Schweizerdeutsch 73: Nach draussen

voruse (Adv)

Standarddeutsch: nach draussen.

Sobald es zu regnen aufhörte und die Sonne auch nur einen einzigen Strahl aus dem Himmel schickte, sagte unsere Mama: «Gönd voruse!» Geht nach draussen. Es gab kein Wenn und Aber. Vielleicht war sie auch deshalb so konsequent, weil sie ohne uns ungestört putzen, kochen, Haushaltsgeld abrechnen oder Kreuzworträtsel lösen konnte. Es ist ihr nicht zu verdenken, wir lebten zu viert in einer kleinen Dreizimmerwohnung. Sie gab uns aber stets zu verstehen, dass dieses «Vorusegoh» vor allem einen erzieherischen und gesundheitsförderlichen Zweck hatte: Wir sollten frische Luft bekommen, Gspänli* finden, spielen, Teil der Gemeinschaft werden, unsere kleinen Muskeln trainieren und die Welt entdecken. Es hat uns nicht geschadet. Und doch habe ich manchmal gemurrt: Wenn die Sonne schien, durfte ich nicht lesen, zeichnen oder schreiben.

Mit 61 darf ich schreiben und lesen, wann immer mir der Sinn danach steht. Und doch ist dieser innere Befehl geblieben. Wenn ich Zeit habe und die Sonne scheint, will etwas in mir «voruse». Ich gehe dann spazieren. Auch, wenn kein Gspänli mitkommt. Es ist für mich eine Art, Teil der Welt zu bleiben. Sechs Lebensjahrzehnte haben mich zu einer belesenen Beobachterin der Vorgänge da draussen gemacht. Und jetzt will ich auch wieder mehr über das Spazieren schreiben, eben, weil es die Welt enthält.

  • Spielkameraden

Etwas Alpenherrlichkeit und ein paar Worte an meine Leserschaft

Weil viele von euch lieber Berge als Industrie haben, hier der Pilatus, von Westen her her gesehen am 21. Juli 2026. (Bild: Frau Frogg)

Meine Baselbieter Trilogie der letzten Woche wurde erstaunlich viel kommentiert. Richtig amüsant fand ich die Zuschriften einiger deutscher Leserinnen und Leser. Der Tenor: Warum um alles in der Welt geht man in einem Industriegebiet spazieren, wenn man in der Schweiz doch herrliche Alpenlandschaften haben könnte? Ich kann darauf nur antworten: Immer nur Berge, das kann auch einengen.

Eine Leserin aus der Pfalz schickte mir ein Bild des BASF-Geländes in Ludwigshafen im Abendrot. Es sieht grandios aus. Sie schrieb sarkastisch (ich spitze zu), dagegen sei so ein Industrieareälchen wie Schweizerhalle so viel Aufmerksamkeit doch gar nicht wert. Klar, das BASF-Areal in Ludwigshafen bedeckt eine Fläche von 10 km² (Quelle: basf.com). In der Schweiz posaunen wir potenziell beunruhigende Tatsachen nicht so laut heraus, daher ist für Schweizerhalle eine Grössenangabe schwer zu finden. Hier die Rede von 0,51 km², also ein Zwanzigstel von Ludwigshafen, aber die Zahl ist schwierig einzuordnen. Ich kann der Leserin daher nur entgegnen, was frau ja auch gerne zu gewissen Männern sagt: Grösse ist meist kein ausschlaggebendes Kriterium.

Potenziell beunruhigend ist an Schweizerhalle, dass wir es hier mit Chemie zu tun haben, also auch mit Gift. Aber wenn du an einem Samstagnachmittag so der Rheinstrasse in Muttenz entlangspazierst, dann denkst du, du bist am saubersten Ort der Welt. Man könnte hier – theoretisch – von der Strasse essen. Die Leute baden sogar im Fluss. Vielleicht gibt es hier seit der Katastrophe in Schweizerhalle 1986 wirklich bessere Kontrollen. Vielleicht lauern hinter diesen hellen Mauern auch neue Gefahren. Ich weiss es nicht. Wenn ich hier eins besser zu sehen gelernt habe, dann ist es die gewaltige Grösse meines Unwissens.

