Piratin und Coronarebellen

Ein paar Stunden weg vom Corona-Gezeter ins Aargauer Kunstmuseum: „Le Captaine Cook“ von Niki de Saint Phalle im Aargauer Kunstmuseum

Am Bahnhof geht eine schwarz gekleidete Frau mit einer Totenkopf-Flagge an uns vorbei. Eine Piratin. „Verdammt“, denke ich, „Das ist sicher eine anders ‚Denkende‘! Wo demonstrieren die jetzt wieder?!“ In den letzten Tagen sehe ich bei jedem coronaskepsisverdächtigen Anblick rot. Seit Montag gilt in der Schweiz die Zertifikatspflicht: Ins Restaurant, ins Kino und ins Fitnesscenter dürfen wir nur noch mit einem Ausweis mit QR-Code. Er bestätigt, dass wir geimpft, genesen oder getestet sind. Seither ist die Stimmung im Land so feindselig, wie ich es noch nie erlebt habe. Im Geschäft darf ich allerhand Drohungen und düstere Prophezeiungen lesen, weil wir uns explizit pro Impfung äussern.

Am letzten Samstag demonstrierten in Luzern 1500 Massnahmengegner*innen illegal. Sie scheuten sich nicht, eine Hauptverkehrsader der Stadt lahmzulegen. Die Polizei tat: nichts. Hätten ein paar Klima-Aktivisten dasselbe getan – man riecht schon Tränengas, wenn man es sich vorzustellen versucht. Es gab auch eine nette, kleine Gegendemo. Wie lange geht es wohl, bis sie anfangen, sich zu prügeln? Manchmal denke ich leise an die Weimarer Republik. Auch, weil sich einer unserer SVP-Minister, Ueli Maurer, offen mit den anders „Denkenden“ verbrüdert, indem er sich mit einem Freiheitstrychler-Hemd ablichten lässt. Ich erspare Euch das Bild. Ich will kotzen, wenn ich es sehe. Die „Freiheitstrychler“ liefern mit ihren riesigen Glocken („Trychlen“) den Soundtrack zu den Coronaskeptiker-Demos. Wenn ein Minister ein Trychlerhemd trägt, dann zeigt er seinem eigenen Regierungskollegium offen den Stinkefinger.

Einer der Rädelsführer der Corona-Rebellen ist ein gewisser Nicolas A. Rimoldi (26), ein Libertärer. Aus seinen Zielen macht er keinen Hehl: „Wir fordern eine Erneuerung des politischen Systems der Schweiz“, schreibt er auf Twitter. Er könnte auch gleich sagen: „Wir machen aus dem Staat Gurkensalat.“ Ebenfalls auf Twitter verbrüdert er sich demonstrativ mit weit links (der Antifa) und weit rechts (der Aktion für eine unabhängige und neutrale Schweiz Auns). Und die Esoteriker*innen laufen ihm nach, weil sie Angst vor der Impfung haben. Ich frage mich, ob und wann sie mit ihren Astralhintern unsanft aufs Pflaster knallen werden.

Aber es gibt auch ermutigende Dinge hier – zum Beispiel die Inschrift links auf einer Luzerner Betonwand (die Signatur „161“ legt nahe, dass sie aus Antifa-Kreisen kommt). Und als die Piratin am Bahnhof weg war, sind wir nach Aarau ins Kunstmuseum gefahren. An der Pforte haben wir unser Impfzertifikat gezeigt. Danach waren wir drei Stunden lang an einem Ort, wo es nur fiktive Piraten gibt.

20 Jahre nach 9/11

Ein Bild, das wir hundertmal gesehen haben: Anschläge auf die Twin Towers in New York (Quelle: BBC).

