Schwerhörig: Das Leben gut Hörender

Noch bis Ende Woche bin ich krankgeschrieben, wegen des Cochlea-Implantats. Die Schmerzen sind deutlich weniger. Aber ich soll mich nicht anstrengen und tue Dinge, auf die ich Lust habe. So experimentiere ich an einer Kurzgeschichte herum, über die ich schon lange nachdenke. Ich versuche, mir eine gut Hörende Protagonistin an einem Cüpli-Anlass* vorzustellen. Glänzendes Parkett, atemberaubender Blick auf den nächtlichen See, knisterndes Apero-Gebäck und Gläserklirren. Acht Anwesende, die durcheinanderreden.

Ich merke: Ich habe Mühe. Ich meine: Früher habe ich viel Zeit an solchen Anlässen verbracht. Aber jetzt kämpfe ich seit bald zwei Jahrzehnten mit merklichem Gehörverlust und habe die Teilnahme an Festivitäten stark reduziert. Jetzt frage ich mich: Ist meine Protagonistin auch nervös, bevor sie an einen solchen Anlass geht? Und wenn ja: Wie nervös auf einer Skala von 1 bis 10? Fragen Hörende sich auch: Wird da jemand sein, den ich kenne? Jemand, mit dem ich eins zu eins reden kann? Wie ist wohl die Akustik in dem Raum? Und dann: Wie ist es, wenn man an so einer Feierlichkeit Konversationen am Nebenstehtisch versteht? Darf man sich da einfach einmischen? Darf man sich an so einem Anlass durch Zurufe verständigen?

Das Leben Hörender kommt mir unglaublich orientierungslos vor. Ich habe das Gefühl, dass es für gut Hörende viel mehr mögliche Arten gibt, unglücklich zu werden.

  • Ein Cüpli-Anlass ist ein kleines, festliches Treffen, an dem in der Regel Cüpli serviert werden, also Gläser mit Prosecco oder Sekt. Dazu Apero-Häppchen, also im einfachsten Fall Pommes Chips, aber auch kleine Quiches, Canapés oder Gemüsedips. Cüpli-Anlässe finden zum Beispiel an Vernissagen oder nach Medienkonferenzen oder Vorträgen statt. In der Regel stehen die Gäste und zirkulieren auch. Sie sind gute Gelegenheiten, um neue Bekanntschaften oder unverbindlich Konversation zu machen.

Chochlea-Implantat: Aus der Narkose erwacht

Man liegt herrlich im 10. Stock des Kantonsspitals. Als ich dort am vorletzten Freitag aus der Narkose erwachte, konnte ich meinen Blick aus dem Fenster über die waldigen Hügel rund um die Stadt schweifen lassen. Der Himmel war kobaltblau. Mir war, als schwebe ich über grünen Wolken Richtung Pilatus, mit einem dicken Verband über dem rechten Ohr. Bald rollte jemand ein zweites Bett herein, mit einer Frau, die sofort Besuch bekam.

Dann kam mein Chirurg mit der Assistenzärztin. Er hat ein zuversichtlich stimmendes Lächeln. Es sei alles bestens gegangen, sagte er. Die Elektroden in meinem Cochlea-Implantat würden genau am richtigen Ort liegen. Es sei bloss so: Als sie den Hörnerv zum Test stimuliert hätten, habe dieser nicht reagiert.

Was das bedeutet, war mir auch in meinem Dämmerzustand sofort klar: Im Moment noch nicht viel. Im Moment höre ich rechts so oder so einfach mal gar nichts. Richtig ernst gilt es erst Ende Mai. Dann, wenn sie aussen den Knopf mit dem Prozessor auf meinen Schädel setzen. Wenn der Nerv dann auch nicht anspringt, um Geräusche vom Innenohr ins Gehirn zu leiten, dann habe ich mir den Schädel vergebens aufsägen lassen.

Auch die Assistenzärztin schien verunsichert. Ist ja klar: Da hat man einen guten Job gemacht, vielleicht erst wenige Male, und dann funktioniert etwas nicht wie erwartet! Doch der Chirurg lächelte, ich solle mir keine Sorgen machen. Das komme manchmal vor – sie müssten nur noch ein zweites CT machen, um sicherzustellen, dass das Implantat auch wirklich richtig liege.

