Dostojewski und der Mann mit dem Messer

Verhinderter Heiland. Der Protagonist von „Der Idiot“-

Man kann einen guten Roman auf 1000 Arten lesen, und „Der Idiot“ von Dostojewski ist ein guter Roman. Aber ich muss jetzt Farbe bekennen. Ich muss sagen, dass ich die Lesart der ukrainischen Schriftstellerin Oksana Sabuschko berechtigt finde (ich habe sie hier kurz zusammengefasst). Diese Geschichte weckt in der Tat Verständnis für mindestens einen sehr grausamen Menschen – und die westliche Literaturkritik hat dies meines Wissens geflissentlich übersehen. Die Rede ist – Achtung, alles Folgende ist ein ausführlicher Spoiler! – vom Messerstecher Rogoschin.

Rogoschin begegnet dem Romanhelden, Fürst Myschkin, gleich auf dem ersten Seiten, im Nachtzug nach St. Petersburg. Schon hier erscheint Rogoschin als an sich unsympathischer Mensch, dessen Lippen sich „fortwährend zu einem dreisten, spöttischen, sogar boshaften Lächeln“ verformten (S. 6.). Sein Gesicht erwecke den Anschein einer „peinvollen Leidenschaftlichkeit“. Er nähert sich Myschkin in „ungenierter, geringschätziger“ (S. 7) Weise und nicht ohne Schadenfreude darüber, dass der junge Fürst für die russische Novemberkälte nicht warm genug gekleidet ist.

Während der Erzähler die Physiognomie Rogoschins genau studiert hat, übersieht der Romanheld Myschkin die Warnsignale im Gesicht des Fremden – vielleicht wider besseres Wissen. Er antwortet mit geradezu naiver Offenheit auf all seine Fragen und fühlt sich sogar zu ihm hingezogen.

Hier muss ich ein paar Worte zu Fürst Myschkin sagen. Mit ihm habe Dostojewski einen „ganz und gar positiven Charakter“ mit einer „absolut schönen Natur“ gestalten wollen, einen wahren Christen, steht hier. Man kann Myschkin als eine Art verhinderten Heiland sehen. Und natürlich legt es der Roman darauf an, dass wir auf seiner Seite stehen. In der Tat will der Fürst immer alle vor sich selbst retten. Dabei nimmt er, obwohl er Epileptiker ist, wenig Rücksicht auf seine eigene Verletzlichkeit.

Es ist Rogoschin, der ihn schliesslich in den Abgrund zerrt. Ich muss gestehen, dass Rogoschin mir in seiner übergrossen Impulsivität fast schon als Klischee-Russe herübergekommen ist. Beispiel: Er verliebt sich unsterblich in eine Frau, die er nur ein einziges Mal auf der Strasse gesehen hat. Sogleich bestiehlt er seinen Vater, um dieser Frau, Nastasja Filippowna, ein luxuriöses Geschenk zu machen. In der deutschsprachigen Rezeption ist  von den „unkontrollierbaren, bösen Geistern“ Rogoschins die Rede. Man kann ihn auch einfach als Kriminellen sehen.

Auch Myschkin liebt Nastasja Filippowna. Es entsteht eine verhängnisvolle Dreiecksbeziehung. Am Ende lässt die Frau Myschkin am Traualtar hängen und flüchtet zu Rogoschin. Dieser ersticht sie, wahrscheinlich aus Eifersucht. Und was macht Myschkin? Geht er zur Polizei, um den Mörder an der Gerichtsbarkeit auszuliefern? Ich bin nicht sicher, ob es eine funktionierende Polizei in Russland Mitte des 19. Jahrhunderts überhaupt gab. Jedenfalls tut Myschkin etwas ganz anderes: Er legt sich zum nun fiebernden Mörder und streicht ihm eine ganze Nacht lang begütigend übers Haar, während im Nebenzimmer die Leiche liegt. Ist das wirklich Güte? Ist es nicht vielmehr Komplizität mit einem Verbrecher?

Was von Dostojewski zu Putin führt

Oksana Sabuschko, die „streitbare“ Intellektuelle, die meine Dostojewksi-Lektüre veränderte.

Ihr erinnert Euch: Mein Freund, Slawist Chäppeli, sagte während eines Spaziergangs, Dostojewki solle man jetzt nicht mehr lesen. Das war eine in zurückhaltendem Ton gemachte Äusserung, und später widerrief er sie auch schriftlich: „Ich möchte nur klarstellen: Nie würde ich sagen, dass man heute den Roman nicht mehr lesen könne oder solle.“ Gleichzeitig schickte er mir zwei Links, um zu erklären, wie er überhaupt auf diese Aussage gekommen sei.

Der  erste führte zu einer Polemik der ukrainischen Schriftstellerin Oksana Sabuschko, „eine der streitbarsten Intellektuellen der Ukraine“, wie die NZZ schreibt, die den Essay auf Deutsch veröffentlicht hat. Er ist zuallererst eine Anklage gegen den Westen, der das Entstehen eines neuen Totalitarismus in Russland gut zwanzig Jahre lang sträflich übersehen habe. Dann schimpft sie auf jene westlichen Intellektuellen, die nun versuchen würden, das Böse zu verstehen, zu rationalisieren, sich in Putins Hirn hineinzudenken und so in Dialog mit dem Serienmörder zu treten. Das sei der Situation nicht im mindesten angemessen. Der Westen habe sich vom Kreml jahrzehntelang an der Nase herumführen lassen.

