50 Jahre – die Bilanz

Wenn man 50 ist, zieht man Bilanz. Denn wir werden zwar heute mit der Illusion gefüttert, man könne sein Leben lang alles lernen und alles werden. Doch wir 50-Jährigen wissen: Wir haben auf unserer Lebenswanderung an mehreren Orten den point of no return überschritten – umkehren wird sehr, sehr mühsam. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich noch Kinder haben werde, tendiert gegen null. Atomphysikerin werde ich wohl auch nicht mehr.

Dennoch erfüllte mich an meinem 50. Geburtstag so etwas wie Zufriedenheit. „Tatsächlich, ich habe überlebt!“ dachte ich. Ich war sogar ein bisschen stolz – was natürlich ein Witz ist. Ich meine: Von allen meinen Bekannten meiner Generation sind lediglich vier vor ihrem 50. Geburtstag über den Jordan gegangen. Und dass wir anderen noch hier sind, verdanken wir nicht in erster Linie einer Leistung, auf die wir stolz sein könnten. Sondern schlicht dem unsinnigen Glück, dass wir im richtigen Jahrhundert geboren worden sind.

Ich bin sogar ein bisschen stolz darauf, dass ich ich geworden bin. Obwohl ich gleichzeitig das niederschmetternde Gefühl habe, mein ganzes Leben sei eine Chronik des unablässigen Scheiterns. Nun gut – das war schon früh programmiert. Ich war ein brilliantes Kind. Mit fünf lernte ich lesen, mit sieben schrieb ich Geschichten. Das Wissen kam zu mir mit einem Fingerschnippen. Das weckt hohe Erwartungen. Gleichzeitig sollte ich einfach ein braves Mädchen sein.

Das ist ein schwieriger Spagat, das kann ich Euch sagen. Im Grunde war es immer egal, was ich tat – ich war entweder zu brav oder zu brilliant. Und so scheiterte ich täglich, kaum war meine Grundschulzeit beendet. Ich wurde eine mittelmässige Gymnasiastin, weil ich ein braves Mädchen war. Zu brav. Als ich es merkte, begann ich zu rebellieren – aber das war auch falsch. Im Berufsleben habe ich mich nur mit knapper Not gehalten – ich war mal ehrgeizig, mal brav, mal rebellisch, alles oft im falschen Moment. Meine Liebesbeziehungen waren stets gefährdet, zwei davon viele Jahre lang.

Nicht, dass mich das Scheitern an sich mit Stolz erfüllt. Im Gegenteil: Ich bringe zum Scheitern problemlos die passenden Gefühle auf: Zaudern, Schuldgefühle und tägliche rituelle Selbstohrfeigungen. Ich kenne nur einen einzigen Menschen, der im Leben noch mehr gezaudert hat als ich: meinen lieben Freund Chäppeli. Der hat sogar die meisten Feste jeweils wieder verlassen, bevor er richtig angekommen war – und es nachher furchtbar bereut.

Gut, feiern habe ich immer einigermassen gekonnt. Aber ich werde nie aufhören, Chäppeli ein bisschen dafür zu beneiden, dass er es spät noch zu einem sicheren Job und einer vierköpfigen Familie gebracht hat (wobei er den Verlust seiner Freiheit jedesmal bitter beklagt, wenn ich ihn sehe).

Was das Scheitern bei der Arbeit betrifft, so hat meine Krankheit eine Rolle gespielt. Aber welche genau? Und wann? Und wie sehr? Wissen tue ich das relativ genau. Aber fühlen tue ich etwas anderes: Ich habe mit ihr gelebt, und ich weiss nicht, wie es ohne sie wäre. Irgendwie empfinde ich auch das einfach als Scheitern.

Und die die Mutterschaft? Ich vermisse sie nicht sehr. Ich habe sie ja auch buchstäblich nicht im Blut. Ich bin rhesus-negativ. Selbst im kinderreichen 19. Jahrhundert hätte ich wahrscheinlich nur eines, mit grossem Glück zwei überlebende Kinder gehabt (Mathematiker unter Euch bitte nötigenfalls widersprechen). Die anderen wären alle bei der Geburt an einer qualvollen Immunreaktion auf das Blut ihrer Mutter verstorben. Das wäre eine Chronik des Scheiterns geworden! Und niemand hätte gewusst, warum. Vielleicht hat die Natur mich gnädigerweise mit einer psychischen Verfassung ausgestattet, die mir die Kinderlosigkeit erleichtert.

Ja, es ist so: Ich habe einfach Glück gehabt, dass ich im 20. Jahrhundert geboren wurde. Und doch: Ich erlaube mir ein Quäntchen Stolz. Ich schaue zurück und sehe: Ich habe mir einen Weg durchs Gelände gehauen, wo eigentlich gar keiner hätte sein sollen.

19 Gedanken zu „50 Jahre – die Bilanz“

  1. Zwischen Brillianz und Bravheit 50 Jahre lang auf hohem Niveau gescheitert — das muss Dir zuerst mal jemand nachmachen! Und: Wer 50 Jahre lang scheitert, kann das locker nochmals 50 Jahre lang tun, denn so schwer ist Scheitern nun auch wieder nicht!

