Was dumme Leute über Schwerhörige sagen

Die Schriftstellerin Susan Sontag entlarvte unfaire Metaphern über Kranke und Krankheiten (Bild: Richard Avedon)

Jede chronisch kranke Person in der westlichen Hemisphäre kennt das Problem. Dumme Leute denken über sie: „Sie ist krank, weil sie eine negative Lebenseinstellung hat.“

Sie sagen auch: „Sie ist krank, weil sie zu wenig stark ist, ihr Leben zu ändern, um die Krankheit zu besiegen.“ Mit anderen Worten: Sie ist selbst schuld. Früher habe ich noch regelmässig über meine chronische Krankheit gebloggt. Damals habe ich solche oder ähnliche Statements oft in meinen Kommentaren lesen dürfen. Unterfüttert wurden sie auch mal mit Verweis auf das Buch „Krankheit als Weg“ von Rüdiger Dahlke und Thorwald Dethlefsen. Die beiden schreiben zum Beispiel: „Taub wird nur der, der für seine Innere Stimme schon lange taub ist.“

„Bin ich selbst schuld? Kann ich etwas an mir ändern, damit es mir besser geht?“ Mit diesen Fragen habe ich mich jahrelang beschäftigt. Ich habe Therapien gemacht und intensiv auf jede erdenkliche Regung gehorcht, die möglicherweise meine ungehörte innere Stimme hätte sein können. Nach zehn Jahren und fast vollständiger Ertaubung kann ich zusammenfassen: Solche Theorien sind Bockmist. Sie haben mein Leben wahrscheinlich schwieriger gemacht als es ohnehin schon war.

Seit wenigen Tagen kann ich den „Autoritäten“ Dahlke und Dethlefsen nun eine äusserst glaubwürdige literarische Stimme entgegenhalten. Ich habe „Krankheit als Metapher“ von Susan Sontag gelesen. Sontag war eine Ikone der New Yorker Kulturszene des ausgehenden 20. Jahrhunderts und erkrankte in den siebziger Jahren selbst an Brustkrebs. Über die Psychologisierung von Krankheiten findet sie klare Worte: „Theorien darüber, dass Krankheiten durch mentale Zustände ausgelöst und durch Willenskraft überwunden werden können, sind immer ein Gradmesser dafür, wie wenig man über das physische Terrain einer Krankheit weiss.“ Im 17. Jahrhundert habe man noch geglaubt, dass ein glücklicher Mensch die Pest nicht bekommen könne. Als man dann mehr wusste über Bakterien und Viren, seien solche Theorien verschwunden. Beziehungsweise: Sie hätten sich auf Krankheiten wie Krebs verlagert, über die man noch wenig wusste. Chronische Krankheiten wie Morbus Menière darf man sicherlich zu diesen Krankheiten zählen – auch wenn Susan Sontag sie nicht explizit erwähnt.

Sontag erforscht dann die Metaphern, die mit den Krankheiten wie Krebs einhergingen. Das ist inspirierende Lektüre und verleitet dazu, einen Blick auf die Metaphern der Taubheit zu werfen. Nehmen wir zum Beispiel den Satz von Dethlefsen: „Taub wird nur der, der für seine Innere Stimme schon lange taub ist.“ Das ist nur eine leicht gekünstelte Art zu sagen, dass der schwerhörige Mensch ein zerstörerisches Verhältnis zu sich selbst hat. Also das, was die Autoren über jeden kranken Menschen sagen, einfach ausgeschmückt mit etwas Poesialbumssprache.

Schauen wir eine andere, häufig verwendete Metapher von Taubheit an: „Er stiess mit seinem Anliegen auf taube Ohren.“ Sie ist in den Medien gebräuchlich, wenn einfache Bürger berechtigte Anliegen bei Machthabern nicht durchsetzen können. Diese Machthaber sind politische Amtsträger oder Journalistinnen, die sich verstecken, keine Zeit haben, desinteressiert oder rücksichtlos sind. Machthaber also, die ein ignorantes, ja, tyrannisches Verhältnis zum in der Regel hörenden Untertanen haben (verbreitete Redensarten werden ja vom Mainstream gemacht, und dieser besteht aus mehrheitlich gut hörenden Menschen).

Taubheit wird also nicht als Zumutung für die von Taubheit betroffene, sondern als Knechtung der hörenden Person verstanden.

Das offenbart zwar ein überraschend gutes Verständnis des Mainstreams für die Natur einer kommunikationsbehindernden Krankheit. Denn, ja: Taubheit behindert nicht nur die taube Person, sondern auch ihre Gesprächspartnerin. Nur finden sich schwerhörige Menschen selten in einer Machtposition. Meist hecheln sie in Gesprächen vielmehr angestrengt hinterher, voller Angst, etwas Wichtiges zu verpassen oder ganz den Faden zu verlieren. Ausserdem ist es ein Affront gegenüber meinen schlecht hörenden Kolleginnen und Kollegen, die ich grossmehrheitlich als sehr empathische Menschen erlebe.

Und: Es hat nach meiner Erfahrung auch schon geholfen, wenn sich von Machthabern übergangene Bürger mal gefragt haben: „Was könnte ich anders machen, damit ich gehört werde?“ Dasselbe gilt auch für Hörende, wenn sie mit schlecht Hörenden sprechen.

Susan Sontag: „Krankheit als Metapher und Aids und seine Metaphern“, Fischer Taschenbuch, 2003. Die Zitate hier im Blog habe ich aus der englischen Originalausgabe selbst übersetzt.

Fassungslos am Dreikönigstag

Auf einem Winterspaziergang fand ich am 6. Januar meinen glücklichsten Moment und mein eigenes, kleines Capitol.

Am Dreikönigstag hatte ich Streit mit meinem Mann – und sah kurz vor dem Zubettgehen eine der schlimmsten Nachrichten der letzten zwölf Monate.

