Instagramsüchtig

Eines meiner „meistgelikeden“ Instagram-Bilder. Atlasfigur an der Tür des Luzerner Hotels Palace, das gerade umgebaut wird.
Falls Ihr Euch gefragt habt, warum ich so selten schreibe: Ich bin wieder mal instagramsüchtig. Das kommt bei mir in Schüben. Diesmal liegt es daran, dass wir einen goldenen Herbst gehabt haben, zwei Monate kobaltblauen Himmel und Laub in allen Farben. Ausserdem habe ich ein neues Handy und mithin eine bessere Kamera.

Ich gebe mich Instagram nicht ohne schlechtes Gewissen hin. Dieses ständige Schielen nach neuen „Likes“ hat etwas Zwanghaftes. Meine angestrengte Suche nach den besten Hashtags hat dazu geführt, dass an mehreren Orten in unserer Wohnung unordentliche Listen mit solchen herumliegen. Und dann die idiotischen Fragen, die ich mir so stelle: Soll ich den Hashtag #abandoned (den man normalerweise für verfallene, leerstehende Häuser braucht) auch für den Helden aus Sandstein im Bild links verwenden? Verstehen alle die Anspielung, wenn ich den Hashtag „#notimetodie“ setze? Sehen andere die Ähnlichkeit mit James Bond auch? Wie auch immer, das Bild schlug ein: Ich habe bis dato 258 „Likes“ dafür bekommen, zwei- bis dreimal so viel wie für meine anderen Bilder. Ich habe einen Hammer-Hashtag gefunden, aber den verrate ich nicht. Überhaupt: Was sind „Likes“ denn für eine Messgrösse?

Eine grosse Schweizer Tageszeitung warf kürzlich die Frage auf, ob man bei Facebook überhaupt noch mitmachen dürfe – und diese Frage darf ruhig für Instagram auch gelten, denn das der Laden gehört ja Facebook. Ganz abgesehen davon, dass ich dem Konzern ohne nachzudenken Informationen über mich und jeden meiner unschuldigen Spaziergänge liefere – ich mache da auch bei einem Spiel mit, das junge Frauen magersüchtig macht, auf dem auch Menschenhändler ihr Unwesen treiben, und das Hass und Hetze sät. Dabei will ich meine Follower nur auf kleine Reisen mitnehmen.

Und dann ist da noch der Umstand, dass ich mir vorgenommen hatte, wieder mehr zu schreiben. Dass ich mich so leicht davon habe abbringen lassen, bestätigt nur ein Zitat, das angeblich von Jan Philipp Reemtsma stammt: Das Ich sei eine «Turnhalle, die von Stimmungen durchweht wird». Für mein ich gilt das offensichtlich. Nun, ich bin zurück und habe in der Halle einen Turnbock für Tagebuch-Übungen aufgestellt. Meine anderen Schreibprojekte bekommen erst mal den Hashtag #abandoned.

6 Gedanken zu „Instagramsüchtig“

  1. Das Zitat von Reemtsma gefällt mir sehr gut. (Ich habe ihn natürlich als Entführungsopfer in Erinnerung.)

    Zu Instagram kann ich nichts sagen, weil ich es nicht nutze. Mir reichen WordPress und Twitter, wobei ich bei letzterem recht passiv mitfliege.

    Ich freue mich immer, hier etwas von Dir zu lesen!

    Liebe Grüsse.

    1. Ich muss leider Gottes gestehen, dass ich das Reemtsma-Zitat aus einer eher unerfreulichen Quelle habe – aus einer Kolumne des auch in Deutschland bekannten Verlegers Roger Köppel über den Hass (die ich hier nicht verlinken werde, ich finde sie hoch problematisch. Aber zutreffend ist das Zitat allemal, jedenfalls auch mein Ich ganz bestimmt.

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