Standarddeutsch: «Es macht auf». Sinngemäss: Der Nebel – oder die Wolken – lichten sich. «Es» ist dieser formlose Raum um und über uns, in dem unser Wetter stattfindet. Wie in «es regnet» oder «es schneit»).
Das ganze schweizerische Mittelland liegt in diesen Tagen am Grund einer dicken Nebelsuppe. Wie so oft im Herbst und Winter. Es ist die Zeit, in der wir uns unserem täglichen Kleinklein widmen, hektisch, konzentriert, verbohrt, von früh morgens bis spät abends. Was sollen wir auch ins Weite schauen? Es gibt dort doch gar nichts zu sehen! Immerhin: Vor einer Woche hatte ich einen fast freien Nachmittag. Ich machte mich auf nach einem Ort namens Vogelsang. Zuerst kam ich zur Bank unter der riesigen, gelbbelaubten Eiche und dem Wegkreuz beim Seehof. Ich setzte mich hin. Es war 15.30 Uhr. Jemand hatte die Jesusfigur über mir frisch angemalt. Sie hängt da, reglos und hellrosa. Da lichtete sich der Nebel, die Sonne beschien das Eichenlaub und die Jesusfigur. Eine halbe Stunde später war ich im Vogelsang. Dort sah ich diesen einen, sündhaften Apfel.
Landschaft in der Nähe unseres Zuhauses am 25. Juli 2025.
Dehäi esch es au weder schöön!
Standarddeutsch: Zu Hause ist es auch wieder schön. Der Gemeinplatz, mit dem wir es uns schönreden, dass das Reise-Abenteuer und die freien Tage vorbei sind, man in der Wohnung einen Stapel Post vorfindet und es etwas muffig riecht. Meist weiss ich es tatsächlich zu schätzen, dass ich winzige Hotelzimmer mit wackligen Internetverbindungen hinter mir lassen und in meine vertrauten vier Wände zurückkehren kann. Aber dieses Jahr sehnte ich mich noch lange ins Unterwallis oder ins Lavaux zurück.
„Dehäi“ heisst im Beispiel hier „zu Hause“ im Gegensatz zu „in den Ferien“ und kann damit auch einen Ort ausserhalb der eigenen Wohnung bezeichnen. „Dehäi“ kann aber auch Gegensatz zu „vorosse“, also ausserhalb der Wohnung, gebraucht werden.
Herr T. in Hérémance, im Wallis, im Vordergrund links ein traditionelles Haus, im Hintergrund die berühmte Betonkirche (über die er hoffentlich noch schreiben wird).
Mein Mann, den ich hier Herrn T. nenne (er sich selbst: der Kulturflaneur) hat sich zu unserer Tour de Romandie verlauten lassen. Hier der Link. Sein Beitrag ist eine sorgfältig gestaltete, übersichtliche Präsentation unserer Route und unserer wichtigsten Erlebnisse – reich bebildert. Wo ich mich von den einen Dingen mitreissen lasse, dafür andere (auch aus Zeitgründen) einfach weglasse, ist bei ihm Ordnung und Überblick.
Wenn ich so darüber nachdenke, muss ich an meinen Monsieur dans les pommes de terre denken: Ich nehme wieder mal zuerst die grossen Kartoffeln und lasse auch mal ein paar (für mich) kleine liegen. Das ist nicht nur schlecht – es kann im Büroalltag durchaus sinnvoll sein. Herr T. aber macht das Erlebnis vollständig: Er zeigt mir, wie man alle Kartoffeln aufsammelt, und mit Methode. So, wie wir schreiben, reisen wir auch. Oft habe ich Ziel oder wenigstens eine Obsession, er hat einen Plan und stets die Orientierung. Und wenn es mal umgekehrt ist, lassen wir uns auf das ein, was der andere will. Klar, manchmal streiten wir auch. Aber bis jetzt haben wir uns immer wieder eingekriegt. Es ist wunderbar, mit Herrn T. zu reisen.
Unsere Ferienwohnung lag mitten in der Altstadt von Sion, an der Rue du Grand-Pont. „Ich frage mich, wo die grosse Brücke ist, nach der sie benannt ist“, sinnierte Herr T. Wir hatten auf dem Weg hierher nirgends eine gesehen. Mir war das nicht so wichtig. Ich war gerade dabei, mich in die Stadt zu verlieben. Vom Wallis hatte ich zuvor nur die Berge gekannt. Jetzt sah ich, dass es einen charakterstarken Kantonshauptort hat.