Aber was hat die russische Literatur, noch dazu jene des 19. Jahrhunderts, mit Putin zu tun? Sabuschkos Antwort: „Man“ habe die russische Literatur ja immer „für europäisch und humanistisch“ gehalten. Dabei habe sie 200 Jahre lang ein Weltbild genährt, „in dem man den Verbrecher nicht verurteilt, sondern bedauert und Mitleid mit ihm hat.“

Und dann kommt die Abrechnung mit Dostojewski, „mit seinem Kult der Emotion und der gleichzeitig offen zu Schau getragenen Verachtung der Vernunft.“ Dostojewski stehe ausserhalb der europäischen Literatur, das habe schon Milan Kundera gesehen, jener berühmte Tscheche, der das Wüten der Sowjets im eigenen Land erlebte. Aber im Westen habe man ihn niedergeschrien, als er das sagte. Sie schreibt sogar, die Invasion vom 24. Februar sei „reines Dostojewskitum“ gewesen, die Explosion „reiner destillierter Bösartigkeit, eines lange unterdrückten historischen Neids und Hasses, verstärkt durch das Gefühl absoluter Straflosigkeit.“

Die Entgegnung des russischen Exil-Schriftstellers Michail Shishkin im zweiten Link wirkt dagegen reichlich blass, ihr müsst sie selbst lesen.

Ich konnte diese Aussagen von Sabuschko zunächst überhaupt nicht akzeptieren, ich gestehe: Ich verstand kaum, was sie mir sagen wollte. Ich meine, ich verstand und verstehe den Hass der Ukrainer auf die Russen – aber noch schwankte ich an manchen Tagen selbst Richtung mildem Putin-Verstehertum. Wahrscheinlich, weil ich mich einfach zu sehr vor der Alternative fürchtete: dass Sabuschko recht haben könnte, zumindest mit ihrer Darstellung von Putins Russland. Wenn man den Mann verstünde, dachte ich, könnte man mit ihm verhandeln und gut ist. Aber an anderen Tagen sah ich klar, dass das nicht geht. Und ahnte, was das für uns alle bedeutet – und wie sehr uns der grinsende Teufel im Kreml zum Narren gehalten hat.

Die Ereignisse der vergangenen Woche haben Sabuschko, was die Politik betrifft, leider Gottes mehr als Recht gegeben. Das heisst: Ich fürchte mich jetzt immer noch, aber ich weiss wenigstens besser, wo ich dabei stehe. Und nach und nach veränderte das auch meine Lektüre von „Der Idiot“. Doch dazu dann später mehr.

 

 

Dostojewski lesen

Eines Sonntags im Juli  traf ich bei der nachbarschaftlichen Kehrichtsammelstelle den Doppelbuddha. Damals war ich noch kahl, hatte aber vergessen, mir einen Hut aufzusetzen. Ich hatte nur ein Käppi aus Strumpfstoff an, wie man es unter Perücken trägt.

„Meine Güte, hast Du Chemo?!“ rief der Doppelbuddha aus. Er tat dies derart spontan, dass ich sehr berührt war. Ich bejahte, wir redeten, und irgendwann sagte ich:  „Ach, weisst Du, das Gute daran ist: Man hat viel Zeit zum Lesen. Ich nehme mir gerade so richtig dicke Wälzer vor.“ Er sagte: „Na, dann könntest Du ja mal Dostojewski lesen. Ich leihe Dir ‚Der Idiot‘ aus, wenn Du willst.“ Weil er so nett gewesen war, sagte ich nach einigem Zögern: „Ok, sehr gerne! Wenn Du ihn vorbeibringst, dann komm doch gleich mit Frau Doppelbuddha zum Apero!“ So machten wir es und hatten einen sehr vergnüglichen Abend.

Dann begann ich, den Roman zu lesen, 950 Seiten. Ein Stück Weltliteratur, dem – so hatte ich im Literaturstudium gelernt – mit grösster Hochachtung zu begegnen ist. Ich befürchtete gepflegte Langeweile, aber „Der Idiot“ elektrisierte mich am Anfang geradezu. Die zwei Fremden, die im Zug nach St. Petersburg Bekanntschaft schliessen!  Die mysteriöse Schönheit Nastasja Filippowna! Als Teenager von ihrem Adoptivvater sexuell missbraucht, wird sie von der Gesellschaft als gefallene Frau behandelt. Dass man ihren Stiefvater ins Gefängnis stecken sollte, kommt niemandem in den Sinn! Was für eine Welt!

Die zwei Männer aus dem Zug verfallen Nastasja Filippovna schnell mit Haut und Haaren: der reiche Kaufmannssohn Rogoschin sowie der als Idiot bezeichnete Protagonist des Romans, der junge Fürst Myschkin. Myschkin ist Epileptiker und gerade von einem jahrelangen Kuraufenthalt in den Schweizer Bergen zurückgekehrt. Er ist ein herzensguter, aber in gesellschaftlichen Dingen total unbeholfener Jüngling.

Es ist kein familientauglicher Gesellschaftsroman, wie wir sie sonst aus dem 19. Jahrhundert kennen. Myschkin denkt viel über Grausamkeit, Armut und Tod nach. Auch das packte mich. Ich hatte mich selbst mit Fragen zu beschäftigen, die man nicht so leicht familientauglich abhandeln kann.

