Zahlreiche Behauptungen der Erzählerin von Marlen Haushofers «Mansarde», sind wenig plausibel. Zum Beispiel, dass ihr Hörverlust auf beiden Ohren vollständig ist und innerhalb von wenigen Sekunden eintritt. Aber ich lasse ihr das durchgehen, denn wir haben es hier mit einer Ich-Erzählerin zu tun und Ich-Erzählende sind bekanntlich unzuverlässig. Sie übertreiben, färben schön, spitzen zu und legen Dinge zu ihren Gunsten oder Ungunsten aus, ganz nach ihren Bedürfnissen.
Eins finde ich jedoch inakzeptabel: dass die Erzählerin uns eine schlagartige, vollständige Heilung nach zwei Jahren Gehörlosigkeit weismachen will. Und dass diese Heilung noch dazu mitten in einer bedrohlichen Begegnung mit einem Mann stattfindet, in einem Zustand höchster Angst. Genau in diesem Moment erholt sich plötzlich ihr Gehör.
Hey, so funktionieren Ohren nicht! Normalerweise empfiehlt man Patienten mit akuten Hörproblemen zwecks Genesung nicht Angst und Schrecken, sondern Ruhe. Bei mir selbst – und ich habe mein Gehör unzählige Male verloren und wiederbekommen – bewirkten Stress oder Schock nie eine Besserung, sondern, wenn schon, eine Verschlechterung.
An dieser Schlüsselstelle verweist die Erzählerin die Gehörlosigkeit eindeutig ins Reich der Psychosomatik, des Fantastischen, der schlecht recherchierten Metaphern. Die Stelle liest sich, als würde in Sekundenschnelle die Erkenntnis über die Protagonistin hereinbrechen, dass eine Rückkehr zu ihrem Mann ihre einzige Option ist. Und schon fügen sich die zickigen Innenohren und ihre Besitzerin wird wieder tauglich für den Dienst an der Familie (wenn auch mit erheblichen Ressentiments). Hier lässt die Erzählerin sich selbst im Stich, und ich verstehe nicht, warum. Auch als tatsächlich hochgradig schwerhörige Person fühle ich mich im Stich gelassen. Wer wird eine Schwerhörigkeit noch für voll nehmen, wenn er so etwas gelesen hat?
An dieser Stelle muss ich all jene um Nachsicht bitten, die nach meinen letzten zwei Thesenbeiträgen lesen wollten, dass Marlen Haushofer ein starkes, rundum überzeugendes Buch geschrieben hat. Die sich vergewissern wollten, dass die Frau 1969 auch bei der Schilderung einer Krankheit ihrer Zeit voraus war. «Die Mansarde» ist ein starker Roman. Aber nicht rundum überzeugend.
Die Protagonistin von Marlen Haushofers Roman «Die Mansarde» wird nach ihrer plötzlichen Ertaubung aufs Land geschickt und wohnt im Haus eines Jägers. Hier schreibt sie ein Tagebuch und findet darin eindrückliche Bilder des Selbstverlustes. Zum Beispiel: «Der Jäger schien mir von Tag zu Tag mürrischer, und einmal schlug er seinen Hund besonders arg. Der Hund heulte, er heulte lautlos, und das war so entsetzlich, dass ich mich in mein Bett verkroch und weinte. Vielleicht heulte ich ebenso laut wie der Hund.» (133)
Sie kann also weder den Hund noch sich selbst heulen hören. Vielleicht deshalb versucht sie nicht, den Jäger zu stoppen. Sie geht nicht einmal selbst in den Dorfladen, denn sie traut sich in ihrem Zustand nicht unter die Leute. Ich kann das sehr gut nachvollziehen. Ich habe nach Beginn meiner Menière-Erkrankung Jahre gebraucht, bis ich wieder vor Publikum zu sprechen wagte. Und für peinliche Schwerhörigen-Erlebnisse in der Bäckerei siehe hier. Wenn ich starke Hörnachlässe hatte (die sich meist innerhalb weniger Stunden einstellten), verlor ich Teile meines Raumgefühls, stiess mich an Türfallen und Hausecken.
