Schwerhörig: Peinlichkeiten

Fast täglich kaufe ich in der Bäckerei gegenüber vom Büro mein Mittagessen. Der Betrieb dort ist enorm, die Personalfluktuation auch. So ist es mir fast unmöglich, jede Verkäuferin für den Umgang mit mir zu schulen. Neulich, ich hatte gerade bezahlt, nuschelte die neue Frau an der Kasse mir etwas zu. Es klang wie: „Alles ok?“ oder so. Hinter mir war der Laden voll, ich konnte nicht nachfragen. Ich sagte: „Ja, danke, alles ok.“ Erst danach wurde mir klar, was die Verkäuferin wirklich gesagt hatte, nämlich: „Brauchen Sie eine Quittung?“ Mist! Ich hatte eine völlig falsche Antwort gegeben. Beim Rating der Peinlichkeiten gibt das eine 3.

Das Rating der Peinlichkeiten geht von 1 bis 10, genau wie das Rating der subjektiv empfundenen Schmerzstärke im Spital.

Als ich am gleichen Abend das Büro verliess, begegnete ich meinem Chef. Er nuschelte etwas, ich fragte: „Wie bitte?!“ Er wiederholte: „Schönen Abend.“ Etwas Redundanteres hätte er gar nicht sagen können. Er lächelt mich in solchen Momenten an, als wäre ich eine harmlose und einigermassen liebenswerte Irre. Peinlichkeitsstufe 2.

Peinlichkeiten unterhalb der Stufe 5 vergesse ich meist augenblicklich. Aber neulich passierte mir eine Peinlichkeit der Stufe 8. Ich musste im Büro auf irgendetwas warten, hatte nichts zu tun und sah mir einen Fernseh-Beitrag aus den 80er-Jahren über das Sennentuntschi an (hier der Link, eine Trouvaille für alle Fans des jungen Kurt Aeschbacher). Der Sennentuntschi-Stoff ist ein ehrwürdiger Schweizer Sagenstoff, aber es geht darin immerhin um notgeile Sennen. Ich dachte, das würde sonst niemand mitbekommen, ich habe ein kleines Separée neben dem Grossraumbüro und höre alles vom Computer über mein Blutwurst-Audio-Gerät. Dieses funktioniert wie ein Kopfhörer, die anderen hören nichts. Oder sollten nichts hören. Ich muss jeweils die Lautstärke bei Videos voll aufdrehen, sonst verstehe ich den Text nicht. Ich höre. Nach ein paar Minuten merke ich, dass alle, die ich von meinem Büro aus sehe, ein seltsames Grinsen auf den Stockzähnen haben. Ich schöpfe Verdacht, dass alle mithören. Aber sicher bin ich erst, als mein Chef das Büro betritt und mich nachsichtig anlächelt. Ich hatte vergessen, mein Audio-Gerät anzustellen. Ich hatte das ganze Grossraumbüro beschallt.

Schwerhörig: Wenn es schlimmer wird

Rechts bin ich ja mittlerweile taub, links höre ich mit Hörgerät noch 40 Prozent. Das ist seit Herbst 2022 (und nach unzähligen Schwankungen) stabil so. Aber seit gestern stimmt links wieder etwas nicht. Jingles im Fernsehen klingen falsch. Sie haben in den Hochtönen ausgefranste Ränder und die Tieftöne prallen auf Löschpapier. Manchmal weiss ich nicht, ob im Nebenraum jemand brummt oder ob er ein Möbelstück verschiebt. Und die Stationsansagerin im Bus produziert Laute, die es eigentlich nur im Walisischen gibt. Zum Beispiel: „Näcllter Halt: Löwenplatll. Necllt lltop Lion Monument.“ Es macht Angst. Es fühlt sich an, als würde ich vor der Tür meines Zuhauses stehen und könnte nicht hinein.