Am 31. August ging ich mit meinem alten Freund, dem Slawisten und Zweifler Chäppeli, spazieren. Wir diskutierten zuerst ein bisschen über den Zustand der Welt, den Krieg und all das. Dann erzählte ich ihm freudig von meiner Dostojewski-Lektüre und fragte ihn, was er von dem Roman gehalten habe. Er zögerte, wie es seine Art ist und sagte dann: „Nun ja, Dostojewski sollte man ja jetzt auch nicht mehr lesen.“

Es war die Zeit, als alle Welt über „Der junge Winnetou“ und andere Arten kultureller Aneignung diskutierte, und ich dachte: „Oh nein, nicht noch mehr Zensur! Man kann doch einen Schriftsteller des 19. Jahrhunderts nicht für die Verbrechen des 21. schuldig sprechen!“ Aber Chäppelis Bemerkung sollte meinen Blick auf das Buch erheblich verändern.

 

Göttlicher Babelfisch

Wenn der Babelfisch uns ins Ohr flutscht, verstehen wir sogar Vogonisch (Quelle: aliens.fandom.com)
Ich habe gerade das dringende Bedürfnis, mich ein wenig zu vergnügen. Deshalb habe ein Buch zu lesen begonnen, auf dessen erheiternde Wirkung ich mich in jungen Jahren verlassen konnte: Douglas Adams‘ „Per Anhalter durch die Galaxis“. Ich war nicht sicher, ob es bei Frau Frogg Ü50 noch funktioniert, aber siehe da: Auf Seite 52 brach ich in derart schallendes Gelächter aus, dass Herr T. verwundert aufsah.

Für alle, die die Story nicht kennen: Sie erzählt die Geschichte des ahnungslosen Erdenbewohners Arthur Dent, der eines Donnerstagsmorgens von einem intergalaktischen Freund auf eine aberwitzige Reise durchs All entführt wird. So um die Seite 50 haben die beiden ihre erste Mitfahrgelegenheit in einem riesigen Raumschiff gekapert. Doch Arthur versteht von der Lautsprecher-Durchsage des Kapitäns nur ein sehr beunruhigendes: „Heul heul gurgel heul gurgel heul.“ Meinen schwerhörigen Leserinnen und Lesern wird dieses Problem bekannt vorkommen. Arthur Dent ist jedoch nicht schwerhörig, sondern er versteht kein Vogonisch, und Vogonisch ist die Sprache des Raumschiffkapitäns.

Aber nun bekommt Arthur von seinem Freund einen kleinen, gelben Fisch ins Ohr gesteckt, einen so genannten Babelfisch. Und sogleich verwandelt sich das Gegurgel in seinem Ohr in annähernd normales Deutsch. Auch dieses Phänomen kennen wir Schwerhörigen. Wir erleben es zum Beispiel, wenn wir passende Hörgeräte anziehen. Dieses plötzlich wieder klare Hören kann ein geradezu überschäumendes Glücksgefühl auslösen.

Der Babelfisch aber ist, so lesen wir auf Seite 52, kein Gerät, sondern ein Lebewesen: ein für Galaxis-Reisende derart „unfassbar nützliches“ Produkt der Evolution, dass „einige Denker ihn als schlüssigen und endgültigen Beweis der NICHT-Existenz Gottes sehen.“ (S. 52)

Das Argument geht ungefähr so: „Gott sagt: Ich weigere mich zu beweisen, dass ich existiere. Denn ist dieser Beweis einmal erbracht, braucht es den Glauben nicht mehr, und ohne Glauben bin ich nichts.“ Aber, so antwortet der Mensch: „Der Babelfisch ist ein todsicheres Zeichen, nicht wahr? Er kann sich nicht durch Zufall entwickelt haben. Er beweist, dass Du existierst, und daher existierst Du eben gemäss Deinem eigenen Argument nicht. QED.“ An dieser Stelle setzte mein Gelächter ein, weil mich die Passage an die mittelalterlichen Gottesbeweise erinnerte, die wir in den Philosophiestunden am Gymnasium lernten. Erwartet man so etwas in einem Science Fiction-Roman?

Ich lachte aber auch, weil ich zweifelsfrei feststellte, dass man die ganze Sache auch genau umgekehrt sehen kann: Soweit wir wissen, gibt es in der ganzen Galaxis keinen Babelfisch für Schwerhörige. Für uns hält das Universum also keine „unfassbar nützliche“ Lösung unserer Probleme bereit, nur mehr oder weniger taugliche Hörgeräte. Aber dafür gibt es möglicherweise einen Gott.

Zitate aus Douglas Adamas: „The Hitch Hiker’s Guide to the Galaxy – a Trilogy in Four Parts“, London, William Heinemann Ltd., 1979 (Übersetzung der Zitate von Babelfröschin Frogg). Hier geht’s zu einem YouTube-Ausschnitt der Verfilmung von 2005 mit Martin Freeman als Arthur Dent.

