Wir Schweizerinnen und Schweizer – ein Wutausbruch

Wir Schweizerinnen und Schweizer sind ein wählerisches Volk. Wir wollen von allem das Beste, und zwar jederzeit. Wir dürfen das auch wollen. Denn wir haben Geld und wir wissen: Wer Geld hat, hat es sich hart erarbeitet, sprich, verdient.

Klar, die Drecksarbeit muss gemacht sein. Wir wollen, dass jemand sich für uns bückt, unsere Erdbeeren pflückt, unsere Schokolade fabriziert und unsere WCs putzt. Es darf auch gerne jemand mit einem ausländischen Pass sein, denn das ist Arbeit, die nicht zu uns passt, nicht wahr? Aber dieser jemand soll bitte keinen Wohnraum und möglichst keinen Platz im Tram beanspruchen, nicht zu gut verdienen und vor allem: nach erledigter Arbeit mäuschenstill ausreisen.

Klar, wir wollen eine boomende Wirtschaft, aber wir wollen auch Platz im Zug, Platz für unsere SUVs auf den Strassen, wir wollen Häuschen und Wohnungen à discrétion und zu günstigen Preisen und dazu viel, viel grüne Landschaft. Wenn wir etwas davon nicht haben, dann sind die Ausländer schuld.

Und, klar, weil wir auch das Beste für die Welt wollen, bekennen wir uns zur Nachhaltigkeit. Aber das heisst natürlich nicht, dass wir aufhören sollten, Gift in unsere Flüsse und Seen zu schütten! Das wäre ganz verkehrt! «Nachhaltig» heisst: Wir erkennen, dass wir einfach zu viele sind auf diesem Planeten! Und da wir nicht woanders hingehen und dort den Planeten leeren können, fangen wir doch einfach hier bei uns an. Da müssen wir vorerst mal gar nicht lange überlegen, wer weg muss. Es ist klar: Ausländer wollen wir sowieso nur noch wenige und bitte die richtigen.

Und, ja, das ist bitterer Sarkasmus und natürlich sind wir nicht alle so, aber ganz aus der Luft gegriffen ist es auch nicht. Denn, Freund*innen, ich bin beim Kirschenpflücken gerade gezwungen, mich den ganzen Tag von Volkes Stimme zur Initiative Keine 10-Millionen-Schweiz der SVP beschallen zu lassen. Abgestimmt wird am 14. Juni. Bis dann (und wahrscheinlich darüber hinaus), gestatte ich mir das Gefühl, in einem schönen Land zwischen muffig riechenden Mauern der Verblendung zu hocken. Und selbstverständlich werde ich Nein stimmen.

Und, ja, ich bin nicht die einzige, die sich aufregt. Auch der Kulturflaneur hat heute zum Thema geschrieben, sachlich, erhellend, hier.

Vorlesen im Talgrund: Das letzte Kapitel

Blick in die Berge: Die viereckige Firnfläche oben auf dem Berg in der Bildmitte heisst Vrenelisgärtli. (Quelle: Wikipedia).

Als ich meinen Vater (86) vor drei Wochen im Talgrund besuchte, merkte ich, dass er eine belegte Stimme hatte. Ich war alarmiert, wenn auch nicht übermässig. Ich meine: Er hatte seit 2023 mehrere Lungenentzündungen durchgemacht und sich immer wieder erholt. «Ich will neunzig werden», sagte er, als er sich im Talgrund eingelebt hatte.

Es ging ihm schnell schlechter. Als ich ihn Montag besuchte, lag er schwer atmend im Bett und sprach undeutlich. Ich fragte, ob ich ihm überhaupt noch vorlesen solle wie üblich. Er nickte: «Ja, machen wir das Buch fertig», sagte er.

Ich las aus «Quatemberkinder» von Tim Krohn. Der Roman erzählt, wie der Melk und das Vreneli tief im Glarnerland einander lieben und doch nicht zusammenkommen können. Ich war auf Seite 154. Unwahrscheinlich, dass ich es diesmal bis zum Schluss schaffen würde. Der Roman hat 210 Seiten. Ich muss erwähnen, dass die Geschichte beim Vorlesen Längen hat. Doch die zahlreichen Schweizerdeutschen Einsprengsel hatten meinen Vater und mich immer wieder zum Lächeln gebracht.

