Ein Gespräch über Rapsfelder


In der Schweiz blühen die Rapsfelder – und es toben Diskussionen über eine zerstörerische Landwirtschaft.

Neulich fuhren Herr T. und ich mit dem Zug über Land. Ich schaue aus dem Fenster und sage: „Schau mal, so ein schönes Rapsfeld!“ Herr T. blickt von seinem Tablet auf und antwortet: „Tjaaa, Rapsfelder stellen ein besonderes Problem dar. Man kann Raps nicht ohne den gezielten Einsatz von Pflanzenschutzmitteln anbauen.“ Ich verdrehe die Augen. Ich meine: Können wir in diesem Frühling nicht einfach die Schönheit eines blühenden Feldes bestaunen, ohne gleichzeitig an Pestizide zu denken?!

Nein, können wir nicht. Wir stehen wieder mal vor einer Volksabstimmung, am 13. Juni, und diesmal geht es um unsere Landwirtschaft und unser Trinkwasser. Diesmal müssen wir uns unbequeme Fakten vor Augen führen. Fakt ist zum Beispiel: Die Gifte aus der Landwirtschaft stellen in unserer sauberen Schweiz eine ernst zu nehmende Gefahr für unser Wasser dar (übersichtliche Zahlen gibt’s hier).

Ich habe immer gewusst, dass unsere Landschaft nicht reine Natur ist. Der relativ flache Teil der Schweiz ist klein und eine einzige, riesige Kulturlandschaft, seit Jahrhunderten. Aber dass diese Landschaft heute über sehr weite Strecken eine grüne Wüste ist, ein mit Giften aller Art hochpoliertes, auf Höchstproduktivität gezüchtetes Kunstprodukt – ich habe es lange Zeit nicht so genau wissen wollen. Jetzt komme ich nicht darum herum: Ich muss einsehen, dass unser Lebensstil und mithin unsere Landwirtschaft 60 Prozent unserer Insekten und Vögel und tonnenweise so genanntes Unkraut vernichtet haben. In Deutschland ist es übrigens nur wenig besser, wie der süddeutsche Ornithologe Peter Berthold hier sehr anschaulich erklärt. Und: Das Gift sammelt sich im Wasser und in den Böden an und bleibt schädlich, für Jahrzehnte.

Die Trinkwasserinitiative, über die wir am 13. Juni abstimmen, will nun jenen Bauern die Bundesgelder streichen, die weiterhin Pestizide benutzen. Das ist eine steile Ansage, und Bäuerinnen und Bauern laufen Sturm gegen die Vorlage. Ihre Wortmeldungen sind oft von epischer Breite, die Zusammenfassung lautet ungefähr: „Das können wir nicht, und das wollen wir nicht, und Ihr ahnungslosen Städter sollt uns gefälligst nicht sagen, wie wir unseren Job zu machen haben.“

Wahrlich, ich habe Respekt vor den Bauern. Und ich weiss, dass meine Unwissenheit über die Landwirtschaft episch ist. Und doch werde ich wohl Ja stimmen. Ein taktisches Ja nennt man das hierzulande. Mit einem taktischen Ja gibt man zu, dass man eigentlich keine Ahnung hat – aber dass man will, dass sich etwas ändert.

Der Fussballer

In einem Saal mit einer Tribüne soll ich einen Vortrag über einen Fussballer halten. Die Zuschauer trampeln schon auf die gelochten Metallböden und suchen ihre Sitze. Auf einem Beamer sehe ich ein Bild des Fussballers, schwarze Farbe auf rotem Grund, wie ein Fahndungsbild aus einem alten Western. Ein globaler Star, wahrscheinlich ein Südamerikaner. Ich weiss nichts über ihn. Wie bin ich bloss in diese Lebenslage gekommen?!

