt bekommen wir den vagen Eindruck, dass Caleb anders ist als andere Krimihelden. Er sieht «einen Mann und eine Frau. Sie trugen blaue Uniformen und sahen argwöhnisch aus. Die Frau redete, aber ihre Worte glitten an ihm vorbei, sie waren so formlos, dass er sie nicht packen konnte.» Was zunächst wie Schockstarre wirkt, erweist sich schnell als anhaltende Einschränkung: Caleb ist hochgradig schwerhörig. Die Hörgeräte helfen ein bisschen, aber nicht genug. Caleb bringt sich mit Lippenlesen und Gebärdensprache über die Runden.

Ich bin selber nicht ganz so schwerhörig wie Caleb. Mit Hörgeräten verstehe ich gesprochene Sprache an guten Tagen leidlich, Lippenlesen hilft ein bisschen. Ich war neugierig darauf, wie die Autorin das Thema Schwerhörigkeit abhandelt. Ich finde: Sie macht das sehr gut. Das Thema kommt auf jeder Seite vor – unaufdringlich, oft in Nebensätzen, aber es ist immer präsent. Es durchdringt Caleb’s Leben, wie Schwerhörigkeit das Leben eben durchdringt. Vom Morgen, wenn wir als erstes unsere Hörgeräte anziehen, bis zum Abend, wenn wir sie als letztes wieder in ihre Behältnisse legen. Das Thema ist im Buch da, wenn Caleb nicht zurechtkommt, weil ein unfreundlicher Gesprächspartner ihn absichtlich annuschelt. Es ist da, wenn jemand für ihn telefonieren muss, weil er es selber einfach nicht kann. Es ist da, wenn seine Hörgeräte nach einem lebensgefährlichen Kampf nass werden, nicht mehr funktionieren und er Panik schiebt – wegen der kaputten Hörgeräte fast mehr noch als wegen der ungemütlichen Gesamtsituation. Das trieft nie vor politischer Korrektheit und ist nicht belehrend. Aber es ist immer spannend zu lesen: Unser Held muss einen überlebenswichtigen Fall lösen – und bewegt sich dabei in einer Welt voller Zeichen, die er nicht deuten kann. Unheimlich, das alles.

Es gibt mittlerweile viele Krimis mit behinderten Heldinnen und Helden. Oft kompensieren diese ihre Einschränkung mit geradezu übersinnlichen Fähigkeiten und lösen den Fall genau deswegen. Nicht so Caleb. Nun ja, er beobachtet Gesichtsausdrücke genau, etwa, um einordnen zu können, ob sein Gegenüber auf seiner Seite steht. Ich mache das auch aufmerksamer als zu der Zeit, ich noch gut hörte – und ich habe dabei auch schon gemerkt, dass mir jemand etwas verschweigt. Aber was es genau war, habe ich erst erfahren, als er es mir später gesagt hat. Unmittelbar relevante Informationen erhält man im Alltag fast immer durch gesprochene Sprache. Das ist bei Caleb nicht anders. Er löst den Fall – nicht, weil ihm die Schwerhörigkeit dabei hilft. Sondern, weil er hartnäckig an der Sache dranbleibt – obwohl es für ihn schwieriger ist als für einen Normalo. Das Buch gibt übrigens auch einen Hinweis darauf, warum so viele Schwerhörige ihr Handicap verheimlichen – es gibt Menschen, die uns nicht wohlgesinnt sind. Wenn diese es für nötig halten, werden sie unsere Schwäche ausnützen. Das ist so, überall auf der Welt, auch wenn heute viel von Inklusion die Rede ist. Dennoch: Es gibt Situationen, in denen Caleb ruhig Hilfe annehmen könnte. Aber das will er lieber nicht. Er ist eben ein harter Kerl, bis zum Gehtnichtmehr.

