Vom Wünschen

„Wir müssen darauf vertrauen, dass das Leben uns schenkt, was wir uns zutiefst wünschen“, soll die Reiseschriftstellerin und -Fotografin Ella Maillart einmal gesagt haben.

Ich habe so viele Wünsche gehabt – und so viele sind mir erfüllt worden. Ich will nicht undankbar sein. Aber im Moment weiss ich nicht mehr weiter. Ich fühle mich wunschlos unglücklich. Über allem, was ich tue, schwebt eine Aura der Vergeblichkeit. Am Morgen wache ich auf und habe Angst, seit Monaten, ich weiss nicht wovor.

Vorgestern erfuhren wir in unserem Laden, dass unsere Firma mit einer anderen Firma zusammengeht. Es ist ein Rettungsversuch, die Geschäfte in unserer Branche laufen schlecht, jeder weiss es. Unsere Manager sprechen von dieser Joint Venture wie von einem besonders hübschen Weihnachtsgeschenk, das man ihnen unter das Bäumchen gelegt hat. Wie unsicher unsere Jobs sind, wissen wir nicht.

Es ist, als müssten alle in dieser Zeit immer mit aller Kraft vorwärtsstürzen, um überhaupt mitzuhalten. Nur ich stürze manchmal rückwärts, wortwörtlich, weil der Menière mich niederstreckt. Nicht mehr so oft in letzter Zeit – aber zum Vorwärtsstürzen fehlt mir das Vertrauen in meine Kräfte. Eine Ella Maillart werde ich nicht mehr.

Ihr müsst kein Mitleid mit mir haben und mir keine guten Ratschläge geben. Ich schreibe das hier einfach auf, um es einmal in Worte gefasst zu haben. Vielleicht kann ich dann besser damit umgehen.

12 Gedanken zu „Vom Wünschen“

  1. Ja, mit Vorwärtsstürzen ist das wohl treffend beschrieben, wenn sich alles permanent mit immer größerem Tempo verändert. Kaum steht man halbwegs auf dem beruflichen Teppich, schon zieht wieder jemand daran. Was heute noch gilt, ist morgen schon überholt.
    Mal innehalten? Luft holen? Nö.
    Wer das Tempo nicht mithält oder nicht schafft, hat verloren. Und sogar das noch sehr schnell.
    Dabei ist doch eines wahr:
    WER SCHNELLER LEBT, IST EHER FERTIG.

    Liebe Grüße!
    Lo

  2. „wunschlos unglücklich“ und „als müssten alle in dieser zeit mit aller kraft vorwärtsstürzen“… diese zwei stellen deines textes stechen für mich hervor. da kann ich anknüpfen.

  3. REPLY:
    ja genau.
    als wunschlos unglücklicher ist es gar nicht so einfach, etwas erhellendes zu sagen – ähnlich einem tiefseefisch, der unter unsagbarem druck und in tiefster dunkelheit quasi alles hat, was er braucht. mit den jahren (wenn man immer tiefer ins leben vordringt) wird man ja bescheidener, falls man es nicht schon immer war – zumindest tendentiell.

    in einer zeit, wo alle mit aller kraft vorwärtsstürzen, fühle ich mich unwohl. vorwärts ist für mich schon okay – aber nicht stürzen, sondern lieber gemütliches gehen, wandern, gleiten…
    ich mag fast alles lieber langsam… hoppla, was mag ich eigentlich nicht langsam? da fällt mir auf die schnelle gar nichts ein, vor allem morgens, wenn ich noch sehr verlangsamt bin – von vorwärtsstürzen keine spur.

  4. weder vorwärts noch rückwärts, sondern nach innen stürzen.
    ich bin überzeugt, ALLES liegt in uns drin. nur lernen wir, uns im aussen zu orientierten. dort finden wir nicht viel, was für uns hilfreich ist. aber wer weiss, wie nach innen blicken geht? das ist es, was ich übe. quasi sich an sich selber orientieren.

  5. Einfach darauf zu vertrauen, dass Wünsche (mögen es auch die innersten sein, die einem selbst oft nicht bewusst sind) so ganz von selbst in Erfüllung gehen, klappt wohl nur bei absoluten Glücksgeweihten, falls es diese denn geben sollte. Vereinzelt mag das sicher vorkommen, ist aber ganz bestimmt nicht allgemeingültig und erst recht nicht ohne eigenes Zutun zu bewerkstelligen, was allerdings auch kein Garant für die Erfüllung ist. Sei es nun, dass man äußerlich alles für die Wunscherfüllung tut oder sei es, dass man seine eigene Einstellung hinterfragt und diese den Gegebenheiten anpasst. Denn vollkommen losgelöst von allem, gehen Wünsche erst recht nicht in Erfüllung – so autark ist kein Mensch. Viele Wünsche mögen von vornherein nicht erfüllbar sein, trotzdem würde ich trotzdem versuchen, darum zu kämpfen – zumindest soweit, dass ich von mir selbst sagen kann, dass ich alles mir mögliche versucht habe, mögen meine Möglichkeiten auch noch so beschränkt sein. Es fühlt sich einfach besser an, wenn man sich nicht kampflos ergibt und kann auch so besser akzeptieren, dass dieser Wunsch nicht in Erfüllung geht. Und dann kommt Plan B. Wenn A nicht geht, was wäre dann das, was ich mir am meisten wünschen würde? An A sollte man dann keine Gedanken mehr verschwenden, sondern sich auf B konzentrieren. Wenn B nicht klappt, dann tbc. Es gilt einfach nur weiterzugehen, so langsam und stolpernd das auch sein mag und auch Pausen erfordern mag. (Sorry für das Gesülze, aber Sie haben das provoziert. ;·)

  6. REPLY:
    ich fragte, was ich nicht langsam will.

    liebe körperlich wie seelisch ist sowieso nur langsam richtig befriedigend.

    am besten keine hohen erwartungen dahingehend stellen.

  7. REPLY:
    gegen innere Stärke und den Blick nach innen. Aber ich muss auch gestehen: Meine Rettung ist oft von aussen gekommen. Und ich brauchte ein paar Rettungen in meinem Leben, die zum Glück bis jetzt immer gelungen sind. Nur jetzt schaue ich innen noch vergeblicher nach Rettung als aussen. Aber es wird sich schon wieder einrichten.

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