Der literarische Tod und der echte Tod

Mein Vater hat nun ein Zimmer im Heim am Talgrund und findet dort allmählich etwas Ruhe. In den letzten Wochen war er eine ständige, oft auf ganz neue Art liebenswürdige Präsenz in unserem Leben. Jetzt haben der Krebs, die Demenz und der Heimalltag ihn bei der Hand genommen. Es scheint oft schwierig, ihm dorthin zu folgen, wo er gerade ist. In diesen Tagen bezweifle ich oft, dass sein Tod so sein wird, wie wir Tode hundertfach gelesen und am Fernsehen gesehen haben: Der oder die Sterbende blutet, spricht ein letztes, handlungstreibendes Wort, dann kippt sein Kopf zurück, seine Augen brechen.

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Der Zufall will es, dass ich dieser Tage die letzten Kapitel eines Buches las, das mir eine sehr liebe Freundin ausgeliehen hat: „Rainer Maria Rilkes Schweizerjahre“ von Jean-Rodolphe von Salis. Einige Grundkenntnisse über Rilke gehören immer noch zur deutschsprachigen Allgemeinbildung. Der Autor des Buches, Jean-Rodolphe von Salis, ist hingegen nicht mehr so präsent. Aber er war einer der bedeutendsten Journalisten der Schweiz im 20. Jahrhundert. Von Salis hatte in jungen Jahren Rilke noch persönlich kennengelernt. Die letzten Kapitel seines Buches enthalten eine mitfühlende Schilderung der Krankheitsjahre, die Rilke grösstenteils in der Schweiz verbrachte. Rilke starb an einem Blutkrebs, der jenem meines Vaters ähnlich ist. Deshalb sind mir die letzten Kapitel des Werkes besonders nahe gegangen. Von Salis scheinen ähnliche Fragen beschäftigt zu haben wie mich gerade. War der Tod dieses Literaten so wie er sich selbst den Tod vorgestellt hatte? Sicher dürfe man diesen Tod nicht mit Bildern beschreiben, die dem Werk des Dichters entnommen seien, das verbiete der Anstand, die Scham „vor dem Unaussprechlichen“, schreibt von Salis.

Aber wie hat Rilke selbst es gehalten? Von Salis: „Der Mann, der seit jungen Jahren als Dichter des Leidens und des Todes hervorgetreten war, vermied soviel wie möglich die Aussprache über die grossen Rätsel, als sie sich seiner eigenen Existenz bemächtigten.“ Und: „Es ist auffallend, dass er in seinem letzten Jahren und in seinen reifsten Werken die berühmten alten Bilder nie mehr brauchte, die er einst im Malte-Roman und im Stundenbuch geprägt hat, um den Tod zu bezeichnen.“ Rilke glaubte offenbar auch bis fast zuletzt daran, dass er wieder gesund werde – in dieser Hinsicht ist ihm mein Vater nicht unähnlich. Von Salis zieht das Fazit: „Es war keine literarische Krankheit und kein literarischer Tod, die sich Rilkes bemächtigt haben, und er erlitt beide als ein mannhafter, tapferer Mensch.“ (S.216)

Fünf Bücher, die ich eventuell verschenken würde

Mir ist vor ein paar Tagen klargeworden, dass ich meine wiederkehrende Jahresend-Bücherrubrik jetzt schon schreiben muss. Denn am Jahresende werde ich keine Zeit haben. Dabei habe ich 2023 so viel gelesen wie nie zuvor. 49 Titel sind es bis jetzt, und es waren auch beleibte Bände dabei. Darunter fünf, die einen so starken Eindruck hinterlassen haben, dass ich sie unter Umständen verschenken würde. Hier sind sie, als verfrühter Rückblick auf das Lesejahr:

Kein Buch hat mich 2023 so fasziniert und so gequält wie dieser 1,5 Kilo schwere Ziegelstein. Fasziniert, weil er mein eurozentrisches Weltbild sprengte. Er lässt Weltgeschichte vor 4000 Jahren im heutigen Irak beginnen, mit einer Frau. Dann stellt er die Geschichte von Asien, Lateinamerika und Afrika effektvoll neben jene Europas und Afrikas. Gequält, weil das Buch letztlich doch sehr wenig Substanz hat. Der Autor leiert die Gräueltaten der grossen Dynastien mit dem voyeuristischen Vergnügen einer englischen Boulevard-Zeitung herunter. Bei ihm ist Weltgeschichte nichts als eine endlose Abfolge von Machthunger, Blutdurst und sexueller Gewalt. Immer wieder kommt das Buch an den Punkt, wo es interessante Fragen stellen könnte: Warum war das so? Wie waren die ökonomischen und politischen Verhältnisse damals? Aber genau da bricht der Autor einfach ab und richtet den Blick flugs auf eine andere Ecke der Welt. Dass sich unsere Spezies in vier Jahrtausenden trotz all diesen Grausamkeiten exponentiell vermehrt hat, steht zwar da. Aber erklärt ist es nicht mal ansatzweise. Wir sollten gelassen akzeptieren, dass der Mensch eine reissende Bestie ist, das ist Herrn Montefiores These. Ich habe das Buch selbst geschenkt bekommen, und mit der Zeit wurde die abendliche Lektüre von mindestens zehn Seiten (mit dem Handy auf den Knien, zum Googeln) eine Art Meditationsübung. Schenken würde ich es jemandem, der gerne wichtig aussehende Wälzer herumstehen hat. Oder jemandem, der mit mir darüber diskutieren möchte, was wir mit Herrn Montefiores These anfangen sollen. Aber nur zusammen mit dem nächsten Buch.