Was bewegte Emma Viskic dazu, einen hörbehinderten Ermittler zu erfinden? Ist sie selber schwerhörig? Nein, aber sie hat sorgfältig recherchiert. Und als Tochter eines kroatischen Einwanderers, als Frau und als Ehefrau eines bei Koori (Ureinwohnern von Australien) aufgewachsenen Mannes ist ihr die Auseinandersetzung mit Minderheiten wichtig, heisst es. Sie sagte dem «Sydney Morning Herald” über ihren tauben Helden: «Ich wollte einen traditionsgemäss unbesiegbaren Charakter erfinden, einen heterosexuellen, weissen Mann, fit und fähig – und ihn verwundbar machen.» Sie fügt hinzu: «Es ist also eine Metapher, ein Bild, aber das macht die Geschichte interessanter.»

Der Satz hat mich stutzig gemacht. Eine Metapher? Aber für was? Für die Verletzlichkeit eines Macho-Helden? Ok, Caleb qualifiziert sich immer wieder als Macho – aber um verletzlich zu sein, würde er seine Schwerhörigkeit wahrlich nicht brauchen, er schadet sich mit seiner Härte auch so genug: Er redet nicht über seine Gefühle – und das hat seine Ehe zerstört. Er versteht sich bestens auf Männer-Machtspielchen – aber es nützt ihm nicht viel, weil er bei den für ihn höchst bedrohlichen Mordermittlungen der Polizei sowieso am kürzeren Hebel sitzt. Er handelt manchmal überstürzt und übertrieben aggressiv – und das kostet ihn mindestens einmal fast das Leben – und es bringt die Frau, die er liebt, in höchste Gefahr.

Man kann die Schwerhörigkeit also getrost einfach wörtlich nehmen. Als eine Herausforderung, die Caleb Tag für Tag begleitet. Nicht mehr und nicht weniger.

Fazit: Wer einen spannenden Krimi für die Sommerferien braucht, ist mit «No Sound – die Stille des Todes» bestens bedient. Wer Ahnung davon bekommen will, wie sich Schwerhörigkeit anfühlt, sollte das Buch unbedingt lesen.

Emma Viskic: «No Sound – die Stille des Todes», Verlag Piper, 288 Seiten.
Über Privatdetektiv Caleb Zelic gibt es insgesamt drei Krimis von Emma Viskic, auf Deutsch erschienen sind zwei. Der zweite heisst: «No Words – die Sprache der Opfer».

Musik, Sinnlichkeit und Schwerhörigkeit

Der dänische Sören Kierkegard hat über Sinnlichkeit und Musik nachgedacht.
Kürzlich abends. Ich sitze mit Herrn T. vor dem Fernseher. Er schaut eine Comedy-Sendung, ich lese Sören Kierkegaard. Ich kann jetzt vor dem Fernseher lesen, ohne dass der Lärm der Flimmerkiste mich ablenkt. Ich ziehe einfach die Hörgeräte aus, dann höre ich ausser meinem Tinnitus keinen Laut.

Kierkegaard, den dänischen Philosophen aus dem 19. Jahrhundert, hätte ich schon während meines Studiums lesen sollen. Aber damals war ich jung und hatte keine Zeit für existenzielle Fragen. Jetzt bin ich älter und suche Antworten – und hoffe sie bei einem zu finden, der die Tiefen des menschlichen Gemüts gründlich, aber mit der nötigen ironischen Distanz erforscht hat.

Ich lese den Text „Das Musikalisch-erotische“. Da steht: „In ihrer Unmittelbarkeit kann die sinnlich-erotische Genialität nur in Musik ausgedrückt werden.“ Und: „In der erotisch-sinnlichen Genialität hat die Musik ihren absoluten Gegenstand.“*. Diese Sätze treffen mich so tief, dass ich zu lesen aufhöre. Ich kann ja keine Musik mehr hören, Musik ächzt, quietscht und dröhnt durch meine Hörgeräte wie ein schweres Möbel, das man über einen Schieferboden zieht. Eine Zumutung, die ich mir nach Möglichkeit erspare.