Fliegen beim Lesen

Hier werde ich über einen Roman schreiben, den nur die allerwenigsten von Euch lesen werden – weil er in einer Sprache geschrieben ist, die die nur wenige von Euch beherrschen: Luzerndeutsch. Ich tue es trotzdem, weil die Lektüre für mich geradezu berauschend war (wenn auch vielleicht nicht so, wie sich die Hauptfigur der Geschichte Berauschtheit vorstellt, aber dazu komme ich noch). Der Roman heisst „Provenzhauptschtadt“, der Autor Béla Rothenbühler. Und der Text beginnt so:

„Ech wörd ned met Schwalben aafo, wenn ke Schwalben ome gsi wärid. Aber: De ganz huere Hemel voll Schwalbe. Schwalbebüüch ond Schwalbeschwänz, wo äifach so omesäglid, voll äis metem Wend, Termik total im Körpergfüel.“ (S. 8)

Heisst auf Hochdeutsch: „Ich würde nicht mit Schwalben anfangen, wenn keine Schwalben dagewesen wären. Aber: Der ganze verdammte Himmel voller Schwalben. Schwalbenbäuche und Schwalbenschwänze, die einfach so herumsegeln, voll eins mit dem Wind, Thermik total im Körpergefühl.“ Als ich das las, fühlte ich mich selbst wie eine Schwalbe, die vom kargen Boden des Hochdeutschen ins Element ihrer Muttersprache gewirbelt wird. Ich hörte den Erzähler geradezu labern, sehe ihn gestikulieren in einer Beiz, mit seinen Kollegen. Ich kann das Bier riechen. Mein Leben lang habe ich eine Sprache gesucht, die manche meiner Geschichten erst richtig zum Fliegen bringen könnte. Das wäre diese Sprache.

Ich muss einräumen, dass es dazu auch andere Meinungen gibt. Arno Renggli, der Rezensent der „Luzerner Zeitung“, beurteilte den Dialekt als „echtes Hindernis“ beim Lesen. Nun ja, vielleicht fehlte ihm auch einfach die Bereitschaft, sich der Thermik dieser Sprache anzuvertrauen. Hat man als Muttersprachler diesen Moment des Zögerns hinter sich, ist es ganz einfach. Renggli benannte auch gleich den kommerziellen Haken am Projekt „Luzerndeutscher Roman“: „Eine gute Story ist eine gute Story, was braucht es da das Handicap des Dialekts, das des Autors Absatzchancen ja auch noch geografisch einschränkt?“ (Ausgabe vom 15. Februar 2021). Da hat er freilich recht: Der Markt für Luzerndeutsche Literatur ist wohl winzig.

Aber erzählt „Provenzhauptschtadt“ auch eine gute Story? Nun ja, nicht so richtig. Eigentlich scheitert sie schon an ihrem Titel. Dieser behauptet, dass sich das Buch mit der Provinzialität im Allgemeinen und der Luzernischen Provinzialität im Speziellen auseinandersetzt. Aber der Ich-Erzähler bleibt bei jeder Gelegenheit, sich in dieses Thema zu vertiefen, vollkommen vage. Er bleibt überhaupt bei jedem Thema vollkommen vage. Er behauptet zwar, „Fermepsücholog“ zu sein – also Firmenpsychologe. Da müsste er doch auch ein wenig an Menschen interessiert sein, vielleicht wenigstens an seinen WG-Kollegen, mit denen er nächtelang bechert. Ist er aber nicht. Nicht einmal die Frau, in die er verliebt ist, interessiert ihn so richtig. Vielleicht liegt es daran, dass gerade Sommer ist und Fussball-WM und alle immer ein bisschen betrunken oder bekifft. Oder will die Geschichte uns sagen, dass Provinzmenschen im Allgemeinen vage denken und beziehungsunfähig sind? Das wäre nun ein Vorurteil, dem ich Deutsch und deutlich widersprechen muss.

Der Roman beginnt sommerlich melancholisch und endet mit einem üblen Kater. Er wird wohl keine neue Literaturtradition begründen, und auch ich werde in meinem Blog weiterhin auf dem Boden des Hochdeutschen bleiben, schon wegen Euch Leserinnen und Lesern. Von meinem stillen Kämmerchen aus aber werde ich wohl ab und zu die Schwalben fliegen lassen und ein bisschen mit dieser Sprache experimentieren.

Béla Rothenbühler: „Provenzhauptschtadt“, Verlag Der gesunde Menschenversand, Luzern, 2021

Lesen während der Rekonvaleszenz

Das Bild zum Klassiker: Achilles besiegt Hektor – drastisch dargestellte Szene aus dem trojanischen Krieg, hier von Peter Paul Rubens (Quelle: kunstbilder-galerie.de)

In diesen Tagen der Rekonvaleszenz lasse ich die News nicht zu nahe an mich heran. Spekulationen über Putins Hirn und den Krieg lasse ich meist links liegen. Wenn in der „Tagesschau“ die schlimmen Bilder kommen, konzentriere ich mich auf die Untertitel. Immer noch befasse ich mich lieber mit Stoffen aus der fernen Vergangenheit. Ich habe mich in Gustav Schwabs „Sagen des klassischen Altertums“ richtig vergraben.

