Schweizerdeutsch 73: Nach draussen

voruse (Adv)

Standarddeutsch: nach draussen.

Sobald es zu regnen aufhörte und die Sonne auch nur einen einzigen Strahl aus dem Himmel schickte, sagte unsere Mama: «Gönd voruse!» Geht nach draussen. Es gab kein Wenn und Aber. Vielleicht war sie auch deshalb so konsequent, weil sie ohne uns ungestört putzen, kochen, Haushaltsgeld abrechnen oder Kreuzworträtsel lösen konnte. Es ist ihr nicht zu verdenken, wir lebten zu viert in einer kleinen Dreizimmerwohnung. Sie gab uns aber stets zu verstehen, dass dieses «Vorusegoh» vor allem einen erzieherischen und gesundheitsförderlichen Zweck hatte: Wir sollten frische Luft bekommen, Gspänli* finden, spielen, Teil der Gemeinschaft werden, unsere kleinen Muskeln trainieren und die Welt entdecken. Es hat uns nicht geschadet. Und doch habe ich manchmal gemurrt: Wenn die Sonne schien, durfte ich nicht lesen, zeichnen oder schreiben.

Mit 61 darf ich schreiben und lesen, wann immer mir der Sinn danach steht. Und doch ist dieser innere Befehl geblieben. Wenn ich Zeit habe und die Sonne scheint, will etwas in mir «voruse». Ich gehe dann spazieren. Auch, wenn kein Gspänli mitkommt. Es ist für mich eine Art, Teil der Welt zu bleiben. Sechs Lebensjahrzehnte haben mich zu einer belesenen Beobachterin der Vorgänge da draussen gemacht. Und jetzt will ich auch wieder mehr über das Spazieren schreiben, eben, weil es die Welt enthält.

  • Spielkameraden

Etwas Alpenherrlichkeit und ein paar Worte an meine Leserschaft

Weil viele von euch lieber Berge als Industrie haben, hier der Pilatus, von Westen her her gesehen am 21. Juli 2026. (Bild: Frau Frogg)

Meine Baselbieter Trilogie der letzten Woche wurde erstaunlich viel kommentiert. Richtig amüsant fand ich die Zuschriften einiger deutscher Leserinnen und Leser. Der Tenor: Warum um alles in der Welt geht man in einem Industriegebiet spazieren, wenn man in der Schweiz doch herrliche Alpenlandschaften haben könnte? Ich kann darauf nur antworten: Immer nur Berge, das kann auch einengen.

Eine Leserin aus der Pfalz schickte mir ein Bild des BASF-Geländes in Ludwigshafen im Abendrot. Es sieht grandios aus. Sie schrieb sarkastisch (ich spitze zu), dagegen sei so ein Industrieareälchen wie Schweizerhalle so viel Aufmerksamkeit doch gar nicht wert. Klar, das BASF-Areal in Ludwigshafen bedeckt eine Fläche von 10 km² (Quelle: basf.com). In der Schweiz posaunen wir potenziell beunruhigende Tatsachen nicht so laut heraus, daher ist für Schweizerhalle eine Grössenangabe schwer zu finden. Hier die Rede von 0,51 km², also ein Zwanzigstel von Ludwigshafen, aber die Zahl ist schwierig einzuordnen. Ich kann der Leserin daher nur entgegnen, was frau ja auch gerne zu gewissen Männern sagt: Grösse ist meist kein ausschlaggebendes Kriterium.

Potenziell beunruhigend ist an Schweizerhalle, dass wir es hier mit Chemie zu tun haben, also auch mit Gift. Aber wenn du an einem Samstagnachmittag so der Rheinstrasse in Muttenz entlangspazierst, dann denkst du, du bist am saubersten Ort der Welt. Man könnte hier – theoretisch – von der Strasse essen. Die Leute baden sogar im Fluss. Vielleicht gibt es hier seit der Katastrophe in Schweizerhalle 1986 wirklich bessere Kontrollen. Vielleicht lauern hinter diesen hellen Mauern auch neue Gefahren. Ich weiss es nicht. Wenn ich hier eins besser zu sehen gelernt habe, dann ist es die gewaltige Grösse meines Unwissens.

