Blutwurst

Mein neues Audio-Wundergerät zum Telefonieren, der Compilot. Er ssagt merkwürdige Dinge über Blutwürste zu mir. (Quelle: Phonak)

Wenn ich in meinem Büro telefoniere, tue ich das seit einigen Wochen mit einem neuen Gerät. Es ist ein Streamer mit dem Markennamen Compilot. Ich schalte ihn ein, und eine Frauenstimme sagt: „Compilot an.“ Beende ich das Gespräch dann per Knopfdruck, sagt dieselbe Frauenstimme: „Blutwurst Audio.“ Ich muss jedes Mal lachen, aber zunächst dachte ich mir nichts dabei. Ich war einfach nur glücklich, dass ich überhaupt wieder telefonieren kann. Im Februar hatte ich das gar nicht mehr gekonnt.

Ich machte einen Hörtest. Da bekam ich es Schwarz auf Weiss. Da stand: „An Taubheit grenzende Schwerhörigkeit“. Ich brauchte ein neues Hörgerät – und dazu auch Zubehör zum Telefonieren. Meine Hörgeräte-Akustikerin verkaufte mir den Compiloten. Ich erspare Euch die technischen Details. Nur so viel: Im Büro telefonieren wir mit Skype. Es sei ganz einfach, den Compiloten mit einem Kabel an den Computer anzuschliessen, sagte die Frau. Ich versuchte es. Und siehe da: Ich konnte die Person am anderen Ende der Leitung hören, und zwar so klar und deutlich wie ich schon lange Zeit nichts mehr gehört hatte. Aber die andere Person hörte mich nicht. Überhaupt nicht. Sehr unbefriedigend.

Ich organisierte Tarik, unseren Mann vom Computer-Support. Ich erspare Euch eine Schilderung der Irrwege, die man machen muss, um einen Termin mit Tarik zu bekommen. Wichtig: Man muss dazu nach Zürich in die Zentrale telefonieren. Und das konnte ich ja gar nicht. Unsere Sekretärinnen mussten zum Telefonhörer greifen, und zwar mehrmals.

Endlich kam Tarik. Er verbrachte 45 Minuten in meinem Büro. Er versuchte alles, um den Compiloten mit dem Kabel richtig zum Laufen zu bringen. Ich stand daneben, assistierte und brauchte Nerven. Es ging nicht. Tarik kam zwei Tage später nochmals – es ging immer noch nicht. Schliesslich kam er nochmals und sagte: „Ich weiss jetzt, was Du machen musst: Du brauchst einen Blootooth-Adapter für den Computer.“

Also kaufte ich einen Bluetooth-Adapter. Und siehe da, es ging. Von da an hörte ich die rätselhafte Frauenstimme „Blutwurst Audio“ sagen. Ich lachte und war froh und telefonierte so viel wie möglich. Hörende können sich gar nicht vorstellen, wie erfrischend es ist, normal telefonieren zu können.

Erst nach Wochen begann ich zu rätseln: Was heisst „Blutwurst-Audio“? Fragen konnte ich niemanden, denn ausser mir kann das Gerät niemand benützen. Eines Tages sah ich beim Sinnieren das kleine, blaue Licht an meinem Bluetooth-Adapter, und da ging mir das Licht auf: Die Frauenstimme sagt „Bluetooth-Audio“.

Musik hören


Jimi Hendrix, dessen Musik Frau Frogg einmal geliebt hat. Kann man als Schwerhörige seine Musik in der Erinnerung hören? Frau Frogg ist skeptisch. (Bildquelle: guardian.com)

Bald ziehen wir um. Der Termin ist zwar erst Ende Juni. Aber ich bin nervös, ich will gut vorbereitet sein. Deshalb habe ich meine Bücher schon mal in Kisten gepackt. Das dauerte ein paar Tage. Meine Bücher sind zahlreich, und sie wollen gehegt und gepflegt sein wie kleine Tiere in einem Stall. Vor dem Packen staube ich sie ab und sortiere sie – jene, die mich nicht mehr interessieren, wandern in Papiertüten. Ich werde sie ins Bücher-Brocki bringen. Auch ein paar Bücher über Musik werde ich entsorgen. Ich meine: Was soll ich noch mit „When Giants Walked The Earth“, dieser verschwitzten Monumentalbiografie über Led Zeppelin von Mick Wall? Eine Jugendsünde. Irrelevant.

