Schweizerdeutsch 62: Seine Dienstleistung anpreisen

go pitsche (V)

Standarddeutsch: «pitchen gehen», das heisst: vor einen potenziellen Kunden treten, um seine Dienstleistung im Wettbewerb mit der Konkurrenz kurz und prägnant anzupreisen; eine Redensart aus dem Marketing-Jargon.

Hier ausnahmsweise eine Verbkonstruktion, die ich selbst kürzlich zum ersten Mal gehört habe. Um die Neujahrstage treffen wir jeweils die Verwandte P., die in einer Kommunikationsfirma tätig ist. Ihr Job ist es, ganze Pakete von Massnahmen zu liefern, um zum Beispiel eine umstrittene Autobahnauffahrt mehrheitsfähig zu machen. Das Gremium, das diese Autobahnauffahrt will, lädt zunächst eine Reihe von PR-Firmen zur Präsentation ihrer Strategie ein und wählt dann die Firma, die den besten Eindruck macht. Kürzlich sei eine Anfrage von einem solchen Gremium bei ihr im Geschäft eingetroffen. Da hätten ihr Geschäftspartner und sie tief Luft geholt und sich entschlossen: «Jo, mer gönd go pitsche.» Ja, wir fahren da hin.

Ich hatte den Eindruck, dass dieses «go pitsche» eine aufregende Sache ist. Die KI von Google erklärt: «Ein Pitch im Verkaufsgespräch ist eine Präsentation, die das Interesse eines potenziellen Kunden wecken soll, indem sie klar den Nutzen eines Produkts oder einer Dienstleistung kommuniziert und Vertrauen aufbaut.» Wobei, Vertrauen… Ich meine, P. ist ja eine verlässliche Person. Aber Google erscheinen zu Recherchen über das Pitchen immer Bilder von Leonardo di Caprio in «The Wolf of Wall Street».

Betrüger mit Stil beim Pitchen: Leonardo di Caprio in „The Wolf of Wall Street“. (Quelle: zdf.de)

Schweizerdeutsch 61: Eine ruhelose Person

Fägnäscht (N, n)

Eine direkte Übersetzung ins Standarddeutsch gibt es nicht. Gemeint ist eine unruhige Person, meist ein Kind oder eine Frau, die unablässig ihr Nest ausfegt und Dinge in Unordnung bringt.

In den letzten Tagen waren Herr T. und ich zweimal im Kino – eine Jim Jarmusch-Retrospektive lockte. Beim zweiten Besuch musste ich feststellen, dass ich in Menschenmengen heute noch viel schneller nervös werde als früher schon. Das Kino am Sonntag war zwar noch halb leer. Aber als zwei Reihen vor mir ein älterer Herr ein halb volles Matcha-Glas so unkoordiniert umherschwenkte, als wäre er eine angetrunkene Figur aus einem Jarmusch-Film, wurde ich kribblig.

Ich sagte nichts. Aber als die Begleiterin des älteren Herrn sich gesetzt hatte, dann wieder aufgestanden war, den Matcha-Mann am Ärmel gezupft, auf die andere Seite des Mittelgangs gewechselt, sich dort gesetzt hatte, wieder aufgestanden war und nach einem noch besseren Platz Ausschau hielt, warf Herr T. mir einen vielsagenden Blick zu. Ich nickte und flüsterte: «Sii esch es Fägnäscht». So nannten unsere Grosseltern ihre Enkelinnen, wenn sie unruhig waren. Man kann die Bezeichnung aber schon auf eine erwachsene Frau anwenden. Das Matcha-Ehepaar habe insgesamt sechsmal den Platz gewechselt, berichtete später Herr T. «Omefägnäschte», wäre das richtige Verb für eine solche Tätigkeit.

Trauertag für die Opfer von Crans-Montana

Heute ist in der ganzen Schweiz Trauertag für die Opfer von Crans-Montana. Um 14 Uhr ist nationale Schweigeminute. Die Kirchenglocken werden läuten. Auch ich werde eine Weile innehalten.