Wo ich am 11. September 2001 war? Ach Gott, das habe ich so oft erzählt, und heute scheint es auch nicht mehr so wichtig. Die Anschläge jenes Tages kommen mir heute vor wie ein vorübergehender Einbruch des Horrors in einen fernen, strahlenden Septembertag. Eine Kleinigkeit im Vergleich zu dem, was hier bei uns im Frühjahr 2020 mit Covid-19 kam. Klar, das ist ein subjektives Gefühl – 2001 sass ich hier in der sicheren Schweiz, in einer Redaktionsstube. Redaktionsstuben fühlen sich manchmal wie eine Festung an, auch wenn die Menschen drin in Aufruhr sind.

Hat 9/11 etwas an unserem Leben geändert? Ja, wahrscheinlich. Aber wir Ü50 wissen auch: Dinge geschehen, und zehn oder zwanzig Jahre später wissen wir nicht, wer wir wären, wenn alles anders gelaufen wäre. Für mich einschneidend waren die vielen Jahre Hetze gegen Muslime, die folgten. Ich habe bei der Arbeit schreckliche Dinge gelesen. Die Menschen hatten Angst vor dem Islamismus und droschen auf alle Muslime ein. Höhepunkt: eine Volksinitiative, die den Bau von Minaretten in der Schweiz verbieten wollte. Grundton: Wir lassen nicht zu, dass die Muslime uns überrennen. 2009 angenommen.

Doch irgendwann rückte das alles an den Rand meines Radars. Erst als die Amerikaner aus Afghanistan abzuziehen begannen, mussten wir lernen: Vorbei ist es nicht, war es nie. Wir werden sehen, was kommt.

Eine Frage, über die ich in diesen Tagen manchmal nachdenke: Als ich 1965 zur Welt kam, waren seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges ziemlich genau 20 Jahre verstrichen. Eigentlich eine unglaublich kurze Zeit. Und doch wirkten alle, auch meine Grosseltern, in meiner Kindheit so unbelastet vom Krieg. War die Erinnerung an jene Zeit für sie auch nur ein vorübergehender Einbruch des Horrors in einen strahlenden Tag?

Mittagessen im Paradies

Das Restaurant Schwybogen am Vierwaldstättersee.

Dass Sonnenstrahlen das Restaurant Schwybogen überhaupt erreichen, erscheint wie ein kleines Wunder. Die Gaststätte liegt abgelegen am Fuss eines 300 Meter hohen Nordhanges am Vierwaldstättersee. Doch tatsächlich: Als wir ankommen, baden Haus und Garten in goldenen Licht dieses wunderbaren Septembertages. Rund um die Tische stehen Dutzende kleine Palmen und Sukkulenten – das Klima muss hier sogar sehr mild sein.

Wir sind mit dem Passagierschiff nach Treib gefahren und von dort eine halbe Stunde herspaziert. Wer nicht zu Fuss kommt, erreicht das Lokal nur mit dem Boot. Von den Tischen aus hat man perfekte Sicht auf den Anlegeplatz. Genüsslich beobachtet man die mehr oder weniger geglückten Anlegemanöver meist älterer Herren mit ihren Motorbooten, ihre Damen binden dann das Seil am Pfosten fest. Wer hier ankommen will, muss sich ein wenig abmühen – das lässt Standesunterschiede angenehm verschwimmen.

Der „Schwybogen“ ist ein Restaurant, aber auch eine Fischerei – und so gibt es hier frischen Seefisch zum Mittagessen, Albeli, Egli und Seeforelle. Es ist eine Mahlzeit im Paradies. Wir geniessen es.

Doch im Paradies, so wohlgenährt und glücklich, sitzt man unter dem Baum der Erkenntnis. Bald diskutieren Herr T. und ich darüber, wo wir nach dem Essen eigentlich hinwollen. Geplant ist die kürzere und weniger sturzgefährliche Wanderung zum Rütli. Doch nun kriecht eine kleine Schlange zwischen den Wurzeln des Baumes hervor. „Geh in die andere Richtung“, zischelt sie, „geh nach Rislete, zu den Wasserfällen, Frau Frogg. Es ist sicher schön dort. Und Du willst doch wissen, ob Du das überhaupt noch kannst.“ Herr T. hat mich gewarnt: Der Weg dorthin ist schmal, führt direkt hinein in eine steile Wand über dem See und von dort viele Höhenmeter abwärts. Ich ziehe dem Kulturflaneur sämtliche Würmer über die Risiken aus der Nase. Er kennt den Weg. Am Schluss sage ich: „Doch, wir tun es.“

Bald zogen wir den Hang hinauf, unter uns flaschengrün der See.

