Forschungsreise

Mein geliebter Herr T. und ich haben uns ein bisschen auseinander gelebt. Auf dem Weg zur Vernissage fotografiert er enthusiastisch Dinge, die ich belanglos finde. Den Bahnhof, den wir schon tausendmal gesehen haben zum Beispiel. Ich beschäftige mich derweil mit Fragen, die mir fundamental erscheinen, über die ich aber schlecht sprechen kann. Zum Beispiel: Macht es Sinn, die Vernissage eines Künstlers zu besuchen, zu dem wir den Kontakt vor ein paar Jahren fast gänzlich verloren haben? Ist es ok, vor allem zum Plaudern an eine Vernissage zugehen? Wie viele soziale Kontakte braucht der Mensch? Welche sind sinnvoll? Und, die allerdringendste Frage: Wie werde ich dieses schlechte Gefühl los? Es hat etwa die Grösse einer schimmlig gewordenen Grapefruit, sitzt in meiner Magengrube, verdirbt mir den Appetit und raubt mir manchmal auch den Schlaf. Es sitzt dort, wo die Neugier sitzen sollte, das Gefühl für einen Sinn und Zweck. Das alles ist mir irgendwie abhanden gekommen.

Aber der Künstler hat uns nun mal zur Vernissage eingeladen, und so stapfen wir über die gefrorenen Trottoirs einer unwirtlichen Agglomeration. Und siehe da: Wir finden Bilder von grosser Schönheit. Bilder von in Farben versunkenen Urwäldern, Bilder voller unerwarteter Tiefen, in die das Auge hineinforschen will.

Vor einem der Gemälde komme ich mit dem Künstler ins Gespräch. Er erzählt mir von der Musik die ihn beeinflusst hat und von seinem Interesse an Forschungsreisen – und dass er sich von Joseph Conrad’s „Herz der Finsternis“ für eines der Bilder hat inspirieren lassen. Ob er denn selber grössere Reisen unternehme, fragte ich ihn. Er verneinte. Manchmal reize ihn die Vorstellung zu reisen, aber dann sei ihm die Erforschung der Malerei Reise genug.

Als wir nach Hause kommen, gehe ich ans Büchergestell und ziehe Joseph Conrads „Herz der Finsternis“ hervor und beginne zu lesen. Schon die ersten Sätze berauschen mit ihrer sprachlichen Schönheit. Später merke ich: Es geht hier nicht nur um eine Expedition in den dunkelsten Teil des afrikanischen Dschungels. Es geht um die Frage, wie man überlebt, wie man ganz bleibt in einer Umwelt von tiefster moralischer Verkommenheit. Meine Neugier ist geweckt.

Fehlerteufel

Mein Vater ist ein liebenswürdiger, beinahe ängstlich konventioneller Mensch. Vielleicht ist er so vorsichtig, weil er die Klippen, an denen ein Mensch zerschellen kann, besser versteht als viele andere.

Neulich hat er eine Geschichte aus den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts erzählt. Damals war er ein junger Postbeamter in einem Städtchen auf dem Land. „Ich hatte dort einen Kollegen, er war ein feiner Mensch Mitte dreissig, verlässlich und freundlich. Er arbeitete tagtäglich am Schalter, nahm Einzahlungen entgegen und zahlte Geld aus, täglich Tausende von Franken. Eines Tages fehlten ihm am Abend 100 Franken in der Kasse.“

„Hat ihm jemand das Geld geklaut?“ fragte Herr T. Er hat keine Ahnung von den Ängsten, die einem Postangestellten den Schlaf rauben.

„Nein“, sagte mein Vater, „Er hatte sich irgendwann im Laufe des Tages verrechnet und wohl jemandem einen Hunderter zu viel ausgezahlt. Er hatte eine Differenz.“ Meine Eltern arbeiteten beide bei der Post. Von Kindsbeinen an habe ich gesehen, welche Unruhe nur schon das Wort „Differenz“ bei einem Postangestellten auslösen kann. Dieses „zu viel“ oder „zu wenig“, das am Abend beim Abrechnen in der Kasse ist. Diese Unruhe ist mehr als Versagensangst. Es ist die Angst davor, dass dass wir mitten in der fröhlichsten Routine ohne es zu merken etwas Schändliches tun. Dass wir gegen unseren Willen dem Geschäft und uns selber schaden. Dass der Fehlerteufel von uns Besitz ergreift.

