Fünf Lieblingsbücher 2025

2025 habe ich gelesen, als würde es 2026 verboten. 58 Titel stehen auf meiner Liste der im ablaufenden Jahr verschlungenen, durchgearbeiteten, überflogenen Bücher. «Warum zählst du sie bloss? Lesen ist doch kein Leistungssport», sagt manchmal eine leise Stimme zu mir. Sie scheint nicht mehr zu wissen, dass ich in meinen orientierungslosesten Jahren zwischen 1986 und 1993 ein Literaturstudium absolviert habe. Damals hätte ich 28 Stunden am Tag lesen können und es wäre einfach nie genug gewesen. Ich verbrachte jene Jahre in lähmender Verzweiflung über mein viel zu bescheidenes Lesepensum. Erst, als ich vor zehn Jahren aufzulisten begann, was ich gelesen hatte, merkte ich, dass ich eigentlich ganz schön viel schaffe, und das durchaus mit  Glücksgefühlen. Was das Hirn – oder gegebenenfalls die Seele – mit dem Stoff machen, ist eine andere Frage. Aber sicher ist: einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben diese fünf Titel, die ich auch weiter empfehlen kann:

Charles Ferdinand Ramuz: «Derborence» Wie viele Lesende aus der Deutschschweiz habe ich das Literaturschaffen aus der französischsprachigen Schweiz mein ganzes Leben lang sträflich ignoriert. Zum Glück entdeckte ich im Sommer nicht nur das im 18. Jahrhundert von zwei grossen Bergstürzen verschüttete Bergtal Derborence (hier mehr darüber). Sondern auch den 1934 erschienenen Roman über eine dieser Katastrophen. Sie forderte das Leben sämtlicher Älpler, die gerade ihre Kühe und Schafe dort oben hirteten – mit einer Ausnahme (aber lest selber). Hoch dramatische und sprachgewaltige Schilderungen der Naturgefahren und der Menschen, die mit ihnen leben – und manchmal sterben. Einer der besten Schweizer Romane, die ich kenne, auch in der Übersetzung.

Limmat Verlag, erschienen 2020 übersetzt von Hanno Helbling, 200 Seiten

Percival Everett: «James» Wer als Jugendliche begeistert Mark Twain’s «Abenteuer des Huckleberry Finn» verschlungen hat, sollte diesen Roman aus dem Jahre 2024 nicht verpassen (ich habe hier schon darüber berichtet). Everett erzählt (fast) dieselbe Geschichte wie Twain, aber aus der Perspektive von Huck’s Begleiter, dem entlaufenen Sklaven Jim, nun James. Bei Mark Twain brüstet sich Huck gerne damit, dass er seinem einfältigen Begleiter wieder und wieder die Schwarze Haut rettet. In Everett’s Roman zeigt sich, dass die vorgebliche Einfältigkeit des Ex-Sklaven eine Überlebensstrategie ist. James ist blitzgescheit, spottet im Roman seinerseits liebevoll über seinen naiven Begleiter Huck und rettet ihm mehrmals die Haut. Der Roman hat einen ähnlich heiteren Ton wie jener von Twain. Aber hier geht es um das todernste Thema Sklaverei, und der Schluss ist nichts für Zartbesaitete. Setzt dem Amerika von Donald Trump die Stimme eines Schwarzen Autors entgegen.

Blessing Verlag, 336 Seiten, übersetzt von Nikolaus Stingl

Thomas Mann: «Buddenbrooks» Junge Leute kokettieren ja gerne damit, dass sie diesen Vater aller deutschen Familienklassiker (erschienen 1901 und ein grosser Bestseller) schon noch lesen werden, wenn sie mal Zeit haben. Sie sollten es möglichst schnell tun, denn unglückliche Liebe zwischen Tony Buddenbrook und Morten Schwarzkopf am Strand von Travemünde ist zeitlos zärtlich und traurig (hier mehr darüber). Für ältere Semester zum Pageturner wird das Buch da, wo der letzte Chef der Firma Buddenbrook den nahenden Tod spürt und mit der Frage ringt, was danach kommt.