Es gibt wenige Themen, über die ich so ungern einen Vortrag halten würde wie über Fussball. Schlimmer wäre vielleicht die Makroökonomie des Ladakh. Oder Fusspilz bei Tapiren. Sowieso nicht vor den Männern, die in diesen Saal strömen. Fussball ist ihre Heimat. Es sind die jovial auftretenden Sponsoren unseres lokalen Fussballclubs und die pöbelnden Biertrinker aus der Fankurve. Ich kenne diese Leute, ich habe zwanzig Jahre lang eine Zeitung für sie gemacht. Und dann kenne ich sie auch wieder überhaupt nicht. Vor ihrer Hemdsärmeligkeit bin ich innerlich immer ein wenig zurückgeschreckt, auch vor ihrer Macht. Doch jetzt ist die Stunde der Wahrheit gekommen. Wenn es ein richtiges Leben in falschen gibt, dann werde ich es hier erfahren.

Für den Beamer gibt es auch eine Textvorlage mit Informationen über den Fussballer. Ich lese hastig und redigiere gleichzeitig ganze Stücke aus dem Text hinaus. Es soll ja nicht so aussehen, als würde ich einfach einen Text ablesen. Das Dumme ist: Nun verschwindet der ganze Text nach und nach und schliesslich auch das Bild. Auf dem Beamer ist nur noch hellgelbes Licht. Aber einerlei, ich weiss ja nun ein paar Sachen, es muss halt genügen.

Ich trage die Haare lang und einen grauen Regenmantel wie vor 25 Jahren. Nun streiche ich mir die Haare aus dem Gesicht und hebe an. Ich höre meine Stimme über die Lautsprecher, es ist die unbeschwerte Stimme, mit der ich Panik überspiele. Ich sage meinen Namen und dann: „Heute werde ich Ihnen etwas erzählen über…, also über…“

Verdammt, ich habe den Namen des Fussballers vergessen! Ich wache auf und weiss nicht, ob ich lachen oder entsetzt sein soll.

Tag drei

Soll man überhaupt schreiben, wie es wirklich gewesen ist? Soll ich schreiben, dass bei mir die Nebenwirkungen der ersten Impfung ein Sonntagsspaziergang mit Stolpersteinen gewesen sind? Oder ist das reines Gejammer, das nur anders „Denkenden“ in die Karten spielt? Nun, ich schreibe jetzt einfach, wie es gewesen ist. Gerade, weil sich möglichst viele impfen lassen sollten. Man tut es ja nicht nur für sich selbst, sondern dafür, dass möglichst viele immun werden. Ein Akt der Solidarität darf ja auch etwas Mut brauchen, oder nicht?

Tag 1: Die Ärztin legt einen Tupfer auf die eben geimpfte Stelle. Da ist ein Blutstropfen von der Grösse eine Zehnrappenstücks. „Nehmen Sie Blutverdünner?“ fragt sie. Ich: „Nein, nein!“ Ich denke: „Wieso macht sie jetzt wegen eines Blutstropfens ein Drama?!“ Mein Arm schmerzt ein bisschen. Ich erinnere mich, wie meine Mutter nach beiden Impfungen über Schmerzen im Arm geklagt hat. „Seit wann ist meine Mutter so wehleidig?“ fragte ich mich damals. Dieses leise Ziehen im Arm, man kennt es doch von der Grippeimpfung! Das ist doch keine Sache!

Tag 2: Ich habe schlecht geschlafen, weil ich mich nicht auf den geimpften Arm legen konnte. Sonst alles bestens.

Tag 3: Ich habe schlecht geschlafen, weil die leiseste Berührung des geimpften Armes mit irgendetwas mich aufwinseln liess. Umdrehung nach links: unmöglich. Meine Güte, das sollte doch keine grosse Sache sein, denke ich. Zudem habe ich einen merklichen Hörnachlass. Ach Gott, das ist doch nicht so schlimm! Nicht auszudenken, was mit meinen Ohren passieren würde, wenn ich Covid-19 bekäme! Schon eine Grippe kann die armen Kerle monatelang ausser Gefecht setzen. Am Mittag kann ich den Arm nicht über die Schulter heben und bin schlecht gelaunt, ach was, ich bin ein geballter Haufen Negativität. Der dritte Tag ist immer der schlimmste, das weiss ich aus einem Roman, ich weiss nicht mehr welchem. Vielleicht einem Boxerroman, in dem der Protagonist häufig Prügel einsteckte? Habe ich je einen Boxerroman gelesen? Einerlei, ich verlasse mich jetzt einfach darauf. Sowieso: Es kann auch an der Stimmung im Büro liegen. Langsam wagen sich einige aus dem Homeoffice zurück. Seltsamerweise ist es diesmal nicht das reine Glück wie im letzten Sommer, sondern alte Spannungen treten zutage. Kaja fragt, wie meine Erstimpfung gewesen sei. Ich sage erst nicht viel. Aber sie fragt mich haarklein aus, und ich erzähle vom schmerzenden Arm. „Seltsam“, sagt sie, „mein Mann ist auch wehleidig, aber darüber hat er nicht geklagt.“ Normalerweise hätte ich gelacht, aber jetzt fühle ich brandschwarzen Groll. Nun, man soll nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen, denke ich. Auf dem Nachhauseweg merke ich, dass ich den Arm wieder heben kann.