Einige haben geholfen, dieses Unwissen zu verkleinern. So schrieb der pedestrian, dass ich in Salina Raurica durchaus etwas zu Essen hätte kaufen können. Falls jemand mir doch diesen Rheinspaziergang nachtun möchte: Es gibt eine Spar-Filiale an der Längistrasse 14 (übersehen, denn mein Blick ging in die andere Richtung). Dazu zwei Tankstellenshops (verpasst, weil einen anderen Weg gewählt); und sogar eine Bäckerei (Gaugler, gut versteckt an der Netzibodenstrasse 23c).

Dies hier ist ein persönlicher Blog, daher erhebe ich keinen Anspruch auf absolute Wahrheit, profundeste Recherche und journalistisch gemachten Service. Aber ich bin immer offen für die kollektive Wahrheitssuche.

Und nächstes Mal bekommt ihr den Bericht vom Pilatusgebiet, versprochen!

Muttenz: Rock ’n‘ Roll für Reisende

Der Rangierbahnhof von Muttenz, im Hintergrund Basel (Bild: Frau Frogg)

Später dachte ich viel über meinen Spaziergang im Baselbiet nach. War das nun ein gelungener Ausflug gewesen? Hatte der Anflug von Panik in Schweizerhalle mich als heiter-distanzierte Flaneurin disqualifiziert? War das überhaupt wichtig? Und woher kamen die Glücksgefühle, die ich bei der Erinnerung an den Spaziergang trotz allem hatte?

Neben der Migros hatte ich mein Laugenbrötchen gegessen. Ich sass in einem Park, der aussah, als wäre es Oktober. Aber es war August und mehr als 25 Grad warm. Danach marschierte ich weiter. Ich ging Richtung Nordwesten und überquerte den Rangierbahnhof, diesmal auf einer Brücke.

Vor Jahren hatte ich eine Weile in Basel gearbeitet und war fast täglich mit dem Zug dieser riesigen Anlage entlanggefahren. Oft, vor allem im Morgen- und Abendlicht, bekam ich dann heftiges Fernweh. Ich dachte an die Städte des Nordens. Hier beginnt die Welt, dachte ich. Hier werden die Weichen gestellt, damit jemand in Kopenhagen sich Salben aus Basel ins Gesicht streichen, jemand in Antwerpen Schmerztabletten von Novartis schlucken kann, und damit wir Wein aus Frankreich auf den Tisch bekommen. Das stelle ich mir jedenfalls vor. Aber was weiss ich schon über die Dinge, die wir trinken und uns ins Gesicht streichen? Mit Eisenbahnfahren jedoch kenne ich mich aus. Eisenbahnfahren, das bedeutet Schotter, Russ und Fahrtwind. Und durchwachte Nächte. Eisenbahnen sind der Rock’n’Roll des Reisens.

Nördlich vom Bahnhof liegt der Hardwald, ein weiterer Park, mit Laubbäumen, vor allem Ahorn und Buchen. Auch er: ein Herbstwald. Vor mir schritt ein junges Paar im okkerfarbenen Laub, die beiden hielten sich an den Händen. Es war alles wie immer und nichts wie es sein soll. Vom Restaurant Waldhaus wirbelten wehmütig die Klänge eines Barpianos durchs Laub. Es war so traurig, dass ich beschloss, nach Hause zu fahren. Bei uns ist es grüner.

Und später dennoch diese Glücksgefühle: vom Draussensein; vom Abenteuer; vom Fahrtwind.

Park in Muttenz am 22. August 2026. Die Strasse, an der er liegt, heisst ironischerweise Heissgländstrasse. (Bild: Frau Frogg, 22. August 2026)

Schweizerhalle: Keine Menschenseele, nirgends

Wer meinen letzten Beitrag gelesen hat, erinnert sich: Am Samstag stand ich an der Rheinstrasse in Pratteln (Baselland) und brauchte ein Mittagessen. Schnell war klar: Das silberne Coop-Gebäude vor mir ist kein Einkaufszentrum. Und das Schoggihüsli an seiner West-Ecke ist zwar ein Laden. Aber ich hätte die Strasse überqueren müssen, um zu sehen, ob er auch Sandwiches hat. Die Strasse war breit, und doch war da kein Fussgängerstreifen, keine Ampel, nichts. Auch kein Verkehr und kein Mensch. Ich hätte hinüberschlendern können. Aber ich konnte mich nicht dazu durchringen.