S. Fischer Verlag, 1989, 68. Auflage, 848 Seiten

Edward W. Said: «Orientalismus» Ein pro-israelisch gesinnter Freund von mir hob tadelnd seine linke Augenbraue, als ich ihm von meiner September-Lektüre erzählte. Edward Said (1935 bis 2003), in Jerusalem geborener, arabischstämmiger Literaturkritiker, ist wegen seines politischen Engagements für die Palästinenser vielen Freund*innen Israels ein Dorn im Auge. Ob zu recht oder nicht, das kann ich nicht beurteilen. Denn «Orientalismus» ist nur sehr am Rande über Israel. Der postkolonialistische Klassiker (erschienen 1978) zeigt vielmehr am Beispiel der orientalistischen Schriften aus Frankreich und England der vergangenen Jahrhunderte, wie man nicht über Länder und Kulturen schreiben sollte, denen man beim Reisen begegnet. Das ist akademisch, aber relativ leicht lesbar und stellt in oft polemischem Ton die Haltung des Westens gegenüber den einstigen arabischen Kolonien in Frage – und es weitet den Blick.

S. Fischer Verlag, 2009, übersetzt von Hans Günter Holl, 464 Seiten

Katja Petrowskaja: «Das Foto schaute mich an» Die in der Ukraine geborene, deutsche Schriftstellerin begann 2015 für die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ kurze Bildbetrachtungen zu schreiben. Oft wählte sie Fotos mit Aktualitätsbezug, zum Beispiel während der Flüchtlingskrise, dann wieder sind es Bilder, die den Blick Richtung Osteuropa lenken, sogar Familienfotos. Das Buch, das ich von meiner Freundin Ela zum Geburtstag geschenkt bekam, ist eine Sammlung dieser Texte und Bilder. Petrowskaja verbindet in den Texten mit leichter Hand Privates mit Weltgeschichte und streut da und dort eine kunsttheoretische Bemerkung ein. Beim Lesen übte ich, Fotos genauer anzuschauen.

Bibliothek Suhrkamp, erscheinen 2022, 256 Seiten, mit vielen Abbildungen.

Lesen: Glückliche und unglückliche Familien

Eine Freundin berichtete mir, sie versinke gerade in Leo Tolstois «Anna Karenina» als Hörbuch, es sei wunderschön. Da begann ich kürzlich spontan, den Roman zum zweiten Mal zu lesen. Beim ersten Mal war ich noch nicht 20 Jahre alt und sah in der Geschichte der russischen Ehebrecherin Anna vor allem eine Blaupause für meine eigenen Dreiecksbeziehungen. Je mehr ich mich heute wieder in diesen Text versenke, desto sicherer bin ich, dass ich das Buch damals nicht sehr genau gelesen habe. Ich suchte darin wohl einfach eine Rechtfertigung für mein Verhalten, das ich heute, mit 60, nicht untadelig finde – aber besser verstehe als damals.

Das Buch ist 975 Seiten stark, man kann es also nicht einfach in zwei, drei Abenden weglesen. Und schon der erste Satz bietet reichlich Stoff zum Nachdenken: «Alle glücklichen Familien ähneln einander; jede unglückliche aber ist auf ihre eigene Art unglücklich.» Wenn wir im 21. Jahrhundert das Wort «Familie» denken, dann denken wir: Mutter, Vater, Kinder. Doch Tolstoi schreibt vorerst nur wenig über Kinder, dafür viel über Mütter und Väter und Charaktere, die es vielleicht noch werden. Wie also hat Tolstois Erzähler das gemeint? Will er uns einfach sagen, dass er sich hier an unglücklichen Menschen abarbeiten wird, weil die glücklichen nicht interessant genug sind?

Mit 20 hätte ich geschworen, dass ich aus einer unglücklichen Familie komme. Meine Eltern hatten ernste Probleme, über die ich mich gerade lieber ausschweige. Und weil sich die meisten Leute gerne über ernste Familienprobleme ausschweigen, war ich damals überzeugt: Wir sind die einzigen, die in einer solchen, mir damals fast unerträglichen Lüge leben. Je mehr ich lese und erlebe, desto klarer wird mir: Wenn man zum Gradmesser nimmt, dass Eltern Streit, Dreiecksbeziehungen, Suchtprobleme, schwierige Geldprobleme oder psychische und andere Krankheiten haben, dann gibt es keine glücklichen Familien, sondern nur unglückliche. Dann wäre «glückliche Familie» ein Oxymoron, ein Widerspruch, ein unerreichbares Ideal.