Tag 4: Ich schlafe immer noch schlecht, aber am Morgen erwache ich dann doch auf dem linken Arm liegend. Sag ich’s doch: Der dritte Tag ist der schlimmste.

Tag 5: Alles paletti, ausser einem kleinen Kater, den ich mir beim wunderschönen Gartenfest mit Freunden zugezogen habe. Einer von ihnen gehörte zu den letzten, die als Baby keine Polio-Reihenimpfungen bekamen. Er bekam dann Polio, als Kind und ist heute merklich gehbehindert. Fragt mal ihn, ob er je am Sinn der Covid-19-Impfung gezweifelt hat.

Nachtrag zum ersten Impfbericht

So, nun habe ich also die erste Impfung verabreicht bekommen. Es war Moderna. Das sagen sie einem hierzulande erst unmittelbar bevor die Kanüle die Haut ritzt. Ist auch richtig so. So eine Impfaktion wäre in der Schweiz nicht organisierbar, wenn jede und jeder zwischen Pfizer und Moderna wählen könnte. Gott bewahre! Und AstraZeneca ist hierzulande gar nicht zugelassen.

Auf dem Weg ins Impfzentrum ist mir dann auch klar geworden, warum uns im Zusammenhang mit dieser Impfaktion ein solcher Mitteilungsdrang erfasst: Wir erleben – und beschreiben – hier ja doch Zeitgeschichte. Aber diese Erkenntnis hemmt bei mir erst mal die Erzählfreude. Sofort frage ich mich: Was werden die Nachgeborenen wissen wollen, wenn sie einmal alte Archive nach Impfberichten durchforsten? Kann ich überhaupt noch etwas erzählen, was nicht bereits tausendfach bezeugt ist?

Einerlei, dachte ich. Ich schreibe ja für meine Blogleserinnen und -leser. Nicht für Nachgeborene. Ich brauche das Impfzentrum nicht zu beschreiben. Es wird Fotografien geben von der Messehalle mit den 50 Impfkabinen. Es wird Erlebnisberichte geben von den Zivildienstlern, die die Leute von Posten zu Posten schicken. Es gibt bereits zwei launige Leserbriefe von einem der pensionierten Ärzte, die hier den Leuten das Vakzin verabreichen. Es wird Bilder geben von der Ruhezone, in der 50 frisch Geimpfte mit 1,5 Metern Abstand 15 Minuten lang abwarten, ob sie einen anaphylaktischen Schock bekommen oder nicht. Ein seltsamer Anblick, so viele still dasitzende Menschen unter einem Dach, wie früher in der Kirche. Nur mit Maske.

Für Schwerhörige hält so ein Impfprozedere seine eigenen Schwierigkeiten bereit. Auf dem ganzen Parcours wird man fünfmal instruiert oder befragt. Alle sind nett und geduldig, aber die Halle ist riesig und lärmig, und alle tragen Mundschutz. Viermal musste ich jemandem sagen, dass ich schwerhörig bin, und dass er langsam sprechen muss. Wenn ich glaubte, die Instruktionen verstanden zu haben, wiederholte ich sie, um ja nichts falsch zu machen. An einem Ort mit so viel Sicherheitspersonal muss man vorsichtig sein. Man weiss nie, wie die reagieren, wenn jemand auffällig wird. Es dauerte alles sehr, sehr lange.