Der Dreikönigstag ist ein Feiertag für Herrn T. und mich. Am Dreikönigstag vor 21 Jahren wurden wir ein Paar, weshalb wir den Dreikönigskuchen jedes Jahr auch in verschmitzter Erinnerung an unseren ersten Kuss verzehren. Nicht diesmal. Ich hatte den Kuchen zwar schon am Vorabend eingekauft. Aber am Morgen musste Herr T. früh aufbrechen. Er war bei der Serenissima zum Mittagessen eingeladen. Die Serenissima ist fast neunzig Jahre alt, die Seele einer jeden Party und fit wie ein Turnschuh. Auch ich war eingeladen, und ich wäre im Prinzip mitgegangen. Die Regel des Bundesrates für die Festtage lautete ja: „Maximal zehn Personen aus zwei Haushalten, Abstand halten und häufig lüften.“ Ich finde schon das fahrlässig, quasi die oberste Grenze. Aber die Serenissima hat meinen Schwiegervater in seinen letzten Lebensjahren sehr glücklich gemacht. Deshalb halten wir sie in Ehren und treffen sie ein- oder zweimal im Jahr.

Kurz vor dem Treffen sagte sie am Telefon zu Herrn T.: Nein, sie werde sich nicht gegen Covid-19 impfen lassen. „I bi doch kai Versuechskaninchen. I ha mis Leba glebt. Wenn’s vorbi isch, isch’s vorbi.“* Mir sträubten sich die Nackenhaare über so viel Ignoranz. Von früheren Diskussionen mit ihr weiss ich: Sie denkt, Krankheiten seien die Folge einer negativen Lebenseinstellung – mich als Menière-Patientin hat das schon früher gallig gemacht. Jetzt finde ich es geradezu lebensbedrohlich. „Bestimmt hat sie über die Festtage Dutzende von Leuten getroffen“, sagte ich zu Herrn T., „Vergiss es, ich komme nicht mit.“ Ich zog mich höflich aus der Affäre, aber Herr T. wollte gehen. Er versteht das Prinzip der exponentiellen Ausbreitung einer Krankheit sehr wohl. Aber wenn er zum Essen eingeladen wird, stellt er auf Durchzug.

Ich liess ihn gehen und machte einen Spaziergang. In einer leicht verschneiten, fast menschenleeren Landschaft fand ich Ruhe und ein liebliches Gartenhäuschen mit einer Kuppel.

„Und, wie war es? Habt Ihr Abstand gehalten?“ fragte ich ihn, als er gegen 18 Uhr zurückkam.

„So gut es eben ging“, sagte er. Es seien noch zwei weitere ältere Damen zu Besuch dagewesen.

Ich zog die Augenbrauen hoch. „Also Personen aus vier Haushalten?“ fragte ich. Herr T. nickte.

„Was hätte ich denn tun sollen?“ fragt er. “ Etwa Davonlaufen?“

Bei mir brach das leicht cholerische Temperamt meines Grossvaters, Eugen Walholz, durch. „Klar doch!“ sagte ich heftig. „Diese Kuh bringt ja alle ihre Gäste in Lebensgefahr! Du gehörst jetzt in Quarantäne, und ich bin einfach nur dankbar, wenn Du in zehn Tagen gesund bist.“

Die Quarantäne sah dann so aus: Herr T. sass im Wohnzimmer und sah fern. Ich sass in meinem Zimmer ein und schaute „Bridgerton“ auf Netflix. Ich konnte etwas Eskapismus gut gebrauchen. Dazu chattete ich kurz mit meiner Freundin Helga. Kurz vor 22 Uhr trat ich nochmals aus meinem Zimmer, um gründlich durchzulüften und Herrn T. gute Nacht zu sagen. Da sah ich auf der Mattscheibe die Bilder aus dem Capitol in Washington. Herr T. und ich diskutierten aufgeregt, aber mit Abstand. Richtig einordnen liess sich das alles noch nicht. Ganz unerwartet kam es nicht, ausser offenbar für die Polizei in Washington. Und doch fühlte ich, wie mir die Welt um die Ohren flog.

Um 21:55 Uhr schrieb ich im Chat an meine Freundin: „Hast Du gesehen, Washington??!!“ und drei fassungslose Emojis.

Dann ging ich ins Bad, machte ein zweites Zahnglas bereit, um unsere Zahnbürsten zu trennen, und weinte ein bisschen.

*“Ich bin doch kein Versuchskaninchen. Ich habe mein Leben gelebt. Wenn’s vorbei ist, ist’s vorbei.“

Wofür ich dankbar bin

Blumenstrauss_2020
Zu Weihnachten verschenkt Herr T. jeweils opulente Blumensträusse. Er ist ein krisentauglicher Ehemann, so viel weiss ich heute.

2020 war ein Krisenjahr, das heisst Stress, Angst, für viele Krankheit oder Tod. Aber es hat uns auch gezeigt, was in unserem Leben funktioniert und wo wir uns einen Ruck geben müssen.

1) Herr T. und ich sind zur Stunde symptomfrei. Aus unserer näheren Verwandtschaft hatte einzig meine Nichte Marie-Christiane Covid-19. Sie ist 19-jährig und ansonsten kerngesund. Ganz harmlos sei das Virus nicht, meldet sie. Noch heute, sechs Wochen nach Ende der Isolation, habe sie manchmal Müdigkeits-Attacken. „Dann muss ich mich ein halbes Stündchen hinlegen.“ Aber sie ist klug und herzlich wie früher.

2) Meine Ehe hat gehalten. Kurz vor dem ersten Lockdown sagte mein Mann zu mir: „Wenn Du jetzt immer zu Hause bist, werde ich wahnsinnig.“ Das war nur halb ironisch gemeint. Er neigt zu einem gewissen Schlendrian, ich folglich zum Herumkeifen. Ich merkte: Wenn so ein Lockdown funktionieren soll, muss ich mich zusammennehmen. Ich konnte das, nicht immer, aber häufiger. Trotz brandschwarzem Stress im Homeoffice erlebten wir auch goldene Stunden zu zweit. Und er kochte ganz wunderbar.

3) Ich habe meinen Job noch. Im ersten Lockdown waren wir auf Kurzarbeit. Eine unserer Haupteinnahmequellen meines Geschäfts sind Inserate, und die versiegte während des Lockdowns einfach. Es fanden ja keinerlei Veranstaltungen mehr statt, und niemand mehr wollte für irgendetwas Werbung machen. Die Zeichen standen auf Weltuntergang. Aber das Weihnachtsgeschäft mit den bunten Inseraten für verbilligte Schinkli und Sekt lief dann leidlich. Im Moment haben wir im Geschäft eine andere Art von Weltuntergang: täglich drei, manchmal dreieinhalb Seiten Todesanzeigen (in normalen Zeiten sind es zwei, höchstens drei). Nein, dafür bin ich nicht dankbar. Täglich halte ich inne und studiere sie bedrückt.

