Etwas Alpenherrlichkeit und ein paar Worte an meine Leserschaft

Weil viele von euch lieber Berge als Industrie haben, hier der Pilatus, von Westen her her gesehen am 21. Juli 2026. (Bild: Frau Frogg)

Meine Baselbieter Trilogie der letzten Woche wurde erstaunlich viel kommentiert. Richtig amüsant fand ich die Zuschriften einiger deutscher Leserinnen und Leser. Der Tenor: Warum um alles in der Welt geht man in einem Industriegebiet spazieren, wenn man in der Schweiz doch herrliche Alpenlandschaften haben könnte? Ich kann darauf nur antworten: Immer nur Berge, das kann auch einengen.

Eine Leserin aus der Pfalz schickte mir ein Bild des BASF-Geländes in Ludwigshafen im Abendrot. Es sieht grandios aus. Sie schrieb sarkastisch (ich spitze zu), dagegen sei so ein Industrieareälchen wie Schweizerhalle so viel Aufmerksamkeit doch gar nicht wert. Klar, das BASF-Areal in Ludwigshafen bedeckt eine Fläche von 10 km² (Quelle: basf.com). In der Schweiz posaunen wir potenziell beunruhigende Tatsachen nicht so laut heraus, daher ist für Schweizerhalle eine Grössenangabe schwer zu finden. Hier die Rede von 0,51 km², also ein Zwanzigstel von Ludwigshafen, aber die Zahl ist schwierig einzuordnen. Ich kann der Leserin daher nur entgegnen, was frau ja auch gerne zu gewissen Männern sagt: Grösse ist meist kein ausschlaggebendes Kriterium.

Potenziell beunruhigend ist an Schweizerhalle, dass wir es hier mit Chemie zu tun haben, also auch mit Gift. Aber wenn du an einem Samstagnachmittag so der Rheinstrasse in Muttenz entlangspazierst, dann denkst du, du bist am saubersten Ort der Welt. Man könnte hier – theoretisch – von der Strasse essen. Die Leute baden sogar im Fluss. Vielleicht gibt es hier seit der Katastrophe in Schweizerhalle 1986 wirklich bessere Kontrollen. Vielleicht lauern hinter diesen hellen Mauern auch neue Gefahren. Ich weiss es nicht. Wenn ich hier eins besser zu sehen gelernt habe, dann ist es die gewaltige Grösse meines Unwissens.

Einige haben geholfen, dieses Unwissen zu verkleinern. So schrieb der pedestrian, dass ich in Salina Raurica durchaus etwas zu Essen hätte kaufen können. Falls jemand mir doch diesen Rheinspaziergang nachtun möchte: Es gibt eine Spar-Filiale an der Längistrasse 14 (übersehen, denn mein Blick ging in die andere Richtung). Dazu zwei Tankstellenshops (verpasst, weil einen anderen Weg gewählt); und sogar eine Bäckerei (Gaugler, gut versteckt an der Netzibodenstrasse 23c).

Dies hier ist ein persönlicher Blog, daher erhebe ich keinen Anspruch auf absolute Wahrheit, profundeste Recherche und journalistisch gemachten Service. Aber ich bin immer offen für die kollektive Wahrheitssuche.

Und nächstes Mal bekommt ihr den Bericht vom Pilatusgebiet, versprochen!

Muttenz: Rock ’n‘ Roll für Reisende

Der Rangierbahnhof von Muttenz, im Hintergrund Basel (Bild: Frau Frogg)

Später dachte ich viel über meinen Spaziergang im Baselbiet nach. War das nun ein gelungener Ausflug gewesen? Hatte der Anflug von Panik in Schweizerhalle mich als heiter-distanzierte Flaneurin disqualifiziert? War das überhaupt wichtig? Und woher kamen die Glücksgefühle, die ich bei der Erinnerung an den Spaziergang trotz allem hatte?

Neben der Migros hatte ich mein Laugenbrötchen gegessen. Ich sass in einem Park, der aussah, als wäre es Oktober. Aber es war August und mehr als 25 Grad warm. Danach marschierte ich weiter. Ich ging Richtung Nordwesten und überquerte den Rangierbahnhof, diesmal auf einer Brücke.

