Trauertag für die Opfer von Crans-Montana

Heute ist in der ganzen Schweiz Trauertag für die Opfer von Crans-Montana. Um 14 Uhr ist nationale Schweigeminute. Die Kirchenglocken werden läuten. Auch ich werde eine Weile innehalten.

Letzten Sommer waren wir im Wallis. Viele Orte dort habe ich ins Herz geschlossen. Auch Crans-Montana haben wir einen kurzen Besuch abgestattet. Der mondäne Bergkurort blieb mir fremd. Aber seit zehn Tagen sind meine Gedanken oft bei den jungen Menschen, die ihr Leben im Flammeninferno in der Bar Le Constellation lassen mussten; bei den Eltern, die Kinder verloren haben; vor allem aber bei jenen Opfern, die jetzt in Spitälern liegen und einen schweren Weg zurück ins Leben vor sich haben.

Im Rest der Schweiz nehmen wir das Wallis als Ort wahr, wo es wild und gefährlich ist und wo die Leute auf mitunter charmante Art machen, was sie wollen. An dieser Katastrophe ist nichts charmant. Hier gehören alle Versäumnisse, alle Nachlässigkeiten, alle Unregelmässigkeiten aufgearbeitet und gesühnt. Crans-Montana, das Wallis und die Schweiz muss den Opfern helfen, wo sie Hilfe brauchen.

Magischer Neujahrsmorgen

Wasserspeiender Wolf und seltsame Vögel: Der Tinguely-Brunnen in Basel heute Morgen.

Es hat auch Vorteile, dass man ab einem gewissen Alter mit wenig Schlaf auskommt. Heute stellte ich trotz gestriger Silvesterfeier schon früh fest, dass nach mehreren vernebelten Wochen endlich wieder die Sonne scheint. Ich weckte Herrn T. und wir fuhren im fast leeren 9.54-Uhr-Zug nach Basel, links und rechts zogen von Frost bedeckte Felder vorbei. Im Zentrum von Basel fanden wir überraschend den Brunnen des Künstlers Jean Tinguely in vollem Eiszauber. Gefroren hatte ich ihn noch nie gesehen (auf YouTube lässt sich anschauen, wie er im Sommer spritzt und rattert und rotiert). Ein magischer Moment.

Und viele magische Momente, Glück und gutes Gelingen eurer Projekte wünsche ich hiermit euch allen im Neuen Jahr 2026

Schweizerdeutsch 52: Strasse überqueren in Wien

Grüener werd’s nömme!

Standarddeutsch: Grüner wird’s nicht mehr!
Sinngemäss: Mach endlich vorwärts, die Ampel steht auf Grün!

Wien ist nicht überall ein Fussgängerparadies. Wer auf Schusters Rappen* am Ring unterwegs ist, muss oft an mehrspurigen Strassen und Grosskreuzungen warten. Lange warten. So lange, bis der Blick von der gegenüberliegenden Ampel wegschweift, denn es gibt in Wien doch so viel mehr zu sehen als dieses langweilige, rote Ampelmännchen! Bis dann, huch, die anderen Wartenden sich in Bewegung gesetzt haben und die Schweizer Touristin auch sieht, dass es grün ist und gerade noch rechtzeitig hinterherhechten kann, bevor sich gegenüber wieder das rote Männchen hinstellt.

Am Wiener Ring hallte mir in solchen Momenten die Stimme des Fahrlehrers Frogg hinterher – er war ein ferner Verwandter von uns und unterrichtete meine Mutter, die jeweils mit Gusto seine Redensarten kolportierte. «Grüener werd’s nömme!» pflegte er auszurufen, wenn sie nach dem Lichtwechsel das Gaspedal nicht schnell genug fand. Oder wenn irgend so ein Fussgänger, für den man extra angehalten hatte, den Farbwechsel verträumte. Ganz als gäbe es an einer Lichtsignalanlage nicht nur drei, sondern eine ganze chromatische Tonleiter von farbigen Lampen, schliesslich sagt man ja auch: «Er raste bei dunkelorange über die Kreuzung.»

  • Eben fällt mir die Doppeldeutigkeit der Redewendung «auf Schusters Rappen» auf. Mein Leben lang habe ich geglaubt, sie verweise auf den Geldbetrag, den «de Schuemacher» beim Verkauf seines Erzeugnisses einnimmt (früher kosteten einfache Treter bestimmt nur ein paar Rappen!). Ich hab’s aber gerade gegoogelt und bin überrascht: Das Wort «Rappen» verweist hier auf Pferde!