Die Protagonistin betrachtet ihre Abschiebung aufs Land als Verrat ihres Mannes und seiner Mutter. Sie sieht ihre Ertaubung aber auch selbst als eine Art moralisches Versagen: «Wenn Hubert eine Existenz aufgebaut hat, will er eine Wohnung suchen und mich zurückholen. Vorausgesetzt, dass ich mich bewähre und wieder hören kann.» (S. 57) An dieser Stelle muss ich es einfach einmal laut und deutlich sagen: Einer Ertaubung ist mit Willenskraft nicht beizukommen. Auch wenn man es als Spätertaubte natürlich immer wieder versucht.
Auch finde ich: Wir sollten bei der Interpretation dieser seltsamen Störung im Leben der Protagonistin nicht zu weit suchen. Sie muss kein phantastisches Element sein, wie es die Wand in Haushofers Roman von 1963 ist. Gehörlosigkeit ist für sich selbst verstörend genug.
Gleichzeitig muss ich zugeben: Es gibt Stellen, wo die Erzählerin meine Gutgläubigkeit stark strapaziert. Aber dazu mehr in meinem nächsten Beitrag.
Marlen Haushofer: «Die Mansarde», Claassen Verlag, Berlin 1969
Kürzlich habe ich «Die Mansarde» von Marlen Haushofer gelesen, einen österreichischen Klassiker aus dem Jahre 1969. Ich habe hier die Bedeutung des Buches für den Feminismus gewürdigt. Doch die temporäre Gehörlosigkeit der Erzählerin liess mir auch danach keine Ruhe. Ich hielt sie zunächst für eine nebulöse Metapher für etwas Schreckliches, was die Erzählerin nicht benennen will. Dann entschied ich: Ich nehme sie jetzt wörtlich und pflüge den Text nochmals durch. Was ich nun sah, veränderte meine Meinung über die Protagonistin. Denn es erinnerte mich frappant an meine ersten Jahre als Menière-Patientin.
Die Erzählerin hat eine Kindheit in grosser Isolation und den Zweiten Weltkrieg unbeschadet überstanden, den jungen Anwalt Hubert geheiratet und einen kleinen Sohn. Und dann ertaubt sie aus scheinbar nichtigem Anlass: «Die Feuerwehrsirene, oder was auch immer es war, heulte, und ich schrak aus dem Schlaf auf und konnte Huberts Stimme nicht mehr hören.» (S. 201).
Und? Was fehlt ihr? Nun, die Ärzte versichern ihrem Mann lediglich, es liege «nichts Organisches» vor (S. 57). Das bedeutet jedoch genau nichts. Denn die organischen Ursachen für Hörnachlässe im Innenohr sind bis heute nicht restlos geklärt. Die Ohrenärzt*innen verlassen sich bei der Diagnose auf Hörtests. Diese dokumentieren die Hörf(un)ähigkeit, sagen aber nichts über den Zustand des betroffenen Organs aus. In meinen Spitalberichten war noch im Jahr 2000 nach ausführlichen Tests zu lesen: «Verdacht auf Hörsturz». Eine wirksame Behandlung gab es auch nicht. Das war alles sehr frustrierend, denn der Hörverlust war real und in den ersten Jahren ungeheuer furchterregend.
Ganz nebenbei werden in dieser Passage auch noch die Rechte der Patientin mit Füssen getreten. Sie selbst müsste über ihren Zustand informiert werden, nicht ihr Ehemann. Aber, gut, die Geschichte spielt kurz nach dem Krieg. Da waren Patientenrechte noch Zukunftsmusik.