Vor Jahren hatte ich eine Weile in Basel gearbeitet und war fast täglich mit dem Zug dieser riesigen Anlage entlanggefahren. Oft, vor allem im Morgen- und Abendlicht, bekam ich dann heftiges Fernweh. Ich dachte an die Städte des Nordens. Hier beginnt die Welt, dachte ich. Hier werden die Weichen gestellt, damit jemand in Kopenhagen sich Salben aus Basel ins Gesicht streichen, jemand in Antwerpen Schmerztabletten von Novartis schlucken kann, und damit wir Wein aus Frankreich auf den Tisch bekommen. Das stelle ich mir jedenfalls vor. Aber was weiss ich schon über die Dinge, die wir trinken und uns ins Gesicht streichen? Mit Eisenbahnfahren jedoch kenne ich mich aus. Eisenbahnfahren, das bedeutet Schotter, Russ und Fahrtwind. Und durchwachte Nächte. Eisenbahnen sind der Rock’n’Roll des Reisens.

Nördlich vom Bahnhof liegt der Hardwald, ein weiterer Park, mit Laubbäumen, vor allem Ahorn und Buchen. Auch er: ein Herbstwald. Vor mir schritt ein junges Paar im okkerfarbenen Laub, die beiden hielten sich an den Händen. Es war alles wie immer und nichts wie es sein soll. Vom Restaurant Waldhaus wirbelten wehmütig die Klänge eines Barpianos durchs Laub. Es war so traurig, dass ich beschloss, nach Hause zu fahren. Bei uns ist es grüner.

Und später dennoch diese Glücksgefühle: vom Draussensein; vom Abenteuer; vom Fahrtwind.

Park in Muttenz am 22. August 2026. Die Strasse, an der er liegt, heisst ironischerweise Heissgländstrasse. (Bild: Frau Frogg, 22. August 2026)

Schweizerhalle: Keine Menschenseele, nirgends

Wer meinen letzten Beitrag gelesen hat, erinnert sich: Am Samstag stand ich an der Rheinstrasse in Pratteln (Baselland) und brauchte ein Mittagessen. Schnell war klar: Das silberne Coop-Gebäude vor mir ist kein Einkaufszentrum. Und das Schoggihüsli an seiner West-Ecke ist zwar ein Laden. Aber ich hätte die Strasse überqueren müssen, um zu sehen, ob er auch Sandwiches hat. Die Strasse war breit, und doch war da kein Fussgängerstreifen, keine Ampel, nichts. Auch kein Verkehr und kein Mensch. Ich hätte hinüberschlendern können. Aber ich konnte mich nicht dazu durchringen.

Es wird schon noch eine Querstrasse nach Pratteln kommen, dachte ich. Ich konnte offensichtlich auch meine Karte nicht mehr richtig lesen. Hier gab es keine Querstrasse nach Pratteln mehr. Hier gab es nur noch Fabrikzufahrten, abgesperrt mit Draht- oder Eisen. Und Kameras. Unter normalen Umständen hätte ich die Industriebauten an der Strasse gebührend bewundert. Aber jetzt nicht. Jetzt wollte ich einfach weiter.

Beim nächsten Blick aufs App war ich in Schweizerhalle, in Muttenz. In jenem Industriegebiet, in dem am 1. November vor 40 Jahren ein Grossbrand eine Fabrikhalle der Chemiefirma Sandoz zerstörte, mitsamt den Fässern, die dort lagen. Muttenz und Basel hatten Sirenenalarm, und es stank. Giftiges Löschwasser floss in den Rhein und tötete die gesamte Aalpopulation bis hinunter nach Mannheim (hier gibt es einen informativen Dokumentarfilm). Da, wo ich war, ist die Erinnerung daran ausgelöscht. Kein Mahnmal, kein Gerüchlein, kein Stäubchen.

Ich kam zu der Stelle, wo ein Weg in einen leeren Park am Rhein hinunter führt. Auch hier dürres Gras und braunes Laub, überall. Nur weiter, dachte ich, dann eben ohne Mittagessen. Ich hatte sowieso keinen Hunger. Nur eine leise Stimme sagte: «Don’t skip any meals.» Ein Grundsatz des Meniére-Régimes, dem ich jahrelang nachgelebt habe: regelmässig essen.

Da stieg eine junge Frau aus dem Fluss wie einst Aphrodite. Sie nahm ihr Frottiertuch mit leichter Hand vom Rasen, als würde sie nicht hören, dass die Gräser vor Durst brüllten. Dann erklärte sie mir den Weg zur nächsten Migros. Ich folgte ihren Anweisungen, überquerte die Strasse nun ungehemmt, kam auf die Rothausstrasse und sah vor mir einen Tunnel gähnen, einen vierspurigen Schlund mit einem Oberkiefer aus Beton.

