P.S.: Strassenszenen aus einem postfaschistisch regierten Land

In unserer zweitletzten Nacht in der Toskana träumte ich von Bannwart. Bannwart, ich wusste es im Schlaf, ist Journalist, sogar Chefredaktor. Er kommentierte auf meinem Blogbeitrag über Mailand, der damals erst in meinem Kopf existierte. Er schrieb: «Deinen Blog werde ich nach diesem kontextlosen Geschreibe über Italien nicht mehr lesen.» Ich brauchte ihn nicht zu fragen, welchen Kontext er meinte, ich wusste es im Schlaf: ein paar Takte Auseinandersetzung mit Giorgia Meloni.

«Bannwart, du bist ein Tubel!» rief ich, «Du weisst genau, dass wir uns eine Woche lang durch die touristischen Korridore Italiens bewegt haben! Dort wirst du nichts sehen, was Feriengäste beunruhigt. Wie soll ich da etwas Relevantes über die politischen Zustände in Italien schreiben?!» Aber das Thema liess mir dann doch keine Ruhe. Denn es stimmt natürlich, Italien ist ein postfaschistisch regiertes Land. Warum ich eine Reise dorthin trotzdem vertretbar finde, habe ich hier und hier gesagt (in den Kommentaren).

Und ja, einmal gab es etwas Verstörendes: An einem Abend sahen wir beim einem der Stadttore von Siena in einer Seitengasse einen vielleicht zehnjährigen Knaben eine schwarze Fahne schwenken. Dazu hörten wir dumpfe Trommelschläge. Wir wussten nicht, was da genau vor sich ging, und vielleicht war das alles ganz harmlos und unser Schreck lächerlich. Aber es hörte sich militant an, befremdlich. Wir gingen eilig von dannen.

Wir sahen ausserdem unzählige Menschen verschiedenster Hautfarben, die Tourismusdienstleistungen erbrachten. Als Kellner, als Museumsaufseherinnen, als Kaufleute, im Hotel. Genau wie an anderen Orten in Westeuropa. An einem Morgen drehten wir eine Runde auf der Festung von Siena und sahen dort zahlreiche Seniorinnen und Senioren joggen oder auf den Festungsmauern ihre Hunde Gassi führen. Und wir sahen ein etwa zwölfköpfiges Frauengrüppchen mit Kleinkinderbuggys und in schicken Sportoutfits. Sie machten unter Anleitung Gymnastikübungen.

Wir fuhren viel S-Bahn. Die Züge heissen dort nicht Rock’n’Roll, sondern Blues, Jazz oder Pop. Es sind Hybridfahrzeuge. Sie sind zum Teil von der EU finanziert, das steht jeweils an der Lok und sie rühmen sich ihrer «sostenibilità», ihrer Nachhaltigkeit. Einmal setzte sich in einem fast leeren Blues-Zug in Florenz eine junge Frau in die gleiche Sitzreihe wie wir. Auf ihren Schultern breitete sich rotes Haar aus. Venus, nur rundlicher als bei Botticelli. Sie hüstelte oft, und ich fragte mich etwas beunruhigt, weshalb sie so gezielt die Nähe eines Touristenpaars gesucht hatte. Ich fragte mich auch, wie sie wählt. In der Schweiz weiss ich manchmal schon aufgrund der Bekleidung, in welche Richtung es geht. In Italien kann ich das schlecht einschätzen.

Wir haben uns früher vorgestellt, dass Strassen sich über Nacht verändern, wenn ein Land rechts wählt. Es müsste sich ein sepiafarbener Filter über alles legen. Aber so ist es nicht. Die Leute fahren zur Arbeit und gehen spazieren, und das Licht bleibt gleich. Wie der Triumph in einigen Herzen wächst und die Furcht und der Zorn in anderen, das sieht man nur selten. Aber es frisst sich in unsere Träume.

Ciao Italia! Und ein besonderer Dank

Die Piazza Grande von Arezzo. (Bild: Frau Frogg)

Bevor ich mein Italien-Epos ausklingen lasse, möchte ich dem Kulturflaneur meinen besonderen Dank aussprechen. Mit seinem Label Hitz Travels organisiert er stets ganz wunderbare Reisen exklusiv für uns beide – mit unendlich viel Rücksicht auf meine Ziele, Extrawürste und Spinnereien. Nie muss ich mich um lästigen Kleinkram wie die Buchung von Hotelzimmern oder die Reservation von Zugsitzplätzen kümmern. Mille grazie, Signor Kulturflaneur!

