Schweizerdeutsch 71: Sommergewohnheiten

amigs (Adv.)

Standarddeutsch: «jeweils» oder «immer», selten auch «früher». Bei uns sehr geläufig, aber sagt von euch Deutschen jemand «jeweils»? Zur Etymologie von «amigs» siehe hier.

«Wenn es im Sommer so heiss ist wie jetzt, ist es bei uns in der Wohnung amigs auch nachts 26 Grad warm, da schlafe ich schlecht», klagte ich neulich meiner Freundin D.. «Ach, das geht ja noch», sagt D., «ich wohne in einem Altbau, bei mir ist es amigs 27, 28 Grad.» Aber D. macht das nichts. Auch bei Freundin M. ist es wärmer als bei uns. Sie wirft amigs ihren Ventilator an, ein teures Stück, aber es hilft. Herr T. und ich haben keinen Ventilator. Wenn es amigs heiss ist, schliessen wir tagsüber die Fenster und reissen nachts alles auf. Das geht nur dann nicht, wenn Gewitterfronten mit Windböen unterwegs sind. Dennoch bin ich amigs froh, wenn ich an ein paar Tagen in der Woche in mein klimatisiertes Büro darf. Früher habe ich die Klimaanlage dort verflucht. Sie kühlt so stark, dass man im Büro im Hochsommer ein Jäggli tragen und amigs alle paar Stunden kurz nach draussen muss, um sich aufzuwärmen. Aber jetzt ist gerade gar nichts mehr wie amigs.

Schweizerdeutsch 68: Der Raser

freese (V)

Standarddeutsch: «rasen», zum Beispiel im Ferrari. Man spricht es genauso aus wie das Standarddeutsche Wort «fräsen» (etwa ein Stück Holz), einfach ohne «n» am Schluss. Und es hat tatsächlich auch diese zweite Bedeutung. Der Zusammenhang zwischen beiden Bedeutungen ist wohl lautmalerisch – wegen des Lärms, den Autos bei hochtouriger Beschleunigung machen.

Es ist so: Seit einigen Tagen sehe ich auf dem Weg zur Bushaltestelle fast jeden Morgen Remo. Er sitzt mit seinem mundgesteuerten Rollstuhl an der Ecke bei der Apotheke, wo viel Betrieb ist. Er macht das gern, an belebten Strassenecken sitzen und zuschauen, was vor sich geht. Das hat er mir vor ein paar Jahren erzählt. An diesem Morgen wage ich wieder einmal ein Schwätzchen mit ihm, ermutigt von meinen Fortschritten mit dem E-Ohr. Es geht tiptop.

Remo ist, wie immer, pfiffig und vergnügt. Ich kenne ihn, weil er in der WG des Wohnheims für Cerebral Gelähmte bei uns nebenan wohnt.

Oder vielmehr: Gewohnt hat. Er ist jetzt 77. Weil er mehr Pflege braucht, musste er aus der WG ausziehen, erzählt er mir jetzt. Er trägt es mit positiver Einstellung. Aber dass er so oft bei der Apotheke sitzt, spricht Bände. Dort hat er gute Chancen, seinen alten Kumpels zu begegnen.

Wohnen tut er jetzt im Pflegeheim am Hang. „Huch, da oben ist es aber ganz schön abschüssig!“, sage ich. „Wie kommst du denn in die Stadt herunter?“ Er grinst: „Ach, das ist kein Problem. Mit dem Rollstuhl kannst du da problemlos d’Schtross ab freese.“

Zwei linke Hände und ein Wasserhahn

Mein Lieblingshandwerk ist das Zusammenbauen von Buchstaben zu Wörtern und Sätzen. Für alles andere habe ich zwei linke Hände. Als meine Mutter neulich den Zustand des Wasserhahns in unserem Bad bemängelte, seufzte ich. Sie hatte recht, das Sieb im Ausfluss war verkalkt, kleine Wasserstrahlen spritzten in mehrere Richtungen. Herr T. fand es unnötig, etwas zu unternehmen. Ich selbst hatte noch nie so ein Sieb entkalkt. Aber ich hatte schon zugeschaut und wusste, dass man so ein Ding sehr wohl auseinandernehmen kann – dass es aber schwierig sein könnte, es danach wieder richtig zusammenzusetzen. Ich zögerte und zögerte. Doch letzten Samstag hatte ich einfach keine Lust mehr auf Buchstaben und suchte nach einer einfachen, sinnhaften, handwerklichen Tätigkeit. Der Wasserhahn!

Ich schaute mir eine Anleitung in einem YouTube-Video an. Darin kam ein Schraubschlüssel zum Einsatz. Also versuchte ich einen solchen am Wasserhahn anzusetzen, aber der Ring war mit dem Werkzeug nicht zu greifen. Als ich den Ring genauer anschaute, entdeckte ich eine Rille in seiner Mitte. Ob man ihn mit einer Münze aufschrauben könnte? Portmonee geholt und einen Zweifränkler angesetzt. Es ging! Ich hatte die beste Laune seit Tagen.