Es wird schon noch eine Querstrasse nach Pratteln kommen, dachte ich. Ich konnte offensichtlich auch meine Karte nicht mehr richtig lesen. Hier gab es keine Querstrasse nach Pratteln mehr. Hier gab es nur noch Fabrikzufahrten, abgesperrt mit Draht- oder Eisen. Und Kameras. Unter normalen Umständen hätte ich die Industriebauten an der Strasse gebührend bewundert. Aber jetzt nicht. Jetzt wollte ich einfach weiter.

Beim nächsten Blick aufs App war ich in Schweizerhalle, in Muttenz. In jenem Industriegebiet, in dem am 1. November vor 40 Jahren ein Grossbrand eine Fabrikhalle der Chemiefirma Sandoz zerstörte, mitsamt den Fässern, die dort lagen. Muttenz und Basel hatten Sirenenalarm, und es stank. Giftiges Löschwasser floss in den Rhein und tötete die gesamte Aalpopulation bis hinunter nach Mannheim (hier gibt es einen informativen Dokumentarfilm). Da, wo ich war, ist die Erinnerung daran ausgelöscht. Kein Mahnmal, kein Gerüchlein, kein Stäubchen.

Ich kam zu der Stelle, wo ein Weg in einen leeren Park am Rhein hinunter führt. Auch hier dürres Gras und braunes Laub, überall. Nur weiter, dachte ich, dann eben ohne Mittagessen. Ich hatte sowieso keinen Hunger. Nur eine leise Stimme sagte: «Don’t skip any meals.» Ein Grundsatz des Meniére-Régimes, dem ich jahrelang nachgelebt habe: regelmässig essen.

Da stieg eine junge Frau aus dem Fluss wie einst Aphrodite. Sie nahm ihr Frottiertuch mit leichter Hand vom Rasen, als würde sie nicht hören, dass die Gräser vor Durst brüllten. Dann erklärte sie mir den Weg zur nächsten Migros. Ich folgte ihren Anweisungen, überquerte die Strasse nun ungehemmt, kam auf die Rothausstrasse und sah vor mir einen Tunnel gähnen, einen vierspurigen Schlund mit einem Oberkiefer aus Beton.

Verdammt! Ich muss hier das Gleisfeld unterqueren! Das Gleisfeld von Muttenz ist gigantisch. Darf ich als Fussgängerin überhaupt in diesen Tunnel hinein? Werde ich lebendig wieder aus ihm herauskommen? Egal. Ich ging hinein.

Später sagte mir das App, dass ich 34 Gleise und eine Autobahn überquert hatte. Beim Ausgang des Tunnels kam mir ein Mann entgegen. Freund oder Feind? Er sagte nur: «Gehen sie die Strasse ganz hinauf bis zum Kreisel, dort ist die Migros.» Und so war es.

Es war schon nach 13 Uhr, aber es gab noch Sandwiches. Ich hatte die Wahl zwischen Schwöbli mit Schinken oder Laugenbrötli mit Schinken (nur in Basel nennt man eine bestimmte Sorte Brötchen «Schwöbli»). Ich entschied mich für ein Laugenbrötchen, zahlte und suchte einen Platz zum Essen.

Baselbiet: Folgenreicher Sprung aus der S-Bahn

Wiese bei der S-Bahn-Haltestelle Salina Raurica (Kanton Baselland) am Samstag, 22. August 2026

Ich hatte vor, bis Kaiseraugst zu fahren. Dort wollte ich etwas zu essen kaufen, bevor ich auf meinen Spaziergang aufbrach. Mein ungefährer Plan: Vom Flusskraftwerk Augst rheinabwärts Richtung Basel. Doch an der letzten S-Bahn-Station vor Kaiseraugst, Salina Raurica, traf ich eine folgenreiche Entscheidung. Ich stieg spontan aus dem Zug. Ich wollte unbedingt das Bild oben machen.