Das Café Grenette in der Altstadt von Sion.
Wenige Schritte von unserer Wohnung entfernt: das Café La Grenette, wo wir uns gleich nach unserer Ankunft mit der gebotenen Vorsicht in eine Ruine von einem Sofa sinken liessen. Nach kurzem Zögern war ich hingerissen von dem Lokal. Es erinnert an die Genossenschaftsbeizen, von der es in der Deutschschweiz nur noch jene in Solothurn gibt. „La Grenette“ ist aber mehr. Es ist schrill, selbstironisch, manchmal ein wenig verstörend, frönt vergnügt der Gaukelei und Anspielungen an die frankofone Popkultur. Es ist, so steht es hingemalt an der Mauer beim Eingang: „Le Grand Café Grenette – Tripot clandestin depuis 1724; Vins, bières lièdes, Xylocéphalies en tous genres.“ Heisst: „Grand Café zur Markthalle – Heimliche Spielhölle seit 1724, Weine, Sauerbiere und Holzköpfigkeiten aller Art.“ Wir genehmigten uns in der Grenette abends öfter ein Glas Fendant – sogar der schmeckt dort feuriger als in der Deutschschweiz.
Die beiden Burghügel Tourbillon (links) und Valère um 1900 (Quelle: Wikipedia).
Prägend für das Stadtbild und eine Wucht sind die beiden Schlösser, die auf Hügeln östlich der Stadt thronen. Auf dem Valère steht eine 1000 Jahre alte, respektgebietende Basilika, noch dazu mit einer Orgel aus dem 14. oder 15. Jahrhundert. Der Bau diente im Mittelalter auch als Schutzburg für die Bevölkerung und hat sogar eine angebaute Getreidemühle. Auf dem Tourbillon residierte im Sommer der Bischof von Sion, einst Herrscher über die ganze Talschaft und gelegentlich im Kampf mit den Savoyern, deren Reich wenige Kilometer westlich von Sion begann.
Die heilige Barbara im Antiquitätenladen. Das gespiegelte Auto täuscht. La rue du Grand-Pont liegt in einer Fussgängerzone.
Als wir weiter in der Altstadt umherstromerten, sah Herr T., warum die Hauptgasse dort Rue du Grand-Pont heisst: An ihrem unteren Ende quillt unter den Häusern hervor ein Flüsschen, die Sionne. Nun sahen wir: La rue du Grand Pont liegt nicht neben einer grossen Brücke, sie ist selbst eine und schätzungsweise 300 Meter lang. Mein Lieblingsort dort ist der Antiquitätenladen Thuriot Antiquaire. Dort entdeckte ich im Schaufenster eine quicklebendige Darstellung der Heiligen Barbara. Ich betrachtete sie jedesmal, wenn ich an ihr vorbeigung. Würde die Frau heute leben, dann würde sie kompetent eine Fachhochschul-Abteilung leiten. Auch bei höchster Sitzungsdichte wäre sie stets heiter, fair und gefasst – darin w¨ürde sich ihre Fähigkeit zeigen, Wunder zu wirken.
Unser Radius in Sion beschränkte sich weitgehend auf die Altstadt und den Bahnhof. Es war heiss wie in einem Backofen, zu heiss für Spaziergänge. Einmal sass ich im Schatten der Kathedrale, die ironischerweise „unserer Lieben Frau vom Gletscher“ gewidmet ist und dachte: „Wenn die Pizza, auf der ich hier sitze, fertig ist, wird uns die Sonne verschlingen.“ Etwas Abkühlung ist im Square de Mayennets zu haben, nahe beim Bahnhof. Dort gibt es Bäume, ein Becken mit kleinen Springbrunnen und in der Nordwestecke ein farbenprächtiges Wandbild von der Stadt.
Das klassische Lavaux-Bild – zwischen Chexbres und Vevey.