Die Toskana-Reise ist Hitz Travels besonders gut gelungen, hier sein profimässiger (nachträglicher) Abriss des Reiseprogramms, bei dessen Lektüre ich mich sehr vergnügt habe.

Auf der zweiten Hälfte unserer Reise performten Herr T. und ich weiter mit Genuss die bekannten Rituale einer Toskanareise: «gut essen», «Kirchen besichtigen», «toskanische Landschaften bestaunen». In einem der Gotteshäuser von Arezzo erschien mir ein einziges Mal Mary of Shannon, mit der ich vor vielen Jahren auf einer Pauschalreise war. Sie zischte mir damals bei Besichtigungstouren gegen Ende eines langen Tages oft «ABC!» ins Ohr. Another bloody church! Heisst: Wir haben es allmählich satt. Sie brauchte diesmal nicht den Mund aufzumachen, ich wusste, was sie sagen wollte. Insgesamt aber war das alles so eindrücklich und wunderschön!

Auf die allerbeste Weise satt wurden wir im Ristorante L’Agania in Arezzo, köstlich, relativ preiswert und überhaupt grosses Kino – ich empfehle es hiermit weiter. Wenige Schritte weiter liegt die Piazza Grande der Stadt, ideal geeignet für die Performance «auf einer herrlichen Piazza Kaffee trinken».

Der Bösewicht von Siena

Die personifizierte Tyrannei (Quelle: Wikipedia).

Es ist vielleicht schwierig zu verstehen. Aber es war gar nicht die Venus von Botticelli, die mich in die Toskana lockte. Sondern der schielende Unhold im Bild: eine allegorische Darstellung der Tyrannei in einem schlecht regierten Staat. Teil eines riesigen, spätmittelalterlichen Freskenzyklus über die gute und die schlechte Regierung – zu sehen im Palazzo Pubblico in Siena. Der Typ hier hat ein ganzes Gremium von üblen Kollegen: die Grausamkeit, die Täuschung, den Betrug, den Zorn, die Zwietracht und den Krieg sowie die Gier, den Stolz und die Eitelkeit, alle ebenfalls dort abgebildet. Die Wandbilder sind von Ambrogio Lorenzetti, er malte sie 1338/39. Als ich diese Visage in einem Dokumentarfilm auf arte.tv sah, fand ich das alles verblüffend aktuell. Ich meine: Der Bösewicht könnte auch eine hellblonde Haartolle tragen. So wollte ich die Fresken mit eigenen Augen sehen. Jetzt weiss ich: Auf dem Gemälde vom schlecht regierten Stadtstaat sieht man noch zertrümmerte Gebäude, zerstörte Felder, eine Frau in Bedrängnis und einen Toten auf der Strasse. Aber es ist schlecht erhalten.

Das Bild einer gut regierten Stadt ist dagegen wunderprächtig. Man braucht auch keinen Time-Slot, um es zu sehen. Der Saal ist belebt, aber nicht überrannt, das Interesse an der Geschichte Sienas scheint moderat. Obwohl es die Stadt mit einer ausgekl¨ügelten Demokratie bei der Verwirklichung einer guten Regierung 1287 bis 1355 weit brachte. Siena war damals mächtiger Stadtstaat, eine ernsthafte Konkurrenz für Florenz. Und genau diese Ära ist Thema im Saal des Volkspalastes.

Tanzende Menschen, blühender Handel, tolle Architektur, kurz, eine gut regierte Stadt, wahrscheinlich Siena, möglicherweise etwas idealisiert. (Quelle: Wikipedia)

Das System wird «die Regierung der Neun» genannt. Jeweils neun Männer, die Noveschi, führten die Verwaltung der Stadt für lediglich zwei Monate. Es mussten laut meiner Quelle Männer aus dem Bürgertum sein, meist Handwerker, die ihre Management-Fähigkeiten und ihre Integrität unter Beweis gestellt hatten. Ein geheimes Konsistorium wählte alle zwei Monate eine neue Neunerbesetzung. Die Gewählten mussten zwei Monate lang ihre eigenen Geschäfte ruhen und ihre Familien im Stich lassen, um nicht den Versuchungen der Korruption zu erliegen. Und vor allem «mussten sie die ‹magnati›, die Mitglieder der reichsten Familien, von den Regierungsgeschäften fernhalten.»

