Schweizerdeutsch 55: Ein uraltes Wort für Glück

Gfeeu (N, n)

Es gibt Wörter, die ich in den Knochen spüre. Sie sitzen dort seit Jahrzehnten, mächtig, aber fast vergessen. «Gfeeu» ist so ein Wort. Meine aus dem Solothurnischen stammende Grossmutter  brauchte es zum Beispiel, wenn eines von uns Kindern mit Glück einer potenziellen Kalamität entronnen war. «Do heit der Gfeeu gha»* bedeutete, dass wir von einer höheren Macht beschützt worden waren. Es war eine Macht, die es auch weniger gut mit uns hätte meinen können.

Ich kenne niemanden, der das Wort «Gfeeu» heute noch verwendet. Aber als ich neulich meinem Vater aus dem Roman Quatemberkinder von Tim Krohn vorlas, begegnete es mir wieder. «Gfell» geschrieben. In manchen Schweizer Dialekten wird aus einem «l» nach einem Vokal halt ein «u». In anderen nicht. Krohn schreibt über die von glückbringenden und gfürchigen Mächten durchwalteten Glarner Berge. «Oh, hier steht ‹Gfell›, wie Gfeeu», sagte ich zu meinem Vater, «Habt ihr das bei euch zu Hause auf dem Bauernhof auch gesagt?»

Mein Vater fragt mich manchmal in einer Stunde dreimal, welchen Wochentag wir gerade haben. Aber jetzt sagte er ohne zu zögern: «Gfeeu im Schtaau**. Ja, das haben wir auch gesagt.»

Tim Krohn: «Quatemberkinder», Eichborn Verlag, Frankfurt, 1998.

* «Da habt ihr Glück gehabt!»
** «Glück im Stall»

Schweizerdeutsch 48: Ein Feiertag

Maria obsi (Eigenname und Adverb)

Jugendslang der späten achtziger Jahre für den Standarddeutsch als Mariä Himmelfahrt bezeichneten katholischen Feiertag am 15. August.

Wir haben im Kanton Luzern ja diese Feiertage, deren Sinn niemand mehr kennt: Fronleichnam, Mariä Empfängnis, Mariä Himmelfahrt. Sie sollen wohl zur inneren Einkehr und Besinnung rufen. Aber als ich jung war, besann ich mich nur auf sie, wenn ich an ihrem Vorabend um 17 Uhr unerwartet vor verschlossenen Lebensmittelladentüren stand. Dann musste ich in den Tankstellenshop oder ins Bahnhofshopping rennen, um überhaupt etwas zu essen im Haus zu haben. Oder im Restaurant einkehren, wenn denn ein offenes zu finden war. Frei hatte ich nie. Entweder arbeitete ich in einem reformierten Kanton, da existieren diese Feiertage nicht. Oder ich musste die Zeitung vom nächsten Tag machen, der ja jeweils wieder ein Werktag ist. In meiner Jugendclique nannten wir Mariä Himmelfahrt «Maria obsi», wobei «obsi» so viel wie «nach oben» bedeutet,  und es ist bezeichnend, dass das kein richtiges Deutsch ist, auch kein richtiges Schweizerdeutsch.

Am Vorabend des diesjährigen 15. August sass ich bei meinem Vater im Talgrund und sagte: «Morgen ist wieder so ein Feiertag, welcher nur?! Ah, Maria Himmelfahrt!» Er schaut mich an mit dieser steinernen Miene, die er jetzt hat, wenn ihm irgendetwas aus der Vergangenheit einfällt. Er sagt: «Wir nannten ihn Maria Flüguf!» – Maria Fliegauf! Ich überlege mir kurz, ob ich jetzt an flatternde Hühner denken soll. Dann entscheide ich mich für ein inneres Bild von einer weiss gekleideten Frau, die senkrecht wie eine Kerze dem blauen Himmel entgegenschwebt und stelle mir vor, wie schön es wäre, so nach oben zu sinken.