Wer mit der Eisenbahn über Fribourg Richtung Genfersee fährt, sollte auf der linken Seite sitzen. Denn wenn der Zug aus dem Tunnel südwestlich von Palézieux hinauszieht, erblickt man links ein weiten, sanft abfallenden Hang, über und über bedeckt mit Weinreben, bis hinab zum See – und auf der anderen Seite die französischen Alpen. Das ist das Lavaux. Herr T. sagte: „Es heisst, wenn die Deutschschweizer das sehen, schmeissen sie ihr Retourbillet weg!“
Um ehrlich zu sein: Wir hätten es uns nicht leisten können, unser Rückfahrticket wegzuschmeissen. Hotelzimmer sind hier knapp und teuer. Aber wir leisteten uns den Luxus dreier Hotelnächte im „Préalpina“ in Chexbres. Der Blick vom Frühstückssaal auf den See ist betörend.
Als wir in Chexbres aus dem Zug stiegen, wehte mir der säuerlich-schweflige Duft des nahen Rebberges entgegen. Man könnte vielleicht fragen, ob es der Geruch der Gifte ist, mit dem sie hier ihre Kulturen vor Schädlingen schützen, wie überall sonst auch. Aber ich hatte keine Zeit dafür. Ich wollte einfach dasitzen und auf die fast unwirkliche Bläue des Sees schauen, auf das smaragdgrüne Laub der Weinstöcke. Auf die Strässchen und Dörfchen, die aussehen, als wäre die Zeit hier Mitte des letzten Jahrhunderts stehengeblieben.
Das sieht nicht nur so aus. Es ist tatsächlich so. Die Waadtländer Stimmbevölkerung hat diese Landschaft mitsamt der alten Weinbaukultur 1977 per Volksabstimmung vor dem Bauhunger der Immobilienwirtschaft geschützt. Und diesen Schutz über die Jahre weitgehend bestätigt, trotz immer wieder neuen Anläufen, Teile des Gebietes zur Überbauung freizugeben. Heute ist das Lavaux mitsamt seiner Weinbaukultur Unesco-Weltkulturerbe. Dass wir es so lieben, ist auch ein bisschen helvetischem Narzissmus zuzuschreiben.
Aber, ehrlich: Wie wir im Café de la Poste in Chexbres sassen, Chasselas tranken und über das Land blickten, wird für immer zu meinen glücklichsten Erinnerungen an diesen Sommer zählen. Und auch, wie wir am zweiten Tag unten am See einen kleinen Kiesstrand fanden und uns in diesen atemberaubend blauen, kühlen See gleiten liessen.
Standarddeutsch: Machen wir doch eine kleine Blustfahrt!
Wenn die Obstbäume blühen, fahren Herr T. und ich manchmal mit der S-Bahn hinaus ins Seetal. „Machemer es Blueschtfährtli!“ sagen wir, bevor wir in den Zug steigen. „Blueschtfährtli“ klingt, als käme es aus dem Vokabular unserer Grosseltern, und so stellen wir uns denn Grosseltern vor, die nach Jahren harter Arbeit wohl verdiente Zeit haben, um mit einem altmodischen Auto über noch einspurige Landstrassen zu tuckern. Links und rechts nicken ihnen Kirschbäume mit himmlisch weissen, wogenden Frisuren zu. Grossvater sagt fachmännische Dinge über Chlöpfer und Brönner und irgendwo besuchen sie ein Kapälleli, vielleicht dasjenige in Ursmu, danach kehren sie in einer Gartenbeiz ein, er gönnt sich ein Rivella, sie eine Cremeschnitte.
Für ein Blueschtfährtli hatte ich dieses Jahr noch keine Zeit, aber für ein Blueschtschpaziergängli am 11. April im Maihof Luzern.
Wenn wir im Winter auf der Melchsee-Frutt waren, habe ich immer davon geträumt, einmal mit Schneeschuhen den Gumm zu ersteigen und dann den weiten Hang hinunter Richtung Tannalp zu schreiten. Weg von den vertrauten Fusswegen, ein kleines Stück hinein in die Wildnis. Auch wenn gut vorgespurt ist und bei schönem Wetter täglich ein paar Dutzend Leute dasselbe tun – für mich wäre es eben doch ein Abenteuer gewesen. Aber Herr T. fuhr lieber Ski und allein hatte ich Schwindelpatientin mich nicht getraut. Diesmal waren wir zu fünft. Bei der rosarot bewegweiserten Abzweigung nahmen wir den Aufstieg.
Das erste Drittel ging tiptop. Nach dem zweiten hätte ich gerne aufgehört. Aber wir nahmen das letzte auch noch, die sportliche Kollegin G. uns anderen weit voraus.