Ich badete die Teilchen im Ring in Essigwasser und reinigte sie mit einer Zahnbürste. Anschrauben konnte ich das alles auch wieder. Seltsam ist nur: Er spritzt immer noch, wenn auch vielleicht ein bisschen weniger. Aber ich lasse das jetzt mal und komme zurück zu den Buchstaben.

Schweizerdeutsch 29: Zeit verplempern

tämpele (V) (auch: tämperle)

Standarddeutsch: Zeit vertrödeln (absichtlich oder einfach so);

Nicht viel los im Büro im Moment. Man hätte Zeit, vor dem Aufbruch noch ein paar sinnvolle Dinge zu erledigen. Aber erst mal noch im Pyjama per E-Mail dem Sekretariat mitteilen, dass man später kommt. Dann den Geschäfts-Posteingang checken und die News online. Kaffee trinken und Zeitung lesen, man liest wieder gründlicher Zeitung als auch schon. Dann nochmals ein Blick in die Geschäftsmails. Duschen gehen wollen. Aber zuerst noch ein bisschen auf X scrollen, dann mit Herrn T. plaudern. Die Kaffeepflanze giessen, sie lässt wieder die Blätter hängen. Im Bad eine kleine Hautunebenheit im Gesicht untersuchen, die Härchen am Kinn auszupfen. Eine leere Shampooflasche im Altplastik entsorgen. Nochmals kurz mit Herr T. plaudern, ach, planen wir doch gleich noch den Filmfestivalbesuch vom Samstag. Endlich duschen. Danach mehr Sorgfalt als üblich bei der Kleiderwahl. Noch eine Notiz ins Tagebuch und, huch! Schon ist es Zeit zum Aufbruch!

Gehörlos staubsaugen

Bevor ich staubsauge, schalte ich jetzt immer die Hörgeräte aus. Wenn sie laufen, ist mir der Staubsauger zu laut. Sind sie abgestellt, höre ich ihn gar nicht, und das ist tiptop so. Während gehörlos kochen gewöhnungsbedürftig ist, ist gehörlos staubsaugen einfach. Ich schaltete am Samstag also das Hörgerät aus und den Staubsauger ein. Dann fiel mir ein: Ich habe ihn noch nicht eingesteckt. Also gut, Stecker in die Dose.

Aber läuft das Gerät jetzt? Nicht sicher. Eigentlich müsste es laufen und eigentlich müsste ich an der Halterung zwischen Rohr und Schlauch die  durchschiessende Luft spüren. Aber nix. Ein paar Sekunden lang war ich unschlüssig. Das Hörgerät ein- und dann wieder ausschalten dauert lange 20 Sekunden. Dann fiel mir ein: Ich könnte ja mal die Hand unter die Düse halten. Ich meine: Wenn man dort den Wind nicht spürt, der ins Rohr saust, dann ist entweder die Hand oder das Gerät tot. Gesagt getan, und es brachte sofort eindeutige Resultate. Der Staubsauger lief noch nicht.

Glücksstündchen am Quartierfest

Zurzeit glänze ich hier leider mit Abwesenheit. Ich habe mich Hals über Kopf in ein neues Blog-Projekt mit einer guten Freundin gestürzt, das mich begeistert und fordert. Sobald wir dort genügend Stoff haben, um seriös an die Öffentlichkeit zu treten, werde ich hier den Link posten.

Heute möchte ich nur kurz vom grossen und für mich sehr geglückten Spätsommerfest in unserem Quartier berichten. Ich unterhielt mich dort fast den ganzen Abend lang mit drei sehr charmanten Herren: Zu meiner Rechten sass der Doppelbuddha, zu meiner Linken Toni vom oberen Stock. Und vis à vis mein Ehemann, Herr T. Ich will es nicht leugnen: Ich genoss die Aufmerksamkeit. Ich verstand zwar nur etwa 30 Prozent der Konversation, das ist bei mir bei Festen immer so. Merkwürdigerweise störte es diesmal überhaupt nicht. Ich musste nur die Stichworte packen, die ich zwischendurch verstand, ab und zu selbst eine Anekdote erzählen und sie sonst heiter lächelnd in die Runde geben. Es ging alles ganz wie von selbst.