Endlich sind alle Bücher gepackt, genau am Termin, den ich mir gesetzt habe. Da entdecke ich mit Schrecken ein letztes Regal im Wohnzimmer: Das Gestell mit den CDs. Die habe ich bei meiner Planung ganz vergessen. Ich ignoriere meine CDs seit Jahren, viele habe ich entsorgt. Auch die Schallplatten sind weg, der Schatz meiner Jugend, die Rolling Stones, Fleetwood Mac, das Woodstock-Album, The Beatles, Jimi Hendrix, The Clash, The Police. Mein Bruder hat sie alle bekommen, er weiss ihren Wert zu schätzen. Ich kann sie nicht mehr brauchen. Ich kann keine Musik mehr hören, ich bin zu schwerhörig geworden. Auch mit den besten Hörgeräten klingt noch der beste Song wie ein ferner Abklatsch seiner selbst. Er quietscht, gurgelt, jault, ist nur mit Mühe wiederzuerkennen.

Behalten habe ich den Kern meiner CD-Sammung. Aber wenn mich jemand fragt, was dabei ist, muss ich eine Weile überlegen. Das gehört zu meinem Umgang mit so vielem, was die Schwerhörigkeit betrifft. Ich ignoriere, was ich ignorieren kann, ich vergesse, ich tue so, als wäre alles normal. Natürlich gibt es noch genug Dinge, die man nicht ignorieren kann: zum Beispiel, dass ich nur noch mit grösster Mühe mit drei Leuten in einem Restaurant plaudern kann. Aber viel anderes hat sich still aus meinem Leben geschlichen, unbetrauert, nicht gehegt, nicht gepflegt. Meine CDs sind staubverkrustet. Ich sollte eine Flasche Putzsprit zur Hand nehmen und Adele’s „21“ sorgfältig abreiben, meine letzte Liebe. Ich sollte U2 wieder zum Glänzen bringen und die Dire Straits und den Buena Vista Social Club. Ich sollte Oasis in die Hand nehmen und dabei vielleicht versuchen, wenigstens in meinem Kopf „Don’t Look Back in Anger“ zu hören, den Song, der mich aus sehr privaten Gründen früher manchmal zu Weinen gebracht hat. Aber dass man Musik im Kopf hören kann, ist eine Illusion, die nur Hörende haben. Keine Erinnerung an das Intro von „All Along the Watchtower“ von Jimi Hendrix wird mich je so erschauern lassen wie die Akkorde, wenn sie damals, dissonant, düster, mein Innenohr erschütterten.

Der Ehrlichkeit halber muss ich aber auch sagen: Wäre ich nicht ertaubt, hätte ich vielleicht nie um die Grösse dieser Musik gewusst. Es gab eine Zeit, da hörte ich noch gut, wusste aber, dass ich ertauben würde. Nie habe ich inbrünstiger Musik gehört als damals. Alles nahm ich mir nochmals zum Ohr, aber ich merkte schnell, was mir wichtig war. Die Helden meiner Jugend – sie waren für mich nicht mehr nur Unterhaltung. Sie waren Monumente des Pop und mächtige Soundwunder. Ich verstand, dass sie mich in einem gewissen Sinne zu dem gemacht hatten, was ich war.
Was sollte ich also jetzt mit meinen CDs machen? Ich fackelte nicht lange. Ich warf sie hastig in eine Kiste, mitsamt dem Staub, der an ihnen klebte. Ich nehme sie mit in die neue Wohnung. Aber ich ignoriere sie.