Ich sagte nicht viel – nicht umsonst bedeutet das Wort «Patientin» die Duldsame. «Man muss sich in solchen Lebenslagen einen gewissen Fatalismus aneignen», pflegt mein Freund, der pedestrian, zu sagen. Und er hat recht. Im Krankenbett ist oft abwarten und ausruhen das Beste. Aber innerlich wälzte ich sofort Worst Case-Szenarien. Was, wenn ich eines Tages gar nichts mehr höre!?

Ich lag so da und blickte hinaus auf die leuchtenden, grünen Wolken unter mir. Es war unfassbar schön. Sehen kann ich ja noch, hier und heute, dachte ich. Was morgen ist, sehen wir dann. Dann ging der Besuch meiner Zimmernachbarin und ich dachte: Ich habe ja noch Restgehör, auf meinem linken Ohr. Ich setzte mich auf die Bettkante ihr gegenüber, damit ich sie anschauen konnte, und wir begannen zu plaudern. Sie hiess Agnes, ist 81, und war gerade in einer viel misslicheren Lage als ich. Aber ich glaube, von all den Menschen, die mir an jenem Nachmittag die Zuversicht zurückgegeben haben, war sie der wichtigste.

Schweizerdeutsch 65: Herzklopfen

S’Pöpperle (N)

Standarddeutsch: Herzklopfen – oder, im übertragenen Sinn: Lampenfieber. Die lautmalerische Vokabel meint jedenfalls jenen ängstlich-aufgeregten Zustand, den wir zum Beispiel vor einem bevorstehenden Auftritt haben. Wir können aber auch «ech ha’s Pöpperle» sagen, wenn wir auf den Ausgang des Ereignisses wenig Einfluss haben werden. Zum Beispiel vor einer Operation. Wir sagen es aber nur dann, wenn die Chancen intakt sind, dass alles glücklich herauskommt.

«Ech ha’s Pöpperle», sage ich jetzt, weil ich morgen früh ein Cochlea-Implantat eingesetzt bekomme, ein synthetisches Innenohr. Mal denke ich: «Grosser Gott! Wie konnte ich mich nur auf ein solch sinnloses Wagnis einlassen!» Mal: «Vielleicht werde ich danach irgendwann wieder besser Englisch verstehen! Vielleicht habe ich dann weniger Angst vor Kaffeeeckengesprächen und Restaurants!»

Noch ein Hörtest

Bevor ich ein neues Innenohr, ein Cochlea-Implantat bekomme, muss ich nochmals einen Hörtest machen. Der drölfzehnte, denke ich, oder vielleicht der drölfzwanzigste oder sogar -dreissigste in meinem Leben. Es ist wieder ein grosser Test. Alles ist mir vertraut: der schallisolierte Raum und der Lautsprecher an der Wand gegenüber. Und dass sich die Hörakustikerin oft das rechte Ohr zuhält, wenn die Töne aus dem Lautsprecher so laut sind, dass ich sie ohne Hörgeräte gerade noch höre. Die Frau ist eine fröhliche Person, wir lachen viel. Warum auch Trübsinn aufkommen lassen? Wenn ich das kommende Prozedere überstanden habe, höre ich vielleicht besser. Das ist doch ein Grund zur Heiterkeit!

Zum Hörtest gehört viel Gepiepse und dann diese Männerstimme, die zuerst Zahlen aufsagt. «DREIUNDZWANZIG – SIEBENUNDSIEBZIG – FÜNFZEHN – VIER – EINUNDFÜNFZIG» und so weiter. Danach kommen Wörter, meist mit einer Silbe: «GRAU – ZORN – SPOTT – HAUT – FAHRT.» Hier erklärt jemand von einer bekannten Hörgeräte-Firma, wie es genau geht.

Ich lausche und spreche nach, was ich verstehe. Gleichzeitig frage ich mich, warum die Zahlen so viel einfacher zu verstehen sind als die Wörter. Obwohl sie doch meist mehr Silben haben und bei mir oft mitten in der Zahl mehrere Laute im Tinnitus ersaufen.

Es muss daran liegen, dass es bei Zahlen die Möglichkeiten sehr viel begrenzter sind als bei Vokabeln. Es kommen ja meist nur solche unter hundert, also gibt es genau 99 Möglichkeiten, und man kann sicher sein, dass das Gehörte auf eine existierende Zahl verweist. Würde der Sprecher plötzlich «DRÖLFZEHN» sagen, würde man seinen Ohren nicht trauen.