Diesen dünnen Band habe ich bereits einer Freundin geschenkt – weil wir beide ein gewisses Unbehagen gegenüber dem woken Feminismus teilen, der im Endeffekt so tut, als gäbe es Frauen gar nicht. Aber begeistert hat es mich schliesslich, weil es sich liest, als würde Susan Neiman Herrn Montefiore geradewegs ins Gesicht antworten: „Nein“, sagt sie. „Wir Linken nehmen nicht einfach hin, dass der Mensch eine reissende Bestie ist und bleibt und basta.“ Sie schreibt sinngemäss: Links sein heisst, darauf zu bestehen, dass Ansprüche auf Gleichheit, Gerechtigkeit und die Einhaltung der Menschenrechte nicht utopisch bleiben. Dass alle Menschen zwei Dinge gemeinsam haben: dass sie Schmerz und Mitleid empfinden können. Und dass dies unser Zusammenleben  definieren sollte – nicht unsere Zugehörigkeit zu einer Gruppe, einer Rasse, einer Dynastie. Oder unser Status als Opfer. Ich zweifle manchmal, ob es eine gute Idee ist, links zu sein, aber ich bin sicher lieber links als Montefiore.

Reines Leseglück! Dieser Roman hat einen Sound, einen leicht sphärischen Sound, etwa wie „Lucy in the Sky with Diamonds“ von den Beatles aus dem Jahre 1967. Und das ist kein Zufall, denn er spielt im Jahre 1967 und ist die Geschichte einer fiktiven Popband namens Utopia Avenue in Swinging London. Neben den vier sehr verschiedenen fiktiven Bandmitgliedern kommen da auch viele echte Musikgrössen von anno dazumal vor, der junge David Bowie etwa, der einen sphärischen Humor hat. Oder Gitarrengott Jimi Hendrix, der entweder sehr verladen ist oder einfach sonst kein origineller Plauderer. Ich würde es jeder und jedem mit meinen einstigen musikalischen Vorlieben schenken. Besonders aber jenen, die keine Musik mehr hören können und hier auf dem Papier die Leichtigkeit eines Spätsechziger-Songs zurückbekommen.

„Ach, weibliche Betroffenheitsliteratur“, habe ich geseufzt, als eine Freundin mir dieses Buch auslieh. Was habe ich in jungen Jahren solche Bücher gelesen! Klar, sie haben dazu beigetragen, dass ich ein kritisches Bewusstsein für das Patriarchat der 1980er-Jahre entwickelte. Aber heute sind wir doch viel weiter, da werde ich doch nichts mehr lernen können, dachte ich. Ich täuschte mich. Schutzbach liefert Antworten auf aktuelle Fragen wie: Warum müssen Frauen eigentlich immer noch so sehr darum kämpfen, ernst genommen zu werden? Ist es wahr, dass Frauen immer noch mehr Familienarbeit leisten als Männer? Und wenn ja: Warum? Warum hassen Frauen ihre Mütter (jedenfalls manchmal)? Und: Wie könnten wir es schaffen, Erwerbsarbeit, Care-Arbeit und Erholungszeit neu aufzuteilen? Zweierlei nehme ich ihr allerdings übel: Sie strengt sich furchtbar an, in ihrem Buch alle „weiblich sozialisierten“ Menschen mitzumeinen. Als würden nicht grossmehrheitlich Frauen weiblich sozialisiert. Oft verwendet sie den Begriff Flintaqs – ein Akronym, das Frauen und ihre Erfahrung gleichsam zum Verschwinden bringt. Und dann vergisst sie auch noch eine ziemlich grosse Gruppe Menschen, die mehrheitlich aus Frauen besteht: Jene, die sich um ältere Angehörige kümmern. Überhaupt vergisst sie Frauen Ü50. Sollte Schutzbach das hier je lesen, wird sie sich ermattet eine Haarsträhne aus dem Gesicht streichen und stöhnen: „Oh nein, nicht das auch noch!“ Allein für das Fünkchen Schadenfreude, das bei dieser Vorstellung aufglimmt, würde ich es meinen feministischen Freundinnen schenken, auch den älteren.

Auch wenn dieser Beitrag nun schon sehr gelehrsam ist: Dieses Buch des Engländers Oliver Bullough muss ich noch erwähnen. Ich würde es all jenen schenken, die sich für die Ungerechtigkeit des Spätkapitalismus interessieren, aber Finanzdienstleistungen halt so kompliziert finden. Es erzählt leicht verständlich und zuweilen sehr amüsant, wie das Vereinigte Königreich vom Kolonialherrn zum diensteifrigen Bankier für die Oligarchen der Welt wurde – und wie es damit arme Länder ärmer macht und gemacht hat. Wir erfahren hier so viel über Steuerdumping und -Hinterziehung, über Hinterzimmer-Finanzdeals und Casino-Spielchen,  dass ich mir oft gewünscht habe, es gäbe ein solches Buch über die Schweiz (die Bullough vergleichsweise harmlos findet). Leider hat das Buch ein frustrierendes Fazit: Der britische Staat ist mittlerweile derart abgewirtschaftet, dass zwar ein Wille besteht, wenigstens internationalen Standards von Fairness und Transparenz nachzukommen – aber es fehlen ihm einfach die Mittel dafür.

 

 

 

Brief von meinem jüngeren Selbst

Bertolt Brecht, den mein jüngeres Ich sehr verehrt hat.