Schwerhörig: Das Universum im Ohr

2026 werde ich wahrscheinlich ein Cochlea-Implantat bekommen, ein elektronisches Innenohr. Ich habe einen Operationstermin am 26. April. Eine Ärztin hat mir bereits die Funktionsweise eines gesunden Innenohrs erläutert: In der Hörschnecke wachsen Härchen, die beim gesunden Ohr auf Schallwellen reagieren und Impulse an den Hörnerv weiterleiten. „Die Hörschnecke ist gebaut wie ein spiralförmiges Klavier. Oben sind die Härchen für die hohen Töne, unten diejenigen für die tiefen. Bei Innenohrschwerhörigkeit sind diese Härchen kaputt. Das Cochlea-Implantat ersetzt sie durch Elektroden.“

Dann kam der Chirurg erklärte mir, wie er operieren wird: „Wir werden den Knochen hinter Ihrem Ohr aufsägen und zwischen Gesichts- und Geschmacksnerv einen Zugang zum Mittelohr und von dort zur Hörschnecke legen“, sagt er. Ich nickte und sagte: „Das klingt brachial.“

Er: „Oh, nein, jedes Mal, wenn so ein Innenohr offen vor mir liegt, ist es, als würde sich ein kleines Universum vor mir auftun. Es ist wunderschön.“

Das Innenohr (Quelle: Universitätsspital Zürich).

Schweizerdeutsch 56: Das Wort zu diesem Wochenende

zonderobsi (Adv)

Standarddeutsch nur unzureichend übersetzbar mit: durcheinander, chaotisch, unordentlich.

Dieses Wochenende ist alles an mir etwas zonderobsi, weil ich am Freitag Grippe- und Covid-19-Impfung hatte. Der Freitag ist für mich ein guter Impftag, denn am Tag nach Covid-19-Impfungen habe ich jeweils Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen. Wenn ich am Samstag impfbedingt ausfalle, kommt wenigstens beim Job nichts zonderobsi.

Das Wochenende begann wie prognostiziert: Schmerzen und erhöhte Temperatur, gegen Abend um 38 Grad. Ich gönnte mir einen Pyjamatag. Nach Putzen (was ich sonst am Samstag tue) war mir gar nicht. Gegen Abend hatten meine Kopfschmerzen Stufe 7 erreicht, ich schluckte ein Dafalgan und löschte das Licht. Da wurde mir übel, ich schwitzte, es wurde eine unschöne Nacht.

Heute ist das Fieber weg, nur der Magen ist noch etwas zonderobsi, aber ich kann essen und trinken. Richtig zonderobsi war dafür die Wohnung: In der Küche stand die Giesskanne neben unabgewaschenen Teetassen und die Salatschleuder aus schmelzbarem Plastik gefährlich nahe beim Kochherd, neben dem frischen Zopf vom Samstag lag altes Brotpapier, auf dem Esstisch Stösse von alten Zeitungen. Und das Bad! Ihr wollt es gar nicht wissen!

Das Wort „zonderobsi“ selbst ist geradezu poetisch unordentlich. Es heisst, möglichst genau übersetzt „zu unter aufwärts“, was ganz und gar ungrammatikalisch ist, aber es deutet an, dass hier das Untere auf unordentliche Weise nach oben geraten ist. Ordentliche Leute verwenden es gerne, um anderen auf Grund  der Unordentlichkeit in ihrer Küche eine gewisse moralische Unzulänglichkeit zu unterstellen.

Schwerhörig: Läuft die Abwaschmaschine?

Vor vielen Jahren habe ich das Grummeln einer laufenden Abwaschmaschine einmal auf die Liste der unentbehrlichen Geräusche gesetzt (der Blog-Beitrag existiert leider nicht mehr). Die Maschine, die bei meinen Eltern wegen des günstigen Nachtstromtarifs immer spät am Abend lief, bereitete mir einst ein Gefühl von Geborgenheit. Seit wir selbst eine in der Wohnung haben, fühlt sich ihr Brummen in der Küche an wie erledigte Hausarbeit und Ordnung.