Wie viele einsilbige andere Vokabeln es gibt … puh, das ist kompliziert. Die deutsche Sprache hat laut Google-KI etwa 40 Phoneme, davon 20 Vokale und 20 Konsonanten. Nehmen wir der Einfachheit halber mal an, dass ein einsilbiges Wort maximal fünf Laute hat, dabei einen Vokal oder Diphtong. Dann kommen wir bei maximal fünf Phonemen pro Einsilber theoretisch auf 3’200’000 Möglichkeiten. Es sind natürlich weniger, weil zum Beispiel ein Wort wie «FERG» nichts bedeutet. Oder weil man gewisse Konsonanten nicht kombinieren kann, zum Beispiel «FB» oder «GB» oder «NG» am Wortanfang.

Ich spitzte die Ohren und musste an einen Kollegen denken, einen Musiker, dessen unfehlbares Gehör mit den Jahren nachliess. Er konnte in manchen Musikstücken Intervalle nicht mehr hören und pflegte zu sagen: «Das ist nicht so schlimm. Ich spüre die Spannung zwischen den Tönen. Ich weiss, ob da eine Terz oder eine Quarte ist.»

 

 

Schwerhörig: Peinlichkeiten

Fast täglich kaufe ich in der Bäckerei gegenüber vom Büro mein Mittagessen. Der Betrieb dort ist enorm, die Personalfluktuation auch. So ist es mir fast unmöglich, jede Verkäuferin für den Umgang mit mir zu schulen. Neulich, ich hatte gerade bezahlt, nuschelte die neue Frau an der Kasse mir etwas zu. Es klang wie: „Alles ok?“ oder so. Hinter mir war der Laden voll, ich konnte nicht nachfragen. Ich sagte: „Ja, danke, alles ok.“ Erst danach wurde mir klar, was die Verkäuferin wirklich gesagt hatte, nämlich: „Brauchen Sie eine Quittung?“ Mist! Ich hatte eine völlig falsche Antwort gegeben. Beim Rating der Peinlichkeiten gibt das eine 3.

Das Rating der Peinlichkeiten geht von 1 bis 10, genau wie das Rating der subjektiv empfundenen Schmerzstärke im Spital.

Als ich am gleichen Abend das Büro verliess, begegnete ich meinem Chef. Er nuschelte etwas, ich fragte: „Wie bitte?!“ Er wiederholte: „Schönen Abend.“ Etwas Redundanteres hätte er gar nicht sagen können. Er lächelt mich in solchen Momenten an, als wäre ich eine harmlose und einigermassen liebenswerte Irre. Peinlichkeitsstufe 2.

Peinlichkeiten unterhalb der Stufe 5 vergesse ich meist augenblicklich. Aber neulich passierte mir eine Peinlichkeit der Stufe 8. Ich musste im Büro auf irgendetwas warten, hatte nichts zu tun und sah mir einen Fernseh-Beitrag aus den 80er-Jahren über das Sennentuntschi an (hier der Link, eine Trouvaille für alle Fans des jungen Kurt Aeschbacher). Der Sennentuntschi-Stoff ist ein ehrwürdiger Schweizer Sagenstoff, aber es geht darin immerhin um notgeile Sennen. Ich dachte, das würde sonst niemand mitbekommen, ich habe ein kleines Separée neben dem Grossraumbüro und höre alles vom Computer über mein Blutwurst-Audio-Gerät. Dieses funktioniert wie ein Kopfhörer, die anderen hören nichts. Oder sollten nichts hören. Ich muss jeweils die Lautstärke bei Videos voll aufdrehen, sonst verstehe ich den Text nicht. Ich höre. Nach ein paar Minuten merke ich, dass alle, die ich von meinem Büro aus sehe, ein seltsames Grinsen auf den Stockzähnen haben. Ich schöpfe Verdacht, dass alle mithören. Aber sicher bin ich erst, als mein Chef das Büro betritt und mich nachsichtig anlächelt. Ich hatte vergessen, mein Audio-Gerät anzustellen. Ich hatte das ganze Grossraumbüro beschallt.