Später stehe ich mit einem Papiersack voller Bücher fürs Brocki an der Bushaltestelle. Der Bus steht irgendwo im Stau, ich warte. Um mir die Zeit zu vertreiben, nehme ich eines der Bücher aus der Tasche. Es ist „When Giants Walked The Earth“. Das Intro zum Buch ist eine fiebrige Rhapsodie an den Gitarrengott von Led Zeppelin, Jimmy Page. So pubertär, dass ich lachen muss. Aber es bringt etwas zurück, was ich fast vergessen habe, eine innere Weite, ein Feuer, ein Vergnügen. Ich fahre ins Bücher-Brocki und lasse alles dort, aber dieses eine Buch nehme ich wieder mit nach Hause.

Dieses Gesicht!

Neulich war ich an einem Treffen im Quartier, wo ich aufgewachsen bin. Auf dem Weg ging ein alter Mann an mir vorbei. Er war einer von vielen, die alten Leute sind hier so zahlreich. Aber ich erkannte ihn sofort und rief ihm „Grüezi Herr König“ zu. Er stutzt, ist schon fast vorbei, dann grüsst er zurück und – unglaublich – beginnt zu lächeln. Jäh durchzucken mich Glück und Wehmut zugleich. Wenn er lächelt, sieht er der Prinzessin so unfassbar ähnlich, seiner Tochter, meiner Freundin aus Kindertagen.

Ich kann mich nicht erinnern, dass er mich je angelächelt hat. Als ich ein Kind war, war ich nicht die Sorte Freundin, die sich Königs für ihre Tochter wünschten. So haben mir jedenfalls meine Eltern damals Vater und Mutter Königs Reserviertheit mir gegenüber erklärt. Königs, sagten sie, hielten sich für etwas Besseres. Die hätten eben mehr Geld als wir. Mir war das damals, vor vierzig Jahren, noch nicht so wichtig. Die Prinzessin und ich waren ein Herz und eine Seele. Bis uns nach Jahren ein Zickenkrieg entzweite. Später entschwand sie ganz, ins ferne Paris. Ich sehe sie noch ganz selten auf Facebook.

Aber jetzt lächelte mich ihr Vater mit ihrem Gesicht an, ihrer Zahnstellung. Er freute sich, weil ich ihn an seine Tochter erinnerte, an das Kind, das er gehabt hat, und das weit weg ist. Ich habe in letzter Zeit viel mit alten Leuten zu tun. Ich beginne zu verstehen, was sie glücklich macht.

Später erzählt jemand, dass Königs bald wegziehen werden. Dass sie im Stadtzentrum eine kleine Alterswohnung gefunden haben. Das macht mich noch wehmütiger. Die Welt meiner Kindheit ist am Untergehen. Im Quartier, wo ich aufgewachsen bin, werde ich die Prinzessin nie wiedersehen.

Zum ersten Mal seit langer Zeit bin ich froh um Facebook.

Ein atemberaubender Satz

Weil wir bald umziehen, räume ich wieder mal mein Büchergestell auf. Was ich nie mehr lesen werde, bringe ich ins Brockenhaus. Diesmal entsorge ich meine kleine Abteilung mit philosophischen Büchern. Ich musste 53 werden, bis ich es mir eingestehen konnnte, aber jetzt weiss ich: Philosophie liegt mir nicht. Es ist denkbar, dass ich zu dumm dafür bin. Früher habe ich das verdrängt und mich ab und zu mit Marx, Kant, Benjamin oder Wittgenstein abgemüht. Ich wollte die Welt so beredt zutexten können wie meine drei Studienkumpels Benedikt, Severin und Bruno, allesamt Nebenfach-Philosophen. Aber mit 53 weiss man: Einen neuen Kopf bekommt man nicht – also setzt man den alten am besten für etwas ein, was einem liegt. Ich bin Journalistin und nebenbei eine Roman-Person. Das ist ok so.