Mittlerweile kann ich mich aber dem Krieg auch dort nicht mehr entziehen. Ich bin beim Kampf um Troja angelangt. Im Buch gibt es sehr anschauliche Schlachtszenen, hier ein Mini-Ausschnitt: „Ajax … traf mit der Lanze den Amphios, einen Verbündeten der Trojaner, unter dem Gurte, dass er in dumpfem Falle zu Boden stürzte; dann stemmte er den Fuss auf den Leichnam und zog die Lanze heraus; ein Hagel von Speeren hinderte ihn, den Gefallenen der Rüstung zu berauben.“ (S. 397)

Actionszenen vor der Erfindung des Actionfilms eben, und sie ziehen sich über 100 Seiten hin, auf denen der Endkampf um die Stadt in Kleinasien tobt. Dutzende Helden sterben. Schwab scheint sich hier recht genau an die „Ilias“ von Homer gehalten zu haben. Ich versuche, das alles nur zu überfliegen, bleibe aber doch immer wieder hängen, als könnte ich mich auf diese Weise dem Unaussprechlichen nähern. Ich vertiefe mich sogar in eine verjüngte Bearbeitung des Stoffes: Ich sehe mir „Troy: Fall of a City“ von 2018 auf Netflix an. Diese Serie kann ich freilich nur Hobby-Historiker*innen empfehlen. Der Streifen braucht ungefähr so viel Geduld wie Schwab. Zudem enthält er ebenso drastische Action-Szenen, und erst noch in bewegten Bildern. Aber dann und wann tauchen ungewohnte Interpretationen des Stoffes auf. So thematisiert die zweite Folge den ökonomischen Aspekt des Krieges: Die Griechen, lautet die die plausible Behauptung, wollten nicht nur die „Entführung“ der Helena rächen, sondern den Troern gleich auch noch die lukrative Zollstation am Ausgang der Dardanellen wegschnappen.

In der zweiten Folge versuchen die Griechen die Stadt mit einem Blitzangriff an einem einzigen Tag einzunehmen. Aber der Plan misslingt. Bei Einbruch der Nacht ziehen sich beide Armeen erschöpft in ihre Lager zurück. Es folgt eine Szene von grosser Melancholie, in der der griechische Chefstratege Odysseus schwer atmend zum Kollegen Nestor sagt: „Wir haben keinen Zentimeter Boden gewonnen. Das ist kein Krieg, das ist Wahnsinn. Als die Trojaner unsere Forderungen zurückwiesen, sah ich, wie sich die Jahre vor mir auftaten. Ich werde ein alter Mann sein, wenn ich wieder nach Hause komme.“

„Da sah ich, wie sich die Jahre vor mir auftaten.“ Der Satz packt mich am Nackenhaar und zwingt meinen Blick auf die Gegenwart, mehr als viele hochtrabende Analysen über den misslungenen Blitzangriff der Russen vor ein paar Wochen. Ist es das, was wir jetzt vor uns haben? Jahre des des Mordens, des Elends und der Ungewissheit?

Gustav Schwab: „Sagen des Klassischen Altertums“, Insel taschenbuch 2792, Frankfurt am Main und Leipzig, Erste Auflage 2001

Das Buch, in dem man zuerst den Schluss lesen sollte

Die meisten Bücher lesen wir vom Anfang bis zum Ende. Es gibt auch Werke, in denen wir nur einzelne Kapitel studieren oder hier und dort ein wenig grasen. Bei „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ von Hannah Arendt ist es nochmals anders: Dieser Backstein von einem Buch besteht aus drei Teilbüchern. Von ihnen liest sich zuerst am besten das dritte und letzte. Es trägt den Titel „Totale Herrschaft“ und beginnt in meiner Ausgabe auf Seite 629. Auch Arendts berühmter Mentor, Karl Jaspers, empfiehlt in seinem Vorwort von 1955, es so zu machen.

Die Vorteile liegen auf der Hand: Arendt definiert zum Beispiel erst im dritten Buch, was sie eigentlich unter totalitärer Herrschaft versteht. Mein Professor hätte sich anno 1993 die Haare gerauft, wenn ich das bei meiner Diplomarbeit an der Uni so gemacht hätte. Aber bitteschön – sie ist Hannah Arendt und braucht sich nicht an kleinliche Regeln für Anfängerinnen zu halten. Im dritten Buch erklärt sie auch, in welchen Punkten in ihrem Augen Nazideutschland und die Sowjetunion unter Stalin vergleichbar und als totalitäre Systeme zu verstehen sind. Die Gemeinsamkeiten umfassen den Personenkult um Hitler beziehungsweise Stalin. Dann die gewollt unübersichtliche Organisation der Institutionen in beiden Staaten und schliesslich der Polizeiterror. Und dann: die Massenmorde.

Arendt hätte gerne China unter Mao Tse Tung in ihre Erörterungen einbezogen. Doch sie muss einräumen, dass über China zu wenige Informationen greifbar waren.

Insgesamt aber mahnt sie: „Wir haben … allen Grund, mit dem Wort ‚totalitär‘ sparsam umzugehen.“ (636) Für kleinere Länder etwa sei „die totale Herrschaft ein zu hoch gestecktes Ziel gewesen. Zwar konnten auch kleinere Länder totalitäre Bewegungen gut gebrauchen, um die Massen zu organisieren und den Mob an die Macht zu bringen; aber eine eigentlich totale Herrschaft konnten sie sich nicht leisten, weil sie einfach nicht über genügend Menschenmaterial verfügten, um die ungeheuren Verluste an Menschenleben, die der totale Herrschaftsapparat dauernd fordert, zu ertragen.“ (665) Auch der Nationalsozialismus habe erst nach den Eroberungen in Osteuropa seinen ganzen Horror entfalten können.