Es ist Mode geworden, dass man Briefe an sein jüngeres Selbst schreibt. Man tut es in der Psychotherapie, man tut es auf X (vormals Twitter). Meist tut man es, um die Ängste seines jüngeren Ichs zu beschwichtigen und ihm zuzuzwinkern: Ist ja alles besser herausgekommen als man mit 20 befürchtet hat. Kurz nach Kriegsausbruch im Nahen Osten war mir aber plötzlich, als bekäme ich einen Brief von meinem jüngeren Selbst. In einem Couvert aus in den achtziger Jahren gebräuchlichem, rauem Recycling-Papier. Als erstes fiel mir daraus ein Blatt mit einem Gedicht von Bertolt Brecht entgegen: An die Nachgeborenen. Ich schmunzelte. Die junge Frau Frogg war eine grosse Verehrerin von Bertolt Brecht. Unterstrichen hatte sie die Verse: „Was sind das für Zeiten, wo / Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist“. Daneben hingekritzelt die Fragen meines jüngeren Selbst an mich: „Also, dass zu meinen Lebzeiten ähnlich kriegerische Zeiten ausbrechen werden wie damals bei Brecht, damit habe ich nicht gerechnet. Darf man bei Euch jetzt auch nicht mehr ohne schlechtes Gewissen über Bäume reden? Belastet Euch die Nachrichtenlage? Muss ich mir Sorgen um Euch machen?“

„Gemach! Gemach!“ antwortete ich meinem jüngeren Selbst unverzüglich. „So schlimm ist es jetzt doch noch nicht. Bedenke doch: Brecht schrieb dieses Gedicht im Exil in den dreissiger Jahren, auf der Flucht vor den Nazis, die ihn wegen seiner kommunistischen Haltung staatenlos gemacht hatten. Die Verhältnisse waren damals für ihn und für viele in Europa unmittelbar und existenziell bedrohlich. Natürlich sind wir aufgewühlt, natürlich denken wir an die Opfer dieser entsetzlichen Hamas-Verbrechen. Natürlich streiten wir darüber, auf welcher Seite wir stehen. Aber wir erleben auch (leider), wie man gegen schlechte Nachrichten unempfindlich wird, wenn sie nicht gleich aus dem Nachbardorf kommen. Die Lage in der Ukraine? Im Moment eher nebensächlich. Und am letzten Wochenende verfolgten wir geradezu euphorisch ein Gott sei Dank stinklangweiliges Ritual: Parlamentswahlen in der Schweiz. Die Stimmung in den Fernsehstudios war ¨überschwänglich, dabei waren die Wähleranteilverschiebungen minim (und fielen leider zugunsten der Rechtsbürgerlichen SVP aus). Das Hochgefühl mag – zugegeben – auch damit zusammenhängen, dass Wahlen, deren Resultate niemand in Zweifel zieht, auch in so genannt demokratischen Staaten keine Selbstverständlichkeit mehr sind. (Edit: Kurz nachdem ich das hier geschrieben hatte, kam heraus, dass man auch den Schweizer Wahlen nicht mehr trauen kann: Das Bundesamt für Statistik  hatte sich um ein paar Promillepünktchen verrechnet. Kurze Entrüstung in den Medien, mehr nicht).

Haben wir deshalb aufgehört, über Bäume zu reden? Oder über das Wetter? Nein, im Moment dürfen wir zum Glück wieder freundlich sein zu unseren Bekannten. Zugegeben: Während der Pandemie war das manchmal anders. Aber das vergessen wir jetzt lieber.“

Der Mann, der ein Frauenleben führte

Kein Roman hat mich in letzter Zeit mehr beschäftigt als dieser hier. Der englische Starautor Ian McEwan schildert darin die Biografie des Babyboomers Roland Baines. Die Geschichte fordert mich als Post-Babyboomerin und Hobby-Genderforscherin geradezu heraus. Denn Roland führt in mehreren Hinsichten das Leben einer Frau – jedenfalls nach Babyboomer-Massstäben. Es ist beinahe, als würde McEwan sagen: „So, jetzt nehmen wir mal einen männlichen Charakter und stülpen ihm ein paar weibliche Erfahrungen über.“ So wird Roland mit 14 im Internat von einer Klavierlehrerin sexuell missbraucht – eine Erfahrung, die seine Biografie entscheidend prägen wird. Nun passiert zwar sexueller Missbrauch in den Teenagerjahren tatsächlich ab und zu bei Jungs – sehr viel häufiger ist er aber bei Mädchen (und bei Knaben sind die Täter häufig Männer).

Später dann, als Roland 38 ist und einen Sohn im Babyalter hat, wird er von seiner Frau verlassen. Fortan ist er alleinerziehender Vater. Eine Situation, die unzählige Babyboomer-Frauen kennen, Männer sehr viel seltener.

Dass er nun allein für ein Kind sorgen muss, haut einen weiteren Knick in seine ohnehin zögerlich einsetzende Karriere als Dichter. Überhaupt findet Roland beruflich nie so richtig den Tritt. „Er ist ein Fantast, Mutti, er kann sich auf nichts konzentrieren. Er hat Probleme in seiner Vergangenheit, über die er nicht einmal nachdenkt. Er kann nichts erreichen“, wird die Frau einmal sagen, die ihn als alleinerziehenden Vater zurückgelassen hat. Auch die meisten Kritiker sind sich einig, dass Roland gescheitert ist. Hätten sie das auch so gesehen, wenn die Hauptfigur in dieser Geschichte nicht ein Mann, sondern eine Frau gewesen wäre? Wenn sie Orlanda geheissen hätte und nicht von einer Frau, sondern von einem Mann missbraucht und später allein erziehende Mutter geworden wäre?

