Beschwipst vom blauen Himmel


Klein, aber unverschämt blau: Ehrenpreis gehört zu meinen Lieblingsblümchen.

Heute kam unerwartet ein arbeitsfreier Nachmittag. Die Sonne scheint, und um die Stadt stehen die Berge noch weiss wie eine frisch polierte Zahnreihe. Mich zog es zum Göttersee. Ich hatte Sehnsucht nach Frühlingsblümchen.

Am Göttersee fand ich Scharbockskraut, Buschwindröschen und dazu ganze Ehrenpreis-Kissen. Das Kraut hat winzige Blümchen, die am Rand der grossen Kuhweiden stehen. Aber wer es für bescheiden hält, hat nicht genau hingeschaut. Geradezu unverschämt streckt der Ehrenpreis seine blauen Kelche dem Himmel entgegen wie einen zart geäderten Spiegel. Wie ich als Kind über dieses Blau gestaunt habe! Und die Pflanze hat fast so viele Namen wie eine kleine Gottheit: Männertreu, Frauenbiss, Katzenäuglein, Veronica oder Wildes Vergissmeinnicht. Es gibt Gamander-Ehrenpreis – und wenn ich wieder einmal einen Krimi schriebe, dann würde ich einen würdevollen, stillen Staatsanwalt aus dem Tal O. Herrn Gamander nennen. Auf Schweizerdeutsch heissen sie: Chatzenäugli. Und – so habe ich zumindest immer geglaubt und es wegen der blauen Farbe für plausibel gehalten: Himmugüügeli. Ich legte mir eine Theorie zurecht, was „güügeli“ bedeuten könnte. Weil „güügele“ bei uns auch „sich einen Schwips antrinken“ heisst: die Blümchen, die sich am Blick in den blauen Himmel berauschen.

Das Internet hat meiner überbordenden Kreativität jähe Grenzen gesetzt und informiert mich hier ganz lapidar: „Himmugüügeli“ heisst Marienkäfer.

Ein merkwürdiges Leseerlebnis

Zurzeit lese ich ein Buch von Fernando Pessoa. Sowas hätte ich früher nie gemacht. Ich habe Leute, die derart poetische Texte lesen, lange Zeit ein wenig belächelt. Und insgeheim bewundert, für ihre Geduld, ihre Leidenschaft für die Sprache. Meins war immer eher das Narrative. Hungrig auf Geschichten bin ich jederzeit. Wenn ich einen ganzen Tag lang tun könnte, was ich wollte, ich würde mir nur Geschichten erzählen lassen.

„Ach, die Poesie, die Sprachkünstelei, die lyrische Selbstverliebtheit! Das interessiert mich einfach nicht!“ sagte einmal der Newshund, ein Journalistenkollege. In der Freizeit liest er russische Klassiker. „Mich interessiert das Zwischenmenschliche, der soziale Konflikt.“ Ich nickte eifrig. Genauso geht es mir auch. Aber dann besorgte ich mir doch „Das Buch der Unruhe“. Auch an ihm interessierte mich zunächst vor allem das Zwischenmenschliche. Denn Erzähler dieser Texte ist der Hilfsbuchhalter Bernardo Soares. Und der muss damit zurechtkommen, dass er eine Schattenexistenz in einem subalternen Job und als Junggeselle fristet.

Ich überlegte lange, ob ich es überhaupt mit dem Buch aufnehmen solle. 533 Seiten, das kostet Zeit – und als ich zögerlich zu lesen begann, merkte ich, dass ich nur langsam vorwärtskam. Oft lag ich abends lesend auf dem Rücken in meinem Bett wie auf einer scheinbar stillen Wasseroberfläche. Es fühlte sich an, als würde ich die tote Frau machen. Äusserlich bewegte sich nichts, aber innerlich machte ich ständig subtile Gleichgewichtsübungen, um auf den Strömungen dieses seltsamen Textes weiterschweben zu können.