Liebeserklärung an Wien

Pallas Athena vor dem Parlament (Quelle: Wikipedia)

Letzte Woche verbrachten Herr T. und ich ein paar Tage in Wien. Wieder wurde mir klar, warum ich diese Stadt so liebe: wegen ihrer schieren Grösse und ihrer Unübersichtlichkeit; wegen ihrer wechselhaften, auch düsteren Geschichte; wegen ihres Prunks, den sie nicht ohne Selbstironie zur Schau stellt; wegen ihrer Schäbigkeit, Nonchalance und ihres dunklen Humors, der – mal sarkastisch, mal mit trunkenem Weltgelächter – auch unappetitliche Dinge benennt. Ich meine: Wo sonst reisst man Witze über die Strasse, die zum Friedhof führt (hier der Rennweg)? Ihn «hat Alfred Polgar als ausgestreckten Darm Wiens bezeichnet – ergiessen sich doch durch ihn alle Ausscheidungen der Stadt in Richtung Zentralfriedhof.» (S. 225). Oder über die würdigen, heute von der Welt meist ignorierten Statuen vor Repräsentativbauten? In Wien weiss man noch um ihre Bedeutung: «Warum Pallas Athene, die Göttin der Weisheit, vor dem Parlament steht, weiss jeder Wiener: Sie traut sich nicht hinein.» (S. 150).

Blick hinter Stalins Marmorkolonnade.

Wo sonst hat Kritik am wachsenden Autoritarismus derart augenfällige künstlerische Intelligenz? Nehmen wir das Denkmal an die Eroberung Wiens durch die Rote Armee, das Josef Stalin 1945 gestiftet hat. Hinter der monumentalen Marmorkolonnade befindet sich dort ein Mäuerchen, in auffälligen Farben bemalt (siehe Bild, hier mehr über das Kunstwerk). Oder den Park bei der Votivkirche. Dort steht ein granitener Tisch  mit einem Stuhl für jeden der zehn bei der ersten Osterweiterung 2004 beigetretenen EU-Staaten – die Namen sind am Stuhlrücken eingraviert: Estland, Lettland, Litauen, Polen, Tschechien, Slowakei, Slowenien, Malta, Zypern und … halt, bei einem Stuhl ist der Rücken abgerissen, er ist namenlos. Nach einigem Rätselraten sind wir sicher: Das wäre der Stuhl Ungarns. Kunst oder Vandalismus? Egal. Jemand will hier, dass Ungarn unbequem sitzt.

Und dann lieben wir Wien wegen der p. t. Nimis, unserer alten Freunde, Frau Nimi war einst geschätzte Mitbloggerin. Herr Nimi ist mit den Jahren dazugekommen. Beide sind begnadete Kulinariker und haben uns nach Strich und Faden verwöhnt. Danke Euch beiden!

Zitate sind aus Beppo Beyerl: „Wien und Umgebung“, Reise Know-How Verlag Peter Rump, Bielefeld, 5., komplett aktualisierte Auflage 2004.

Schweizerdeutsch 47: Wenn die Ferien vorbei sind

Landschaft in der Nähe unseres Zuhauses am 25. Juli 2025.

Dehäi esch es au weder schöön!

Standarddeutsch: Zu Hause ist es auch wieder schön. Der Gemeinplatz, mit dem wir es uns schönreden, dass das Reise-Abenteuer und die freien Tage vorbei sind, man in der Wohnung einen Stapel Post vorfindet und es etwas muffig riecht. Meist weiss ich es tatsächlich zu schätzen, dass ich winzige Hotelzimmer mit wackligen Internetverbindungen hinter mir lassen und in meine vertrauten vier Wände zurückkehren kann. Aber dieses Jahr sehnte ich mich noch lange ins Unterwallis oder ins Lavaux zurück.

„Dehäi“ heisst im Beispiel hier „zu Hause“ im Gegensatz zu „in den Ferien“ und kann damit auch einen Ort ausserhalb der eigenen Wohnung bezeichnen. „Dehäi“ kann aber auch Gegensatz zu „vorosse“, also ausserhalb der Wohnung, gebraucht werden.