Auch auf Seite 154 hat Melk mal wieder vergessen, dass er eigentlich zum Vreneli gehört. Als er endlich ins Tal zu ihr zurückkehren will, sind drei Jahre verflossen wie eine einzige Nacht. Das Vreneli ist verschwunden.

Mein Vater lag da und horchte mit geschlossenen Augen.

Auf Seite 165 erfährt der Melk, was mit dem Vreneli passiert ist: Sie hat während seiner Abwesenheit ein Kind geboren, Melks Kind. Aber das kleine Geschöpf schläft eines Tages einfach ein «und vertwachte nicht mehr». An dieser Stelle musste ich mich zusammennehmen, damit mein Vater nicht merkte, wie brüchig meine Stimme war.

Das Vreneli beginnt nun wie von Sinnen, hoch am Glärnisch im Schneefeld ein Gärtli anzulegen, das Vrenelisgärtli eben, und verschwindet eines Tages in einem Sturm. Wie ich nun vorlas, dass der Melk das Vreneli zunächst verzweifelt sucht und immer wieder von ihm träumt, kämpfte ich heftig mit meiner ungehorsamen Stimme. Ich kam noch bis Seite 168, ans Ende des Kapitels, dann schloss ich das Buch und verabschiedete mich. Draussen kamen mir die Tränen.

Am Donnerstag ist mein Vater gestorben.

 

Magischer Neujahrsmorgen

Wasserspeiender Wolf und seltsame Vögel: Der Tinguely-Brunnen in Basel heute Morgen.

Es hat auch Vorteile, dass man ab einem gewissen Alter mit wenig Schlaf auskommt. Heute stellte ich trotz gestriger Silvesterfeier schon früh fest, dass nach mehreren vernebelten Wochen endlich wieder die Sonne scheint. Ich weckte Herrn T. und wir fuhren im fast leeren 9.54-Uhr-Zug nach Basel, links und rechts zogen von Frost bedeckte Felder vorbei. Im Zentrum von Basel fanden wir überraschend den Brunnen des Künstlers Jean Tinguely in vollem Eiszauber. Ein magischer Moment. Gefroren hatte ich ihn noch nie gesehen (auf YouTube lässt sich anschauen, wie er im Sommer spritzt und rattert und rotiert).

Und viele magische Momente, Glück und gutes Gelingen eurer Projekte wünsche ich hiermit euch allen im Neuen Jahr 2026

Mit Herrn T. verreisen

Herr T. in Hérémance, im Wallis, im Vordergrund links ein traditionelles Haus, im Hintergrund die berühmte Betonkirche (über die er hoffentlich noch schreiben wird).

Mein Mann, den ich hier Herrn T. nenne (er sich selbst: der Kulturflaneur) hat sich zu unserer Tour de Romandie verlauten lassen. Hier der Link. Sein Beitrag ist eine sorgfältig gestaltete, übersichtliche Präsentation unserer Route und unserer wichtigsten Erlebnisse – reich bebildert. Wo ich mich von den einen Dingen mitreissen lasse, dafür andere (auch aus Zeitgründen) einfach weglasse, ist bei ihm Ordnung und Überblick.

Wenn ich so darüber nachdenke, muss ich an meinen Monsieur dans les pommes de terre denken: Ich nehme wieder mal zuerst die grossen Kartoffeln und lasse auch mal ein paar (für mich) kleine liegen. Das ist nicht nur schlecht – es kann im Büroalltag durchaus sinnvoll sein. Herr T. aber macht das Erlebnis vollständig: Er zeigt mir, wie man alle Kartoffeln aufsammelt, und mit Methode. So, wie wir schreiben, reisen wir auch. Oft habe ich Ziel oder wenigstens eine Obsession, er hat einen Plan und stets die Orientierung. Und wenn es mal umgekehrt ist, lassen wir uns auf das ein, was der andere will. Klar, manchmal streiten wir auch. Aber bis jetzt haben wir uns immer wieder eingekriegt. Es ist wunderbar, mit Herrn T. zu reisen.