Einige haben geholfen, dieses Unwissen zu verkleinern. So schrieb der pedestrian, dass ich in Salina Raurica durchaus etwas zu Essen hätte kaufen können. Falls jemand mir doch diesen Rheinspaziergang nachtun möchte: Es gibt eine Spar-Filiale an der Längistrasse 14 (übersehen, denn mein Blick ging in die andere Richtung). Dazu zwei Tankstellenshops (verpasst, weil einen anderen Weg gewählt); und sogar eine Bäckerei (Gaugler, gut versteckt an der Netzibodenstrasse 23c).

Dies hier ist ein persönlicher Blog, daher erhebe ich keinen Anspruch auf absolute Wahrheit, profundeste Recherche und journalistisch gemachten Service. Aber ich bin immer offen für die kollektive Wahrheitssuche.

Und nächstes Mal bekommt ihr den Bericht vom Pilatusgebiet, versprochen!

Muttenz: Rock ’n‘ Roll für Reisende

Der Rangierbahnhof von Muttenz, im Hintergrund Basel (Bild: Frau Frogg)

Später dachte ich viel über meinen Spaziergang im Baselbiet nach. War das nun ein gelungener Ausflug gewesen? Hatte der Anflug von Panik in Schweizerhalle mich als heiter-distanzierte Flaneurin disqualifiziert? War das überhaupt wichtig? Und woher kamen die Glücksgefühle, die ich bei der Erinnerung an den Spaziergang trotz allem hatte?

Neben der Migros hatte ich mein Laugenbrötchen gegessen. Ich sass in einem Park, der aussah, als wäre es Oktober. Aber es war August und mehr als 25 Grad warm. Danach marschierte ich weiter. Ich ging Richtung Nordwesten und überquerte den Rangierbahnhof, diesmal auf einer Brücke.

Vor Jahren hatte ich eine Weile in Basel gearbeitet und war fast täglich mit dem Zug dieser riesigen Anlage entlanggefahren. Oft, vor allem im Morgen- und Abendlicht, bekam ich dann heftiges Fernweh. Ich dachte an die Städte des Nordens. Hier beginnt die Welt, dachte ich. Hier werden die Weichen gestellt, damit jemand in Kopenhagen sich Salben aus Basel ins Gesicht streichen, jemand in Antwerpen Schmerztabletten von Novartis schlucken kann, und damit wir Wein aus Frankreich auf den Tisch bekommen. Das stelle ich mir jedenfalls vor. Aber was weiss ich schon über die Dinge, die wir trinken und uns ins Gesicht streichen? Mit Eisenbahnfahren jedoch kenne ich mich aus. Eisenbahnfahren, das bedeutet Schotter, Russ und Fahrtwind. Und durchwachte Nächte. Eisenbahnen sind der Rock’n’Roll des Reisens.

Nördlich vom Bahnhof liegt der Hardwald, ein weiterer Park, mit Laubbäumen, vor allem Ahorn und Buchen. Auch er: ein Herbstwald. Vor mir schritt ein junges Paar im okkerfarbenen Laub, die beiden hielten sich an den Händen. Es war alles wie immer und nichts wie es sein soll. Vom Restaurant Waldhaus wirbelten wehmütig die Klänge eines Barpianos durchs Laub. Es war so traurig, dass ich beschloss, nach Hause zu fahren. Bei uns ist es grüner.

Und später dennoch diese Glücksgefühle: vom Draussensein; vom Abenteuer; vom Fahrtwind.

Park in Muttenz am 22. August 2026. Die Strasse, an der er liegt, heisst ironischerweise Heissgländstrasse. (Bild: Frau Frogg, 22. August 2026)

Wir Schweizerinnen und Schweizer – ein Wutausbruch

Wir Schweizerinnen und Schweizer sind ein wählerisches Volk. Wir wollen von allem das Beste, und zwar jederzeit. Wir dürfen das auch wollen. Denn wir haben Geld und wir wissen: Wer Geld hat, hat es sich hart erarbeitet, sprich, verdient.