Klar, shit happens, sagt ihr. Fehler passieren überall. Aber im Berufsleben werden gewisse Fehler streng geahndet. Auf der Post, wenn man sich verrechnet. Bei Journalisten, wenn sie zum Beispiel unter ein Bild von A den Namen von B setzen. Die Kollegen nehmen es mit Furcht und Mitleid zur Kenntnis. Der Chef weiss, dass er auch machtlos gegen den Fehlerteufel ist und wird umso wütender. Er nimmt den fehlbaren Mitarbeiter unter strenge Beochbachtung. Der fehlbare Mitarbeiter nimmt sich selber unter strengste Beobachtung.

„Am nächsten Tag arbeitete mein Kollege wieder am Schalter“, berichtete mein Vater. „Und wieder fehlten ihm am Abend 100 Franken in der Kasse.“ In den Augen meines Vaters flackerte die Unruhe des Kollegen, der nicht mehr wusste, wie ihm geschah. „Er wurde ängstlicher und ängstlicher. Am nächsten Tag hatte er noch einmal eine grössere Differenz. Und wieder und wieder. Keiner wusste, warum. Am Schluss entliess ihn der Chef vom Schalterdienst.“

Man muss wissen, dass die Angestellten der Post damals Beamtenstatus hatten. Man konnte sie also nicht entlassen. Sie wurden versetzt, mussten zum Beispiel Briefe oder Pakete sortieren gehen, was die Kollegen mit Häme oder Mitleid zur Kenntnis nahmen. Ich weiss nicht ob sie dann auch weniger verdienten. Aber die Schande war beträchtlich.


Jetzt mal ganz ehrlich

„Auf was freut ihr euch 2019?“ fragte heute Morgen auf Twitter munter @RolliFräuleinelfe. Die Frage machte mich fassungslos. Sie empörte mich geradezu. Ich blickte um mich und sah, was ich eh schon wusste: Jeden verdammten Morgen wache ich auf und finde mich auf einer verdammt kleinen Insel mitten in einem verdammten Meer von Freudlosigkeit. Immer fällt mir nach und nach ein:

  • Vielleicht verliere ich 2019 meinen Job. In unserem Konzern werden Stellen abgebaut, 200 an der Zahl, das ist jede zehnte. Warum sollte es diesmal nicht mich erwischen? Ich bin über 50, und meine Abteilung war auch schon produktiver. Und selbst wenn es nicht mich erwischt, dann erwischt es jemand anderen, das Betriebsklima ist jetzt schon im Arsch. Darf ich vor all dem, was da kommt, vielleicht ein bisschen Angst haben?! Oder muss ich mich jetzt tatsächlich auf 2019 auch noch freuen?!
  • 2019 ziehen wir um. Ja, wirklich, wir haben eine neue Bleibe gefunden, urbanes Wohnen, gerade noch zahlbar (wenn ich meinen Job behalten kann). Alle sagen mir, wie toll das ist. Aber, ganz ehrlich: Mir stinkt die Zügelei und dass sie uns hier rausschmeissen, weil sie das ganze Quartier abreissen wollen.
  • Mein letzter Hörtest war so schlecht, dass mein Ohrenarzt sie Stirn runzelte und sagte: „So wie es aussieht, machen wir Ihnen rechts gar kein neues Hörgerät, sondern wohl bald ein Cochlea-Implantat.“ Ich lächle tapfer und sage: „Ja, fein, dann höre ich endlich wieder besser! Ist es nicht grossartig, was die moderne Medizin so alles kann?!“ Was ich sonst noch fühle? Ich will es gar nicht so genau wissen.
  • Andreaszwei ist zwar wieder zu Hause, aber für ihn ist nichts mehr, wie es war. Er braucht viel Hilfe und Geduld.
  • Meine Freundin Monika ist ganz tot, dahingerafft von einem Hirntumor. Hier geht’s zum Nachruf.
  • Mein Evchen (acht Monate alt) zieht weg, in eine andere Stadt. Ich werde es wohl nur noch selten sehen.