4) Während dieser Monate haben wir alle herausgefunden, welche Menschen für uns wirklich zählen. Es sind dies für mich vor allem auch langjährige Freundinnen und Freunde: Andreaszwei, Helga, Kaja, Frau Rathausen, Herr Hooligan. Gemeinsam haben wir Corona gelernt, die Lage erörtert, einander Links geschickt. Wir sind in Kontakt geblieben, haben gelernt, weniger nachtragend zu sein. Wir haben herausgefunden, wie man auch im Lockdown risikoarme Spaziergänge macht. Meine besten Freundinnen und Freunde und ich, wir sind fast alle Risikopatienten. Mit Isolation umzugehen, haben wir schon vor Corona gelernt. Ich selbst habe Corona sogar ohne Telefon gekonnt. Dabei geholfen haben zahlreiche Messenger-Dienste: Whatsapp, Twitter, Wire, SMS, E-Mail und die gute alte Post.

5) Ich bin froh darum, auch ohne ständige Cüpli-Partys, Sport-Events und Singabende gut leben zu können. Herr T. kann das auch, und auch mein Freund Andreaszwei. Wir sind alle etwas introvertiert. „Das ist jetzt ein evolutionärer Vorteil“, scherze ich jeweils. Ich gestehe, Andreaszwei kann das noch besser als Herr T. und ich. Wir sind auch schon Risiken eingegangen und habe Freunde besucht, sehenden Auges. Von daher gilt immer: Zur Stunde symptomfrei und dankbar.

Doch nichts ist für die Ewigkeit gemacht. Die neue Virus-Variante ist auch in der Schweiz. Als ich das im Newsportal las, war mir, als hörte ich, wie die Titanic den Eisberg schrammt. Wer weiss, wie 2021 wird. Meine Gedanken sind bei jenen Menschen, die Angehörige an das Virus verloren haben. Sie sind bei jenen, die ihre Arbeit oder ihr Geschäft verloren haben. Möge 2021 ein gutes Jahr werden, oder wenigstens ein Jahr der Hoffnung. Auch für Euch alle, meine Leserinnen und Leser!

Fünf Bücher für das Jahr 2020

Sorgfältig liste ich in meiner Agenda jedes Buch auf, das ich gelesen habe. Wenn ich alte Agenden durchblättere, staune ich manchmal darüber, wie viel ich vergessen habe. Aber 2020 ragen aus den rund 40 gelesenen Titeln fünf heraus, die meine Gedanken zum Teil auch nach einem halben Jahr noch fast täglich beschäftigen. Die fünf besten Bücher meines Lesejahres 2020.

Wenn ich lese, ist es, als würde ich ein fremdes Haus betreten und für kurze Zeit dort wohnen. Oft zur wohltuenden, kleinen Flucht aus meinem eigenen Zimmer. Manchmal aber suche ich in diesen fremden Wohnungen Antworten für mein eigenes Leben. 2020 war und ist ein Jahr wie gruseliger Science Fiction. Vielleicht deshalb spielten Dystopien in diesem Jahr für mich eine besondere Rolle. Es war, als hätte ich schreckliche Orte aufgesucht, um dort geistig für das Schlimmstmögliche zu trainieren. Aber zuvorderst auf meiner Liste steht ein Klassiker der Philosophie:

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Sören Kierkegaard: „Entweder – oder“. Warnung: Dieses Buch hat 900 Seiten. Es zu lesen ist eine Geduldsprobe. Doch mir gab und gibt es Antworten – keine endgültigen zwar. Aber solche, von denen aus ich weiterdenken kann. Es ist an sich ein Buch für junge Leute. Doch eignet es sich auch für 55-Jährige, die über ihre Lebensbilanz nachdenken und sich fragen, was noch kommt. Für die eilige Leserin drängen sich einzelne Kapitel auf, die man gut auch separat lesen kann. Pflichtlektüre für 17-jährige Frauen sollte das „Tagebuch des Verführers“ sein, ein 70-seitiges, atemberaubend spannendes Kapitel aus der Mitte des Buches. Es ist die grausamste Liebesgeschichte, die ich je gelesen habe. Der Erzähler verachtet Frauen. Aber er gefällt sich in der Rolle des Don Juan, der sich ein wohlbehütetes Mädchen ins Bett manipulieren will. Die Geschichte heilt uns Frauen auf die harte Tour von der Illusion, dass alle Männer, in die wir uns verlieben, im Grunde unser Bestes wollen. Antworten für das Krisenjahr 2020 hält das Kapitel „Ultimatum“ am Schluss des Buches bereit.

Daniel Defoe: „Die Pest zu London“ („A Journal of the Plague Year“). Während des Shutdowns im Frühling zog ich meine vergilbte Penguin-Ausgabe aus dem Gestell. Sie wurde zu meinem Vademecum für die Corona-Pandemie. Im April fand ich die Parallelen zwischen damals und heute sinnfällig: die leeren Strassen, die Obsession der Stadtbewohner mit Fallzahlen. In letzter Zeit denke ich oft an jene Sätze, die Defoe sinngemäss mehrmals wiederholt. „Niemand arbeitete mehr, es war unmöglich. Dennoch brach kein Massenelend aus, weil die Reichen und auch der Stadtrat von London äusserst spendabel waren.“ Seit Oktober vergeht kein Tag, an dem ich sie nicht unserem rechtsnationalen Finanzminister Ueli Maurer zubrüllen möchte. Vielleicht müsste man Herrn Bundesrat Maurer noch sagen, dass die grosse Stadt London schliesslich wirtschaftlich gestärkt aus der Krise hervorging.