 data-recalc-dims= Ich nahm den „Tractatus logico-philosophicus“ von Ludwig Wittgenstein in die Hände und wollte ihn in die grosse Papiertüte mit den Brockenhaus-Büchern legen. Aber dann zögerte ich doch. Ich meine: Es ist ein schönes Buch, und ich erinnere mich, wie ich damals beim Pendeln zu meiner ersten Arbeitsstelle in die Lektüre kniete.

Ich las nochmals den ersten Satz: „Die Welt ist alles, was der Fall ist.“

Ich erschauerte. Was für ein atemberaubender Satz.

Klar, sofort begannen die Fragen zu sprudeln: Was bitte ist „die Welt“? Und was bedeutet „der Fall“? Nehmen wir zum Beispiel den Satz: „Meine Freundin Ela trägt einen roten Wintermantel.“ Ist es dann „der Fall“, dass Ela meine Freundin ist? Wie weiss ich überhaupt, wer meine Freundin ist? Wie definiere ich das Wort „Freundin“? Und ist es „der Fall“, dass sie einen roten Wintermantel trägt? Ja, da würden mir die meisten beipflichten, die sie im Winter gesehen haben. Aber was würde ein Farbenblinder zu einer solchen Behauptung sagen? Nun ja. Ich bin zu dumm für Philosophie. Aber eins weiss ich immer noch: „Die Welt ist alles was der Fall ist“ bleibt ein atemberaubender Satz. Ich meine, da behauptet einer, mir die Welt erklären zu können. Die ganze. In einem Buch. Damals, vor 25 Jahren, habe ich gar nicht begriffen, was für eine Ansage das ist. Ich will das Buch behalten, ich blättere darin. Ich lese weiter. Aber ungefähr auf Seite 3 kapituliere ich und bekomme Sehnsucht nach einem Roman.

Heute habe ich das Traktat doch ins Bücherbrocki gebracht. Ich will im Moment nicht die Welt erklärt bekommen. Ich will mit vertretbarem Aufwand umziehen können. Nötigenfalls kann ich den Text auch online lesen: Hier

Forschungsreise

Mein geliebter Herr T. und ich haben uns ein bisschen auseinander gelebt. Auf dem Weg zur Vernissage fotografiert er enthusiastisch Dinge, die ich belanglos finde. Den Bahnhof, den wir schon tausendmal gesehen haben zum Beispiel. Ich beschäftige mich derweil mit Fragen, die mir fundamental erscheinen, über die ich aber schlecht sprechen kann. Zum Beispiel: Macht es Sinn, die Vernissage eines Künstlers zu besuchen, zu dem wir den Kontakt vor ein paar Jahren fast gänzlich verloren haben? Ist es ok, vor allem zum Plaudern an eine Vernissage zugehen? Wie viele soziale Kontakte braucht der Mensch? Welche sind sinnvoll? Und, die allerdringendste Frage: Wie werde ich dieses schlechte Gefühl los? Es hat etwa die Grösse einer schimmlig gewordenen Grapefruit, sitzt in meiner Magengrube, verdirbt mir den Appetit und raubt mir manchmal auch den Schlaf. Es sitzt dort, wo die Neugier sitzen sollte, das Gefühl für einen Sinn und Zweck. Das alles ist mir irgendwie abhanden gekommen.

Aber der Künstler hat uns nun mal zur Vernissage eingeladen, und so stapfen wir über die gefrorenen Trottoirs einer unwirtlichen Agglomeration. Und siehe da: Wir finden Bilder von grosser Schönheit. Bilder von in Farben versunkenen Urwäldern, Bilder voller unerwarteter Tiefen, in die das Auge hineinforschen will.