Aber Kierkegaard fasst in Worte, was wir instinktiv wissen, und worüber ich früher oft nachgedacht habe: Musik, Sinnlichkeit und Erotik sind tief verbunden. Was also verlieren wir, wenn wir keine Musik mehr hören können? Verlieren wir unsere Sinnlichkeit? Unsere Sexualität gar? Nein, letzteres sicher nicht, obwohl …, naja, schwieriges Thema, sprengt die Möglichkeiten eines Blogbeitrags. Werden wir verbiestert? Genussunfähig? Ich weiss es nicht. Ich fühle mich in letzter Zeit oft verbiestert, eine Leichtigkeit, die ich früher hatte, ist mir abhanden gekommen. Aber ich treffe auch auf viele verbiesterte Mitmenschen, und die meisten von ihnen sind nicht taub.

Ich sitze da, denke nach und starre den Bildschirm mit der Comedy-Sendung an. Da sehe ich einen österreichischen Komiker, seinen Namen habe ich nicht mitbekommen. Ich sehe, wie er beim Reden hart arbeitet. Wie sein Oberkörper zuckt, wie sein Brustkorb sich hebt und senkt. Wie er Luft durch den Rachenraum presst, seine Wangen bewegen sich wie Segel und sind gerötet. Ich kann beinahe sehen, wie Speichel ihn umsprüht (solche Dinge sehen wir ja seit Corona). Ich sehe, wie er gestikuliert, und das alles unglaublich schnell. Wenn man keinen Ton hört, sieht diese enorme Anstrengung vollkommen surreal aus.

Ein sinnliches Erlebnis, irgendwie, wenn auch in diesem Fall nicht besonders erotisch.

In: Sören Kierkegaard: „Entweder – oder“, dtv, 2020, Seite 78.

Shoppen nach dem Lockdown

Am Mittwoch musste ich in die Stadt zum Arzt. Die Stimmung auf den Strassen war gelöst, viel lockerer als während des Lockdowns. Noch war auf den Gassen kein Gedränge – einzelne Frauen huschten über die Plätze, mit beigen Regenmänteln, dezenten Halstüchern und Schirmen, wie ich. Es hat dieses Jahr keine Frühlingsmode gegeben, dachte ich. Einige trugen die Schuhe vom letzten Jahr. Es fiel mir auf. Ausser mir trägt in dieser Stadt sonst nie jemand Schuhe vom letzten Jahr. Seit Wochen hatte ich nicht darauf geachtet, was irgendwer trägt.

Nein, ich kaufe jetzt noch keine Kleider, dachte ich. Dafür fand ich mich, wie von Geisterhand hingeführt, plötzlich vor der Filiale eines global bekannten Kaffeekapselherstellers wieder. Ich habe immer geglaubt, die Kette nicht besonders zu mögen und meine Kapselmaschine aus rein praktischen Überlegungen zu besitzen. Doch nun trat ich ein, desinfizierte mir die Hände und reihte mich in die Schlange der Wartenden ein. Und als ich am Tresen stand und mich die Verkäuferin mit dem Mundschutz begrüsst hatte, hörte ich mich gegen die Plexiglasscheibe zwischen uns sagen: „Hach, ist es schön, wieder Kaffee zu kaufen!“ Ich glaube, sie lächelte, ihre Augenwinkel zogen sich leicht zusammen.

Es ist nicht so, dass ich während des Lockdowns unter Kaffee-Entzug gelitten habe. Ich habe meine Kaffeekapseln halt einfach beim Grossverteiler aus dem Gestell genommen. Aber mit der Zeit fehlte mir dabei etwas. Der extra starke Espresso in der nachtblauen Verpackung? Dieses Wohlgefühl des Bedientwerdens? „Dienen und bedient werden ist ein Grundbedürfnis“, sagte eine Wirtin in unserer Lokalzeitung, als bei uns die Gastronomie wieder geöffnet wurde. Naja, dachte ich beim Lesen. Ich bin Konsumskeptikerin. Das hat mit meiner katholischen Kindheit zu tun, die auch einen asketischen Zug hatte. Dienen und Bedientwerden hatte etwas Anrüchiges. Der Vorwurf lag in der Luft, dass der (öfter die) Dienende bei der Ausübung ihrer Funktion gedemütigt werde, sich verleugnen und sich alles mögliche bieten lassen müsse. Noch in jungen Jahren kam die Erkenntnis: Konsum schadet der Umwelt. Das passte alles gut zusammen und führte dazu, dass ich immer eine zurückhaltende Shopperin gewesen bin.