Nein, so bösartig kann Tolstoi nicht gewesen sein, denke ich. Vielleicht wollte er uns zum Nachdenken darüber anregen, was eine glückliche Familie ist. Ich dachte nach und wage mal eine provisorische Definition: Glückliche Familien sind jene, die sich von Widrigkeiten nicht zerstören lassen. Familien, die Unglücke überwinden und dabei so biegsam und liebevoll bleiben, dass sich in ihnen auch jene dauerhaft geborgen fühlen, die sich vielleicht nicht ganz untadelig verhalten oder denen das Glück nicht auf Schritt und Tritt folgt.

Das gibt nicht nur eine Richtlinie für die Tolstoi-Lektüre, sondern auch für das nahende Weihnachtsfest.

Leo Tolstoi: «Anna Karenina», dtv, München, 18. Auflage, 2008; aus dem russischen übersetzt von Fred Ottow

 

 

Schwerhörig: Was würden Sie denn gern wieder hören?

Gerade lese ich den Roman «Flimmern im Ohr» von Barbara Schibli. Die Protagonistin, Priska, ist hochgradig schwerhörig und hat sich eine Innenohrprothese, ein so genanntes Cochlea-Implantant (CI) machen lassen. Sie will wieder Musik hören. Besonders Punk, denn die Mittvierzigerin will das Lebensgefühl ihrer jungen Jahre zurück. Aber nach den ersten Versuchen ist sie enttäuscht, und so versucht die Therapeutin, Priskas Blickfeld zu erweitern. «Was würden Sie denn gerne wieder hören können? Das muss nicht zwingend Musik sein», sagt sie. Es ist, als würde sie mich fragen. Ich bin auch hochgradig schwerhörig und werde bald ein CI bekommen.

Was für eine anstrengende Frage, denke ich. Ich meine, klar: Am liebsten würde ich zehn Meter von mir entfernt in einem Raum mit Parkettboden eine Stecknadel zu Boden fallen hören und hätte dann wieder dieses göttliche Raumgefühl, das man hat, wenn man so etwas hört. Und ich möchte natürlich den Parkett knarzen hören und zwar scharf und präzis. Ich möchte, dass Kammermusik nicht mehr wie Katzenmusik klingt, und ich möchte nach dem Kammermusik-Konzert mit jemandem plaudern und das Knarzen des Parketts und die Stimme meines Gegenübers auseinanderhalten können. Und vor allem möchte ich nach einem solchen Anlass nicht immer todmüde sein. Ich möchte in eine Bäckerei gehen und ein Brötchen kaufen können, ohne mich schon vor der Tür zu ängstigen, weil ja jedesmal etwas schiefgeht bei einem Verkaufsgespräch in der Bäckerei. Aber das sind vermessene Träume, das weiss ich.

Man hat mir früh zu verstehen gegeben, dass ich mir beim CI nicht allzu kühne Hoffnungen machen soll. Das CI macht aus einer fast gehörlosen Person eine schwerhörige Person, hat man mir gesagt. Musik? Schwierig. Und vielleicht würde die schiere Grossartigkeit von Musik mich sowieso komplett überwältigen. Ich glaube, es würde mir schon reichen, wenn nach einem Tag mit Brötchenkaufen und Gesprächen und Katzenmusik nicht immer so erschöpft wäre.

Der Rilke-Turm bei Sierre

Hier, im Schloss Muzot, lebte der Dichter Rainer Maria Rilke 1920 bis zu seinem Tod 1926.

Nach dem Ersten Weltkrieg war Rainer Maria Rilke zutiefst verstört. Der Dichter  wollte  schreiben, aber es gelang ihm nichts. 1919 verliess er München, wo er während des Krieges gelebt hatte und begann, ruhelos in der Schweiz umherzureisen, die er zunächst nicht besonders mochte. Dann entdeckte er das Château de Muzot oberhalb von Sierre, in Veyras. Es war gewiss kein Luxusschloss, die Einrichtung war rudimentär. Aber er liebte Gegend (hier mehr dazu) und fand einen Mäzen, der es für ihn erwarb. Er konnte gratis unter dem alten Dach leben und schrieb dort seine letzten, grossen Werke.