Klar, die Drecksarbeit muss gemacht sein. Wir wollen, dass jemand sich für uns bückt, unsere Erdbeeren pflückt, unsere Schokolade fabriziert und unsere WCs putzt. Es darf auch gerne jemand mit einem ausländischen Pass sein, denn das ist Arbeit, die nicht zu uns passt, nicht wahr? Aber dieser jemand soll bitte keinen Wohnraum und möglichst keinen Platz im Tram beanspruchen, nicht zu gut verdienen und vor allem: nach erledigter Arbeit mäuschenstill ausreisen.

Klar, wir wollen eine boomende Wirtschaft, aber wir wollen auch Platz im Zug, Platz für unsere SUVs auf den Strassen, wir wollen Häuschen und Wohnungen à discrétion und zu günstigen Preisen und dazu viel, viel grüne Landschaft. Wenn wir etwas davon nicht haben, dann sind die Ausländer schuld.

Und, klar, weil wir auch das Beste für die Welt wollen, bekennen wir uns zur Nachhaltigkeit. Aber das heisst natürlich nicht, dass wir aufhören sollten, Gift in unsere Flüsse und Seen zu schütten! Das wäre ganz verkehrt! «Nachhaltig» heisst: Wir erkennen, dass wir einfach zu viele sind auf diesem Planeten! Und da wir nicht woanders hingehen und dort den Planeten leeren können, fangen wir doch einfach hier bei uns an. Da müssen wir vorerst mal gar nicht lange überlegen, wer weg muss. Es ist klar: Ausländer wollen wir sowieso nur noch wenige und bitte die richtigen.

Und, ja, das ist bitterer Sarkasmus und natürlich sind wir nicht alle so, aber ganz aus der Luft gegriffen ist es auch nicht. Denn, Freund*innen, ich bin beim Kirschenpflücken gerade gezwungen, mich den ganzen Tag von Volkes Stimme zur Initiative Keine 10-Millionen-Schweiz der SVP beschallen zu lassen. Abgestimmt wird am 14. Juni. Bis dann (und wahrscheinlich darüber hinaus), gestatte ich mir das Gefühl, in einem schönen Land zwischen muffig riechenden Mauern der Verblendung zu hocken. Und selbstverständlich werde ich Nein stimmen.

Und, ja, ich bin nicht die einzige, die sich aufregt. Auch der Kulturflaneur hat heute zum Thema geschrieben, sachlich, erhellend, hier.

Vorlesen im Talgrund: Das letzte Kapitel

Blick in die Berge: Die viereckige Firnfläche oben auf dem Berg in der Bildmitte heisst Vrenelisgärtli. (Quelle: Wikipedia).

Als ich meinen Vater (86) vor drei Wochen im Talgrund besuchte, merkte ich, dass er eine belegte Stimme hatte. Ich war alarmiert, wenn auch nicht übermässig. Ich meine: Er hatte seit 2023 mehrere Lungenentzündungen durchgemacht und sich immer wieder erholt. «Ich will neunzig werden», sagte er, als er sich im Talgrund eingelebt hatte.

Es ging ihm schnell schlechter. Als ich ihn Montag besuchte, lag er schwer atmend im Bett und sprach undeutlich. Ich fragte, ob ich ihm überhaupt noch vorlesen solle wie üblich. Er nickte: «Ja, machen wir das Buch fertig», sagte er.

Ich las aus «Quatemberkinder» von Tim Krohn. Der Roman erzählt, wie der Melk und das Vreneli tief im Glarnerland einander lieben und doch nicht zusammenkommen können. Ich war auf Seite 154. Unwahrscheinlich, dass ich es diesmal bis zum Schluss schaffen würde. Der Roman hat 210 Seiten. Ich muss erwähnen, dass die Geschichte beim Vorlesen Längen hat. Doch die zahlreichen Schweizerdeutschen Einsprengsel hatten meinen Vater und mich immer wieder zum Lächeln gebracht.