Über die Liebe, die Ehe und den Schwindel

Rebecca Solnit

Ein Besuch im Bücher-Brocky spülte mir den Titel „A Field Guide to Getting Lost“*,  von Rebecca Solnit in die Tasche. Als ich zu lesen begann, verliebte ich mich sofort in den Text oder vielleicht auch die Autorin. Die Autorin: geboren 1961. Eine Frau meiner Generation, eine Wanderin und Spaziergängerin. Die Texte: träumerische Essays über das Sich-Verirren, im weiten Land oder als Mensch. Es sind auch Essays über die Liebe, die oft klingen, als wären sie über meine eigenen Liebschaften, jene der Vergangenheit und die heutige. Die heutige: eine fürsorglich-routinierte Ehe. Fast täglich fragt mein Mann: „Hast Du gut geschlafen?“ Oder: „Hast Du die Zeitung schon geholt?“ Oder: „Willst Du Suppe essen?“ Er fragt stets mit einer leisen Ironie, als könnten sich hinter der schieren Banalität dieser Fragen ungeahnte Möglichkeiten verbergen – aber dann vertiefen wir uns halt doch in die Zeitung oder essen Suppe.

Das alles wird in ein merkwürdiges Licht gestellt von Solnit’s Gedanken über Alfred Hitchock’s Meisterwerk „Vertigo“. Ihr erinnert Euch: eine Liebesgeschichte zwischen Privatdetektiv Scottie Ferguson und einer blonden Frau mit einer seltsam verschwommenen Identität. Scottie soll herausfinden, wer sie ist, und verliebt sich in sie. Sie ist jedoch schwer suizidal. Als sie auf einen Kirchturm flüchtet, kann er ihr nicht folgen, denn er leidet an Höhenangst. Er muss zusehen, wie sie vom Turm springt und stirbt. Diese Angst des Protagonisten vor der Tiefe versteht Solnit als Metapher für seine innere Unzulänglichkeit.

Dem Phänomen der Höhenangst** widmet Solnit mehrere Seiten. Sie beschreibt eine Besteigung des Mount Whitney in Kalifornien, 4419 Meter über Meer. Dabei kommt sie von Osten her und hat zunächst nur Blick auf die Landschaft auf der einen Seite des Berges. Sie schreibt: „Einen Gipfel zu besteigen, wird immer als Eroberung dargestellt. Aber wenn Du höher und höher steigst, wird die Welt grösser und grösser, und Du fühlst Dich kleiner im Verhältnis zu ihr, bist überwältigt und befreit, weil so viel Raum um Dich herum ist.“ (S. 151). Dann überwindet Solnit die letzten Meter und blickt über den Grat: „Plötzlich erscheint die Welt im Westen vor Dir, eine gigantische Weite. … Die Welt verdoppelt ihre Grösse. Etwas Ähnliches geschieht, wenn Du jemanden wirklich siehst – und das ist der Grund, weshalb alle in ‚Vertigo‘ immer wieder fallen.“ (S. 152) Mit anderen Worten: Scottie kann die Geliebte nicht retten, weil es ihn überfordert, sie wirklich zu sehen. Oder das, was seine Verbindung mit ihr ist oder sein könnte.

Seither frage ich mich: Was heisst das, jemanden wirklich zu sehen? Ich meine, unsere Ehe gleicht keiner Gipfel-Erstürmung – mehr einem Marsch auf den oft glatten, teils unwegsamen Pfaden des Alltags. Aber: Welche ungeahnten Möglichkeiten sieht Herr T., wenn er fragt, ob ich eine Suppe will? Und: Ist es auch ok, sich der gigantischen Grösse einer Liebe nicht täglich bewusst zu sein?

*Rebecca Solnit: „A Field Guide to Getting Lost“, Penguin, 2006. Ich habe hier bewusst den englischen Titel angegeben, der romantisch und ominös klingt. Der deutsche Titel lautet: „Die Kunst, sich zu verlieren – ein Wegweiser“. Das wirkt für meinen Geschmack zu putzig.

** Als Menière-Patientin muss ich anmerken, dass hier von Höhenangst die Rede ist, nicht von Drehschwindel, obwohl im Film-Trailer Drehschwindel dargestellt wird. Wer mir hier allenfalls eine psychosomatische Lesart des Textes aufzwingen will, hat den Ernst einer Menière-Erkrankung nicht erkannt und gehört mit nur einer halben Stunde zünftigem Drehschwindel bestraft.

Kaffeepause

Ich brauche erst mal eine Pause vom Feminismus. Mein Hirn arbeitet an einem Statement mit dem Titel „Mein Standpunkt zur Genderfrage“. Aber noch muss ich für mich selbst ein paar Fragen beantworten. Danach werde den Text schreiben, jedoch andernorts veröffentlichen. Denn das hier ist meine persönliche Blog-Spielwiese, und so soll es bleiben.