Überhaupt: Dieses Spiel mit der Geschlechterfrage überzeugt mich nicht. Zum Beispiel erlebt Roland das erste Mal mit seiner Klavierlehrerin als sexuelles Erweckungserlebnis, hinter dem alles andere verschwindet: „Ihre Rollen, Lehrerin und Schüler, die Ordnung und Selbstgefälligkeit der Schule, Stundenpläne, Fahrräder, Autos, Kleider, sogar Worte – nur dazu da, alle von dem hier abzuhalten.“ Das ist in meinen Augen eine reine Männerphantasie, stark beeinflusst von McEwan’s Sigmund Freud-Lektüre. Meine eigene, zum Glück recht harmlose Erfahrung mit sexuellem Missbrauch im Teenageralter, war nicht einmal ansatzweise eine sexuelle Erweckung, sondern erfüllte mich nur mit Scham und Ekel.

Vielleicht ist das Urteil der Literaturkritikerin Bernadette Conrad das einzig richtige: Sie schreibt, der Roman funktioniere am besten als Chronik eines Zeitgenossen. „Lässt man sich tiefer auf die Krisen ein, gerade des sexuellen Missbrauchs, die Rolands Leben geprägt haben, dann vermisst man die gründliche Auseinandersetzung.“ (Die ganze Kritik gibt’s hier).

Und doch hat die Lektüre mich dazu getrieben, mich vertieft mit dem Erlebnis auseinanderzusetzen, das ich selbst vor bald 44 Jahren hatte. Und sie hat mich mit der Frage konfrontiert: Was bedeutet es, beruflich vielleicht nicht jene Marke zu setzen, die man hätte setzen können? Ist das wirklich ein Scheitern? Und wie hängt es tatsächlich mit misslichen und vielleicht sehr geschlechtsspezifischen Erfahrungen in der Kindheit und Jugend zusammen? Und, nein, ich bin nicht damit einverstanden, dass man es als Scheitern einstuft, wenn sich jemand um sein Kind kümmert und daher vielleicht ein bisschen weniger weit nach oben kommt auf der Karriereleiter.

Vier Lieblingsbücher des Jahres 2022

In normalen Jahren kreise ich mit meinen Lesegewohnheiten um die westlichen Obsessionen von Selbstwerdung, Rasse, Gender und Klasse.  Doch 2022 war kein normales Jahr. 2022 fühlten sich diese Themen plötzlich seltsam irrelevant an, irgendwie lauwarm. Auf Twitter tat ich etwas, was ich mir nie im Leben hätte vorstellen können: Ich folgte Strategie-Experten. Auch bei der Wahl meiner Bücher liess ich mich vom Krieg in der Ukraine leiten.

Ich gehöre zwar nicht zu jenen, für die Romane aus der Ukraine plötzlich zur Mode wurden – spätestens ab Oktober wollte ich aber wenigstens etwas fundierter verstehen, was dort vor sich geht. Und so beginnt meine Bestenliste mit einem 395 Seiten starken Geschichtsbuch. Ich stehe auf Seite 259 und beisse mir daran zuweilen fast die Zähne aus. Aber es ist extrem lohnende Lektüre. Weil es den eisernen Vorhang aufreisst, der vielen von uns noch immer den Blick auf Osteuropa verstellt. Weil es schlüssig zeigt, dass die Bestrebungen der Ukrainer nach Unabhängigkeit bis mindestens ins 17. Jahrhundert zurückreichen. Weil es zwar staubtrocken ist, zuweilen aber auch deftige Geschichten erzählt, manchmal lustig, oft grausam. Zum Beispiel, wie die Heilige Olga von Kiew um 945 ihre Widersacher in der Sauna zu Tode schmoren liess.

Vor Oktober war ich dieses Jahr weitgehend mit meinem Krebs beschäftigt. Um die verstörende Diagnose irgendwie einzuordnen, bohrte mich wie besessen durch die Klassiker der Krankheit – von Dostojewski über Thomas Mann bis Audre Lorde. Was mir aber auf ganz besondere Weise half, war „Tschick“ von Wolfgang Herrndorf. Die Geschichte von zwei Jugendlichen, die mit einem alten Lada ausbüxen, hat direkt nichts mit Krebs zu tun. Ihre Entstehungsgeschichte indes schon. Autor Wolfgang Herrndorf vollendete es, nachdem er die Diagnose Hirntumor erhalten hatte. „Ich werde noch ein Buch schreiben“, sagte er sich, „egal wie lange ich noch habe.“ Nachzulesen in seinem Krebsjournal „Arbeit und Struktur“ (Seite 107), auch ein bemerkenswertes Buch. „Tschick“ wird oft an Schulen gelesen, und die zum Lesen Verdonnerten finden es dann gekünstelt. Ich fand es melancholisch und heiter und sehr liebenswürdig. Beim Lesen habe ich einmal abends so laut gelacht, dass Herr T. erschrocken ins Zimmer kam und fragte, ob alles in Ordnung sei.