Danach machte ich einen kleinen Spaziergang, sah die ersten Saat-Esparsetten, den ersten Wiesensalbei und roch Flieder und war glücklich.

Erster Impfbericht

Im ersten Halbjahr 2021 ist eine neue Textgattung entstanden: der Impfbericht. Er ist bei Leserbriefschreibern und Bloggerinnen äusserst beliebt. Darin schildert der Autor in der Ich-Form präzise das Prozedere, das er zwecks Immunisierung gegen Covid-19 absolviert hat. Das Traktat bezeugt den Stolz der Autorin darauf, dass sie den Pieks gewagt hat. Und fast immer die Freude darüber, persönlich das Gröbste an der Pandemie nun bald überstanden zu haben. In Leserbriefen werden oft noch ein paar Worte des Dankes an die zuständige Behörde angefügt. Die darin versteckte Botschaft an alle Leserinnen und Leser: „Hört auf, über die Regierung zu lästern! Sie kann es! Jedenfalls bei mir, Gottlob!“ Gelegentlich schwingt unausgesprochen die Aufforderung mit: „Lasst Euch auch impfen! Es ist einfach, schmerzlos und löst eine Menge Probleme.“ Ich habe mich schon gefragt, ob dieser Erzähldrang eine Nebenwirkung des Vakzins ist.

Hiermit schreibe ich jetzt auch einen Impfbericht, mit der Zeit vielleicht sogar einen mehrteiligen, ein Impf-Epos. Denn kaum hatte ich per E-Mail meinen ersten Impftermin erhalten, drängte es mich unwiderstehlich zum Schreiben. Erhöhtes Mitteilungsbedürfnis ist also doch keine Nebenwirkung des Serums.

Das Warten war eine Geduldsprobe, und, ja, ich hätte impfgedrängelt, wenn ich gekonnt hätte. Denn eins habe ich im vergangenen Jahr gelernt: Es gab einmal eine Zeit, da standen wir brav Schlange und glaubten, dass in absehbarer Frist alle für alles drankommen werden. Dieser Glaube gehört zur Kindheit der Boomer in der Schweiz. Drängeln war hier einst tabu, höchste Tugend der Gemeinsinn. Alles vorbei! Heute gilt: Ich erlaube mir alles, was nicht ausdrücklich verboten ist. Man nennt das, glaube ich, Eigenverantwortung. Oder Bürgersinn. Wie auch immer.

Mir fehlte das Vitamin B zum impfdrängeln. Ich bekam schliesslich ganz regulär einen Termin. Deshalb muss ich jetzt aufhören, denn gleich muss ich los. Mehr später!

Im Paradies


Herr T. im schönsten Teil des Bächtenbühls. Hier ist es wie früher – ein Traum.

Herr T. und ich sind ein älteres Ehepaar. Und wie so viele ältere Ehepaare sind wir manchmal etwas reizbar, wenn wir zusammen spazieren gehen. Das zeigt sich etwa, als Herr T. ein Foto machen will. Während er noch die Kamera zückt, beginnt er über Instagram zu schimpfen: „Es ist so ärgerlich, dass man dort nach jedem dritten Bild eine Anzeige bekommt!“ Ich merke, dass er daraus eine Tirade machen will und unterbreche ihn: „Ach, komm, hör auf, das Wetter ist zu schön zum Herumzetern.“

Doch auch ich habe ein Schimpfthema. Es präsentiert sich, als wir nach einer Stunde unser erstes Ziel erreichen: das Bächtenbühl, eine Anhöhe über dem Vierwaldstättersee, gleich hinter der Luzerner Stadtgrenze. Es war früher mein Paradies auf Erden. Ich habe hier schon 2011 zum ersten Mal davon erzählt. Die Luft hier oben war früher wunderbar mild, als würden die Hügel und Bäume Wärme speichern und sie der Wanderin beim Vorbeigehen sanft zufächeln. Am schönsten ist es, wenn die alten Obstbäume blühen. Aber fast zuoberst halten uns Tafeln auf: „GOLFPLATZ – Spaziergänger unerwünscht“. Wir müssen dem Rand des Areals entlangwandern, wie es hier vom Fussvolk erwartet wird. Wir gehen einen Stock tiefer als die vorbeigehenden Golfer und haben deren Gemächt auf Augenhöhe. Welch ein Ärgernis! Und das Clubhaus mit Restaurant: eine Beleidigung fürs Auge! Jetzt ist die Luft hier oben nicht mehr frühlingsmilde, sondern zornesheiss.