Aigle: Warum Otto von Grandson trotz allem ein Held bleibt

Zufahrt zur Klosteranlage von Aigle. Ich stelle mir gerne vor, dass dies einer der letzten Orte ist, die Otto gesehen hat.

Im Frühling 1328 machte Ritter Otto von Grandson seine letzte Reise. Er war 90 Jahre alt, ein immer noch mächtiger Mann. Seine Zeit als Krieger lag lange hinter ihm. Er war in England wohlhabend geworden, seine diplomatischen Dienste in halb Europa gefragt. Nun brach er, zusammen mit ein paar Männern, von Grandson aus auf, um den Grossen St. Bernhard zu überqueren und nach Rom zu gelangen.

Grabmal von Otto von Grandson in Lausanne.

Er kam bis ins 80 Kilometer entfernte Aigle, wo er beim Prior des Klosters weilte und erkrankte. Am 5. April starb er. Man legte ihn in der damals funkelnagelneuen Kathedrale von Lausanne in einem prächtigen Sarkophag zur Ruhe. In Aigle selbsts erinnert nichts mehr an den prominenten Gast des damaligen Priors. Ich bin nicht einmal sicher, ob das Haus des Priors im Klosterviertel noch steht. Das heute mächtige Schloss hatte bei der Ankunft von Otto sowieso erst zwei Türme. Meine Suche nach Ottos Spuren war voller Missverständnisse gewesen: Er war kein Schweizer, sondern eher ein Savoyer, kein Abenteurer, sondern ein Karrierist in fernen Ländern.

Wein-Etikette von 1991 im Museum des Schlosses Aigle.

Aber im Weinbau-Museum des Schlosses Aigle erinnerte eine dort ausgestellte Flaschen-Etikette aus dem Jahre 1991, daran, was Otto in einem gewissen Sinne gewesen ist: ein Europäer. Um zu verstehen, warum mich das interessiert, muss man eine Ahnung haben von der komplizierten Beziehung der Schweiz zur EU. Am 6. Dezember 1992 scheiterte der Beitritt der Schweiz zum Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) knapp in einer Volksabstimmung. Wir EU-Befürworter standen damals mit ähnlich abgesägten Hosen da wie heute die Demokraten in den USA. In der konservativen Zentralschweiz zogen an jenem Sonntag die Trychler im Triumphzug durch die Strassen. Hier schlummert der Mythos von Wilhelm Tell nur leicht und lässt sich mit wenigen Inseraten wecken. Dann ist man gegen alles, was im Entferntesten wie ein fremder Vogt aussehen könnte. Ich erinnere mich gut an jenen Abstimmungssonntag, ich war 27 und  stinkwütend. Ich fühlte mich als Europäerin, nicht als verdammte Trychlerin. Vielen Stimmbürgerinnen und -bürgern der Westschweiz dürfte es ähnlich gegangen sein. Die Romandie hatte den Beitritt mehrheitlich befürwortet. Seither ist die barrière de rösti auch ein Graben zwischen EU-Befürwortenden und EU-Gegnern.

Für mich aber, in der Zentralschweiz aufgewachsen, wurde Otto von Grandson trotz seiner kriegerischen Natur zur Identifikationsfigur: Als Savoyen sich seiner Haustür näherte, griff er nicht trotzig zur Armbrust. Er nutzte die Chancen europaweiter Netzwerke von damals.

Wir sollten bei der Gestaltung unserer Zukunft nicht immer an Wilhelm Tell denken, sondern auch mal an Leute wie Otto von Grandson.

Es heisst, Otto sei ein grosser Verehrer von Eleonore von Kastilien gewesen, der Ehefrau seines Freundes Edward I. Er habe ihr geschworen, dass er eines Tages in der Grabeskirche in Jerusalem beten werde. Dass sie 1290 gestorben war, erfuhr er erst ein Jahr später, als er nach der verlorenen Schlacht um Akko in Zypern eintraf. Robert J. Dean schreibt, die Nachricht habe den Ritter dazu bewegt, als Pilger nach Jerusalem zurückzukehren – obwohl es äusserst gefährlich gewesen sei, denn westliche Kriegsgefangene wurden dort gerade in grosser Zahl auf den Sklavenmärkten zum Verkauf angeboten. Jemand hätte ihn erkennen und verraten können. Aber es gelang ihm, seinen Eid in Jerusalem zu vollbringen und heil nach Zypern zurückzukehren.