Dreieinhalb Stunden später, unverletzt am Ziel angekommen, weiss ich: Ich hätte es nicht tun sollen, und ich werde es wahrscheinlich nie wieder tun. Es ist für mich als Schwindelpatientin zu gefährlich. Aber, ehrlich, es war der Hammer!

Das unterste Stockwerk der Risleten-Wasserfälle bei Beckenried.

Was Hörende über schlecht Hörende wissen sollten

Drei Hörende und ein Schwerhöriger in der Beiz – Verbindung erschwert (Quelle: geklaute Skizze)
Manchmal sagt jemand ein paar Sätze über einen, die so wahr sind, dass man gerne einfach nur dasitzen und ein paar Tränen vergiessen möchte. Neulich zum Beispiel sass ich mit ein paar schwerhörigen Kolleginnen und Kollegen zusammen. Wir diskutierten wieder mal darüber, wie schwierig es für unsereiner ist, in einer Kneipe mit einer Gruppe von Leuten Spass zu haben. Meistens verstehen wir so um die 30 Prozent eines Gesprächs. Das reicht einfach nirgends hin.

Da zeichnete einer, er ist Psychologe, die Skizze oben auf ein Stück Papier. Die blauen Mannsgöggeli* links sind die Hörenden, die rote Figur rechts die schwerhörige Person. „Nehmen wir an, Du bist mit drei gut Hörenden zusammen an einem lärmigen Ort. Du verstehst nicht viel von dem, was sie sagen. Nun hast Du zwei Möglichkeiten. Du kannst entweder ständig nachfragen, damit Du auch am Gespräch teilnehmen kannst. Aber dann denken die anderen: ‚Gott, ist das anstrengend!‘ Sie werden Dich vielleicht für eine Nervensäge halten und ein bisschen früher gehen, weil sie genug haben von der Situation. Oder Du kannst so tun, als würdest Du das Wesentliche verstehen, im richtigen Moment lachen wie die anderen oder den Kopf schütteln – als schwerhörige Person hast Du herausgefunden, wie das funktioniert, auch wenn Du keine Ahnung hast, wovon sie reden. Dann denken die anderen: ‚Och, sie ist doch ganz ok und, hey, so schlimm ist es doch gar nicht mit ihrer Schwerhörigkeit‘. Nach aussen ist dann alles paletti, aber in Dir drin sieht es himmeltraurig aus.“ Er zeichnet drei waagrechte, rote Linien zwischen die Mannsgöggeli und unterbricht sie gleich wieder. „Das ist die Verbindung zwischen den Menschen, die in einer solchen Situation eigentlich entstehen würde. Aber bei Dir ist das einfach nicht möglich, egal, was Du machst. Man nennt es das Paradox der Schwerhörigkeit.“

Wir anderen beeilen uns, das jetzt ein bisschen zu negativ zu finden. Wir wenden hastig ein, es gäbe 1000 Trickli, solche Situationen doch irgendwie zur Zufriedenheit aller zu meistern. Aber im Grunde erkennen wir uns alle in diesem roten Mannsgöggeli wieder. Das Paradox der Schwerhörigkeit ist übrigens auch gut erforscht, hier ein ganzer Vortrag zum Thema.

Für Euch Hörende ist das natürlich auch keine gute Nachricht – Ihr wisst jetzt eigentlich nur, dass die Dinge mit uns Schwerhörigen manchmal nicht so sind wie sie aussehen. Was kann man da machen? Ehrlich gesagt: Ich weiss es nicht. Aber falls jemandem ein paar Trickli einfallen – bitte (und gerne auch als Kommentar).

*Schweizerdeutsch für Spielfiguren oder abstrakte Zeichnungen von Menschen.