Die Wiese lag da wie von bleichen Knochen übersät. Kein Quadratzentimeter Grün. Klar, ich hatte gewusst, dass das Baselbiet von der Dürre stark betroffen ist. Dennoch hatte ich das Thema nicht auf der Agenda gehabt. Ich war hergekommen aus Flanierlust, aus Industrieromantik, aus Nostalgie. Beim Flanieren ist Ziellosigkeit eine Tugend (ich habe hier darüber geschrieben). Wir lassen uns von unserer Neugier lenken, vom Zufall und vom Forscherdrang.

Doch der Sprung aus dem Zug in Salina Raurica sollte dazu führen, dass später nicht Neugier und der Zufall mich lenkten. Vielmehr bremste mich eine lähmende Unentschlossenheit. Denn in Salina Raurica gibt es keinen Laden, nicht einmal einen Kiosk.

Nun, einerlei. Irgendwo würde ich schon ein Mittagessen finden.

Auch von hier aus war es nicht weit zum Flusskraftwerk. Hier, glaubte ich, bin ich einmal nachts nach einem Cüpli-Anlass mit einem Schiff durch die Schleuse gefahren. Ich war ein Voralpenkind, trunken von der Nacht und ich kannte Schleusen nur vom Hörensagen. Es war magisch. Gestern sah ich dort endlich wieder mal Wasser in Hülle und Fülle (es wird dort ja auch gestaut).

Blick vom Wasserwerk Augst rheinaufwärts. Links das Gebäude des am selben Ort befindlichen Kraftwerks Wyhlen in Deutschland. (22. August 2026).

Bei der Messstelle Rheinfelden, nahe Kaiseraugst, fliessen im Jahresmittel 1029 Kubikmeter Wasser rheinabwärts. Gestern Morgen waren es zwischen 700 und 800 Kubikmeter. Das ist relativ wenig, aber es könnte schlimmer sein. In den letzten Tagen hat es weiter oben kräftig geregnet, die Pegelstände haben sich etwas normalisiert, (auch an der Reuss, die den Rhein speist).

Ich gehe kurz über die Brücke nach Deutschland, dann auf der Schweizer Seite flussabwärts, auf einem lieblichen, aber schmalen Wanderweg. Am Ufer stehen Fischerhäuschen, behängt mit viereckigen Netzen. Doch bald wird mir der Weg zu schmal. Auch brauche ich jetzt dann mal mein Mittagessen. Ich steige hinauf zum Ufersträsschen.

In der Ferne sehe ich bald eine Gebäude aufsteigen wie eine silbern schimmernde Zitadelle. Es trägt oben ein oranges Coop-Logo. Wahrscheinlich ein Produktionszentrum des Grossverteilers, aber, wer weiss, vielleicht gibt es dort ja auch ein Einkaufszentrum. Ich habe auf der Westseite des Gebäudes auf Google Maps auch ein Schoggihüsli verzeichnet gesehen, einen kleinen Laden. Mal schauen, ob sie dort auch Sandwiches für hungrige Flaneusen haben.

Spaziergang an der Reuss in Luzern im Hitzesommer 2026

Die Mündung der Kleinen Emme in die Reuss bei Emmenbrücke am 16. August 2026
Die Mündung der Kleinen Emme in die Reuss am 29. Juli 2025

Die beiden Bilder hier habe ich an exakt derselben Stelle gemacht. Ich räume gerne ein, dass der Juli 2025 überdurchschnittlich regnerisch war – dennoch haute es mich fast um, als ich die beiden Fotos nebeneinander sah. Ich will mich nicht beklagen. Ich weiss, dass in fast ganz Europa extreme Trockenheit herrscht. Uns in der Stadt Luzern geht es vergleichsweise gut. Wir sind angehalten, sparsam mit dem Trinkwasser umzugehen. Aber noch haben wir den See und den Fluss, um uns abzukühlen. Es ist Sommer, und wir versuchen, trotz der grossen Hitze etwas Spass zu haben.