So führt eine Reise zur anderen. Vielleicht wird eine unserer nächsten über den Grossen St. Bernhard führen. Nicht zu Fuss, denn obwohl ich erst zwei Drittel des Lebensalters von Otto erreicht habe, traue ich meinen Knien einen solchen Marsch nicht mehr zu. Und nicht bis Rom, das ist mir wahrscheinlich zu weit. Aber, wenn es geht, vielleicht bis nach Turin. Gerade als Tochter des Gotthardpasses will ich damit der Mehrsprachigkeit und den verschiedenen Möglichkeiten, die Schweiz zu sehen, meinen Respekt erweisen.

Mit Herrn T. verreisen

Herr T. in Hérémance, im Wallis, im Vordergrund links ein traditionelles Haus, im Hintergrund die berühmte Betonkirche (über die er hoffentlich noch schreiben wird).

Mein Mann, den ich hier Herrn T. nenne (er sich selbst: der Kulturflaneur) hat sich zu unserer Tour de Romandie verlauten lassen. Hier der Link. Sein Beitrag ist eine sorgfältig gestaltete, übersichtliche Präsentation unserer Route und unserer wichtigsten Erlebnisse – reich bebildert. Wo ich mich von den einen Dingen mitreissen lasse, dafür andere (auch aus Zeitgründen) einfach weglasse, ist bei ihm Ordnung und Überblick.

Wenn ich so darüber nachdenke, muss ich an meinen Monsieur dans les pommes de terre denken: Ich nehme wieder mal zuerst die grossen Kartoffeln und lasse auch mal ein paar (für mich) kleine liegen. Das ist nicht nur schlecht – es kann im Büroalltag durchaus sinnvoll sein. Herr T. aber macht das Erlebnis vollständig: Er zeigt mir, wie man alle Kartoffeln aufsammelt, und mit Methode. So, wie wir schreiben, reisen wir auch. Oft habe ich Ziel oder wenigstens eine Obsession, er hat einen Plan und stets die Orientierung. Und wenn es mal umgekehrt ist, lassen wir uns auf das ein, was der andere will. Klar, manchmal streiten wir auch. Aber bis jetzt haben wir uns immer wieder eingekriegt. Es ist wunderbar, mit Herrn T. zu reisen.

Saint-Maurice: Festungen und Fragen

Das Schloss von Saint-Maurice, wegen der aktuellen Asterix-Ausstellung auch attraktiv für Familien.

Saint-Maurice ist so weit von der Zentralschweiz weg, dass ich es vor unserer Reise kaum auf der Karte gefunden hätte. Dabei ist das Städtchen von enormer Bedeutung für die Schweiz. Es liegt an der engsten Stelle des Unterwallis. Hier zwängt sich die Rhone zwischen  Felsen hindurch. Links und rechts führen Strassen zu den Alpenpässen Simplon und Grosser St. Bernhard, der schon im Altertum Handelsroute war. Wer einst von Rom ins Mittelland oder nach Frankreich wollte, kam hier vorbei. Die Touristin besichtigt hier die Fundamente der Schweiz und fragt sich, ob wir in Zukunft auf sie bauen können.

Die Burg im Bild oben ist das Schaustück der Militäranlagen von Saint-Maurice. Gebaut im Spätmittelalter von den Wallisern, nachdem sie Savoyen 1476 die Nordseite des Grossen St. Bernhard abgenommen hatten. Wichtiger ist das, was man sieht, wenn man hinter der Burg dem Hang entlangspaziert: Täfelchen erinnern dort daran, dass die Schweiz 1815 am Wiener Kongress wegen ihrer Alpenpässe von den europäischen Mächten für neutral erklärt wurde. Die Eidgenossenschaft habe sich fortan als Hüterin ihrer Pässe gesehen und Festungen und vor allem Bunker zu deren Verteidigung gebaut – auch in Saint-Maurice. Wahrscheinlich war die Neutralität einer von mehreren – nicht nur noblen – Gründen, weshalb die Schweiz heil durch die Kriege des 20. Jahrhunderts kam. Heute fragt man sich: Würden uns all diese Anlagen in einem Krieg gegen Putin etwas nützen? Sind unsere Alpenpässe noch bedeutsam? Wie sinnvoll ist die Neutralität noch?