Am 23. Juni pilgerten wir hinauf zu dem Gebäude, in dem er unter Ächzen und Stöhnen in wenigen Tagen die „Duineser Elegien“ und „Sonnette an Orpheus“  vollendete (so überliefert es der Schweizer Journalist Jean-Rodolphe von Salis). Wir mühten uns durch ein Tal mit Reben hangaufwärts, es war schwülheiss, Gewitter lagen in der Luft. An der Strasse sah ich einen wohl vom Blitz gespaltenen Kirschbaum, zerborsten, aber über und über voller roter Früchte. Das hätte Rilke gefallen, dachte ich, ein Kirschbaum, der im Sterben alles gibt, um sich der Welt zu geben.

Als wir den Muzot erreichten, begann es zu regnen. Hinein kann man nicht, das Schloss ist in Privatbesitz. Aber daneben steht eine kleine Kirche, Rilke liess dort kurz vor seinem Tod noch Renovationsarbeiten durchführen. Unter ihrem Vordach picknickten wir, bis der Regen aufhörte.

Herr T. kann nicht viel mit Lyrik anfangen. Aber später, wieder in unserer Ferienwohnung, nahm ich das 1905 erschienene „Stundenbuch“ aus meinem Gepäck, blätterte, das Wort „Turm“ stach mir ins Auge und ich las vor:

Ich lebe mein Leben

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.

Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang;
und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang.

Schwerhörig: Die verblüffende Schärfe verständlicher Sprache

Wie fühlt es sich an, in normalen Gesprächen gesprochene Sprache schlecht zu verstehen? Und warum fragen wir Schwerhörigen oft nicht nach, wenn wir im Gespräch nicht mitkommen? Ich habe mich schon oft gefragt, wie ich Euch das erklären könnte. Dann stiess ich bei Walter Benjamin auf folgendes französische Gedicht und merkte: Das ist ein Beispiel, an dem ich es vielleicht bildhaft zeigen kann.

Car il me plaist pour toy faire ici ramer
Mes propres avirons dessus ma propre mer,
Et de voler au Ciel par une voye estrange,
Te chantant de la Mort la non-dite louange.“

Pierre Ronsard: Hymne de la Mort
A Louys des Masures

Ich beherrsche die französische Sprache wahrscheinlich etwa auf dem Niveau B2, der Text gibt mir ähnlich viele Rätsel auf wie manche deutschsprachige Gesprächsfetzen, die ich am Alltag so mitbekomme. Ich scheitere schon im ersten Vers: Was heisst „ramer“? In guter Schwerhörigen-Manier versuche ich, die Bedeutung des Wortes aus dem Kontext zu erschliessen: Hier wird ein „Du“ angesprochen, es herrscht eine gewisse Intimität – zugleich haben wir aber die blaue Weite eines Meeres und des Himmels. Und „plaist“ muss eine alte Form von „plaît“ sein, „es gefällt“, das Gedicht könnte also mehrere hundert Jahre alt sein. Erst denke ich: Das ist jetzt etwas wolkig, aber es muss genügen, sonst komme ich in diesem dicken Band nie vorwärts.

Doch dann hole ich das Handy und lasse mir „ramer“ übersetzen. Es heisst „rudern“, und „mes propres avirons“ sind „meine eigenen Ruder“. Dass ich das jetzt verstehe, lässt mich die Situation ganz neu und mit verblüffender Schärfe sehen. Das passiert mir oft bei Gesprächen, in denen ich die Laune der Sprechenden und der Hörenden errate und vage das Thema – und dann geradezu erschrecke, wenn mit später klar wird, was jemand tatsächlich gesagt hat. Sprachverständnis ist durch nichts zu ersetzen.

Nehmen wir jetzt an, ich würde mit fünf Personen an einem Tisch sitzen, die Französisch akustisch und semantisch gut verstehen. Sie alle würden diesen Text vorgelesen bekommen. Klar, danach würden sie sofort zu diskutieren beginnen. Wenn ich jetzt mitdiskutieren und somit volle Inklusion will und frage, was „ramer“ heisst und was „mes propres avirons“ sind, dann müssten sie das Gespräch komplett neu organisieren, ganz allein für meine Wenigkeit. Vielleicht rudere ich dann doch lieber alleine.

Denn wenn ich nicht nachfrage, haben sie unter sich bereits angefangen, weitere Rätsel im Text zu lösen, zum Beispiel: In welchem Jahrhundert lebte Pierre Ronsard? Wer war Louis des Masures? Vielleicht bekomme ich davon dann auch Gesprächsfetzen mit und habe wenigstens zum Teil etwas vom Gespräch.