Vor einem der Gemälde komme ich mit dem Künstler ins Gespräch. Er erzählt mir von der Musik die ihn beeinflusst hat und von seinem Interesse an Forschungsreisen – und dass er sich von Joseph Conrad’s „Herz der Finsternis“ für eines der Bilder hat inspirieren lassen. Ob er denn selber grössere Reisen unternehme, fragte ich ihn. Er verneinte. Manchmal reize ihn die Vorstellung zu reisen, aber dann sei ihm die Erforschung der Malerei Reise genug.

Als wir nach Hause kommen, gehe ich ans Büchergestell und ziehe Joseph Conrads „Herz der Finsternis“ hervor und beginne zu lesen. Schon die ersten Sätze berauschen mit ihrer sprachlichen Schönheit. Später merke ich: Es geht hier nicht nur um eine Expedition in den dunkelsten Teil des afrikanischen Dschungels. Es geht um die Frage, wie man überlebt, wie man ganz bleibt in einer Umwelt von tiefster moralischer Verkommenheit. Meine Neugier ist geweckt.

Fehlerteufel

Mein Vater ist ein liebenswürdiger, beinahe ängstlich konventioneller Mensch. Vielleicht ist er so vorsichtig, weil er die Klippen, an denen ein Mensch zerschellen kann, besser versteht als viele andere.

Neulich hat er eine Geschichte aus den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts erzählt. Damals war er ein junger Postbeamter in einem Städtchen auf dem Land. „Ich hatte dort einen Kollegen, er war ein feiner Mensch Mitte dreissig, verlässlich und freundlich. Er arbeitete tagtäglich am Schalter, nahm Einzahlungen entgegen und zahlte Geld aus, täglich Tausende von Franken. Eines Tages fehlten ihm am Abend 100 Franken in der Kasse.“

„Hat ihm jemand das Geld geklaut?“ fragte Herr T. Er hat keine Ahnung von den Ängsten, die einem Postangestellten den Schlaf rauben.

„Nein“, sagte mein Vater, „Er hatte sich irgendwann im Laufe des Tages verrechnet und wohl jemandem einen Hunderter zu viel ausgezahlt. Er hatte eine Differenz.“ Meine Eltern arbeiteten beide bei der Post. Von Kindsbeinen an habe ich gesehen, welche Unruhe nur schon das Wort „Differenz“ bei einem Postangestellten auslösen kann. Dieses „zu viel“ oder „zu wenig“, das am Abend beim Abrechnen in der Kasse ist. Diese Unruhe ist mehr als Versagensangst. Es ist die Angst davor, dass dass wir mitten in der fröhlichsten Routine ohne es zu merken etwas Schändliches tun. Dass wir gegen unseren Willen dem Geschäft und uns selber schaden. Dass der Fehlerteufel von uns Besitz ergreift.

Klar, shit happens, sagt ihr. Fehler passieren überall. Aber im Berufsleben werden gewisse Fehler streng geahndet. Auf der Post, wenn man sich verrechnet. Bei Journalisten, wenn sie zum Beispiel unter ein Bild von A den Namen von B setzen. Die Kollegen nehmen es mit Furcht und Mitleid zur Kenntnis. Der Chef weiss, dass er auch machtlos gegen den Fehlerteufel ist und wird umso wütender. Er nimmt den fehlbaren Mitarbeiter unter strenge Beochbachtung. Der fehlbare Mitarbeiter nimmt sich selber unter strengste Beobachtung.