Doch dann kam das Coronavirus, und wir haben gelernt: Wenn wir nicht konsumieren, fällt uns innert einem Monat der Himmel auf den Kopf. Wenn wir nicht ständig rennen, unser Geld ausgeben, uns Vergnügungen und neues Material um die Ohren schlagen, dann verarmen erst die Kulturveranstalterinnen, dann die Wirte, die Verkäufer, die Ladenbesitzerinnen und schliesslich auch wir selber. Konsumieren ist systemrelevant. Sich bedienen lassen ein Akt der Solidarität.

Ich packte meine Kaffeekapseln ein, lächelte, ging dann noch in den Computerladen und in die Buchhandlung. Nein, ich bestelle meine Bücher nicht online. Ich unterstütze die Buchhandlung in der Nachbarschaft, die beste, die ich kenne. Jetzt noch viel mehr. Als ich nach Hause kam, versorgte ich zufrieden meine neuen Schätze. Nur der penetrante Geruch fünf verschiedener Handdesinfektionsmittel störte ein wenig.

Raus aus dem Lockdown

Hier in der Schweiz wird gerade der Shutdown gelockert. Auch hier: Schlangen vor den Baumärkten. Wieder mehr Betrieb in den Strassen. Am Mittwoch kann ich mir wahrscheinlich die Haare schneiden lassen. Ist überfällig. Aber wir sollten uns nicht zu früh freuen: Vieles ist anders als früher – zudem bleibt die Angst vor der zweiten Welle. Die Situation kommt mir vor wie die Phase nach dem ersten Schub einer chronischen Krankheit. Chronische Krankheit: Da kenne ich mich aus, ich lebe seit vielen Jahren mit Morbus Menière. Deshalb sage ich: Das wird kein Sonntagsspaziergang. Das ist fast so schwierig wie der Lockdown selber, wenn auch auf andere Art. Aber die gute Nachricht: Wir werden lernen, damit zu leben.

Der erste Schub einer chronischen Krankheit ist ein überwältigendes Erlebnis. Da ist der Schreck darüber, dass einen der eigene Körper im Stich lässt – in meinem Fall war es das Gehör. Dann die Diagnose. Die Angst. Die Angst davor, dass das jetzt so bleibt oder schlimmer wird. Die langsam sich einstellende Erkenntnis, dass Willenskraft ungefähr gleich viel nützt wie Geisterbeschwörung. Dass Stress alles schlimmer macht. Und dass die Ärzte nicht viel ausrichten können. Dann die Fragen: Wie wird das jetzt weitergehen? Wird mein Mann mich noch lieben? Werde ich verarmen? Hat diese Krankheit ein Muster? Kann ich sie überlisten, wenn ich sie durchschaue? Warum habe ich das bekommen? Habe ich irgendetwas falsch gemacht? Bei meinem ersten Schub bin ich in den persönlichen Lockdown gegangen. Ich wurde zwei Monate krank geschrieben und blieb zu Hause. Ich sah fast nur noch meinen Mann und ab und zu ein paar Freunde. Klingt vertraut, oder?

Der Schub ging vorbei. Ich hörte Musik und vergoss Freudentränen dabei. Ich liebte es, wieder zu arbeiten. Aber was man schafft, muss erkämpft sein – und vom Kämpfen flammten die Symptome wieder auf. Egal, was ich tat: Da war immer die Angst. Da waren immer die Fragen. Einige meiner Freundschaften zerbrachen an diesen Ängsten. Andere daran, dass es mit mir abwärts ging in der Welt. Und eine gewisse Einsamkeit wählte ich selber. Manchmal war alles gut, ich war voller Glück und Zuversicht. Manchmal verfolgte mich sachte eine kleine Depression, wenn ich morgen zur Arbeit ging. Es war ein verdammtes Wechselbad der Gefühle.