Letzten Sommer waren wir im Wallis. Viele Orte dort habe ich ins Herz geschlossen. Auch Crans-Montana haben wir einen kurzen Besuch abgestattet. Der mondäne Bergkurort blieb mir fremd. Aber seit zehn Tagen sind meine Gedanken oft bei den jungen Menschen, die ihr Leben im Flammeninferno in der Bar Le Constellation lassen mussten; bei den Eltern, die Kinder verloren haben; vor allem aber bei jenen Opfern, die jetzt in Spitälern liegen und einen schweren Weg zurück ins Leben vor sich haben.

Im Rest der Schweiz nehmen wir das Wallis als Ort wahr, wo es wild und gefährlich ist und wo die Leute auf mitunter charmante Art machen, was sie wollen. An dieser Katastrophe ist nichts charmant. Hier gehören alle Versäumnisse, alle Nachlässigkeiten, alle Unregelmässigkeiten aufgearbeitet und gesühnt. Crans-Montana, das Wallis und die Schweiz muss den Opfern helfen, wo sie Hilfe brauchen.

Schweizerdeutsch 60: Eiskalte Finger

«Ech ha’s Chuenegele» (N) oder: «Es tued mech chuenegele»

Standarddeutsch: Ich habe den Schmerz, den man empfindet, wenn eiskalte Finger wieder warm werden.

In den letzten paar Tagen war kamen wir in der Schweiz nie aus den Minustemperaturen heraus. -11,6 Grad soll es in Luzern am Dreikönigstag am frühen Morgen gewesen sein. Beim Gang über die Seebrücke um 9 Uhr beobachtete ich ein eindrückliches Phänomen: Der Vierwaldstättersee dampfte, weisse Schwaden stiegen dem ausnahmsweise blauen Himmel entgegen und schienen in der Luft zu gefrieren. Ich wollte fotografieren, aber es ging nicht. Meine Finger waren eisig kalt.

Später, noch beim Gehen, wurden meine Hände wieder warm und etwas rot und ich verspürte in den Fingern diesen seltsam beglückenden Schmerz, den ich vor allem aus der Kindheit kenne. Ein Schmerz, der uns sagt, dass wir am Leben sind und dass wir mit der Kälte zurechtkommen werden. «Chuenegele», nennen wir ihn. Das Wort «Kuh» scheint darin vorzukommen und ich habe mich oft gefragt, weshalb wir eigentlich jedes Naturphänomen auf die bäurische Lebensweise unserer Vorfahren zurückführen müssen. Aber Wikipedia klärt auf: «Etymologisch gesehen hat Kuhnagel nichts mit Kuh oder Nagel zu tun. Das Grundwort geht auf Agle in der Bedeutung Stachel zurück. Das Bestimmungswort Chue- ist unklar. Laut einer Meinung soll es eine Abwandlung von Horn (vgl. die ebenfalls belegte Variante Hornagel) sein und sich dabei auf den Fingernagel beziehen,[3] die Bedeutung wäre damit ‹Nagelstechen, Nagelschmerz›. Nach einer anderen Meinung sei es verwandt mit kühn und bezeichne damit eine Verstärkung im Sinne von sehr; die Bedeutung wäre in dem Fall ‹starkes Stechen›.»

Magischer Neujahrsmorgen

Wasserspeiender Wolf und seltsame Vögel: Der Tinguely-Brunnen in Basel heute Morgen.