Westschweiz: Erinnerungen an einen Sprachaufenthalt

Herr T. wollte den Canal d’Entreroches sehen, einen kuriosen, von Niederländern gebauten Verkehrsweg aus dem 17. Jahrhundert. So nahmen wir in Yverdon eine S-Bahn und stiegen nach einer Viertelstunde an der einsamen Haltestelle Bavois aus. Dort war einmal der Wasserweg, er ist verschwunden. Jetzt sind dort Wiesen und Felder, meist Futtermais, dazwischen dann und wann eine Reihe Pappeln, ein Kartoffelacker.

Als ich erste Kartoffelblüten sah, wurde ich von einer Flut von Erinnerungen überwältigt. In einer ähnlichen Ebene in der Westschweiz kauerte ich vor mehr als 40 Jahren in einem solchen Acker. Der Monsieur rügte mich, weil ich die Kartoffeln nicht der Reihe nach geerntet hatte, sondern die grössten zuerst (und dabei ein paar kleinere hatte liegen lassen). Ich hatte wieder den Dialekt des Monsieurs im Ohr, der zweitletzte Silben nahezu synkopisch betont und verlängert. Er hätte zum Beispiel „Baavois“ gesagt, und nicht Bavois.

Ich war im Landdienst. In der Generation meiner Eltern war es noch üblich, dass Jugendliche ein Jahr lang „is Wäutsche“ geschickt wurden – also ins Welschland (so nannte man damals die Suisse romande. Heute sagt man das  nicht mehr, es gilt als pejorativ). Man arbeitete als Erntehilfe oder als Au pair. Um Französisch zu lernen, etwas zu leisten und – beaufsichtigt durch verantwortungsbewusste Monsieurs und Madames – erste Erfahrungen im Leben ausserhalb des Elternhauses zu sammeln. Mein Vater organisierte einen solchen Aufenthalt für mich. Er dauerte nur fünf Wochen, die Sommerferien mussten reichen. So kam ich, wahrscheinlich 1982, in die Rhoneebene, in ein Dorf in der Nähe von Aigle.

Ich arbeitete nicht nur „dans les pommes de terre“, sondern auch „dans les betteraves“ (in den Zuckerrüben) und vor allem „dans le tabac“ (bei der Tabakernte). Tabak wächst in der Schweiz nur in tiefen Lagen, wo es warm genug ist. Im Juli erntet man die untersten Blätter, die dann schon gelblich sind. Das war Handarbeit. Heisst: Man kriecht mit krummem Rücken den Tabakreihen entlang. Ich war stolz, dass ich das konnte, ich liebte die Hitze, das Rascheln der Tabakblätter zwischen meinen Händen und sogar die Schmerzen im Kreuz, wenn ich mich nach zwei Stunden wieder aufrichten wollte. Habe ich Französisch gelernt? Oh ja. Gewiss habe ich den Monsieur oft mit meiner Fragerei genervt. Zu gerne hätte ich gewusst, wie und wo genau der Tabak in die Zigaretten kam, die er reichlich rauchte.

Das Hafengebäude des Canal d‘ Entreroches. Als Soundtrack zur Kanal-Erforschung würde sich der Titel „In the Dutch Mountains“ von The Nits eignen. Rechts der Lindenbaum. Bild: kulturflaneur.ch.

Als Herr T. und ich beim Hafengebäude des Kanals anlangten, war ich ganz bei der Landwirtschaft. Das Haus steht am Fuss einer Hügelkette. Nur Umrisse im Gras hinter dem Haus lassen erkennen, dass hier einmal ein Hafenbecken war. Ich interessierte mich mehr für die mächtige Linde an der Zufahrt. Sie blühte. Neben ihr stand ein kleiner Kran mit einem angehängten Personenkorb, der zwischen ein die Äste des Baumes gezwängt war. Man konnte niemanden sehen, aber Herr T. sagte, er höre zwei Personen darin reden. Wahrscheinlich ernteten sie „les fleurs de tilleul“.

Schweizerdeutsch 43: Vater sucht ein Restaurant

Do chasch nüd säge.