Warum ich Reiseberichte schreibe

Eigentlich habe ich ein schlechtes Gewissen, wenn ich hier erzähle, wie ich es mir im Lavaux gutgehen liess. Andere schwimmen gegen die Widrigkeiten des Alltags an, während ich bis zum Kinn in die erfrischende Bläue des Genfersees eintauche! Ich sollte schweigen und geniessen. Doch ich habe das dringende Bedürfnis, über das Lavaux und das Unterwallis zu schreiben. Warum nur?

Klar, zuerst kommt die Frage, warum ich überhaupt reise. Auf sie habe ich während der Pandemie glücklicherweise eine befriedigende Antwort gefunden, bei Fernando Pessoa (hier der Link). Es geht mir beim Reisen ums Verstehenwollen. Bei der Reise in die Westschweiz konkret: Wer sind unsere compatriot·e·s dort? Wie leben wir mit ihnen? Oder wenigstens: Was haben sie für eine Geschichte?

Aber warum schreibe ich das alles auch noch wie eine Verrückte auf? Ich ging gestern so durch unser Grossraumbüro, während ich über diese Frage sinnierte, unter meinen Füssen der anthrazitgraue Teppich, der die ganze Fläche bedeckt. Ich könnte ebensogut die Geschichte dieser seltsam borstigen Kunststoffasern erforschen und teilen, denke ich. Pessoa würde das gut finden, „denn ist die Befreiung nicht in mir, erlange ich sie nirgendwo“. Bestimmt würde das Wissen über die Herkunft, die Hersteller*innen dieses Teppichs meinen Horizont unendlich erweitern, und – sorgfältig aufbereitet – vielleicht auch den meiner Leserschaft. Und doch finde ich im Moment das Lavaux und das Unterwallis so viel beschreibenswerter.

Am Abend sah ich den Anfang einer Sommerserie am Schweizer Fernsehen: Die Italien-Korrespondentin Simona Caminada erkundet mit zwei Fernwanderprofis den Sentiero Italia. Die Reise beginnt im italienischen Teil von Savoyen, deshalb musste ich das sehen. Aber Caminada fragt ihre zwei Mitwanderer auch, warum sie das Unterwegssein zu Fuss zu ihrer Berufung gemacht haben. Und einer sagt: „Ich wandere, weil ich damit der Erde Respekt bezeuge. Aus der Erde kommt alles, was wir sind.“ Herr T. fand diese Antwort „zu esoterisch“. Aber für mich ist es eine stilvolle Art, das zu sagen, was ich weiss, wenn ich mich da draussen zu Fuss vorwärtsbewege: dass das Unterwegssein meine Seele in einen Gleichklang mit meinen Füssen und der Welt bringt – und dass mir das mehr gibt als nur die Kraft, drei Wochen später wieder über den Büroteppich zu schreiten. Dass es  über mich selbst hinausgeht. Und was für das Wandern gilt, gilt in einem gewissen Sinne auch für Reisen im Zug und für das Erforschen von Städten und alten Burgen.

Wenn ich das Glück über diese Verbundenheit von einem Hügel herunter wortlos in alle vier Winde werfen könnte, würde ich es tun. Aber das geht ja nicht. Das Internet scheint mir daher der zweitbeste Ort, es auszustreuen. Wenn diese Berichte zu oft klingen wie PR-Artikel oder trockene Faktensammlungen, dann liegt es einfach nur daran, dass es Dinge gibt, die ich nicht vermitteln oder nicht artikulieren kann.

Schweizerdeutsch 23: Auf dem Bauernhof

Zobig (N, m oder n)

Standarddeutsch wörtlich: „Zu Abend“, eine Zwischenmahlzeit.

Erläuterung: Wir Städter essen kaum noch Zobig, die Leute auf dem Land schon, meist so um 16 oder 17 Uhr. Auf dem Bauernhof wird nach dem Zobig noch gemolken, erst dann gibt es Znacht. Als ich ein Kind war, waren wir manchmal bei meinem Onkel auf der Winterweid zum Zobig. Dort war mein Vater aufgewachsen.