Der heilige Mauritius wurde europaweit verehrt: Hier eine Statue im Dom zu Magdeburg von 1250 (Quelle: Wikipedia).

Und dann kann man im Städtchen einen der Ursprünge des Christentums in Europa besichtigen. Hier wurden der Legende nach im Jahre 290 der römische Legionär Mauritius und seine Truppen zu Märtyrern, weil sie keine christianisierten Gallier töten wollten. Das nach ihm benannte Kloster wurde 515 gegründet und ist eines der ältesten in Europa (siehe hier). Doch war es in den letzten Jahren nicht wegen seiner Altehrwürdigkeit in den Schlagzeilen, sondern weil Männer aus der Abtei Kinder und Jugendliche sexuell missbrauchten (ein Bericht des „Beobachters“ fasst die Situation hier gut zusammen). Man befindet sich hier also einem der Orte, an dem die katholische Kirche gegen den Untergang ringt, den sie sich – ganz ohne äussere Feinde – selbst zu bereiten droht. Wenn es ihr nicht gelingt, die schweren systemischen Störungen zu überwinden, die sexuelle Gewalt in ihren Institutionen fördern, ist sie in ein paar Jahren in Europa bedeutungslos. Was passiert dann in Zeiten kostspieliger Aufrüstung mit den sozialen Institutionen, die die Kirche noch führt? Wird etwas an ihre Stelle treten, was für die Seelen der Menschen so bedeutsam ist wie einst das Christentum? Und wird es etwas besseres sein?

Mein Blick fiel von der Festung auf das Wasser der Rhone. Sie führte überraschend viel Wasser nach zehn Tagen mit rekordverdächtig hohen Temperaturen und wenig Regen. Die Fluten waren weisslichgrün und dickflüssig wie Dispersionsfarbe. Da war wohl viel Schmelzwasser von Gletschern dabei. Hier im Wallis gibt es zahlreiche Gletscher, und sie schwinden. Wie wird es hier sein, wenn sie alle weg sind?

Der Rilke-Turm bei Sierre

Hier, im Schloss Muzot, lebte der Dichter Rainer Maria Rilke 1920 bis zu seinem Tod 1926.

Nach dem Ersten Weltkrieg war Rainer Maria Rilke zutiefst verstört. Der Dichter  wollte  schreiben, aber es gelang ihm nichts. 1919 verliess er München, wo er während des Krieges gelebt hatte und begann, ruhelos in der Schweiz umherzureisen, die er zunächst nicht besonders mochte. Dann entdeckte er das Château de Muzot oberhalb von Sierre, in Veyras. Es war gewiss kein Luxusschloss, die Einrichtung war rudimentär. Aber er liebte Gegend (hier mehr dazu) und fand einen Mäzen, der es für ihn erwarb. Er konnte gratis unter dem alten Dach leben und schrieb dort seine letzten, grossen Werke.

Am 23. Juni pilgerten wir hinauf zu dem Gebäude, in dem er unter Ächzen und Stöhnen in wenigen Tagen die „Duineser Elegien“ und „Sonnette an Orpheus“  vollendete (so überliefert es der Schweizer Journalist Jean-Rodolphe von Salis). Wir mühten uns durch ein Tal mit Reben hangaufwärts, es war schwülheiss, Gewitter lagen in der Luft. An der Strasse sah ich einen wohl vom Blitz gespaltenen Kirschbaum, zerborsten, aber über und über voller roter Früchte. Das hätte Rilke gefallen, dachte ich, ein Kirschbaum, der im Sterben alles gibt, um sich der Welt zu geben.

Als wir den Muzot erreichten, begann es zu regnen. Hinein kann man nicht, das Schloss ist in Privatbesitz. Aber daneben steht eine kleine Kirche, Rilke liess dort kurz vor seinem Tod noch Renovationsarbeiten durchführen. Unter ihrem Vordach picknickten wir, bis der Regen aufhörte.

Herr T. kann nicht viel mit Lyrik anfangen. Aber später, wieder in unserer Ferienwohnung, nahm ich das 1905 erschienene „Stundenbuch“ aus meinem Gepäck, blätterte, das Wort „Turm“ stach mir ins Auge und ich las vor:

Ich lebe mein Leben

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.

Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang;
und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang.