George Orwell: „1984“. Schriftsteller sind keine Propheten und keine Profis in politischer Kommunikation. Sie sind Geschichtenerzähler. Sie bauen ihre Häuser aus den Dingen, die gerade herumliegen – und jede Lesegeneration kann sie auf neue Art bewohnen, wenn sie es denn will. Im echten Jahr 1984 sah Orwells 1948 veröffentlichte Dystopie wie ein verfallener Bunker aus vergangenen Kriegen aus. Der Stalinismus, von dem der Autor sich hatte inspirieren lassen, war im Westen nie aktuell geworden. Einen gefährlichen Überwachungsstaat gab es damals in der DDR – im Westen kannte man sowas nicht (glaubten wir jedenfalls – erst fünf Jahre später flogen die ziemlich dilettantischen „Staatsschutz“-Versuche in der Schweiz auf). Heute wandern wir im von George Orwell geschaffenen Bunker herum und sehen Bauteile, die jenen unserer eigenen Zeit verblüffend ähnlich sind. Wenn Protagonist Winston Smith etwa die „Doppelsprech“-Strategie seines Regimes analysiert, beginnen wir zu verstehen, warum Donald Trump so unverfroren lügt. Und wieder und wieder musste ich beim Lesen an das Wissen denken, das irgendwelche Computer irgendwo über mich speichern. Mir wurde klar: Wir müssen alles tun, damit dieses Wissen nie, wirklich niemals, in die Hände der falschen Politiker gerät. Oder ist es dafür schon zu spät?

Kai Strittmatter: „Die Neuerfindung der Diktatur“. Das hier ist kein Roman, sondern ein Sachbuch – es dreht sich um China unter Xi Jinping. Dort sind die Möglichkeiten der totalen Überwachung bereits in falsche Hände geraten. Und das ist nicht nur gefährlich für die Chinesen, sondern für uns alle. Schrecklich, zuweilen aber auch geradezu amüsant sind die ersten Kapitel. Darin erklärt Strittmatter, wie die Zensur der sozialen Medien in China funktioniert. Wie die Zensoren den Gebrauch von Wörtern verbieten – und wie kritische User die Zensur mit Synonymen zu unterwandern versuchen. Die lassen sich nicht so leicht unterkriegen, die Chinesen, denkt man. Aber Strittmatter zerstört auch diese Illusion: Die Mehrheit der Menschen im Reich der Mitte ist genauso unterhaltungsgeil wie wir im Westen – und die allermeisten sind gehorsam und kooperativ.

Margaret Atwood: „Die Zeuginnen“. Ebenfalls eine Dystopie, aber auch ein Buch der Hoffnung – und es liest sich wie ein Krimi. In diesem Buch sind Frauen rechtlose Kleiderständer in blauen, roten oder grauen Säcken im radikal christlichen Gottesstaat Gilead. Sie werden zwangsverheiratet, überwacht und bei Ungehorsam drakonisch bestraft. Das Buch ist die Fortsetzung von Atwood’s Roman „Der Report der Magd“, in dem eine Frau zu fliehen versucht. In „Die Zeuginnen“ erkennen drei Frauen 15 Jahre später, dass sie so nicht mehr leben wollen. Aber wird der Ausbruch gelingen? Das Buch ist nicht nur ein Beitrag zur #metoo-Debatte. Es erlaubt auch eine wohltuende, kleine Flucht aus dem eigenen Zimmer.

Alarmstufe orange im Zentralbüro

Bevor ich das Büro verliess, ging ich noch kurz bei Kaja vorbei. Diesmal erschrak sie nicht, aber sie nuschelte aufgeregt in ihre Maske. Ich verstand sie nicht. Bürogespräche sind für mich sehr bruchstückhaft geworden. Kaja wollte partout die Maske nicht abnehmen, obwohl ich längst zwei oder drei Schritte zurückgetreten war.

Schliesslich nahm sie einen roten Stift in die Hand und schrieb auf ein Stück Papier: „Löwenherz hat Corona.“ Löwenherz ist die Chefin der Abteilung Licht & Schatten im Zentralbüro. „Sie ist im Haus. Ich musste vorher bei ihr vorbei. Sie sagte, ich soll ihr auf keinen Fall näherkommen.“

„Hä???!!“ fragte ich. „Warum ist sie nicht in Quarantäne?“

Keine Ahnung, liess Kaja mich wissen, dann schrieb sie: „Der Chef sollte jetzt intervenieren. Warum tut und sagt der Chef nichts?“ Ich nickte. „Geht alles den Bach runter“, sagte eine von uns, nicht zum ersten Mal in den letzten Jahren.

Dann ging ich hinaus und streifte durch die dunkle Stadt. Mein Kopf war wie ein Bildschirm, auf dem unter einem mässig interessanten Spielfilm plötzlich ein rotweisses Spruchband mit panischen News durchzulaufen beginnt. Das Band war voll mit hektischen Fragen: Wann habe ich Löwenherz zum letzten Mal gesehen? Am Freitag, für zwei Sätze mit genügend Abstand. Ob sie es da schon hatte? Was, wenn sie schon das halbe Dutzend Kollegen im Zentralbüro angesteckt hat? Wie gut ist eigentlich die Lüftung in unseren Büros? Warum kommt Löwenherz überhaupt noch ins Büro? Habe ich mich angesteckt? Darf ich meinen Mann noch küssen? Verdammt, wir haben Risikopatienten in unserem Geschäft! Warum tut niemand etwas? Habe ich meine Eltern angesteckt gestern?

Willkommen in der Schweiz im November 2020. Slowdown statt Shutdown. Haha. „Der Bundesrat ist wie betäubt“, whatsappte Kaja am späteren Abend. Die Kantonsregierungen machen: nicht viel. Wir alle sind vorsichtig, aber nicht immer und nicht konsequent genug. Übers Wochenende fiel der R-Wert kurz unter 1, aber am Samstag gab es Massenandrang an den Skiliften in Zermatt. Jetzt steigt der R-Wert wieder. In den Spitälern sterben von der Öffentlichkeit so gut wie unbemerkt an die 100 Menschen im Tag.

Kaja und ich versprachen, einander auf dem Laufenden zu halten. Ich schrieb: „Ich warte bis morgen auf Infos vom Chef. Wenn nichts kommt, schreibe ich der Betriebsrätin. Ich werde mich hüten, dem direkten Vorgesetzten Fragen zu stellen, er wird mich eh nur anpflaumen.“

Später berichtete Kaja, Löwenherz habe ihr die Sache per E-Mail erklärt: Sie sei völlig symptomfrei. Den Test habe sie nur gemacht, weil sie nächste Woche ihre Verwandten in Finnland besuchen wolle. Als Kaja kam, war Löwenherz gerade über die Testresultate informiert worden.