Auffällig ist die fast schon zynische Selbstverständlichkeit, mit der die Autorin das Wort „Menschenmaterial“ verwendet. Manchmal liest sich dieser Text, als müsste die Autorin selbst ein gewisses Quantum Menschenverachtung aufbringen, um es mit ihrem ungeheuerlichen Thema aufnehmen zu können.

Sie sah kurz nach dem Zweiten Weltkrieg die Welt jederzeit in Gefahr, wieder dem Totalitarismus anheimzufallen. Ich habe mir beim Lesen oft gewünscht, sie wäre noch am Leben und könnte die Geschehnisse der letzten Jahrzehnte kommentieren. Sicher ist: Auch wenn heute an vielen Orten der Welt schlimme Dinge geschehen – vom industrialisierten Morden des früheren 20. Jahrhunderts sind wir immer noch sehr weit entfernt. Es gibt Autokraten, vielleicht sogar Diktatoren: Putin und Erdogan zum Beispiel. Trump hatte seinen Personenkult und ein riesiges Land. Dass er die Institutionen in den USA beschädigt hat, ist sicher. Wir können nur hoffen, dass er nun endgültig weg vom Fenster ist. Und China? Ich habe durchaus das eine oder andere über China gelesen. Und doch weiss ich darüber einfach zu wenig.

1000 Seiten Hannah Arendt

Ich habe viele Winterstunden damit verbracht, „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ von Hannah Arendt zu lesen. Das Buch hat in meiner Ausgabe* 1014 Seiten. „Warum liest Du so etwas?“ fragt ihr mich. Nun, ich habe es gelesen, weil ich Angst hatte und habe. Ich habe Angst, dass die USA aufhören könnten, ein Rechtsstaat zu sein. Ich hatte Angst davor, dass die Covidskeptiker in der Schweiz die demokratischen Institutionen überrennen. Ich fragte mich: Wird es jetzt wie damals, in den dreissiger Jahren? Und in diesem Buch suchte ich Antworten, denn Hannah Arendt fragte unmittelbar in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg: „Was war geschehen? Warum war es geschehen? Wie konnte es geschehen?“ (S. 630) Sie hatte die Zeit des Nationalsozialismus als Deutsche, als Jüdin, als Geflüchtete, als Staatenlose und als Intellektuelle erlebt. 1949 war die erste Fassung des Buches fertig. Man liest so etwas heute, um die Zeichen an der Wand zu sehen, falls sie denn da sind. Um mit verhindern zu können, dass „es“ wieder geschieht.

Arendt wird oft als Philosophin bezeichnet. Aber diesem Buch fehlt die formale Stringenz eines philosophischen Textes. Sie schreibt vielmehr als beredte Zeitzeugin, „mit dem rückwärtsgerichteten Blick des Historikers und den analytischen Eifer des Politologen“ (630). Sie schreitet ins Feld der Rechtsphilosophie und bedient sich bei Literaten von Rudyard Kipling bis Franz Kafka, um das Lebensgefühl der Menschen früherer Jahrzehnte zu schildern. Ihr Stil ist selbstbewusst, gar herrisch, zuweilen bitterböse sarkastisch und ziemlich anschaulich (wenn man den einen oder anderen 15 Zeilen langen Satz nicht fürchtet).

Und? Wie totalitarismusgefährdet sind wir tatsächlich? Gibt es darauf Antworten? Jein. Wenn man das Buch so liest, sieht man durchaus Zeichen an der Wand, sehr beunruhigende sogar. Aber ihre Genauigkeit ist auch eine ständige Ermahnung, aus ein paar unzusammenhängenden Zeichen an der Wand nicht wirre Sätze abzuleiten.

Wer das Buch zum ersten Mal liest, einfach so drauflos, wie ich das mache, dann fühlt sich der Leseprozess an wie der Weg durch ein langes, tiefes Dickicht. Kaum bin ich auf der anderen Seite herausgekommen, möchte ich dieses Dickicht nochmals durchdringen. Ich möchte das Gestrüpp am Weg sorgfältig auseinandernehmen und mir die Früchte einverleiben, die ich dort beim ersten Lesen lediglich gesehen habe. Damit ich gestärkt die Zeichen an der Wand interpretieren kann.

Früher habe ich episch über meine Reisen in ferne Länder geschrieben. Jetzt nehme ich Euch ein bisschen mit auf den Weg durch das Dickicht dieses Buches. Ich weiss nicht, ob Ihr mitkommen wollt. Aber für Euch hat es den Vorteil, dass ihr schon eine Ahnung habt, worauf ihr Euch einlasst, falls ihr Euch mal selbst auf den Weg durch dieses Dickicht machen wollt. Und falls ihr es zwar gerne lesen würdet, aber zu dick findet: Dann habt ihr wenigstens eine ungefähre Ahnung, was darinsteht.

Hannah Arendt: „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft – Antisemitismus, Imperialismus, totale Herrschaft“, Serie Piper, ungekürzte Taschenbuchausgabe, 7. AUflage, 2000.