Nun bin ich hochgradig schwerhörig. Ich höre in Küchen zwar immer irgendwelche Summ-, Grummel- und Schmurgelgeräusche. Aber ich bin oft nicht sicher, woher sie kommen. Brummt der Kühlschrank? Gurgelt das Wasseraufbereitungsgerät? Ist da irgendeine Lüftung am Werk. Oder läuft doch die Abwaschmaschine? In der Cafeteria ist diese Frage relevant, denn dort müssen wir unsere gebrauchten Tassen selbst in die Maschine räumen. Wenn sie voll ist, stellt jemand sie an. Ob sie gerade arbeitet, weiss man mit einem gesunden Gehör sofort. Ich brachte es jeweils in Erfahrung, indem ich einfach mal die Tür der Abwaschmaschine aufriss. Wenn dann innen heisses Wasser herumspritzte – ja, dann lief sie.

Aber man lernt dazu, und letzte Woche habe ich Wissen erworben, das unter Umständen auch Hörenden nützlich sein könnte: Wenn eine Abwaschmaschine läuft, erhitzt das Wasser auch die Tür. Bei vielen Modellen kann man aussen mit der Hand erspüren, ob sie läuft. Wenn sie warm ist, ist es gut möglich. Wenn sie dazu noch leicht vibriert, ja, dann läuft sie.

 

Schwerhörig: Was würden Sie denn gern wieder hören?

Gerade lese ich den Roman «Flimmern im Ohr» von Barbara Schibli. Die Protagonistin, Priska, ist hochgradig schwerhörig und hat sich eine Innenohrprothese, ein so genanntes Cochlea-Implantant (CI) machen lassen. Sie will wieder Musik hören. Besonders Punk, denn die Mittvierzigerin will das Lebensgefühl ihrer jungen Jahre zurück. Aber nach den ersten Versuchen ist sie enttäuscht, und so versucht die Therapeutin, Priskas Blickfeld zu erweitern. «Was würden Sie denn gerne wieder hören können? Das muss nicht zwingend Musik sein», sagt sie. Es ist, als würde sie mich fragen. Ich bin auch hochgradig schwerhörig und werde bald ein CI bekommen.

Was für eine anstrengende Frage, denke ich. Ich meine, klar: Am liebsten würde ich zehn Meter von mir entfernt in einem Raum mit Parkettboden eine Stecknadel zu Boden fallen hören und hätte dann wieder dieses göttliche Raumgefühl, das man hat, wenn man so etwas hört. Und ich möchte natürlich den Parkett knarzen hören und zwar scharf und präzis. Ich möchte, dass Kammermusik nicht mehr wie Katzenmusik klingt, und ich möchte nach dem Kammermusik-Konzert mit jemandem plaudern und das Knarzen des Parketts und die Stimme meines Gegenübers auseinanderhalten können. Und vor allem möchte ich nach einem solchen Anlass nicht immer todmüde sein. Ich möchte in eine Bäckerei gehen und ein Brötchen kaufen können, ohne mich schon vor der Tür zu ängstigen, weil ja jedesmal etwas schiefgeht bei einem Verkaufsgespräch in der Bäckerei. Aber das sind vermessene Träume, das weiss ich.

Man hat mir früh zu verstehen gegeben, dass ich mir beim CI nicht allzu kühne Hoffnungen machen soll. Das CI macht aus einer fast gehörlosen Person eine schwerhörige Person, hat man mir gesagt. Musik? Schwierig. Und vielleicht würde die schiere Grossartigkeit von Musik mich sowieso komplett überwältigen. Ich glaube, es würde mir schon reichen, wenn nach einem Tag mit Brötchenkaufen und Gesprächen und Katzenmusik nicht immer so erschöpft wäre.

Schwerhörig: Die Frau im Rollstuhl

Ich bin auf dem Trottoir an einer verkehrsreichen Strasse unterwegs. Da höre ich diese dünne, gereizte Frauenstimme: «Hallo!» ruft sie. Vielleicht gilt das doch mir, denke ich – jetzt, wo die Stimme etwas lauter ist, fällt mir auf, dass ich sie vorher schon ein- oder zweimal gehört habe. Vor mir ist niemand, also vielleicht hinter mir. Ich habe wegen der Schwerhörigkeit ein miserables Richtungsgehör. Ich drehe mich um, aber auf Augenhöhe ist da niemand. Ich senke den Blick, und da ist sie: eine Frau im Rollstuhl, die mich überholen will.