Heute ist Löwenherz in Quarantäne, Kaja im Homeoffice und ich habe frei. Meine Nase läuft ein bisschen. Meinen Mann habe ich trotzdem geküsst, wenn auch nicht sehr innig. Um 11:02 das Whatsapp von meiner Mutter: „Corona ist näher gerückt.“ Meine Nichte Marie-Christine (18) sei positiv und in Isolation. Mein Bruder und meine Schwägerin: negativ. Bei der jüngeren Nichte Carina (15) wissen wir es noch nicht.

Ja, ich gestehe, ich habe mich fahrlässig verhalten

In der Schweiz haben wir mittlerweile 7700 Covid-19-Neuansteckungen im Tag. Die Intensivstationen sind bald voll. Unsere Regierung tut: nichts. Dabei brauchen wir einen zweiten Lockdown. Eigenverantwortung funktioniert einfach nicht, wie ich gleich zeige werde.

Am letzten Samstag waren wir bei Lydia und Xaver zum Essen eingeladen. Die beiden sind sehr alte Freunde von Herrn T.. Wir hatte sie lange nicht gesehen und das Treffen war von langer Hand geplant. Doch am Vorabend rief Lydia an und lud uns aus. Wegen Corona. Der Gesundheitsminister habe doch gesagt: „Reduzieren sie ihre sozialen Kontakte.“ Ich sass daneben und sagte laut: „Gut! Das erspart uns eine schwierige Entscheidung.“ Tagelang hatte ich darüber nachgedacht, wie riskant dieses Treffen wohl sei.

Am nächsten morgen klingelte wieder das Telefon. Diesmal war es Xaver. Er lud uns wieder ein. „Mir wöi doch itz nid uffhöre lääbe“*, sagte er in seinem liebenswürdigen Freiburger Dialekt. Ich sass da und verdrehte die Augen. „Hat er es denn nicht begriffen!?“ dachte ich. Solche Szenen spielen sich wahrscheinlich gerade täglich an Tausenden Schweizer Telefonen ab. Wir wissen einfach nicht mehr, wie wir uns verhalten sollen. Treffen von vier Personen sind erlaubt, ausdrücklich verboten erst solche ab zehn Personen. Aber zehn Personen – das scheint mir im Moment geradezu frivol viel. Was, wenn sich an einem solchen Treffen drei der zehn anstecken und auch nur einer in die Intensivstation muss?

„Ich brauche zehn Minuten Bedenkzeit“, liess ich mich verlauten. Aber schon da wusste ich: Ich hatte keine Chance. Herr T. wollte seine Freunde sehen, und er wollte mich dabeihaben. Covid-19? Verschwand hinter einer Logik der Freundschaft und der herzlichen Umgangsformen, die so alt und mächtig ist, dass sie wahrscheinlich im Stammhirn sitzt und vom Covid-Alarm im Neocortex noch gar nichts mitbekommen hat. Ich brauchte gar nicht zu diskutieren. Herr T. sagte zu, und bei uns hing der Haussegen ein bisschen schief. Ich bin sonst keine passiv-aggressive Ehefrau. In rund 50 Prozent aller Differenzen kann ich mich durchsetzen. Aber diesmal fehlte mir einfach die moralische Stärke.

Ich ging also mit hin. Viele werden jetzt denken: „Das muss aber ein sehr ungemütlicher Abend gewesen sein unter solchen Umständen.“ Das Gegenteil war der Fall. Es war total herzerwärmend. Auch das ist die Logik der Freundschaft und der guten Umgangsformen: Ist man erst mal da, beerdigt man das Kriegsbeil und trägt zum Gelingen des Abends bei. Der Junior von Lydia und Xaver kam zum Essen dazu, ein junger Mann, der lustige Sachen erzählte und einen Schnupfen hatte. Wenn er sich schneuzte, schauderte ich ein bisschen. Aber ich stand nicht auf, hielt keine Moralpredigt und stürmte nicht hinaus. Es war ein wunderbarer Abend, und das Wort „Coronavirus“ fiel genau zweimal.

Am nächsten Morgen hatte ich Halsschmerzen. Aber es waren wohl diese Halsschmerzen, die wir alle im Moment ständig haben. Wenn man keine Zeit hat, an sie zu denken, gehen sie weg. Sonst haben wir bis heute keine Symptome.

Warum ich diese Geschichte erzähle? Weil sie illustriert, wie unzulänglich die hierzulande so oft beschworene Eigenverantwortung ist. Herr T. und ich sind vergleichsweise behördengläubige Leute – und selbst wir geraten in Situationen, in denen es einfach mit uns durchbrennt. Man stelle sich Leute vor, die dieses ganze Corona-Gedöns sowieso nicht so ernst nehmen. Die gibt es hierzulande in beträchtlicher Zahl. Und sie können weiter überall feiern. Irgendwann erwischt es sie dann halt, und sie geben das Virus weiter. Wie lange dauert es noch, bis wir Regeln bekommen, die wir ernst nehmen müssen?

* „Wir wollen doch jetzt nicht zu leben aufhören.“

Hüsteln im Korridor

Letzte Woche waren Kaja und ich meist die einzigen, die nach 17 Uhr noch im Büro waren. Kaja ist in einer besonders perfiden Situation. Wegen Corona-Sparmassnahmen muss sie pro Woche einen aufgelaufenen Ferientag einziehen. Sie bekommt Hilfe, aber es reicht nicht. Meist erledigt sie jetzt die Arbeit von vier Tagen einfach in drei. Ausserdem funktionierte ihr Laptop nicht, deshalb kein Homeoffice. Und ich habe halt viel zu tun im Moment. Aber es werden wieder andere Zeiten kommen.

Kaja malocht alleine drüben im grossen Büro Ost, wo zu besten Zeiten vier Leute sitzen. Ich maloche in meinem Einzelbüro. Zum Plaudern haben wir, eigentlich gute Freundinnen, keine Zeit. Aber abends, wenn ich fertig bin, führt mein Weg durch das Büro Ost, und ich sage ihr auf dem Weg hinaus tschüss.

Zweimal hat sie sich letzte Woche fast zu Tode erschrocken, als ich hereinkam. Sie hatte sich im Osttrakt allein gewähnt und überhaupt nicht mit mir gerechnet.

Am Freitag hatte ich dann dazugelernt. Um sie vorzuwarnen, hüstelte ich leise im Korridor, bevor ich das Büro Ost betrat.