Und dann verlangt auch noch jemand von mir, dass ich mich auf 2019 freue! Nein, das mache ich nicht mit. Ich verweigere jetzt einfach mal die obligatorische Vorfreude, lasse meiner Wut etwas Raum und warte ab. Die kleinen Freuden werden sich dann schon von selbst einstellen.

Die Liebe und eine klare Flüssigkeit

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In der Vorlesung funkt es zwischen Motti Wolkenbruch und dem nichtjüdischen Mädchen Laura (Quelle: nzzas.ch, aus dem Film „Wolkenbruch“)

Der Kellner schenkt dem jungen Paar am Tisch eine klare Flüssigkeit in die Gläser. „Das ist nämlich mein Lieblingsgetränk“, lächelt die süsse, mit allen Wassern gewaschene Laura. „Meines auch“, sagt Motti. Aber es ist klar, dass er flunkert. Er will ihr nur Eindruck machen. Das Getränk ist ihm völlig fremd, und er verschluckt sich fast an den Eiswürfeln im Glas. Leider habe ich nicht verstanden, um was für ein Getränk es sich handelt. Ist halt so. Die Schwerhörigkeit. Dem Aussehen nach könnte es Mineralwasser aus einer trendigen Flasche sein. Aber wahrscheinlich ist es etwas Hochprozentigeres – schliesslich geht es im Film darum, dass Motti die Freuden des Lebens ausserhalb des jüdisch-orthodoxen Milieus entdeckt, aus dem er stammt. Trendiges Mineralwasser macht da irgendwie nicht genug her.

Deutschsprachige Dialoge im Kino verstehe ich nur noch bruchstückhaft. Deshalb gehe ich an sich lieber in fremdsprachige Filme mit Untertiteln. Aber für Wolkenbruch muss ich eine Ausnahme machen. Der Film ist im Moment der Kinorenner in der Schweiz, und auch meine Freundin Acqua wollte ihn sehen. Eine leichtfüssige Komödie mit einer hervorragenden Performance von Joel Basman als Motti – der sich in das nichtjüdische Partygirl Laura (Noémi Schmidt) verliebt.

Ein Stück weit kommt mir „Wolkenbruch“ entgegen – es gibt darin längere Dialoge auf Jiddisch mit – yeah! – Untertiteln. Bei den hochdeutschen Dialogen tue ich, was ich in solchen Situationen halt mittlerweile tue: Ich spitze die Ohren. Ich konzentriere mich aufs Visuelle. Diesbezüglich hat „Wolkenbruch“ einiges zu bieten. Jüdische Festlichkeiten sind mit viel Liebe zum Detail und wohl leicht überdreht inszeniert. Dazwischen gibt es wilde Partyszenen in Lauras Club. Zudem spielt der Film grösstenteils in Zürich. Wer die Stadt nur ein bisschen kennt, entdeckt ständig vertraute Ecken auf der Kinoleinwand. Um möglichst viel mitzubekommen, ziehe ich Kontextwissen bei: Ich habe den Roman gelesen, ein himmlisches Vergnügen. Nur auf die Frage, was die beiden da für ein klares Wässerchen getrunken haben, kann ich mir keine plausible Antwort denken.

Ich finde ich dann auch noch heraus – als ich nach dem Film mit Acqua an eine Bar gehe und sie sagt: „Tjaaa, also, dann bestelle ich jetzt auch mal einen Gin Tonic.“

Fast nur gute Nachrichten

Meine treuen Leser wissen schon: Mein Leben ist voller Baustellen. Mein guter Freund Andreaszwei wurde von einem Herzinfarkt niedergemäht, Herr T. und ich such(t)en eine Wohnung. Manchmal passe ich auf Baby Evchen auf. Und meine Ohren werden schlechter und schlechter. Normalerweise hechte ich ständig zwischen meinen Baustellen hin und her. Aber heute habe ich eine kleine Verschnaufpause. Zeit, das Neueste zu vermelden. Kein literarischer Höhenflug. Mehr ein Lebenszeichen ans Blogger-Universum.