Schwerhörig: Wenn es schlimmer wird

Rechts bin ich ja mittlerweile taub, links höre ich mit Hörgerät noch 40 Prozent. Das ist seit Herbst 2022 (und nach unzähligen Schwankungen) stabil so. Aber seit gestern stimmt links wieder etwas nicht. Jingles im Fernsehen klingen falsch. Sie haben in den Hochtönen ausgefranste Ränder und die Tieftöne prallen auf Löschpapier. Manchmal weiss ich nicht, ob im Nebenraum jemand brummt oder ob er ein Möbelstück verschiebt. Und die Stationsansagerin im Bus produziert Laute, die es eigentlich nur im Walisischen gibt. Zum Beispiel: „Näcllter Halt: Löwenplatll. Necllt lltop Lion Monument.“ Es macht Angst. Es fühlt sich an, als würde ich vor der Tür meines Zuhauses stehen und könnte nicht hinein.

Schwerhörig: Das Universum im Ohr

2026 werde ich wahrscheinlich ein Cochlea-Implantat bekommen, ein elektronisches Innenohr. Ich habe einen Operationstermin am 24. April. Eine Ärztin hat mir bereits die Funktionsweise eines gesunden Innenohrs erläutert: In der Hörschnecke wachsen Härchen, die beim gesunden Ohr auf Schallwellen reagieren und Impulse an den Hörnerv weiterleiten. «Die Hörschnecke ist gebaut wie ein spiralförmiges Klavier. Oben sind die Härchen für die hohen Töne, unten diejenigen für die tiefen. Bei Innenohrschwerhörigkeit sind diese Härchen kaputt. Das Cochlea-Implantat ersetzt sie durch Elektroden.» Diese Elektroden geben den Sound dann an den Hörnerv weiter.

Dann kam der Chirurg erklärte mir, wie er operieren wird: «Wir werden den Knochen hinter Ihrem Ohr aufsägen und zwischen Gesichts- und Geschmacksnerv einen Zugang zum Mittelohr und von dort zur Hörschnecke legen», sagt er. Ich nickte und sagte: «Das klingt brachial.»

Er: «Oh, nein, jedes Mal, wenn so ein Innenohr offen vor mir liegt, ist es, als würde sich ein kleines Universum vor mir auftun. Es ist wunderschön.»

Das Innenohr (Quelle: Universitätsspital Zürich).

Schweizerdeutsch 56: Das Wort zu diesem Wochenende

zonderobsi (Adv)

Standarddeutsch nur unzureichend übersetzbar mit: durcheinander, chaotisch, unordentlich.

Dieses Wochenende ist alles an mir etwas zonderobsi, weil ich am Freitag Grippe- und Covid-19-Impfung hatte. Der Freitag ist für mich ein guter Impftag, denn am Tag nach Covid-19-Impfungen habe ich jeweils Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen. Wenn ich am Samstag impfbedingt ausfalle, kommt wenigstens beim Job nichts zonderobsi.

Das Wochenende begann wie prognostiziert: Schmerzen und erhöhte Temperatur, gegen Abend um 38 Grad. Ich gönnte mir einen Pyjamatag. Nach Putzen (was ich sonst am Samstag tue) war mir gar nicht. Gegen Abend hatten meine Kopfschmerzen Stufe 7 erreicht, ich schluckte ein Dafalgan und löschte das Licht. Da wurde mir übel, ich schwitzte, es wurde eine unschöne Nacht.

Heute ist das Fieber weg, nur der Magen ist noch etwas zonderobsi, aber ich kann essen und trinken. Richtig zonderobsi war dafür die Wohnung: In der Küche stand die Giesskanne neben unabgewaschenen Teetassen und die Salatschleuder aus schmelzbarem Plastik gefährlich nahe beim Kochherd, neben dem frischen Zopf vom Samstag lag altes Brotpapier, auf dem Esstisch Stösse von alten Zeitungen. Und das Bad! Ihr wollt es gar nicht wissen!

Das Wort „zonderobsi“ selbst ist geradezu poetisch unordentlich. Es heisst, möglichst genau übersetzt „zu unter aufwärts“, was ganz und gar ungrammatikalisch ist, aber es deutet an, dass hier das Untere auf unordentliche Weise nach oben geraten ist. Ordentliche Leute verwenden es gerne, um anderen auf Grund  der Unordentlichkeit in ihrer Küche eine gewisse moralische Unzulänglichkeit zu unterstellen.