Es kamen alle, die dort wohnten, bei der Ernte geholfen hatten oder sonst gerade in der Gegend waren : „de Vatter“ (Grossvater), „de Onku Wiisu“ (Grossonkel Alois, der Knecht), Onkel Jakob, Tante Lisebeth oder Tante Theres, in den siebziger Jahren nach und nach drei kleine Cousinen und ein kleiner Cousin und wir vier aus der Stadt. Oft rumpelte auch noch Onkel Kari mit seinem alten Chlapf durch die Einfahrt, manchmal waren Handwerker da oder weitere Verwandte. Es konnte laut und fröhlich werden.

Die Leute kamen vom Heuen oder aus dem Stall, durch die Haustür direkt in die grosse Küche. Ein langer Tisch füllte den Raum, hinten links war „de Füürhärd“, die eiserne Feuerstelle, die zugleich Kochherd und Heizung war. Es gab Most, Brot und Käse aus der nahen „Chääsi“, „und weissen Kaffee“, erinnert sich mein Vater, also Kaffee mit Rahm von der eigenen Milch. „Anke“, also Butter, gab’s auch. „Aber damit waren sie sparsam“, sagt mein Vater heute. Und: „Überhaupt: Alles andere wäre Luxus gewesen.“

An der Decke hingen klebrige Fliegenfänger wie Zapfenlocken, Fliegen hatte es trotzdem, und unter dem Tisch tummelten sich Katzen jeden Alters, mehr oder weniger gesund. Ich liebte die Katzen.

Danke Edith, Du hast mit Deiner Frage nach dem Zobig eine Flut von Erinnerungen ausgelöst! Falls jemand Fragen hat: gerne!

Über Schwerhörigkeit bloggen

Eine Bekannte von mir hat als @ohrkaputt auf Instagram einen höchst sehenswerten Feed. Die Protagonistin saust dort mit Mann, Kind und Schwerhörigkeit auf fröhlichen Cartoons durch ihren Alltag. Neulich thematisierte @ohrkaputt etwa das Paradox, dass Schwerhörige oft sehr lärmempfindlich sind. Das Material ist ansprechend verknappt – da ist ein Profi am Werk. Dringend nötige und wirksame Aufklärung, auch für Hörende.

Dann blicke ich jeweils stirnrunzelnd auf meinen eigenen Blog. Vielleicht sollte ich mehr über Schwerhörigkeit schreiben, denke ich. Ich meine: Meine Posts zu diesem Thema gehören zu den meistgelesenen. Freud’scher Verhörer etwa kommt auf sagenhafte 397 Klicks. Und doch sträube ich mich, aus zwei Gründen. Erstens will ich hier gar nichts Professionelles tun. Ich will hier kussbereit bleiben. Ich will wie die vom Liebeszauber berauschte Feenkönigin Titania dem erstbesten Thema verfallen, das mir an einem Morgen so begegnet. Und dann will ich, Königin und gewissenlose Womansplainerin, unverkürzt darüber schwadronieren.

Zweitens, und wichtiger: Ich habe irgendwann festgestellt, dass so eine Menière-Erkrankung zwar beengend ist. Dass es aber hilft, wenn man nicht die ganze Zeit um sie kreist. Ich habe beschlossen: Ich will zeigen, dass ich einen Horizont habe, der über meine Behinderung hinausgeht. Dass es möglich ist, schwerhörig zu sein und zum Beispiel über Politik nachzudenken. Oder über Bücher.

Das ist nicht so wirksam. Aber wichtig ist es eben auch. @ohrkaputt solltet Ihr Euch trotzdem anschauen.