Auch auf Seite 154 hat Melk mal wieder vergessen, dass er eigentlich zum Vreneli gehört. Als er endlich ins Tal zu ihr zurückkehren will, sind drei Jahre verflossen wie eine einzige Nacht. Das Vreneli ist verschwunden.

Mein Vater lag da und horchte mit geschlossenen Augen.

Auf Seite 165 erfährt der Melk, was mit dem Vreneli passiert ist: Sie hat während seiner Abwesenheit ein Kind geboren, Melks Kind. Aber das kleine Geschöpf schläft eines Tages einfach ein «und vertwachte nicht mehr». An dieser Stelle musste ich mich zusammennehmen, damit mein Vater nicht merkte, wie brüchig meine Stimme war.

Das Vreneli beginnt nun wie von Sinnen, hoch am Glärnisch im Schneefeld ein Gärtli anzulegen, das Vrenelisgärtli eben, und verschwindet eines Tages in einem Sturm. Wie ich nun vorlas, dass der Melk das Vreneli zunächst verzweifelt sucht und immer wieder von ihm träumt, kämpfte ich heftig mit meiner ungehorsamen Stimme. Ich kam noch bis Seite 168, ans Ende des Kapitels, dann schloss ich das Buch und verabschiedete mich. Draussen kamen mir die Tränen.

Am Donnerstag ist mein Vater gestorben.

 

Magischer Neujahrsmorgen

Wasserspeiender Wolf und seltsame Vögel: Der Tinguely-Brunnen in Basel heute Morgen.

Es hat auch Vorteile, dass man ab einem gewissen Alter mit wenig Schlaf auskommt. Heute stellte ich trotz gestriger Silvesterfeier schon früh fest, dass nach mehreren vernebelten Wochen endlich wieder die Sonne scheint. Ich weckte Herrn T. und wir fuhren im fast leeren 9.54-Uhr-Zug nach Basel, links und rechts zogen von Frost bedeckte Felder vorbei. Im Zentrum von Basel fanden wir überraschend den Brunnen des Künstlers Jean Tinguely in vollem Eiszauber. Ein magischer Moment. Gefroren hatte ich ihn noch nie gesehen (auf YouTube lässt sich anschauen, wie er im Sommer spritzt und rattert und rotiert).

Und viele magische Momente, Glück und gutes Gelingen eurer Projekte wünsche ich hiermit euch allen im Neuen Jahr 2026

Mit Herrn T. verreisen

Herr T. in Hérémance, im Wallis, im Vordergrund links ein traditionelles Haus, im Hintergrund die berühmte Betonkirche (über die er hoffentlich noch schreiben wird).

Mein Mann, den ich hier Herrn T. nenne (er sich selbst: der Kulturflaneur) hat sich zu unserer Tour de Romandie verlauten lassen. Hier der Link. Sein Beitrag ist eine sorgfältig gestaltete, übersichtliche Präsentation unserer Route und unserer wichtigsten Erlebnisse – reich bebildert. Wo ich mich von den einen Dingen mitreissen lasse, dafür andere (auch aus Zeitgründen) einfach weglasse, ist bei ihm Ordnung und Überblick.

Wenn ich so darüber nachdenke, muss ich an meinen Monsieur dans les pommes de terre denken: Ich nehme wieder mal zuerst die grossen Kartoffeln und lasse auch mal ein paar (für mich) kleine liegen. Das ist nicht nur schlecht – es kann im Büroalltag durchaus sinnvoll sein. Herr T. aber macht das Erlebnis vollständig: Er zeigt mir, wie man alle Kartoffeln aufsammelt, und mit Methode. So, wie wir schreiben, reisen wir auch. Oft habe ich Ziel oder wenigstens eine Obsession, er hat einen Plan und stets die Orientierung. Und wenn es mal umgekehrt ist, lassen wir uns auf das ein, was der andere will. Klar, manchmal streiten wir auch. Aber bis jetzt haben wir uns immer wieder eingekriegt. Es ist wunderbar, mit Herrn T. zu reisen.