Es hat auch Vorteile, dass man ab einem gewissen Alter mit wenig Schlaf auskommt. Heute stellte ich trotz gestriger Silvesterfeier schon früh fest, dass nach mehreren vernebelten Wochen endlich wieder die Sonne scheint. Ich weckte Herrn T. und wir fuhren im fast leeren 9.54-Uhr-Zug nach Basel, links und rechts zogen von Frost bedeckte Felder vorbei. Im Zentrum von Basel fanden wir überraschend den Brunnen des Künstlers Jean Tinguely in vollem Eiszauber. Gefroren hatte ich ihn noch nie gesehen (auf YouTube lässt sich anschauen, wie er im Sommer spritzt und rattert und rotiert). Ein magischer Moment.

Und viele magische Momente, Glück und gutes Gelingen eurer Projekte wünsche ich hiermit euch allen im Neuen Jahr 2026

Fünf Lieblingsbücher 2025

2025 habe ich gelesen, als würde es 2026 verboten. 58 Titel stehen auf meiner Liste der im ablaufenden Jahr verschlungenen, durchgearbeiteten, überflogenen Bücher. «Warum zählst du sie bloss? Lesen ist doch kein Leistungssport», sagt manchmal eine leise Stimme zu mir. Sie scheint nicht mehr zu wissen, dass ich in meinen orientierungslosesten Jahren zwischen 1986 und 1993 ein Literaturstudium absolviert habe. Damals hätte ich 28 Stunden am Tag lesen können und es wäre einfach nie genug gewesen. Ich verbrachte jene Jahre in lähmender Verzweiflung über mein viel zu bescheidenes Lesepensum. Erst, als ich vor zehn Jahren aufzulisten begann, was ich gelesen hatte, merkte ich, dass ich eigentlich ganz schön viel schaffe, und das durchaus mit  Glücksgefühlen. Was das Hirn – oder gegebenenfalls die Seele – mit dem Stoff machen, ist eine andere Frage. Aber sicher ist: einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben diese fünf Titel, die ich auch weiter empfehlen kann:

Charles Ferdinand Ramuz: «Derborence» Wie viele Lesende aus der Deutschschweiz habe ich das Literaturschaffen aus der französischsprachigen Schweiz mein ganzes Leben lang sträflich ignoriert. Zum Glück entdeckte ich im Sommer nicht nur das im 18. Jahrhundert von zwei grossen Bergstürzen verschüttete Bergtal Derborence (hier mehr darüber). Sondern auch den 1934 erschienenen Roman über eine dieser Katastrophen. Sie forderte das Leben sämtlicher Älpler, die gerade ihre Kühe und Schafe dort oben hirteten – mit einer Ausnahme (aber lest selber). Hoch dramatische und sprachgewaltige Schilderungen der Naturgefahren und der Menschen, die mit ihnen leben – und manchmal sterben. Einer der besten Schweizer Romane, die ich kenne, auch in der Übersetzung.

Limmat Verlag, erschienen 2020 übersetzt von Hanno Helbling, 200 Seiten

Percival Everett: «James» Wer als Jugendliche begeistert Mark Twain’s «Abenteuer des Huckleberry Finn» verschlungen hat, sollte diesen Roman aus dem Jahre 2024 nicht verpassen (ich habe hier schon darüber berichtet). Everett erzählt (fast) dieselbe Geschichte wie Twain, aber aus der Perspektive von Huck’s Begleiter, dem entlaufenen Sklaven Jim, nun James. Bei Mark Twain brüstet sich Huck gerne damit, dass er seinem einfältigen Begleiter wieder und wieder die Schwarze Haut rettet. In Everett’s Roman zeigt sich, dass die vorgebliche Einfältigkeit des Ex-Sklaven eine Überlebensstrategie ist. James ist blitzgescheit, spottet im Roman seinerseits liebevoll über seinen naiven Begleiter Huck und rettet ihm mehrmals die Haut. Der Roman hat einen ähnlich heiteren Ton wie jener von Twain. Aber hier geht es um das todernste Thema Sklaverei, und der Schluss ist nichts für Zartbesaitete. Setzt dem Amerika von Donald Trump die Stimme eines Schwarzen Autors entgegen.