Zitiert aus dem Passagenwerk von Walter Benjamin, S. 301

Schwerhörig: Mit dem Mikrofon in den Buchclub?

Soll ich als hochgradig Schwerhörige meinen Kolleginnen und Kollegen im Buchclub immer wieder sagen, dass ich schlecht höre? „Unbedingt, und nicht nur das“, findet meine Kollegin, Frau Wolf, selbst hochgradig schwerhörig. Sie ist ebenfalls in einem Buchclub und nimmt an alle Sitzungen ein Mikrofon mit. Stets achtet sie darauf, dass es im offiziellen Teil der Sitzung konsequent bei jeder Wortmeldung weitergereicht wird und alle Sprechenden es benutzen.

Ich weiss nicht recht“, sage ich. „Ich verstehe rund 40 Prozent von dem, was gesagt wird. Oft reicht das. Und viele Frauen kommen nach einem anstrengenden Arbeitstag in den Buchclub, und nachdem sie ihre Kinder versorgt haben. Die wollen einfach ein bisschen Spass haben und nicht auch noch auf Leute wie mich Rücksicht nehmen müssen! Ja, wenn es eine berufliche Weiterbildung wäre, würde ich auf bestmögliche Teilhabe pochen. Aber im Buchclub?!“ Frau Wolf denkt nach und fragt: „Wie viele Teilnehmde sind es?“ Ich: „So 15 bis 20.“ Sogar Frau Wolf räumt ein, dass es da sehr viel Zeit brauchen würde, für jede Wortmeldung das Mikrofon herumzureichen.

Leben in der Trump-Ära: Bücher aus den USA

Wegen des Zoll-Wahnsinns von Donald Trump sollten wir jetzt keine Waren aus den USA mehr kaufen, heisst es. Bislang erschien mir das einfach. Ich wollte nie einen Harley Davidson, beim Whisky bevorzugen wir – wenn überhaupt – Marken aus den schottischen Highlands und Levi’s Jeans haben eh noch nie zu meinen Kurven gepasst. Vielleicht bestelle ich sogar Netflix ab, dachte ich, und X sollte ich mir sowieso endlich abgewöhnen.

Aber jetzt lese ich, „James“, den überwältigenden Roman des US-Autors Percival Everett. Er erzählt die Geschichte von Huckleberry Finn’s Mississippi-Reise aus der Sicht seines Schwarzen Begleiters Jim – pardon, James. Dieser ist ein entflohener Sklave und schildert eindrücklich, wie er und seine Leidensgenossen schon als Kinder lernen, sich auch sprachlich kleinmachen, um zu überleben. Sklaverei ist gewiss die entsetzlichste Form von Ungleichheit. Aber was Jim da erzählt, ist teils auch auf andere Machtverhältnisse anwendbar. Und: Der Roman ist auf bitterböse Art lustig.

Nein, auf Romane aus den USA will ich nicht verzichten, denke ich. Romanautorinnen und -autoren sind ja auch so selten Republikaner, denke ich. Wir müssen doch die Meinungsvielfalt ennet dem Atlantik aufrechterhalten helfen, denke ich. Ich will nach „James“ auch Mark Twain’s „Abenteuer von Huckleberry Finn“ wieder mal lesen. Dieses Buch werde ich mir aber doch in der Bibliothek besorgen. Und danach werden wir dann sehen, wie teuer uns die Förderung der US-Meinungsvielfalt zu stehen kommt.

Leben in der Trump-Ära: Im Buchclub

In der Englisch-Lesegruppe sass plötzlich eine Amerikanerin neben mir. Ich hatte sie zuvor noch nie gesehen. Dass sie Amerikanerin ist, hörte ich an ihrer Aussprache. Kaum hatte sie zum ersten Mal den Mund aufgemacht, rang ich gegen ein Gefühl, das ich zuvor noch nie gehabt hatte: hochschiessende Abneigung gegen einen Menschen, nur wegen seiner Nationalität.

Wir diskutierten lauwarm über ein Buch, das niemanden von uns so richtig angesprochen hatte. Plötzlich begann jemand, über eine Trump-Biografie zu sprechen, die er gerade liest. Laute des Unmuts wurden hörbar. Die Amerikanerin beeilte sich zu sagen: „Ich habe ihn nicht gewählt.“

Schweizerdeutsch: Warum mache ich das hier überhaupt?