„Am nächsten Tag arbeitete mein Kollege wieder am Schalter“, berichtete mein Vater. „Und wieder fehlten ihm am Abend 100 Franken in der Kasse.“ In den Augen meines Vaters flackerte die Unruhe des Kollegen, der nicht mehr wusste, wie ihm geschah. „Er wurde ängstlicher und ängstlicher. Am nächsten Tag hatte er noch einmal eine grössere Differenz. Und wieder und wieder. Keiner wusste, warum. Am Schluss entliess ihn der Chef vom Schalterdienst.“

Man muss wissen, dass die Angestellten der Post damals Beamtenstatus hatten. Man konnte sie also nicht entlassen. Sie wurden versetzt, mussten zum Beispiel Briefe oder Pakete sortieren gehen, was die Kollegen mit Häme oder Mitleid zur Kenntnis nahmen. Ich weiss nicht ob sie dann auch weniger verdienten. Aber die Schande war beträchtlich.


Jetzt mal ganz ehrlich

„Auf was freut ihr euch 2019?“ fragte heute Morgen auf Twitter munter @RolliFräuleinelfe. Die Frage machte mich fassungslos. Sie empörte mich geradezu. Ich blickte um mich und sah, was ich eh schon wusste: Jeden verdammten Morgen wache ich auf und finde mich auf einer verdammt kleinen Insel mitten in einem verdammten Meer von Freudlosigkeit. Immer fällt mir nach und nach ein:

  • Vielleicht verliere ich 2019 meinen Job. In unserem Konzern werden Stellen abgebaut, 200 an der Zahl, das ist jede zehnte. Warum sollte es diesmal nicht mich erwischen? Ich bin über 50, und meine Abteilung war auch schon produktiver. Und selbst wenn es nicht mich erwischt, dann erwischt es jemand anderen, das Betriebsklima ist jetzt schon im Arsch. Darf ich vor all dem, was da kommt, vielleicht ein bisschen Angst haben?! Oder muss ich mich jetzt tatsächlich auf 2019 auch noch freuen?!
  • 2019 ziehen wir um. Ja, wirklich, wir haben eine neue Bleibe gefunden, urbanes Wohnen, gerade noch zahlbar (wenn ich meinen Job behalten kann). Alle sagen mir, wie toll das ist. Aber, ganz ehrlich: Mir stinkt die Zügelei und dass sie uns hier rausschmeissen, weil sie das ganze Quartier abreissen wollen.
  • Mein letzter Hörtest war so schlecht, dass mein Ohrenarzt sie Stirn runzelte und sagte: „So wie es aussieht, machen wir Ihnen rechts gar kein neues Hörgerät, sondern wohl bald ein Cochlea-Implantat.“ Ich lächle tapfer und sage: „Ja, fein, dann höre ich endlich wieder besser! Ist es nicht grossartig, was die moderne Medizin so alles kann?!“ Was ich sonst noch fühle? Ich will es gar nicht so genau wissen.
  • Andreaszwei ist zwar wieder zu Hause, aber für ihn ist nichts mehr, wie es war. Er braucht viel Hilfe und Geduld.
  • Meine Freundin Monika ist ganz tot, dahingerafft von einem Hirntumor. Hier geht’s zum Nachruf.
  • Mein Evchen (acht Monate alt) zieht weg, in eine andere Stadt. Ich werde es wohl nur noch selten sehen.

Und dann verlangt auch noch jemand von mir, dass ich mich auf 2019 freue! Nein, das mache ich nicht mit. Ich verweigere jetzt einfach mal die obligatorische Vorfreude, lasse meiner Wut etwas Raum und warte ab. Die kleinen Freuden werden sich dann schon von selbst einstellen.

Die Liebe und eine klare Flüssigkeit

Bildergebnis für wolkenbruch kino

In der Vorlesung funkt es zwischen Motti Wolkenbruch und dem nichtjüdischen Mädchen Laura (Quelle: nzzas.ch, aus dem Film „Wolkenbruch“)