Im Saal der Neun werden auf einer ganzen Wand die Tugenden aufgeführt, von denen sich die neun Regierenden leiten lassen sollten. Moralischer Zeigefinger oder Selbstbeweihräucherung? Vielleicht beides. Hier das Bild.

Die Allegorien der guten Regierung. (Bild: Wikipedia)

Kleine Lesehilfe (wer es genau wissen will, schaut hier nach): Der majestätische Alte in der mittleren Reihe ist eine allegorische Darstellung der Stadt Siena. Er ist umgeben von eben jenen Tugenden, die es in einer gut regierten Stadt braucht: links die Weisheit. Sie sorgt dank ausgleichender Gerechtigkeit dafür, dass die Bürger der Stadt alle am gleichen Strick ziehen (unten). Die Frau, die im weissen Gewand auf dem Sofa chillt, repräsentiert den Frieden (sie hat eine zerdrückte Rüstung unter dem Kissen). Die anderen sind Standhaftigkeit, Besonnenheit, Grossherzigkeit, Mässigung und das Recht.

Es versteht sich von selbst, dass ein derart komplexes System auch Schwächen hat. Ich meine: zweimonatige Amtszeiten, das bedeutet permanenten Wahlkampf (vielleicht auch permanente Anstrengungen, nicht gewählt zu werden). Zudem das Risiko von Instabilität und Schildbürgerei. Als 1348 die Pest ausbrach, kollabierte das System. 80’000 Menschen sollen in Siena an der Seuche gestorben sein. Wahrscheinlich sah es deutlich schlimmer aus als in der schlecht regierten Stadt auf dem Fresko. Jedenfalls gab es in Siena ab 1355 eine neue Regierungsform. Die Stadt erlangte aber nie wieder die gleiche Grösse wie vor der Pest.

Anders als Florenz, wo sich die mächtige Oligarchenfamilie Medici durchsetzen konnte. Auch das gibt mir zu denken.

Hier ein sehr anschauliches Youtube-Video über die Sala dei Nove.

 

Florenz: Die Anbetung der Venus von Botticelli

„Die Geburt der Venus“ in den Uffizien im September 2026 (Bild: kulturflaneur.ch)

Ich glaubte, ich hätte einen individuellen Bezug zur «Geburt der Venus». Als ich 16 war, besuchte ich mit meiner Familie erstmals die Uffizien an einem Regentag im Oktober 1981. Alles war feucht (wie sehne ich mich gerade nach solchen Regentagen!). Wir konnten nicht draussen herumspazieren, kauften ein Ticket und traten ein. Meine Eltern hatten in ihrer Schulzeit wenig Gelegenheit gehabt, sich mit Kunstgeschichte zu befassen. Aber dieses Gemälde kannten sie und Venus, die Schöne, hinterliess auch bei mir einen bleibenden Eindruck. Später habe ich sie als Protagonistin in einem Krimi gecastet (nie fertiggeschrieben). Eine Ordnungshüterin, der das mitfühlende Halblächeln beim Blick auf Welt ein paarmal vergeht. Ich wollte sie wiedersehen.

Heute ist alles anders, wenn man in die Uffizien geht. Man bucht einen Time-Slot, bemüht sich um Anstand im Dichtestress. Und dann steht man im Gedränge vor diesem Bild und verliert augenblicklich die Illusion, dass man überhaupt je ein Individuum gewesen ist.

Von da an versuchte ich, den Tourismus in diesem Ballungszentrum des globalen Reisens als eine Art soziologische, vielleicht sogar quasi-religiöse Performance zu verstehen. Oder wenigstens als ein Spektakel für sich selbst.

Florenz: Erinnerung an die amerikanische Freundschaft

Auf dem US-Lastwagen steht: «Die florentinischen Kunstwerke kehren aus dem Südtirol in ihre Heimat zurück.» (Bild: Sammlung Locchi).