Eigentlich gibt es fast nur gute Nachrichten: Das Evchen ist sechs Monate alt und wächst und gedeiht. Ich sehe es jetzt seltener, aber ich bin guter Hoffnung, dass ich Mutter und Kind nicht aus den Augen verlieren werde – auch sie im Januar aus der Stadt wegziehen.

Auch eine gute Nachricht: Andreas lebt und ist heil im Kopf. Wir können wieder plaudern wie früher – auch wenn er immer noch im Spital liegt und nicht zu übersehen ist, dass die Sache ihn brutal mitgenommen hat. Er ist dünn wie ein Schilfrohr und hat einfach keinen Appetit. Und er hätte während dieses ganzen Dramas beinahe ein Bein wegen mangelnder Durchblutung verloren. Noch ist er  nicht ganz über den Berg. Aber es könnte schlimmer sein.

Und was das Wohnen betrifft: Mittlerweile zeichnet sich ab, dass wir möglicherweise eine neue Wohnung haben – eine tolle Sache, wenn es denn klappt. Mehr darüber, wenn wir sicher sind.

Hören tue ich möglicherweise noch schlechter als letzte Woche. Ich suche Ruhe und finde sie nicht. Die Hörgeräte-Akustikerin hat mir meine Hörgeräte lauter gestellt. Jetzt sind sie von ihren Kapazitäten her am Anschlag und piepen die ganze Zeit furchtbar laut. Sie will mir neue Geräte verkaufen. Aber ich muss erst mal mit dem Ohrenarzt reden.

 

Mit Hörgerät, ohne Hörgerät

Hörgeräte sind ein Segen. Hier beschreibe ich, was sich anders anhört, wenn ich meine trage (Quelle: www.oticon.ch)

Es soll ja Leute geben, die ihre Hörgeräte nicht tragen. Zu denen gehöre ich eindeutig nicht. Ich setze sie mir am Morgen gleich nach dem Aufwachen ein. Und abends nehme ich sie erst heraus, wenn mein Kopf gleich aufs Kissen sinken wird. Deshalb weiss ich gar nicht genau, was ich ohne Hörgeräte eigentlich noch höre. Nicht viel, fürchte ich.

Manchmal sage ich mir abends selber „hallo“, wenn ich die Hörgeräte herausgenommen habe. Das höre ich nur noch, wenn ich laut und deutlich mit mir selber spreche. Ich höre meine eigene Stimme dünn und dumpf zugleich, sie sagt „ollo! ollo! ollo!“ Wenn ich mit der Hand über die Bettdecke streiche, höre ich das als dünnes Rinnsal von einem Geräusch. Aber nur an guten Tagen. An schlechten höre ich gar nichts. Manchmal muss ich nochmals aufstehen und gehe am Fernseher vorbei, der noch läuft, weil Herr T. noch fernsieht. Dann höre ich manchmal eine Stimme aus der Kiste, ein helles Greinen. Es klingt immer gleich. Stimmen unterscheiden kann ich ohne Hörgerät nicht mehr.

Hörgeräte dürfen nicht nass werden, deshalb muss ich sie zum Duschen ausziehen. Das Rauschen des Duschwassers höre ich dann. Sonst nichts. Schwierig wird es immer in der Badi. Wenn ich in den See will, muss ich mir die Hörgeräte ausziehen. Dann ist nichts als lauter Tinnitus um mich herum, manchmal ein Kind das schreit. Und wenn Herr T. sich anstrengt, können wir uns knapp verständigen. Das heisst: Im Sommer konnten wir das noch. Jetzt höre ich noch schlechter und weiss nicht, ob es noch ginge. Aber es ist ja Herbst. Man muss nicht in die Badi.

Die Hörgeräte helfen: Mit ihnen erkenne ich Stimmen und verstehe auch manchmal, was man mir sagt, wenigstens bei guten Hörbedingungen. Ich höre bei offenem Fenster das Juchzen der Kinder unten auf der Strasse. Ich höre die Tastatur meines Computers und das Klicken der Maus. Ich kann ein bisschen singen, wahrscheinlich falsch. Ohne Hörgeräte höre ich gar keine unterschiedlichen Tonhöhen mehr.

