Putztag in Grossmutters Laden

Meine Grosseltern hatten eine Bäckerei am Dorfrand. Und weil es damals noch weit und breit keinen anderen Lebensmittelladen gab, verkaufte meine Grossmutter nicht nur Brote, Weggli und Nussgipfel – sondern alles, was die Nachbarn so brauchten: Milch und Reis, Wienerli und Päcklisuppen, Rivella blau und Coca Cola, Gummibärli, Waschpulver und Tabakwaren. Als ich ein Kind war, verbrachte ich dort oft meine Ferien.

Schon meine Grossmutter war kein Putzteufel. So entdeckte ich eines Tages im Gestell mit den Tabakwaren eine Spinnwebe. Ich entschloss mich, gleich das ganze Gestell zu reinigen. Meine Grossmutter liess mich gewähren. Ich war noch keine zehn Jahre alt, und es war das letzte Mal in meinem Leben, dass ich nicht aus schierer Notwendigkeit putzte. Der Tabak krümelte ein bisschen, als ich die blauen Pakete aus dem Gestell räumte.

Aber es machte Spass, und so kam auch das Reisgestell an die Reihe. Und dann der Boden, wo die Waschmittelpackungen sich stapelten. Mittlerweile war ich ermüdet und wollte den Waschmittel-Turm nicht auch noch abräumen. Ich putzte den Boden um den Turm herum – es muss dabei ziemlich feuchtfröhlich zugegangen sein, denn die unterste Waschmittelpackung hatte bald ein nasses Loch in einer Ecke. Ein Waschpulver-Rinnsal ergoss sich auf den nassen Boden. Ich wollte das aufgeweichte Pulver wegputzen, beschädigte dabei den Karton noch mehr, und schon knickte das Behältnis ein, neigte sich der Turm zur Seite, und dann berührte die zweitunterste Packung die nassen Fliesen. Es war wie beim Goethes Zauberlehrling. Je mehr Waschpulver ich wegputzte, desto mehr kam nach. Bald schäumte es im Ladenlokal.

Schliesslich schritt Grossmutter doch noch ein und warf mich aus dem Laden. Es war das einzige Mal, dass sie wütend auf mich war, jedenfalls für fünf Minuten.

Zu Herrn Trittenheims inspirierendem Projekt „Die Läden meiner Kindheit“ – Hier weitere Beitrage von Mitbloggern

8 Gedanken zu „Putztag in Grossmutters Laden“

  1. „Herr, die Not ist groß!
    Den ich rief, den Putzgeist
    werd ich nun nicht los.“

    Da wusste sich die Großmutter glücklicherweise zu helfen
    Eine schöne Erinnerung, und eine üble Erfahrung für ein hilfsbereites Kind. Vielen Dank für Teilen!

  2. Immerhin hat das „Unglück“ ja eher noch den eigentlichen Sinn und Zweck der Aktion unterstützt: Es war am Schluss halt alles ein bisschen ZU sauber! 😉

  3. Lustige Geschichte, die hat Slapstick-Qualität 😉
    (Reinlichkeit & Gewissenhaftigkeit gelten ja bekanntlich als Schweizer Primärtugenden, welche d’Chnöpf schon mit der Muttermilch aufgesogen haben – quod erat demonstrandum.)

  4. REPLY:
    Sieh einer an, Herr nömix kann Schweizerdeutsch – genauer Züritüütsch! ehr schön! Ich war wohl weniger ein herziger Chnopf als ein bisschen ein Saugoof!

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