Heute Morgen hatten die Temperaturen leicht nachgelassen und ich hatte Zeit für einen Spaziergang. Ich ging reussabwärts. Schon kurz nach zehn Uhr sah ich an zwei Stellen mitten in der Stadt Leute für ein Bad in den Fluss steigen. Das Wasser hat laut Messstelle Geissmattbrücke um die 26 Grad, das langjährige August-Mittel liegt bei 20 Grad.

Unter der Eisenbahnbrücke St. Karli.

Jemand hat einen Gartenstuhl auf eines der Fundamente der St. Karli-Eisenbahnbrücke gestellt. Es sieht einladend aus. Aber wie ist das Sitzmöbel dort hingekommen? Ist jemand mit ihm  hinübergeschwommen? Hinübergewatet? Unmöglich. Ich bin selbst schon in der Reuss geschwommen, die Eisenbahnbrücke Richtung Zürich weiter unten haben wir immer mit grösster Vorsicht navigiert.  Auf dem Bild sieht man am Betonpfeiler der Brücke unten einen dunklen Streifen. Innerhalb dieses Bereichs schwankt der Pegelstand meistens.

Schutzzelt für Fische an der Mündung des Krienbachs.

Weiter unten, am Kreuzstutz, mündet der Krienbach aus einem unterirdischen Kanal in die Reuss. Die Stelle ist mit einem grünen Baldachin aus Kunststoff überdeckt. «Kühlendes Schattennnetz für unsere Fische», steht auf dem Täfelchen der Stadtbehörde. Das Zeltdach soll Fischen nicht nur Schatten, sondern auch Schutz vor Räubern spenden. Und tatsächlich: Als ich in die Lücke zwischen Zelt und Uferwand äugte, sah ich im Wasser Dutzende fingerlange Fischchen. Aus der Tiefe stieg ein kühler Luftzug. Ich hielt kurz mein Gesicht in die Öffnung, dann wanderte ich weiter Richtung Xylophonweg.

Sensation dort ist zurzeit eine Biberfamilie, die sich unweit des dicht frequentierten Spazier- und Velowegs niedergelassen hat. Anfangs des 19. Jahrhunderts wurden die Nager in der Schweiz ausgerottet, 2008 kamen sie in den Kanton Luzern zurück. Es gibt also doch gute Nachrichten über die Biodiversität hier. Ich konnte keines der Tiere sehen, aber sehr wohl die Weidensträucher am Ufer, die von den fleissigen Bau- und Staumeistern angenagt worden sind. Sie werden noch zu reden geben, fürchte ich.

Am Nordpol hatten sich schon kurz nach 10.30 Uhr Badende eingefunden. Von dort ist es nicht weit bis zur Stelle, wo die Kleine Emme in die Reuss mündet, ein zugleich magischer und melancholischer Ort zwischen Autobahnauffahrt, Eisenbahnbrücke und Kehrichtverbrennungsanlage.

Während ich das Foto von der Flussmündung machte, ging eine junge Frau gleich links vom linken Bildrand hinunter zum Emmenufer. Sie zog ihr Kleid aus und watete in einem roten Bikini über das Flüsschen ans andere Ufer. Das Wasser ging ihr nur bis zu den Waden. Auf der anderen Seite stand eine ältere Frau in einem Sommerkleid. Die junge Frau nahm sie bei der Hand und beide kamen über den Fluss zurück ans diesseitige Ufer. Ich hätte nicht für möglich gehalten, dass man an dieser Stelle zu Fuss die Emme überqueren kann.

So höre ich – ohne und mit Elektronik

Neulich hat Mitbloggerin piri mich gefragt, wie sich mein Gehör seit der Anpassung des CI verändert hat. Gute Frage, finde ich, und versuche mich mal an einer Antwort in drei Abschnitten.