Schliesslich machen die Ärzte eine für die Protagonistin besonders abwertende Unterstellung: «Ich hätte nur vergessen, wie man hört», sollen sie ihrem Mann gesagt haben (S. 57). Heisst wohl: «Das ist alles psychosomatisch, lassen Sie uns damit in Ruhe!» Es gab auch vor 25 Jahren noch Ohrenärzte, die sich zu derartigen Aussagen verstiegen. Zu mir sagte ein Mediziner im Jahr 2000, Hörstürze würden oft bei ängstlichen Naturellen (wie mir) auftreten. Dass ich danach erbost den Arzt wechselte, war für ihn wohl auch psychosomatisch. Ich hoffe, dass es heute keine solchen Ärzte mehr gibt.
Plötzlich schämte ich mich der Protagonistin gegenüber. Da war ich beim ersten Lesen selbst auf die Vernebelungstaktik der Ärzte hereingefallen und hatte sie nicht so recht ernst genommen. Dabei hätte ich es besser wissen können! Ich verstand plötzlich wenigstens ein wenig besser, warum sie ein derart abweisendes Verhältnis zur Welt hat.
Marlen Haushofer: «Die Mansarde», Claassen Verlag, Berlin 1969
Blick in die Berge: Die viereckige Firnfläche oben auf dem Berg in der Bildmitte heisst Vrenelisgärtli. (Quelle: Wikipedia).
Als ich meinen Vater (86) vor drei Wochen im Talgrund besuchte, merkte ich, dass er eine belegte Stimme hatte. Ich war alarmiert, wenn auch nicht übermässig. Ich meine: Er hatte seit 2023 mehrere Lungenentzündungen durchgemacht und sich immer wieder erholt. «Ich will neunzig werden», sagte er, als er sich im Talgrund eingelebt hatte.
Es ging ihm schnell schlechter. Als ich ihn Montag besuchte, lag er schwer atmend im Bett und sprach undeutlich. Ich fragte, ob ich ihm überhaupt noch vorlesen solle wie üblich. Er nickte: «Ja, machen wir das Buch fertig», sagte er.
Ich las aus «Quatemberkinder» von Tim Krohn. Der Roman erzählt, wie der Melk und das Vreneli tief im Glarnerland einander lieben und doch nicht zusammenkommen können. Ich war auf Seite 154. Unwahrscheinlich, dass ich es diesmal bis zum Schluss schaffen würde. Der Roman hat 210 Seiten. Ich muss erwähnen, dass die Geschichte beim Vorlesen Längen hat. Doch die zahlreichen Schweizerdeutschen Einsprengsel hatten meinen Vater und mich immer wieder zum Lächeln gebracht.
Auch auf Seite 154 hat Melk mal wieder vergessen, dass er eigentlich zum Vreneli gehört. Als er endlich ins Tal zu ihr zurückkehren will, sind drei Jahre verflossen wie eine einzige Nacht. Das Vreneli ist verschwunden.
Mein Vater lag da und horchte mit geschlossenen Augen.
Auf Seite 165 erfährt der Melk, was mit dem Vreneli passiert ist: Sie hat während seiner Abwesenheit ein Kind geboren, Melks Kind. Aber das kleine Geschöpf schläft eines Tages einfach ein «und vertwachte nicht mehr». An dieser Stelle musste ich mich zusammennehmen, damit mein Vater nicht merkte, wie brüchig meine Stimme war.
Das Vreneli beginnt nun wie von Sinnen, hoch am Glärnisch im Schneefeld ein Gärtli anzulegen, das Vrenelisgärtli eben, und verschwindet eines Tages in einem Sturm. Wie ich nun vorlas, dass der Melk das Vreneli zunächst verzweifelt sucht und immer wieder von ihm träumt, kämpfte ich heftig mit meiner ungehorsamen Stimme. Ich kam noch bis Seite 168, ans Ende des Kapitels, dann schloss ich das Buch und verabschiedete mich. Draussen kamen mir die Tränen.