Der Giardino Bardini ist eine liebliche Grünanlage, in der man mehr Luft zum Atmen hat als im Stadtzentrum. Es finden hier auch regelmässig Ausstellungen statt. Noch bis zum 18. Oktober eine mit zehn Fotografien im Plakatformat, die die italienisch-amerikanische Freundschaft zelebrieren (hier mehr Informationen). Wir sahen die Bilder zufällig, und zunächst schenkte ich ihnen wenig Aufmerksamkeit. Aber als wir so zuoberst in der Loggia beim Kaffee sassen, erregte dieses Foto meine Aufmerksamkeit. Es zeigt einen US-Lastwagen 1945 an der Piazza della Signoria (man sieht oben im Mittelgrund David von Michelangelo).

Die Fotografie erinnert daran, dass die Nazis während des Zweiten Weltkrieges in Florenz Kunstwerke von unschätzbarem Wert geraubt hatten. Sie versteckten sie in einem Dorfgefängnis im Südtirol, das bis zum Kriegsende zu Deutschland gehörte. Als die Alliierten grosse Teile Europas zurückerobert hatten, setzten sie  eine Sondertruppe ein, die Monuments Men. Deren Auftrag war es, die geraubten Kunstschätze zurückzuerstatten (hier etwas mehr von der Geschichte). Sie fanden das Versteck in den Alpen und brachten die Werke zurück. Da sitzt du dann so vor deinem Cappuccino und denkst: Grosser Gott, wie werden wir in Europa uns ohne die Amis vor uns selbst schützen?!

Es ist auch in Italien nicht unbemerkt geblieben, dass die Amis ihr Interesse an Europa verloren haben und dass auf dem Alten Kontinent einiges im Argen liegt. In der Buchhandlung Feltrinelli am Hauptbahnhof fand ich am nächsten Tag bei den aktuellen Titeln dieses Buch. Der Autor sieht einem Prediger aus dem amerikanischen Mittleren Westen ähnlich, und er stammt auch aus den USA und brachte es dort im Tech-Team um Barack Obama zu Erfolg und Geld. Er hatte allerdings italienische Vorfahren und besetzt heute einen Lehrstuhl in Bologna. Er sagt den Italienern, was sie brauchen: Mehr Zuversicht und Vertrauen in ihre eigenen Stärken. Man möchte es uns allen in Europa wünschen.

Florenz: Wieder Italienisch können!

Im Giardino Bardini (Bild: Frau Frogg).

Am nächsten Tag besuchten wir den Giardino Bardini auf der Südseite des Arno. Gleich vorweg: Der Eintritt kostet 10 Euro und ist jeden Cent wert. An der Kasse stellte ich dem Mann dort eine Frage. Ich agierte dabei nach dem Prinzip: «Eine gute Schwerhörige gibt niemals auf.» Denn ich konnte mir kaum Hoffnung darauf machen, seine Antwort zu verstehen. Er sass hinter einer Plexiglaswand, wie wir sie noch aus der Pandemie kennen, und sprach auch noch Italienisch (hier muss ich erwähnen, dass wir von erstaunlich vielen Leuten aus der Tourismusbranche auf Englisch angesprochen wurden). Mein Italienisch besteht aus Grundkenntnissen und meine Schwerhörigkeit verunmöglicht es mir meist, Menschen hinter Plexiglaswänden zu verstehen. Aber vielleicht würde ja Herr T. mich retten.

Und dann geschah das Wunder. Der Mann schaute mich an, sprach gestochen scharf und so ein schönes Italienisch und ich verstand jeden einzelnen Laut und auch genau, was er sagte. Dem E-Ohr sei Dank! Plötzlich scheinen Dinge möglich, von denen ich in den letzten Jahren nicht einmal zu träumen gewagt habe.

Florenz: Heiter, fröhlich, brutal

Der Dom von Florenz, vom Dach unseres Hotels aus gesehen (Bild: Frau Frogg)

Am Spätnachmittag kommen wir in Florenz an und stürzen uns sofort ins Getümmel. Wie zum erst Mal sehe ich die monumentale Pracht des Doms. Ich meine: Ich war doch auch schon hier! Warum ist mir noch nie aufgefallen, wie riesig und wie bis ins letzte Detail verziert er ist? Hier wollte sich jemand der Welt beweisen, und ich habe es nicht gesehen! Nun ja, ich war damals einfach noch jung.

