voruse (Adv)
Standarddeutsch: nach draussen.
Sobald es zu regnen aufhörte und die Sonne auch nur einen einzigen Strahl aus dem Himmel schickte, sagte unsere Mama: «Gönd voruse!» Geht nach draussen. Es gab kein Wenn und Aber. Vielleicht war sie auch deshalb so konsequent, weil sie ohne uns ungestört putzen, kochen, Haushaltsgeld abrechnen oder Kreuzworträtsel lösen konnte. Es ist ihr nicht zu verdenken, wir lebten zu viert in einer kleinen Dreizimmerwohnung. Sie gab uns aber stets zu verstehen, dass dieses «Vorusegoh» vor allem einen erzieherischen und gesundheitsförderlichen Zweck hatte: Wir sollten frische Luft bekommen, Gspänli* finden, spielen, Teil der Gemeinschaft werden, unsere kleinen Muskeln trainieren und die Welt entdecken. Es hat uns nicht geschadet. Und doch habe ich manchmal gemurrt: Wenn die Sonne schien, durfte ich nicht lesen, zeichnen oder schreiben.
Mit 61 darf ich schreiben und lesen, wann immer mir der Sinn danach steht. Und doch ist dieser innere Befehl geblieben. Wenn ich Zeit habe und die Sonne scheint, will etwas in mir «voruse». Ich gehe dann spazieren. Auch, wenn kein Gspänli mitkommt. Es ist für mich eine Art, Teil der Welt zu bleiben. Sechs Lebensjahrzehnte haben mich zu einer belesenen Beobachterin der Vorgänge da draussen gemacht. Und jetzt will ich auch wieder mehr über das Spazieren schreiben, eben, weil es die Welt enthält.
- Spielkameraden