Ich freue mich ausserordentlich, Mitglied einer kleinen Lesegruppe zu sein. Sie besteht aus sechs Frauen. Sobald ich Zeit habe, werde ich ihnen allen für diesen Blog Nicks von Frauenfiguren aus der Weltliteratur geben. Für den Moment müssen Initialen genügen. Unsere erste Diskussion drehte sich um «Abschied(e)» von Julian Barnes. Wir stellten fest: Wir hatten beim Lesen gelacht, hatten uns teils fast wie im Zwiegespräch mit dem Autor gefühlt, hatten uns dann und wann gefragt: Warum erzählt er mir das jetzt? L. war befremdet darüber, dass Barnes sehr offen über einen Mann und eine Frau schreibt, die er gekannt haben will. Die beiden, Stephen und Jean, lernen sich durch Barnes kennen, verlieben sich zweimal, heiraten beim zweiten Mal sogar. Da sind sie schon um die 60. Autor/Erzähler Barnes muss den beiden schwören, nicht über sie zu schreiben. Aber dann sterben beide und er tut es doch.
So offen über Bekannte oder auch die Familie zu schreiben, das sei «unethisch», fand L. Dabei war sie sich sehr wohl bewusst, dass Barnes Stephen und Jean möglicherweise frei erfunden hat. Sie meinte es allgemein: Ein Autor/eine Autorin darf jene, die ihm nahe stehen, nicht an der Öffentlichkeit blossstellen.
Nach guten Buchclub-Diskussionen gehen mir oft Dinge durch den Kopf, die beim Treffen gerade nicht präsent hatte. Gestern erinnerte ich mich, dass Barnes in «Abschied(e)» auch sagt: In jüngeren Jahren habe er es sich zur Regel gemacht, «zu schreiben, als ob seine Familie tot wäre, obwohl sie es nicht war (und ich das auch nicht wollte).» Er habe es getan, um seine Bücher «so gut wie möglich» zu machen (S. 147).
Er erklärt nicht, was er mit «gut» meint. Wir können aber sicher sein, dass er seine Romane nicht geschrieben hat, um seine Verwandtschaft der Sensationslust seines Publikums preiszugeben. Sicher ist: Das Buch ist auch die Lebensbilanz eines mittlerweile 80-jährigen, erfolgreichen Schriftstellers. Es dreht sich durchaus um die Frage, was Schreibende ihrer Leserschaft überhaupt geben. Es ist eine Frage, die mich zurzeit auch als Bloggerin sehr beschäftigt.
Julian Barnes: «Departure(s)», London, Jonathan Cape, 2026. Die Übersetzung des Zitats ist von mir, die deutsche Ausgabe heisst «Abschied(e)».
2025 habe ich gelesen, als würde es 2026 verboten. 58 Titel stehen auf meiner Liste der im ablaufenden Jahr verschlungenen, durchgearbeiteten, überflogenen Bücher. «Warum zählst du sie bloss? Lesen ist doch kein Leistungssport», sagt manchmal eine leise Stimme zu mir. Sie scheint nicht mehr zu wissen, dass ich in meinen orientierungslosesten Jahren zwischen 1986 und 1993 ein Literaturstudium absolviert habe. Damals hätte ich 28 Stunden am Tag lesen können und es wäre einfach nie genug gewesen. Ich verbrachte jene Jahre in lähmender Verzweiflung über mein viel zu bescheidenes Lesepensum. Erst, als ich vor zehn Jahren aufzulisten begann, was ich gelesen hatte, merkte ich, dass ich eigentlich ganz schön viel schaffe, und das durchaus mit Glücksgefühlen. Was das Hirn – oder gegebenenfalls die Seele – mit dem Stoff machen, ist eine andere Frage. Aber sicher ist: einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben diese fünf Titel, die ich auch weiter empfehlen kann:
Charles Ferdinand Ramuz: «Derborence» Wie viele Lesende aus der Deutschschweiz habe ich das Literaturschaffen aus der französischsprachigen Schweiz mein ganzes Leben lang sträflich ignoriert. Zum Glück entdeckte ich im Sommer nicht nur das im 18. Jahrhundert von zwei grossen Bergstürzen verschüttete Bergtal Derborence (hier mehr darüber). Sondern auch den 1934 erschienenen Roman über eine dieser Katastrophen. Sie forderte das Leben sämtlicher Älpler, die gerade ihre Kühe und Schafe dort oben hirteten – mit einer Ausnahme (aber lest selber). Hoch dramatische und sprachgewaltige Schilderungen der Naturgefahren und der Menschen, die mit ihnen leben – und manchmal sterben. Einer der besten Schweizer Romane, die ich kenne, auch in der Übersetzung.