Auch die Zahl der Touris ist beeindruckend. Die toskanische Metropole zählte 2025 pro Tag 25’000 Gäste (Quelle: hier). 2026 sind es sicher ähnlich viele.  Zwischen Markthalle und Ponte Vecchio schlendern Menschenscharen durch die Strassen wie Armeen in friedlicher Absicht. Da und dort ein weisser Fleck in der Menge: das Kleid einer der jungen Bräute, die mit ihren Familien und künftigen Ehemännern aus dem Fernen Osten anreisen, um hier zu heiraten.

Ich könnte über Overtourism klagen. Aber ich bin selbst mit meinem Sonnenhut leicht als Touristin zu erkennen (ich trage ihn hier, denn er schützt mein E-Ohr, das ich mir in ungewohnten Situation oft versehentlich vom Kopf streife). Wie könnte ich da über andere schimpfen?

Neptun auf seinem Brunnen (von Giovanni di Bologna). (Bild: Frau Frogg)

Lange verweilen der Kulturflaneur und ich auf der Piazza della Signoria und studieren die Statuen dort. David ist riesig, auch das sehe ich wie zum ersten Mal. Die Florentiner Renaissance behauptet Männlichkeit nicht nur, sie feierte sie auch, und nicht selten ohne Feigenblatt. Auch Neptun steht im warmen Septemberlicht herrlich auf seinem Brunnen. Und auf der Loggia dei Lanzi wird die maskuline Kampfkraft zelebriert. Wie aber soll ich das verstehen, was in Stein gemeisselte Frauen dort erdulden? Dort ereignet sich kein einziger Kuss zwischen Mann und Frau, und schon gar kein einvernehmlicher. Ich meine: Wenn der trojanische Held Ajax den griechischen Helden Achilles tötet, dann ist das von nobler Tragik. Aber ist es auch tragisch, wenn die Frauen dort geköpft (Medusa), geraubt und vergewaltigt werden (wie Polyxena und die Sabinerinnen)? Und der Dom ist zwar der Santa Maria del Fiore gewidmet, aber über dem rechten Portal steht: «Ecce ancilla domini». Heisst: «Ich bin die Magd des Herrn (und füge mich seinem Willen).» Ist das auch tragisch? Oder vollzieht sich da einfach eine angebliche Notwendigkeit?

Einerlei. Es liegt eine Stimmung von Heiterkeit und Freude über der Stadt, und wir haben Hunger.

 

Mailand: Das Nadelöhr nach Süden

Es ist 12.29 Uhr, als sich unser Schnellzug entschleunigt. Sofort beschleunigt sich bei mir die Ausschüttung von Stresshormonen. Wir sind irgendwo in der riesigen Agglomeration südlich von Como und müssen rechtzeitig in Milano Centrale sein. Denn dort müssen wir die famose Frechiarossa Richtung Florenz erwischen. Sofort erinnere ich mich bange an die zwei oder drei Male, bei denen so wichtige Umsteigemanöver in Mailand spektakulär scheiterten. Es soll zwar alles viel einfacher geworden sein, sagt meine Mutter. «Ich habe gehört, dass Zugfahren in Italien bald stressärmer ist als in Deutschland.» «Das glaube ich, wenn ich es sehe», antwortete ich.

Schon in Monza nimmt unser Zug wieder Fahrt auf. Bei der Ankunft in Mailand haben wir nur noch wenig Verspätung. Als wir aus dem vordersten Waggon steigen, stürmt uns zwar eine Truppe Menschen von der Bahnhofhalle entgegen und hätte uns beinahe den Weg verstellt. Doch wir können uns rechts an der Menge vorbeischlängeln und erreichen mit Leichtigkeit unseren Anschlusszug. Die Geschichte wäre gar nicht erzählenswert, wenn sie nicht so viel über unsere Sehnsucht nach Italien sagen würde. Für viele aus meiner Generation ist Italien eine Verheissung, das Land von Meer, Sonne, grosser Kunst, charmanten Männern und gutem Essen. Für mich ist Milano Centrale immer das Nadelöhr gewesen, durch das wir uns zwängen müssen, um unter die blauen Himmel des Südens zu gelangen. Der Mythos lebt, auch im Klimawandelsommer 2026, der den Himmel in der Schweiz seit Anfang Juni fast so ununterbrochen blau macht wie jenen in Italien. Und mit dem Mythos lebt die Sorge, dass die Passage durchs Nadelöhr misslingt.