Es waren meine Buchclub-Freundinnen, die meine Aufmerksamkeit wieder gen Westen richteten und mich auf mein absolutes Lieblingsbuch 2022 stossen liessen. „Shuggie Bain“ ist so vieles aufs Mal, dass ich gar nicht weiss, wo ich anfangen soll – unglaublich traurig, unglaublich lustig, unglaublich eklig, brutal und weise. Die perfekte Lektüre gegen Selbstmitleid – denn wer glaubt, sein Leben sei krass schwierig, wird es sich beim Lesen dieser Geschichte vielleicht nochmals überlegen. Der Protagonist, klein Shuggie, wächst in den 1980er-Jahren in den Arbeitervierteln von Glasgow auf, seine Mutter ist Alkoholikerin und er selbst entspricht so gar nicht den brutalen Männlichkeitsvorstellungen, die unter seinen Schulkameraden vorherrschen. Autor Stuart weiss, wovon er spricht – die Geschichte, obwohl fiktiv, hat starke autobiografische Züge. Wer kann, sollte es auf Englisch lesen – die Dialoge, die in schottischem Dialekt gesprochen sind, klingen wie  dreckigster Rock ’n‘ Roll.

Ein riesiges Schloss mit unzähligen Zimmern. Der erste Stock wird regelmässig von den Gezeiten überflutet. Mitten drin ein sympathischer Ich-Erzähler, der dort ganz allein und total verloren ist und doch alles mit liebender Neugier und analytischem Verstand erforscht. Und der geheimnisvolle Andere, der gelegentlich auftaucht und vielleicht ein Helfer ist, vielleicht aber auch eine tödliche Bedrohung – „Piranesi“ ist ein rätselhaftes Buch, auch ein tröstliches, halb literarischer Fantasy-Roman, halb Thriller. Es dreht sich um die Frage, was uns in extremer Isolation zurechtkommen lässt – eine Frage, die mich ein Leben lang beschäftigt hat, mit zunehmender Schwerhörigkeit wieder mehr und anders als noch in meinen jungen Jahren.

Sind das hier Lesetipps? Oder ist es diesmal einfach ein in Bücher gepackter, persönlicher Jahresrückblick? Beides, denke ich. Und verabschiede mich erst mal bis zum nächsten Jahr. Rutscht gut, Freundinnen und Freunde! Und bis 2023.

Dostojewski und der Mann mit dem Messer

Verhinderter Heiland. Der Protagonist von „Der Idiot“-

Man kann einen guten Roman auf 1000 Arten lesen, und „Der Idiot“ von Dostojewski ist ein guter Roman. Aber ich muss jetzt Farbe bekennen. Ich muss sagen, dass ich die Lesart der ukrainischen Schriftstellerin Oksana Sabuschko berechtigt finde (ich habe sie hier kurz zusammengefasst). Diese Geschichte weckt in der Tat Verständnis für mindestens einen sehr grausamen Menschen – und die westliche Literaturkritik hat dies meines Wissens geflissentlich übersehen. Die Rede ist – Achtung, alles Folgende ist ein ausführlicher Spoiler! – vom Messerstecher Rogoschin.

Rogoschin begegnet dem Romanhelden, Fürst Myschkin, gleich auf dem ersten Seiten, im Nachtzug nach St. Petersburg. Schon hier erscheint Rogoschin als an sich unsympathischer Mensch, dessen Lippen sich „fortwährend zu einem dreisten, spöttischen, sogar boshaften Lächeln“ verformten (S. 6.). Sein Gesicht erwecke den Anschein einer „peinvollen Leidenschaftlichkeit“. Er nähert sich Myschkin in „ungenierter, geringschätziger“ (S. 7) Weise und nicht ohne Schadenfreude darüber, dass der junge Fürst für die russische Novemberkälte nicht warm genug gekleidet ist.

Während der Erzähler die Physiognomie Rogoschins genau studiert hat, übersieht der Romanheld Myschkin die Warnsignale im Gesicht des Fremden – vielleicht wider besseres Wissen. Er antwortet mit geradezu naiver Offenheit auf all seine Fragen und fühlt sich sogar zu ihm hingezogen.

Hier muss ich ein paar Worte zu Fürst Myschkin sagen. Mit ihm habe Dostojewski einen „ganz und gar positiven Charakter“ mit einer „absolut schönen Natur“ gestalten wollen, einen wahren Christen, steht hier. Man kann Myschkin als eine Art verhinderten Heiland sehen. Und natürlich legt es der Roman darauf an, dass wir auf seiner Seite stehen. In der Tat will der Fürst immer alle vor sich selbst retten. Dabei nimmt er, obwohl er Epileptiker ist, wenig Rücksicht auf seine eigene Verletzlichkeit.

Es ist Rogoschin, der ihn schliesslich in den Abgrund zerrt. Ich muss gestehen, dass Rogoschin mir in seiner übergrossen Impulsivität fast schon als Klischee-Russe herübergekommen ist. Beispiel: Er verliebt sich unsterblich in eine Frau, die er nur ein einziges Mal auf der Strasse gesehen hat. Sogleich bestiehlt er seinen Vater, um dieser Frau, Nastasja Filippowna, ein luxuriöses Geschenk zu machen. In der deutschsprachigen Rezeption ist  von den „unkontrollierbaren, bösen Geistern“ Rogoschins die Rede. Man kann ihn auch einfach als Kriminellen sehen.

Auch Myschkin liebt Nastasja Filippowna. Es entsteht eine verhängnisvolle Dreiecksbeziehung. Am Ende lässt die Frau Myschkin am Traualtar hängen und flüchtet zu Rogoschin. Dieser ersticht sie, wahrscheinlich aus Eifersucht. Und was macht Myschkin? Geht er zur Polizei, um den Mörder an der Gerichtsbarkeit auszuliefern? Ich bin nicht sicher, ob es eine funktionierende Polizei in Russland Mitte des 19. Jahrhunderts überhaupt gab. Jedenfalls tut Myschkin etwas ganz anderes: Er legt sich zum nun fiebernden Mörder und streicht ihm eine ganze Nacht lang begütigend übers Haar, während im Nebenzimmer die Leiche liegt. Ist das wirklich Güte? Ist es nicht vielmehr Komplizität mit einem Verbrecher?