Limmat Verlag, erschienen 2020 übersetzt von Hanno Helbling, 200 Seiten
Percival Everett: «James» Wer als Jugendliche begeistert Mark Twain’s «Abenteuer des Huckleberry Finn» verschlungen hat, sollte diesen Roman aus dem Jahre 2024 nicht verpassen (ich habe hier schon darüber berichtet). Everett erzählt (fast) dieselbe Geschichte wie Twain, aber aus der Perspektive von Huck’s Begleiter, dem entlaufenen Sklaven Jim, nun James. Bei Mark Twain brüstet sich Huck gerne damit, dass er seinem einfältigen Begleiter wieder und wieder die Schwarze Haut rettet. In Everett’s Roman zeigt sich, dass die vorgebliche Einfältigkeit des Ex-Sklaven eine Überlebensstrategie ist. James ist blitzgescheit, spottet im Roman seinerseits liebevoll über seinen naiven Begleiter Huck und rettet ihm mehrmals die Haut. Der Roman hat einen ähnlich heiteren Ton wie jener von Twain. Aber hier geht es um das todernste Thema Sklaverei, und der Schluss ist nichts für Zartbesaitete. Setzt dem Amerika von Donald Trump die Stimme eines Schwarzen Autors entgegen.
Blessing Verlag, 336 Seiten, übersetzt von Nikolaus Stingl
Thomas Mann: «Buddenbrooks» Junge Leute kokettieren ja gerne damit, dass sie diesen Vater aller deutschen Familienklassiker (erschienen 1901 und ein grosser Bestseller) schon noch lesen werden, wenn sie mal Zeit haben. Sie sollten es möglichst schnell tun, denn unglückliche Liebe zwischen Tony Buddenbrook und Morten Schwarzkopf am Strand von Travemünde mutet heute noch zärtlich und traurig an (hier mehr darüber). Für ältere Semester zum Pageturner wird das Buch da, wo der letzte Chef der Firma Buddenbrook den nahenden Tod spürt und mit der Frage ringt, was danach kommt.
S. Fischer Verlag, 1989, 68. Auflage, 848 Seiten
Edward W. Said: «Orientalismus» Ein pro-israelisch gesinnter Freund von mir hob tadelnd seine linke Augenbraue, als ich ihm von meiner September-Lektüre erzählte. Edward Said (1935 bis 2003), in Jerusalem geborener, arabischstämmiger Literaturkritiker, ist wegen seines politischen Engagements für die Palästinenser vielen Freund*innen Israels ein Dorn im Auge. Ob zu recht oder nicht, das kann ich nicht beurteilen. Denn «Orientalismus» ist nur sehr am Rande über Israel. Der postkolonialistische Klassiker (erschienen 1978) zeigt vielmehr am Beispiel der orientalistischen Schriften aus Frankreich und England der vergangenen Jahrhunderte, wie man nicht über Länder und Kulturen schreiben sollte, denen man beim Reisen begegnet. Das ist akademisch, aber relativ leicht lesbar und stellt in oft polemischem Ton die Haltung des Westens gegenüber den einstigen arabischen Kolonien in Frage – und es weitet den Blick.