Blessing Verlag, 336 Seiten, übersetzt von Nikolaus Stingl

Thomas Mann: «Buddenbrooks» Junge Leute kokettieren ja gerne damit, dass sie diesen Vater aller deutschen Familienklassiker (erschienen 1901 und ein grosser Bestseller) schon noch lesen werden, wenn sie mal Zeit haben. Sie sollten es möglichst schnell tun, denn unglückliche Liebe zwischen Tony Buddenbrook und Morten Schwarzkopf am Strand von Travemünde ist zeitlos zärtlich und traurig (hier mehr darüber). Für ältere Semester zum Pageturner wird das Buch da, wo der letzte Chef der Firma Buddenbrook den nahenden Tod spürt und mit der Frage ringt, was danach kommt.

S. Fischer Verlag, 1989, 68. Auflage, 848 Seiten

Edward W. Said: «Orientalismus» Ein pro-israelisch gesinnter Freund von mir hob tadelnd seine linke Augenbraue, als ich ihm von meiner September-Lektüre erzählte. Edward Said (1935 bis 2003), in Jerusalem geborener, arabischstämmiger Literaturkritiker, ist wegen seines politischen Engagements für die Palästinenser vielen Freund*innen Israels ein Dorn im Auge. Ob zu recht oder nicht, das kann ich nicht beurteilen. Denn «Orientalismus» ist nur sehr am Rande über Israel. Der postkolonialistische Klassiker (erschienen 1978) zeigt vielmehr am Beispiel der orientalistischen Schriften aus Frankreich und England der vergangenen Jahrhunderte, wie man nicht über Länder und Kulturen schreiben sollte, denen man beim Reisen begegnet. Das ist akademisch, aber relativ leicht lesbar und stellt in oft polemischem Ton die Haltung des Westens gegenüber den einstigen arabischen Kolonien in Frage – und es weitet den Blick.

S. Fischer Verlag, 2009, übersetzt von Hans Günter Holl, 464 Seiten

Katja Petrowskaja: «Das Foto schaute mich an» Die in der Ukraine geborene, deutsche Schriftstellerin begann 2015 für die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ kurze Bildbetrachtungen zu schreiben. Oft wählte sie Fotos mit Aktualitätsbezug, zum Beispiel während der Flüchtlingskrise, dann wieder sind es Bilder, die den Blick Richtung Osteuropa lenken, sogar Familienfotos. Das Buch, das ich von meiner Freundin Ela zum Geburtstag geschenkt bekam, ist eine Sammlung dieser Texte und Bilder. Petrowskaja verbindet in den Texten mit leichter Hand Privates mit Weltgeschichte und streut da und dort eine kunsttheoretische Bemerkung ein. Beim Lesen übte ich, Fotos genauer anzuschauen.

Bibliothek Suhrkamp, erscheinen 2022, 256 Seiten, mit vielen Abbildungen.

Schweizerdeutsch 59: Weihnachtsspaziergang

Fenster mit Weihnachtsstern in Luzern.

heimelig (Adj)

Standarddeutsch: anheimelnd, behaglich, gemütlich

Um 16 Uhr heben wir die festliche Mittagstafel auf, der Gast verabschiedet sich. Auch ich verlasse das Haus. Ich muss noch etwas frische Luft schnappen. Draussen schleicht sich die Dämmerung an, aber noch sie ist kaum vom Dauernebel zu unterscheiden. Ich streife durch die stillen Quartiere am Südrand der Stadt.

Die Kälte beisst mir in die Oberschenkel. Das fühlt sich gut an, denn dort bildet sich wohl nach dem übermässigen Genuss von Weihnachtsguetzli in den letzten Tagen eine neue Speckschicht. Vielleicht frisst die Kälte sie wieder weg.