Standarddeutsch: „Da kannst Du nichts sagen.“ Sinngemäss: „Dagegen ist nichts einzuwenden.“

Gestern wollten Herr T. und ich online drei Hotelübernachtungen in einer kleinen Stadt im Westen Deutschlands buchen. Wir klickten uns durch rund ein halbes Dutzend Angebote, irgendwann hatten wir ein zentral gelegenes Haus vor uns, erschwinglich, leidliche Bewertungen, und ich sagte: „Do chasch nüd säge.“

Diesen Satz hatte ich seit Jahren nicht gehört und sowieso nicht gesagt. Woher kam das jetzt wieder!? Da sah ich meinen kleinen Bruder und mich im Schlepptau unserer Eltern in der französischen Kleinstadt Evian, bei einem Tagesausflug über die Landesgrenze, um 1980, vielleicht unser erster. Bei meinen Eltern hatte sich bescheidener Wohlstand eingestellt. Es war Mittag. Wir gingen hungrig in der Stadt umher, Vater und Mutter studierten vor jedem Restaurant die Speisekarte mit den Preisen und etwa jedes zweite Mal sagte mein Vater: „Do chasch nüt säge“, das heisst: Er fand es akzeptabel. Aber ich glaube, die Preise waren überall ähnlich, und wo das Essen gut war, wussten wir halt auch nicht. Wir standen ratlos da, als der Briefträger mit einem Töffli den Hang herauftuckerte und meine Mutter sagte: „Komm, wir fragen ihn. Briefträger wissen immer, wo man gut isst.“ Das tat dann mein Vater, stolz auf sein gutes Französisch. An jenem Tag gab es einen Rindsbraten mit Rotweinsauce. Passabel und erschwinglich.

 

Schweizerdeutsch 34: ein loses Kleidungsstück

Schlüttli (N, n)

Standdardeutsch: Säuglingsjäckchen; kann aber jedes für andere leicht zu handhabende, lose sitzende Kleidungsstücke verwendet werden.

Am Dienstag war ich für eine Operation im Spital. Nichts Ernstes, aber ich bekam eine Vollnarkose. Seither bin ich zerstreut und mein Kreislauf macht mir zu schaffen. Vorhin habe ich versucht, wieder zu schreiben. Schreiben hilft mir, wenigstens meine Seele wieder mir selbst zurückzugeben. In meinem Tagebuch notierte ich, wie die OP vor sich ging. „Ich musste mich ausziehen und so ein Schlüttli anziehen, wie heisst das bloss auf Deutsch? Mir fällt nur ‚hospital gown‘ ein; ein englischer Ausdruck, an dem im Nebel meiner Erinnerung ein ganzes Gedicht hängt, oder vielleicht ein Song. Was war das nur? Ich google, aber ich finde es nicht heraus.

Wenigstens bei der Übersetzung ins Standarddeutsche hilft Dr. Google: Ich musste einen Krankenhaus-Einweg-Patientenkittel überziehen.

Schweizerdeutsch 30: Überfordert vom alltäglichen Wahnsinn

Äinen eläi glaubt’s ned!

Standarddeutsch: „Einer allein glaubt es nicht!“ Im Sinne von: Es ist derart absurd oder gestört, dass einer allein dafür nicht genügend Fassungsvermögen hat.

Eine Redensart, die ich von einer Berner Freundin an der Uni habe. Ich brauchte sie für alle erdenklichen Manifestationen des alltäglichen Wahnsinns. Beispiele: Beim Ferienjob auf dem Briefversand hatte der Chef mich für eine Spät- und eine Frühschicht gleich hintereinander eingetragen. Dazwischen: nur vier Stunden Pause! „Äinen elei glaubt’s ned!“ rief ich kopfschüttelnd und ging zum Chef.

Oder: Die Bürokratin vom Rektorat hatte gerade eine Zahlung gefordert, die ich für ungerechtfertigt hielt. „Äinen elei glaubt’s ned!“ erzählte ich empört Kollegin Rosi, machte zähneknirschend die Zahlung und erhielt Ende Jahr korrekt das Geld zurück.