Verdammt! Ich muss hier das Gleisfeld unterqueren! Das Gleisfeld von Muttenz ist gigantisch. Darf ich als Fussgängerin überhaupt in diesen Tunnel hinein? Werde ich lebendig wieder aus ihm herauskommen? Egal. Ich ging hinein.

Später sagte mir das App, dass ich 34 Gleise und eine Autobahn überquert hatte. Beim Ausgang des Tunnels kam mir ein Mann entgegen. Freund oder Feind? Er sagte nur: «Gehen sie die Strasse ganz hinauf bis zum Kreisel, dort ist die Migros.» Und so war es.

Es war schon nach 13 Uhr, aber es gab noch Sandwiches. Ich hatte die Wahl zwischen Schwöbli mit Schinken oder Laugenbrötli mit Schinken (nur in Basel nennt man eine bestimmte Sorte Brötchen «Schwöbli»). Ich entschied mich für ein Laugenbrötchen, zahlte und suchte einen Platz zum Essen.

Baselbiet: Folgenreicher Sprung aus der S-Bahn

Wiese bei der S-Bahn-Haltestelle Salina Raurica (Kanton Baselland) am Samstag, 22. August 2026

Ich hatte vor, bis Kaiseraugst zu fahren. Dort wollte ich etwas zu essen kaufen, bevor ich auf meinen Spaziergang aufbrach. Mein ungefährer Plan: Vom Flusskraftwerk Augst rheinabwärts Richtung Basel. Doch an der letzten S-Bahn-Station vor Kaiseraugst, Salina Raurica, traf ich eine folgenreiche Entscheidung. Ich stieg spontan aus dem Zug. Ich wollte unbedingt das Bild oben machen.

Die Wiese lag da wie von bleichen Knochen übersät. Kein Quadratzentimeter Grün. Klar, ich hatte gewusst, dass das Baselbiet von der Dürre stark betroffen ist. Dennoch hatte ich das Thema nicht auf der Agenda gehabt. Ich war hergekommen aus Flanierlust, aus Industrieromantik, aus Nostalgie. Beim Flanieren ist Ziellosigkeit eine Tugend (ich habe hier darüber geschrieben). Wir lassen uns von unserer Neugier lenken, vom Zufall und vom Forscherdrang.

Doch der Sprung aus dem Zug in Salina Raurica sollte dazu führen, dass später nicht Neugier und der Zufall mich lenkten. Vielmehr bremste mich eine lähmende Unentschlossenheit. Denn in Salina Raurica gibt es keinen Laden, nicht einmal einen Kiosk.

Nun, einerlei. Irgendwo würde ich schon ein Mittagessen finden.

Auch von hier aus war es nicht weit zum Flusskraftwerk. Hier, glaubte ich, bin ich einmal nachts nach einem Cüpli-Anlass mit einem Schiff durch die Schleuse gefahren. Ich war ein Voralpenkind, trunken von der Nacht und ich kannte Schleusen nur vom Hörensagen. Es war magisch. Gestern sah ich dort endlich wieder mal Wasser in Hülle und Fülle (es wird dort ja auch gestaut).

Blick vom Wasserwerk Augst rheinaufwärts. Links das Gebäude des am selben Ort befindlichen Kraftwerks Wyhlen in Deutschland. (22. August 2026).

Bei der Messstelle Rheinfelden, nahe Kaiseraugst, fliessen im Jahresmittel 1029 Kubikmeter Wasser rheinabwärts. Gestern Morgen waren es zwischen 700 und 800 Kubikmeter. Das ist relativ wenig, aber es könnte schlimmer sein. In den letzten Tagen hat es weiter oben kräftig geregnet, die Pegelstände haben sich etwas normalisiert, (auch an der Reuss, die den Rhein speist).

Ich gehe kurz über die Brücke nach Deutschland, dann auf der Schweizer Seite flussabwärts, auf einem lieblichen, aber schmalen Wanderweg. Am Ufer stehen Fischerhäuschen, behängt mit viereckigen Netzen. Doch bald wird mir der Weg zu schmal. Auch brauche ich jetzt dann mal mein Mittagessen. Ich steige hinauf zum Ufersträsschen.

In der Ferne sehe ich bald eine Gebäude aufsteigen wie eine silbern schimmernde Zitadelle. Es trägt oben ein oranges Coop-Logo. Wahrscheinlich ein Produktionszentrum des Grossverteilers, aber, wer weiss, vielleicht gibt es dort ja auch ein Einkaufszentrum. Ich habe auf der Westseite des Gebäudes auf Google Maps auch ein Schoggihüsli verzeichnet gesehen, einen kleinen Laden. Mal schauen, ob sie dort auch Sandwiches für hungrige Flaneusen haben.