Ganz ohne Hörhilfen höre ich seit etwa vier Jahren rechts gar nichts mehr. Links habe ich, so sagt man mir, ein Restgehör von 6 Prozent. Das bedeutet: Wenn Herr T. sich vor mir aufstellt und deutlich mit mir spricht, dann blubbert es so in meinem linken Ohr. Wenn ich weiss, wovon er redet, verstehe ich oft, was er sagt. Mich selbst höre ich sprechen, aber ich verstehe nicht mehr, was ich sage. Letzteres ist eine nicht unerhebliche Behinderung, wie mich der einst berühmte Schweizer Sportkommentator Bernhard Thurnheer durch den Titel seiner Autobiografie gelehrt hat: «Wie soll ich wissen, was ich denke, bevor ich höre, was ich sage?».

Mit dem Hörgerät links habe ich eine Hörfähigkeit von 40 Prozent. Gesprächen mit bis zu vier Beteiligten ohne Umgebungslärm kann ich  gut folgen. Wenn ich mit nur einer Person spreche, stört mich Umgebungslärm meist gar nicht, ich kann ihn ausfiltern. Das Hörgerät rechts habe ich getragen, aber da kam praktisch nichts herein. So habe ich mich mit meinem Hörgerät links in den letzten Jahren an der Welt festgeheftet als wäre es ein Saugnapf. Das ist jedoch anstrengend. Und im Strassenlärm schaltete ich das Hörgerät oft aus, weil ich ihn als sehr laut empfand und Angst hatte, dass er mich ganz taub macht.

Mit Hörgerät links und dem CI rechts habe ich nun wenigstens wieder rundum eine Geräuschkulisse. Das gibt mir Raumgefühl zurück und mehr Lust auf Geplauder. Ich werde in Gesprächssituationen weniger schnell müde. Seltsamerweise hört sich jetzt auch die Strasse weniger laut an. In Gesprächen konzentriere ich mich aus Gewohnheit auf mein linkes Ohr. Aber ich verstehe Herrn T., auch wenn nur das CI läuft. Der nächste Schritt wird sein, dass ich in Gesprächen das Hörgerät öfter mal ausschalte, zum Üben.

Schweizerdeutsch 72: Fliegen oder nicht fliegen?

Wenn du fendsch, dass es grondsätzlech alli so söttid mache,
de mach’s eso.

Standarddeutsch heisst das: «Wenn du findest, dass alle es grundsätzlich so machen sollten, dann mach es so.» Das kommt dem vom deutschen Philosophen Immanuel Kant formulierten kategorischen Imperativ nahe: «Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.» Mit diesem Beispiel will ich zeigen, dass wir auf Schweizerdeutsch auch komplexe Zusammenhänge diskutieren können. Was, so sagt man mir, bei den Dialekten Deutschlands nicht der Fall sei. 

Gestern Abend zum Beispiel sassen wir zu viert zusammen und diskutierten über das Fliegen. Es ist mal wieder Rekordsommer. Unsere Flüsse trocknen grossflächig aus, Fische sterben zu Hunderttausenden. Keine von uns reist mehr per Flugzeug in die Ferien. «Aber dass man nicht fliegen sollte, ist den Leuten nicht beizubringen», warf L. ein. «Die stehen in hellen Scharen auf dem Flughafen und sagen: ‹Warum soll ich verzichten, wenn andere auch nicht tun?›»

Klar, dass ich sofort die passende Antwort für die Scharen am Flughafen parat hatte, siehe oben. Wenn niemand mehr im Flugzeug verreist, stossen wir als Weltbevölkerung mit einem relativ kleinen Verzicht merklich weniger CO2 aus. Deshalb sollten wir alle nach Möglichkeit aufs Fliegen verzichten.  Simpel.

Ich warf gleichzeitig das grosse Aber in die Runde. Reisen kann unsere Haltung zur Welt verändern, kann unseren Horizont enorm erweitern, uns zu mitfühlenderen Menschen machen. Das habe ich selbst in jungen Jahren erlebt. Und dass jede und jeder von uns einen weiten Horizont haben und mitfühlend sein sollte, finde ich ebenso wichtig wie unseren Beitrag zur Zukunft des Planeten. Wohlüberlegte Ausnahmen sollten also möglich sein.

 

Schweizerdeutsch 71: Sommergewohnheiten

amigs (Adv.)