Früher hätte mich das alles entsetzt. Jetzt versuche ich, es zu ignorieren. Wenn ich doch einen panischen Moment habe, denke ich an meinen Ohrenarzt. Der sagt: „Wenn Sie noch zehn oder zwanzig Dezibel schlechter hören, dann gibt es immer noch die Möglichkeit eines Cochlea-Implantats. Nur damit Sie wissen, dass Sie nicht einfach ertauben werden.“

 

Hoffnung

Es war an einem ganz gewöhnlichen Freitag, am 24. August. Als ich von der Arbeit nach Hause kam, kam Herr T. aus seinem Büro. Das tut er sonst nie. Er bleibt sonst immer im Büro sitzen, ich stelle mich in den Türrahmen und wir reden. Aber diesmal kam er eigens heraus, um mir etwas zu sagen: „Du, Lena Wechsler hat angerufen. Es ist etwas Schlimmes passiert.“

Es klang merkwürdig sachlich. Aber wenn jemand hierzulande sagt: „Es ist etwas Schlimmes passiert“, dann muss man sich auf Tote oder Schwerverletzte gefasst machen.

Lena ruft mich sonst nie an. Wenn sie es tut, dann kann es nur wegen Andreaszwei sein. Andreaszwei ist ihr Ex und mein geliebter Spaziergängerkumpel, seit vielen Jahren. Es gibt nicht viele Menschen, die mir vertrauter sind. Es ist ein merkwürdiger Moment. Ich stehe neben mir und schaue mir dabei zu, wie ich warte, bis Herr T. den Hammer niedersausen lässt: „Andreaszwei hat einen schweren Herzinfarkt gehabt. Er liegt im Kantonsspital. Er lebt, aber sie mussten ihn lange reanimieren. Sie wissen nicht, ob er überlebt – und die Chance, dass er je wieder ein normales Leben führen wird, ist sehr klein.“

Ich war müde und hungrig, und ich sagte: „Ich muss erst einmal etwas essen.“

Aber schon beim zweitletzten Bissen begannen die Tränen zu rollen. Ich rechnete nach. Ich kenne ihn seit 1994. Seit 24 Jahren. Noch am 11. August waren wir zusammen unterwegs gewesen, ein leichter Spaziergang im Eigenthal. Zu leicht für unsere Verhältnisse, auf seinen Wunsch. Eigentlich hatte ich geahnt, dass etwas nicht stimmte. Aber er sagte, er habe bloss Rückenschmerzen. „Geh zum Arzt“, sagte ich noch, bevor er bei der Kantonalbank aus dem Bus stieg. Aber wer rechnet damit, dass einer gleich einen Herzinfarkt macht? Er ist ja noch nicht mal 60.

In der ersten Woche weinte ich viel. Ich ging in die Kirche und zündete Kerzchen an und betete. „Leb!“ sagte ich in Gedanken zu ihm.

Er lebt. Vor einer Woche kam er zu sich. Alle sprachen von einem Wunder. Als ich ihn am letzten Dienstag auf der Intensivstation besuchte, war er fast schon sein altes Selbst. Er hing an einem Dutzend Drähten und Schläuchen und konnte kaum sprechen. Aber er lächelte, als ich sagte, ich wolle bald wieder mit ihm spazieren gehen.

Seither hat es Rückschläge gegeben. Er hat furchtbare Schmerzen. Aber ich sage gewiss alle zwei Stunden in Gedanken zu ihm: „Leb Andreas. Leb.“

Der Sommer, der Klimawandel

Im T-Shirt auf dem Mer de Glace – nicht einmal neben dem Gletscher ist es diesen Sommer richtig kühl. (Quelle: Froggfotos)

Wer immer noch nicht an den Klimawandel glaubt, sollte das Mer de Glace in Chamonix, Frankreich, besuchen – einen Gletscher, zu dem man mit einer Bergbahn auf 1900 Meter hochfahren kann. Er ist touristisch sehr gut erschlossen. Deshalb gibt es Marken, die zeigen, wie sehr sich das Eis in den letzten 150 Jahren zurückgezogen hat. Die Reste des einst majestätischen Eismeers unterhalb der Bergbahn bieten ein trauriges Bild.