Spaziergang an der Reuss in Luzern im Hitzesommer 2026

Die Mündung der Kleinen Emme in die Reuss bei Emmenbrücke am 16. August 2026
Die Mündung der Kleinen Emme in die Reuss am 29. Juli 2025

Die beiden Bilder hier habe ich an exakt derselben Stelle gemacht. Ich räume gerne ein, dass der Juli 2025 überdurchschnittlich regnerisch war – dennoch haute es mich fast um, als ich die beiden Fotos nebeneinander sah. Ich will mich nicht beklagen. Ich weiss, dass in fast ganz Europa extreme Trockenheit herrscht. Uns in der Stadt Luzern geht es vergleichsweise gut. Wir sind angehalten, sparsam mit dem Trinkwasser umzugehen. Aber noch haben wir den See und den Fluss, um uns abzukühlen. Es ist Sommer, und wir versuchen, trotz der grossen Hitze etwas Spass zu haben.

Heute Morgen hatten die Temperaturen leicht nachgelassen und ich hatte Zeit für einen Spaziergang. Ich ging reussabwärts. Schon kurz nach zehn Uhr sah ich an zwei Stellen mitten in der Stadt Leute für ein Bad in den Fluss steigen. Das Wasser hat laut Messstelle Geissmattbrücke um die 26 Grad, das langjährige August-Mittel liegt bei 20 Grad.

Unter der Eisenbahnbrücke St. Karli.

Jemand hat einen Gartenstuhl auf eines der Fundamente der St. Karli-Eisenbahnbrücke gestellt. Es sieht einladend aus. Aber wie ist das Sitzmöbel dort hingekommen? Ist jemand mit ihm  hinübergeschwommen? Hinübergewatet? Unmöglich. Ich bin selbst schon in der Reuss geschwommen, die Eisenbahnbrücke Richtung Zürich weiter unten haben wir immer mit grösster Vorsicht navigiert.  Auf dem Bild sieht man am Betonpfeiler der Brücke unten einen dunklen Streifen. Innerhalb dieses Bereichs schwankt der Pegelstand meistens.

Schutzzelt für Fische an der Mündung des Krienbachs.

Weiter unten, am Kreuzstutz, mündet der Krienbach aus einem unterirdischen Kanal in die Reuss. Die Stelle ist mit einem grünen Baldachin aus Kunststoff überdeckt. «Kühlendes Schattennnetz für unsere Fische», steht auf dem Täfelchen der Stadtbehörde. Das Zeltdach soll Fischen nicht nur Schatten, sondern auch Schutz vor Räubern spenden. Und tatsächlich: Als ich in die Lücke zwischen Zelt und Uferwand äugte, sah ich im Wasser Dutzende fingerlange Fischchen. Aus der Tiefe stieg ein kühler Luftzug. Ich hielt kurz mein Gesicht in die Öffnung, dann wanderte ich weiter Richtung Xylophonweg.

Sensation dort ist zurzeit eine Biberfamilie, die sich unweit des dicht frequentierten Spazier- und Velowegs niedergelassen hat. Anfangs des 19. Jahrhunderts wurden die Nager in der Schweiz ausgerottet, 2008 kamen sie in den Kanton Luzern zurück. Es gibt also doch gute Nachrichten über die Biodiversität hier. Ich konnte keines der Tiere sehen, aber sehr wohl die Weidensträucher am Ufer, die von den fleissigen Bau- und Staumeistern angenagt worden sind. Sie werden noch zu reden geben, fürchte ich.

Am Nordpol hatten sich schon kurz nach 10.30 Uhr Badende eingefunden. Von dort ist es nicht weit bis zur Stelle, wo die Kleine Emme in die Reuss mündet, ein zugleich magischer und melancholischer Ort zwischen Autobahnauffahrt, Eisenbahnbrücke und Kehrichtverbrennungsanlage.

Während ich das Foto von der Flussmündung machte, ging eine junge Frau gleich links vom linken Bildrand hinunter zum Emmenufer. Sie zog ihr Kleid aus und watete in einem roten Bikini über das Flüsschen ans andere Ufer. Das Wasser ging ihr nur bis zu den Waden. Auf der anderen Seite stand eine ältere Frau in einem Sommerkleid. Die junge Frau nahm sie bei der Hand und beide kamen über den Fluss zurück ans diesseitige Ufer. Ich hätte nicht für möglich gehalten, dass man an dieser Stelle zu Fuss die Emme überqueren kann.