Als ich hereinkam, stand sie da, Angst in den Augen und eine Spur Missbilligung. Ich wusste sofort: Ich hatte einen noch schlimmeren Fehler gemacht. Ich begann laut zu lachen: „Nein, ich habe kein Covid-19! Ich habe nur gehüstelt, damit Du nicht erschrickst.“

Duftendes Anti-Corona-Tröpfchen

edlertropfen
Immer auf meinem Schreibtisch: Desinfektionsmittel und Wasserflasche

Am Freitag zählte die Schweiz erschreckende 6600 Neuansteckungen. Frau Frogg sass im Büro und fand Trost im medizinischen Alkohol.

Freitag, 16.30 Uhr in meinem Büro. Draussen auf dem Korridor gähnende Leere. Alle anderen sind entweder ins Homeoffice geflohen oder schon fertig mit der Arbeit. Nur drüben im Sekretariat sitzt noch eine Kollegin. Wir harren in unseren Büros aus, bei wieder beginnender Coronastinkigkeit allüberall. Was wir alles lesen müssen von unseren Kunden!

Vom Sekretariat komme ich gerade, ich musste etwas abholen. Jetzt desinfiziere ich mir reflexartig die Hände. Dann rieche ich an ihnen. Mein neues Handdesinfektionsmittel duftet wunderbar. Irgendwie… nach Williams vielleicht? Oder Zwetschgenschnaps? Kirsch? Ich werfe einen Blick auf das Kleingedruckte auf dem Fläschchen. „Distillerie Studer, Escholzmatt“ steht da. Eine kurze Google-Suche bringt es an den Tag: Die Herstellerin meines Desinfektionsmittels ist ein Familienunternehmen, das seit Generationen kostbare Obstbrände herstellt. Jetzt haben die Leute dort die Ernte vom letzten Herbst für medizinisches Zubehör in den Kocher geworfen.

Ich bin wenig überrascht, denn wir alle wissen: Schon Mitte Februar, zu Beginn der ersten Welle, ging in der Schweiz der medizinische Alkohol aus. Die Ethanol-Pandemiereserve war aus Spargründen 2018 abgeschafft worden. So opferten wir im Februar 2020 notfallmässig unsere edlen Tropfen: „Agroscope, die Forschungsstelle für Landwirtschaft, leert ihren gesamten Weinkeller. Aus 20000 Litern Wein – rotem und weissem aus dem Tessin, dem Wallis und dem Lavaux – werden knapp 3500 Liter Desinfektionsmittel für die Armee-Apotheke. Im Kanton Zug müssen 2000 bis 2500 Liter edler Etter-Kirsch mit 80 bis 90 Prozent Alkoholgehalt dran glauben. In Martigny bringt die Destillerie Morand eine Desinfektionslösung auf der Basis von Birnenschnaps auf den Markt. Hipster in Lausanne, Genf und Neuenburg schätzen sie bald schon, weil sie ’nach Williams riecht und die Hände weich macht‘.“ So steht’s im Schweizer Bestseller „Lockdown“, und dann heisst es: „Das Problem ist fürs erste gelöst. Eine erfolgreiche Aktion, die anmutet wie aus der legendären Schweizer Anbauschlacht im Zweiten Weltkrieg.“

An den Zweiten Weltkrieg denke ich gerade, als ein Mail bei mir hereinläuft. Ein älterer, durchaus gebildeter Herr aus den Bergen beklagt sich bitter. Er sei aus dem Café geworfen worden, weil er keine Maske tragen wollte. „Zum ersten Mal wusste ich, wie sich die Juden damals gefühlt haben.“ Zorn kocht in mir hoch. Ich kann das nicht sofort beantworten, sonst werde ich ihm ganz unprofessionell schreiben müssen, dass er ein bescheuerter Covidiot ist, und dazu eine Gefahr für die Allgemeinheit.

Ich brauche Trost, spritze mir nochmals ein wenig Desinfektionsmittel auf die Hand und rieche daran. Mittlerweile bin ich mir sicher: Es ist Zwetschgenduft. Ich frage mich: Wie sehr muss man das Zeug wohl verdünnen, damit man es trinken kann?**

Dann geige ich dem Herrn aus dem Bergen kühl und sachlich meine Meinung.

*“Recherchedesk TAMedia: „Lockdown“, Lachen, 2020, Verlag Wörterseh, (S. 69-70).
** Stunden später habe ich nun herausgefunden, dass das Zeug mit Kampfer ungeniessbar gemacht worden ist,

Lebenszeichen aus dem Corona-Hotspot

Der Schweizer Gesundheitsminister Alain Berset wirkte gestern von den Fallzahlen überrumpelt

Um es vorwegzunehmen: Meinem Mann und mir geht es gut. Aber in den letzten zehn Tagen ist hier in der Schweiz die Zahl der Coronafälle geradezu explodiert. Und niemand tut etwas. Was ist passiert?

Über 3000 Neuansteckungen mit dem Coronavirus meldete das Bundesamt für Gesundheit gestern – auf nur 8,75 Millionen Einwohner. Wir haben puncto Neunansteckungen sogar die USA überholt. Wie um alles in der Welt konnte das passieren?! Noch am 20. Mai sagte Bundes-Gesundheitsminister Alain Berset: „Wir können Corona.“ Das war kurz nach dem Lockdown, und es gab weit unter 100 Neuansteckungen im Tag.

Dann reichte der Bund die Verantwortung an die Kantone weiter. Das hätte er nicht tun sollen, auch wenn das Gesetz es so will. Die Kantone sind dasselbe wie in Deutschland die Bundesländer, nur viel kleiner. Der bevölkerungsreichste Kanton Zürich hat 1,5 Millionen Einwohner und eine steinreiche Finanzmetropole. Der kleinste, Uri, zählt gerade mal 37000 Seelen und wenig mehr als Berge und einen Nationalhelden. Aber der ist seit 700 Jahren tot, falls es ihn überhaupt je gegeben hat. Die Kantone sind schon zu den besten Zeiten ein zerfahrener Haufen. Es gibt Stadtkantone und Landkantone, reiche und arme Kantone, man spricht Deutsch oder Französisch oder nichts von beidem, man beobachtet einander mit Neid, Misstrauen und Schadenfreude. Ihr könnte mir das glauben. Ich hatte ein paar Jahre lang viel mit Vertretern (ja, meist Männer) der fünf Zentralschweizer Kantone zu tun. Ein Sack voller Flöhe ist einfacher von einer gemeinsamen Sache zu überzeugen. Wenn noch die Romands dazukommen, wird die Sache explosiv.