Heute Morgen tappte ich als Erstes zum Tischchen im Wohnzimmer, zum Handy. Die Pushmeldung zur Eskalation des Krieges im Nahen Osten kam wenig überraschend. Sie hätte mich mehr alarmieren sollen als sie es getan hat. Mein innerer News-Seismograf hat sich verändert in den letzten Jahren. Erst mal Kaffee trinken, denke ich. Auf dem Weg in die Küche fällt mein Blick auf den Teller mit meinen selbst geernteten Kaffeebohnen.

Neulich habe ich die erste reife Kirsche vom Kaffeestrauch in meinem Wohnzimmer geerntet. Ich habe sie vorsichtig halbiert, das sah dann so aus.

Frisch geerntete und halbierte Kaffeekirschen, der Zweifränkler ist ungefähr gleich gross wie ein 2-Euro-Stück. Man sieht auf dem Bild weiss die Kaffeebohnen in der Mitte der Kirschen.

Danach habe ich das Fruchtfleisch von den weissen Kernen entfernt (und auch probiert, es schmeckt sirupig). Die Beere enthielt drei Kaffeebohnen.

Kaffeebohnen.

Nun wäre es der Plan von Tüftlerin Frogg, die zwei weiteren reifen Kaffeekirschen am Strauch zu ernten, die Bohnen freizulegen, sie zu rösten und auszuprobieren, ob sie dann tatsächlich schmecken wie Kaffee. Als ich jung war, habe ich solche Experimente gemacht. Aber im Moment kommt mir das sinn- und zwecklos vor. Lieber nehme ich eine Kapsel aus dem Schrank, mache mir einen Espresso und schreibe – wieder mal – einen Blogbeitrag.

Kaffeepflanze

Erstaunliche Früchtchen in Frogg Hall.

Es ist nun bald fünf Jahre her, dass wir an die Vrenelisgärtlistrasse zogen. Zum Wohnungswechsel bekam ich damals von einer Arbeitskollegin eine kleine Kaffeestaude geschenkt. Das Sträuchlein war dekorativ in eine Kaffeetasse gepflanzt. Ich spottete: „Wenn wir die ersten Kaffeebohnen ernten, lade ich Dich zu Kaffee und Kuchen ein.“ Ich ging davon aus, dass die Pflanze wachsen und Blätter tragen würde. Aber Früchte?! Das gibt’s doch nur in den Tropen.

Die Pflanze stand am Nordfenster und wuchs und trug Blätter und ist ein Süffel. Ich muss sie mindestens zweimal in der Woche giessen. Auch umgetopft wollte sie werden, mehrmals. Mittlerweile steht sie in einem Kübel mit 27 Zentimetern Durchmesser und ist 90 Zentimeter hoch. Genauer angeschaut habe ich sie selten, sie war halt einfach ein Blätterhaufen. Sie muss aber geblüht haben, denn vor etwa einem halben Jahr entdeckte ich zwei, drei kleine, blassgrüne Früchtchen an ihr. Ich jauchzte: „Schau mal Herr T.! Kaffeebeeren!“ Mittlerweile weiss ich, dass sie nicht Beeren, sondern Kirschen heissen und habe an einem Ast neue Blüten entdeckt. Nun habe ich neue Fragen: Was für ein Insekt befruchtet wohl diese Blüten? Waren es die Obstfliegen, gegen die wir ständig kämpfen? Wie weiss man, wenn Kaffeekirschen reif sind? Wie erntet man sie? Kann man sie lagern? Kann man sie selbst rösten? Wie viele Bohnen braucht es für eine Tasse Kaffee? Falls jemand mehr weiss: Bitte antworten!

Sex, Kaffee und der Klimaexperte

Simpel und praktisch: Die Bialetti-Kaffeemaschine (Quelle: blasercafe.ch
Meine Nespresso-Kaffeemaschine ist kaputt. Wir haben eine alte Bialetti in Betrieb genommen und diskutieren beim Frühstück über die Vorzüge und Nachteile verschiedener Kaffeemaschinen und des Kaffeetrinkens. „Kaffeetrinken ist ganz schlecht für’s Klima“, sagt mein Ehemann, der Klimaexperte. „Eine Tasse Kaffee verbraucht so viel CO2 wie ein Kilometer autofahren.“

Ach Gott, alles wird verboten, denke ich und maule: „Du Spielverderber! Ich habe doch damit gerechnet, dass das nach dem Fleisch als nächstes kommt! Wahrscheinlich kommt bald jemand und sagt: ‚Sex ist schlecht für’s Klima.'“

Darauf Herr T., ohne mit der Wimper zu zucken: „Sex ist nicht schlecht fürs Klima, aber Kinderkriegen schon!“

Ich lache schallend. Am Nachmittag finde ich auf der Suche nach einem Nachthemd bei C&A ein Teil mit dem Aufdruck: „This Girls Needs More Coffee“. Das kaufe ich sofort, auch wenn Konsumieren auch schlecht fürs Klima ist.