Lesen: Wo die Gutgläubigkeit aufhört

Zahlreiche Behauptungen der Erzählerin von Marlen Haushofers «Mansarde», sind wenig plausibel. Zum Beispiel, dass ihr Hörverlust auf beiden Ohren vollständig ist und innerhalb von wenigen Sekunden eintritt. Aber ich lasse ihr das durchgehen, denn wir haben es hier mit einer Ich-Erzählerin zu tun und Ich-Erzählende sind bekanntlich unzuverlässig. Sie übertreiben, färben schön, spitzen zu und legen Dinge zu ihren Gunsten oder Ungunsten aus, ganz nach ihren Bedürfnissen.

Eins finde ich jedoch inakzeptabel: dass die Erzählerin uns eine schlagartige, vollständige Heilung nach zwei Jahren Gehörlosigkeit weismachen will. Und dass diese Heilung noch dazu mitten in einer bedrohlichen Begegnung mit einem Mann stattfindet, in einem Zustand höchster Angst. Genau in diesem Moment erholt sich plötzlich ihr Gehör.

Hey, so funktionieren Ohren nicht! Normalerweise empfiehlt man Patienten mit akuten Hörproblemen zwecks Genesung nicht Angst und Schrecken, sondern Ruhe. Bei mir selbst – und ich habe mein Gehör unzählige Male verloren und wiederbekommen – bewirkten Stress oder Schock nie eine Besserung, sondern, wenn schon, eine Verschlechterung.

An dieser Schlüsselstelle verweist die Erzählerin die Gehörlosigkeit eindeutig ins Reich der Psychosomatik, des Fantastischen, der schlecht recherchierten Metaphern. Die Stelle liest sich, als würde in Sekundenschnelle die Erkenntnis über die Protagonistin hereinbrechen, dass eine Rückkehr zu ihrem Mann ihre einzige Option ist. Und schon fügen sich die zickigen Innenohren und ihre Besitzerin wird wieder tauglich für den Dienst an der Familie (wenn auch mit erheblichen Ressentiments). Hier lässt die Erzählerin sich selbst im Stich, und ich verstehe nicht, warum. Auch als tatsächlich hochgradig schwerhörige Person fühle ich mich im Stich gelassen. Wer wird eine Schwerhörigkeit noch für voll nehmen, wenn er so etwas gelesen hat?

An dieser Stelle muss ich all jene um Nachsicht bitten, die nach meinen letzten zwei Thesenbeiträgen lesen wollten, dass Marlen Haushofer ein starkes, rundum überzeugendes Buch geschrieben hat. Die sich vergewissern wollten, dass die Frau 1969 auch bei der Schilderung einer Krankheit ihrer Zeit voraus war. «Die Mansarde» ist ein starker Roman. Aber nicht rundum überzeugend.

Lesen: Die Frau, die sich selbst nicht heulen hören konnte

Die Protagonistin von Marlen Haushofers Roman «Die Mansarde» wird nach ihrer plötzlichen Ertaubung aufs Land geschickt und wohnt im Haus eines Jägers. Hier schreibt sie ein Tagebuch und findet darin eindrückliche Bilder des Selbstverlustes. Zum Beispiel: «Der Jäger schien mir von Tag zu Tag mürrischer, und einmal schlug er seinen Hund besonders arg. Der Hund heulte, er heulte lautlos, und das war so entsetzlich, dass ich mich in mein Bett verkroch und weinte. Vielleicht heulte ich ebenso laut wie der Hund.» (133)

Sie kann also weder den Hund noch sich selbst heulen hören. Vielleicht deshalb versucht sie nicht, den Jäger zu stoppen. Sie geht nicht einmal selbst in den Dorfladen, denn sie traut sich in ihrem Zustand nicht unter die Leute. Ich kann das sehr gut nachvollziehen. Ich habe nach Beginn meiner Menière-Erkrankung Jahre gebraucht, bis ich wieder vor Publikum zu sprechen wagte. Und für peinliche Schwerhörigen-Erlebnisse in der Bäckerei siehe hier. Wenn ich starke Hörnachlässe hatte (die sich meist innerhalb weniger Stunden einstellten), verlor ich Teile meines Raumgefühls, stiess mich an Türfallen und Hausecken.

Die Protagonistin betrachtet ihre Abschiebung aufs Land als Verrat ihres Mannes und seiner Mutter. Sie sieht ihre Ertaubung aber auch selbst als eine Art moralisches Versagen: «Wenn Hubert eine Existenz aufgebaut hat, will er eine Wohnung suchen und mich zurückholen. Vorausgesetzt, dass ich mich bewähre und wieder hören kann.» (S. 57) An dieser Stelle muss ich es einfach einmal laut und deutlich sagen: Einer Ertaubung ist mit Willenskraft nicht beizukommen. Auch wenn man es als Spätertaubte natürlich immer wieder versucht.