Der Kellner schenkt dem jungen Paar am Tisch eine klare Flüssigkeit in die Gläser. „Das ist nämlich mein Lieblingsgetränk“, lächelt die süsse, mit allen Wassern gewaschene Laura. „Meines auch“, sagt Motti. Aber es ist klar, dass er flunkert. Er will ihr nur Eindruck machen. Das Getränk ist ihm völlig fremd, und er verschluckt sich fast an den Eiswürfeln im Glas. Leider habe ich nicht verstanden, um was für ein Getränk es sich handelt. Ist halt so. Die Schwerhörigkeit. Dem Aussehen nach könnte es Mineralwasser aus einer trendigen Flasche sein. Aber wahrscheinlich ist es etwas Hochprozentigeres – schliesslich geht es im Film darum, dass Motti die Freuden des Lebens ausserhalb des jüdisch-orthodoxen Milieus entdeckt, aus dem er stammt. Trendiges Mineralwasser macht da irgendwie nicht genug her.

Deutschsprachige Dialoge im Kino verstehe ich nur noch bruchstückhaft. Deshalb gehe ich an sich lieber in fremdsprachige Filme mit Untertiteln. Aber für Wolkenbruch muss ich eine Ausnahme machen. Der Film ist im Moment der Kinorenner in der Schweiz, und auch meine Freundin Acqua wollte ihn sehen. Eine leichtfüssige Komödie mit einer hervorragenden Performance von Joel Basman als Motti – der sich in das nichtjüdische Partygirl Laura (Noémi Schmidt) verliebt.

Ein Stück weit kommt mir „Wolkenbruch“ entgegen – es gibt darin längere Dialoge auf Jiddisch mit – yeah! – Untertiteln. Bei den hochdeutschen Dialogen tue ich, was ich in solchen Situationen halt mittlerweile tue: Ich spitze die Ohren. Ich konzentriere mich aufs Visuelle. Diesbezüglich hat „Wolkenbruch“ einiges zu bieten. Jüdische Festlichkeiten sind mit viel Liebe zum Detail und wohl leicht überdreht inszeniert. Dazwischen gibt es wilde Partyszenen in Lauras Club. Zudem spielt der Film grösstenteils in Zürich. Wer die Stadt nur ein bisschen kennt, entdeckt ständig vertraute Ecken auf der Kinoleinwand. Um möglichst viel mitzubekommen, ziehe ich Kontextwissen bei: Ich habe den Roman gelesen, ein himmlisches Vergnügen. Nur auf die Frage, was die beiden da für ein klares Wässerchen getrunken haben, kann ich mir keine plausible Antwort denken.

Ich finde ich dann auch noch heraus – als ich nach dem Film mit Acqua an eine Bar gehe und sie sagt: „Tjaaa, also, dann bestelle ich jetzt auch mal einen Gin Tonic.“

Fast nur gute Nachrichten

Meine treuen Leser wissen schon: Mein Leben ist voller Baustellen. Mein guter Freund Andreaszwei wurde von einem Herzinfarkt niedergemäht, Herr T. und ich such(t)en eine Wohnung. Manchmal passe ich auf Baby Evchen auf. Und meine Ohren werden schlechter und schlechter. Normalerweise hechte ich ständig zwischen meinen Baustellen hin und her. Aber heute habe ich eine kleine Verschnaufpause. Zeit, das Neueste zu vermelden. Kein literarischer Höhenflug. Mehr ein Lebenszeichen ans Blogger-Universum.

Eigentlich gibt es fast nur gute Nachrichten: Das Evchen ist sechs Monate alt und wächst und gedeiht. Ich sehe es jetzt seltener, aber ich bin guter Hoffnung, dass ich Mutter und Kind nicht aus den Augen verlieren werde – auch sie im Januar aus der Stadt wegziehen.

Auch eine gute Nachricht: Andreas lebt und ist heil im Kopf. Wir können wieder plaudern wie früher – auch wenn er immer noch im Spital liegt und nicht zu übersehen ist, dass die Sache ihn brutal mitgenommen hat. Er ist dünn wie ein Schilfrohr und hat einfach keinen Appetit. Und er hätte während dieses ganzen Dramas beinahe ein Bein wegen mangelnder Durchblutung verloren. Noch ist er  nicht ganz über den Berg. Aber es könnte schlimmer sein.