Fünf Lieblingsbücher des Jahres 2021

39 Titel habe ich auf der Liste der Bücher vermerkt, die ich 2021 gelesen habe. Das sieht nach wenig aus. Aber es waren einige richtige Büchergiganten dabei. Wenn ich einen oder zwei dieser zentnerschweren Werke auf der Liste unten vermerke, dann tue ich es, weil sie meine Gedanken immer noch begleiten. Aber auch ein wenig aus Stolz darüber, dass ich sie tatsächlich geschafft habe. Beginnen werde ich jedoch mit einem vergleichsweise dünnen Band, der für mich gewichtige Fragen aufwirft:

Claudia Durastanti: „Die Fremde“, Paul Zsolnay Verlag, 2021, 256 Seiten
Die 38-jährige italienisch-englische Schriftstellerin schreibt unter anderem über ihre Eltern, die beide gehörlos waren. Es ist ein schonungsloses, bisweilen grausames Buch, jenseits aller Gebärdensprach-Klischees. Über ihren Vater steht da: „Dann nahm er eines Tages eine junge Frau in den Arm, und er entdeckte, dass er sein ganzes Leben lang nach einem Menschen gesucht hatte, der ihm glich. Einem Menschen, der die Behinderung nicht mit Mut oder Würde, sondern mit Leichtsinn meistern wollte.“ Dann machen sich der junge Mann und die junge Frau zusammen auf eine Reise, bei der sie alle Regeln des umsichtigen Benehmens in den Wind schlagen. Aber ist das dann wirklich Liebe oder oder vielleicht doch vor allem geteiltes Schicksal? Ich habe mir da noch keine abschliessende Meinung gebildet.

Bernardine Evaristo: „Girl, Woman, Other“, Penguin Paperback, 2020, 453 Seiten
Pures Leseglück, in einem starken, zeitgenössischen Englisch, mal sehr lustig, mal wütend, mal geradezu hymnisch. Ich zögerte lange, es zu lesen, weil es in einer Art Versform geschrieben ist und beinahe ohne Satzzeichen auskommt. Aber lasst Euch davon nicht abschrecken – es ist einfach wunderbar. In lockerer Form beschreibt es die Lebensgeschichten von 12 Frauen im Vereinigten Königreich, fast alle schwarz, viele lesbisch, eine transsexuell. Alle Figuren überschreiten Grenzen, die der Rassismus, das Klassensystem oder ihr Geschlecht ihnen setzen. Und dann setzt Evaristo nach 453 Seiten eine grossartige Schlusspointe. Sollte ich 2022 etwas trübsinnig werden, werde ich es nochmals lesen.

Hannah Arendt: „Eichmann in Jerusalem“, Piper Verlag, 17. Auflage März 2021, 438 Seiten
Ich preschte im Juni in fünf Tagen durch dieses Buch, als wir auf einem idyllischen Campingplatz im Jura festsassen. Das heitere Wetter und Blick auf den ruhig dahinziehenden Fluss machte die präzisen Schilderungen der Judenvernichtung im Buch gerade noch erträglich. Ich las den Klassiker über Adolf Eichmann, den Logistiker des Genozids, weil mich meine eigenen Gewissensqualen umtrieben: Im Verlauf der Pandemie war ich mit meinem kleinen Büro wider Willen ein Kommunikationszentrum der Covidskeptiker geworden. Gebunden vom Recht auf freie Meinungsäusserung konnte ich nichts dagegen tun. Ich hatte schier unerträgliche Halbwahrheiten und Verdrehungen zur Veröffentlichung gebracht. Konnte ich es mit meinem Gewissen vereinbaren, auf einem solchen Job sitzen zu bleiben? Eine schlüssige Antwort bekam ich nicht von Arendt, aber einen Hinweis: Auf das Gewissen zu hören, ist nie verkehrt. Wie es mit meinem Job weitergegangen ist, erzähle ich ein andermal.

Ayad Akhtar: „Homeland Elegies“, Tinder Press, 2020, 343 Seiten
Vor ein paar Wochen kontaktierte mich ein junger Mann, nennen wir ihn Kemal Abdul. Er sei Kochlehrling und schreibe an einer Diplomarbeit über „Manipulation in den Medien“, erklärte er. Er wolle eine Zeitungsfrau treffen. „Ok“, dachte ich und lud in für ein Gespräch in unsere Betriebscafeteria ein. Der ganze Austausch fand in E-Mails statt, ich telefoniere ja nur, wenn es nicht anders geht. Am Morgen vor unserem Treffen kündigte Herr Abdul an, er werde einen Kollegen mitbringen. Da passierte etwas Merkwürdiges in meinem Kopf: Plötzlich bekam ich Angst, die beiden seien Terroristen und wollten sich gewaltsam Zugang zu unseren Büros verschaffen. Das ist nicht gänzlich lachhaft, ich habe auch schon gewaltbereite Leute in der Cafeteria empfangen. Meine Phantasie machte wilde Sprünge. Dann erinnerte ich mich an eine Szene im Buch von Ayad Akhtar. Er schildert dort die Begegnung seines literarischen Alter Ego mit einem Polizisten in einem Kaff in den USA. Der Ordnungshüter liest den Namen Ayad Akhtar in seinem Führerschein und hält den völlig unschuldigen Sohn pakistanischer Einwanderer sofort für einen Terroristen. Von da an gehen die Dinge schrecklich schief. „Nein, ich bin nicht wie dieser Polizist“, dachte ich. Aber ich schrieb Herrn Abdul, pandemiebedingt möchte ich ihn alleine treffen. Später ging ich entschlossen in die Cafeteria, um einem 23-jährigen Jungen mit geradezu kindlich unschuldigen Augen die Hand zu schütteln. Seither und seit der Lektüre dieses Buches habe ich oft versucht, die Dinge aus der Sicht von Migranten zu sehen, wenn ich nicht ganz gelungene Begegnungen mit einem von ihnen hatte. Der Roman ist ausserdem ein Festessen für literarische Gourmets, vielschichtig und überaus reich an sprachlichen Finessen.