 

Wie ich eine Frau wurde

Als ich „Das Unbehagen der Geschlechter“ von Judith Butler zum ersten Mal las, durchquerte ich das Buch so eilig wie man einen Bahnhof im Umbau durchquert, Wände voller Gerüste, Räume voller Lärm. „Das feministische ‚Wir‘ ist stets nur eine phantasmatische Konstruktion“, schreibt Butler (S. 209). Aha. Mir hatte der Feminismus nicht nur ein „Wir“, sondern sogar ein Ich geschenkt. Ich erklärte Butler zum Nicht-Ort der feministischen Auseinandersetzung, eilte zum nächsten Zug und fuhr woanders hin. Aber seit ein paar Jahren ist dieser Bahnhof ein fertig ausgebauter Verkehrsknotenpunkt der Gender-Debatte. Daher hielt ich diesmal inne und betrachtete Fassaden, Stützpfeiler und Fahrpläne genau.

Ich sah mir Butler’s These an, dass der herrschende Diskurs das Körper zu Männern und Frauen formt, und dass es mehr als zwei Geschlechter und ein frei schwebendes Begehren geben könnte. Ob es das biologische Geschlecht in Wirklichkeit gibt oder nicht – Butler schreibt sich um diese Frage herum, egal, was sie später behauptete (siehe zum Beispiel hier). Sie interessierte sich für den „herrschenden Diskurs“ und jene, die in irgendeiner Form von der Binarität abwichen. Das hatte und hat seine Berechtigung. Aber ist das ein feministischer Ort? Nicht unbedingt.

Dennoch liess ich im Namen der Gender-Debatte die Szenen meiner eigenen Frauwerdung Revue passieren, die himmlischen und die hässlichen. Ja, es gab hässliche Szenen. Ich muss es deutlich sagen: Teenager Frogg hatte eine Phase der Genderdysphorie. Als ich zwölf war, schleppten meine Mutter und meine Grossmutter mich und meine schmerzenden Brüste in den Lingerie-Laden und zwangen mir den ersten Büstenhalter auf den Leib. „Hör auf zu jammern, Du hast ja einen Busen wie einen überhängenden Balkon! Glaub mir, Du wirst Dich so an  den BH gewöhnen, dass Du bald nicht mehr ohne kannst“, sagte meine Mutter. Als ob mich das davon hätte überzeugen können, dass ich so ein Gstältli* brauchte. Und das war nur das, was sich an der Oberfläche abspielte.

Aber damals sagte man nicht: „Genug! Ich bin ab jetzt ein Junge und kein Mädchen. Die Brüste müssen weg!“ Ich gewöhnte mich an den Büstenhalter und basta. Damit will ich mich nicht zum Opfer stilisieren. Auch die Mannwerdung war vor 40 Jahren Jahren kein Zuckerschlecken, mit 20 mussten sie alle ins Militär. Und was Lesben und Schwule damals durchmachten, war mitunter schwierig, das habe ich in meinem Bekanntenkreis mitbekommen. Auch wenn es allmählich leichter wurde, offen homosexuell zu leben. Ungefähr 2002 begegnete ich erstmals einer Trans-Frau. Trans-Männer kenne ich noch heute nur vom Hörensagen.

Heute bin ich froh, dass meine Mutter und meine Grossmutter mich damals in den Lingerie-Laden und nicht zum Arzt schleppten. Ich bin froh, dass ich keine Pubertätsblocker nahm und dass ich meine Brüste noch habe (und weiss spätestens seit 2022, dass ich mich nie freiwillig einer Brustoperation unterziehen werde). Ich bin froh, dass ich kein Coming-out als Trans-Mann durchmachen musste. Ich habe grossen Respekt vor Trans-Menschen, die das alles gemacht haben und dabei stärker geworden sind. Aber ich bin eine Frau, und in meinem Leben gab es auch viele himmlische Momente. Und deshalb wünsche ich allen Teenager-Mädchen mit BH-Aversion jemanden, der zuerst einmal zuhört und nachfragt, was unter der Oberfläche wirklich los ist.

*Ein Gerüst, das den Körper stützt oder einengt, etwa ein Klettergurt oder ein Hundegeschirr.

Judith Butler: „Das Unbehagen der Geschlechter“; Frankfurt am Main: edition suhrkamp 1722, 1991

 

 

 

 

Judith Butler und der begehrliche Blick des Mannes

Judith Butler 2012 (Quelle: Wikipedia).