Aber diesen Sommer braucht man nicht in die Berge zu reisen, um sich davon zu überzeugen, dass der Klimawandel stattfindet. Mittelmeerwetter ist zu uns auf die Alpennordsweite gekommen und geblieben. Zwischen den Häuserzeilen brutzelt der Asphalt, die Wiesen draussen dörren still vor sich hin. Früher war der Regen im Sommer das Verlässlichste, was es gab. Fast immer musste man sich am Morgen überlegen, ob man nun wirklich die hübschen Sandalen anziehen sollte für den ganzen Tag anziehen sollte. Gewiss würde gegen Abend ein Gewitterregen die Riemchen aufweichen

Nicht dieses Jahr. Dieses Jahr rufen sie statt Regengüssen Trinkwasserknappheit aus. Und am 1. August, unserem Nationalfeiertag, herrschte absolutes Feuerverbot. Normalerweise erhellen am Abend dieses Tages Unmengen von Feuerwerk den Himmel, Böllerschüsse allüberall, Höhenfeuer brennen an den Hängen, Lampions auf den Balkonen. Nicht dieses Jahr. Dieses Jahr fiel langsam die Dämmerung, und dann blieb es still und dunkel. Noch nie habe ich einen unfestlicheren 1. August erlebt.

Aber ändern sich deshalb die Menschen? Setzt sich langsam die Einsicht durch, dass puncto umweltbewusstem Leben jeder bei sich selber anfangen muss? Kaum. Die einen sparen vielleicht ein wenig beim Rasensprengen oder Autowaschen. Einige, weil sie müssen. Das Trinkwasser wird da und dort allmählich knapp.

Aber die öffentliche Diskussion dominiert unsere Rechtspartei SVP. Und die sagt sinngemäss: „Wenn wir neue Gesetze machen, bringt das gar nichts. Die Schweiz ist ein kleines Land. Sollen die Amerikaner und Chinesen anfangen. Die sind schuld.“ Also kann man munter weiter mit seinem SUV herumbrausen. Mit einem Billigflug nach Hongkong düsen. Sich das Mineralwasser über aus 1000 Meilen Entfernung herankarren lassen und jeden Abend ein Vollbad nehmen. Wenn wir etwas tun, bringt es ja nichts.

Vielleicht ist es die Hitze, die mich abends manchmal ganz angstvoll macht. Dann liege ich da und denke: „Die Menschheit ist wohl nicht zu retten.“ Und ich versuche mir vorzustellen, wie unser Untergang wohl vor sich gehen wird.

Stille Stadt Genf

Luftbild von Genf, in der Mitte die Rhone mit Rousseau-Insel (Quelle: img.myswitzerland.com)

Unsere Reise begann in Genf, der grossen Schweizer Stadt nahe der französischen Grenze. Ich habe sie als besonders still in Erinnerung. Vielleicht liegt es daran, dass wir an einem Sonntag ankamen und nicht viel Betrieb herrschte. Oder daran, dass wir zuerst die Altstadt aufsuchten, einen verkehrsfreien Hügel mit mächtigen, alten Steinhäusern. An meinem schwachen Gehör konnte es nicht liegen. Meine Hörgeräte sind so stark aufgedreht, dass ich Städte im Allgemeinen als besonders lärmig empfinde.

Staunend ging ich durch die Gassen. Ich bin wenig gereist in den letzten Jahren. Ein Ausflug in eine unbekannte Schweizer Stadt ist für mich wie eine Reise ans ferne Ende Europas. Es ist schon mehr als einen Monat her. Wenn Ihr mich fragt, woran ich mich noch erinnere, dann sage ich: an die vielen Menschen, die im grossen Park Plainpalais Schlange standen fürs public viewing des Weltmeisterschaftsspiels Deutschland-Mexiko. An den Schuhladen von Manolo Blahnik auf dem Weg dorthin. Er befindet sich in einem repräsentativen, gewiss mehr als hundert Jahre alten Steinhaus mit zwei kleinen Schaufenstern. Die scharlachroten und kobaltblauen Schuhe darin schienen von Prinzessinnen hinterlassen, die von bösen Monstren entführt worden waren.

