2025 habe ich gelesen, als würde es 2026 verboten. 58 Titel stehen auf meiner Liste der im ablaufenden Jahr verschlungenen, durchgearbeiteten, überflogenen Bücher. «Warum zählst du sie bloss? Lesen ist doch kein Leistungssport», sagt manchmal eine leise Stimme zu mir. Sie scheint nicht mehr zu wissen, dass ich in meinen orientierungslosesten Jahren zwischen 1986 und 1993 ein Literaturstudium absolviert habe. Damals hätte ich 28 Stunden am Tag lesen können und es wäre einfach nie genug gewesen. Ich verbrachte jene Jahre in lähmender Verzweiflung über mein viel zu bescheidenes Lesepensum. Erst, als ich vor zehn Jahren aufzulisten begann, was ich gelesen hatte, merkte ich, dass ich eigentlich ganz schön viel schaffe, und das durchaus mit Glücksgefühlen. Was das Hirn – oder gegebenenfalls die Seele – mit dem Stoff machen, ist eine andere Frage. Aber sicher ist: einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben diese fünf Titel, die ich auch weiter empfehlen kann:
Charles Ferdinand Ramuz: «Derborence» Wie viele Lesende aus der Deutschschweiz habe ich das Literaturschaffen aus der französischsprachigen Schweiz mein ganzes Leben lang sträflich ignoriert. Zum Glück entdeckte ich im Sommer nicht nur das im 18. Jahrhundert von zwei grossen Bergstürzen verschüttete Bergtal Derborence (hier mehr darüber). Sondern auch den 1934 erschienenen Roman über eine dieser Katastrophen. Sie forderte das Leben sämtlicher Älpler, die gerade ihre Kühe und Schafe dort oben hirteten – mit einer Ausnahme (aber lest selber). Hoch dramatische und sprachgewaltige Schilderungen der Naturgefahren und der Menschen, die mit ihnen leben – und manchmal sterben. Einer der besten Schweizer Romane, die ich kenne, auch in der Übersetzung.
Limmat Verlag, erschienen 2020 übersetzt von Hanno Helbling, 200 Seiten
Percival Everett: «James» Wer als Jugendliche begeistert Mark Twain’s «Abenteuer des Huckleberry Finn» verschlungen hat, sollte diesen Roman aus dem Jahre 2024 nicht verpassen (ich habe hier schon darüber berichtet). Everett erzählt (fast) dieselbe Geschichte wie Twain, aber aus der Perspektive von Huck’s Begleiter, dem entlaufenen Sklaven Jim, nun James. Bei Mark Twain brüstet sich Huck gerne damit, dass er seinem einfältigen Begleiter wieder und wieder die Schwarze Haut rettet. In Everett’s Roman zeigt sich, dass die vorgebliche Einfältigkeit des Ex-Sklaven eine Überlebensstrategie ist. James ist blitzgescheit, spottet im Roman seinerseits liebevoll über seinen naiven Begleiter Huck und rettet ihm mehrmals die Haut. Der Roman hat einen ähnlich heiteren Ton wie jener von Twain. Aber hier geht es um das todernste Thema Sklaverei, und der Schluss ist nichts für Zartbesaitete. Setzt dem Amerika von Donald Trump die Stimme eines Schwarzen Autors entgegen.
Blessing Verlag, 336 Seiten, übersetzt von Nikolaus Stingl
Thomas Mann: «Buddenbrooks» Junge Leute kokettieren ja gerne damit, dass sie diesen Vater aller deutschen Familienklassiker (erschienen 1901 und ein grosser Bestseller) schon noch lesen werden, wenn sie mal Zeit haben. Sie sollten es möglichst schnell tun, denn unglückliche Liebe zwischen Tony Buddenbrook und Morten Schwarzkopf am Strand von Travemünde ist zeitlos zärtlich und traurig (hier mehr darüber). Für ältere Semester zum Pageturner wird das Buch da, wo der letzte Chef der Firma Buddenbrook den nahenden Tod spürt und mit der Frage ringt, was danach kommt.
S. Fischer Verlag, 1989, 68. Auflage, 848 Seiten
Edward W. Said: «Orientalismus» Ein pro-israelisch gesinnter Freund von mir hob tadelnd seine linke Augenbraue, als ich ihm von meiner September-Lektüre erzählte. Edward Said (1935 bis 2003), in Jerusalem geborener, arabischstämmiger Literaturkritiker, ist wegen seines politischen Engagements für die Palästinenser vielen Freund*innen Israels ein Dorn im Auge. Ob zu recht oder nicht, das kann ich nicht beurteilen. Denn «Orientalismus» ist nur sehr am Rande über Israel. Der postkolonialistische Klassiker (erschienen 1978) zeigt vielmehr am Beispiel der orientalistischen Schriften aus Frankreich und England der vergangenen Jahrhunderte, wie man nicht über Länder und Kulturen schreiben sollte, denen man beim Reisen begegnet. Das ist akademisch, aber relativ leicht lesbar und stellt in oft polemischem Ton die Haltung des Westens gegenüber den einstigen arabischen Kolonien in Frage – und es weitet den Blick.
S. Fischer Verlag, 2009, übersetzt von Hans Günter Holl, 464 Seiten
Katja Petrowskaja: «Das Foto schaute mich an» Die in der Ukraine geborene, deutsche Schriftstellerin begann 2015 für die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ kurze Bildbetrachtungen zu schreiben. Oft wählte sie Fotos mit Aktualitätsbezug, zum Beispiel während der Flüchtlingskrise, dann wieder sind es Bilder, die den Blick Richtung Osteuropa lenken, sogar Familienfotos. Das Buch, das ich von meiner Freundin Ela zum Geburtstag geschenkt bekam, ist eine Sammlung dieser Texte und Bilder. Petrowskaja verbindet in den Texten mit leichter Hand Privates mit Weltgeschichte und streut da und dort eine kunsttheoretische Bemerkung ein. Beim Lesen übte ich, Fotos genauer anzuschauen.
Bibliothek Suhrkamp, erscheinen 2022, 256 Seiten, mit vielen Abbildungen.