Herr T. und ich haben es uns gemütlich gemacht. Da hechten – in der letzten Sekunde vor der Abfahrt – zwei junge Schweizer auf die Plätze neben uns. Sie waren zuvor im selben Zug wie wir, aber im hintersten Waggon. «Als wir ausstiegen, trampelten uns auf dem Perron so viele Menschen entgegen, dass wir fast überrannt wurden und nicht mehr vom Fleck kamen», erzählt einer der beiden. Er ist ganz verschwitzt.

Eine Frau rollt ein Barwägeli vorbei. Herr T. hat Durst und kauft eine Aludose Eistee von Ferrero. Ich koste auch einen Schluck. Überwältigendes Pfirsicharoma füllt mir Mund und Nase. Wir sind wahrhaftig in Italien.

Sonntagmorgen: Aufbruch auf die grosse Reise

Am letzten Sonntag musste ich vor neun Uhr aus dem Haus, Herr T. und ich verreisten. Es war ein goldener Morgen. Ich nahm mein Rollköfferchen und zog los.

Unten auf der noch menschenleeren Quartierstrasse kommt eine ältere, beleibte Frau mit hennarotem Haar daher. Sie trägt einen grünsilbern schimmernden Frottee-Morgenmantel, dazu farbige Leggins und ein Paar von diesen klobigen, fast einfamilienhäuschengrossen Sneakers. Ich habe die Frau hier noch nie gesehen. Sie f¨ührt ihr Hündchen Gassi und hat selbst im Negligée etwas Königliches, etwas, was sagt: Schau mich nicht so blöd an! Geh vor mir in die Knie oder verzieh dich!

Ich verzog mich Richtung Bahnhof und machte dabei mit dem Rollköfferchen sachte Kurven um Flecke auf dem Asphalt, die wie Hundegassi aussahen. Beim Bahnhof umrundete ich eine ganze Lache. Hier muss ein Hund mit beträchtlicher Blasenkapazität vorbeigekommen sein. Ich lächelte, ich weiss nicht, warum. Ich war in jenem frühen Stadium einer Reise, in dem alle Sinne offen sind. Jener Zustand, in dem mir alles, was ich so sehe, bedeutsam, ja, wundersam und inspirierend scheint.

Im Bahnhof  schaute ich kurz ins Handy, dann hörte ich ein Rollköfferchen rumpeln, unverkennbar dasjenige von Herrn T. Ich steckte das Handy weg. Wir stiegen in den Zug.

Schweizerdeutsch 73: Zu schnell gebloggt

jufle (V)

Standarddeutsch: sich beeilen, unter Zeitdruck oder überhastet arbeiten (siehe auch hier). Dass man dabei ungenau ist und mitunter Fehler macht, schwingt stets mit.

Die Beiträge über meine Urner Reise wollte ich unbedingt schreiben. Ich musste dabei «jufle», weil… ja, weil einfach die Zeit so schnell vergeht und immer so viel los ist. So habe ich den dritten Text versehentlich zu früh veröffentlicht, das Mail ging raus, bevor er fertig war. Beim ersten ist der Cliffhanger schlecht gemacht,  beim vierten macht WordPress Zicken bei der Bildlegende, ich habe sie jetzt einfach gelöscht. Und dann sind sie alle zu lang. Ich hatte keine Zeit, mich kurz zu fassen. Und schliesslich fehlt ein letzter Beitrag, der den ganzen Wust kommentierend einordnen würde. Der Titel wäre: «Wachsen, wachsen, Kreuzchen kratzen». Über den Bauwahn in den Alpen und wie wir mit ihm umgehen. Aber in den nächsten zehn Tagen fehlt mir die Musse.

Im Moment müssen wir auch bei der Arbeit «jufle», es ist jetzt nicht mehr Kirschen-, sondern Apfelernte, und reichlich. Kürzlich bin ich fast von der Leiter gekippt, zum Glück hat der Knecht sie gerade noch halten können, aber er war erbost, er hatte selbst «es Gjofu»* und musste auch noch mir helfen. Kurzum: So kann es nicht weitergehen, ich melde mich für mindestens zehn Tage ab.

  • Das ist das aus dem Verb «jufle» gebildete Substantiv.