Und was das Wohnen betrifft: Mittlerweile zeichnet sich ab, dass wir möglicherweise eine neue Wohnung haben – eine tolle Sache, wenn es denn klappt. Mehr darüber, wenn wir sicher sind.

Hören tue ich möglicherweise noch schlechter als letzte Woche. Ich suche Ruhe und finde sie nicht. Die Hörgeräte-Akustikerin hat mir meine Hörgeräte lauter gestellt. Jetzt sind sie von ihren Kapazitäten her am Anschlag und piepen die ganze Zeit furchtbar laut. Sie will mir neue Geräte verkaufen. Aber ich muss erst mal mit dem Ohrenarzt reden.

 

Mit Hörgerät, ohne Hörgerät

Hörgeräte sind ein Segen. Hier beschreibe ich, was sich anders anhört, wenn ich meine trage (Quelle: www.oticon.ch)

Es soll ja Leute geben, die ihre Hörgeräte nicht tragen. Zu denen gehöre ich eindeutig nicht. Ich setze sie mir am Morgen gleich nach dem Aufwachen ein. Und abends nehme ich sie erst heraus, wenn mein Kopf gleich aufs Kissen sinken wird. Deshalb weiss ich gar nicht genau, was ich ohne Hörgeräte eigentlich noch höre. Nicht viel, fürchte ich.

Manchmal sage ich mir abends selber „hallo“, wenn ich die Hörgeräte herausgenommen habe. Das höre ich nur noch, wenn ich laut und deutlich mit mir selber spreche. Ich höre meine eigene Stimme dünn und dumpf zugleich, sie sagt „ollo! ollo! ollo!“ Wenn ich mit der Hand über die Bettdecke streiche, höre ich das als dünnes Rinnsal von einem Geräusch. Aber nur an guten Tagen. An schlechten höre ich gar nichts. Manchmal muss ich nochmals aufstehen und gehe am Fernseher vorbei, der noch läuft, weil Herr T. noch fernsieht. Dann höre ich manchmal eine Stimme aus der Kiste, ein helles Greinen. Es klingt immer gleich. Stimmen unterscheiden kann ich ohne Hörgerät nicht mehr.

Hörgeräte dürfen nicht nass werden, deshalb muss ich sie zum Duschen ausziehen. Das Rauschen des Duschwassers höre ich dann. Sonst nichts. Schwierig wird es immer in der Badi. Wenn ich in den See will, muss ich mir die Hörgeräte ausziehen. Dann ist nichts als lauter Tinnitus um mich herum, manchmal ein Kind das schreit. Und wenn Herr T. sich anstrengt, können wir uns knapp verständigen. Das heisst: Im Sommer konnten wir das noch. Jetzt höre ich noch schlechter und weiss nicht, ob es noch ginge. Aber es ist ja Herbst. Man muss nicht in die Badi.

Die Hörgeräte helfen: Mit ihnen erkenne ich Stimmen und verstehe auch manchmal, was man mir sagt, wenigstens bei guten Hörbedingungen. Ich höre bei offenem Fenster das Juchzen der Kinder unten auf der Strasse. Ich höre die Tastatur meines Computers und das Klicken der Maus. Ich kann ein bisschen singen, wahrscheinlich falsch. Ohne Hörgeräte höre ich gar keine unterschiedlichen Tonhöhen mehr.

Früher hätte mich das alles entsetzt. Jetzt versuche ich, es zu ignorieren. Wenn ich doch einen panischen Moment habe, denke ich an meinen Ohrenarzt. Der sagt: „Wenn Sie noch zehn oder zwanzig Dezibel schlechter hören, dann gibt es immer noch die Möglichkeit eines Cochlea-Implantats. Nur damit Sie wissen, dass Sie nicht einfach ertauben werden.“