S. Fischer Verlag, 2009, übersetzt von Hans Günter Holl, 464 Seiten
Katja Petrowskaja: «Das Foto schaute mich an» Die in der Ukraine geborene, deutsche Schriftstellerin begann 2015 für die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ kurze Bildbetrachtungen zu schreiben. Oft wählte sie Fotos mit Aktualitätsbezug, zum Beispiel während der Flüchtlingskrise, dann wieder sind es Bilder, die den Blick Richtung Osteuropa lenken, sogar Familienfotos. Das Buch, das ich von meiner Freundin Ela zum Geburtstag geschenkt bekam, ist eine Sammlung dieser Texte und Bilder. Petrowskaja verbindet in den Texten mit leichter Hand Privates mit Weltgeschichte und streut da und dort eine kunsttheoretische Bemerkung ein. Beim Lesen übte ich, Fotos genauer anzuschauen.
Bibliothek Suhrkamp, erscheinen 2022, 256 Seiten, mit vielen Abbildungen.
Eine Freundin berichtete mir, sie versinke gerade in Leo Tolstois «Anna Karenina» als Hörbuch, es sei wunderschön. Da begann ich kürzlich spontan, den Roman zum zweiten Mal zu lesen. Beim ersten Mal war ich noch nicht 20 Jahre alt und sah in der Geschichte der russischen Ehebrecherin Anna vor allem eine Blaupause für meine eigenen Dreiecksbeziehungen. Je mehr ich mich heute wieder in diesen Text versenke, desto sicherer bin ich, dass ich das Buch damals nicht sehr genau gelesen habe. Ich suchte darin wohl einfach eine Rechtfertigung für mein Verhalten, das ich heute, mit 60, nicht untadelig finde – aber besser verstehe als damals.
Das Buch ist 975 Seiten stark, man kann es also nicht einfach in zwei, drei Abenden weglesen. Und schon der erste Satz bietet reichlich Stoff zum Nachdenken: «Alle glücklichen Familien ähneln einander; jede unglückliche aber ist auf ihre eigene Art unglücklich.» Wenn wir im 21. Jahrhundert das Wort «Familie» denken, dann denken wir: Mutter, Vater, Kinder. Doch Tolstoi schreibt vorerst nur wenig über Kinder, dafür viel über Mütter und Väter und Charaktere, die es vielleicht noch werden. Wie also hat Tolstois Erzähler das gemeint? Will er uns einfach sagen, dass er sich hier an unglücklichen Menschen abarbeiten wird, weil die glücklichen nicht interessant genug sind?
Mit 20 hätte ich geschworen, dass ich aus einer unglücklichen Familie komme. Meine Eltern hatten ernste Probleme, über die ich mich gerade lieber ausschweige. Und weil sich die meisten Leute gerne über ernste Familienprobleme ausschweigen, war ich damals überzeugt: Wir sind die einzigen, die in einer solchen, mir damals fast unerträglichen Lüge leben. Je mehr ich lese und erlebe, desto klarer wird mir: Wenn man zum Gradmesser nimmt, dass Eltern Streit, Dreiecksbeziehungen, Suchtprobleme, schwierige Geldprobleme oder psychische und andere Krankheiten haben, dann gibt es keine glücklichen Familien, sondern nur unglückliche. Dann wäre «glückliche Familie» ein Oxymoron, ein Widerspruch, ein unerreichbares Ideal.
Nein, so bösartig kann Tolstoi nicht gewesen sein, denke ich. Vielleicht wollte er uns zum Nachdenken darüber anregen, was eine glückliche Familie ist. Ich dachte nach und wage mal eine provisorische Definition: Glückliche Familien sind jene, die sich von Widrigkeiten nicht zerstören lassen. Familien, die Unglücke überwinden und dabei so biegsam und liebevoll bleiben, dass sich in ihnen auch jene dauerhaft geborgen fühlen, die sich vielleicht nicht ganz untadelig verhalten oder denen das Glück nicht auf Schritt und Tritt folgt.
Das gibt nicht nur eine Richtlinie für die Tolstoi-Lektüre, sondern auch für das nahende Weihnachtsfest.