Der Golfplatz mit Ausblick auf den Pilatus. Den Anblick des Club-Restaurants auf dem Hügel erspare ich Euch.

Herr T. hat sich selbst schon kritisch über den Golfplatz geäussert (hier). Jetzt jedoch findet er, ich solle mich beruhigen – es sei doch alles gar nicht so schlimm. Aber ich beruhige mich erst, als wir den letzten für Wandernde zugänglichen Obstbaumhain erreicht haben. Hier ist es wie früher, ein Traum. „Es könnte schlimmer sein“, denke ich. „Sie könnten alles mit Einfamilienhäusern zugepflastert haben.“ Dennoch fällt mir ein Wort ein, das ich erst kürzlich gelernt habe: Solastalgie: Die Trauer über eine zerstörte Landschaft. Habe ich hier Anspruch auf einen Anflug von Solastalgie? Oder übertreibe ich wieder mal?

Wir gehen weg vom Golfplatz, über die Strasse und weiter die Anhöhe von Meggen hinauf, zur Linken Wiesen, zur Rechten Villen. Es grünt und blüht. Eine Traumlandschaft! „Geniess es einfach!“ denke ich, „Wir sind ein älteres Ehepaar, das noch ein bisschen auf diesem Planeten herumspazieren darf. Das ist das einzige, was zählt.“

Sollen wir noch reisen?


Ob sie beim Reisen ein Gefühl der Befreiung haben? Touristengruppe in der Stadt Luzern – vor Covid-19 (Quelle: Handeszeitung.ch)

Hilfsbuchhalter Bernardo Soares hält rein gar nichts vom Reisen. „Wahre Erfahrung beruht auf einem verminderten Kontakt mit der Wirklichkeit und einer verstärkten Analyse dieses Kontaktes“*, behauptet er im „Buch der Unruhe“ von Fernando Pessoa. Und weiter: „Und das Gefühl der Befreiung, das vom Reisen ausgeht? Das kann ich ebenso haben, wenn ich von Lissabon nach Benfica, in der Vorstadt, fahre, und zwar sehr viel intensiver als einer, der der von Lissabon nach China reist, denn ist die Befreiung nicht in mir, erlange ich sie nirgendwo.“ Nun ja, Bernardo ist ein äusserst empfindsamer Mensch und ein genauer Beobachter. Da er zudem gar nicht über die Mittel für grosse Fahrten verfügt, macht er wahrscheinlich aus der Selbstbeschränkung eine Tugend. Da sollte man nicht zu hart über ihn urteilen.

In Zeiten von Covid-19 können wir uns sogar eine Scheibe bei ihm abschneiden. Und auch die beängstigende Klimasituation verlangt ja, dass wir weniger reisen. Aber sollen wir das Reisen deshalb gleich verteufeln? Oder Reisende verachten? Sogar als Bewohnerin einer früher vielleicht etwas zu gut besuchten Tourismusdestination bin ich mir nicht sicher. Ich habe mir zwar angesichts der Touristenhorden in unserer Stadt durchaus schon überlegt, ob Reisende in spe nicht eine Eignungsprüfung ablegen sollten, bevor man sie ins Flugzeug steigen lässt. Ich erinnere mich gut an Szenen mit Asiaten, die mir auf dem Trottoir mit der Nase dicht am Handy entgegenkamen. Wollte man sie passieren, musste man sie anschreien oder auf die Strasse ausweichen. Ich sehe noch Amerikaner vor mir, die ihre beträchtliche Leibesfülle passgenau in die Mitte der schmalen Denkmalstrasse gossen. Mit dem Velo war da kein Durchkommen. Das ist ärgerlich, wenn man pünktlich in seinem Büro an der Denkmalstrasse sein muss.