Ich bin keine Sprachpuristin. Ich habe kein Problem damit, dass sich Sprache verändert. Deshalb habe ich mich lange Zeit gefragt, warum ich plötzlich diesen Drang verspüre, verschwindende Vokabeln und Redensarten aus der Sprache meiner Eltern zu sammeln und in meinem Kopf noch einmal nachklingen zu  lassen.

Dann las ich „Eine Arbeiterin – Leben, Alter und Sterben“ des Franzosen Didier Eribon. Das Buch ist ein zugleich liebevoller und distanzierter Nachruf auf seine verstorbene Mutter, und er schreibt: „Ich werde nie wieder Gelegenheit haben, aus dem Mund meiner Mutter jene Wendungen zu hören, die sie so gern brauchte, ihren Tonfall, ihre (laute) Art zu reden, ihren Akzent, ihre regionalen Ausdrücke.“* Dazu muss man wissen, das Eribon in Reims in einer Arbeiterfamilie aufwuchs, dann nach Paris ging und als Soziologe und Journalist europaweit bekannt wurde. Er schuf eine grosse Distanz zwischen sich und seiner Herkunft. Nachdem seine Mutter gestorben war, vermisste er jedoch ihre Sprache so sehr, dass er sogar ein Dialektwörterbuch der Gegend von Reims kaufte – in der Hoffnung, beim Lesen dieses Buches „besser zu verstehen, wer seine Mutter gewesen war“, quasi in der Sprache ihren Körper, ihren Gestus, ihren Habitus noch einmal zu rekonstruieren.

Eribon nervt teils, weil er ein solches Tamtam um seinen sozialen Aufstieg macht und um die Sprache, die in Paris die seine wurde. Ich wohne Luftlinie nur drei Kilometer von meinem Elternhaus entfernt und lebe in einem Milieu, das jenem meiner Eltern zum Teil ähnlich ist. Aber es sind halt vierzig Jahre vergangen, seit ich bei ihnen wohnte. Unsere Umgangssprache hat sich verändert. Und doch tue ich etwas sehr Ähnliches wie Eribon. Während mein Vater im Talgrund immer unbeweglicher wird, sitze ich da und sammle die Redensarten meiner Kindheit. Als könnte ich ihm damit noch einmal auf sein Töffli setzen.

Wenn ich sie für meinen Blog notiere, merke ich aber auch: Für für meine mehrheitlich nichtschweizerische Leserschaft ist halt doch eine erweiterte Vorgehensweise nötig. Aber darüber ein andermal mehr.

*Didier Eribon: „Eine Arbeiterin – Leben, Alter und Sterben“ : Suhrkamp, 2024

 

Im Namen aller Mütterchen in Beige

In den Jahren zwischen 50 und 59 fühlte ich mich beinahe sicher vor den  ungebetenen Tipps irgendwelcher Lifestyle-Päpstinnen. Aber kaum rückt der 60. Geburtstag näher, diskutieren wir plötzlich über Longevity oder über die Frage: Was heisst gut altern?

Neulich las mir Herr T. eine Passage des Buches „Altern“ von Elke Heidenreich vor, die ich selbst gnädig überlesen hatte. Die 81-jährige Autorin schreibt: „Ich sehe um mich herum Frauen, die anders altern als ich, und manchmal, wenn nach Lesungen eine Frau beim signieren zu mir sagt: ‚Wir sind derselbe Jahrgang‘, und ich sehe hoch, und da steht ein zerknittertes Mütterchen in beigen Omaklamotten, dann denke ich: Nee, jetzt, oder? Das bin nicht ich.“*

Sofort empörte sich mein Herz für alle „Mütterchen in beige“, obwohl ich selbst kein einziges beiges Kleidungsstück besitze. Ich wurde richtig laut und sagte schliesslich das, was ich zu Fragen des Kleidungsstils schon mein ganzes Leben lang sage: „Jede und jeder lebt nach bestem Wissen und Gewissen sein bestmögliches Leben!“ Mit 59 Jahren Lebenserfahrung würde ich einräumen, dass es gierige und zynische Menschen gibt. Aber die erkennt auch die Lifestyle-Päpstin nicht unbedingt an der Farbe der Bekleidung.

*Elke Heidenreich: „Altern“, Hanser Berlin, 2024, S. 62. Um eins klarzustellen: Ich möchte keiner Person die Lektüre vergällen, die das Buch vielleicht bald lesen wird. Es stehen auch einige sehr gute Dinge drin!