Derborence: Teuflische Bergstrecke

Wir schreiben den 22. Juni, in der Nacht zuvor hat Donald Trump Bomben auf Iran geworfen. In Sion sind wieder über 30 Grad angekündigt. Herrn T. will an den Lac de Derborence, 1451 Meter über Meer, dort ist es kühler. Aber Achtung: „Das gilt als die gefährlichste Postautostrecke der Schweiz“, sagt er. „Ok“, sage ich und so steigen wir in den gelben Bus, der zunächst über grüne Hänge den Bergen entgegenkurvt. Wenn der Chauffeur das Posthorn erklingen lässt, rennen Kinder herbei und winken. Hinter dem Fahrer sitzen vier Typen, so übermütig, als hätten sie schon am frühen Morgen dem Fendant zugesprochen.

Nach Aven wird die Strasse einspurig, nur da und dort eine Ausweichstelle. Dann eine enge Kurve und nun fahren wir auf einem schmalen Sims über der Schlucht. „Nur neun Chauffeure haben überhaupt die Erlaubnisse, diese Strecke zu fahren“, sagt Herr T. Er sitzt am Fenster und knipst, später zeigt er mir die Bilder, man sieht nur Sitzpolster und senkrecht abfallende Felsen. Ich schaue lieber nach vorn. Der Chauffeur lässt das Horn jetzt vor jeder Kurve erklingen, es kommen keine Kinder mehr. Auch kaum Gegenverkehr, zum Glück.

Vor einer Linkskurve hält der Fahrer an, ziemlich lange. Ich sehe ihn im Spiegel, ein behäbiger, junger Mann mit pechschwarzem Haar. Er kratzt sich am Unterkiefer. Ein Anzeichen von Nervosität? Es ist mäuschenstill im Bus, auch die Fendant-Männer schweigen. Ein Töffli kommt aus der Kurve, zieht vorbei. Der Fahrer wartet weiter. Herr T. bekommt irgendwie mit, dass hinter der Kurve ein Tunnel ist, vielleicht steht auf der anderen Seite eine Ampel und er muss abwarten, bis der Gegenverkehr vorbei ist. Oder so.

Vielleicht funktioniert ja etwas nicht.

Ich habe der Postauto AG immer vertraut, ein Bundesbetrieb, verlässlich und integer (also, abgesehen von diesem seltsamen Finanzskandal, aber das beeinträchtigt die Fahrgastsicherheit ja nicht, oder?), die Busse erschliessen noch das fernste Alpental, das ist politisch gewollt und sinnvoll. Aber den Amerikanern haben wir auch vertraut und schaut her, was  passiert ist! Kann man überhaupt noch jemandem vertrauen?

Wir warten. Über den News-Bildschirm vorne flimmert wieder und wieder die Nachricht, dass im nahen Conthey eine invasive Ameisenart in sechs Häuser gedrungen ist. Die Insekten würden in riesigen Staaten leben. „Es waren so viele, man konnte vor lauter Ameisen den Fussboden nicht mehr sehen“, soll die Bewohnerin eines betroffenen Hauses gesagt haben.

Endlich fährt der Chauffeur hinein in den Tunnel, bewegt den Bus Zentimeter um Zentimeter vorwärts, er passt genau ins Gewölbe, ein ungenaues Manöver und das Dach sieht aus wie nach einem Eiertütschen. Das Posthorn erklingt so oft, ich kann es schon gar nicht mehr hören.

Als das Postauto das Ende der Schlucht und auf flacheres Terrain erreicht hat, klatschen die Leute im Bus. Wie in einem Flugzeug, das vom Piloten bei ruppigem Wetter heil auf die Piste gesetzt wurde. Ich bin nicht sicher, ob das mein Vertrauen in die Welt wieder herstellt. Aber ich habe Hochachtung vor Buschauffeuren, die Verantwortung für so viele Leute auf sich nehmen.

Wir steigen aus, gehen über den Parkplatz und dann zeigt Herr T. auf ein Auto und sagt: „Schau, ein Niederländer!“ Wir lachen beide, denn so ist es immer auf diesen teuflischen Bergstrecken: Zuoberst auf dem Parkplatz steht ein Auto mit NL-Kennzeichen, das Fahrzeug eines Flachländers, der bewiesen hat, dass er hier hochkommt.

Und dann kommen wir zum See, und ich muss zugeben, es ist ganz wunderprächtig dort oben. Man kann für Stunden alles vergessen.

Lac de Derborance.