Irgendetwas hat mich damals gerettet. Wahrscheinlich war es die Hilfe vieler Menschen: Mein Mann. Ärzte, Chefs, ein paar Freundinnen und Freunde. Und ich glaube, meine Einstellung hat mich gerettet – und ich würde jetzt gerne sagen, es sei Optimismus gewesen oder Dankbarkeit oder etwas anderes Kalenderspruchartiges. Aber es war etwas anderes: Es war Durchhaltewille. Schierer, hartnäckiger, unbeirrbarer Durchhaltewille. Egal, was passiert. Mich an meinem Tagesrhythmus festhalten. Freundlich bleiben. Neugierig bleiben. Spazieren gehen. Leere aushalten lernen. Arbeiten. Schreiben. Die Dinge kommen und gehen sehen. Und mich im richtigen Moment freuen können.

Geschichten, die mir nahe gegangen sind

Hier sitze ich und schone meinen linken Fuss. Die Knochen sind heil, das konnte der Arzt mittels Röntgenbild klären. Sonst konnte er mir nichts Genaues sagen. So ein Arztbesuch hat zu Corona-Zeiten etwas Surreales, aber mehr darüber ein andermal. Tatsache ist: Der Fuss ist blau und am Knöchel leicht geschwollen. Ich ziehe den Fuss nach, an einen Sonntagsspaziergang ist aus mehreren Gründen nicht zu denken.

So forste ich mich durch die Beiträge meiner MyTagebuch-Kollegen. MyTagebuch, das ist jene Community, die auf Blogs einfach mal von ihrem täglichen Leben erzählt. Das ist oft spannend, jetzt gerade aber besonders lesenswert. Denn wir bekommen ja alle gar nicht mehr mit, was andere in ihren Home Offices, in ihren stillen Wohnungen, in den Zimmern mit den unterbeschäftigten Kindern so erleben. Dabei ist die Lektüre von Alltagserlebnissen anderer eine sehr wirksame Arznei gegen Corona-Stinkigkeit und alle Arten von Selbstmitleid.

Wer Zeit hat, surft durch die Bloggroll von Nell. Sie hat getreulich alle alten MyTagebuch-Kolleginnen und Kollegen aufgelistet. Dort finden sich Dutzende von total subjektiven Schilderungen des Lebens im Corona-Modus. Beiträge, die mir besonders nahe gegangen sind (kein Ranking, einfach eine Liste):

Ginger überlegt sich hier gerade, ob er seine Hochzeit im Sommer verschieben soll. Ausserdem versucht er sich – mit viel schwarzem Humor – vorzustellen, wie es wäre, als Pathologe zur Pflege von Corona-Patienten eingesetzt zu werden.

Milou berichtet hier, dass sie im Home Office wohl bald sehr viel Arbeit bekommen wird. Sie muss sich um insolvent gewordene Reisebüros kümmern.

Mohseshoh bestätigt mir hier mit einer unnachahmlichen Anekdote, dass man beim Maskentragen nuschelt.

Phoebeweatherfield ist Lehrerin in Bayern und fragt sich hier, wie wohl der wegen der Abstandsregeln in die Turnhalle verlegte Englisch-Unterricht an der wiedereröffneten Schule vor sich gehen wird.

Hypermental erzählt hier hier sehr sachlich, wie er versucht, an Fördermittel zu kommen, um die Pleite seines Kleinunternehmens abzuwenden.

Erinnye macht sich Sorgen um eine Verwandte, deren WG-Mitbewohner an Covid-19 erkrankt sind. Es geschah bei der Apres-Ski-Party im Südtirol. Sie fragt sich hier, warum es eigentlich noch Leute gab, die Skipartys durchführten, als man längst wusste, dass das gefährlich ist.