Schwerhörig: Läuft die Abwaschmaschine?

Vor vielen Jahren habe ich das Grummeln einer laufenden Abwaschmaschine einmal auf die Liste der unentbehrlichen Geräusche gesetzt (der Blog-Beitrag existiert leider nicht mehr). Die Maschine, die bei meinen Eltern wegen des günstigen Nachtstromtarifs immer spät am Abend lief, bereitete mir einst ein Gefühl von Geborgenheit. Seit wir selbst eine in der Wohnung haben, fühlt sich ihr Brummen in der Küche an wie erledigte Hausarbeit und Ordnung.

Nun bin ich hochgradig schwerhörig. Ich höre in Küchen zwar immer irgendwelche Summ-, Grummel- und Schmurgelgeräusche. Aber ich bin oft nicht sicher, woher sie kommen. Brummt der Kühlschrank? Gurgelt das Wasseraufbereitungsgerät? Ist da irgendeine Lüftung am Werk. Oder läuft doch die Abwaschmaschine? In der Cafeteria ist diese Frage relevant, denn dort müssen wir unsere gebrauchten Tassen selbst in die Maschine räumen. Wenn sie voll ist, stellt jemand sie an. Ob sie gerade arbeitet, weiss man mit einem gesunden Gehör sofort. Ich brachte es jeweils in Erfahrung, indem ich einfach mal die Tür der Abwaschmaschine aufriss. Wenn dann innen heisses Wasser herumspritzte – ja, dann lief sie.

Aber man lernt dazu, und letzte Woche habe ich Wissen erworben, das unter Umständen auch Hörenden nützlich sein könnte: Wenn eine Abwaschmaschine läuft, erhitzt das Wasser auch die Tür. Bei vielen Modellen kann man aussen mit der Hand erspüren, ob sie läuft. Wenn sie warm ist, ist es gut möglich. Wenn sie dazu noch leicht vibriert, ja, dann läuft sie.

 

Schwerhörig: Was würden Sie denn gern wieder hören?

Gerade lese ich den Roman «Flimmern im Ohr» von Barbara Schibli. Die Protagonistin, Priska, ist hochgradig schwerhörig und hat sich eine Innenohrprothese, ein so genanntes Cochlea-Implantant (CI) machen lassen. Sie will wieder Musik hören. Besonders Punk, denn die Mittvierzigerin will das Lebensgefühl ihrer jungen Jahre zurück. Aber nach den ersten Versuchen ist sie enttäuscht, und so versucht die Therapeutin, Priskas Blickfeld zu erweitern. «Was würden Sie denn gerne wieder hören können? Das muss nicht zwingend Musik sein», sagt sie. Es ist, als würde sie mich fragen. Ich bin auch hochgradig schwerhörig und werde bald ein CI bekommen.

Was für eine anstrengende Frage, denke ich. Ich meine, klar: Am liebsten würde ich zehn Meter von mir entfernt in einem Raum mit Parkettboden eine Stecknadel zu Boden fallen hören und hätte dann wieder dieses göttliche Raumgefühl, das man hat, wenn man so etwas hört. Und ich möchte natürlich den Parkett knarzen hören und zwar scharf und präzis. Ich möchte, dass Kammermusik nicht mehr wie Katzenmusik klingt, und ich möchte nach dem Kammermusik-Konzert mit jemandem plaudern und das Knarzen des Parketts und die Stimme meines Gegenübers auseinanderhalten können. Und vor allem möchte ich nach einem solchen Anlass nicht immer todmüde sein. Ich möchte in eine Bäckerei gehen und ein Brötchen kaufen können, ohne mich schon vor der Tür zu ängstigen, weil ja jedesmal etwas schiefgeht bei einem Verkaufsgespräch in der Bäckerei. Aber das sind vermessene Träume, das weiss ich.

Man hat mir früh zu verstehen gegeben, dass ich mir beim CI nicht allzu kühne Hoffnungen machen soll. Das CI macht aus einer fast gehörlosen Person eine schwerhörige Person, hat man mir gesagt. Musik? Schwierig. Und vielleicht würde die schiere Grossartigkeit von Musik mich sowieso komplett überwältigen. Ich glaube, es würde mir schon reichen, wenn nach einem Tag mit Brötchenkaufen und Gesprächen und Katzenmusik nicht immer so erschöpft wäre.