Zuoberst eine Aussicht zum Frohlocken! Hinter uns die Wellen, über die wir uns heraufgemüht hatten. Vor uns die Felsklippe hinunter ins Gental im Berner Oberland, eine neue Welt. Aber nicht zu weit nach vorne gehen! Der Schnee auf Felswänden kann abbrechen, dann droht ein Sturz in gähnende Tiefen.
Wir drehten nach links, zum Abstieg: Hach, er übertraf meine kühnsten Träume! Dieser Blick in die verschneiten Hügel! Langsam in die weiche, weisse Weite schreiten, sachte bohren sich die Zacken der Schneeschuhe bei jedem Schritt in den sonnenwarme Pfad. Die vom Letrozol doppelt schmerzenden Knie werden kaum belastet. Einer dieser Momente, in denen man nicht sicher weiss, ob man lieber vorwärtskäme oder hofft, dass er ewig dauern möge.
auf Hochdeutsch: sich auf leisen Sohlen herbei- oder davonstehlen, ganz sachte auf den Zehenspitzen gehen.
24. Dezember: Während die Kinder, vom Papa abgelenkt, mit Bauklötzen spielen, passiert hinter ihrem Rücken Unerhörtes: Das Christkind tüüsseled mit einem Arm voller Geschenke in die Stube. Dort wartet Mama, nimmt dem Christkind leise die Päckli ab und legt sie unters Bäumchen. Das Christkind macht sich über den Balkon davon, dann ruft die Mama die Kinder in die Stube, und – „Oh, Du fröhliche!“ – da steht das Bäumchen, erleuchtet von ganz vielen Christbaumkerzen!
So war das bei uns.
Frohe, leuchtende Weihnachtstage wünsche ich Euch allen!
Vor ein paar Jahren machte ich mit meiner Freundin Helga in Deutschland einen Ausflug nach Speyer. Sie zeigte mir den goldenen Hut im Museum, dann schlenderten wir zum Auto zurück. „Dort hinten liegt der Rhein“, sagte sie beiläufig. Ich sofort: „Oh, da will ich unbedingt hin!“ Sie sah mich befremdet an. „Da gibt es aber nicht viel zu sehen“, meinte sie. „Das ist einfach ein Fluss.“ Ich grinste: „Du bist kein sehr reisefreudiger Mensch, oder?“ Ich gab keine Ruhe, bis wir am Rhein standen und ich die Hand ins Wasser getaucht hatte. Mich beglückte die Vorstellung, vielleicht einen Tropfen am Finger zu haben, der 350 Kilometer flussaufwärts durch meine Heimatstadt Luzern geflossen war. Denn durch meine Heimatstadt fliesst die Reuss, und die wiederum mündet bei Brugg im Aargau in die Aare – und die wiederum etwas weiter nördlich in den Rhein.
Die Episode ging mir durch den Kopf, als ich „Iowa“ von Stefanie Sargnagel las. Die 38-jährige Autorin schildert darin ihren „Ausflug nach Amerika“ mit der Musikerin Christiane Rösinger im Jahre 2022. Zunächst sitzen die beiden in einem Unort namens Grinnell fest. Aber dann werden sie eines Autos habhaft, und plötzlich tun sich ungeahnte Möglichkeiten auf. Bei näherer Betrachtung klingen allerdings auch diese Möglichkeiten recht banal, halt das, was die Touristin so macht. Bis die Idee auftaucht, an den Mississippi zu fahren. „Mit einem Mal verklärt sich Christianes Blick“, schreibt Sargnagel (S. 137). „Etwas ist entfacht“ bei der Freundin. Stefanie erwidert trocken: „‚Ok, dann machen wir Mississippi, ist notiert.'“
Das tun sie dann auch. Sie erreichen den Strom bei Dubuque im Staate Iowa. Dort ist Christiane „glücklich und streckt ihre Nase in den Wind“. Stefanie dagegen findet alles hier „zubetoniert und deprimierend“ und hat auch noch Menstruationsschmerzen. Sie reisst sich dann aber zusammen und erzählt eine magische Anekdote über Christiane und den Fluss und die Pelikane am Fluss, die sie vielleicht gesehen haben und vielleicht auch nicht. Warum nur fühlen manche Menschen den Sog, den nur schon der Name eines Flusses haben kann und manche nicht?
Stefanie Sargnagel: „Iowa – ein Ausflug nach Amerika“, Rowohlt Verlag, 2. Auflage, 2024