Oder: Der Zug stand eine halbe Stunde bewegungslos auf der Brücke von Aarburg, ohne Durchsage, ohne Erklärung, ich verpasste in Olten mit 150 anderen den Anschluss. „Äinen elei glaubt’s ned!“ rief ich aus, als ich meinem über meine Verspätung verärgerten Liebsten Konrad die Sachlage schilderte. Das reichte, um ihn zu beschwichtigen.

Wie niedlich waren damals doch unsere Fassungslosigkeiten!

Schweizerdeutsch 15: Ab in die Disco

Töffli

Hochdeutsch: Mofa

Mofa mit Windschutz (Quelle: velos-motos-keller.ch)

Erläuterungen: Wie die meisten anderen aus meiner Gymi-Klasse fuhr ich mit dem Velo – also dem Fahrrad – zur Schule. Mein Vater aber besass Puch Maxi – und manchmal, wenn ich am Wochenende in die Disco ging, lieh er mir das Fahrzeug. So ratterte ich in die Luftschutzkeller und Mehrzwecksäle unserer Agglomeration und tanzte dort zu Deep Purple und Jimi Hendrix, zu The Clash, Lou Reed, David Bowie und Bob Marley. Das Töffli  war leider gar nicht schnittig, denn es hatte einen Windschutz. Vor der Heimfahrt stellte ich mich deswegen immer gutgelaunt dem Spott der Kumpels – schliesslich sind alle Eltern seltsam, nicht? Es gibt übrigens in der Schweiz nicht nur Töffli, sondern auch Töffs – die haben dann 125 Kubikzentimeter oder mehr. Auf die Idee zu diesem Beitrag bin ich dank der Kätzerin gekommen – auch wenn die Sache mit dem „Kracherl“ wohl auf einem Missverständnis beruht.

Schweizerdeutsch – Lektiönli 1

„Hender chönne riite?“

Bedeutet: „Habt Ihr eine Mitfahrgelegenheit bekommen?“
Direkte Übersetzung ins Hochdeutsche: „Habt Ihr reiten können?“
Wohl verwandt mit „did you get a ride?“ im Amerikanischen

Diese wahrscheinlich aussterbende Redensart stammt aus meiner Kindheit. Sie erinnert mich an das Gefühl, wohlig im Fond eines Autos zu kuscheln, während vorne eine kompetente, erwachsene Person das Steuer hält.

In der neuen Rubrik „Schweizerdeutsch-Lektiönli“ schreibe ich in unregelmässigen Zeitabständen über Redensarten in der Schweiz. Viele stammen aus meiner Familie, unser Dialekt: Luzerndeutsch, teils geprägt durch die Herkunft meines Vaters, der als Bauernbub im Nordwesten des Kantons aufwuchs. Ich tue es ohne System oder didaktische Absicht, die Methode ist heuristisch. Kommentare jederzeit willkommen.

Die Lage im Nahen Osten

Nachdem ich meinen letzten Post abgesetzt hatte, bekam ich ein schlechtes Gewissen. Ich meine: Es war der 7. Oktober, die Welt gedachte der Anschläge der Hamas in Israel 2022 und ich hatte kein Wort darüber verloren. Als wäre es mir egal. Aber es ist mir nicht egal. Ich möchte weinen, wenn ich an die Opfer denke. Was sind das für Bestien, die unschuldige Zivilistinnen und Zivilisten töten oder als Geiseln verschleppen?

Ich bin nur nicht sicher, was ich schreiben soll. Obwohl die Lage im Nahen Osten ein Thema ist, seit ich mich erinnern kann. Zu Hause lief bei uns den ganzen Tag Schweizer Radio, stündlich die Nachrichten. Täglich hörte ich schon als Fünfjährige am Radio das Wort „Telawiif“ und wusste lange nicht, was es bedeutete. Erst mit der Zeit lernte ich, dass aus Tel Aviv die News über die Lage im Nahen Osten kamen. Tel Aviv, das hiess Kämpfe, Todesopfer, hastige Beschwichtigungsreisen von US-Aussenministern und UNO-Generalsekretären.