Warum ich Reiseberichte schreibe

Eigentlich habe ich ein schlechtes Gewissen, wenn ich hier erzähle, wie ich es mir im Lavaux gutgehen liess. Andere schwimmen gegen die Widrigkeiten des Alltags an, während ich bis zum Kinn in die erfrischende Bläue des Genfersees eintauche! Ich sollte schweigen und geniessen. Doch ich habe das dringende Bedürfnis, über das Lavaux und das Unterwallis zu schreiben. Warum nur?

Klar, zuerst kommt die Frage, warum ich überhaupt reise. Auf sie habe ich während der Pandemie glücklicherweise eine befriedigende Antwort gefunden, bei Fernando Pessoa (hier der Link). Es geht mir beim Reisen ums Verstehenwollen. Bei der Reise in die Westschweiz konkret: Wer sind unsere compatriot·e·s dort? Wie leben wir mit ihnen? Oder wenigstens: Was haben sie für eine Geschichte?

Aber warum schreibe ich das alles auch noch wie eine Verrückte auf? Ich ging gestern so durch unser Grossraumbüro, während ich über diese Frage sinnierte, unter meinen Füssen der anthrazitgraue Teppich, der die ganze Fläche bedeckt. Ich könnte ebensogut die Geschichte dieser seltsam borstigen Kunststoffasern erforschen und teilen, denke ich. Pessoa würde das gut finden, „denn ist die Befreiung nicht in mir, erlange ich sie nirgendwo“. Bestimmt würde das Wissen über die Herkunft, die Hersteller*innen dieses Teppichs meinen Horizont unendlich erweitern, und – sorgfältig aufbereitet – vielleicht auch den meiner Leserschaft. Und doch finde ich im Moment das Lavaux und das Unterwallis so viel beschreibenswerter.

Am Abend sah ich den Anfang einer Sommerserie am Schweizer Fernsehen: Die Italien-Korrespondentin Simona Caminada erkundet mit zwei Fernwanderprofis den Sentiero Italia. Die Reise beginnt im italienischen Teil von Savoyen, deshalb musste ich das sehen. Aber Caminada fragt ihre zwei Mitwanderer auch, warum sie das Unterwegssein zu Fuss zu ihrer Berufung gemacht haben. Und einer sagt: „Ich wandere, weil ich damit der Erde Respekt bezeuge. Aus der Erde kommt alles, was wir sind.“ Herr T. fand diese Antwort „zu esoterisch“. Aber für mich ist es eine stilvolle Art, das zu sagen, was ich weiss, wenn ich mich da draussen zu Fuss vorwärtsbewege: dass das Unterwegssein meine Seele in einen Gleichklang mit meinen Füssen und der Welt bringt – und dass mir das mehr gibt als nur die Kraft, drei Wochen später wieder über den Büroteppich zu schreiten. Dass es  über mich selbst hinausgeht. Und was für das Wandern gilt, gilt in einem gewissen Sinne auch für Reisen im Zug und für das Erforschen von Städten und alten Burgen.

Wenn ich das Glück über diese Verbundenheit von einem Hügel herunter wortlos in alle vier Winde werfen könnte, würde ich es tun. Aber das geht ja nicht. Das Internet scheint mir daher der zweitbeste Ort, es auszustreuen. Wenn diese Berichte zu oft klingen wie PR-Artikel oder trockene Faktensammlungen, dann liegt es einfach nur daran, dass es Dinge gibt, die ich nicht vermitteln oder nicht artikulieren kann.

Schweizerdeutsch 23: Auf dem Bauernhof

Zobig (N, m oder n)

Standarddeutsch wörtlich: „Zu Abend“, eine Zwischenmahlzeit.