Es sind kaum Menschen unterwegs, auch nicht im Auto. Man kann die Strasse überqueren, wo man will. Auf einem Spielplatz ein paar juchzende Kinder, da und dort jemand mit Hund. Sonst Stille. Es fühlt sich einsam an, aber vertraut. Ich kenne diese Gegend, seit ich denken kann. Jetzt sind ganze Büsche gesprenkelt von Lichterketten, überall stehen Weihnachtsbäume, in den Fenstern hängen leuchtende Sterne. Ob die Familien dahinter weihnachtsübliche Streitereien  haben? Ob sie glücklich sind?

Nach einer Stunde drehe ich bei und gehe nach Hause. Es ist warm dort, Herr T. hat die Lichter am Christbaum angemacht und schon mal ein bisschen abgewaschen. Hier ist es heimelig.

Schwerhörig: Peinlichkeiten

Fast täglich kaufe ich in der Bäckerei gegenüber vom Büro mein Mittagessen. Der Betrieb dort ist enorm, die Personalfluktuation auch. So ist es mir fast unmöglich, jede Verkäuferin für den Umgang mit mir zu schulen. Neulich, ich hatte gerade bezahlt, nuschelte die neue Frau an der Kasse mir etwas zu. Es klang wie: „Alles ok?“ oder so. Hinter mir war der Laden voll, ich konnte nicht nachfragen. Ich sagte: „Ja, danke, alles ok.“ Erst danach wurde mir klar, was die Verkäuferin wirklich gesagt hatte, nämlich: „Brauchen Sie eine Quittung?“ Mist! Ich hatte eine völlig falsche Antwort gegeben. Beim Rating der Peinlichkeiten gibt das eine 3.

Das Rating der Peinlichkeiten geht von 1 bis 10, genau wie das Rating der subjektiv empfundenen Schmerzstärke im Spital.

Als ich am gleichen Abend das Büro verliess, begegnete ich meinem Chef. Er nuschelte etwas, ich fragte: „Wie bitte?!“ Er wiederholte: „Schönen Abend.“ Etwas Redundanteres hätte er gar nicht sagen können. Er lächelt mich in solchen Momenten an, als wäre ich eine harmlose und einigermassen liebenswerte Irre. Peinlichkeitsstufe 2.

Peinlichkeiten unterhalb der Stufe 5 vergesse ich meist augenblicklich. Aber neulich passierte mir eine Peinlichkeit der Stufe 8. Ich musste im Büro auf irgendetwas warten, hatte nichts zu tun und sah mir einen Fernseh-Beitrag aus den 80er-Jahren über das Sennentuntschi an (hier der Link, eine Trouvaille für alle Fans des jungen Kurt Aeschbacher). Der Sennentuntschi-Stoff ist ein ehrwürdiger Schweizer Sagenstoff, aber es geht darin immerhin um notgeile Sennen. Ich dachte, das würde sonst niemand mitbekommen, ich habe ein kleines Separée neben dem Grossraumbüro und höre alles vom Computer über mein Blutwurst-Audio-Gerät. Dieses funktioniert wie ein Kopfhörer, die anderen hören nichts. Oder sollten nichts hören. Ich muss jeweils die Lautstärke bei Videos voll aufdrehen, sonst verstehe ich den Text nicht. Ich höre. Nach ein paar Minuten merke ich, dass alle, die ich von meinem Büro aus sehe, ein seltsames Grinsen auf den Stockzähnen haben. Ich schöpfe Verdacht, dass alle mithören. Aber sicher bin ich erst, als mein Chef das Büro betritt und mich nachsichtig anlächelt. Ich hatte vergessen, mein Audio-Gerät anzustellen. Ich hatte das ganze Grossraumbüro beschallt.