Standarddeutsch: «jeweils» oder «immer», selten auch «früher». Bei uns sehr geläufig, aber sagt von euch Deutschen jemand «jeweils»? Zur Etymologie von «amigs» siehe hier.

«Wenn es im Sommer so heiss ist wie jetzt, ist es bei uns in der Wohnung amigs auch nachts 26 Grad warm, da schlafe ich schlecht», klagte ich neulich meiner Freundin D.. «Ach, das geht ja noch», sagt D., «ich wohne in einem Altbau, bei mir ist es amigs 27, 28 Grad.» Aber D. macht das nichts. Auch bei Freundin M. ist es wärmer als bei uns. Sie wirft amigs ihren Ventilator an, ein teures Stück, aber es hilft. Herr T. und ich haben keinen Ventilator. Wenn es amigs heiss ist, schliessen wir tagsüber die Fenster und reissen nachts alles auf. Das geht nur dann nicht, wenn Gewitterfronten mit Windböen unterwegs sind. Dennoch bin ich amigs froh, wenn ich an ein paar Tagen in der Woche in mein klimatisiertes Büro darf. Früher habe ich die Klimaanlage dort verflucht. Sie kühlt so stark, dass man im Büro im Hochsommer ein Jäggli tragen und amigs alle paar Stunden kurz nach draussen muss, um sich aufzuwärmen. Aber jetzt ist gerade gar nichts mehr wie amigs.

Lesen: Wo die Gutgläubigkeit aufhört

Zahlreiche Behauptungen der Erzählerin von Marlen Haushofers «Mansarde», sind wenig plausibel. Zum Beispiel, dass ihr Hörverlust auf beiden Ohren vollständig ist und innerhalb von wenigen Sekunden eintritt. Aber ich lasse ihr das durchgehen, denn wir haben es hier mit einer Ich-Erzählerin zu tun und Ich-Erzählende sind bekanntlich unzuverlässig. Sie übertreiben, färben schön, spitzen zu und legen Dinge zu ihren Gunsten oder Ungunsten aus, ganz nach ihren Bedürfnissen.

Eins finde ich jedoch inakzeptabel: dass die Erzählerin uns eine schlagartige, vollständige Heilung nach zwei Jahren Gehörlosigkeit weismachen will. Und dass diese Heilung noch dazu mitten in einer bedrohlichen Begegnung mit einem Mann stattfindet, in einem Zustand höchster Angst. Genau in diesem Moment erholt sich plötzlich ihr Gehör.

Hey, so funktionieren Ohren nicht! Normalerweise empfiehlt man Patienten mit akuten Hörproblemen zwecks Genesung nicht Angst und Schrecken, sondern Ruhe. Bei mir selbst – und ich habe mein Gehör unzählige Male verloren und wiederbekommen – bewirkten Stress oder Schock nie eine Besserung, sondern, wenn schon, eine Verschlechterung.

An dieser Schlüsselstelle verweist die Erzählerin die Gehörlosigkeit eindeutig ins Reich der Psychosomatik, des Fantastischen, der schlecht recherchierten Metaphern. Die Stelle liest sich, als würde in Sekundenschnelle die Erkenntnis über die Protagonistin hereinbrechen, dass eine Rückkehr zu ihrem Mann ihre einzige Option ist. Und schon fügen sich die zickigen Innenohren und ihre Besitzerin wird wieder tauglich für den Dienst an der Familie (wenn auch mit erheblichen Ressentiments). Hier lässt die Erzählerin sich selbst im Stich, und ich verstehe nicht, warum. Auch als tatsächlich hochgradig schwerhörige Person fühle ich mich im Stich gelassen. Wer wird eine Schwerhörigkeit noch für voll nehmen, wenn er so etwas gelesen hat?

An dieser Stelle muss ich all jene um Nachsicht bitten, die nach meinen letzten zwei Thesenbeiträgen lesen wollten, dass Marlen Haushofer ein starkes, rundum überzeugendes Buch geschrieben hat. Die sich vergewissern wollten, dass die Frau 1969 auch bei der Schilderung einer Krankheit ihrer Zeit voraus war. «Die Mansarde» ist ein starker Roman. Aber nicht rundum überzeugend.