Was von Dostojewski zu Putin führt

Oksana Sabuschko, die „streitbare“ Intellektuelle, die meine Dostojewksi-Lektüre veränderte.

Ihr erinnert Euch: Mein Freund, Slawist Chäppeli, sagte während eines Spaziergangs, Dostojewki solle man jetzt nicht mehr lesen. Das war eine in zurückhaltendem Ton gemachte Äusserung, und später widerrief er sie auch schriftlich: „Ich möchte nur klarstellen: Nie würde ich sagen, dass man heute den Roman nicht mehr lesen könne oder solle.“ Gleichzeitig schickte er mir zwei Links, um zu erklären, wie er überhaupt auf diese Aussage gekommen sei.

Der  erste führte zu einer Polemik der ukrainischen Schriftstellerin Oksana Sabuschko, „eine der streitbarsten Intellektuellen der Ukraine“, wie die NZZ schreibt, die den Essay auf Deutsch veröffentlicht hat. Er ist zuallererst eine Anklage gegen den Westen, der das Entstehen eines neuen Totalitarismus in Russland gut zwanzig Jahre lang sträflich übersehen habe. Dann schimpft sie auf jene westlichen Intellektuellen, die nun versuchen würden, das Böse zu verstehen, zu rationalisieren, sich in Putins Hirn hineinzudenken und so in Dialog mit dem Serienmörder zu treten. Das sei der Situation nicht im mindesten angemessen. Der Westen habe sich vom Kreml jahrzehntelang an der Nase herumführen lassen.

Aber was hat die russische Literatur, noch dazu jene des 19. Jahrhunderts, mit Putin zu tun? Sabuschkos Antwort: „Man“ habe die russische Literatur ja immer „für europäisch und humanistisch“ gehalten. Dabei habe sie 200 Jahre lang ein Weltbild genährt, „in dem man den Verbrecher nicht verurteilt, sondern bedauert und Mitleid mit ihm hat.“

Und dann kommt die Abrechnung mit Dostojewski, „mit seinem Kult der Emotion und der gleichzeitig offen zu Schau getragenen Verachtung der Vernunft.“ Dostojewski stehe ausserhalb der europäischen Literatur, das habe schon Milan Kundera gesehen, jener berühmte Tscheche, der das Wüten der Sowjets im eigenen Land erlebte. Aber im Westen habe man ihn niedergeschrien, als er das sagte. Sie schreibt sogar, die Invasion vom 24. Februar sei „reines Dostojewskitum“ gewesen, die Explosion „reiner destillierter Bösartigkeit, eines lange unterdrückten historischen Neids und Hasses, verstärkt durch das Gefühl absoluter Straflosigkeit.“

Die Entgegnung des russischen Exil-Schriftstellers Michail Shishkin im zweiten Link wirkt dagegen reichlich blass, ihr müsst sie selbst lesen.

Ich konnte diese Aussagen von Sabuschko zunächst überhaupt nicht akzeptieren, ich gestehe: Ich verstand kaum, was sie mir sagen wollte. Ich meine, ich verstand und verstehe den Hass der Ukrainer auf die Russen – aber noch schwankte ich an manchen Tagen selbst Richtung mildem Putin-Verstehertum. Wahrscheinlich, weil ich mich einfach zu sehr vor der Alternative fürchtete: dass Sabuschko recht haben könnte, zumindest mit ihrer Darstellung von Putins Russland. Wenn man den Mann verstünde, dachte ich, könnte man mit ihm verhandeln und gut ist. Aber an anderen Tagen sah ich klar, dass das nicht geht. Und ahnte, was das für uns alle bedeutet – und wie sehr uns der grinsende Teufel im Kreml zum Narren gehalten hat.

Die Ereignisse der vergangenen Woche haben Sabuschko, was die Politik betrifft, leider Gottes mehr als Recht gegeben. Das heisst: Ich fürchte mich jetzt immer noch, aber ich weiss wenigstens besser, wo ich dabei stehe. Und nach und nach veränderte das auch meine Lektüre von „Der Idiot“. Doch dazu dann später mehr.

 

 

Dostojewski lesen

Eines Sonntags im Juli  traf ich bei der nachbarschaftlichen Kehrichtsammelstelle den Doppelbuddha. Damals war ich noch kahl, hatte aber vergessen, mir einen Hut aufzusetzen. Ich hatte nur ein Käppi aus Strumpfstoff an, wie man es unter Perücken trägt.

„Meine Güte, hast Du Chemo?!“ rief der Doppelbuddha aus. Er tat dies derart spontan, dass ich sehr berührt war. Ich bejahte, wir redeten, und irgendwann sagte ich:  „Ach, weisst Du, das Gute daran ist: Man hat viel Zeit zum Lesen. Ich nehme mir gerade so richtig dicke Wälzer vor.“ Er sagte: „Na, dann könntest Du ja mal Dostojewski lesen. Ich leihe Dir ‚Der Idiot‘ aus, wenn Du willst.“ Weil er so nett gewesen war, sagte ich nach einigem Zögern: „Ok, sehr gerne! Wenn Du ihn vorbeibringst, dann komm doch gleich mit Frau Doppelbuddha zum Apero!“ So machten wir es und hatten einen sehr vergnüglichen Abend.