«Oh, Entschuldigung!» sage ich freundlich und trete zur Seite. Sie rollt mit grimmiger Miene an mir vorbei. Ich kann den Gedanken hinter ihrer Stirn lesen: „Existieren wir Rollstuhlfahrerinnen denn nicht?! Ist diese blöde Kuh eigentlich taub?!» Ja, bin ich, und ihre Unfreundlichkeit stört mich zunächst. Ich erlebe eine solche Szene an dieser Strasse schon zum zweiten Mal, und wie beim ersten Mal verzichte ich dennoch darauf, meine Hörgeräte herauszureissen, sie ihr zu zeigen und zu brüllen: «Sie sind hier nicht die einzige mit einer Behinderung, Sie dämliche Ziege!» Obwohl ich Lust dazu hätte.

Aber im Grunde glaube ich auf dem Gesicht dieser Frau einen Ingrimm zu erkennen, den ich manchmal auch spüre. Mit den Jahren habe ich gelernt, mit meinen Beeinträchtigungen umzugehen. Ja, ich betrachte sie mittlerweile als das Normalste der Welt. Deshalb erwarte ich – oft irrtümlich – dass andere selbstverständlich auch mit meinen Einschränkungen umgehen können. Wenn sie es dann – aus was immer für Gründen – nicht tun, kommen sie mir manchmal vollkommen idiotisch vor.

 

Schwerhörig: Nächtlicher Knall

Es ist gerade sehr heiss hier, in der Nacht liess ich alle Zimmertüren und Fenster in der Wohnung weit offen, um etwas kühlere Luft hereinzulassen. Dennoch lag ich zwischendurch lange wach. Gegen 5 Uhr setzte eine sachte Brise ein und ich wurde wieder schläfrig. Da schüttelte es plötzlich mein Bett und den Boden darunter. Verdammt, dachte ich, ob das ein Erdbeben ist!? Oder steht der Freizeitsportler (unser Nachbar unten) jetzt allzu unsanft auf?

Dann war es wieder ruhig und ich schlief ein.

Am Morgen sah ich, dass die Tür zu meinem Zimmer nicht mehr offen war. Vielleicht hatte doch nicht der Freizeitsportler mich gestört. Vielleicht war die sanfte Brise so sanft gar nicht gewesen, hatte die Tür zugeknallt und dabei den Boden unter meinem Bett zum Beben gebracht. Gehört habe nichts, wie auch. Herr T. konnte mir auch keine Auskunft geben, er hatte tief und fest geschlafen. Ich werde also nie wissen, was sich da zugetragen hat.

Ganz süüferli schliesse ich dafür jetzt die Tür zu diesem Blog für eine Weile. Wir verreisen bald, unter anderem auf den Spuren des zählebigen, klugen, zuweilen auch brutalen Kreuzritters und Grafen Otto von Grandson, der ein geruhsames Leben am Neuenburgersee hätte führen können, aber die meiste Zeit im Auftrag des König Eduards I. von England durch die Weltgeschichte reiste.

Schwerhörig: Bahnhofdurchsage in Mannheim

Bahnhofdurchsagen verstehe ich oft nur fetzenweise. Meistens ignoriere ich sie, es ist ja immer alles gut angeschrieben. Aber am Auffahrtstag warteten wir am Bahnhof Mannheim auf eine S-Bahn, die mehr als eine halbe Stunde Verspätung hatte und, während wir warteten, immer noch mehr Verspätung bekam. Klar, dass ich  dem Mann am Lautsprecher aufmerksam zuhörte.