Beiläufig lernte ich das Wesentliche über Auschwitz. Mir zerstörte dieses Wissen jeden Ansatz eines kindlichen Gottvertrauens. Wenn Gott Auschwitz zugelassen hatte, dann war Gott böse, oder es gibt ihn nicht. Ich wuchs in einer katholischen Gegend auf, es gibt hier einen tief sitzenden Antisemitismus, der auch Israel trifft. Vor allem Israel. Damit wollte ich nie etwas zu tun haben. Wohin es führt, wenn man pauschal gegen bestimmte Gruppen von Menschen ist, hatten wir ja gesehen. Die Israelis haben ein Recht auf ihren Staat. Aber ich sah mich gerne auf der Seite der Unterdrückten, Benachteiligten. Im Nahost-Konflikt sollte ich alle paar Jahre die Seiten wechseln.

In der Schule lernten wir: Nach dem Horror von Auschwitz gab die UNO den Zionisten ein paar Territorien für einen eigenen Staat in Palästina. Die arabischen Staaten rundum bekämpften die Israelis, aber diesen gelang es, ihre Territorien auszudehnen. Die Palästinenser kamen unter die Räder. Ich begab mich auf die Seite der Palästinenser. Als Teenager besass ich sogar eines dieser rotweiss gemusterten Tücher.

1986 flog ich nach Tel Aviv. Ich war 21. Mein damaliger Freund studierte in Jerusalem Theologie. Ich hatte einen Wecker und ein Büchlein von Noam Chomsky im Gepäck, einem harten Kritiker der US-Politik im Nahen Osten (auch noch viele Jahre später, siehe hier). Als ich ankam, schenkte mein Freund mir eine Kerze. Drei Wochen später wollten wir in Haifa mit dem Schiff ausreisen. Die Zollbeamten sahen die Kerze, den Wecker und das Büchlein von Noam Chomsky. Sie nahmen meinen Koffer mit und blieben so lange weg, dass wir das Schiff erst im allerletzten Moment und mit zittrigen Knien besteigen konnten. War es eine Machtdemonstration oder hatten sie wirklich Angst?

Ich war vage pro-palästinensisch, bis ein Kollege aus Tel Aviv bei uns im Büro zu Besuch war. Er war nach der Pensionierung ausgewandert. Das war nach 9/11. In Israel hatten Palästinenserinnen und Palästinenser begonnen, Sprengstoffgürtel an ihren Leib zu kleben und sich in Jerusalem oder Haifa in die Luft zu jagen. Mein Kollege erzählte, wie er in Tel Aviv jedes Mal voller Angst aus dem Bus floh, wenn ein arabisch aussehender Mensch mit einer dicken Jacke einstieg. Ich dachte: Die Palästinenser tun aber auch alles, um ein friedliches Zusammenleben in der Region zu verunmöglichen. Selbstsabotage. Wie war Friede möglich, wenn der gute Wille auf beiden Seiten so zweifelhaft schien? „Es ist kompliziert“, sagte ich einmal. „Wenn ich noch lange darüber nachdenke, werde ich wahnsinnig.“

Nach dem 7. Oktober 2022 war ich fest auf der Seite der Israelis. Dann kam die Rache im Gaza-Streifen. Jetzt die Eskalation im Südlibanon. Und allmählich fürchte ich, dass es vollkommen sinnlos ist, auf einer Seite zu stehen. Man kann nur das Beste hoffen für jene, die jetzt unschuldig unter die Räder kommen.

Seltsame Begegnung im zertrümmerten Paradies

Heute führte mich ein ein Spaziergang an die Drachenfliegenstrasse. 18 Jahre lang hatten Herr T. und ich dort gewohnt, bevor wir im Juni 2019 wegzogen. Es war unser Paradies, aber jetzt gehe ich nur noch selten dort vorbei. Wir sind glücklich an unserer neuen Adresse. Wenn es doch tue, sehe ich manchmal nach, ob die früheren Nachbarn noch dort wohnen. Oder ob es Anzeichen gibt, dass die Bauherrin endlich die Abbruchpläne ins Werk setzen kann, wegen denen wir weggezogen sind.