Ich will nicht verallgemeinern. Die meisten Asiat*innen sind freundlich und rücksichtsvoll. Und Leibesfülle sollte an sich keine Disqualifikation fürs Reisen sein. Das Problem ist: Reisen ist erstens etwas Narzisstisches. Ich habe junge Amerikaner mit Eroberermiene über die Seebrücke schreiten sehen. „Seht her, ich habe mein Fähnchen in der Schweiz eingesteckt!“ sagte ihr Blick. Reisen sind zweitens ein Statussymbol. Reiseanekdoten eignen sich ja so wunderbar als Konversationshäppchen am Apero in der Heimat. Für viele Touristinnen und Touristen kommt das Interesse an der Welt, die sie bereisen, ungefähr an dritter Stelle. Und das ist ein Ärgernis.

Aber jetzt sind sie weg, die Touristen – und es fehlt eben doch etwas. Unsere Stadt ist ja geradezu als Kulisse für den Tourismus gebaut. Jetzt, wo die Hotelkästen leer und die Uhrenläden geschlossen sind, macht sich in den Gassen Ratlosigkeit breit. Und nicht nur das: Ohne Touristen ist meine Stadt eine biedere, in sich gekehrte Kleinstadt. Die Gäste aus Indien, aus China, aus Amerika bringen wenigstens ein bisschen internationale Betriebsamkeit hierher. Im besten Fall bestaunen wir sie, und sie bestaunen uns. Für mehr reicht es meistens nicht. Aber schon das erweitert den Horizont.

Und selbst gar nicht mehr reisen? Das kann ich mir nicht vorstellen. Pessoa hat zwar recht: Es gibt Dinge, die wir beim Reisen selbst mitbringen müssen. Zum Beispiel die Bereitschaft, die Welt um uns herum wahrzunehmen. Dann verändert uns das Reisen – und das Gefühl der Befreiung bekommen wir dann eben doch von aussen geschenkt. Ich bin nie in China gewesen. Aber zum Beispiel in Russland, und deshalb weiss ich: In den Städten dort haben die Menschen andere Probleme als wir. Und ähnliche wie wir noch dazu. Das zu verstehen, hat mich weniger empfindlich für gewisse Launen meiner Schweizer Mitmenschen gemacht. Und in der Nähe von New Orleans habe ich gelernt wie mies und verkommen Rassismus eine Gesellschaft macht – auf eine Art, wie ich es in der Schweiz nicht hätte lernen können. Natürlich, auch ich bin aus Narzissmus gereist. Auch ich erzähle gern von meinen Abenteuern. Aber die Welt ist gross, und wir verstehen sie nicht, wenn wir nur nach innen schauen. Und, wie sagt es Bernardo Soares: „Wir werden aller Dinge müde, nur des Verstehens nicht.“**

* Fernando Pessoa: „Das Buch der Unruhe“, Fischer Taschenbuch, 2006, Seite 142
** daselbst, S. 238

Frühling in Terrassien


Das Café in unserem Erdgeschoss heute Vormittag. Gegen Abend wird hier Hochbetrieb herrschen.

Zu den Glückseligkeiten unserer relativ neuen Wohnlage gehört das Café im Erdgeschoss. Als ich am Freitagabend von der Arbeit kam, fand ich dort an einem Tischchen auf dem Vorplatz schon den Buddha und den Doppelbuddha beim Bier. Ich nenne die beiden so, weil das Freitagabendbier mit den beiden, wenn es denn stattfindet, stets ein erheiterndes Ritual ist. Der Buddha hat ein pfiffiges Lächeln und viele Geheimnisse, von denen er selten eines preisgibt. Der Doppelbuddha hat ein warmes Grinsen, eine kräftige Stimme und treibt die Konversation voran, die nirgends hinführen muss, aber immer wieder von Gelächter unterbrochen wird.