Ärgerliches Buch über Politik

In meinem Job erhalte ich innerhalb eines Jahres grob geschätzt um die 2500 politischen Botschaften und muss sie nach genauen Auswahlregeln weitervermitteln. Das ist an sich einfach, aber in letzter Zeit stellen sich bei mir immer heftigere Symptome einer Berufskrankheit ein: Der Anblick sehr vieler dieser Botschaften erfüllt mich mit Gereiztheit. Sie lösen bei mir eine Art allergische Reaktion aus. Das Buch „Political Framing“ von Elisabeth Wehling ist für mich zwingende Lektüre, dachte ich – vielleicht lerne ich beim Lesen besser verstehen, was da täglich auf mich einprasselt, wie es gemacht ist und wie ich es verdauen kann, ohne ständig Ausschläge auf der Seele zu haben.

Zuerst das Positive: Wehling erklärt anschaulich, was ein Frame ist. Sie führt gut nachvollziehbar aus, warum eine einzige politische Phrase komplexe Bilder und Empfindungen hervorruft. Sie macht den Unterschied zwischen einem Frame und einer Metapher ohne weiteres verständlich. Und sie sagt, warum wir uns mit dem Wort „Klimawerwärmung“ keinen Gefallen tun.

Dennoch löste bei mir die Lektüre selbst schon früh und immer wieder eine gewisse Gereiztheit aus. Zum ersten Mal an der Stelle, wo Wehling anhand einer amerikanischen Untersuchung beschreibt, wie die Wahl bestimmter sprachlicher Bilder die Meinung von Menschen beeinflusst. Bei der Untersuchung bekamen zwei Gruppen von Teilnehmenden je einen unterschiedlichen Text über die wachsende Kriminalität in der fiktiven Stadt Addison zu lesen. Der eine Text beschrieb die Kriminalität als sich ausbreitende Krankheit, der andere als Raubtier. Es zeigten sich signifikante Unterschiede, schreibt Wehling: „Jene, denen Kriminalität als Virus begreifbar gemacht worden war, setzten sich etwa für bessere Bildung und Abbau von Armut ein. Sie wollten das gesellschaftliche System … widerstandskräftiger … machen. Jene hingegen, denen Kriminalität als Raubtier begreifbar gemacht worden war, gaben an, mit mehr Polizeikraft gegen Kriminelle vorgehen, sie einfangen und zu langen Gefängnisstrafen verurteilen zu wollen.“ (S. 50)

Frau Frogg kratzte sich am Kopf und dachte: „Wie naiv sind denn diese Studienteilnehmer, dass sie ihr Weltbild von einer einzigen Metapher in einem einzigen Textchen formen lassen?!“ Nachgeschaut und festgestellt: Es handelt sich um Studierende zweier Universitäten, also junge Leute.

Da habe ich es mit einer viel hartgesotteneren und Klientel zu tun – ich sehe praktisch nur entweder ältere Damen und Herren, bei denen das Wort „Kriminalität“ augenblicklich, knallhart und in jedem Kontext den „Law and Order“-Reflex auslöst: „Kriminalität? Da braucht es Polizei und drakonische Strafen, fertig Schluss!“ Oder dann eine kleinere Klientel ab Mitte links, die Raubtier-Metaphern für Kriminelle (und Virusmetaphern sowieso) etwas unethisch finden und sowieso für Prävention und derlei mehr plädieren würde. Die Verfechterinnen beider Positionen stehen einander unversöhnlich gegenüber, jedenfalls hierzulande, und mittlerweile enthalten geschätzte 80 Prozent der Botschaften, die ich erhalte, dieses ermüdende, verbissene rechts/links-Framing. Vom Autofahren bis zum Zierpflanzendünger (und Covid-19 sowieso) – alles gerät in den Sog dieses einen, grossen Gegensatzes. Das ist es, was meine Allergie auslöst. Wenigstens das weiss ich jetzt. Ein Buch über politisches Framing, das sich damit so oberflächlich befasst wie Wehling, zielt im Grunde am Wesentlichen vorbei.