Auch finde ich: Wir sollten bei der Interpretation dieser seltsamen Störung im Leben der Protagonistin nicht zu weit suchen. Sie muss kein phantastisches Element sein, wie es die Wand in Haushofers Roman von 1963 ist. Gehörlosigkeit ist für sich selbst verstörend genug.

Gleichzeitig muss ich zugeben: Es gibt Stellen, wo die Erzählerin meine Gutgläubigkeit stark strapaziert. Aber dazu mehr in meinem nächsten Beitrag.

Marlen Haushofer: «Die Mansarde», Claassen Verlag, Berlin 1969

Lesen: Die Frau, die vergessen hat, wie man hört

Kürzlich habe ich «Die Mansarde» von Marlen Haushofer gelesen, einen österreichischen Klassiker aus dem Jahre 1969. Ich habe hier die Bedeutung des Buches für den Feminismus gewürdigt. Doch die temporäre Gehörlosigkeit der Erzählerin liess mir auch danach keine Ruhe. Ich hielt sie zunächst für eine nebulöse Metapher für etwas Schreckliches, was die Erzählerin nicht benennen will. Dann entschied ich: Ich nehme sie jetzt wörtlich und pflüge den Text nochmals durch. Was ich nun sah, veränderte meine Meinung über die Protagonistin. Denn es erinnerte mich frappant an meine ersten Jahre als Menière-Patientin.

Die Erzählerin hat eine Kindheit in grosser Isolation und den Zweiten Weltkrieg unbeschadet überstanden, den jungen Anwalt Hubert geheiratet und einen kleinen Sohn. Und dann ertaubt sie aus scheinbar nichtigem Anlass: «Die Feuerwehrsirene, oder was auch immer es war, heulte, und ich schrak aus dem Schlaf auf und konnte Huberts Stimme nicht mehr hören.» (S. 201).

Und? Was fehlt ihr? Nun, die Ärzte versichern ihrem Mann lediglich, es liege «nichts Organisches» vor (S. 57). Das bedeutet jedoch genau nichts. Denn die organischen Ursachen für Hörnachlässe im Innenohr sind bis heute nicht restlos geklärt. Die Ohrenärzt*innen verlassen sich bei der Diagnose auf Hörtests. Diese dokumentieren die Hörf(un)ähigkeit, sagen aber nichts über den Zustand des  betroffenen Organs aus. In meinen Spitalberichten war noch im Jahr 2000 nach ausführlichen Tests zu lesen: «Verdacht auf Hörsturz». Eine wirksame Behandlung gab es auch nicht. Das war alles sehr frustrierend, denn der Hörverlust war real und in den ersten Jahren ungeheuer furchterregend.

Ganz nebenbei werden in dieser Passage auch noch die Rechte der Patientin mit Füssen getreten. Sie selbst müsste über ihren Zustand informiert werden, nicht ihr Ehemann. Aber, gut, die Geschichte spielt kurz nach dem Krieg. Da waren Patientenrechte noch Zukunftsmusik.

Schliesslich machen die Ärzte eine für die Protagonistin besonders abwertende Unterstellung: «Ich hätte nur vergessen, wie man hört», sollen sie ihrem Mann gesagt haben (S. 57). Heisst wohl: «Das ist alles psychosomatisch, lassen Sie uns damit in Ruhe!» Es gab auch vor 25 Jahren noch Ohrenärzte, die sich zu derartigen Aussagen verstiegen. Zu mir sagte ein Mediziner im Jahr 2000, Hörstürze würden oft bei ängstlichen Naturellen (wie mir) auftreten. Dass ich danach erbost den Arzt wechselte, war für ihn wohl auch psychosomatisch. Ich hoffe, dass es heute keine solchen Ärzte mehr gibt.

Plötzlich schämte ich mich der Protagonistin gegenüber. Da war ich beim ersten Lesen selbst auf die Vernebelungstaktik der Ärzte hereingefallen und hatte sie nicht so recht ernst genommen. Dabei hätte ich es besser wissen können! Ich verstand plötzlich wenigstens ein wenig besser, warum sie ein derart abweisendes Verhältnis zur Welt hat.