Es ist rührend, wie die Deutsche Bahn Zugsverspätungen stets zu begründen versucht, oft mit düsteren Vorfällen, etwa mit Polizeieinsätzen, die dann doch nicht genauer erläutert werden. Diesmal aber war die Erklärung für das Ausbleiben der Bahn geradezu poetisch. „Verspätung aufgrund irriger Fahrt“, sagte der Mann am Lautsprecher und dann wieder: „Verspätung aufgrund irriger Fahrt.“ Was ist überhaupt eine irrige Fahrt und wie kann ein Schienenfahrzeug eine solche machen? Ich sinnierte, aber Herr T. lachte: „Nein, du hast ihn falsch verstanden. Er hat gesagt: ‚Verspätung aufgrund vorheriger Fahrt‘.“ Was immer das nun bedeuten sollte!

Schliesslich kam der Zug und hielt und wir begannen einzusteigen, als es eine weitere Durchsage gab: „Abfahrt nur für mich um fünf vor drei.“

Was er wirklich gesagt hat, habe ich nie erfahren, denn die Türen gingen zu und der Zug fuhr endlich los. Mit uns.

 

Schwerhörig: Die verblüffende Schärfe verständlicher Sprache

Wie fühlt es sich an, in normalen Gesprächen gesprochene Sprache schlecht zu verstehen? Und warum fragen wir Schwerhörigen oft nicht nach, wenn wir im Gespräch nicht mitkommen? Ich habe mich schon oft gefragt, wie ich Euch das erklären könnte. Dann stiess ich bei Walter Benjamin auf folgendes französische Gedicht und merkte: Das ist ein Beispiel, an dem ich es vielleicht bildhaft zeigen kann.

Car il me plaist pour toy faire ici ramer
Mes propres avirons dessus ma propre mer,
Et de voler au Ciel par une voye estrange,
Te chantant de la Mort la non-dite louange.“

Pierre Ronsard: Hymne de la Mort
A Louys des Masures

Ich beherrsche die französische Sprache wahrscheinlich etwa auf dem Niveau B2, der Text gibt mir ähnlich viele Rätsel auf wie manche deutschsprachige Gesprächsfetzen, die ich am Alltag so mitbekomme. Ich scheitere schon im ersten Vers: Was heisst „ramer“? In guter Schwerhörigen-Manier versuche ich, die Bedeutung des Wortes aus dem Kontext zu erschliessen: Hier wird ein „Du“ angesprochen, es herrscht eine gewisse Intimität – zugleich haben wir aber die blaue Weite eines Meeres und des Himmels. Und „plaist“ muss eine alte Form von „plaît“ sein, „es gefällt“, das Gedicht könnte also mehrere hundert Jahre alt sein. Erst denke ich: Das ist jetzt etwas wolkig, aber es muss genügen, sonst komme ich in diesem dicken Band nie vorwärts.

Doch dann hole ich das Handy und lasse mir „ramer“ übersetzen. Es heisst „rudern“, und „mes propres avirons“ sind „meine eigenen Ruder“. Dass ich das jetzt verstehe, lässt mich die Situation ganz neu und mit verblüffender Schärfe sehen. Das passiert mir oft bei Gesprächen, in denen ich die Laune der Sprechenden und der Hörenden errate und vage das Thema – und dann geradezu erschrecke, wenn mit später klar wird, was jemand tatsächlich gesagt hat. Sprachverständnis ist durch nichts zu ersetzen.

Nehmen wir jetzt an, ich würde mit fünf Personen an einem Tisch sitzen, die Französisch akustisch und semantisch gut verstehen. Sie alle würden diesen Text vorgelesen bekommen. Klar, danach würden sie sofort zu diskutieren beginnen. Wenn ich jetzt mitdiskutieren und somit volle Inklusion will und frage, was „ramer“ heisst und was „mes propres avirons“ sind, dann müssten sie das Gespräch komplett neu organisieren, ganz allein für meine Wenigkeit. Vielleicht rudere ich dann doch lieber alleine.

Denn wenn ich nicht nachfrage, haben sie unter sich bereits angefangen, weitere Rätsel im Text zu lösen, zum Beispiel: In welchem Jahrhundert lebte Pierre Ronsard? Wer war Louis des Masures? Vielleicht bekomme ich davon dann auch Gesprächsfetzen mit und habe wenigstens zum Teil etwas vom Gespräch.

Zitiert aus dem Passagenwerk von Walter Benjamin, S. 301