Schwerhörig: Wenn es schlimmer wird

Rechts bin ich ja mittlerweile taub, links höre ich mit Hörgerät noch 40 Prozent. Das ist seit Herbst 2022 (und nach unzähligen Schwankungen) stabil so. Aber seit gestern stimmt links wieder etwas nicht. Jingles im Fernsehen klingen falsch. Sie haben in den Hochtönen ausgefranste Ränder und die Tieftöne prallen auf Löschpapier. Manchmal weiss ich nicht, ob im Nebenraum jemand brummt oder ob er ein Möbelstück verschiebt. Und die Stationsansagerin im Bus produziert Laute, die es eigentlich nur im Walisischen gibt. Zum Beispiel: „Näcllter Halt: Löwenplatll. Necllt lltop Lion Monument.“ Es macht Angst. Es fühlt sich an, als würde ich vor der Tür meines Zuhauses stehen und könnte nicht hinein.

Schweizerdeutsch 58: Was KI kann

zämeschtifle (V)

Standarddeutsch: eigentlich «zusammenstiefeln», das Verb «schtifle» ist jedoch hier eine verballhornte Form des Wortes «stellen»; also «etwas aus verstreut herumliegenden Teilen zusammenstellen» oder «provisorisch zusammenbasteln».

Zwischendurch kann ich euch ein bisschen Politik nicht ersparen. Zum Beispiel heute, denn beim Sichten der News heute früh regte ich mich mal wieder furchtbar über Donald Trump auf. Hat er doch eine 10 Milliarden-Klage gegen den britischen Fernsehsender BBC lanciert! Wegen eines unzulässig verkürzten Zusammenschnitts einer Trump-Rede, der nur das zum Ausdruck brachte, was wir längst als erwiesen ansehen dürfen: dass Donald Trump der Hauptschuldige am Sturm aufs Kapitol am 6. Januar 2021 war (siehe hier).

Also, eigentlich regte ich mich weniger über Trump auf als über die Leute in meinem Freundeskreis, die noch nicht begriffen haben, was es hier gespielt wird. Die immer noch sagen: «Joaaa, aber BBC hat doch wirklich einen Fehler gemacht!» Damit hat Trump schon erreicht, was er will. Denn, ja, der Zusammenschnitt war unsorgfältig. Aber es war ein Patzer, der im täglichen Medienbetrieb passieren kann und sich bei normalem Lauf der Dinge mit einer Entschuldigung hätte aus der Welt schaffen lassen. Aber vieles ist heute eben nicht mehr normal. Ich schimpfe: «Hier geht es einzig und allein darum, die Medien Europas zu schwächen!» Dass ausgerechnet der hoch verehrte öffentlich-rechtliche Sender BBC Trump einen derart willkommenen Anlass geboten hat, wird Trump nun bis zur bitteren Neige auskosten. Denn es bleibt doch immer etwas hängen. Und seine Mittel zum Prozessieren sind ja fast unbeschränkt.

«Versteht denn das niemand?!» lärme ich aus dem Bad zu Herrn T. «Trump und seine Tech Bros nutzen doch die Justiz nur, um mit ihren Milliarden die Demokratie in die Knie zu zwingen!» Herr T. reibt sich noch den Schlaf aus den Augen und ist verärgert darüber, dass er sich schon vor dem Kaffeetrinken über Donald Trump aufregen soll. Er brummelt: «Doch, das verstehen viele Leute. Es gibt sogar einen Fachbegriff dafür. Er kommt mir nur gerade nicht in den Sinn.» Aber er ist ein guter Ehemann, und so hantiert er geduldig mit dem Handy. Dann sagt er: «Schau, KI hat mir eine ganze Reihe von Begriffen für missbräuliche Klagen zusammengestiefelt.» Hobby-Juristin Frogg liest und findet hier genau den Begriff, der in ihren Augen die Sachlage umschreibt: Es dürfte sich um eine SLAPP-Klage (Strategic Lawsuit Against Public Participation) handeln. Die Klage ist an einem Bezirksgericht in Florida deponiert. Dort, wo auch Trump’s Anwesen  Mar-a-Lago liegt. Ob das Gericht dort das so sieht wie ich, müssen wir jetzt halt abwarten.