Ätzende Kritik an „Nomadland“

Frances McDormand bekam für ihre Rolle in „Nomadland“ einen Oscar als beste Schauspielerin (Quelle: variety.com)
„Nomadland“ war einer der grossen Oscar-Renner des Jahres 2021. Neben Frances McDormand bekam auch Regisseurin Chloé Zhao eine Auszeichnung. Es geht im Film um ältere Leute in den USA, denen das Geld nicht mehr zum Wohnen und sowieso nicht für den Ruhestand reicht. Sie streifen mit Campern durchs Land, von Gelegenheitsjob zu Gelegenheitsjob. Kaja und ich waren uns einig: Man muss ihn gesehen haben – und begaben uns gestern Abend ins Open Air Kino.

Auf dem mitternächtlichen Spaziergang zurück in die Stadt dann unser übliches Spielchen. „Hat er Dir gefallen?“ fragt sie. Ich: „Ja, ganz gut. Die Würde und Unerschrockenheit dieser vom Leben verarschten Leute… .“

Kaja lässt mich kaum ausreden, sie muss ihrem Ärger Luft machen. „Ich mochte schon den letzten Film von Chloé Zhao überhaupt nicht, ‚The Rider‘, erinnerst Du Dich?!“ schimpft sie, „Diese endlosen Einstellungen von traumhaft schönen Landschaften! Das romantisiert doch die missliche Lage dieser Menschen! Und von wegen Würde und Unerschrockenheit! Bestimmt sind diese Leute oft unglücklich und entnervt! Ich meine: Wenn Du so lebst, dann verlierst Du wahrscheinlich zehn oder fünfzehn Jahre Lebenserwartung, einfach, weil es so stressig ist. Und diese Leute arbeiten bei Amazon! Da müsste man doch genauer erfahren, was das für ausbeuterische Arbeitsverhältnisse sind!“

Man muss es Kaja lassen, sie hat recht. Und gleichzeitig beharre ich auf meiner Sichtweise: Ich finde es tröstlich, vielleicht auch für die Betroffenen selbst, dass der Film auch eine bejahende Wahrnehmung dieses Lebensstils zulässt. Schicksal oder Flucht in eine prekäre Art von Autonomie? Der Streifen lässt vieles offen, aber er hat auch entlarvende Szenen. Zum Beispiel da, wo die Heldin Fern ihre Schwester besucht, deren Mann im Immobilienbusiness reich geworden ist. Was für eine Heuchelei! Ich finde, man kann Kajas und meine Sichtweisen mal einfach so nebeneinander stehenlassen.

Trotzdem, ich habe jetzt ein bisschen Material zum Film gesammelt. Ich finde es wissenswert, dass er auf einem Buch der Autorin Jessica Bruder basiert (hier mehr darüber). Dort gibt es Informationen zu den Workampers, die im Film nicht explizit erwähnt sind.

Und zu Amazon: Der Versandgigant heuert in den USA jährlich in den drei Monaten vor Weihnachten um die 1400 Camper-Nomaden an, eine beschönigend Camperforce genannte Truppe. Diese temporären Angestellten bekommen einen Abstellplatz für ihren Wagen und arbeiten zu einem tiefen Stundenlohn in Zwölfstundenschichten. Und, im Zusammenhang mit Amazon auch von Interesse: Im Amazon-Hauptsitz Seattle stiegen die Mieten wegen Amazon ins Unermessliche – und damit wuchs auch die Obdachlosigkeit. Die Stadt Seattle wollte diesem Elend ein Ende bereiten und die Unternehmenssteuer erhöhen, um mehr Häuser zu bauen. Da drohten die Amazon-Chef*innen, den Firmensitz zu verlegen – und bauten statt dessen Unterkünfte für ihre Angestellten. Mit mässigen Erfolg, wie man hier nachlesen kann. Letzteres weiss ich schon seit einer Weile und kaufe deshalb nicht mehr bei Amazon ein.