Ja, ihr habt das richtig mitbekommen: Bei uns in der Schweiz sind die Gaststätten offen. Oder jedenfalls die Gaststätten-Terrassen, die Gartenrestaurants, die Tischchen auf den Vorplätzen. Ich fühle mich sonst nicht wohl in Restaurants, meistens kann ich den Gesprächen an einem Vierertisch nicht so recht folgen, und das verunsichert mich. Aber im Moment geht von diesen geöffneten Terrassen eine ungeheure Anziehungskraft aus. Ich würde mich bei diesem frühlingshaften Wetter wie der einsamste Mensch auf der Welt fühlen, wenn ich nicht irgendwann alle warnenden Stimmen in den lauen Frühlingswind schlagen und mich wenigstens für ein Stündchen auch in dieses Gartenbeizengetümmel stürzen könnte.

Ich habe die beiden Buddhas seit längerer Zeit nicht gesehen, und mich dünkt, der Doppelbuddha habe heute eine ungesund ins Bläuliche spielende Gesichtsfarbe. Seine kleine Firma hat in der Krise des letzten Jahres gelitten. Seine Partnerin arbeitet im Tourismus, und der Tourismus liegt bei uns seit bald 14 Monaten im Koma. Normalität wird hier – noch – mit Bundesgeldern aufrechterhalten. Wir sind ernster als sonst, trinken, diskutieren.

Und doch. Dieses eine Stündchen fühlt sich an wie richtiger Frühling.

In der Warteschlange

Eins hat die Pandemie in der Schweiz verändert: Wir stehen sicht- und fühlbar Schlange. Zum Beispiel an Ostern vor der Confiserie, wie hier beschrieben. Aber auch anderswo.

Die ärgerlichste aller Warteschlangen ist unsichtbar. Es ist die Impf-Schlange. Am 15. April habe ich die dritte SMS mit exakt demselben Text vom Absender ImpfCovid bekommen: „Impf-News: Sie haben sich erfolgreich fürs Impfen angemeldet und sind in der Warteschlange. Sobald Impftermine frei sind, kontaktieren wir sie.“ Ich weiss nicht, wer auf die Idee kommt, eine solche Message als „News“ zu bezeichnen. Angemeldet habe ich mich am 14. Januar, ich bekam die Nummer 563990. Ich bin nicht die einzige, die allmählich ungeduldig wird. Neulich stand meine Freundin Beate unter der Tür, Tränen flossen ihr in die FFP2-Maske. Erst nach mehreren Versuchen verstand ich, was sie, Mutter dreier Schulkinder und Pendlerin, herausschluchzte: „Ich halte es einfach nicht mehr aus! Jetzt macht der Bundesrat wieder alles auf*, und ich habe immer noch keinen Imfptermin! Meine Freundinnen in Deutschland sind inzwischen alle geimpft!“ Ich konnte sie nicht mal umarmen.

Und die fröhlichste Warteschlange: An meinen Bürotagen stehe ich vor einer Bäckerei für mein Mittagessen an. In den Laden dürfen drei Personen, draussen steht manchmal fast ein Dutzend Wartende, die meisten aus den umliegenden Büros. Drinnen gibt es aufgewärmte Pasta, manchmal Hackbraten oder Riz Casimir, freitags Käsewähen und immer Salate. Ich würde lieber in unserer hauseigenen Cafeteria essen, aber die ist wegen Pandemie geschlossen. Manchmal stehen vier oder fünf Leute aus demselben Büro vor der Bäckerei und sind zum Scherzen aufgelegt. Das erheitert dann die ganze Schlange, auch mich. Obwohl ich nie verstehe, was sie sagen. Und nur dann, wenn ich vor Hunger nicht schon leicht gereizt bin.


Das Freigleis – zu normalen Zeiten tummeln sich hier Velofahrer*innen und Spaziergänger*innen aus dem urbanen Mittelstand. Zurzeit stehen hier ganz in der Nähe montags hungrige Migrantinnen und Migranten für Lebensmittel Schlange (Quelle: outdooractive.com).