Dann begann ich, den Roman zu lesen, 950 Seiten. Ein Stück Weltliteratur, dem – so hatte ich im Literaturstudium gelernt – mit grösster Hochachtung zu begegnen ist. Ich befürchtete gepflegte Langeweile, aber „Der Idiot“ elektrisierte mich am Anfang geradezu. Die zwei Fremden, die im Zug nach St. Petersburg Bekanntschaft schliessen!  Die mysteriöse Schönheit Nastasja Filippowna! Als Teenager von ihrem Adoptivvater sexuell missbraucht, wird sie von der Gesellschaft als gefallene Frau behandelt. Dass man ihren Stiefvater ins Gefängnis stecken sollte, kommt niemandem in den Sinn! Was für eine Welt!

Die zwei Männer aus dem Zug verfallen Nastasja Filippovna schnell mit Haut und Haaren: der reiche Kaufmannssohn Rogoschin sowie der als Idiot bezeichnete Protagonist des Romans, der junge Fürst Myschkin. Myschkin ist Epileptiker und gerade von einem jahrelangen Kuraufenthalt in den Schweizer Bergen zurückgekehrt. Er ist ein herzensguter, aber in gesellschaftlichen Dingen total unbeholfener Jüngling.

Es ist kein familientauglicher Gesellschaftsroman, wie wir sie sonst aus dem 19. Jahrhundert kennen. Myschkin denkt viel über Grausamkeit, Armut und Tod nach. Auch das packte mich. Ich hatte mich selbst mit Fragen zu beschäftigen, die man nicht so leicht familientauglich abhandeln kann.

Am 31. August ging ich mit meinem alten Freund, dem Slawisten und Zweifler Chäppeli, spazieren. Wir diskutierten zuerst ein bisschen über den Zustand der Welt, den Krieg und all das. Dann erzählte ich ihm freudig von meiner Dostojewski-Lektüre und fragte ihn, was er von dem Roman gehalten habe. Er zögerte, wie es seine Art ist und sagte dann: „Nun ja, Dostojewski sollte man ja jetzt auch nicht mehr lesen.“

Es war die Zeit, als alle Welt über „Der junge Winnetou“ und andere Arten kultureller Aneignung diskutierte, und ich dachte: „Oh nein, nicht noch mehr Zensur! Man kann doch einen Schriftsteller des 19. Jahrhunderts nicht für die Verbrechen des 21. schuldig sprechen!“ Aber Chäppelis Bemerkung sollte meinen Blick auf das Buch erheblich verändern.

 

Göttlicher Babelfisch

Wenn der Babelfisch uns ins Ohr flutscht, verstehen wir sogar Vogonisch (Quelle: aliens.fandom.com)

Ich habe gerade das dringende Bedürfnis, mich ein wenig zu vergnügen. Deshalb habe ein Buch zu lesen begonnen, auf dessen erheiternde Wirkung ich mich in jungen Jahren verlassen konnte: Douglas Adams‘ „Per Anhalter durch die Galaxis“. Ich war nicht sicher, ob es bei Frau Frogg Ü50 noch funktioniert, aber siehe da: Auf Seite 52 brach ich in derart schallendes Gelächter aus, dass Herr T. verwundert aufsah.

Für alle, die die Story nicht kennen: Sie erzählt die Geschichte des ahnungslosen Erdenbewohners Arthur Dent, der eines Donnerstagsmorgens von einem intergalaktischen Freund auf eine aberwitzige Reise durchs All entführt wird. So um die Seite 50 haben die beiden ihre erste Mitfahrgelegenheit in einem riesigen Raumschiff gekapert. Doch Arthur versteht von der Lautsprecher-Durchsage des Kapitäns nur ein sehr beunruhigendes: „Heul heul gurgel heul gurgel heul.“ Meinen schwerhörigen Leserinnen und Lesern wird dieses Problem bekannt vorkommen. Arthur Dent ist jedoch nicht schwerhörig, sondern er versteht kein Vogonisch, und Vogonisch ist die Sprache des Raumschiffkapitäns.

Aber nun bekommt Arthur von seinem Freund einen kleinen, gelben Fisch ins Ohr gesteckt, einen so genannten Babelfisch. Und sogleich verwandelt sich das Gegurgel in seinem Ohr in annähernd normales Deutsch. Auch dieses Phänomen kennen wir Schwerhörigen. Wir erleben es zum Beispiel, wenn wir passende Hörgeräte anziehen. Dieses plötzlich wieder klare Hören kann ein geradezu überschäumendes Glücksgefühl auslösen.

Der Babelfisch aber ist, so lesen wir auf Seite 52, kein Gerät, sondern ein Lebewesen: ein für Galaxis-Reisende derart „unfassbar nützliches“ Produkt der Evolution, dass „einige Denker ihn als schlüssigen und endgültigen Beweis der NICHT-Existenz Gottes sehen.“ (S. 52)

Das Argument geht ungefähr so: „Gott sagt: Ich weigere mich zu beweisen, dass ich existiere. Denn ist dieser Beweis einmal erbracht, braucht es den Glauben nicht mehr, und ohne Glauben bin ich nichts.“ Aber, so antwortet der Mensch: „Der Babelfisch ist ein todsicheres Zeichen, nicht wahr? Er kann sich nicht durch Zufall entwickelt haben. Er beweist, dass Du existierst, und daher existierst Du eben gemäss Deinem eigenen Argument nicht. QED.“ An dieser Stelle setzte mein Gelächter ein, weil mich die Passage an die mittelalterlichen Gottesbeweise erinnerte, die wir in den Philosophiestunden am Gymnasium lernten. Erwartet man so etwas in einem Science Fiction-Roman?