In vier Tagen habe ich das Vorwort zu Judith Butler’s Buch „Das Unbehagen der Geschlechter“ zweieinhalbmal gelesen. Schon diese acht Seiten haben meine Hirnsynapsen zum Glühen gebracht, und das ist ein Kompliment. Nichts liebe ich mehr, als wenn meine Hirnsynapsen glühen. Antworten auf meine Frage vom letzten Beitrag habe ich indes noch keine gefunden. „Ja oder Nein“, „Frau oder Mann“, „ist oder ist nicht“ – solche Gegensätze klar zu benennen, ist nicht die Absicht von Judith Butler. Wir kennen sie ja angeblich alle. Butler will solche Gegensätze untersuchen, unterwandern, zum Einsturz bringen, kurz, dekonstruieren. Das ist ihr Job, und sie will damit nicht weniger als „das herrschende Gesetz“ ins Wanken bringen. Schon auf der ersten Seite studiert Butler den begehrlichen Blick des Mannes auf die Frau: Wie der Mann Unbehagen empfindet, wenn die Frau plötzlich zurückblickt. Weil die Frau ja Objekt dieses Begehrens ist. Wie erschrickt er da, wenn sie plötzlich zu erkennen gibt, dass sie selbst Subjekt sein könnte! Butler hat das bei Jean-Paul Sartre so gelesen. Sie selbst ist ja lesbisch.

Ich stelle mir beim Lesen vor, wie Butler das sich ständig wiederholende, heterosexuelle Liebesritual des 20. Jahrhunderts befremdet und amüsiert aus der Distanz beobachtet. Ich erinnere mich gut an dieses Ritual: Meine Mutter hatte mir beigebracht, mein eigenes Begehren für einen Mann erst dann zu erkennen zu geben, wenn sicher ist, dass er keinen Rückzieher machen wird. Mit 14 fand ich das unmenschlich. Ich musste aber lernen, damit zurechtzukommen. Alles andere wäre ein schwerer Verstoss gegen die Gesetze der Weiblichkeit gewesen. Begehrliche Blicke meinerseits hatten verstohlen zu bleiben; und niemals, wirklich niemals spricht eine Frau gegenüber einem Mann zuerst ihr Begehren aus. Ich zucke heute noch zusammen, wenn junge Frauen im Film einem Mann ganz frank und frei ihre Liebe gestehen. Geht das heute?! Und sucht der Mann dann nicht schnellstens das Weite?! Und wenn frau das heute ungestraft macht: Ist es auch ein Verdienst von Judith Butler?

 

 

 

Lebenszeichen

Etwas verspätet wünsche ich allen meinen Leserinnen und Lesern ein glückliches 2024.

Einige von Euch werden hier die Fortsetzung meines Luzerner Stadtrundganges erwarten oder wenigstens einen Rapport über die mit unseren englischen Freunden verbrachten Feiertage. Aber dafür fehlt mir im Moment die Musse. Mein Vater braucht mich mehr denn je, seit er Anfang Dezember an Covid-19 erkrankte. Durch eine Krebserkrankung bereits geschwächt, erlitt er während der Konvaleszenz einen schweren Sturz. Seither machen wir Bekanntschaft mit den Stärken und Schwächen des schweizerischen Gesundheitswesens. Und mit den Stärken und Schwächen unserer Planung für seinen letzten Lebensabschnitt. Ich besuche meinen Pa, so oft ich kann, wo immer er gerade ist. Er hat bereits drei Ortswechsel hinter sich, ein vierter liess sich gerade noch verhindern. Jeder riss ihn von Neuem in einen Strudel der Verwirrung und Unruhe, aus dem er jeweils nur sehr langsam wieder aufsteigt.

Die Hooligans waren hier, und wir hatten grossartige, auch sehr verbindende Momente. Aber Frau Frogg glänzte öfter mit Abwesenheit. „Never a dull moment“, schrieb Herr Hooligan in seiner Dankesmail – uns wurde nie langweilig. Eine Redensart, die auch ironische Untertöne hat, im Sinne von: „Was für ein Drama die ganze Zeit!“