Leo Tolstoi: «Anna Karenina», dtv, München, 18. Auflage, 2008; aus dem russischen übersetzt von Fred Ottow
Gerade lese ich den Roman «Flimmern im Ohr» von Barbara Schibli. Die Protagonistin, Priska, ist hochgradig schwerhörig und hat sich eine Innenohrprothese, ein so genanntes Cochlea-Implantant (CI) machen lassen. Sie will wieder Musik hören. Besonders Punk, denn die Mittvierzigerin will das Lebensgefühl ihrer jungen Jahre zurück. Aber nach den ersten Versuchen ist sie enttäuscht, und so versucht die Therapeutin, Priskas Blickfeld zu erweitern. «Was würden Sie denn gerne wieder hören können? Das muss nicht zwingend Musik sein», sagt sie. Es ist, als würde sie mich fragen. Ich bin auch hochgradig schwerhörig und werde bald ein CI bekommen.
Was für eine anstrengende Frage, denke ich. Ich meine, klar: Am liebsten würde ich zehn Meter von mir entfernt in einem Raum mit Parkettboden eine Stecknadel zu Boden fallen hören und hätte dann wieder dieses göttliche Raumgefühl, das man hat, wenn man so etwas hört. Und ich möchte natürlich den Parkett knarzen hören und zwar scharf und präzis. Ich möchte, dass Kammermusik nicht mehr wie Katzenmusik klingt, und ich möchte nach dem Kammermusik-Konzert mit jemandem plaudern und das Knarzen des Parketts und die Stimme meines Gegenübers auseinanderhalten können. Und vor allem möchte ich nach einem solchen Anlass nicht immer todmüde sein. Ich möchte in eine Bäckerei gehen und ein Brötchen kaufen können, ohne mich schon vor der Tür zu ängstigen, weil ja jedesmal etwas schiefgeht bei einem Verkaufsgespräch in der Bäckerei. Aber das sind vermessene Träume, das weiss ich.
Man hat mir früh zu verstehen gegeben, dass ich mir beim CI nicht allzu kühne Hoffnungen machen soll. Das CI macht aus einer fast gehörlosen Person eine schwerhörige Person, hat man mir gesagt. Musik? Schwierig. Und vielleicht würde die schiere Grossartigkeit von Musik mich sowieso komplett überwältigen. Ich glaube, es würde mir schon reichen, wenn nach einem Tag mit Brötchenkaufen und Gesprächen und Katzenmusik nicht immer so erschöpft wäre.
Hier, im Schloss Muzot, lebte der Dichter Rainer Maria Rilke 1920 bis zu seinem Tod 1926.
Nach dem Ersten Weltkrieg war Rainer Maria Rilke zutiefst verstört. Der Dichter wollte schreiben, aber es gelang ihm nichts. 1919 verliess er München, wo er während des Krieges gelebt hatte und begann, ruhelos in der Schweiz umherzureisen, die er zunächst nicht besonders mochte. Dann entdeckte er das Château de Muzot oberhalb von Sierre, in Veyras. Es war gewiss kein Luxusschloss, die Einrichtung war rudimentär. Aber er liebte Gegend (hier mehr dazu) und fand einen Mäzen, der es für ihn erwarb. Er konnte gratis unter dem alten Dach leben und schrieb dort seine letzten, grossen Werke.
Am 23. Juni pilgerten wir hinauf zu dem Gebäude, in dem er unter Ächzen und Stöhnen in wenigen Tagen die „Duineser Elegien“ und „Sonnette an Orpheus“ vollendete (so überliefert es der Schweizer Journalist Jean-Rodolphe von Salis). Wir mühten uns durch ein Tal mit Reben hangaufwärts, es war schwülheiss, Gewitter lagen in der Luft. An der Strasse sah ich einen wohl vom Blitz gespaltenen Kirschbaum, zerborsten, aber über und über voller roter Früchte. Das hätte Rilke gefallen, dachte ich, ein Kirschbaum, der im Sterben alles gibt, um sich der Welt zu geben.