Nun sind hier also 26 Gesundheitsminister aus 26 Kantonen für das Management einer Pandemie zuständig. Natürlich gibt es eine so genannte Kantonale Gesundheitsdirektorenkonferenz, in der sich diese 26 Minister absprechen. Der sperrige Name des Gremiums ist wahrscheinlich Absicht. Mit einem solchen Namen entgeht man leicht der Aufmerksamkeit der nationalen Politik, die in den letzten Jahren von den Rechtsnationalen dominiert wurde. Chef der Kantonalen Gesundheitsdirektorenkonferenz ist ein sympathischer Basler CVP-Politiker namens Lukas Engelberger. Seit Wochen sieht man in oft am Fernsehen, wo er gut aussieht und in vielen Worten wenig sagt. „Das ist das beste, was er mit seinem Job tun kann“, sagt Herr T. und hat recht. In den Kantonen gab es eine Kakaphonie von Massnahmen: In Zürich Maskenpflicht in den Läden, in Luzern keine (natürlich pilgerten die Zürcher nach Luzern zum Einkaufen). Und so weiter.

Zuerst kam ein langer Sommer. Die Fallzahlen stiegen leicht. Wir wurden alle etwas nachlässig. Herr T. und ich berieten uns im August über das Ansteckungsrisiko. Er ist Ü60, ich habe eine chronische Krankheit. Dennoch: „Kleine, kalkulierte Risiken müssen wir eingehen“, sagte ich im August. „Wir müssen weiterleben.“ Diese Erkenntnis gehört zu den Dingen, die mich meine Krankheit gelehrt haben. Ich war dennoch vorsichtig, traf lediglich kleine Gruppen von Freunden, mit grossem Abstand und sehr grosser Freude. Gott, war es schön, sie alle nach dem Lockdown wiederzusehen! Alle liebten es, überall. Die Kneipen waren voll.

Zwischen dem 24. September und etwa dem 8. Oktober wurde sogar ich ein bisschen fahrlässig. Ich hatte Ferien. Am Sonntag, 4. Oktober, zwängte ich mich im Kanton Nidwalden in eine vollgepferchte Bergbahn mit 30 maskierten Mitpassagier*innen. Mir wurde etwas mulmig. „Na, der Kanton Nidwalden ist jetzt kein Corona-Hotspot“, beruhigte ich mich. Vier Tage später zählte Nidwalden plötzlich über 100 Neuansteckungen auf 47000 Einwohner. Da war ein Superspreader-Event in einer Bar. Über 1000 Neuansteckungen in der ganzen Schweiz. Sofort bekam ich einen leichten Schnupfen, wahrscheinlich vor Angst.

Am Freitag, 9. Oktober, wurde ein Kollege von mir positiv getestet. Da hatte ich immer noch Ferien und ihn in 14 Tagen nicht einmal von ferne gesehen. Am Montag arbeitete ich wieder, „the Show must go on“.

Dann, wenig später, plötzlich über 2000 Neuansteckungen im ganzen Land. Im Kanton Schwyz, bisher weitgehend von der Epidemie verschont, warnte die Spitalchefin eindringlich: „Die 25 Betten auf der Isolierstation sind fast alle belegt.“ Die Fallzahlen waren explodiert. Hunderte hatten im Talkessel ein Musical besucht, an dem ein Sänger infiziert war. Ich stand da mit offenem Mund und dachte: „Gibt es da keine Sicherheitskonzepte?“ Anscheinend hat die Gesundheitsministerin dort gar nichts gemacht. Zudem sind die Schwyzer reflexartig gegen alles, was im Verdacht steht, aus der Bundeshauptstadt Bern oder – Gott behüte! – dem Ausland zu kommen. Das betraf auch die Maskenpflicht.

Bei uns, 13 Kilometer von der Schwyzer Kantonsgrenze, fegte Chef Nummer zwei durch die Gänge. Er prüfte nach, ob wir alle die neuen Laptops für’s Homeoffice bekommen hatten. Am Donnerstag die Anordnung: „Wir stellen wieder auf Homeoffice um.“ Vor meinem geistigen Auge sah ich eine Schnecke, die sich missmutig in ihr Häuschen zurückzieht. Das war ich. Am Freitag ging ich trotzdem ins Geschäft, ich habe ein Einzelbüro und keinen Laptop.

Am Freitag über 3000 Fälle. Gesundheitsminister Berset trat vor die Medien und sagte… nichts. Unser Held, der im Frühjahr als erster in Europa Veranstaltungen über 1000 Personen abgesagt hat, wirkte völlig überrumpelt.

Drüben im Grossraumbüro führten die wenigen verbliebenen Kollegen unaufgefordert Maskenpflicht ein.

Dann, gegen Abend, sprach Herr Engelberger. Im Namen der Kantonalen Gesundheitsdirektoren forderte er vom Bund einheitliche Regeln bezüglich Maskenpflicht und Versammlungen. Endlich.

Am Sonntag tagt der Bundesrat. Was bis dann noch alles passiert, werden wir ja sehen.

Knallharter Sommerkrimi

Die Australierin Emma Viskic (Bild) hat einen Krimi mit einem tauben Ermittler geschrieben. Frau Frogg, selbst stark schwerhörig, hat das Buch gelesen. „Ausgezeichnet“, lautet ihr Verdikt. Aber man sollte nur nicht allzu ernst nehmen, was die Autorin in Interviews über ihren Helden sagt.