Erläuterung: Wir Städter essen kaum noch Zobig, die Leute auf dem Land schon, meist so um 16 oder 17 Uhr. Auf dem Bauernhof wird nach dem Zobig noch gemolken, erst dann gibt es Znacht. Als ich ein Kind war, waren wir manchmal bei meinem Onkel auf der Winterweid zum Zobig. Dort war mein Vater aufgewachsen.

Es kamen alle, die dort wohnten, bei der Ernte geholfen hatten oder sonst gerade in der Gegend waren : „de Vatter“ (Grossvater), „de Onku Wiisu“ (Grossonkel Alois, der Knecht), Onkel Jakob, Tante Lisebeth oder Tante Theres, in den siebziger Jahren nach und nach drei kleine Cousinen und ein kleiner Cousin und wir vier aus der Stadt. Oft rumpelte auch noch Onkel Kari mit seinem alten Chlapf durch die Einfahrt, manchmal waren Handwerker da oder weitere Verwandte. Es konnte laut und fröhlich werden.

Die Leute kamen vom Heuen oder aus dem Stall, durch die Haustür direkt in die grosse Küche. Ein langer Tisch füllte den Raum, hinten links war „de Füürhärd“, die eiserne Feuerstelle, die zugleich Kochherd und Heizung war. Es gab Most, Brot und Käse aus der nahen „Chääsi“, „und weissen Kaffee“, erinnert sich mein Vater, also Kaffee mit Rahm von der eigenen Milch. „Anke“, also Butter, gab’s auch. „Aber damit waren sie sparsam“, sagt mein Vater heute. Und: „Überhaupt: Alles andere wäre Luxus gewesen.“

An der Decke hingen klebrige Fliegenfänger wie Zapfenlocken, Fliegen hatte es trotzdem, und unter dem Tisch tummelten sich Katzen jeden Alters, mehr oder weniger gesund. Ich liebte die Katzen.

Danke Edith, Du hast mit Deiner Frage nach dem Zobig eine Flut von Erinnerungen ausgelöst! Falls jemand Fragen hat: gerne!

Über Schwerhörigkeit bloggen

Eine Bekannte von mir hat als @ohrkaputt auf Instagram einen höchst sehenswerten Feed. Die Protagonistin saust dort mit Mann, Kind und Schwerhörigkeit auf fröhlichen Cartoons durch ihren Alltag. Neulich thematisierte @ohrkaputt etwa das Paradox, dass Schwerhörige oft sehr lärmempfindlich sind. Das Material ist ansprechend verknappt – da ist ein Profi am Werk. Dringend nötige und wirksame Aufklärung, auch für Hörende.

Dann blicke ich jeweils stirnrunzelnd auf meinen eigenen Blog. Vielleicht sollte ich mehr über Schwerhörigkeit schreiben, denke ich. Ich meine: Meine Posts zu diesem Thema gehören zu den meistgelesenen. Freud’scher Verhörer etwa kommt auf sagenhafte 397 Klicks. Und doch sträube ich mich, aus zwei Gründen. Erstens will ich hier gar nichts Professionelles tun. Ich will hier kussbereit bleiben. Ich will wie die vom Liebeszauber berauschte Feenkönigin Titania dem erstbesten Thema verfallen, das mir an einem Morgen so begegnet. Und dann will ich, Königin und gewissenlose Womansplainerin, unverkürzt darüber schwadronieren.

Zweitens, und wichtiger: Ich habe irgendwann festgestellt, dass so eine Menière-Erkrankung zwar beengend ist. Dass es aber hilft, wenn man nicht die ganze Zeit um sie kreist. Ich habe beschlossen: Ich will zeigen, dass ich einen Horizont habe, der über meine Behinderung hinausgeht. Dass es möglich ist, schwerhörig zu sein und zum Beispiel über Politik nachzudenken. Oder über Bücher.

Das ist nicht so wirksam. Aber wichtig ist es eben auch. @ohrkaputt solltet Ihr Euch trotzdem anschauen.