Marlen Haushofer: «Die Mansarde», Claassen Verlag, Berlin 1969

Abschiedsszenen in Orselina

Das letzte Abendmahl in der Kirche Madonna del Sasso, 2012 als Panorama fotografiert vom Herrn T. Damals war der Tisch noch leer.

Ich könnte noch viel erzählen über unsere vergangenen Ferien. Aber ich will das jetzt zu Ende bringen, mit einer Flaniergeschichte. Am letzten Morgen brach ich auf, um im Lebensmittelladen da Inka, im oberen Teil von Orselina, ein paar tessintypische Mitbringsel einzukaufen. Orselina ist ein guter Ort zum Flanieren, einer, an dem verschiedene Orte sich quasi überlagern. Wer Orselina sieht, denkt Fremdenverkehr: Pilgerort, Kurort, heute Feriendorf; dazu Millionärshügel und Agglogemeinde von Locarno – und vielleicht auch einmal einfach Dorf gewesen.

Diskutierende Jünger Jesu, unten in der Bildmitte eine Banane.

Ich machte einen Umweg hinunter zur Madonna del Sasso. Dort blieb ich – wie schon oft – bei der Nische hängen, wo die 13 Herren im Bild ganz oben seit dem 17. Jahrhundert «ihre finale Konferenz» abhalten, wie Herr T. es hier formuliert hat. Die Terrakottafiguren sind lebensgross und gestikulieren, als seien sie mitten im Reden erstarrt. Ich studiere sie stets vergnügt, diese Herren. Diesmal fiel mir ein neues Kuriosum auf: Der Tisch ist nun gedeckt, wenn auch frugal. Einige der Männer haben eine Banane vor sich. Gab es Bananen im biblischen Jerusalem?

Danach unterquere ich die Standseilbahn, ein ratterndes und knarzendes, 100 Jahre altes Verkehrsmittel für Touristinnen, Pilger und Leute, die Freude an diesen alten Fahrzeugen haben. Dahinter finde ich das Treppchen, das ich suche, eines von vielen, die kreuz und quer das Dorf verbinden. Vorbei an der stillen Villa Orselina, einem kleinen Nobelhotel, das (wieder einmal) geschlossen ist. Die Umbrüche der letzten Jahre sind auch an diesem Ort nicht spurlos vorbeigegangen.

Von dort hinein in die Via Caselle, eine Wohnstrasse. Neuere Wohnbunker säumen das Strässchen. Ferienwohnungen? Zweitwohnungen? Schwer zu sagen, aber wahrscheinlich teuer. Hier ist Leben, Bauhandwerker steigen gerade in einen Kleinlaster. Links lässig abgestellt ein schwarzer Fiat 500 mit Tessiner Kennzeichen und dem Logo eines Treuhänders. Man sieht diese Kleinwagen hier oft, sie eignen sich gut, um durch die Strässchen an den Hängen zu pfurren. Rechts vor dem Haus ein Blickfang: ein kanariengelbes Cabriolet mit Zürcher Nummer.

Blick von Ai Mött hinunter zum mondänen Bootshafen von Locarno.

Mir folgen zwei blonde Frauen in Beige und Weiss mit insgesamt vier Hündchen. Spitz, Spaniel oder Chihuahua? Ich weiss es nicht mehr. Ich steige links das Treppchen hoch, das Ai Mött heisst, unverkennbar Tessiner Dialekt, aber ich kann nicht eruieren, was es heisst. Dennoch: Hier ist einer meiner Lieblingsorte. Neben einem Bach und unter Walnussbäumen steht eine verwitterte Bank, auf die ich mich gerne setze. Ich wähne mich dann an einem Ort, den die Geschichte vergessen hat, im alten Orselina, falls es das je gegeben hat. Die Häuser, die etwas weiter oben stehen, sehen jedenfalls wie alte Tessiner Häuser aus, zweistöckige, schmale Bauten, sorgfältig saniert. Die Männer, die in den Gärten werken, könnten Deutschschweizer Gymnasiallehrer sein.

Das „alte“ Orselina (um 1953). Die Bank, auf der ich sass ist unterhalb der Hauptstrasse in einer Senke. Zuunterst, Mitte rechts, kann man den Weg Ai Mött erkennen. Der Lebensmittelladen ist gleich links von der Kirche, aber heute in einem neueren Gebäude (Quelle: Wikipedia)

Nach wenigen Schritten erreiche ich die Hauptstrasse und somit mein Ziel: den Lebensmittelladen von Inka. Es ist etwa 11 Uhr. Vor dem Lokal, an einem der Stehtischchen, gönnen sich zwei Handwerker eine Pause mit Dosengetränken. Am Nachmittag ist hier jeweils Hochbetrieb, der kleine Laden ersetzt die Dorfbeiz, die es nicht mehr gibt. Kleinlastwagen sind parkiert, wo es gerade geht, an jedem Stehtischchen plaudern und gestikulieren zwei, drei Männer in Handwerkerkluft, mit Feierabendbier oder Red Bull. Ich gehe in den Laden und kaufe Sugo arrabiata und eingelegte Steinpilze für die Nachbarn, die unsere Pflanzen gegossen haben. Wir sind bereit für die Heimreise.