„No Sound – die Stille des Todes“ von Emma Viskic ist ein typisch australischer Krimi: schnell, brutal, düster. Meist steht im Mittelpunkt dieser Storys ein knallharter, aber auch versehrter, weisser Ermittler. Die Sprache ist knapp, die Dialoge von trockenem Humor. «No Sound» hat mehrere renommierte Krimi-Preise erhalten. Er ist aber nichts für zarte Gemüter, schon auf der ersten Seite nicht: Wir sehen den Protagonisten, Privatdetektiv Caleb Zelic, der seinen blutüberströmten Freund Gary in den Armen hält. Gary ist die Kehle aufgeschlitzt worden, und Caleb ahnt, dass er nicht ganz unschuldig daran ist. Die Geschichte wird aus seiner Sicht erzählt, und schon im ersten Abschnitt bekommen wir den vagen Eindruck, dass Caleb anders ist als andere Krimihelden. Er sieht «einen Mann und eine Frau. Sie trugen blaue Uniformen und sahen argwöhnisch aus. Die Frau redete, aber ihre Worte glitten an ihm vorbei, sie waren so formlos, dass er sie nicht packen konnte.» Was zunächst wie Schockstarre wirkt, erweist sich schnell als anhaltende Einschränkung: Caleb ist hochgradig schwerhörig. Die Hörgeräte helfen ein bisschen, aber nicht genug. Caleb bringt sich mit Lippenlesen und Gebärdensprache über die Runden.

Ich bin selber nicht ganz so schwerhörig wie Caleb. Mit Hörgeräten verstehe ich gesprochene Sprache an guten Tagen leidlich, Lippenlesen hilft ein bisschen. Ich war neugierig darauf, wie die Autorin das Thema Schwerhörigkeit abhandelt. Ich finde: Sie macht das sehr gut. Das Thema kommt auf jeder Seite vor – unaufdringlich, oft in Nebensätzen, aber es ist immer präsent. Es durchdringt Caleb’s Leben, wie Schwerhörigkeit das Leben eben durchdringt. Vom Morgen, wenn wir als erstes unsere Hörgeräte anziehen, bis zum Abend, wenn wir sie als letztes wieder in ihre Behältnisse legen. Das Thema ist im Buch da, wenn Caleb nicht zurechtkommt, weil ein unfreundlicher Gesprächspartner ihn absichtlich annuschelt. Es ist da, wenn jemand für ihn telefonieren muss, weil er es selber einfach nicht kann. Es ist da, wenn seine Hörgeräte nach einem lebensgefährlichen Kampf nass werden, nicht mehr funktionieren und er Panik schiebt – wegen der kaputten Hörgeräte fast mehr noch als wegen der ungemütlichen Gesamtsituation. Das trieft nie vor politischer Korrektheit und ist nicht belehrend. Aber es ist immer spannend zu lesen: Unser Held muss einen überlebenswichtigen Fall lösen – und bewegt sich dabei in einer Welt voller Zeichen, die er nicht deuten kann. Unheimlich, das alles.

Es gibt mittlerweile viele Krimis mit behinderten Heldinnen und Helden. Oft kompensieren diese ihre Einschränkung mit geradezu übersinnlichen Fähigkeiten und lösen den Fall genau deswegen. Nicht so Caleb. Nun ja, er beobachtet Gesichtsausdrücke genau, etwa, um einordnen zu können, ob sein Gegenüber auf seiner Seite steht. Ich mache das auch aufmerksamer als zu der Zeit, ich noch gut hörte – und ich habe dabei auch schon gemerkt, dass mir jemand etwas verschweigt. Aber was es genau war, habe ich erst erfahren, als er es mir später gesagt hat. Unmittelbar relevante Informationen erhält man im Alltag fast immer durch gesprochene Sprache. Das ist bei Caleb nicht anders. Er löst den Fall – nicht, weil ihm die Schwerhörigkeit dabei hilft. Sondern, weil er hartnäckig an der Sache dranbleibt – obwohl es für ihn schwieriger ist als für einen Normalo. Das Buch gibt übrigens auch einen Hinweis darauf, warum so viele Schwerhörige ihr Handicap verheimlichen – es gibt Menschen, die uns nicht wohlgesinnt sind. Wenn diese es für nötig halten, werden sie unsere Schwäche ausnützen. Das ist so, überall auf der Welt, auch wenn heute viel von Inklusion die Rede ist. Dennoch: Es gibt Situationen, in denen Caleb ruhig Hilfe annehmen könnte. Aber das will er lieber nicht. Er ist eben ein harter Kerl, bis zum Gehtnichtmehr.

Was bewegte Emma Viskic dazu, einen hörbehinderten Ermittler zu erfinden? Ist sie selber schwerhörig? Nein, aber sie hat sorgfältig recherchiert. Und als Tochter eines kroatischen Einwanderers, als Frau und als Ehefrau eines bei Koori (Ureinwohnern von Australien) aufgewachsenen Mannes ist ihr die Auseinandersetzung mit Minderheiten wichtig, heisst es. Sie sagte dem «Sydney Morning Herald” über ihren tauben Helden: «Ich wollte einen traditionsgemäss unbesiegbaren Charakter erfinden, einen heterosexuellen, weissen Mann, fit und fähig – und ihn verwundbar machen.» Sie fügt hinzu: «Es ist also eine Metapher, ein Bild, aber das macht die Geschichte interessanter.»

Der Satz hat mich stutzig gemacht. Eine Metapher? Aber für was? Für die Verletzlichkeit eines Macho-Helden? Ok, Caleb qualifiziert sich immer wieder als Macho – aber um verletzlich zu sein, würde er seine Schwerhörigkeit wahrlich nicht brauchen, er schadet sich mit seiner Härte auch so genug: Er redet nicht über seine Gefühle – und das hat seine Ehe zerstört. Er versteht sich bestens auf Männer-Machtspielchen – aber es nützt ihm nicht viel, weil er bei den für ihn höchst bedrohlichen Mordermittlungen der Polizei sowieso am kürzeren Hebel sitzt. Er handelt manchmal überstürzt und übertrieben aggressiv – und das kostet ihn mindestens einmal fast das Leben – und es bringt die Frau, die er liebt, in höchste Gefahr.

Man kann die Schwerhörigkeit also getrost einfach wörtlich nehmen. Als eine Herausforderung, die Caleb Tag für Tag begleitet. Nicht mehr und nicht weniger.

Fazit: Wer einen spannenden Krimi für die Sommerferien braucht, ist mit «No Sound – die Stille des Todes» bestens bedient. Wer Ahnung davon bekommen will, wie sich Schwerhörigkeit anfühlt, sollte das Buch unbedingt lesen.

Emma Viskic: «No Sound – die Stille des Todes», Verlag Piper, 288 Seiten.
Über Privatdetektiv Caleb Zelic gibt es insgesamt drei Krimis von Emma Viskic, auf Deutsch erschienen sind zwei. Der zweite heisst: «No Words – die Sprache der Opfer».