Das Projekt war jahrelang blockiert. 2022 zogen ukrainische Familien in die schon leergekündigten Häuser auf der anderen Strassenseite. Auf unserer Seite blieben einige Alteingesessene noch lange. Heute jedoch sind die Bäume am Strassenrand: abgesägt. Alle Wohnungen auf unserer Seite: leer. Verwunschene Gärten und geheime Pfade: planiert. Es riecht nach niedergemähtem Bärlauch. An den Hausecken: Lose Haufen aus Wohntrümmern und abgesägten Ästen. Ich irre umher, die Gespenster der Vergangenheit überwältigen mich.

Hier. An dieser Ecke habe ich einmal ein paar Worte mit Herrn Rüedi gewechselt, der gerade sein Gartenbeet pützelte. Seine Frau sah mich vom Liegestuhl aus böse an. Glaubte sie wirklich, ich wolle mit ihrem Ehemann schäkern? Wenige Jahre danach fuhr Herr Rüedi eines Morgens mit dem Velo aus und kam nicht zurück – ein tödlicher Herzinfarkt riss ihn unterwegs vom Rad. Das weiss ich, weil ich mich später, zunächst widerwillig, mit Frau Rüedi anfreundete. Sie hiess mit Vornamen Katharina, er hatte Karl geheissen, und einmal hat sie mir ihre hinreissende Liebesgeschichte erzählt (hier und hier und hier). Katharina ist auch weggezogen, aber ich finde sie unter ihrer neuen Adresse nicht mehr. Ob sie zu ihrem Karl heimgegangen ist?

Eine alte Frau mit einer sorgfältig toupierten, mahagonifarbenen Frisur tappt mir am Gehstock entgegen. „Verrückt, nicht?“ sage ich, als wir uns begegnen. Sie lächelt. Sie hat dritte Zähne und ein leeres Gesicht und bleibt stumm. Schwerhörig? Dement?

Ich gehe weiter, und hier! Hier hatte ein korpulenter, älterer Herr sein Gärtchen. Er grüsste nur mürrisch, kultivierte ungewöhnliches Gemüse, Catalogna vielleicht, und bewässerte es mit blauen PET-Wasserflaschen aus Italien. Jetzt: nur noch Dreck und Trümmer, ein paar Buben spielen im Unrat. Und hier: Hier hatte Mahika ihr Beet mit Himbeerstauden. Direkt vor dem Zimmer ihrer Tochter Sita im Erdgeschoss. Das Zimmer, ach Gott, es hatte Schimmel an den Wänden und Sita ständig Bronchitis, und so zogen die beiden weg. Sita sehe ich manchmal in der Stadt und Mahika …, ich sollte sie besuchen, aber sie wohnt so weit weg. Ich blicke zum Fenster von Sitas einstigem Zimmer. Die Scheibe ist kaputt.

Da kommt wieder die Frau mit dem mahagonifarbenen Haar. Ich versuche es noch einmal. „Haben sie auch hier gewohnt?“ frage ich. Sie lächelt wieder ihr leeres Lächeln. Dann sagt sie: „Russia.“ Hä!?` „Sie sind Russin?“ Sie nickt.

Was macht eine Russin hier? Ukrainerin, ja. Aber eine Russin? Misstrauen, Neugier und Freundlichkeit streiten kurz in mir, es gewinnen Neugier und Freundlichkeit. Ich recke meinen Zeigefinger Richtung andere Strassenseite, wo die Häuser noch bewohnt sind. Sie nickt. Ich kann es mir nur so erklären: Sie ist eine geflüchtete Ukrainern russischer Herkunft, die dort drüben wohnt. Ich versuche, mit ihr zu sprechen, in allen Sprachen, die ich kann. Ich hätte hundert Fragen. Sie schüttelt nur den Kopf. Russisch kann ich nicht, verdammt!

Auf dem Nachhauseweg schwelge ich in meinem Schmerz, aber dann fällt mir die alte Russin ein und dass sie tausendmal mehr verloren hat als ich. Und  vielleicht noch nicht einmal ein neues Zuhause.