  2. kommt drauf an, wann im 20. jahrhundert geboren. und dann noch wo. sagen wir besser: ab mitte des zwanzigsten jahrhunderts in mitteleuropa…

    muß man stolz auf sich sein? das ist doch kindersache, oder?
    einfach nur zu leben, sollte jedem genügen – aber wir menschen wollen immer mehr und mehr und mehr.
    ich kann überhaupt nichts daran empfinden, dass ich die fünfzig überschritt, außer dass das ende dieses ominösen lebens immer schneller und unaufhaltsam näher rückt.
    beruflichen ehrgeiz hatte ich nie, und eine familie wollte ich auch nie gründen. vom häusle bauen ganz zu schweigen – bei solcherlei spießigen allüren dreht sich mir der magen um.
    ich bin, was ich bin und schon immer war: ein tunichtsgut und tagträumer. ich langweile und freue mich durchs leben… und danke dem schicksal, dass es mich vorm ganz großen mist verschonte – obwohl…, wer weiß, was noch kommt. ausserdem, so ganz unverschont blieb ich doch nicht.

    und was lese ich aus deinem text heraus?
    gibt nicht jeder sein bestes?

  3. REPLY:
    stolz auf sich sein. Seien Sie froh, Herr BoMa, dass Ihnen keine düstere Fee den Fluch übertriebener Erwarungen in die Wiege gelegt hat. Ich sage nur, was ich empfunden habe an jenem Tag. Es war halt so.

    Und, ja: Wahrscheinlich gibt jeder sein bestes. Trotzdem: Ich habe mir ein bisschen Stolz erlaubt. Oder wenigstens Zufriedenheit. Oder Dankbarkeit. Was immer es war. Ich finde, ich durfte das.

    A propos „Stolz ist eine Kindersache“. Da hat mich das Leben aber etwas anderes gelehrt! Sie glauben nicht, wie viel Stolz – in manchen Fällen darf man es auch gerne Selbstgefälligkeit nennen – ich täglich sehe. Und ich habe es viel mit Menschen über 70, ja, über 80 zu tun.. Sie glücklicher, wenn Sie frei von Stolz sind (was ich allerdings zu bezweifeln wage ;-))

  4. darf ich den satz „ich bringe zum scheitern stets die passenden gefühle auf“ auch verwenden? für mich ist da nämlich so viel selbstironie drin …

  5. My Generation…liebe Fröschin, so oft gescheitert, weder Schauspielerin noch Schriftstellerin, statt dessen zerscheiterte Werte und doch: Immer wieder an Land gerettet, aufgestanden, Piratentuch gerichtet, Wunden geleckt, Schätze entdeckt und ein neues Schiff geentert. Liebe Fröschin, ich glaube an ihr neues Schiff auf dem Meer von Buchstaben aus denen sie Worte zu Planken forman und auf Geschichten segeln…auch wenn die See manchmal viel zu sehr schwankt und brandet.

  6. Ich habe gestern abend mit Muße und Begeisterung alle Ihre „Das-bin-ich“-Beiträge gelesen: es macht aufrichtig Freude, Ihnen „zuzulesen“ 😉
    Zuzuhören geht ja nicht 😉
    Lo

  7. REPLY:
    Das ist eine grosse Ehre und macht mich auch ein bisschen stolz – ich freue mich, dass es Leute gibt, die sich die Zeit nehmen, meine Geschichtchen zu lesen. Und dann auch noch Spass dabei haben! :)))

  8. REPLY:
    … hat ja immer gesagt, das Adjektiv „stolz“ komme von lateinisch „stultus“, was so viel wie „einfältig, dumm“ heisst. Das würde im Grunde Ihre Meinung stützen, und vielleicht haben Sie tatsächlich recht.

    Ich sehe jedoch satte Selbstzufriedenheit in vielen Gesichtern von Menschen ab einem gewissen Alter. Ich finde das ganz ok und überhaupt nicht kindlich. Die haben ja bereits selber Kinder grossgezogen, Häuser (nicht nur eigene) gebaut und/oder sonst eine Menge geleistet, Steuern gezahlt und auch sonst einen einigermassen funktionierenden Staat mit am Laufen gehalten. Sie sind gut versorgt und haben allen Grund, eine selbstzufriedene Miene zu haben.

    Ein kleines Portiönchen dieser Selbstzufriedenheit erlaube ich mir auch – auch wenn mein Leben nicht so mainstreamig war. Wenn ich dran denke, wie oft ich in meinem Leben mein Haupt in Demut geneigt habe (manchmal zähneknirschend, aber immer im Dienst einer guten Sache), dann ist das ein Sonntagsgefühl, das ich mir jetzt einfach nehme. Egal ob Sie das kindlich finden oder nicht.

  9. REPLY:
    liebe Stehauf-Piratin und Weise aus dem Morgenland! Na, das habe ich ja nicht gewusst, dass das Scheitern von den Schiffen kommt.

    Die Buchstaben-Meere sind da. Riesig. Ich arbeite gerade an einem Deich, damit die Fluten wenigstens an einigen Stellen im Zaum zu halten sind. Denn ja, das Meer soll zu Geschichten gezähmt werden.

    Ihrem Schiff gute Fahrt mit mässigen Stürmen!

  10. REPLY:
    klar, kann man zufrieden mit sich sein, wenn man etwas leistete, wenn man durchhielt. das finde ich ganz normal. aber es gibt eigentlich keinen grund für einen besonderen stolz – selbst wenn man eine ganze lebensleistung nimmt. menschen sind unterschiedlich begabt, unter unterschiedlichen umständen auf der welt, unterschiedlich ehrgeizig und mit unterschiedlichen zielsetzungen für ihr leben.
    kindersache darum, weil ich das gefühl habe, dass manche menschen meinen, sich aufgrund ihrer „lebensleistung“ über andere erheben zu können… das ist bei ihnen sicher nicht der fall – also brauchen sie sich nicht angesprochen zu fühlen.

  11. gratuliere und schönes résumé. in etwa 1.5 wochen kann auch ich auf ein halbes jahrhundert blicken. das werde ich tun, nur kurz. denn ich freue mich auf das, was jetzt ist. „jetzt“ ist meine lieblingszeit. alles gute nachträglich, meine liebe.

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