Als wir den Muzot erreichten, begann es zu regnen. Hinein kann man nicht, das Schloss ist in Privatbesitz. Aber daneben steht eine kleine Kirche, Rilke liess dort kurz vor seinem Tod noch Renovationsarbeiten durchführen. Unter ihrem Vordach picknickten wir, bis der Regen aufhörte.
Herr T. kann nicht viel mit Lyrik anfangen. Aber später, wieder in unserer Ferienwohnung, nahm ich das 1905 erschienene „Stundenbuch“ aus meinem Gepäck, blätterte, das Wort „Turm“ stach mir ins Auge und ich las vor:
Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.
Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang;
und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang.
Wie fühlt es sich an, in normalen Gesprächen gesprochene Sprache schlecht zu verstehen? Und warum fragen wir Schwerhörigen oft nicht nach, wenn wir im Gespräch nicht mitkommen? Ich habe mich schon oft gefragt, wie ich Euch das erklären könnte. Dann stiess ich bei Walter Benjamin auf folgendes französische Gedicht und merkte: Das ist ein Beispiel, an dem ich es vielleicht bildhaft zeigen kann.
Car il me plaist pour toy faire ici ramer Mes propres avirons dessus ma propre mer, Et de voler au Ciel par une voye estrange, Te chantant de la Mort la non-dite louange.“
Pierre Ronsard: Hymne de la Mort
A Louys des Masures
Ich beherrsche die französische Sprache wahrscheinlich etwa auf dem Niveau B2, der Text gibt mir ähnlich viele Rätsel auf wie manche deutschsprachige Gesprächsfetzen, die ich am Alltag so mitbekomme. Ich scheitere schon im ersten Vers: Was heisst „ramer“? In guter Schwerhörigen-Manier versuche ich, die Bedeutung des Wortes aus dem Kontext zu erschliessen: Hier wird ein „Du“ angesprochen, es herrscht eine gewisse Intimität – zugleich haben wir aber die blaue Weite eines Meeres und des Himmels. Und „plaist“ muss eine alte Form von „plaît“ sein, „es gefällt“, das Gedicht könnte also mehrere hundert Jahre alt sein. Erst denke ich: Das ist jetzt etwas wolkig, aber es muss genügen, sonst komme ich in diesem dicken Band nie vorwärts.
Doch dann hole ich das Handy und lasse mir „ramer“ übersetzen. Es heisst „rudern“, und „mes propres avirons“ sind „meine eigenen Ruder“. Dass ich das jetzt verstehe, lässt mich die Situation ganz neu und mit verblüffender Schärfe sehen. Das passiert mir oft bei Gesprächen, in denen ich die Laune der Sprechenden und der Hörenden errate und vage das Thema – und dann geradezu erschrecke, wenn mit später klar wird, was jemand tatsächlich gesagt hat. Sprachverständnis ist durch nichts zu ersetzen.
Nehmen wir jetzt an, ich würde mit fünf Personen an einem Tisch sitzen, die Französisch akustisch und semantisch gut verstehen. Sie alle würden diesen Text vorgelesen bekommen. Klar, danach würden sie sofort zu diskutieren beginnen. Wenn ich jetzt mitdiskutieren und somit volle Inklusion will und frage, was „ramer“ heisst und was „mes propres avirons“ sind, dann müssten sie das Gespräch komplett neu organisieren, ganz allein für meine Wenigkeit. Vielleicht rudere ich dann doch lieber alleine.
Denn wenn ich nicht nachfrage, haben sie unter sich bereits angefangen, weitere Rätsel im Text zu lösen, zum Beispiel: In welchem Jahrhundert lebte Pierre Ronsard? Wer war Louis des Masures? Vielleicht bekomme ich davon dann auch Gesprächsfetzen mit und habe wenigstens zum Teil etwas vom Gespräch.