„Ich schreibe meine Literatur wie ich Buch führe – sorgfältig und gleichgültig“, berichtet Soares. Und es ist diese Sorgfalt, diese gelassene Genauigkeit, die mich festhält. Dieser Erzähler hat null lyrische Selbstverliebtheit, null Begehren, die Leserin mit Kunststücken zu fesseln. Er beobachtet die Welt und sich selbst wie ein Unbeteiligter. Alles ist unfassbar gross. Und alles ist nichts, auch er selbst.

Es ist eines des merkwürdigsten Leseerlebnisse, die ich je gehabt habe. Abends lese ich und bin glücklich, am Morgen habe ich vergessen, was ich gelesen habe. Aber ich merke, dass ich anders zu schreiben beginne. Sorgfältiger.

Amor an der Bushaltestelle

Wenn ich im Moment überhaupt Bus fahre, warte ich oft an der grossen Bushaltestelle am Schwanenplatz. Dann sehe ich auf der anderen Strassenseite ein repräsentatives, sechsstöckiges Bauwerk aus dem vorletzten Jahrhundert. Es ist Heimat eines 170-jährigen Uhren- und Schmuckladens, der vor der Coronakrise sein Geschäft mit kostspieligen Souvenirs für Touristen aus aller Welt machte. Immer geht mein Blick zuerst zur Spitze des Gebäudes, zum kleinen Amor im Türmchen. Ich muss wissen, ob er noch steht, mit dem Rücken zum Abgrund, Sekundenbruchteile vom Sturz entfernt seit Jahrzehnten. Ob er noch um sein Gleichgewicht ringt. Ob die Girlanden noch halten, an denen er sich festhält. Ob noch immer das Lächeln eines ins Spiel versunkenen Kindes seine Lippen umspielt.

Er steht.

Ich mag ihn. Vielleicht, weil mir manchmal selbst schwindlig ist. Vielleicht wegen seines Lächelns. Ich weiss: Wenn er stürzt, werden ihm Flügel wachsen. Auch wenn wir sie jetzt noch nicht sehen.

Eine Reise im Kopf


Baum auf der Insel Korsika (Quelle: skiinfo.de)

Lasst es mich kurz und bündig sagen: Ich habe diese anders „Denkenden“ sowas von satt. In den letzten Tagen gingen hierzulande politisch wieder mal die Wogen hoch, und der Irrsinn fegte auch durch mein Büro. Grauenerregend. Wirklich, ich kann es im Körper spüren. Ich fühlte ich mich wie vor Jahren, als ich bei stürmischem Wetter an einem Strand in Korsika zeltete. Nach vier Tagen Westwind kam ich mir so verbogen vor wie der einzige Baum, der weit vorne am Meer stand.

Kurz nachdem der politische Aufruhr seinen Höhepunkt erreicht hatte, lag ich im Stuhl meiner Dentalhygienikerin. Sie schabte so sachte an meinen Zahnhälsen, dass ich Zeit zum Nachdenken hatte. Der Punkt ist: Ich kann wenig tun gegen die Narretei, die sich tagtäglich an meinem Schreibtisch manifestiert. Meistens nehme ich das alles mit Humor. Aber jetzt wird es mir zu viel. Ich brauche Strategien, um mich zu schützen.

Ich denke an meinen vom Wind verbogenen Baum auf Korsika. Ich sehe die Hügel am Strand mit dem körnigen, rötlichen Sand. Ich sehe das Flüsschen, das wenig Schritte von unserem Zelt ins Meer mündet. Ich habe es oft durchwatet damals, es war kaum knietief. Ich war keine 20 und hingerissen von den von Wind und Wetter zurechtgeschmirgelten Felsen rundum. Vom Ginsterduft der Macchia in der Nacht. Ich konnte mich an allem kaum sattsehen und -riechen. Ich sehe die Kaserne von Bonifacio im harten Nachmittagslicht. Ich sehe die Sonnenuntergänge nach dem Sturm. Für Momente sieht die Welt bei so einem Sonnenuntergang ewig aus. Ich habe mich schon viele Jahre nicht mehr an diese Reise erinnert. Aber jetzt tue ich es. Es fühlt sich gut an. Als die Dentalhygienikerin fertig ist, kann ich wieder gerade stehen.

Ist es so einfach, so banal? Das Meer, der Strand, ein Sonnenuntergang? Egal. Ich werde das jetzt öfter tun.