Sex, Kaffee und der Klimaexperte

Simpel und praktisch: Die Bialetti-Kaffeemaschine (Quelle: blasercafe.ch
Meine Nespresso-Kaffeemaschine ist kaputt. Wir haben eine alte Bialetti in Betrieb genommen und diskutieren beim Frühstück über die Vorzüge und Nachteile verschiedener Kaffeemaschinen und des Kaffeetrinkens. „Kaffeetrinken ist ganz schlecht für’s Klima“, sagt mein Ehemann, der Klimaexperte. „Eine Tasse Kaffee verbraucht so viel CO2 wie ein Kilometer autofahren.“

Ach Gott, alles wird verboten, denke ich und maule: „Du Spielverderber! Ich habe doch damit gerechnet, dass das nach dem Fleisch als nächstes kommt! Wahrscheinlich kommt bald jemand und sagt: ‚Sex ist schlecht für’s Klima.'“

Darauf Herr T., ohne mit der Wimper zu zucken: „Sex ist nicht schlecht fürs Klima, aber Kinderkriegen schon!“

Ich lache schallend. Am Nachmittag finde ich auf der Suche nach einem Nachthemd bei C&A ein Teil mit dem Aufdruck: „This Girls Needs More Coffee“. Das kaufe ich sofort, auch wenn Konsumieren auch schlecht fürs Klima ist.

Schreckensbilder aus Afghanistan

„Mein Bruder ist in Gefahr“, schreibt Afshaneh in einem Whatsapp, „Er möchte heute Abend Afghanistan verlassen. Ich weiss nicht, ob es möglich ist oder nicht. Wo, keine Ahnung. Meine Schwester und ihre Familie sind auch im Versteck. Da meine Schwester in einer amerikanischen Firma gearbeitet hat, ist sie wirklich in Gefahr.“ Das war am Samstag. Afshaneh war eine Deutsch-Schülerin von mir, bis zum ersten Lockdown. Eine Afghanin. Ich habe sie ins Herz geschlossen, oder vielleicht eher sie mich – sie ist eine sehr sehr warmherzige Person und eine der tüchtigsten Frauen, die ich kenne.

Ich sehe die Bilder flüchtender Menschen und bin fassunglos.

Früher haben mich solche Bilder sehr viel weniger berührt. Ich meine, ich verstand im Kopf, was da passierte. Aber ich war eine Newsfrau. Es hätte niemandem etwas gebracht, wenn ich beim Anblick in Todesangst flüchtender Menschen in Tränen ausgebrochen wäre. Doch nicht nur ich war so. Ich glaube, die meisten von uns waren so (ausser, vielleicht, während eines kurzen Zeitfensters im Herbst 2015). Die Menschen auf solchen Bildern waren die Anderen und erlebten Dinge, die wir uns nicht einmal ansatzweise vorstellen konnten. Wir alle lebten in einem andauernden, goldenen Spätnachmittagsschein, fühlten uns unverwundbar und wussten es nicht. Dann kam die Pandemie und mit ihr diese masslose Wut mitten in unserer Gesellschaft. Dann der Sturm auf das Kapitol. Dann das Hochwasser. Vielleicht verstehe ich deshalb gerade besser, wie es sich anfühlt, wenn die Dinge so mörderisch aus dem Ruder laufen. Oder meine es jedenfalls.

Und vielleicht liegt es daran, dass ich einfach dasitze und denke: „Grosser Gott, das sind Leute wie Afshaneh! Das könnte Afshanehs Bruder und sein Baby sein!“

Wenn jemand weiss, wie man helfen kann, bitte melden.

Alter Woody Allen-Film, ganz neu gesehen

Diane Keaton und Woody Allen in „Manhattan“ (nicht die Einstellung, über die ich hier schreibe).

Den hastigen Dialogen in Woody Allen-Filmen kann ich oft nicht mehr folgen. Oder vielleicht können es die Untertitel nicht, ich weiss es nicht genau. Als wir neulich abends „Manhattan“ (1979) sahen, blieb unten jedenfalls mal minutenlang eine Zeile über ein Restaurant hängen, während die Protagonisten im Film aufgeregt weiterbrabbelten.