Fernando Pessoa: „Das Buch der Unruhe des Hilfbuchhalters Bernardo Soares“, Fischer Taschenbuch, 8. Auflage, November 2019, 573 Seiten
Was soll ich sagen? Ich habe über dieses Buch hier und hier geschrieben. Es hat mich mehr als zwei Monate lang beschäftigt. Pessoa lässt darin den Hilfsbuchhalter Bernardo Soares erzählen – über seine Stadt, sein Leben, seine Seele. Wir lernen viel, unter anderem, dass auch kleine Hilfsbuchhalter eine unermesslich grosse Seele haben.

Der Journalist

Zwischen 2014 und ungefähr 2017 habe ich versucht, einen Roman über den Niedergang des Zeitungsbranche zu schreiben. Ich hielt das für eine gute Sache, die Zeitungen stehen ja exemplarisch für ganze von der Digitalisierung weggefegte Geschäftszweige. Ich habe die Geschichte nie fertiggeschrieben – dazu war ich viel zu verliebt in meine Protagonisten, und so wurde der Stoff uferlos. Aber selbstverständlich musste ich den Roman von Artur Kilian Vogel lesen. Denn Vogel erzählt die Geschichte von Pirmin Strittmatter, einem Chefredaktor, dessen Zeitung wegfusioniert wird. Mal schauen, wie Vogel das macht, dachte ich.

Da sitzt Strittmatter also am Tag vor dem Erscheinen der letzten Zeitung und beobachtet vom Chefsessel aus das grosse Lichterlöschen auf seiner Redaktion. Seine nun entlassenen Leute kommen vorbei, um sich zu verabschieden: der ehrgeizige Katz, der auf einer Verwaltungsstelle seine lukrative Rettung gefunden hat. Der hölzerne Herbrand, Chef der Lokalredaktion, den Strittmatter nie gemocht hat. Und die talentierte und attraktive Patty, der er gerne seinen Chefposten vermacht hätte. Er beschreibt dies alles so anschaulich, dass es mir vorkam, als wäre Vogel bei jener Zeitungsfusion in den neunziger Jahren dabeigewesen, die auch ich erlebt habe. Das war er mit Sicherheit nicht. Aber Vogel war selbst Journalist, sogar Chefredaktor bei beim Berner Bund, der heute nur noch als Schatten seiner selbst existiert. Vogel skizziert seine Figuren und die ökonomischen Verhältnisse sachlich und mit einer packenden, ungekünstelten Sprache. Viel besser als ich selbst es gekonnt hätte.

Strittmatter trinkt Wein und lässt sein eigenes Leben Revue passieren, besonders seine gescheiterte Liebe mit der fernen Sidonie (mit angetrunkenem Selbstmitleid) und seine Journalisten-Karriere (mit nostalgischer Selbstironie). Da gibt es zahlreiche lebhafte Skizzen eines Métiers, und manchmal dachte ich: Ja, genauso ist es gewesen. So war die Welt wie wir Print-Journalistinnen und -Journalisten sie gesehen haben.

An einer einzigen Stelle protestierte ich innerlich. Strittmatter denkt auf Seite 144: „Wahrscheinlich werden Polizisten mit den Jahren zynisch; anders wäre gar nicht zu ertragen, was sie zu sehen bekommen. Bei Journalisten ist es ähnlich.“ Das ist ein unter Journalisten verbreiteter Gemeinplatz, den ich früher auch gerne gebraucht habe. Aber dann begann ich einer meiner Deutschschülerinnen bei ihrer Ausbildung in der Altenpflege zu helfen. Damals bekam ich eine Ahnung davon, wie es ist, wenn man täglich mit Menschen zu tun hat und das schwer zu Ertragendes zusammen mit ihnen aushalten muss: Inkontinenz, Dekubitus, Depression, Tod. Altenpflegerinnen und -pfleger haben jedes Recht, zynisch zu sein. Journalistinnen und Journalisten meiner Generation sind dagegen papierene Geschöpfe. Unser Gelächter ergibt sich aus der schwindelerregenden Flut von Agenturmeldungen und Medienmitteilungen, die täglich auf uns einprasseln; ein ständiges Aufeinandertreffen von reiner Idiotie und dem Tod von Tausenden, aber alles aus sicherer Distanz. Wir behalten unseren Zynismus besser für uns.

Nun, Strittmatter ist ein anderes Kaliber, er kennt den Tod nicht nur aus Agenturmeldungen. Als Reporter hat er den Krieg im Nahen Osten gesehen und andere Katastrophen auf fernen Erdteilen – ungefähr die Hälfte des Buches ist seinen Erlebnissen dort gewidmet. Es sind nicht zuletzt die Erinnerung an diese Katastrophen, die verhindern, dass der 63-Jährige sich über seine vorzeitige Pensionierung auch ein wenig freuen kann. Ich muss gestehen: Ich verzeihe es Strittmatter nicht ganz, dass er seinen Selbstmitleid nicht überwindet. Aber Vogel bin ich dankbar, dass er einen gut informierten Blick auf unser sterbendes Métier geworfen hat. Vielleicht kann ich selbst den Stoff nun endlich zur Ruhe legen.