Calvins Stuhl (Quelle: Wikimedia)

Ich erinnere mich auch an etwas, was wir nicht gesehen haben: An Calvins Stuhl im Genfer Münster – der Sitz jenes gestrengen Reformators, der Genf im 16. Jahrhundert unter seiner Knute hatte. Wir haben das Sitzmöbel verpasst, weil wir das Münster in der Altstadt einfach links liegen liessen – Herr T. sieht sich nicht gerne Kirchen an, und ich wusste nichts von Calvins Stuhl und habe deswegen keine Besichtigung gefordert. In meiner Vorstellung ist der Stuhl ein grosser, finsterer Holzthron, aber die Google-Suche ergibt einen geradezu zierliches Möbel.

Wenn der Cowboy vom Pferd stürzt


Cowboy Brady in „The Rider“ liebt Pferde. Aber reiten kann er nicht mehr. (Quelle: theatlantic.com)

„The Rider“ ist ein sterbenslangweiliger Film. Endlose Einstellungen mit Cowboys und Pferden. Endlose Einstellungen mit dem Gesicht des Hauptdarstellers. Merkwürdige Dialoge schlecht eingeführter Figuren (Hier geht’s zum Trailer). Im dunklen, fast leeren Kinosaal streckte mir meine Freundin Cora  verstohlen eine Notiz unter die Nase: „Dieser Film wird von der Kritik stark überschätzt.“ Ich nickte heftig. „The Rider“ hat mehrere renommierte Filmpreise gewonnen. Doch wir sind beide froh, als er vorbei ist.

Kaum bin ich zu Hause, google ich ihn dennoch. Etwas an diesem Film hat mich gepackt: Hier geht es um einen Menschen, der nicht mehr tun kann, was er am liebsten tut. Um den jungen Rodeoreiter Brady, der sich bei einem Sturz vom Pferd schwer am Kopf verletzt hat und jetzt seinen Beruf nicht mehr ausüben kann – der überhaupt nicht mehr über längere Zeit reiten kann. Was dieser junge Mann durchmacht, kenne ich genau. Als mein Gehör zu streiken begann, musste ich die Hoffnung aufgeben, je wieder meinen geliebten Beruf als schreibende Journalistin auszuüben. Ich musste mich in den hinteren Rängen der Redaktion neu zurechtfinden. Ich habe es gekonnt. Aber die Ratlosigkeit im Gesicht des jungen Reiters Brady kenne ich nur zu gut. Ich kenne seine zum Scheitern verurteilten Versuche, wieder zu reiten. Ich kenne seine Annäherungsversuche an die Grenzen des Möglichen. Und seine Enttäuschung, wenn er sie lächerlich schnell überschreitet und einen Rückschlag erlebt.

Im Grunde habe ich erwartet, dass der Film verläuft wie die üblichen Geschichten über behinderte Helden: Sie leiden ein bisschen, akzeptieren dann ihre Grenzen, entdecken neue Perspektiven und wachsen schliesslich in ein neues Leben hinein. Wäre es eine solche Geschichte gewesen, dann wäre ich voller Hoffnung nach Hause gegangen. Ich hätte gedacht: „Es gibt also doch Menschen, die es schaffen.“

Aber „The Rider“ ist nicht so. Cowboy Brady findet keine Perspektiven, nur einen ungeliebten Job im Supermarkt. In der Schlussszene besucht er seinen Freund Lane im Behindertenheim. Lane geht es noch viel schlechter. Er hat beim Sturz am Rodeo eine Hirnverletzung erlitten und kann weder gehen noch sprechen. Die Frage hängt in der Luft: Was für einen Sinn hat das Leben dieser beiden schwer Gestürzten überhaupt. Wir wissen es nicht.

Und doch bleiben zwei Dinge von dieser Schlussszene: Die Zärtlichkeit, mit der sich Brady um seinen Freund kümmert. Und die Schönheit des gescheiterten, jungen Cowboys.