Dafür sehe ich Bilder anders als früher, und so fiel mir in „Manhattan“ diese geradezu beunruhigend intime Einstellung auf. Sie dauert sicher zwei Minuten, eine Nahaufnahme von Diane Keaton, Woody Allen und Michael Murphy an einer Vernissage. In der Bildmitte sieht man das Gesicht der jungen Keaton wie eine strahlende Sonne, mit diesem Leuchten, das junge Leute haben, und das mich manchmal fast umhaut. Die beiden Männer links und rechts von ihr stehen etwas im Schatten. Die drei haben eines dieser Gespräche über Kunst, Philosophie oder die Unmöglichkeit einer Liebesbeziehung oder was immer. In einer heutigen TV-Produktion würde die Kamera jeweils auf die sprechende Person schwenken und so ihrer Aussage Gewicht geben. Aber das passiert hier nicht. Sie bleibt in derselben Position, und man sieht eigentlich nur Keaton. Das illustriert dann auch, wozu diese nervösen Dialoge eigentlich da sind: Da wollen alle bloss zeigen, was für Intelligenzbestien sie sind. Dabei zählt im Grunde nur das Begehren – das Begehren der Kerle natürlich, wir sind ja in einem Woody Allen-Film.

Schwerhörigkeit, Lektion 1

„Mann, wie gut ihr unsere Nachbarn kennt!“ sage ich staunend zu Herrn und Frau Buddha. Die beiden wissen sogar, in welcher Wohnung die meisten Leute hier genau wohnen. Ich füge hinzu: „Ich bin da eher zurückhaltend. Ich überlege mir bei jeder Begegnung: ‚Wenn ich diese Person anspreche, muss ich ihr wahrscheinlich auch sagen, dass ich schwerhörig bin. Denn wenn die Akustik nicht optimal ist, werde ich ihre Antwort beim ersten Mal nicht verstehen, und vielleicht auch nach zwei Wiederholungen nicht. Lohnt sich das wirklich?'“

„Ja, aber, Mona, das musst Du doch den Leuten sagen!“ ruft Herr Buddha. „Du kannst Dich doch nicht so zurückziehen, sonst bist Du plötzlich total isoliert!“ Die beiden sind bei uns zum Nachtessen, und ich bin sicher, er will mich nicht belehren, sondern meint es gut.

„Ja, da hast Du recht“, sage ich, „Aber weisst Du: Ich müsste das bei jeder Begegnung tun, den ganzen Tag. Im Büro, in der Stadt, überall. Ich überlege mir, ob es sich wirklich lohnt, einen Laden zu betreten und ein womöglich peinliches Gespräch mit dem Verkäufer zu riskieren. Ich muss entscheiden, ob ich im halligen Treppenhaus einer Nachbarin einen schönen Abend wünsche. Wenn sie dann nicht ‚danke gleichfalls‘ sagt, bin ich verloren. Ich muss das auch Leuten sagen, denen ich es schon zweimal gesagt habe, denn sie vergessen es mit Sicherheit. Das ist anstrengend. Oft weiche ich den Leuten deshalb einfach aus.“

Herr Buddha wiegt nachdenklich den Kopf.

Eine schwerhörige Bekannte von mir hat schon gesagt: „Ich sage ‚es‘ nur Leuten, von denen ich denke, dass sie mir wohlgesonnen sind.“ Aber sie ist nur auf einem Ohr taub. Ich bin auf beiden Ohren hochgradig schwerhörig. Wenn ich etwas sage und dann die Antwort nicht verstehen, denken meine Gesprächspartner womöglich, ich sei nicht so hell auf der Platte. Oder unfreundlich. Aber dass ich unfreundlich und etwas merkwürdig bin, denken sie wohl sowieso – gerade, weil ich nichts sage.

Man nennt es das Dilemma der Schwerhörigkeit.