Das Tessin, von der Sonnenstube zum Glutofen

Das Tessin galt einst als Sonnenstube der Schweiz. Aber das war zu einer Zeit, als auf der Alpennordseite die meiste Zeit im Jahr kühl und feucht war. Dieses Jahr jedoch war fast die gesamte Schweiz schon kurz nach Mitte Juni ein Glutofen. Nicht ganz so schlimm wie Paris oder Mannheim, wo die Sonne die 40 Grad-Marke knackte. Aber auch Basel kam auf 39 Grad. Wir waren im Tessin mit «nur» 34 Grad glatt privilegiert. Noch dazu nächtigten wir in einer Ferienwohnung mitten in einem Garten. Während wir schliefen, fächelten uns Palmen kühle Luft zu.

Doch auch wir schwitzten. Ende der ersten Woche hielt Feriennachbar Pesche seine Uhr, die alles messen kann, in den Swimming Pool. «Das Wasser hat 29 Grad!» rief er aus. Bezeichnenderweise lernte ich während dieser Ferien, warum im Tessin gemütliche, in Berghänge gebaute Restaurants oft «Grotto» heissen: weil die Einheimischen dort in höhlenartigen Kellern («grotti») früher Käse, Schinken und Butter kühlten – manchmal bauten sie dann kleine Gaststätten dazu. Auch unser Badezimmer war in den Hang gebaut. Nachts öffneten wir die Tür, dann kam ein kühler Luftzug in unser Schlafzimmer. Wir überlegten, ob wir das Bad nun «Grotto» nennen sollten. Aber das erinnerte zu sehr an Lebensmittel. So sagte ich abends: «Ja, dann mache ich jetzt die Tür zum Permafrost auf.»

Das Wort «Klimawandel» fiel während unserer vielen, heiteren Tafelrunden mit Freunden nicht ein einziger Mal. Es war überflüssig. Wir – mehrheitlich Ü60 – wissen über den Treibhauseffekt Bescheid, seit 40 Jahren, einige von uns waren Klimaaktivisten. Jetzt versuchten wir, düstere Ahnungen mit freundlicher Konversation zu verscheuchen. Wir nahmen leichte Mahlzeiten zu uns, schütteten massvoll Weisswein und reichlich Wasser, mitunter auch Gurkentrunk in uns hinein. Zu den Höhepunkten meiner Ruhetage in Orselina gehörte ein Caffè freddo shakerato in der Panetteria Cecchettin.

Den Regenradar konsultierten wir obsessiv. Geregnet hat es in Orselina genau dreimal. Manchmal erinnerte ich mich wehmütig an einen Junitag hier im Jahre 2016. Es war nicht kalt, aber es schüttete Bindfäden, Leintücher und Wolldecken, Katzen und Hunde. Herr T. hat hier darüber berichtet. «Tja, Sonnenstübchen», lästerten wir damals.

2026 sahen wir zwar öfter Gewitter vorbeiziehen. Einmal ging über einem Dorf in der Magadinoebene – wir sahen es aus der Ferne – ein heftiger Regenschauer nieder. Es sah aus, als hätte jemand eine Dusche angedreht, das Wasser glitzerte silbern, von Süden her schien die Sonne. Bei uns fielen lediglich dreimal eine Zeitlang lang schwere Tropfen. Wolken kamen und sahen regenschwer aus, doch über dem Lago Maggiore lösten sie sich meist auf. «Es versucht verzweifelt zu regnen», kommentierte Herr T. Und Nachbar Pesche sagte: «Ich vertraue dem Regenradar nicht mehr.»

Einmal zeigte Herr T. mir Fotos aus dem Jahr 2016. Auf einem von ihnen rollt der Ticino regengeschwollen, durch die Magadinoebene. Ich wurde traurig, denn 2026 waren die meisten Flüsse träge Rinnsale, manchmal etwas erfrischt von den Gewittern an den Bergkämmen. Als Pesche und Ruth nach zwei Wochen abreisten, hatte das Schwimmbecken 31 Grad.