Die traurigste ist die Warteschlange mit Essen für arme Leute: Ich bin ja auch gerade in Kurzarbeit und ging neulich an einem freien Montag mit einer Kollegin auf dem Freigleis spazieren. Nach wenigen hundert Metern passierten wir eine Warteschlange auf der Velospur. Da standen vielleicht sieben oder acht Menschen vor einem leeren Häuschen, mehrere Frauen mit Kopftüchern, eine mit Babywagen, ein junger Mann mit brauner Hautfarbe und Velo. Die Kollegin sagte laut: „Was ist das denn?!“ Da drehte ein vorbeieilender Jogger sich um und sagte: „Das ist eine Essensausgabe für arme Leute, stellen Sie sich das vor, mitten in der Schweiz!“ Eine kurze Recherche im Internet ergab: Die Gruppe Resolut verteilt dort immer montags gratis Lebensmittel an Bedürftige.

* Unsere Bundesregierung hat in ihrer unergründlichen Weisheit (*Sarkasmus off*) trotz steigender Fallzahlen beschlossen, die Fitnesszentren, Restaurant-Terrassen, die Theater und Kinos ab morgen wieder zu öffnen, Hier erklärt sich Gesundheitsminister Alain Berset.

Blog-Archäologie

Ich hatte ja geglaubt, die Ära der Blog-Stöckchen und Blog-Challenges sei vorbei. Aber Herr van der Ley vom Teppichhaus Trithemius hat einen Challenge lanciert, der mich just zu einem Zeitpunkt erwischt, da mein Interesse am Bloggen wieder stark zugenommen hat. Hier der Link.

Die Affiche ist, ein Faksimile seines ersten Blogbeitrags zu erstellen, seinen Namen zu erklären und seine Bloggergeschichte zu erzählen. Hier das Faksimile meines ersten Blogbeitrags auf twoday.net.

Beim Lesen dieser Zeilen spüre ich wieder, wie mir beim Schreiben leicht der Atem stockte. Als stünde ich auf einem Sprungbrett und blicke in die Tiefe. Was würde mich da draussen in der Bloggosphäre erwarten? Würde mich überhaupt jemand lesen?

Doch Halt! Das ist gar nicht mein erster Blogbeitrag. Meine Geschichte als Bloggerin begann auf MyTagebuch, im Februar 2002, glaube ich. Dort entdeckte ich das Online-Schreiben, es war als könnte ich plötzlich irgendwelchen Fremden im Zug mein Leben erzählen, wann immer ich wollte. Grossartig. Ich fand auf myTagebuch auch Freundinnen und Freunde, die ich sehr mochte: Ich erinnere mich an Pöt, noch online sind die Kätzerin, Hopkins, die Rote Zora. Sie wurden wie eine liebenswürdige Familie, irgendwo da draussen verstreut. Meine Beiträge aus jener Zeit sind verschwunden. Ein paar ausgedruckte Texte modern im Keller. Sie zu suchen – eine Aufgabe für lange Winterabende.

Warum ich auf twody.net wechselte? Ich weiss nicht mehr. Möglich ist, dass ich mich mit dem Gedanken des Bloggens als Erwerbsquelle liebäugelte und dachte, ich müsse auch noch andere Plattformen ausprobieren. Aber der Blog blieb für mich eine Spielwiese. Ein Reisetagebuch, nicht aus fernen Ländern, sondern die Berichte einer Flaneurin im Alltag, auch von meinen immer längeren Ausflügen ins Menière-Land, der Heimat meines Ohrenleidens. Auch auf twoday fand ich Freunde – mit Katiza, Barbara und la-mamma bin ich heute verbunden. Twoday.net aber geriet um 2016 in die Krise. Bloggen wurde unhip. Anfang 2018 sah es bei twoday.net nach Ende Gelände aus und ich stieg um auf WordPress. Ich muss gestehen, es war richtig traurig. Der ganze twoday-Zirkel fiel auseinander. Zum Glück nahmen mich die alten Freundinnen und Freunde von myTagebuch – auch sie gerade heimatlos geworden – mit offenen Armen wieder auf: Nell, die Kätzerin, Phoebeweather, Milou, Erinnye und all die anderen.

Facebook? Damit konnte ich mich nie richtig anfreunden. Twitter? Dort konsumiere ich News, sonst uninteressant. Instagram? Da habe ich etwa 600 Follower, aber die Fotografie interessiert mich nur zeitweise. Schreiben ist mein wahres Medium. Um es etwas hochtrabend zu sagen: Wenn ich schreibe, existiere ich.