Ich lachte aber auch, weil ich zweifelsfrei feststellte, dass man die ganze Sache auch genau umgekehrt sehen kann: Soweit wir wissen, gibt es in der ganzen Galaxis keinen Babelfisch für Schwerhörige. Für uns hält das Universum also keine „unfassbar nützliche“ Lösung unserer Probleme bereit, nur mehr oder weniger taugliche Hörgeräte. Heisst das möglicherweise, dass es doch einen Gott gibt?

Zitate aus Douglas Adamas: „The Hitch Hiker’s Guide to the Galaxy – a Trilogy in Four Parts“, London, William Heinemann Ltd., 1979 (Übersetzung der Zitate von Babelfröschin Frogg). Hier geht’s zu einem YouTube-Ausschnitt der Verfilmung von 2005 mit Martin Freeman als Arthur Dent.

Fliegen beim Lesen

Hier werde ich über einen Roman schreiben, den nur die allerwenigsten von Euch lesen werden – weil er in einer Sprache geschrieben ist, die die nur wenige von Euch beherrschen: Luzerndeutsch. Ich tue es trotzdem, weil die Lektüre für mich geradezu berauschend war (wenn auch vielleicht nicht so, wie sich die Hauptfigur der Geschichte Berauschtheit vorstellt, aber dazu komme ich noch). Der Roman heisst „Provenzhauptschtadt“, der Autor Béla Rothenbühler. Und der Text beginnt so:

„Ech wörd ned met Schwalben aafo, wenn ke Schwalben ome gsi wärid. Aber: De ganz huere Hemel voll Schwalbe. Schwalbebüüch ond Schwalbeschwänz, wo äifach so omesäglid, voll äis metem Wend, Termik total im Körpergfüel.“ (S. 8)

Heisst auf Hochdeutsch: „Ich würde nicht mit Schwalben anfangen, wenn keine Schwalben dagewesen wären. Aber: Der ganze verdammte Himmel voller Schwalben. Schwalbenbäuche und Schwalbenschwänze, die einfach so herumsegeln, voll eins mit dem Wind, Thermik total im Körpergefühl.“ Als ich das las, fühlte ich mich selbst wie eine Schwalbe, die vom kargen Boden des Hochdeutschen ins Element ihrer Muttersprache gewirbelt wird. Ich hörte den Erzähler geradezu labern, sehe ihn gestikulieren in einer Beiz, mit seinen Kollegen. Ich kann das Bier riechen. Mein Leben lang habe ich eine Sprache gesucht, die manche meiner Geschichten erst richtig zum Fliegen bringen könnte. Das wäre diese Sprache.

Ich muss einräumen, dass es dazu auch andere Meinungen gibt. Arno Renggli, der Rezensent der „Luzerner Zeitung“, beurteilte den Dialekt als „echtes Hindernis“ beim Lesen. Nun ja, vielleicht fehlte ihm auch einfach die Bereitschaft, sich der Thermik dieser Sprache anzuvertrauen. Hat man als Muttersprachler diesen Moment des Zögerns hinter sich, ist es ganz einfach. Renggli benannte auch gleich den kommerziellen Haken am Projekt „Luzerndeutscher Roman“: „Eine gute Story ist eine gute Story, was braucht es da das Handicap des Dialekts, das des Autors Absatzchancen ja auch noch geografisch einschränkt?“ (Ausgabe vom 15. Februar 2021). Da hat er freilich recht: Der Markt für Luzerndeutsche Literatur ist wohl winzig.

Aber erzählt „Provenzhauptschtadt“ auch eine gute Story? Nun ja, nicht so richtig. Eigentlich scheitert sie schon an ihrem Titel. Dieser behauptet, dass sich das Buch mit der Provinzialität im Allgemeinen und der Luzernischen Provinzialität im Speziellen auseinandersetzt. Aber der Ich-Erzähler bleibt bei jeder Gelegenheit, sich in dieses Thema zu vertiefen, vollkommen vage. Er bleibt überhaupt bei jedem Thema vollkommen vage. Er behauptet zwar, „Fermepsücholog“ zu sein – also Firmenpsychologe. Da müsste er doch auch ein wenig an Menschen interessiert sein, vielleicht wenigstens an seinen WG-Kollegen, mit denen er nächtelang bechert. Ist er aber nicht. Nicht einmal die Frau, in die er verliebt ist, interessiert ihn so richtig. Vielleicht liegt es daran, dass gerade Sommer ist und Fussball-WM und alle immer ein bisschen betrunken oder bekifft. Oder will die Geschichte uns sagen, dass Provinzmenschen im Allgemeinen vage denken und beziehungsunfähig sind? Das wäre nun ein Vorurteil, dem ich Deutsch und deutlich widersprechen muss.

Der Roman beginnt sommerlich melancholisch und endet mit einem üblen Kater. Er wird wohl keine neue Literaturtradition begründen, und auch ich werde in meinem Blog weiterhin auf dem Boden des Hochdeutschen bleiben, schon wegen Euch Leserinnen und Lesern. Von meinem stillen Kämmerchen aus aber werde ich wohl ab und zu die Schwalben fliegen lassen und ein bisschen mit dieser Sprache experimentieren.

Béla Rothenbühler: „Provenzhauptschtadt“, Verlag Der gesunde Menschenversand, Luzern, 2021